
von MelRU
Kapitel 19
[Wiedersehen]
Habe Geduld in allen Dingen, vor allem aber mit dir selbst.
Als die Glocke das Ende des Zauberkunstunterrichts, der der Mittagspause gefolgt war, einläutete, schien ein platinblonder Slytherin einen Entschluss gefasst zu haben. Die Schüler packten eilig ihre sieben Sachen zusammen und verließen schwatzend das alte Klassenzimmer, während sich Hermine an ihre beiden Freunde wandte: „Wir haben jetzt zwei Freistunden, in dieser Zeit könnten wir unsere Hausaufgaben erledigen, so haben wir nach dem Abendessen etwas mehr Freizeit.“ Ron nickte. „Gute Idee, ich wollte dich sowieso noch etwas fragen.“ Harry zuckte leicht zusammen, als ihn jemand bestimmt an der Schulter packte. Seine Hand wanderte reflexartig zu seinem Zauberstab. „Potter, wir müssen reden.“ Überrascht drehte sich der schwarzhaarige Gryffindor um und blickte in das ernste Gesicht seines jahrelangen Erzrivalen Draco Malfoy.
Harry musterte ihn kurz. Der Blick des Eisprinzen zeigte keine Emotionen, doch er registrierte, dass die Hand des Slytherins - vermutlich aufgrund der Anspannung - leicht zitterte. Entschlossen wandte er sich an Ron und Hermine, die die beiden mit Argusaugen beobachtet hatten, als würden sie jeden Moment mit einem Duell rechnen. „Geht schon einmal vor. Ich komme gleich nach.“ Man erkannte sofort, dass seine beiden Freunde nicht begeistert davon waren, ihn allein mit Malfoy zu lassen, doch sie nickten kurz - Harry würde schon wissen was er tat, außerdem konnte er sich verteidigen. Dennoch ließ es sich Ron nicht nehmen, dem Blondschopf einen warnenden Blick zuzuwerfen, ehe er gemeinsam mit Hermine den Weg zum Gryffindorturm beschritt.
Als die beiden außer Sicht waren, wandte sich Harry - nach außen hin gelassen - an den Slytherin vor ihm: „Was willst du Malfoy?“ Er musste das Verlangen, von einem Fuß auf den andern zu treten unterdrücken. Irgendwie war er nervös, ja sogar freudig gespannt. Hatte sich Draco etwa sein Angebot noch einmal durch den Kopf gehen lassen? Draco räusperte sich. Es fiel ihm sichtlich nicht leicht, die folgenden Worte auszusprechen. „Ich wollte dir nur sagen, dass ich freiwillig in den Weihnachtsferien zu euch gehen werde und genauso wie du, bin ich der Meinung, dass wir unsere kindischen Streitereien beenden sollten - so ein unpassendes Verhalten entspricht nicht das eines Malfoys.“
Kurz herrschte Stille zwischen den beiden. Harry war überrascht, auch wenn er sich insgeheim diese Entscheidung des Blonden erhofft hatte. Er wollte gerade etwas erwiedern, als Draco auch schon wieder das Wort ergriff: „Denk aber bloß nicht, dass ich dich jetzt leiden könnte, Potter!“ Mit diesen Worten drehte er sich um und verschwand aus dem Gang. Harry schüttelte etwas verwirrt den Kopf, aus Malfoy konnte er einfach nicht schlau werden. Doch dann stahl sich ein leichtes Lächeln auf sein Gesicht, vielleicht gelang es ihm ja doch noch den ach so kalten Malfoy zu knacken. Immerhin war dieses Gespräch, wenn man es denn so nennen konnte, schon einmal ein Fortschritt. Schmunzelnd folgte er seinen Freunden und machte sich auf den Weg zum Gryffindorturm.
Nachdem der Schwarzhaarige seinen Freunden nach seiner Rückkehr Bericht erstattet hatte, machten sie sich gemeinsam daran, ihre Hausaufgaben zu erledigen - was durch Hermines Hilfe relativ schnell über die Bühne gebracht wurde. So hatten sie sogar nach Zeit für eine Partie Snape explodiert, ehe sie sich auf den Weg zum Abendessen machten. „Na endlich! Ich habe einen Bärenhunger“, offenbarte ihnen Ron, während er sich seinen Teller mit allen Köstlichkeiten belud, die sich in seiner Nähe befanden. „Ron, wie schaffst du es nur, dass du nicht wie ein Ball durch Hogwarts rollst, soviel wie du isst?“, fragte ihn seine kleine Schwester beinahe neidisch. Das war doch nun wirklich nicht fair. „Wie meinscht du dasch denn?“, mampfte Ron. „Ach, vergiss es“, schmollte Ginny und wandte sich an ihren Freund, der wie all die anderen Jungs krampfhaft versuchte nicht zu lachen.
„Wie war denn dein Tag heute?“ „Eigentlich ganz okay. Deiner?“ „Joa, es ging so. Wir haben eine Menge Hausaufgaben aufbekommen und ich bin immer noch nicht fertig. Ich versteh das in Verteidigung gegen die dunklen Künste nicht so ganz.“ Ginny seufzte tieftraurig. Harry lachte. „Wenn du willst, kann ich dir nachher helfen“, bot er großzügig seine Hilfe an. „Das wäre toll“, strahlte Ginny und gab ihm ein Küsschen auf die Wange. Dabei fiel ihr Blick zufällig auf den Slytherintisch. „Jetzt fällt mir wieder ein: Hast du eigentlich mit Malfoy geredet?“, fragte sie ihren Freund neugierig. Harry nickte ernst und erzählte ihr was der Slytherin gesagt hatte. Ginny hörte aufmerksam zu. Sie lächelte leicht. „Naja, vielleicht schafft ihr es ja doch, euch in den Ferien nicht die Köpfe einzuschlagen.“
„Haha, sehr lustig Ginevra Molly Wealsey“, murmelte der Schwarzhaarige. „Harry James Potter du sollst mich nicht so nennen!“, schimpfte Ginny. „Hey Harry, wo ist denn deine Mum?“, wurde die beiden Streithähne von Neville unterbrochen. Ginny schickte Harry noch einen gespielt bösen Blick ehe sie sich, wie die anderen auch, zum Lehrertisch wandte und nach Lily Potter Ausschau hielt. Doch die rothaarige Professorin war nirgends zu sehen. „Wo kann sie denn sein?“ wandte sich Harry verwundert an seine Freunde. Bis dato hatte seine Mutter noch nie eine Mahlzeit ausgelassen. War sie etwa krank? Ginny, die wusste, wie sehr sich Harry um seine Eltern sorgte, versucht ihn zu beschwichtigen. „Vielleicht muss sie noch etwas korrigieren oder so?“ Ron nickte zustimmend. „Genau, wahrscheinlich muss sie noch Hausarbeiten ansehen.“ Hermine überlegte kurz. „Hast du den Spiegel dabei? Dann kannst du sie ja schnell fragen, ob sie noch kommt, oder ob wir ihr etwas bringen sollen.“
Harry schüttelte über seine eigene Dummheit den Kopf. Dass er nicht selbst darauf gekommen war, den Spiegel zu benutzen. Schnell zog er den alten Spiegel aus seiner Hosentasche und legte ihn auf den Tisch, sodass ihn alle sehen konnten. „Mum?“ Niemand meldete sich. „Mum wo bist du? Kannst du mich hören?“ Keine Antwort. Harry biss sich auf die Lippe. „Nichts. Wo kann sie denn sein?“ Unsicher sahen sich die Freunde an. „Hmm, vielleicht hat sie eine Besprechung?“, schlug Hermine vor. „Mit wem denn? Alle anderen Lehrer sind hier“, widersprach ihr Ron. Bevor noch jemand etwas sagen konnte, stand Harry auf. „Ich gehe einfach nachsehen.“ Schon hatte er sich den Spiegel geschnappt und machte sich auf den Weg zum Büro seiner Mutter.
Dort angekommen klopfte er an die Türe. Als niemand öffnete und er auch keine Geräusche von drinnen vernehmen konnte, stieß er die alte Holztüre auf und sah sich im Büro um. Der Kamin brannte, am Tisch lagen Hausaufgaben und die Lieblingsfeder seiner Mutter samt geöffnetem Tintenglas waren darauf zu finden. Es sah auf den ersten Blick so aus, als hätte sie überstürzt den Raum verlassen. Aber wohin? Harry begann im Büro auf und ab zu gehen, bis er plötzlich stehen blieb. Was wenn seinem Dad und Sirius etwas passiert war? Aber das hätte sie ihm doch gesagt, oder? Schnell schnappte er sich seine Spiegel.
„Dad? Sirius?“ Schon wieder keine Antwort. „Dad? Komm schon!“ Frustriert fuhr er sich durch seine wirren Haare. Wieso konnte er niemanden erreichen? „Hey Harry! Schön das du dich auch mal wieder meldest. Wie … Ist etwas passiert?“, kam es alarmiert von James Potter, der nun das blasse und gestresste Gesicht seines Sohnes bemerkt hatte. „Ich kann Mum nirgends finden. Und mit dem Spiegel erreich ich sie auch nicht“, teilte er ihm sofort. „Harry, beruhige dich erst mal. Deiner Mutter geht’s gut. Sie ist hier im Ministerium. Es gab heute Nachmittag einen Notfall in der Zaubertränke-Abteilung, deshalb haben sie Lily hierher gebeten. Wahrscheinlich hat sie nicht gedacht, dass es so lange dauern würde, sonst hätte sie dir bestimmt eine Nachricht hinterlassen. Sie wird sicher bald wieder zurück sein“, erklärte ihm sein Vater ruhig. Harry seufzte erleichtert und lies sich auf die Couch im Büro fallen.
„Tut mir Leid“, murmelte der Gryffindor nach einiger Zeit leise. Verwundert sah James seinen Sohn an. „Was tut dir leid?“ Harry druckste etwas herum, ehe er sagte: „Das ich dich bei der Arbeit gestört habe, weil ich wieder einmal überreagiert habe.“ James sah sein jüngeres Ebenbild eingehend an. „Harry. Du hast dir Sorgen gemacht, das ist menschlich. Und glaube mir, ich an deiner Stelle hätte wahrscheinlich schon einen Suchtrupp losgeschickt, bevor ich einmal logisch nachgedacht hätte. Weißt du, wenn es um deine Mutter geht, kann ich auch nicht immer klar denken“, offenbarte ihm sein Vater und konnte sich ein verschmitztes Grinsen nicht verkneifen. Er konnte nicht abstreiten, dass ihm seine Frau nach wie vor den Kopf verdrehte.
Erleichtert stellte James fest, dass er Harry zum Lachen gebracht hatte. Er nickte zufrieden. „So gefällst du mir schon besser, Harryboy.“ Harry sah seinen Vater an, welcher ihm aus dem Spiegel warm zulächelte. „Danke, Dad.“ Der Auror winkte ab. „Keine Ursache Harry, dafür bin ich schließlich da.“ Kurz hielt James inne, ehe er fortfuhr: „Du weißt, dass ich mich immer freue, wenn du dich meldest, aber …“ Harry unterbrach ihn. „Ihr habt viel zu tun, ich versteh schon. Wir sehen uns sowieso in zwei Wochen wieder.“ Sie verabschiedeten sich noch voneinander, danach wurde die Verbindung unterbrochen.
Harry starrte noch einige Zeit auf den Spiegel, bis er seufzend die Augen schloss und sich zurücklehnte. Er sollte lernen, nicht immer gleich die Fassung zu verlieren. Plötzlich spürte er eine Hand auf seiner Schulter und zuckte zusammen. Er öffnete die Augen und sah in das besorgte Gesicht seines Verteidigungsprofessors. „Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken“, lächelte dieser entschuldigend. „Du bist auf einmal so schnell aus der Halle verschwunden, da hab ich deine Freunde gefragt, was denn los sei.“ Der Schwarzhaarige winke ab. „Schon okay. Ich weiß es schon, Dad hat mir gerade gesagt, dass Mum im Ministerium ist.“ Remus schien erleichtert. „Gut. Du solltest dann wieder in deinen Turm zurück, deine Freunde warten sicher schon auf dich.“ Harry stimmte ihm zu. „Ja mach ich. Ich muss Ginny sowieso noch bei ihrer Hausaufgabe helfen.“ Der Werwolf zog eine Augenbraue in die Höhe und sah Harry prüfend an. „Falls es sich dabei um meine Hausaufgabe in Verteidigung gegen die dunklen Künste handeln sollte, solltest du wissen, dass ich bemerke, wenn ein Aufsatz von dir oder von Ginny ist.“
„Du bist fies“, schmollte der Gryffindor, was Remus zum Lachen brachte. „Ich habe nicht gesagt, dass du ihr nicht helfen darfst. Du sollst ihr nur nicht alles vorkauen.“ „Mach ich ja eh nicht, sonst lernt sie ja nichts dabei“, kam es wie selbstverständlich von Harry, als er sich von der Couch erhob. „Na dann noch einen schönen Abend.“ „Dir auch Remus. Tschüss.“ Und schon war er durch die Tür verschwunden. Lächelnd schüttelte Remus den Kopf, dieser Junge kam einfach zu sehr nach seinem Vater.
Der nächste bewölkte Morgen kam wie üblich viel zu früh und gemeinsam schritt die Gruppe aus Gryffindor - mit einer kleinen Verspätung, die sie einem mürrischen Rotschopf zu verdanken hatten, zur Großen Halle. Auf ihrem Weg kam ihnen Lily Potter entgegen. Sie begrüßte die Schüler wie üblich mit ihrem gutmütigen Lächeln auf ihren roten Lippen. „Guten Morgen, Professor Potter!“, schallte es ihr entgegen. Schmunzelnd wandte sich die Rothaarige an ihren Sohn. „Ich habe gestern von James erfahren, dass du dir Sorgen gemacht hast, weil ich beim Abendessen nicht erschienen bin. Es tut mir wirklich leid, ich hätte nicht gedacht, dass es so lange dauern würde.“ Lily schenkte ihrem Sohn ein entschuldigendes Lächeln. „Es war halb so schlimm, Mum. Konntest du wenigstens helfen?“, erkundigte er sich. Die Schüler horchten auf. „Ja, Gott sei Dank, wer weiß, was sonst noch alles passiert wäre“, meinte Lily und schüttelte fassungslos den Kopf. „Was war denn los?“, wollte Ginny wissen. „Voldemorts Anhänger haben ein Serum erfunden, das die Gene eines Werwolfs beinhaltet. Wir gehen davon aus, dass sie von Greyback stammen. Die Gene wurden so manipuliert und weiterentwickelt, dass derjenige, dem das Serum über eine gewisse Zeitspanne eingeflößt wird, nach und nach Symptome einer Lykanthropie zeigt.“ Ungläubig wurde sie von den Schülern angestarrt. „Ein Serum, das einen zum Werwolf macht?“, entfuhr es Ron. „Aber man muss doch von einem Werwolf gebissen worden sein um zu einem zu werden“, fügte er verständnislos hinzu.
Lily nickte, derselbe Unglaube hatte auch sie gestern befallen. „Normalerweise schon, doch durch die Mutation der Gene, ist es ihnen gelungen, das Element des Bisses zu überspringen. Doch das Schlimme dran ist, dass sich die infizierten Betroffenen nicht mehr zurückverwandeln konnten. Und genau da liegt unser größtes Problem.“ Die Jugendlichen schüttelten fassungslos den Kopf. „Wie viele Betroffene gibt es bis jetzt? Und wieso stand davon nichts im Tagespropheten?“, wollte Hermine wissen. „Du bist ein schlaues Mädchen Hermine, du kennst bestimmt schon die Antwort. Fudge möchte nicht, dass diese Informationen an die Öffentlichkeit dringen.“ Harry zog die Augenbraue in die Höhe. „Aber dann darfst du uns doch auch nichts verraten.“ Seine Mutter winkte ab. „Komm mir jetzt nicht als Moralapostel, junger Mann. Es ist vollkommender Schwachsinn, solche Informationen geheim zu halten, darüber sind sich dein Vater und ich gestern einig geworden. Darum erzähle ich es auch, ihr sollt - in Sirius' Worten - zumindest eine kleine Ahnung davon haben, was da draußen zurzeit für eine Scheiße abläuft.“
Ron konnte nicht umhin, aufzulachen. „Ja, das klingt ganz nach Sirius.“ Lily schmunzelte. „Um deine andere Frage noch zu beantworten, Hermine: Bisher sind vom Labor vier Infizierte bestätigt worden.“ Betretenes schweigen breitete sich aus. Vier Menschen die dazu verdammt waren ein Dasein als Werwolf zu fristen - für immer. Der Gedanke jagte ihnen eine Gänsehaut über den Rücken. „Jetzt macht nicht solche Gesichter. Ich weiß, es ist schrecklich, aber wir waren gestern immerhin nicht ganz untätig und haben durchaus den ein oder anderen Durchbruch geschafft. Wir haben versucht, das Ganze logisch anzugehen. Sie haben ein Werwolfgen manipuliert. Gut, welche Mittel haben wir bis dato gegen Lykanthropie?“ Harry hob die Hand. „Den Wolfbanntrank!“ Lily lachte. „Sehr gut mein Schatz, aber du brauchst nicht aufzeigen.“ Harry wurde leicht rot. „Aber ja, du hast recht. Deshalb haben wir angefangen, die Grundzutaten zu variieren. Somit haben wir es geschafft, dass sich die Testpersonen für genau drei Stunden wieder in einen Menschen zurückverwandelt haben. Doch abgesehen von der kurzen Zeitspanne, gibt es auch noch einige andere kleine Nebenwirkungen. Der Trank muss also in den nächsten Tagen, wenn nicht sogar Wochen noch perfektioniert werden.“ „Wie geht es den Leuten, die sich wieder zurückverwandelt haben? Wissen sie, wie ihnen das Serum eingeflößt wurde?“ Lilys Lächeln schwand. „Man kann sich denken, dass sie psychische Betreuung brauchen, welche auch gestern sofort vor Ort war. Als sie dann laut den Psychologen für eine kurze Befragung bereit waren, konnte uns niemand sagen, wie sie mit dem Serum in Berührung gekommen sind.“
„Wie kommen die Todesser nur auf solch kranke Ideen? Was bezwecken sie damit?“, verwirrt und angewidert schüttelte Dean den Kopf. „Das kannst du laut sagen, Alter“, simmte ihm Seamus zu. Nachdenklich wandte sich Harry an seine Mutter. „Heißt das jetzt, dass das Gegenmittel - wenn es fertig ist - Werwölfe wieder zurückverwandeln kann?“ Lily, die wusste, worauf ihr Sohn hinaus wollte, seufzte leise. „Bei den Menschen, denen das Serum verabreicht wurde - ja, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es auch bei den Menschen wirkt, die gebissen wurden, liegt bei 5%“, erklärte sie ihm. Harry konnte nicht umhin, ein enttäuschtes Gesicht zu machen. „Ihr solltet lieber hinunter zum Frühstück gehen, sonst verpasst ihr es noch. Und macht euch nicht zu viele Gedanken darüber, wir haben das alles halbwegs im Griff“, versuchte Lily die trüben Gedanken etwas zu verblassen. „Genau, mit leerem Magen kann man im Unterricht nicht aufpassen, also last uns endlich essen gehen“, stimmte ihr der Größte der Gruppe zu. „Wer von uns wollte denn nicht aufsehen Ronnyspätzchen“, neckte Ginny ihren älteren Bruder, doch dieser hörte sie schon nicht mehr, da er schon in Richtung Große Halle verschwunden war. Lachend verabschiedeten sich die restlichen Jugendlichen bei Lily und folgten ihrem liebenswürdigen Vielfraß.
Die restliche Zeit bis zu den Weihnachtsferien verging ohne großartige Zwischenfälle. Der Unterricht war wie immer, die Menge der Hausaufgaben ebenso. Harry und Draco hatten zwar nicht mehr miteinander gesprochen, doch bekriegten sie sich auch nicht mehr. Auch rund um Voldemort und seine Anhänger war es ruhig geworden. Verdächtig ruhig. Viele befürchteten aufgrund dieser altbekannte Ruhe vor dem Sturm einen Anschlag zur Weihnachtszeit. Doch die Schüler versuchten, diesen Gedanken hier hinter den alten geschützten Mauern des Schlosses zu verdrängen. Die Freude, endlich Schulferien zu haben, übertrumpfte großteils die Furcht.
Heute war also so weit, der Tag der Abreise war gekommen. Die Ferien hatten begonnen und Harry würde nun nach Godric's Hollow zurückkehren und in dem idyllischen Dörfchen zwei ungestörte Wochen mit seinen Eltern und Sirius verbringen können. Wie üblich gab es an dem Tag der Abreise keinen Unterricht mehr und der junge Potter saß mit seinen Freunden vor dem knisternden und wärmenden Kaminfeuer des Gemeinschaftsraums und unterhielten sich über die Ferien. „Es ist irgendwie ein komisches Gefühl. Findest du nicht?“ Perplex wandte sich Harry an seinen besten Freund. „Was meinst du?“ Ron lächelte melancholisch. „Das sind die ersten Weihnachtsferien, die wir nicht zusammen verbringen.“
„Ron! Jetzt sei nicht so egoistisch!“ „Hermine, lass es gut sein. Ich glaub nicht, dass Ron das so gemeint hat. Ich weiß Ron, es ist schon ein komisches Gefühl. Aber wir sehen uns ja sowieso in den Ferien wieder“, unterbrach der Schwarzhaarige seine beste Freundin. „Ja Mann, ich weiß. Und ich freu mich wirklich für dich, dass du diese Weihnacht mit deinen Eltern und Sirius verbringen kannst.“ Harry lächelte ihn dankbar an. „Danke Ron. Ich weiß.“ „Was ist jetzt eigentlich mit Malfoy?“, wollte der Rotschopf anschließend wissen. „Was soll denn mit ihm sein?“, war Harrys Gegenfrage. „Naja, muss er mit uns im Abteil sitzen?“, fragte Ron und machte einen gequälten Gesichtsausdruck. „Nein. Lorelei und meine Eltern haben sich ausgemacht, dass wir uns am Bahnsteig in London treffen und dann gemeinsam nach Hause apparieren“, erklärte ihm Harry. „Fährt deine Mutter wieder mit uns im Hogwartsexpress mit?“, erkundige sich Hermine. „Ja. Sie und noch ein paar Lehrer werden mitkommen, zur allgemeinen Sicherheit.“ Die intelligente Hexe nickte.
Wenig später machten sich unsere Freunde auf den Weg nach unten in die Eingangshalle. Dort verabschiedeten sich bereits einige SchülerInnen voneinander und es befand sich schon eine Menge Gepäck in den Gängen, welches die Hauselfen später hinunter zum Hogwartsexpress bringen würden. In der Halle warteten auch schon Luna, Remus, Tonks und Lily auf sie und gemeinsam gingen sie durch die verschneite Landschaft hinunter in das kleine Dorf. Ginny hatte sich bei Harry eingehakt. Hermine und Ron taten es ihnen gleich und auch Remus und Tonks turtelten etwas miteinander. Lily quittierte das alles nur mit einem wehmütigen Lächeln. Schade, dass James nicht da war. „Zieh nicht so ein Gesicht, Mum. Heute wirst du Dad wiedersehen und dann zwei Wochen lang nicht mehr los“, kam es verschmitzt von ihrem Sohn, was Lily und die anderen zum Lachen brachte.
Nachdem sie, durch den eisigen Wind doch etwas durchgefroren, endlich am Bahnsteig angekommen waren, suchten sie sich ihr Gepäck und reservierten sich gleich ein Abteil. Lily, Tonks und Remus bezogen ein Eigenes, worüber die Jugendlichen insgeheim doch froh waren, ansonsten hätte man in ihrem Abteil noch Platzangst bekommen. Kurz nachdem der Zug abgefahren war, wurde ihr gemütliches Beisammensein durch das Aufreißen der Abteiltüre gestört. Eine hämisch grinsende Pansy Parkinson steckte ihre Fratze durch die Türe. „Na Potty fährst du jetzt zu deinem ach so lieben Daddy nach Hause?“ Doch falls sie eine erboste Antwort erhofft hatte, wurde sie enttäuscht. Die Gryffindors waren im Stillen übereingekommen, dass sie diese Person einfach ignorierten, und unterhielten sich weiterhin fröhlich, so als ob Parkinson gar nicht da wäre.
„Was ist? Habt ihr was auf den Ohren, ihr Blutsverräter und Muggelfreunde?“ Als ihr wieder keine Beachtung geschenkt wurde, griff sie notgedrungen nach ihrem Zauberstab. „Das würde ich unterlassen, Parkinson.“ Wandte sich Hermine warnend an die Slytherin. „Du hast mir gar nichts zu sagen, wertloses Schlammblut.“ Als Ron nun ebenfalls seinen Zauberstab ziehen wollte, hielt ihn seine Freundin zurück. „Sie ist es nicht wert, Ron.“ Kurz sah er ihr tief in die Augen, eher er nickte. „Wenn du meinst“, zuckte er mit den Schultern und steckte den Stab wieder weg. „Wann kommst du zu uns in den Fuchsbau, Hermine?“, wandte sich Ginny an ihre beste Freundin. „Drei Tage nach Heiligabend. Weihnachten möchte ich mit meinen Eltern feiern“, teilte ihr Hermine mit. „Alles klar. Aber wir schreiben uns sowieso alle, oder?“, fragend sah sich Ginny im Abteil um.
Doch bevor jemand etwas darauf sagen konnte, schrie Parkinson dazwischen: „Na wartet ihr wertloses Pack!“ Doch bevor sie auch nur irgendetwas tun konnte, wurde sie schon von mehreren Flüchen gleichzeitig getroffen. Verwundert sah sich Harry im Abteil um. Jeder hatte im selben Moment den Zauberstab gezogen und irgendeinen Fluch ausgesprochen, doch seinen wachsamen Augen war nicht entgangen, dass die Slytherin auch vom Gang aus von einem oder mehreren Flüchen getroffen worden war. Neugierig geworden, stand er auf und spähte aus der Abteiltür. Überrascht entdeckte er Blaise und Draco am Ende des Ganges, beide mit erhobenen Zauberstäben. „Hey ihr beiden. Gute Fluchkombination, was?“, grinsend deute Harry auf die bewusstlose, im Gang liegende Parkinson, welcher soeben Tentakeln aus den Ohren wuchsen. „Das kannst du laut sagen“, lachte Blaise heiter. Und auch Draco konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Kommt, lasst sie uns in ein leeres Abteil schleppen. Ich möchte nicht schon im Vorhinein für nächstes Jahr eine Strafarbeit kassieren.“ Mit diesen Worten kam nun auch ein belustigter Ronald Weasley aus dem Abteil.
Nachdem sie Parkinson verschwinden hatten lassen, wandte sich der Potter an die beiden Slytherins: „Kommt ihr mit in unser Abteil?“ Abwartend sah er sie an. „Ich glaube wir sollten wieder zurück in unser Abteil, sonst fragen sich die anderen noch, wo wir bleiben. Aber danke für das Angebot“, kam es grinsend von Dracos bestem Freund. „Na dann wünsch ich dir schon einmal schöne Ferien, Zabini. Und Draco, wir sehen uns später.“ Der blonde Junge nickte nur und machte sich bereits auf den Weg zu seinem Abteil. Kopfschüttelnd sah ihm Blaise hinterher. „Er kann es einfach nicht lassen, nehmt ihn einfach nicht so ernst, wenn er so drauf ist. Euch auch schöne Ferien. Tschüss.“ Und mit einem „Hey! Draco! Warte auf mich“ rannte er den Gang entlang. „Ich glaube, dieser Zabini ist ganz ein netter Kerl“, murmelte Ron. „Was höre ich da aus deinem Munde! Ronald Weasley findet einen Slytherin nett? Ist das zu fassen?“, kam es gespielt fassungslos von Harry. „Harry, ich warne dich!“, drohte der Rotschopf mit erhobenem Zeigefinger. „Hör auf damit, so siehst du aus wie McGonagall. Und es war doch nur ein Scherz“, lachte Harry und gemeinsam gingen sie wieder zurück ins Abteil.
Als der Zug einige Stunden später am Bahnhof Kings Gross ankam, war die Wintersonne bereits untergegangen und alles schien dunkel und düster. Doch der perlweiße Schnee am Boden, der die seichten Strahlen des aufgehenden Mondes reflektierte, versuchte die Finsternis ein kleines Bisschen zurückzudrängen.
Sobald unsere Freunde die Absperrung durchquert hatten, stellte sich Harry auf Zehenspitzen, um nach seinem Dad und Sirius Ausschau zu halten. „Hey! Da drüber sind unsere Eltern“, kam es plötzlich von Ron, für ihn war es wesentlich leichter sich umzusehen, da er einen Kopf größer war als alle anderen. Harry sah nun auch in die Richtung, in die Ron den Zeigefinger ausstreckte, und konnte ebenfalls die rote Haarpracht der Weasleys erkennen. Nur nebenbei bekam er mit, wie Hermine ihrem Freund erklärte, dass man mit nacktem Zeigefinger nicht auf bekleidete Leute zeigte. Ebenso Rons Verwirrung darüber, war nebensächlich, denn neben den Weasley konnte er Hermines Eltern, Sirius und seinen Vater erkennen.
Schnell machten sie sich auf den Weg zu ihren Familien. Kurz bevor sie bei ihnen ankamen, erblickte sie auch James Potter. „Hey! Da seid ihr ja endlich“, rief er ihnen grinsend entgegen. „Dad!“ Schnell überwand Harry die restlichen Meter und warf sich in die Arme seines Vaters. James erwiderte lachend die Umarmung. Als sie sich wieder voneinander trennten, musterte der Auror seinen Sohn von oben bis unten. „Alles klar bei dir, Harryboy?“, vergewisserte er sich. „Jetzt schon“, grinste Harry zurück und umarmte nun seinen Paten. Auch die anderen begrüßten freudig ihre Eltern. „Wo hast du denn deine Mutter gelassen?“, fragte Sirius, als er Harry wieder losgelassen hatte. „Die ist noch im Zug. Sie und die anderen Lehrer müssen sichergehen, dass niemand zurückbleibt oder auf irgendeine Art und Weise verloren gegangen ist.“ Während sich die Grangers verabschiedeten, warteten die Weasleys gemeinsam mit James, Harry und Sirius auf Lily, Draco, Remus und Tonks.
„Da sind sie ja“, unterbrach Sirius wenig später die Gespräche. Alle wandten sich zur Absperrung und sahen Remus und Tonks Händchen haltend durchschreiten. Gefolgt von Draco, der wie üblich eine perfekte Maske der Emotionslosigkeit zur Schau trug. Die Letzte im Bunde war Harrys Mutter, welche leicht angesäuert auf sie zukam. Bevor irgendjemand etwas sagen konnte, wandte sich die Professorin für Zaubertränke an ihren Sohn: „Du hast nicht zufälligerweise etwas mit der Verunstaltung von Pansy Parkinson zu tun, oder?“ Prüfend sah sie ihm in die Augen, die den ihren so sehr glichen. Harry haderte etwas mit sich. Auf der einen Seite konnte er doch nicht seine Freunde verraten, aber auf der anderen wollte er seine Mutter wegen so etwas nicht belügen. Zu seinem Glück wurde ihm diese Entscheidung abgenommen. „Entschuldigen Sie die Frage Mrs. Potter, aber was soll man bei Parkinson noch mehr verunstalten?“, warf der blonde Slytherin todernst ein. Nun wandten sich alle dem jungen Malfoyspross zu. Die meisten sahen ihn verwundert oder überrascht an, nicht so Harry, Ginny, Ron, James und Sirius. Diese grinsten ihm verstohlen zu. Draco schien diese Art von Aufmerksamkeit etwas unangenehm zu sein, denn er blickte schnell zur Seite.
Lily Potter seufzte ergeben. „Heute kommt ihr mir noch davon, aber das nächste Mal lass ich euch das nicht durchgehen, meine Damen und Herren. Haben wir uns verstanden?“
Natürlich, Mrs. Potter!
Sicher, Lily!
So kenne ich dich gar nicht, Lilymäuschen!
Du bist echt die Beste, Mum!
Nachdem sich die Weasleys, Remus und Tonks verabschiedet hatten und appariert waren, wandte sich James zu Draco. „Bist du schon einmal Seit-an-Seit-Appariert, Draco?“ „Natürlich“, kam es wie selbstverständlich und leicht überheblich von dem jungen Malfoy. James lächelte leicht und überhörte großzügig den schnippischen Unterton. „Gut. Harry, ich werde mit dir apparieren und Lily mit Draco. Ist das okay für euch?“ Die beiden Schüler nickten. „Ich geh vor“, kam es eifrig von Sirius, wie von einem kleinen Kind, das immer Erster sein wollte. Schnell sah er sich noch einmal um, um sich zu vergewissern, dass sein Verschwinden nicht von den Muggeln bemerkt wurde und weg war er. „Geht ihr als Nächstes?“, wandte sich James an seine Frau, er hätte ein mulmiges Gefühl, wenn er zuerst apparieren würde. Nach einem kurzen Nicken legte Lily Draco ihre zierliche Hand auf die Schulter und schon waren auch sie verschwunden. „Jetzt sind wohl wir dran“, grinste James auf seinen Sohn hinab. Harry grinste zurück, verstärkte den Griff um seinen Koffer und Hedwig’s Käfig und lehnte sich etwas gegen seinen Dad. Dieser legte einen Arm um ihn und schon spürte Harry dieses komische Gefühl, wie durch einen Gummischlauch gezogen zu werden und kniff die Augen zusammen.
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