
von MelRU
Kapitel 20
[In der Höhle des Löwen]
Eine Angewohnheit kann man nicht einfach aus dem Fenster werfen.
Man muss sie die Treppe hinunter locken.
Stufe für Stufe - Teil 1
Als Draco wieder festen Boden unter den Füßen spürte, ließ er seine wachsamen grauen Augen über die Umgebung gleiten. Wie es aussah, befanden sie sich an einem kleinen Ort. Und da sie in keine versteckte Seitengasse appariert waren, vermutete er, dass sie sich in einem Zaubererdorf befanden. Erst jetzt wurde ihm bewusst, wie unvorbereitet er eigentlich hier hergekommen war. Er hatte Lorelei nicht einmal gefragt, wo die Potters eigentlich wohnten. Am liebsten würde er sich für seine Naivität selbst eine Ohrfeige verpassen, doch der blonde Slytherin beschränkte sich darauf, die naheliegende Gegend zu erforschen. Man konnte von hier aus den alten Kirchenturm, welcher die kleinen Häuschen überragte, in der Mitte des Städtchens entdecken. Alles war ruhig und die beschneiten Straßen bereits menschenleer. Vor ihm befand sich ein – wie auf den ersten Blick zu erkennen war – großes Grundstück mit einem schönen, wenn auch beschaulichem, Einfamilienhaus. Das Haus der Potters.
Dracos Vermutung wurde bestätigt, als Sirius das Gartentor durchschritt, während sich seine Professorin, welche ihn die ganze Zeit beobachtete hatte, an ihn wandte. „Wir sollten hineingehen, ansonsten erkälten wir uns noch“, zwinkerte sie ihm zu. Draco folgte Lily Potter schweigend. Als er die Haustüre durchschritt, empfing ihn wohlige Wärme, er spürte sofort, wie seine Hände und sein vor Kälte gerötetes Gesicht zu kribbeln begannen. „Ich würde vorschlagen, dass du zuerst deinen Mantel loswirst, ehe dir Sirius das Gästezimmer zeigt, während ich mich um das Abendessen kümmere“, fuhr Lily fort, immer darauf bedacht ein – wie sie hoffte – beruhigendes und freundliches Lächeln auf den Lippen zu haben. Draco nickte nur, als Zeichen dafür, dass er verstanden hatte, und begann die Knöpfe seines Mantels, welcher aus den edelsten Materialien bestand, aufzuknöpfen.
„Soll ich dir deinen Koffer abnehmen?“ Draco unterdrückte ein Zusammenzucken, als Black plötzlich neben ihm stand. Er hatte nicht gehört, dass dieser zu ihm getreten war, während er sich seiner Stiefel entledigt hatte. „Nein, danke. Ich kann ihn sehr wohl selbst tragen“, antwortete er etwas versteift. Sirius zuckte mit den Schultern. „Auch gut. Na dann: Folge mir unauffällig“, grinste er und stieg, mit Draco im Schlepptau, die Treppen in den ersten Stock empor. Nur nebenbei bekam der Blondschopf mit, dass Potter und sein Vater gerade das Haus betraten. Sirius führte ihren neuen Schützling in das Gästezimmer, welches dem seinen gegenüberlag. „Hier kannst du es dir gemütlich machen so lange du bei uns bist, Draco. Falls dich etwas stört, kannst du es ruhig so verändern, dass es für dich angenehm ist, immerhin wollen wir, dass du dich hier wohlfühlst.“ Der Slytherin hörte ihm nur mit halben Ohr zu, ihm war nicht entgangen, dass das Haus von außen kleiner erschien, als es wirklich war. Die Räume wirkten größer, was vor allem an der verzauberten Deckenhöhe lag. „Quartier dich erst mal in ruhe ein. Irgendjemand wird dich dann holen, wenn das Abendessen fertig ist.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Sirius und ließ den jungen Mann mit seinen Gedanken alleine.
Die ersten Schritte führten den Malfoyspross zum großen Himmelbett, wo er sich auch gleich auf die weiche komfortable Matratze sinken ließ. Hier war er also - in der Höhle des Löwen. Leise schnaubte er. Wie passend, er war tatsächlich nur von Gryffindors umgeben, er sollte also achtgeben, was er tat. Erstens hatte er seiner Tante versprochen artig zu sein, und abgesehen davon war es nicht klug mit den Bewohnern dieses Hauses einen Streit anzufangen, wer wusste schon, was dann passieren würde. Er wollte es auf alle Fälle nicht herausfinden. Es kam ihm der tröstende Gedanken, dass wenigstens das Zimmer, in dem er untergebracht worden war, nicht mit der Farbe Rot übersät war – er hasste diese Farbe. Sein Blick glitt erneut durch den Raum, dieses Mal interessierter. Wie es schien, hatte Lily Potter Geschmack – den niemand anders wird wohl dieses Zimmer eingerichtet haben. Es war bei weitem nicht so prunkvoll wie in Malfoy Manor, jedoch wirkte hier nichts kalt und gefühllos. Die Möbel erschienen auf den ersten Blick stielvoll und gepflegt, der Kaminverbau wirkte elegant und durch das knisternde Feuer und die liebevollen handverlesenen Dekoelemente fühlte man sich auf Anhieb heimisch.
Der Junge seufzte, jetzt war es also endlich so weit. Der Moment war da, der Moment seinem Leben eine andere Wendung zu geben. Doch es war ein seltsames Gefühl hier zu sein, bei seinem Erzrivalen Potter, in Sicherheit vor den Todessern. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Er brauchte hier keine Angst zu haben, doch war es denn wirklich richtig hier zu sein? Wo doch seine Mutter irgendwo dort draußen war, auf der Flucht vor den Psychopaten, die sich Voldemorts Anhänger nannten. Draco drehte sich auf die Seite. Sein fragender Blick fiel auf das Fenster. Stumm beobachtete er, wie sich die Schneeflocken lautlos auf das Glas niederließen und nach einer kurzen Berührung ihre einzigartigen glitzernden Kristalle schmolzen, um am Ende kleine nasse Spuren auf dem Fenster zu hinterlassen. Die Wege der winzigen Wassertropfen verliefen sich ineinander oder stoppten sich gegenseitig und vermischten sich letztendlich zu einer großen nassen Masse. Ein erneuter Schauer überfiel ihn, wodurch er sich tiefer in die Kissen kuschelte und sich auf das Knistern des wohlig warmen Feuers konzentrierte. Er sollte wohl besser seinen Koffer auspacken, bevor ihn jemand zum Abendessen holte, doch noch während des Gedankens daran, glitt der junge Slytherin schon in einen ersehnten traumlosen Schlaf.
Als Harry zwanzig Minuten später an die Türe klopfte, um Draco wie angewiesen zum Essen zu holen, bekam er keine Antwort. „Malfoy?“ Langsam öffnete er die hölzerne Pforte, als er auch schon Dracos gleichmäßige Atmung wahrnahm. Verwundert blickte er zum Himmelbett, wo er eine zusammengekauerte Gestalt liegen sah. Es überraschte ihn, er hätte gedacht, dass der Eisprinz Slytherins in ihrer Anwesenheit misstrauischer und demnach angespannter war – aber hier lag er, schutzlos und friedlich. Wahrscheinlich war der andere Junge einfach nur erschöpft. Er zückte seinen Zauberstab und zwei Sekunden später lag Draco unter einer kuscheligen warmen Decke. Harry wettete, dass er - wenn er wach gewesen wäre - ihn aufgrund seiner Gutmütigkeit in typischer Manier angeschnauzt hätte. Ein leichtes Lächeln schlich sich auf Harrys Lippen, ehe er die Türe wieder leise hinter sich schloss.
Unten im Esszimmer wurde er sofort von seiner Mutter angesprochen: „Wo hast du denn Draco gelassen?“ Harry konnte leichte Besorgnis in ihren Augen erkennen. „Er hat geschlafen, ich dachte es wäre besser ihn schlafen zu lassen“, erklärte er ihr. Lily nickte leicht. „Ich werde ihm nachher eine Portion auf sein Zimmer bringen und einen Wärmezauber darauf legen, so kann er etwas essen, wenn er wach wird. Er ist viel zu dünn, er sollte unbedingt etwas essen.“ Harry kam nicht umhin leise zu lachen, auch Sirius kam das eben gehörte nur all zu bekannt vor. „Du hörst dich an wie Molly. Sie hat Harry auch immer gemästet. Dein armer Junge wäre beinahe geplatzt.“ Harry unterhielt sich daraufhin lachend mit Sirius, wodurch ihm der Schatten entging, der über Lilys Gesicht huschte.
Nach dem Essen, als der Tisch bereits wieder abgeräumt war und Harrys Mutter eine Portion auf Dracos Zimmer gebracht hatte, unterhielten sich die Erwachsenen über die neueste erschütternde Erkenntnis aus dem Ministerium. Heute hatten Kingsley und Sirius Beweise gefunden, dass Informationen aus dem Aurorenbüro in die Kreise der Todesser gelangt waren. Demnach musste es unter den Auroren oder den Ministeriumsbediensteten, welche Zugang zum Büro hatten, einen Spitzel geben. Momentan wussten nur James, Sirius und Kingsley davon, welche sich schon gemäß der Vorschriften gegenseitig mit Veritaserum befragt hatten, um jeglichen Verdacht von sich zu weisen. Nun lag es an ihnen zu entscheiden, wie sie am besten vorgehen sollten, ehe diese Information an die breite Öffentlichkeit gelangen konnte und die Todesser in Alarmbereitschaft versetzte.
Fieberhaft suchten sie nach möglichen Hinweisen, während Harry den stillen Zuhörer mimte. Momentan schien so einiges nicht gut für sie zu laufen. Zuerst der Ausbruch aus Askaban, wo noch kein einziger Flüchtling gefasst wurde. Ein Spion Voldemorts, der allem Anschein nach Zugang zur Aurorenabteilung hatte. Eine ihrer Informantinnen war auf der Flucht und ihr Sohn, der zum Todesser werden sollte, versteckte sich bei ihnen. Harrys Gedanken schweiften zu dem schlafenden Jungen im Obergeschoss. Er hatte Draco nie gemocht, er war ein eingebildeter, fieser Schnösel. Doch bei dem Gespräch im Büro seiner Mutter hatte er etwas in dessen Augen gesehen, dass etwas in ihm wachgerüttelt hatte. Angst. Draco hatte Angst vor seinem Vater und Angst davor Todesser zu werden. Sein Schulkamerad hatte einige Dinge getan, die nicht so schnell zu verzeihen waren, aber er hatte sich entschlossen dem Slytherin eine Chance zu geben.
Zur fortgeschrittenen Uhrzeit wandte sich James Potter an seinen Sohn. „Ich möchte wirklich nicht den Erziehungsberechtigten raushängen lassen, Harryboy, aber du solltest dich schön langsam bettfertig machen.“ Harry schmollte. „Ach, Dad, komm schon. Tu einfach so als wärst du voll cool.“ Von Sirius kam ein bellendes Lachen. „Ich bin voll cool, Harry“, grinste James. „Dein Dad hat Recht Harry. Du hast eine lange Fahrt hinter dir.“ Der Teenager seufzte ergeben und wünschte allen eine gute Nacht. Danach begab er sich auf den Weg ins Dachgeschoss, doch vor Dracos Tür blieb er noch einmal stehen. Ob der Slytherin schon gegessen hatte? Vorsichtig steckte er seinen Kopf durch die Türe und biss sich auf die Zunge, um nicht laut loszulachen. Draco saß auf dem Bett, den Teller in der Hand und einen selten dämlichen Ausdruck im Gesicht. Skeptisch besah sich der junge Malfoy das Ding auf seinen Teller, Muggel kannten dieses Ding übrigens unter Lasagne. Vorsichtig hob er das Stück etwas mit der Gabel an.
„Keine Angst, Malfoy, da kommt nichts herausgekrochen – probier es einfach einmal.“ Draco rümpfte die Nase, falls er sich aufgrund Harrys plötzlichen Erscheinens erschreckt haben sollte, zeigte er es nicht. „Ich habe keine Angst, Potter! Und du solltest deine Mutter bitten, deine Manieren aufzufrischen, oder hat dir niemand gelernt, dass man anklopft, ehe man in das Zimmer anderer Leute geht?“ Doch der Gryffindor grinste nur. „Manieren? Was ist das?“ Malfoy machte ein komisches Geräusch und Harry war sich sicher, dass dieser gerade versucht hatte, ein Prusten zu unterdrücken. Wie es schien, lag Harry mit seiner Vermutung richtig. „Was stehst du da so dumm rum Potter, ich bin kein Tier im Zoo, das man begaffen kann“, schnarrte der Blonde kurz darauf. Harry verdrehte die Augen. Ein Schritt nach vor, zwei Schritte zurück. „Iss, es ist wirklich lecker. Gute Nacht.“ Draco hatte keine Zeit mehr etwas zu erwidern, als der schwarze Wuschelkopf auch schon verschwunden war. Er schnaubte und wandte seinen Blick wieder auf die Lasagne, die, als er aufgewacht war, auf dem Nachttisch gestanden hatte. Sollte er Potter Glauben schenken? Vorsichtig stach er mit seiner Gabel in ein kleines Stück und probierte es.
Lily Potter war alleine in der Küche und spülte gerade Geschirr, als sie jemand ansprach. „Professor?“, kam es etwas zögernd hinter ihren Rücken. Lächelnd drehte sich Lily um. „Wir sind nicht mehr in der Schule, Draco. Du kannst mich also ruhig Lily nennen.“ Ihr Blick fiel auf den leeren Teller in Dracos Hand. „Hat es dir geschmeckt?“ Der Slytherin räusperte sich. „Das Essen war gut. Danke, Mrs. Potter.“ Lily unterließ es, ihm erneut das Du anzubieten. „Das freut mich. Da ich nicht wusste, was du gerne isst, hatte ich schon bedenken“, lachte sie, nahm ihm den Teller ab und begann ihn abzuwaschen. Draco rümpfte die Nase. „Gibt es denn hier keine Hauselfen?“ Es hatte ihn schon gewundert, dass keine Elfe aufgetaucht war, um den leeren Teller zu holen. Lily schmunzelte. „Meine Eltern waren Muggel, Draco. Ich bin ohne Hauselfen aufgewachsen und komme ganz gut ohne klar und das habe ich James ganz schnell klar gemacht, nachdem wir zusammengezogen sind.“ Achja, manchmal vergaß er, dass sie ein Schlammblut war. Er zuckte zusammen, es fühlte sich nicht richtig an, sie so zu nennen. Lily betrachtete ihn einen Moment. „Geht es dir gut?“ Draco, der mit dieser Frage nicht gerechnet hatte, verrutschte daraufhin für einen Moment seine Maske.
Lily lächelte verständnisvoll, sie verlangte auch keine Antwort von ihrem Schüler. „Du bist bestimmt müde. Das Badezimmer befindet sich hinter der ersten Türe nach dem Treppenaufgang, da kannst du dich bettfertig machen. Ich würde sagen, das restliche Haus zweigen wir dir morgen, wenn wir alle frisch und munter sind. Falls irgendetwas sein sollte, dir gegenüber befindet sich Sirius’ Zimmer, du kannst jederzeit zu ihm gehen.“ Draco brachte wieder nur ein Nicken zustande. Als er die Küche verlassen hatte, trat James aus seinem Versteck. „Ich denke, er ist ein guter Junge. Etwas überheblich und mit der momentanen Situation überfordert, aber im Herzen ein guter Junge.“ Lily schmunzelte. „Du warst auch ein eingebildeter Arsch, James.“ Entrüstet sah er seine Frau an. „Du bist Professorin, du darfst solche Wörter nicht benutzen! Und deinen geliebten supertollen Ehemann darfst du auch nicht so nennen“, schmollte er und setzte seinen besten Hundeblick auf. Lily lachte und wischte sich ihre Hände an ihrer Schürze ab, ehe sie auf James zuging. „Tut mir leid, Schatz. Wenn du nicht mein geliebter supertoller umwerfender Ehemann wärst, dann wüsste ich nicht, wie wir diese Aufgabe bewältigen sollten.“ James nahm sie lächelnd in den Arm. „Wir schaffen das schon irgendwie. Er wird schon merken, dass wir ihm wirklich nur helfen wollen.“ Lily lehnte sich an James. „Hoffen wir es.“
Am nächsten Morgen wachte Harry früh auf und gähnte ausgiebig. Die Nacht war alles andere als erholsam gewesen. Sein Blick fiel zum Fenster und erfreut stellte er fest, dass es immer noch schneite. Noch etwas verschlafen rekelte er sich im Bett umher und überlegte, ob er seinen Dad und Sirius fragen sollte, mit ihm eine Schneeballschlacht zu machen. Ob sich der Slytherin auch dazu überreden lassen würde? Plötzlich wurde die Türe seines Schlafzimmers aufgerissen und James und Sirius kamen hereingestürmt – wenn man vom Teufel sprach. Harry konnte noch die Stimme seine Mutter hören, die rief: „Lasst ihn gefälligst in Ruhe!“ doch ehe er sich versah, hatte er schon zwei dicke, fette Schneebälle im Gesicht. Ihm lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. „Hey, ihr Spinner!“, entrüstete er sich. „Also so nennt man doch nicht seinen Dad!“, meinte James bestürzt und Sirius ergänzte: „Und seinen Paten erst recht nicht!“ Keine drei Sekunden später stand Lily Potter im Zimmer. Sie blickte kurz zu Harry, in dessen Gesicht noch immer Schnee klebte, und wandte sich dann an die beiden Auroren, die nicht rechtzeitig die Flucht ergriffen hatten. „Es würde euch wirklich nicht schaden, wenn ihr euch einmal erwachsen benehmen würdet!“
„Aber wir sind erwachsen Lily. Großes Rumtreiberehrenwort“, meinte Sirius ernst, während James neben ihm kräftig nickte. Keiner von ihnen hatte bemerkt, dass Harry, nachdem er sich die Schneereste aus dem Gesicht gewischt hatte, aufgestanden war. Leise schlich er zur Terassentüre und öffnete sie. Schnell kratzte er sich etwas Schnee vom Boden und formte zwei Schneebälle. Lily, die so stand, dass sie Harry sehen konnte, unterdrückte ein fieses Grinsen. Plötzlich machte sie große Augen und sah fassungslos zur Terrassentüre. „Was bei Merlins Bart …“ Alarmiert wandten sich James und Sirius um und bevor sie auch nur irgendwie reagieren hätten können, hatten auch sie weißen Matsch in ihren Gesichtern. Lily lachte: „Das geschieht euch recht!“ Ihr Sohn kam grinsend auf sie zu. „Das war spitze, Mum.“ Lily legte Harry lachend ihre Hand um die Schulter, ehe sie sich an ihren Mann und dessen besten Freund wandte. „Nachdem ihr euch eure Gesichter gewaschen habt, dürft ihr hinunter in das Esszimmer kommen, das Frühstück ist fertig.“ Sprachlos wurden sie angestarrt, ehe sich Sirius an James wandte. „Prongs, haben sich deine Frau und dein Sohn gegen uns verschworen?“ James seufzte theatralisch. „Von der eigenen Familie verstoßen! Oh Padfoot, was soll ich nur tun?“ Schnell fasste Sirius seinen Freund an den Schultern. „Verzweifle nicht, Prongs. Ich werde immer an deiner Seite stehen.“ James wischte sich nicht vorhandene Tränen aus den Augen. „Oh Padfoot.“ „Komm Harry, ich glaube, wir sollten diesen beiden Spinnern etwas Zeit für sich geben“, flüstere Lily ihren Sohn belustig zu, ehe sie ihn aus dem Zimmer führte. Harry konnte noch hören, wie Sirius seinen Vater fragte: „Hat deine Frau uns gerade Spinner genannt? Genauso wie dein Sohn?“ „Oh Padfoot!“
Als sie im ersten Stock angekommen waren, trat gerade Draco aus seinem Zimmer. Harry hatte mit einem zerzausten, müde dreinblickenden Draco Malfoy gerechnet – was wäre das für ein Bild gewesen. Aber der Slytherin war bereits fertig angezogen und wie frisch gestriegelt. „Guten Morgen, Draco. Du kommst gerade rechtzeitig, das Frühstück ist fertig“, begrüßte ihn die Zaubertrankprofessorin freundlich. „Guten Morgen. Was war das gerade für ein Lärm?“ Es hatte ihn alarmiert, als er plötzlich Getrampel am Gang gehört hatte, in Malfoy Manor gab es so was nicht, dort war es immer still, nicht einmal als er ein Kleinkind war, hatte er durch die Gänge laufen dürfen – so etwas schickte sich schließlich nicht. Harry lachte. „Dad und Sirius mussten mal wieder ihren kindlichen Trieben nachgeben.“ Draco zog eine Augenbraue in die Höhe, erwiderte aber nichts, stattdessen ließ er seinen Blick über Potter schweifen, welcher noch immer in seinem Schlafanzug steckte. „Und du bist dabei aus dem Bett gefallen?“ Harry wurde daraufhin leicht rot. Vor seiner Familie war es ihm egal im Pyjama herumzulaufen, aber Malfoy musste ihn nicht unbedingt so sehen. „Ich geh mich schnell umziehen“, rief er und war kurz darauf verschwunden. Lily schüttelte lächelnd den Kopf. Als sie und Draco ihren Weg ins Esszimmer fortsetzten, wandte sie sich an ihn. „Und wie hast du geschlafen?“ Da der blonde Junge ihr in keiner Weise von seinen Albträumen erzählen wollte, sagte er einfach: „Gut, danke.“ Lily sah die Ringe unter seinen Augen, doch sie hackte nicht weiter nach. „Das freut mich.“
Es dauerte nicht lange, bis James, Sirius und Harry zu ihnen stießen, danach wurde ausgiebig gefrühstückt. Sie unterhielten sich nicht sehr viel, doch das schien niemanden zu stören, immerhin war es noch ziemlich früh und die meisten unter ihnen keine Frühaufsteher. Während Draco etwas Zucker in seine Tasse gab, beobachtete er die anderen. James las den Tagespropheten und nippte hin und wieder an seinem Kaffe, Sirius verspeiste genüsslich einige Semmeln und wurde hin und wieder von Lily darauf hingewiesen, langsamer zu essen. Potter schlürfte an seinem Früchtetee und schien gedanklich ganz wo anders zu sein. Es war für Draco ein Rätsel, wie sie es schafften, dass - egal was sie taten - die Atmosphäre so friedlich wirkte. Auch am Slytherintisch war es meist ruhig, da sie sich nicht so laut und ungehobelt unterhielten wie die Schüler der anderen Häuser. Doch dort wirkte die Stille meist angespannt und erdrückend.
Als James die magische Zeitung zur Seite legen wollte, fragte Draco höfflich: „Mr. Potter, könnte ich einen Blick in den Tagespropheten werfen?“ James grinste, auf Grund Dracos höfflicher Zurückhaltung. Wie es schien, hatte ihn Lorelei in bisschen in die Mangel genommen – der arme Junge. „Ich weiß nicht, ob du kannst, aber du darfst natürlich. Hier bitteschön.“ Er überreichte ihm lächelnd die Zeitung, ehe er hinzufügte. „Und bitte tu mir einen Gefallen: Nenn mich James, ja?“ Harrys Pate schluckte schnell seinen Bissen hinunter. „Und mich Sirius.“ Auch Lily ergriff die Chance um ihr Angebot von gestern zu wiederholen: „Und da wir ja nicht in der Schule sind, bin ich Lily, okay?“ Draco sah sie alle erstaunt an. Er legte nicht viel Wert darauf sie so vertraut anzusprechen, immerhin kannten sie sich nicht. Wieso also bestanden sie darauf? Der Slytherin öffnete den Mund, schloss ihn jedoch wieder. Er wurde aus diesen Gryffindors nicht schlau. Draco entschied jeglicher weiteren Diskussion aus dem Weg zu gehen und nickte einfach, ehe sein hübsches Gesicht hinter der aufgeschlagenen Zeitung verschwand.
Nachdem sie das Frühstück beendet hatten, machten sich James, Sirius und Harry fertig für eine Schneeballschlacht. Natürlich hatten sie den Versuch gewagt den blonden Slytherin zu überreden mitzumachen, doch sie hatten damit gerechnet, kalt abserviert zu werden – so war es dann auch. Während die drei dick eingepackt ausgelassen im Garten umhertollten, stand Draco am Fenster seines Zimmers und verfolgte das Schauspiel unter ihm. Er schnaubte, wie konnten sich zwei angesehene Auroren nur so gehen lassen? Doch seltsamerweise verspürte er so etwas wie Neid. Als er noch klein war, hätte er selbst gerne so herumgetollt. Schnell schüttelte er den Kopf, das war lange her, er brauchte diesen sinnlosen Zeitvertreib nicht.
Er war so in Gedanken, dass er nicht hörte, wie sich die Zimmertüre öffnete. Lily sah Draco am Fenster stehen, sie seufzte leise, als sie sein verzerrtes Gesicht sah. Traurigkeit, Neid, Bitterkeit, all das trug sein maskenloses Gesicht zur Schau. „Wenn du möchtest, kannst du immer noch zu ihnen runter gehen“, schlug sie vor. Draco fragte sich, ob es in der Familie lag, dass hier niemand anklopfte. „Nein danke ich habe etwas Besseres zu tun, als mich mit Matsch zu bewerfen, der auf dem Boden liegt“, gab er schnippisch von sich. Als er sich endlich zu ihr drehte und in ihr Gesicht blickte, unterdrückte er den Impuls sich auf die Zunge zu beißen. Hatte er nicht beschlossen, nicht garstig zu sein? Doch Lily schien sich nicht all zu sehr an seinem Ton zu stören, zumindest wies sie ihn nicht zurecht. „Na, wenn das so ist, wollte ich dich fragen, ob du mir in meinem Labor helfen willst“, fuhr sie ruhig fort. „Sie haben ein eigenes Labor?“, kam es überrascht von Draco. Die Rothaarige begann zu schmunzeln, als sie das leichte Glitzern in Dracos Augen sah. Schön langsam fand sie heraus, wie sie den Jungen anpacken musste. „Ja, unten im Keller. Ich habe zwar nicht vor heute einen Trank zu brauen, aber ich habe in Hogsmead einige Trankzutaten besorgt, welche ich gerne dosieren möchte. Und da du einer meiner besten Schüler bist, wollte ich dich fragen und du mir dabei helfen möchtest?“ Sie hatte sich gedacht, dass dem Jungen etwas Ablenkung bestimmt gut tun würde. „Gerne.“ Draco kam dieses Angebot gerade recht, so hatte er wenigstens nicht all zu viel Zeit seinen Gedanken nachzuhängen.
Er folgte seiner Professorin, und als sie die Tür zu ihrem hauseigenen Labor öffnete, musste Draco staunen. Die Wände waren weiß und orange gestrichen, auf den Wänden waren mehrere Regale mit Tranzutaten. Links stand ein großer Schreibtisch, wo einige Einkaufstüten standen. Rechts von ihm standen ebenfalls ein großer Tisch mit einem Kessel und weiteren Zaubertrankutensilien, einige davon hatte selbst Draco noch nie gesehen, weder in dem Labor von seinem ehemaligen Professor Severus Snape, noch bei ihnen zu Hause in Malfoy Manor. „Und was hältst du davon? Es ist etwas klein, aber das Nötigste konnte ich unterbringen“, erklärte Lily. „Aber es reicht vollkommen aus, es ist fantastisch!“ Harrys Mutter konnte ihre Freude nicht verbergen, wie es schien, hat sie ihr Gespür nicht getäuscht, der junge Malfoy war wirklich ein begeisterter Zaubertrankbrauer. „Na komm, lass uns anfangen.“ Gemeinsam begannen sie, die Einkaufstüten auszuräumen. „Willst du lieber die Kräuter schneiden und abwiegen, oder die Flüssigkeiten in Phiolen füllen?“ „Kräuter schneiden wäre mir lieber.“ „Gut. Hier drüben hast du Schneidbrett, Messer und eine Waage. Wenn du bitte mit dem Fieberklee anfangen würdest. Weist du etwas über diese Pflanze?“, fragte Lily und verfiel leicht in ihren Lehrermodus, aber Draco schien das nicht zu stören, an Professor Potter war er schließlich gewöhnt.
„Ja, der Fieberklee - auch genannt Bitterklee oder menyanthes trifoliata - hat, wenn er richtig verwendet wird, fiebersenkende Wirkung.“ Lily nickte zufrieden. „Sehr gut. Weißt du auch, wie du ihn verarbeiten musst?“ Draco überlegte kurz. „Die Blüten abzupfen und zermahlen. Den Stängel dann circa einen Zentimeter lang schneiden.“ „Richtig, die meisten glauben immer, dass man sie ganz fein hacken muss, aber dadurch trocknet der Klee schneller aus. Du kannst dann immer zehn Gramm Blüten in diese kleinen Glaskästchen geben. Bei den Stängeln gibst du bitte zwanzig Gramm in die Phiolen.“ Gesagt, getan. Der junge Slytherin schnappte sich den Klee und ging hinüber zum Arbeitstisch. Lily beobachtet ihn einige Zeit und stellte zufrieden fest, dass er sich etwas entspannte, seine Anspannung war beim Frühstück beinahe greifbar gewesen. Wahrscheinlich lag es dran, dass er sich hier unten nicht so beobachtet fühlte. Lächelnd wandte sie sich den flüssigen Zutaten zu und begann nun ebenfalls mit ihrer Arbeit.
Nachdem sie die letzte Flüssigkeit in eine Phiole abgefüllt hatte, begutachtete sie Dracos Arbeit. „Das hast du sehr gut gemacht. Besser könnte ich es auch nicht.“ Dem Malfoyspross entwich aufgrund des Lobes ein kleines zufriedenes Lächeln. Gemeinsam verstauten sie die frisch befüllten Behälter in Lilys Aufbewahrungsschränken. „Warum haben Sie so viele Zutaten bei sich zu Hause?“, wollte Draco schließlich wissen. „Weißt du, wenn man einen Auror als Mann hat, kann man ja nie wissen, was alles passieren wird. Und so hab ich die Möglichkeit helfende Tränke zu brauen.“ Der Junge nickte verstehend. „Brauen Sie Tränke nur oder experimentieren Sie auch?“ Draco wurde neugierig. „Ich experimentiere auch mit verschiedenen Tränken und bin öfters im Ministerium, um zu helfen.“ „Arbeitest du momentan an einem bestimmten Projekt?“ Lily hielt kurz die Luft an. Draco schien es nicht aufgefallen zu sein, aber er hatte sie gerade geduzt. Sie musste über diese Neugierde und ihre Auswirkung schmunzeln, diese Seite kannte sie von dem Jungen gar nicht. „Ich arbeite gerade an verschiedenen Tränken, aber mein Hauptaugenmerk liegt auf der Verbesserung des Wolfsbanntrankes.“ „Wirklich? Und wie willst du das anstellen?“ „Ich erkläre es dir gerne, aber lass uns nach oben gehen, da ist es doch um einiges gemütlicher, findest du nicht? Außerdem muss ich dir noch die restlichen Zimmer zeigen, nicht, dass du mir hier noch verloren gehst.“
Nach einer kurzen Hausführung verbrachten die beiden den restlichen Vormittag damit, sich über die Verbesserung des Wolfsbanntrankes zu unterhalten. Ihr Gespräch wurde erst unterbrochen als die zwei Rumtreiber mit ihrem Schützling von der eisigen Kälte getrieben, zurück ins warme Haus flüchteten. Lily stellte dabei erschrocken fest, dass Harry mittlerweile so stark zitterte, dass seine Zähne klapperten. „Du gehst sofort hinauf und stellst dich unter die Dusche. Danach ziehst du dir ein paar warme Sachen an. Haben wir uns verstanden?“ Wies sie ihn sofort an. „J-j-ja Mum“, brachte Harry etwas zittrig hervor und verschwand die Treppen hinauf in seine Wohnung. „Und jetzt zu euch beiden. Wie konntet ihr zulassen, dass er sich fast zu Tode friert?“, funkelte sie die beiden Auroren böse an. „Liebes, beruhige dich bitte. Wir haben zu ihm gesagt, dass er uns sagen soll, wenn es ihm zu kalt wird. Wir haben nicht gedacht, dass er so lange wartet“, versuchte James seine Frau zu beruhigen. Lily seufzte. „Na gut. Kommt mit, ihr zwei helft mir jetzt beim Mittagessen herrichten. Draco, wenn du möchtest, kannst du dich einstweilen anders beschäftigen. Möchtest du vielleicht einen Trank brauen?“ „Nein danke, aber ich würde mich gerne in der Bibliothek umsehen.“ Lily nickte. „Du weißt, wo sie ist, wir werden dich dann zum Essen holen.“ Mit diesen Worten schritt sie voraus in die Küche.
Während auch die anderen drei das Wohnzimmer verließen, lehnte sich James etwas weiter zu Draco, damit nur dieser ihn hören konnte: „Sie muss sehr viel Vertrauen in dich haben, wenn sich dich allein in ihr geheiligtes Labor lassen würde. Wie hast du das nur geschafft?“ „Können, Mr. Potter. Können“, grinste er dem Vater seines Rivalen frech ins Gesicht. Dieser grinste zurück. „James, Draco. Nicht Mr. Potter.“
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