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Fanfiction

Eine Art Wunder (leider abgebrochen) - Ein Verdacht

von Lapis

Die Wahrheit ist, dass sich unsere feinsten Momente mit hoher Wahrscheinlichkeit dann ereignen, wenn wir uns zutiefst unbehagl
Die Wahrheit ist, dass sich unsere feinsten Augenblicke mit hoher Wahrscheinlichkeit dann ereignen, wenn wir uns zutiefst unbehaglich, unglücklich und unerfüllt fühlen. Denn nur in solchen Momenten ist es wahrscheinlich, dass wir unsere eingefahrenen Gleise verlassen und uns auf die Suche nach neuen Wegen und wahren Antworten machen.
- M. Scott Peck


4. Kapitel: Ein Verdacht

Die Hauswahlzeremonie und das Jahresanfangsfest zogen wie in einem Nebel an Harry vorüber. Während der gesamten zwei Stunden konnte Harry nur darauf achten, wie die Dinge gleich geblieben waren und wie zur gleichen Zeit alles anders war. Die Schule selbst erstrahlte in gewohnter Pracht von der verzauberten Decke der Großen Halle bis hin zur Riesenkrake, die ihre Fangarme aus den schlammigen Tiefen des Sees in die Luft schlenkerte. Die Erstklässler drinnen wirkten genauso verängstigt wie Harry sich vor sechs Jahren gefühlt hatte, das Essen war reichlich wie immer und die Ansagen zum Jahresbeginn listeten immer noch den Verbotenen Wald und die Fangzähnigen Frisbees (unter vierhundertzweiundneunzig weiteren magischen Gegenständen) als strengstens verboten. Was Harry aber am meisten beschäftigte war das Fehlen jeglicher Hinweise auf den Krieg, der bis vor zwei Wochen getobt hatte. Kein einziges Wort wurde über Schüler und Mitglieder des Kollegiums verloren, die gestorben waren, abgesehen von einer kurzen Erwähnung McGonagalls neuer Aufgabe als Schulleiterin. Und selbst dann kam Dumbledores Name nicht auf.

Daher verbrachte Harry einen großen Teil des Abends damit, McGonagall von seinem Platz am Gryffindor-Tisch aus finster anzustarren. Auch wenn er wusste, dass sie dies nur tat um unnötige Traumata unter den jüngeren Schülern zu vermeiden, brachte es ihn auf, dass sie sich verhielt, als habe es den Krieg nicht gegeben, als ob der um einen Monat verspätete Schulanfang nichts zu bedeuten habe.

Sein Herz schmerzte jedes Mal vor Einsamkeit, wenn er seinen Blick wandern ließ. Überall waren leere Plätze und doch schien es unbegreiflich, dass die früheren Inhaber dieser Sitze für immer gegangen waren. Einige Male drehte er sich sogar um und erwartete Seamus ein paar Plätze von ihm entfernt zu sehen wie er versuchte, wortlos Wasser in Rum zu verwandeln, nur um enttäuscht zu sein, wenn er stattdessen den Nahezu Kopflosen Nick dort gleiten sah. Schließlich starben Geister nicht. Sie blieben auf der Erde, völlig unbeeindruckt durch die Schrecken des Kriegs.

Ron und Hermine schienen sich Harrys Unbehagens bewusst zu sein und versuchten ihn immer wieder von seinen Gedanken an den Krieg abzulenken. Harry hatte das Gefühl, dass Hermine einen großen Teil der Bahnfahrt damit verbracht hatte, Ron zu überzeugen, Harry für seinen Umgang mit Malfoy zu vergeben, denn Rons Benehmen während des gesamten Abendessens konnte man nur als „gezwungen ungezwungen“ beschreiben. Dies linderte Harrys Unruhe natürlich nicht sehr und schließlich musste er sich zu ihnen umdrehen und sagen, dass es ihm gut ginge, dass sie ihn in Ruhe lassen sollten und sie sich später im Gemeinschaftsraum unterhalten würden.

Nur ein Mal während des Festmahls sah Harry zufällig zu den Slytherins. Dieses Jahr schienen sie in geringerer Anzahl anwesend zu sein (wahrscheinlich, weil der größte Teil in Askaban vor sich hin rottet dachte Harry mit grimmigem Vergnügen), aber trotzdem schien sich ihre gesammelte Arroganz nicht verloren zu haben. Sie saßen hochmütig auf ihren Plätzen und hatten alle den gleichen, boshaften Ausdruck auf den blassen Gesichtern. Harry nahm an, dass es eine Slytherin-typische Sache war.

Unbewusst suchten seine Augen nach Malfoy. Der andere Junge saß nah am Ende des langen Tischs, so aufrecht und würdevoll wie immer. Und doch - fast nicht wahrnehmbar waren seine Schultern ein wenig gesenkt und es war dieses - zusammen mit der Tatsache, dass er ohne Crabbe und Goyle an seiner Seite so erbärmlich wirkte - dass er Harry beinahe leid tat.

Diese ungewöhnliche Anteilnahme dauerte aber nur einen Sekundenbruchteil. Harry wurde durch allgemeines Gescharre und Aufbruchstimmung aus seinen Gedanken gerissen. Das Festmahl war vorüber.

Harry versuchte ebenfalls aufzustehen, aber bevor er es schaffte, umringte ihn ein Schwarm von Erst- und Zweitklässlern. Sie alle riefen aufgeregt Dinge wie „Hier ist er!“ und „Ich will ein Autogramm!“ Harry blinzelte nur und war sich nicht recht sicher, was los war.

Glücklicherweise kam Ginny zu seiner Rettung. „Lasst ihn in Ruhe!“ schnappte sie, drängte sich durch die Menge und griff nach Harrys Handgelenk. Sie zog ihn aus seinem Sitz und sagte eilig: „Komm schon, lass uns gehen, bevor noch mehr von denen auftauchen.“

Harry und Ginny schoben sich durch das Gedränge der Schüler und stürmten aus der Großen Halle. Ron und Hermine warteten außerhalb der schweren Eichentüren auf sie.

„Wir dachten, Ginny würde am besten mit den kleinen Kerlen zurecht kommen“, meinte Ron und grinste verlegen.

„Ron!“ verwies ihn Hermine. „Es ist nicht ihre Schuld. Sie haben bisher nur ausgeschmückte und übertriebene Geschichten über Harry gehört. Kein Wunder, dass sie so aufgeregt sind, ihn endlich persönlich zu sehen.“

„Ja, schön, aber da gibt es immer noch etwas, das sich ?das Recht auf Privatsphäre' nennt“, gab Ron zurück. Er stupste Harry in die Seite. „Nicht wahr, Harry?“

Harry blinzelte. Er hatte nicht auf Rons und Hermines Unterhaltung geachtet, aber nun, da er einbezogen wurde, sagte er schnell: „Ja, sicher.“

Hermine und Ginny wechselten besorgte Blicke. Dann packte Ginny Harrys Arm ohne ein Wort und zog ihn hinter sich her.

„Wo gehen wir hin?“ schnaufte Harry und stolperte hinter Ginny her. Seine Augen tränten vor Schmerz, als sich ihre Nägel in seinen Arm gruben.

„Zum Gemeinschaftsraum, Harry, wohin sonst? Ernsthaft, man könnte meinen, es seien Jahre vergangen, seit du zuletzt hier warst.“

Harry runzelte die Stirn. „Es fühlt sich an, als wäre es ewig her“, murrte er, als sie begannen, die Treppen hochzusteigen. „Was ist mit Ron und Hermine?“

„Sie kommen nach. Sie sind Vertrauensschüler, du erinnerst dich? Sie müssen unten bleiben und die jüngeren Schüler zusammentreiben. Oh, und sobald wir drinnen sind, kannst du mir erzählen, wie es mit Malfoy gelaufen ist“, fügte sie hinzu und zog noch einmal fest an Harrys Arm.

Harry war plötzlich ärgerlich. Warum musste er ihr erzählen, wie es mit Malfoy gelaufen war? Es war ja nicht so, dass Ginny alles wissen musste, was in seinem Leben vor sich ging.

Aber sofort nachdem dieser Gedanke aufgetaucht war, überkamen ihn Schuldgefühle. Er war natürlich undankbar. Wenn er nicht mehr mit Ginny, Hermine und Ron reden konnte, mit wem dann?

Malfoy sagte eine leise Stimme im Hintergrund seines Geistes. Malfoy ist genauso einsam wie du. Außerdem schuldet er dir etwas - und er weiß es.

Harry verdrehte die Augen. Es gab nur eine Sache, die schlimmer war als mit Malfoy über seine Probleme zu reden und das war das Wissen darum, dass Malfoy nur zuhörte, weil er dazu verpflichtet war. Harry begann zu verzweifeln und das machte ihn wirklich nervös.

„Ginny“, keuchte er während sie einen leeren Flur entlang eilten, „bist du sicher, dass es zum Gemeinschaftsraum hier entlang geht?“

„Natürlich bin ich sicher“, antwortete Ginny, während sie Harry über ihre Schulter anblickte und die Augen verdrehte. „Ich fange an zu glauben, dass du jemand anders in Harrys Körper bist.“

„Das könnte sein“, murmelte Harry unterdrückt. Zu seiner Erleichterung hatte Ginny ihn nicht gehört.

Als sie schließlich den Gryffindor-Gemeinschaftsraum erreichten, waren sie beide außer Atem. Harry fiel gegen die Wand gegenüber dem Porträt der Fetten Dame und schnappte nach Luft. „Ginny“, brachte er erstickt heraus, „tu das nie wieder!“

Sie lächelte schwach, als sie selbst versuchte, wieder zu Atem zu kommen. „Tut mir leid… ich wollte nur sicher gehen, dass wir nicht wieder von Mitgliedern deines Fanclubs unterbrochen werden…“

„Na ja, wir werden uns wohl beide daran gewöhnen müssen… das heißt, außer du willst mir in meinen Unterricht folgen…“

Ginny fuhr sich über die Stirn, schloss kurz die Augen und murmelte: „Ich schätze, du hast Recht.“

„Wie auch immer, lass uns reingehen“, sagte Harry. Je weniger Zeit sie im Flur herum lungernd verbrachten, desto besser. Tatsächlich wünschte er sich in diesem Augenblick nichts mehr als allein zu sein, aber er hatte das Gefühl, dass dieser spezielle Wunsch in der näheren Zukunft nicht in Erfüllung gehen würde.

Während Ginny versuchte, sich an das Passwort zu erinnern, das sie von Hermine bekommen hatte, fragte sich Harry, was Malfoy gerade tat. Ich hoffe, jemand bewacht ihn, falls er versucht zu entwischen dachte er in plötzlicher Panik. Er traute Malfoy immer noch nicht, besonders im Hinblick auf die ganzen Zaubertrankzutaten, die er angeblich in der Winkelgasse gekauft hatte. Und was war es nur gewesen, weswegen er morgens am Bahnhof sicher gehen musste, dass er es dabei hatte? Es war wirklich alles sehr verdächtig.

„Harry?“

Harry blinzelte. Offenbar war Ginny das Passwort wieder eingefallen, denn sie kniete nun in dem offenen Porträt und blickte ihn erwartungsvoll an.

„Tut mir Leid“, entschuldigte er sich und kletterte ihr nach.

Wie sich herausstellte war der Gemeinschaftsraum nicht der geeignetste Ort, um die Ruhe und den Frieden zu finden, die Harry sich wünschte. Tatsächlich entpuppte er sich als das genaue Gegenteil, sobald Harry eintrat.

„Merlins Bart, es ist Harry!“

„Harry Potter!“

„Ist es wirklich Harry Potter?“

„Erzähl uns die ganze Geschichte, Harry!“

Harry, Harry, Harry. So ging es. Resigniert pflasterte Harry ein bescheidenes Lächeln auf sein Gesicht und begann Federkiele entgegen zu nehmen.

---

Als es Zeit wurde, zu Bett zu gehen, verschwand einer der Gryffindors nach dem anderen aus dem Gemeinschaftsraum in die Schlafräume. Um Mitternacht waren nur noch drei Schüler übrig und die zusammengekauerten Gestalten hoben sich vor dem herunterbrennenden Feuer ab.

„Ginny, bist du sicher?“ fragte eine von ihnen in gedämpftem Ton.

„Ich sag's dir, Hermine, es ist wahr. Hier - schau dir diesen Artikel an.“

Ein sanftes Rascheln war zu hören, als Ginny einen Zeitungsausschnitt aus ihrer Tasche zog und den anderen hinhielt. Hermine nahm ihn, überflog ihn kurz und reichte ihn zurück.

Zweifelnd meinte sie: „Da steht, dass er von Rita Skeeter geschrieben wurde.“

„Diese Kuh?“ warf das dritte Mitglied des Trupps ein.

„Halt den Mund, Ron. Ich weiß, dass sie nicht die verlässlichste Quelle ist, aber - “

„Schwachsinn! Ich weigere mich, das zu glauben. Erzähl mir nicht, dass du das tust, Hermine.“

„Naja, es klingt wie etwas, das Harry tun würde.“

Das war eindeutig nicht die Antwort, die Ron hören wollte. „Du meinst, nach allem, was sie über Harry gesagt hat, würdest du diesen… diesen Unsinn glauben?“

„Ron, könntest du für eine Minute aufhören, dich wie ein dickköpfiger Idiot zu benehmen?“ blaffte Ginny ihren älteren Bruder an. „Findest du es kein bisschen verdächtig, dass Harry um Malfoy herum geschlichen ist, dass er angeboten hat, mit ihm im Zug zu fahren?“

Ron antwortete stur: „Er wollte McGonagall einen Gefallen tun. Es ist mir egal, was ihr beide sagt… Ich werde Skeeters Mist nicht glauben, bis Harry es selbst bestätigt.“

Dieser Erklärung folgte das Geräusch von Füßen, die durch den Gemeinschaftsraum hinüber zur Treppe stampften. Als das Echo von Rons Schritten auf der steinernen Treppe verhallte, seufzte Hermine.

„Ist es dir recht, wenn ich Harry deswegen morgen früh frage?“ fragte sie Ginny, als ob sie nicht unterbrochen worden wären. „Ich bin sicher, er hatte seine Gründe, dir nichts zu sagen…“

„Oh, ja, kein Zweifel.“

„ - aber wenn ich ihn dazu bringe, mir die ganze Geschichte zu erklären, sollte es sicher für dich sein zu verraten, dass du… darüber Bescheid weißt.“

„Wahrscheinlich denkt er, dass er mich beschützt, dieser so überaus anständige Idiot“, schnaubte Ginny. „Aber ich nehme an, du hast Recht. Danke, Hermine.“

„Nein, danke, dass du es mir erzählt hast. Ich fürchte nur, dass Ron es nicht so einfach akzeptieren wird…“

Ginny lachte. „Harry wird schon mit ihm fertig werden.“ Sie stand auf und rieb sich müde die Augen. „Gute Nacht, Hermine.“

„Gute Nacht, Ginny.“

---


Inzwischen schlich Harry die stockdunklen Flure von Hogwarts entlang, geschützt durch seinen Tarnumhang und nur geleitet durch das von seinem Zauberstab ausgehende Licht.

Obwohl er in der Vergangenheit schon viele Male den Weg vom Gemeinschaftsraum zur Bibliothek zurückgelegt hatte, fühlte er trotzdem ein Gefühl von Beklemmung sein Rückgrat hinauf kriechen, während er einen schmalen Korridor entlang eilte, der von Rüstungen gesäumt war. In der Nacht allein im Schloss unterwegs zu sein war nie eine gute Idee, egal wie gut man die geheimen Durchgänge kannte. Was, wenn er sich verirrte? Würde jemand nach ihm suchen?

Selbstverständlich würden sie versicherte er sich selbst fest. Wahrscheinlich würden sie sogar die gesamte Eingreiftruppe des Zaubereiministeriums mitbringen.

Als Harry in einen breiten Gang abbog, verfluchte er sich innerlich dafür, dass er die Karte des Herumtreibers nicht mitgenommen hatte. Andererseits hatte er kaum Zeit gehabt, nach ihr zu suchen - Ron hätte ihn beinahe erwischt, als er unter dem Tarnumhang aus dem Schlafraum geschlichen war.

Als Harry schließlich die Bibliothek erreichte, beäugte er besorgt die geschlossene Tür. Würde sie sich öffnen? Zu seiner Erleichterung ließ sich der Türgriff ohne Probleme bewegen.

Harry trat ein und schloss die schwere Tür leise hinter sich. Er sah sich um. Das Innere der Bibliothek war durch das blasse Mondlicht, das durch mehrere große Oberlichter fiel, schwach erleuchtet. Überzeugt, dass Madam Pince sich schon längst in ihre Zimmer zurückgezogen hatte, zog Harry seinen Umhang aus und löschte das Licht seines Zauberstabs.

Eigentlich wusste er nicht, warum er hier war. Alles, was er wollte, war ein Ort, um allein zu sein und nachzudenken und die Bibliothek war die erste Möglichkeit, die ihm in den Sinn gekommen war.

Harry steckte den Zauberstab in die Hosentasche, hielt den Tarnumhang fest umklammert und bewegte sich verstohlen zu den Reihen der Bücherregale. Er wusste nicht, wohin genau er ging, sondern ließ seine Füße entscheiden, wohin sie ihn trugen, bis er im rückwärtigen Teil der Bibliothek anlangte, wo Reihen von Sitzkissen die Allgemeine Abteilung von der Verbotenen Abteilung trennten.

Harry ließ sich auf einem der Sitzkissen nieder und blickte sich um. Die Bücherregale warfen Schatten, die sich scheinbar ins Unendliche erstreckten und den größten Teil von Harrys Umgebung in Dunkel tauchten. Er schluckte und wandte die Augen ab.

Er fühlte sich plötzlich eingesperrt. Was tat er überhaupt hier in der Bibliothek? Er war nie jemand gewesen, der zum Vergnügen las und sicherlich würde er nicht jetzt damit beginnen. Im Augenblick musste er hinaus ins Freie - zum See vielleicht oder gar zum Verbotenen Wald…

Harry entschied, dass der Letztere ihm im Moment seltsam einladend schien, stand auf, griff nach seinem Umhang und machte sich auf den Weg zum Haupteingang. Aber als er durch die Zauberabteilung kam, hörte er ein raschelndes Geräusch und erstarrte. Es kam aus dem stillen Studienbereich der Bibliothek. Harry war plötzlich bange, blieb mehrere Minuten lang still und atmete so leise wie möglich. Wer nur konnte mitten in der Nacht in der Bibliothek sein?

Ein wilder Gedanke durchzuckte ihn. Was, wenn es der Geist eines Schülers war - Ernie Macmillan zum Beispiel? Hatte Ernie vielleicht beschlossen, einen Abdruck seiner Selbst im Schloss zu hinterlassen, da er es nicht geschafft hatte, das ganze Eine Geschichte von Hogwarts zu lesen, bevor er starb?

„Ernie?“ flüsterte er mit zittriger Stimme während er sich in die Richtung bewegte, aus der das Geräusch seiner Vermutung nach gekommen war.

Stille. Dann fragte eine kalte Stimme ungläubig: „Hast du mich gerade für einen Hufflepuff gehalten?“

Harrys Kinn fiel ihm auf die Brust, als er zwischen den Bücherregalen heraus- und in den Studienbereich trat, Draco Malfoy saß an einem niedrigen Tisch, in Mondlicht gebadet, und funkelte Harry höchst gekränkt an.

„Malfoy?“ rief Harry zutiefst verblüfft aus.

„Sei leise“, schnappte Malfoy und sah sich flüchtig um. Er legte das Buch nieder, das er in Händen gehalten hatte. „Warum zum Teufel bist du hier, Potter?“

Harry schüttelte den Kopf während er noch versuchte, sich von dem Schock zu erholen, um Mitternacht über Malfoy zu stolpern - und dies ausgerechnet in der Bibliothek. „Ich könnte dich das gleiche fragen“, sagte er und näherte sich Malfoy.

„Was tust du?“ fragte Malfoy plötzlich alarmiert. „Setz dich um Merlins Willen nicht hierher!“

Aber Harry hatte sich schon gegenüber von Malfoy niedergelassen. Misstrauisch fragte er: „Haben sie dir nicht verboten, dein Schlafzimmer nachts zu verlassen?“

Malfoys bleiches Gesicht und Haar schienen im Halbdunkel zu leuchten als er schneidend antwortete: „Es ist nicht deine Sache, wohin ich nachts gehe.“ Die Panik war so schnell aus seiner Stimme verschwunden wie sie aufgetaucht war.

„Was tust du?“ wollte Harry wissen, ohne auf seine vorherige Frage zurückzukommen. Er blickte auf zusammengeknüllte Pergamentstücke und auf dem Tisch verstreute Bücher. „Der Unterricht hat noch gar nicht angefangen, du kannst unmöglich schon Hausaufgaben machen.“

„Du bist so ein neugieriger Arsch, Potter“, sagte Malfoy nur und öffnete sein Buch wieder. „Und nun zieh Leine, ich bin beschäftigt.“

Harry wurde wütend. „Sei nicht so ein arroganter Mistkerl, Malfoy!“ sagte er verärgert. „Falls du es nicht bemerkt hast, ich - “

„Spar dir den Mist“, unterbrach ihn Malfoy. „Du hast mich jetzt oft genug daran erinnert, dass du ?mein Leben gerettet hast' wie du es zu nennen beliebst. Aber egal wie oft du es sagst, es ist mir egal.“

Harry grinste selbstgefällig. Er wusste, das Malfoy absichtlich ein kleines Detail ausgelassen hatte. „Du bist in meiner Schuld“, sagte er.

Malfoy sah scharf auf. Das Mondlicht spiegelte sich in seinen zusammengekniffenen Augen. „Nein, bin ich nicht“, antwortete er kalt.

Harry legte einen Finger auf seine Lippen und täuschte Nachdenklichkeit vor. „Bist du sicher? Wenn ich mich richtig erinnere, schuldest du mir nun so etwas winzig Kleines, Lebensschuld genannt. Diejenige, die Pettigrew mir schuldete, kam recht gelegen, als er starb, so dass ich Voldemort töten konnte, weißt du.“

Wieder sagte Malfoy: „Halt den - Mund!“ Dieses Mal klang es abgehackt. Er knallte sein Buch zu. Das Geräusch hallte in der stillen, staubigen Luft der Bibliothek wider, aber Malfoy schien es nun gleich zu sein. Seine Lippen wurden schmal und er flüsterte zornig: „Ich schulde dir nichts, Potter.“

Harry grinste. Wenn nur Ron hier wäre… Der würde sich nicht zu lassen wissen vor Freude, Malfoy so nervös zu sehen… Aber natürlich würde Ron vor allem wütend sein, dass Harry sich mitten in der Nacht davon geschlichen hatte, um in der Bibliothek mit Malfoy herumzuhängen.

In einem viel ernsthafteren Ton fragte Harry: „Nun, Malfoy, du hast mir immer noch nicht gesagt, was du um Mitternacht in der Bibliothek treibst.“

Zu Harrys Überraschung antwortete Malfoy dieses Mal. „Ich arbeite.“

„Du arbeitest an was?“

Malfoy schüttelte hochmütig ein paar Strähnen blonden Haares zurück, die ihm in die Augen gefallen waren und funkelte Harry an.

„Du hast mich vorhin Macmillan genannt“, stellte er fest, dabei elegant Harrys Frage umgehend.

Harry blinzelte. „Ich - “, sagte er und zögerte. Er spürte einen ungehaltenen Stich angesichts der herablassenden Art, in der Ernies Name ausgesprochen wurde. Auch wenn er nicht sehr gut mit ihm befreundet gewesen war, war er doch der Meinung, dass der frühere Vertrauensschüler mehr Respekt verdiente.

„Ist er nicht tot?“ setzte Malfoy ihm weiter zu, ohne Harrys Unbehagen wahrzunehmen (oder, was wahrscheinlicher war, entschlossen, es zu ignorieren).

„Ja, ist er“, schnappte Harry und hasste die Endgültigkeit dieser Aussage. „Ich dachte nur…“

Malfoy beobachtete Harry genau mit ausdruckslosem Gesicht. Als er schließlich sprach, klang es fast, als hätte er Mitleid mit Harry. „Macmillan war nicht blöd genug, um ein Geist werden zu wollen.“

Harry atmete scharf ein. „Was meinst du damit?“

„In einem Zustand zwischen Leben und Tod gefangen zu sein ist keine angenehme Erfahrung, Potter“, sagte Malfoy und verdrehte die Augen. „Macmillan würde das wissen.“

„Oh…“

Harry machte sich nicht die Mühe, Malfoy zu fragen, woher er wusste, was Harry dachte. Malfoy hatte natürlich Recht, auch wenn Harry das niemals laut zugeben würde. Er hatte Harry an etwas erinnert, was der Nahezu-Kopflose Nick ihm im fünften Jahr nach Sirius' Tod gesagt hatte: „Ich hatte Angst zu sterben. Ich wollte zurück bleiben. Manchmal frage ich mich, ob es das Richtige war…“

Ernie hätte das nicht getan. Im Gegenteil, Ernie würde eifrig die Gelegenheit ergreifen, eine neue Welt kennen zu lernen… eine Welt, in der er die vorher nicht greifbaren Mysterien einer Existenz nach dem irdischen Leben erforschen konnte… Ja, das würde Ernie gefallen.

„Oh“, sagte Harry wieder, dieses Mal sehr traurig.

„Oh, reiß dich zusammen“, unterbrach Malfoy gedehnt Harrys Gedanken. „Wenn du hierher gekommen bist, um deine verstorbenen Freunde zu betrauern, schlage ich vor, dass du das woanders tust.“

Harry hielt eine Erwiderung über Malfoys Mangel an Mitgefühl zurück. Schließlich waren tröstende Worte nicht unbedingt eine Kompetenz der Slytherins.

Einige Minuten vergingen in Stillschweigen. Malfoy hatte sein Buch wieder zur Hand genommen, während Harry abwesend aus einem Fenster starrte, das auf den Verbotenen Wald
hinaus blickte. Hin und wieder stieg ein Thestral aus den Bäumen auf, ein schwarzer Streifen in einer noch schwärzeren Nacht, bevor er wieder in den Schutz des Waldes zurückkehrte. Jedes Mal wenn das geschah, setzte Harrys Herz einen Schlag lang aus und der Atem stockte ihm - nicht aus Furcht, sondern aus Staunen, denn über die Zeit hatte er begonnen, die ätherische Schönheit dieser Kreaturen zu sehen.

„Hast du jemals einen Thestral gesehen?“ brach Harry schließlich die Stille. Er blickte neugierig hinüber zu Malfoy, dessen bleiche Züge in Konzentration zusammen gezogen waren während er las.

„Ja“, erwiderte Malfoy, ohne die Augen von seinem Buch zu heben.

„Wo?“

„Vater züchtete sie für den Dunklen Lord“, antwortete Malfoy gleichmütig und blätterte sorgsam eine dünne Seite um, als ob ihn die Vorstellung einer Herde von geflügelten, knochigen Pferden in seinem Hinterhof nicht im Geringsten beunruhigte.

Harry verzog sein Gesicht bei dem Gedanken. „Das meine ich nicht“, sagte er schnell. „Oder, doch, ja, das meine ich, aber… Wie kam es, dass du sie sehen kannst?“

Malfoy blickte schließlich ungläubig auf zu Harry. „Meinst du das Ernst, Potter? Ich hätte gedacht, dass gerade du dich erinnerst, was uns der trottelige Riese im fünften Jahr gelehrt hat.“

„Er heißt Hagrid“, schnappte Harry. Die Wunde in seinem Herzen schmerzte, Hagrid war ein weiteres Opfer des Kriegs gewesen - genauer gesagt, der Überfälle der Riesen. „Und ich weiß, wie es kommt, dass Menschen Thestrale sehen können, mir war nur nicht bewusst, dass du jemanden… jemanden…“

Seine Stimme erstarb als er sich erinnerte, dass Malfoy Zeuge des Mordes an Bellatrix und zweifellos vieler weiterer während des Kriegs gewesen war. Innerlich schlug er sich gegen den Kopf dafür, dass er etwas so Wichtiges vorübergehend vergessen hatte. Andererseits war es nicht einfach, sich Malfoy, den brutalen Todesser, vorzustellen, während man mit Malfoy, dem hilflosen, halbwüchsigen Flüchtling, in der Bibliothek saß.

„Schon gut“, sagte er schnell.

„Du bist armselig, weißt du das“, sagte Malfoy in normalem Gesprächston, legte die Hände auf die offenen Seiten seines Buchs und starrte Harry in die Augen. „Du hast solche Angst vorm Tod, dass du nicht einmal darüber reden kannst. Wissen deine Fans das?“

Harrys Blut kochte vor Wut. Malfoy legte seine Worte falsch aus, wie immer. „Wenn die Alternative dazu ist, so abgestumpft zu sein, dass Morden einfach wird, dann habe ich lieber Angst“, antwortete er.

Malfoy lachte kalt. „Es ist nicht die einzige Alternative. Du könntest lernen, den Tod einfach als einen Teil des Lebens zu betrachten. Ehrlich, Potter, ich hätte nie gedacht, dass du jemand bist, der die Welt so vereinfacht. Offen gestanden, ich hätte vom Auserwählten mehr erwartet.“

„Ich habe nicht mehr zu geben“, sagte Harry erstickt und war sich nur schwach bewusst, dass er im Begriff stand, die Kontrolle über seine Gefühle zu verlieren. „Wenn du mehr erwartet hast, bist du besser dran, wenn du es in jemand anderem suchst.“

---

Potters emotionaler Zusammenbruch hatte Draco gründlich aus der Fassung gebracht, um das mindeste zu sagen. Sicher, er hatte versucht, ihn zu provozieren, aber er hatte nicht erwartet, dass Potter so einfach auseinander fallen würde. Hämisch sagte er: „Denkst du, das interessiert mich?“

Seelenpein wirbelte in Potters Augen, aber er schien sich wieder gefasst zu haben. „Nein, Malfoy, das denke ich nicht. Und ich würde es sogar zu schätzen wissen, wenn es dich nicht interessiert.“

Draco hob eine Augenbraue, immer noch leicht verstört durch Potters kurzen Wortschwall. „Ich kann nicht behaupten, dass ich dir glaube. Für mich sieht es so aus, als ob du jemanden suchst, zu dem du heulend rennen und alle Details deiner ach-so-tragischen Existenz loswerden kannst. Wobei diese überhaupt nicht so tragisch ist, wie ich hinzufügen muss, wenn man bedenkt, dass du immer noch deine Freunde, deine feste Freundin, deine Freiheit - oh, und nicht zu vergessen, die ganze verdammte Welt zu deinen Füßen hast.“

„Na, du bist jedenfalls nicht dieser Jemand“, knurrte Potter. „Also kannst du jetzt erleichtert aufseufzen.“

Draco feixte. Es war wirklich sehr amüsant, Potter zappeln zu sehen. Nichtsdestotrotz war er mit einem Vorsatz in die Bibliothek gekommen, also begann er ohne weiteren Kommentar wieder durch sein Buch zu blättern.

Aber eine kurze Zeit später unterbrach ihn Potter abermals.

„Was hast du vor?“

Draco seufzte. „Zum letzten Mal“, sagte er eisig, „ich plane nichts, was der Aufmerksamkeit des Auserwählten würdig wäre. Niemand wird getötet, gequält, besessen oder auf sonst irgendeine Art und Weise verletzt werden.“

„Aber du hast irgendetwas vor“, stellte Potter scharfsinnig fest.

Draco biss die Zähne zusammen. Er hatte genug von Potters Stimmungsumschwüngen und unablässigen Bohren. Er stand auf und sammelte die Bücher ein, die er um sich herum verteilt hatte. Mit einem Wink seines Zauberstabs befreite er den Tisch von zerknülltem, benutztem Pergament.

„Ich bin nicht in der Stimmung für Smalltalk, falls du es nicht bemerkt haben solltest“, sagte er kalt, als er sich umdrehte, um zu gehen. „Es war mir ein Vergnügen, Potter, aber es ist Zeit für mich zu gehen.“

Damit ging er.

---

Obwohl Malfoys abrupter Aufbruch unerwartet kam, fühlte sich Harry nicht entmutigt. Seine Hände hatten danach gejuckt, nach einem der weggeworfenen Pergamentstücke zu greifen, aber die Befriedigung wollte er Malfoy nicht geben. Stattdessen wartete er auf das entfernte Geräusch der sich öffnenden und wieder schließenden Tür, dann erst bückte er sich und verschwand unter dem Tisch. Augenblicke später tauchte er wieder auf und hielt triumphierend einen zusammengeknüllten Pergamentball umklammert, den er vorher neben dem Tischbein hatte liegen sehen. Er glättete die Falten und las die ordentliche, eng geschriebene Handschrift:

- Lies: Eine Geschichte von Hogwarts
- Werde unsichtbar
- Erlebe

Aber der Rest der letzten Zeile war so gründlich durchgestrichen worden, dass Harry nicht einmal den Hauch einer Ahnung hatte, was dort gestanden hatte. Verwirrt lehnte er sich zurück und starrte nachdenklich auf die Worte, die Malfoy geschrieben hatte. Was bedeuteten sie? Hatte Malfoy vor, Probleme zu machen, während er unsichtbar war? Aber was hatte Eine Geschichte von Hogwarts damit zu tun, falls es so war?

Je genauer Harry die Liste studierte, umso klarer wurde ihm, dass wirklich nichts Gefährliches daran war. Trotzdem war Harry misstrauisch. Er wusste nur zu gut, dass Malfoy absolut in der Lage war, seine wahren Absichten vor anderen zu verheimlichen.

Harry schob seinen Stuhl zurück, stand auf und nahm sich fest vor, in Zukunft ein scharfes Auge auf Malfoy zu haben. Über eine Stunde war vergangen, seit er Malfoy gefunden hatte, er musste zum Gemeinschaftsraum zurückkehren, bevor seine Abwesenheit entdeckt wurde. Er benutzte seinen Zauberstab, um die restlichen benutzen Pergamentstücke verschwinden zu lassen, die Malfoy übersehen hatte, und verließ die Bibliothek tief in Gedanken.


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