
von LasVegas
Die Abteiltür rutschte ins Schloss
„Wow, was ist denn bei der schiefgelaufen?“, fragte Sirius und pfiff durch die Zähne. „Was für ein Temperament.“
„Sieht so aus.“, sagte James grinsend. „Aber wenn sie weiter mit dem abhängt, wird sie es nicht leicht haben in der Schule.“
„Hey, Prongs, noch da?“, fragte Sirius. „Hallooo!“ James schreckte aus seiner Erinnerung auf.
„Hmm?“, fragte er. Sirius rollte die Augen.
„Da träumt wieder einer von der Teufelin.“ James lief rot an, richtete sich im Sitz auf und fuhr sich durch die nun etwas längeren Haare, als noch vor genau sechs Jahren.
„Hey, Pad.“, sagte er. „Weißt du noch, als wir Evans das erste Mal gesehen haben?“
„Klar.“, sagte Sirius. „Das war auf der ersten Fahrt nach Hogwarts… und sie hat dich schon damals abblitzen lassen.“ Er grinste seinen Freund süffisant an.
„Was?“, fragte Remus. „Das habt ihr nie erzählt! Ich hab Lily das erste Mal getroffen, kurz bevor wir ins Boot gestiegen sind. Merlin, das war vielleicht peinlich, ich war gestolpert und hingefallen. Sie hat mir aufgeholfen… und ich glaub, ich hab mich n bisschen verknallt… das waren noch Zei…“
„WAAAS?!“, quiekte James entrüstet.
„Ich sagte, das waren noch Zeiten.“, stellte Remus klar. „Wir sind nur Freunde, Lily Evans war nie meine Liga.“
„Hey, hey, sag sowas nicht.“, meinte Sirius und fügte an James gewandt hinzu: „Und mal ehrlich, Prongs, hast du echt geglaubt, du wärst der Einzige, der was für die Teufelin übrig hat? Vielleicht solltest du deine Brille überprüfen lassen, du bist wohl blind. Du wirst nie ein Date mit ihr kriegen, allein schon, weil sie ständig irgendwelche Kerle um sich herum hat, die ihr alle Wünsche von den Augen ablesen.“
„Mag sein.“, räumte James ein.
„Hör mal, Evans ist total beliebt im Jahrgang.“, fuhr Sirius fort. „Ich zitiere mal den großen James Potter höchstpersönlich: ‚Oooh, Lily ist so intelligent, sie hat Sinn für Humor, sie ist so talentiert und so wunderschön. Und die Schuluniform sieht an ihr auch so gut aus‘.“ Sirius machte eine Geste als müsse er sich übergeben. James holte mit dem Fuß aus und versuchte Sirius zu treten. Dieser wich jedoch zeitig aus und grinste.
„Das weiß ich selbst, du Blödmann!“, brummte James.
„Und: Ich wette zwanzig Galleonen mit dir, dass sie Schulsprecherin ist.“ James öffnete den Mund um etwas zu erwidern, doch in jenem Moment glitt die Abteiltür auf und das Gesprächsthema Nummer eins der Jungen trat ein. James blieben die Worte im Halse stecken, denn auch ohne hinzusehen wusste er, wer da in der Tür stand. Sein geschocktes Gesicht drückte nur eine Frage aus: Wie viel hat sie gehört?
„Hey Lily.“, sagte Remus. „Wie war dein Sommer?“
„Hallo Remus.“, antwortete Lily Evans. „Es war…“
„Hallöchen Evans!“, grüßte Sirius und machte sich auf seinem Sitz breit, indem er beide Arme auf den Rückenlehnen drapierte und sie anzüglich angrinste. James riskierte einen Blick. Sie war so schön wie eh und je. Zwar trug sie ihr rotes Haar kürzer als noch vor den Sommerferien, doch die Hogwartsuniform saß unverändert perfekt und sah ohne Umhang noch besser aus. Und Sirius hatte Recht gehabt, auf dem grauen Pullunder prangte ein goldenes Schulsprecherabzeichen. Lily ignorierte James und bedachte stattdessen Sirius mit einem todbringenden Blick. Offenbar missfiel ihr die Tatsache, dass Sirius‘ Blick ihren Körper hinabwanderte und er einen anerkennenden Pfiff ausstieß. „Du siehst gut aus.“
„Schön für dich, dass du denkst, mir steht die Schuluniform.“, sagte Lily schnippisch. James schloss die Augen und rieb die Finger über seine Brauen. Sie hatte es gehört. Natürlich hatte sie es gehört. „Aber ob dein Ego es verkraftet, oder nicht, ich bin nicht wegen dir hier. Ich bin wegen Potter hier.“ James stutzte. Hatte er da nicht gerade seinen Namen vernommen? „Potter – du bist doch Schulsprecher, oder nicht?“, fügte sie entnervt hinzu, als er nicht reagierte. James sah endlich auf und blickte sie an. Sie war einfach atemberaubend. Und dieser Rock… er wischte den Gedanken schnell beiseite, als sie ihn abschätzig betrachtete.
„Hmm?“, murmelte er. „Jah, ich äh… ja.“
„Kommst du dann?“, fragte sie und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen. „Auch wenn es mir überhaupt nicht passt, wir müssen ins Vertrauensschülerabteil und die Neuen einweisen.“ James nickte und sprang auf. Lilys grüne Augen sahen ihn von oben bis unten an und James folgte ihrem Blick. Er trug noch immer abgewetzte Jeans und ein Quidditchtrikot von Puddlemere United.
„Schon gut.“, sagte er beschwichtigend. „Ich zieh mich um.“
„Ich warte draußen.“, sagte Lily genervt und trat aus der Tür.
„Nicht so eilig, Evans. Ich denke, Prongs hat nichts dagegen, wenn du hier bleibst.“, sagte Sirius halblaut und Lily verdrehte die Augen. Sie knallte die Tür lauter als nötig zu und lehnte mit dem Rücken gegen das große Fenster, durch welches James und Sirius nun ihre attraktive Rückseite betrachteten und dabei synchron die Köpfe schief legten. „Ich hab ja so recht, das steht ihr wirklich ausgezeichnet. Zu schade, dass sie tabu ist.“ James guckte ihn böse an und öffnete seinen Koffer, um seine Schuluniform herauszufischen. Er wechselte Hose und Schuhe, schlüpfte in das weiße Hemd und stopfte seine beiden Abzeichen in die Hosentasche.
„Krawatte.“, erinnerte ihn Remus.
„Ja.“, sagte James und zupfte die rot-golden-gestreifte Krawatte aus den Untiefen seines Koffers. Lily klopfte genervt von außen gegen die Tür.
„Bei Fuß, Fiffi.“, foppte Sirius. James bedachte ihn im Vorbeigehen mit einem bösen Blick, sagte:
„Sagt der Richtige.“ und griff nach der Tür.
„Ich krieg zwanzig Galleonen von dir.“
„Hab nicht eingeschlagen, Bello.“, sagte James und trat hinaus auf den Gang.
„Na endlich, Potter…“ Sie brach den Satz ab und zog unbeeindruckt beide Augenbrauen hoch. „Willst du das nicht richtig anziehen?“
„Du hast doch Zeitdruck gemacht.“, murmelte James und knöpfte langsam sein Hemd zu. „Würdest du das mal halten?“, fragte er und hielt ihr seine Krawatte hin. Sie nahm sie, drehte sich auf dem Absatz um und rauschte davon. Es war nicht weit bis zum Vertrauensschülerabteil, da James und Sirius stets im ersten Waggon sitzen wollten, um möglichst viele Süßigkeiten beim Imbisswagen abzugreifen. In jedem Abteil, das sie passierten, blickten die Leute überrascht auf, als sie Lily vorbeistürmen sahen, mit einer Krawatte in der Hand, die eindeutig nicht ihre war. Doch als sie bemerkten, wer hinter ihr herlief und sein Hemd zuknöpfte, rissen sie die Augen auf und stürzten aus ihren jeweiligen Abteilen, um dem Schulsprecherpaar hinterher zu starren. War Lily Evans‘ Abneigung vielleicht nur eine Fassade und sie und James Potter hatten gerade ein gemeinsames Schäferstündchen in einem verlassenen Abteil abgehalten? Wir üblich, machte das Gerücht schneller die Runde, als der penetrante Geruch von Stinkbomben. Lily stieß schließlich die Tür zum Vertrauensschülerabteil auf und fand es leer vor. Die Fünftklässler waren offensichtlich noch nicht da. „Na toll.“, sagte James missgelaunt. „Jetzt hab ich mich umsonst so beeilt.“
„Tse. Hier, deine Krawatte, wäre nett, wenn du wenigstens einmal im Leben gepflegt aussähest.“, sagte Lily und warf ihm die Krawatte zu. James unterdessen hatte Schwierigkeiten, sein Abzeichen an seinem Hemd zu befestigen und stach sich in den Finger.
„Autsch.“, maulte er und steckte sich den Zeigefinger in den Mund. Genervt ging Lily ihm zu Hand, fixierte seine Brust, um ihn ja nicht anzusehen und bemerkte demnach auch nicht, wie James rosarot anlief. Lilys Blick streifte das Abteilfenster über James‘ Schulter hinweg und sie stutzte über die sieben oder acht Schüler, die ihre Nasen gegen das Fenster gepresst hatten und sie begierig anstarrten.
„Was zum…?“ begann sie und schlüpfte an James vorbei, doch bevor sie die Tür erreicht hatte, waren sämtliche Leute geflohen.
„Was ist?“, fragte James und sah über seine Schulter.
„Deine Groupies verfolgen dich vermutlich bis aufs Klo, was?“, fragte Lily.
„Was?“, fragte James.
„Da waren… mindestens ein halbes Dutzend Leute, die zu uns reingestarrt haben.“, erklärte Lily und vergaß dabei ganz die kühle Abneigung in ihrer Stimme.
„Ach was“, brummte James. „Die wollten bestimmt nur wissen, wer die neuen Schulsprecher sind.“
„Vermutlich hast du recht…“, sagte Lily und setzte sich auf eine Bank.
„Danke, übrigens.“, sagte James, der ihr Werk auf seinem Hemd in der Reflektion des Fensters begutachtete, bevor er sich die Krawatte über den Kopf zog. Als er sich zu ihr setzte, tröpfelten auch bereits die ersten Fünftklässler ins Abteil. Lily gab ihnen rasch einige Anweisungen, wobei die Fünftklässler stets misstrauisch zwischen James und Lily hin und her blickten. Nachdem Lily sie in die Freiheit entlassen hatte, sahen sie noch misstrauischer aus.
„Was ist denn mit denen los?“, fragte Lily. „Langsam krieg ich das Gefühl, alle Leute aus meinem Umfeld haben sie nicht mehr alle. Da bist du ja noch der Normalste.“
„Äh… danke?“, murmelte James, öffnete die Tür und sah, wie aus allen Abteilen die Köpfe zurückgezogen wurden. „Ähm… Lily.“
„Was?“ Sie drückte sich an ihm vorbei auf den Gang.
„Vielleicht hast du da doch nicht ganz unrecht…“, vermutete James, als sie gemeinsam den Gang zurückgingen und von allen Seiten angestarrt wurden. „Hab ich was Komisches im Gesicht, oder was?“
„Außer deinem tatsächlichen Gesicht?“, brummte Lily.
„Witzig…“, sagte James. „Also, jetzt reicht es aber.“ Er zog schwungvoll eine Tür auf und fragte: „Warum gucken uns alle so an?“ Sirius blickte auf.
„Ich habe keine Ahnung, wovon du eigentlich redest.“, sagte er ehrlich. Lily war ohne ein Wort weiter gegangen.
„Bis später!“, rief James ihr noch hinterher.
„Ja.“, sagte Lily mit einem halbherzigen Winken über die Schulter, als sie die Waggontür öffnete, um in ihr eigenes Abteil zurückzukehren.
Einige Zeit später streiften die Marauder ihre Umhänge über, denn der vertrauten Gegend nach zu schließen, sollten sie bald in Hogwarts ankommen. Und so war es auch. Auf dem Bahnsteig war es unsäglich voll und Sirius beschwerte sich lautstark über die Tatsache, dass Hagrid noch nicht da war um die Erstklässler abzuholen und man demnach praktisch durch die Massen an Schülern schwimmen müsse. James balancierte seinen Eulenkäfig über dem Kopf und bahnte sich mit seinen Freunden im Schlepptau einen Weg Richtung Kutschen, als plötzlich neben ihm eine rothaarige Gestalt aus der Zugtür fiel. Reflexartig ließ er den Käfig fallen und breitete die Arme aus, um Lily vor einem Sturz zu bewahren. Laut klirrend fiel der Käfig zu Boden und James‘ Eule, Crash, begann schrecklich zu zetern und mit den Flügeln zu schlagen.
„Ach, halt doch die Klappe, du bescheuerter Vogel.“, stöhnte Sirius im Hintergrund.
„Danke.“, sagte Lily überrascht. „James.“ Das musste ihr definitiv rausgerutscht sein, denn sie hatte noch nie seinen Vornamen benutzt. James war so baff, dass ihm noch nicht einmal ein dummer Spruch einfiel.
„Kein Problem.“, sagte er stattdessen, stellte sie auf die Füße und reichte ihr ihren Katzenkorb, der noch in der Zugtür stand.
„Lily, kommst du!“, rief Isabelle aus dem Fenster einer Kutsche. Lily nahm James den Korb ab und eilte zu ihren Freundinnen. Es war reines Pech, dass James‘ Eule ein derartiges Theater veranstaltet hatte und ihre kleine Szene demnach alles andere als unbeobachtet geblieben war. Einige Schüler tauschten bereits vielsagende Blicke aus und Cory Tyler hatte sogar ein weiteres Foto erhascht.
„Oh Mann, Prongs!“, sagte Sirius und drückte ihm seinen Eulenkäfig in die Arme. „Kannst du mir vielleicht mal erklären, was du mit der Evans im leeren Abteil gemacht hast? Wie ist die denn drauf?“ Und auch das wurde von den umstehenden Schülern gierig mitangehört. Remus verdrehte die Augen und ging voraus, um noch eine leere Kutsche zu ergattern.
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