
von Lapis
A/N: Ich muss mich für die Verzögerung entschuldigen, RL und meine neu entdeckte Musical-Leidenschaft haben dafür gesorgt, dass ich die letzten beiden Monate kaum zum Übersetzen kam. Aber nun gehts weiter. Viel Spaß!
Und natürlich vielen Dank für die Kommentare, die während meiner langen Abwesenheit hier noch eingetrudelt sind!
m_roxan: Falls du holprige Stellen findest und Zeit und Lust hast, würde ich dich auf jeden Fall bitten, mir Bescheid zu geben! Ich habe zwar eine Beta-Leserin und habe auch das Gefühl, dass es von Kapitel zu Kapitel einfacher wird, aber manchmal hat man einfach einen Block und findet nicht die passende Redewendung...
Und ja, ich finde auch mit am besten, dass die Jungs so IC sind und sich alles so schön langsam entwickelt und sie nicht gleich im 2. oder 3. Kapitel übereinander fallen (weil sie sich ja schon immer heimlich liebten oder so *Augenroll*)
Nicht die Dinge, die wir leidenschaftlich verfolgen, machen uns glücklich, wenn wir sie erringen
Nicht die Dinge, die wir leidenschaftlich verfolgen, machen uns glücklich, wenn wir sie erringen. Die größten Freuden kommen aus unerwarteten Quellen.
- Herbert Spencer
Kapitel 5: Eine Unterredung
Harry erwachte früh am nächsten Morgen. Er war schweißnass und in seinen Bettlaken verheddert. Er keuchte als sei er die ganze Nacht vor einem unsichtbaren Monster davon gerannt, aber wusste nicht warum. Überbleibsel eines Alptraums, an den er sich nicht recht erinnern konnte, zogen durch sein Bewusstsein wie Nebelstreifen kurz bevor die Morgensonne sie verscheucht, aber als er blinzelte, lösten sie sich auf. Er rieb seine Narbe, etwas, das er oft tat, wenn er aus verstörenden Träumen aufwachte und wartete darauf, dass sich sein Atem normalisierte.
Immer noch pochte sein Herz wie wild, die Leere in ihm schmerzte mehr als jemals zuvor und in seinem Bauch saß eine seltsame Furcht, als er nach der Brille auf seinem Nachttisch griff, sie aufsetzte und sich Stirn runzelnd aufrichtete. Der Kalender auf der anderen Seite des Raums zeigte in glänzenden, roten und goldenen Lettern „Montag, 12. Oktober 1997“.
Er blickte sich um. Dean schlief friedlich mit dem Kopf auf einem ausgestreckten Arm und Rons Vorhänge waren zugezogen. Harry stand langsam auf, um seine Zimmergefährten nicht zu wecken und suchte seine Sachen zusammen. Als er zur Tür ging, gab er sich Mühe, nicht in Richtung der beiden leeren Betten zu blicken, die ihn schmerzlich an Seamus' und Nevilles Abwesenheit erinnerten.
In dem Moment, als Harry nach draußen trat, traf ihn ein Schwall kühler Luft und er fröstelte. Irgendjemand hatte das Fenster auf dem Treppenabsatz offen gelassen. Idiot dachte er mürrisch und drückte das Kleiderbündel an seine Brust. Die Duschen der Jungs waren zum Glück frei. Es war ohnehin zu früh, als dass irgendein Schüler sie schon benutzen würde. Harry war erleichtert, dass er im Augenblick nicht mit spionierenden Hausgenossen rechnen musste, zog schnell seinen Pyjama aus, legte seine Brille auf den Beckenrand und trat in die nächste Dusche.
Das warme Wasser war beruhigend. Es war lange her, seit Harry richtig geduscht hatte, während des Kriegs hatte es nicht viele Gelegenheiten gegeben, sich gründlich zu säubern. Harry entschied, dass „warm“ nicht gut genug war und drehte den Knauf bis das Wasser siedend heiß war. Es regnete auf seine Schultern und seinen Rücken wie Tropfen flüssigen Feuers. Das Brennen war beinahe angenehm, zumindest verscheuchte es die verbliebenen Geister seines Alptraums und das reichte ihm.
Einige Minuten später drehte Harry das Wasser ab. Er blieb eine Weile in dem stickigen Dampf stehen und genoss, wie seine Haut nach dem Angriff, den sie hinter sich hatte, prickelte. Schließlich trat er aus der Dusche und nahm ein Handtuch vom Halter. Nachdem er sich abgetrocknet hatte, wickelte er sich das Handtuch um die Hüften, setzte die Brille auf, hob den Pyjama auf und verließ das Bad ohne einen einzigen Blick in den Spiegel.
Dieses Mal fühlte sich die kühle Luft im Treppenhaus gut an auf seiner sensibilisierten Haut. Harry atmete tief ein und genoss es, wie der Atemzug in seiner Lunge ankam und sich von dort kühlend in seinen Körper verteilte.
Ron und Dean schliefen immer noch, als Harry in den Schlafsaal zurückkehrte. Harry wollte sie nicht stören und zog leise ein altes T-Shirt und ausgefranste Jeans an. Aber als er bei den Socken ankam, zögerte er. Wozu zog er sich um? Frühstück würde es frühestens in einer Stunde geben und niemand sonst war wach.
Achselzuckend zog er sich die Socken an und stand auf. Er würde einen Spaziergang machen. Es war ein schöner Tag, wenn auch ein wenig kühl, aber kühl war gut. Kälte betäubte seine Gefühle und Erinnerungen und ließ ihn vergessen. Kälte war das Gegenteil von Hitze, die seine Bitterkeit milderte, aber es funktionierte ebenso gut.
Harry fand seine Schulrobe auf einem Haufen neben seinem Koffer und schlüpfte hinein. Als er mit Anziehen fertig war, verließ er den Schlafsaal zum zweiten Mal.
Seinem ersten Eindruck nach war der Gemeinschaftsraum leer, aber als er sich dem Kamin näherte, bemerkte er, dass es sich jemand auf einem der Sofas gemütlich gemacht hatte. Er räusperte sich laut.
Die Person bewegte sich und die Robe, die über ihr lag, fiel herunter und enthüllte Hermines verschlafenes Gesicht. „Harry?“ fragte sie schlaftrunken.
„Hermine?“ Harry starrte sie verblüfft an. „Äh… Was tust du hier?“ Sie wirkte einen Augenblick lang verwirrt, als ob sie sich nicht recht erinnern könnte, aber dann weiteten sich ihre Augen. „Ich wollte dich etwas fragen, deshalb bin ich früh aufgestanden und heruntergekommen, um auf dich zu warten. Ich muss eingedöst sein.“
„Das hättest du nicht tun müssen“, sagte Harry irritiert. „Es hätte dich nicht umgebracht bis zum Frühstück zu warten, oder?“
„Es ist wirklich dringend. Deshalb wollte ich dich abfangen, bevor du gehst.“ Sie rutschte unbehaglich hin und her und sagte mit leiser, nervöser Stimme: „Ich habe herausgefunden, wer es getan hat - wer dafür gesorgt hat, dass Malfoy frei kommt.“
Harry gefror auf der Stelle. Sie… Aber wie? Es konnte sein, dass sie einfach nur McGonagall meinte dachte er hoffnungsvoll, aber als er den unsicheren Ausdruck in ihrem Gesicht wahrnahm, wusste er mit absoluter Sicherheit, dass sie herausgefunden hatte, was er unvernünftigerweise gehofft hatte, vor ihr, Ron und Ginny geheim zu halten.
Er schaffte ein schwaches: „'Frei kommen' würde ich es nicht nennen.“ Dann ließ er sich neben Hermine auf das Sofa fallen und fragte befangen: „Wer… wer war es?“
Sie schätzte ihn mit einem wissenden Blick ab. „Du warst es, nicht wahr?“
Harry fuhr sich mit der Hand durch das Haar und sagte kein Wort. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte sich gedacht, dass Hermine es schließlich herausfinden würde, hatte sich gedacht, dass sie in den gesammelten Zeitungen in der Bibliothek nachschauen würde oder irgendetwas, aber das machte die Erklärung nicht leichter. All die Entschuldigungen, die er sich ausgedacht hatte, seit er den Gerichtssaal verlassen hatte (Ausreden wie „ich war immer noch unter dem Einfluss des Vergessenstranks und wusste nicht mehr, wer Malfoy war“), würde jemand, der so intelligent war wie Hermine, ohnehin nicht glauben.
„Warum hast du das getan, Harry?“
Harry blickte Hermine schuldbewusst an. Sie sah nicht ärgerlich oder enttäuscht aus wie er erwartet hätte, sondern nur verwundert.
„Ich…“ Er atmete tief ein und wurde sich bewusst, dass Ron und Hermine nichts über die Nacht wussten, in der er Bellatrix getötet hatte. Vielleicht ist es an der Zeit, es ihr zu erzählen dachte er. Ich kann es nicht ewig für mich behalten. „Malfoy hat mich gerettet, Hermine. In der Nacht, in der ich aus dem Hauptquartier entwischt bin - die Nacht, als Rons Eltern ermordet wurden - ich war da, ich habe es gesehen. Ich habe die Beherrschung verloren und wäre beinahe von den Todessern gefangen genommen worden. Aber Malfoy deckte mich, er gab mir die Gelegenheit, Bellatrix zu… zu töten.“
Hermine war sprachlos. „D- du meinst, er hat dir das Leben gerettet?“
„Nein, so würde ich es nicht nennen“, sagte Harry hastig. „Eher, dass er mir eine Menge Probleme erspart hat. Ich hatte meinen Tarnumhang fallen lassen und er war der einzige, der mich gesehen hat… aber er hat mich nicht verraten.“
„Aber Harry, warum sollte er das tun?“
„Ich weiß es nicht, Hermine!“ Harry fühlte sich plötzlich frustriert und müde. Am liebsten wäre er wieder schlafen gegangen. „Das war's weshalb ich ihn gerettet habe. Das heißt, ich weiß eigentlich nicht warum. Aber ein Teil davon war, dass ich das Gefühl hatte, ihm etwas schuldig zu sein.“
Hermine starrte Harry mit zitternder Unterlippe an. „Bist du absolut sicher, dass Malfoy dich in jener Nacht gesehen hat? Du hast gesagt, du warst nicht ganz bei dir… Vielleicht hast du dir eingebildet, dass du entdeckt warst, aber -“
„Ich denke mir das nicht aus!“ unterbrach Harry sie mit lauter Stimme. Er schloss die Augen und massierte seine Schläfen. Mit leiserer Stimme fügte er hinzu: „Denkst du wirklich, ich würde mir etwas einbilden, was ich gar nicht möchte?“
„Nein, das nicht. Ich traue deiner Einschätzung. Aber seiner traue ich nicht. Ich verstehe einfach nicht, warum er so etwas tun würde.“ Hermine seufzte und zog ihre Knie an die Brust. „Warum hast du Ron und mir nicht früher davon erzählt?“
„Ich hab dir doch schon gesagt, dass ich während der Zeit, in der wir nicht zusammen waren, eine Menge Dinge getan habe, von denen es mir lieber ist, wenn ihr nichts davon wisst.“
„Aber warum?“ fragte Hermine leise. „Warum kannst du uns nichts erzählen? Du brütest die ganze Zeit über diese Dinge und es macht dich fertig.“ Als sie Harrys zweifelnden Gesichtsausdruck wahrnahm, fügte sie streng hinzu: „Schau mich nicht so an, Harry Potter. Auch wenn du ziemlich gut schauspielerst, kann ich trotzdem sehen, dass du leidest. Wir sind jetzt seit fast sieben Jahren Freunde, glaubst du wirklich, dass ich es nicht merke, wenn du dich veränderst?“
„Ich habe eine Menge Menschen getötet. Andere als Voldemort, meine ich.“ Harry stockte. „Aber Voldemort war am schlimmsten. Es war…“ Er rang um die Worte, aber sie steckten in seiner Kehle fest. „Es tut mir leid, Hermine. Ich kann noch nicht darüber sprechen. Vielleicht später irgendwann.“
Zu Harrys Erleichterung lächelte sie verständnisvoll. „Ich schätze, das ist alles, was ich erwarten kann, nicht?“
Harry lachte schwach. „So ziemlich.“ Er stockte und fragte dann zögernd: „Wie hast du es herausgefunden?“
Nun war es an ihr, schuldbewusst dreinzuschauen. „Ginny hat es mir erzählt“, gestand sie.
„Sie weiß es?!“ rief Harry aus.
Hermine seufzte. „Ja, sie weiß es. Was denn sonst? Die Einzelheiten der Verhandlung springen einen ja überall an. Sie hat uns einen Artikel aus dem Tagespropheten gezeigt, der am folgenden Tag gedruckt worden war.“
„Ich bin in den Nachrichten?“ fragte Harry ausdruckslos.
„Oh, natürlich, Harry! Denk doch mal drüber nach: Eine Woche nachdem er den mächtigsten dunklen Zauberer seit langem bezwungen hat, geht der Held der Zaubererwelt hin und gewährt einem bekennenden Todesser einen Strafaufschub. Welche Zeitung würde sich eine solche Geschichte entgehen lassen?“
„Naja, so gesehen…“, antwortete Harry matt und schluckte bei dem Gedanken, dass sein Gesicht und seine Worte überall in den Zeitungen abgedruckt waren. Bisher hatte er kaum einen Gedanken daran verschwendet, was seine Taten für die Zaubererwelt bedeuteten, aber nun, wo er darüber nachdachte, wurde ihm klar, dass es angesichts seiner Position alles andere als überraschend war, dass seine Einmischung in die Verhandlung so viel Aufmerksamkeit hervorrief.
Hermine nickte. Für eine Weile waren sie beide still.
Schließlich begann Hermine wieder: „Ich hätte nur nie gedacht, dass du es warst. Derjenige, der Malfoy frei gelassen hat, meine ich. Du hast ihn so sehr gehasst… und auch, wenn er Dumbledore nicht töten konnte, er hat andere während des Kriegs getötet. Er war wirklich ein Todesser.“
„Ja, ich verstehe es auch immer noch nicht“, antwortete Harry und starrte ins Feuer. “Glaubst du, es könnte wieder mein „Leute-retten“-Problem sein?“
„Das ist es doch immer, oder?“ witzelte Hermine. Sie begann, die Knitterfalten aus ihrer Robe zu streichen. „Wie auch immer, Harry: Du bist ein guter Mensch. Jeder verdient eine zweite Chance, sogar Malfoy. Nein, besonders Malfoy. Auch wenn mich meine eigene Voreingenommenheit davon abhält es gut zu finden, was du für ihn getan hast, bin ich deswegen trotzdem stolz auf dich.“
„Ich wette, Ron wird das nicht so sehen“, murmelte Harry. Er griff nach einem Kissen, warf es in die Luft und fing es wieder, bevor es auf den Teppich fiel. „Sag mal, Hermine…“
„Ich werde es ihm nicht sagen“, erklärte sie sofort. Harry sah sie an, überrascht, dass sie seine Gedanken gelesen hatte und sie lächelte. „Du brauchst mir nichts zu erklären. Ich verstehe deine Gründe.“
„Danke“, sagte Harry erleichtert. Angesichts der engen Beziehung zwischen den beiden, die sich während seiner Abwesenheit entwickelt hatte, hatte er gedacht, sie würde sofort zu Ron laufen und ihm alles erzählen. Er schluckte. Du verdienst ihre Freundschaft ohnehin nicht, rief er sich ins Gedächtnis. Denk an all die Male, wo du sie angelogen hast…Und trotzdem vertrauen sie dir immer noch…
Hermine fuhr mit ernsthafter Stimme fort: „Auch wenn Ron ziemlich schwer von Begriff sein kann, irgendwann wird er kapieren, was vorgeht. Wenn das passiert, wird er sehr verletzt sein, dass du es ihm nicht gleich gesagt hast. Im Moment weigert er sich, irgendetwas zu glauben, noch nicht einmal eindeutige Beweise, so lange du es nicht selbst bestätigst. Aber je länger du damit wartest, ihm alles zu erzählen, umso schlimmer wird er es aufnehmen, wenn er um die Wahrheit nicht mehr herumkommt.“
„Hab ich es wirklich so fürchterlich vermasselt?“ fragte Harry besorgt. Hermines strenge Ratschläge begannen ihm Angst zu machen.
Sie lächelte schwach. „Du hast es nicht vermasselt. Es ist nur… Du weißt, wie Ron manchmal sein kann.“
„Ach wirklich“, murmelte Harry und dachte an all die Streitereien, die Ron und er im Lauf der Jahre über die belanglosesten Dinge gehabt hatten.
Hermine stand auf und streckte sich. „So, ich gehe jetzt meine Zaubertränkesachen holen und fange mit dem Projekt an, dass Slughorn uns aufgetragen hat.“
„Hermine, der Unterricht hat noch nicht einmal begonnen“, sagte Harry amüsiert. Er gab sich gar nicht erst damit ab, sie zu fragen, wie sie überhaupt herausgefunden hatte, dass Slughorn ihnen ein Projekt aufgeben würde.
Sie antwortete fröhlich: „Es ist immer gut, einen Vorsprung zu haben.“ Als sie an Harry vorüber ging, tätschelte sie tröstend seine Schulter. „Mach dir nicht zu viele Gedanken über die Sache mit Malfoy. Es ist nur, was McGonagall wollte. Du hast nichts falsch gemacht.“
„Ist klar.“
Harry sah zu wie Hermine die Treppe zum Mädchenschlafraum hinauf verschwand. Dann stand er mit einem tiefen Seufzer auf und verließ den Gemeinschaftsraum.
Er schaffte es die verlassenen Gänge des Schlosses entlang und aus der schweren Doppelflügeltür aus Eiche hinaus ohne aufgehalten zu werden. Sobald er draußen war, hielt er an, um zu Atem zu kommen.
Ein leichter Frost war über Nacht auf die saftigen Wiesen der Ländereien gefallen, aber noch während Harry seinen Weg hinunter zum See knirschte, begannen die Sonnenstrahlen ihn zu schmelzen. Sobald Harry das Ufer des Sees erreicht hatte, war das Gras wieder grün und mit winzigen Tautropfen gesprenkelt.
Harry setzte sich unter eine der Weiden, zog die Knie an die Brust und schlang die Arme darum, um sich warm zu halten. Er starrte über die ruhige Oberfläche des Sees und fragte sich müßig, was hinter den Bäumen, die den Horizont säumten, liegen mochte. Ihm fiel auf, wie seltsam es war, dass er niemals die Welt jenseits der Orte, an denen sich sein Leben abspielte,
erforscht hatte. Er hatte das Geheimnis der Unsterblichkeit in den Händen gehalten, eine mordlustige Schlange getötet, einen zu Unrecht verurteilten Gefangenen befreit, den am meisten gefürchteten dunklen Zauberer in Jahrhunderten wieder zum Leben erweckt, in der Gegenwart von Zeit und Tod selbst gestanden, den größten Zauberer, den er je gekannt hatte, vor seinen Augen sterben sehen und das absolut Böse besiegt - und doch war er nie im Ozean geschwommen oder einen Bach entlang gerannt oder auf einen Berg geklettert wie die meisten anderen normalen Siebzehnjährigen. Harrys Lippen verzogen sich leicht angesichts der Ironie seines Lebens.
Die Zeit verging schnell und Harry musste ins Schloss zurückkehren. Als er eintrat, war die Eingangshalle voll mit Schülern, die in die Große Halle zum Frühstück eilten.
Befangen schloss er sich der Menge an. Er fühlte mehrere Augenpaare auf sich, aber sobald er sich umdrehte, blickten sie alle weg, als ob sie fürchteten, ihn zu provozieren. Harry kniff die Augen zusammen, entschied aber, dass es besser war, wenn er sie einfach ignorierte.
Lass sie gaffen dachte er säuerlich. Was tat es schon? Wenn sie dumm genug waren, ihn so anzuhimmeln, konnte er auch nichts daran ändern.
Als Harry die Große Halle betrat, fielen seine Augen auf Draco Malfoy. Er saß allein am Ende des Tisches und starrte finster auf seinen leeren Teller herab. Überrascht blieb Harry stehen. Er hatte Malfoy noch nie so absichtlich isoliert an seinem Haustisch gesehen.
„Komm, Harry, Ginny wartet auf dich“, drängte jemand hinter ihm und riss ihn aus seinen Gedanken. Er wandte sich um und sah Dean mit einem leichten Lächeln hinter sich stehen.
„Entschuldigung“, sagte er verlegen und schüttelte ein wenig den Kopf, um ihn von Gedanken an Malfoy zu befreien.
„Guten Morgen, Harry, Dean“, sagte Ginny leicht angespannt, als sie sich näherten.
„Guten Morgen, Ginny“, antwortete Harry. Er setzte sich ihr gegenüber und lehnte sich über den Tisch, um sie auf die Wange zu küssen, während er aufmerksam auf Zeichen achtete, dass sie alles wusste. „Wartest du schon lange?“
Aber er bemerkte keins. Stattdessen schüttelte sie den Kopf und sagte: „Nein, ich bin gerade erst hereingekommen. Hat einer von euch Luna gesehen?“
„Ich habe sie auf dem Weg nach unten gesehen“, meinte Dean. „Sie kam gerade aus ihrem Gemeinschaftsraum.“
„Oh…“, sagte Ginny. Abwesend butterte sie eine Scheibe Toast. „Sie scheint ein bisschen niedergeschlagen.“
Dean zuckte zusammen. „Nun ja, sie hat ihren Vater im Krieg verloren, nicht wahr?“
„Ja“, sagte Ginny traurig. Harry warf ihr einen mitfühlenden Blick zu. Verlorene Familienmitglieder waren aus verständlichen Gründen ein heikles Thema für sie.
„Wo sind eigentlich Ron und Hermine?“ versuchte er das Thema zu wechseln.
„Ich nehme an, Ron schläft noch“, antwortete Ginny achselzuckend. „Wo Hermine ist, weiß ich nicht. Ich nehme an, sie wartet auf ihn. Die beiden sind sich wirklich nahe gekommen, weißt du?“
„Ja“, sagte Harry und wusste nicht, was er sonst dazu hätte sagen sollen. Es war ja seine eigene Schuld, dass er aus dem enger gewordenen Band zwischen Ron und Hermine ein wenig ausgeschlossen war. Während des Kriegs hatte er mehrmals versucht, sie von sich zu stoßen, weil er wusste, dass es zu ihrem Besten war und er die Aufgabe, Voldemort zu finden und zu töten allein durchstehen musste. Obwohl sie darauf bestanden hatten, ihm zu helfen, hatte er sich selbst gezwungen, sich abzuwenden und hatte sie den Feind allein bekämpfen lassen.
„Du bist ohne mich gegangen, Harry!“ ertönte plötzlich eine anklagende Stimme hinter ihm und riss ihn aus seinen Gedanken.
Überrascht drehte sich Harry um. Ron stand mit einem entrüsteten Ausdruck im sommersprossigen Gesicht hinter ihm. Hermine neben ihm sah hingegen eher besorgt aus, als sie sein vom Wind zerzaustes Haar wahrnahm.
„Alles in Ordnung, Harry?“ fragte sie ihn während sie sich rechts von ihm niederließ. Sie hob die Augenbrauen den Bruchteil eines Zentimeters als Zeichen, dass sie ihr früheres Gespräch nicht vergessen hatte. „Ron hat mir erzählt, du wärst schon weg gewesen als er aufgestanden ist. Hast du Schlafprobleme?“
„Nein“, antwortete Harry. Er sah nervös zu Ron, der sich eingeschnappt zu Harrys Linker nieder gelassen hatte. „Ich bin nur früh aufgewacht und dachte mir, ich gehe vor dem Frühstück ein bisschen frische Luft schnappen.“
„Aber Harry, du wachst nie früh auf, außer es ist etwas nicht Ordnung“, stellte Ron fest.
Harry zuckte die Schultern. „Eine Menge Dinge sind gerade nicht in Ordnung“, murmelte er und griff nach einem Brötchen im Korb vor ihm. Mit etwas lauterer Stimme fügte er hinzu: „Ich wollte euch keine Sorgen machen.“
„Und ich könnte schwören, dass du nicht da warst als ich mitten in der Nacht aufgewacht bin…“
Ginny unterbrach ihn mit lauter Stimme: „Hey, Flitwick ist der neue stellvertretende Schulleiter, nicht wahr?“ und schoss Harry einen durchdringenden Blick zu.
Harry seufzte erleichtert auf. Er konnte immer darauf zählen, dass ihn Ginny vor unbequemen Fragen rettete. Er lächelte sie dankbar an.
„Ja“, antwortete Dean auf Ginnys Frage. „Und Lupin kommt zurück und lehrt wieder Verteidigung Gegen Die Dunklen Künste.“ Er wies mit dem Kopf Richtung Lehrertisch, wo Remus Lupin neben McGonagall saß. „Ich habe gehört, dass er auch unser Hauslehrer wird.“
„Das wussten Ron und ich schon“, gab Hermine selbstzufrieden von sich und zeigte auf ihr Präfekt-Schild. Sie war nicht Vertrauensschülerin geworden, was sie aber zu Harrys Überraschung nicht allzu sehr zu stören schien. „Slughorn ist der Hauslehrer der Slytherins.“
Bevor Dean antworten konnte, wurden sie durch Lupins Ankunft unterbrochen. Er war vom Lehrertisch herunter gekommen, um die Stundenpläne an die Gryffindorschüler auszuteilen.
„Lang nicht gesehen, Professor Lupin“, sagte Harry, dessen Gesicht mit einem echten Lächeln aufleuchtete, das sich anfühlte wie das erste seit Monaten. Er hätte nicht glücklicher sein können, seinen wieder eingesetzten Lehrer für Verteidigung Gegen Die Dunklen Künste zu sehen. „Wie geht es Ihnen?“
„Guten Morgen, Harry“, antwortete Lupin und lächelte Harry freundlich an. Die Sorgenfalten in seinem Gesicht hatten sich, wenig überraschend, noch vertieft, seit Harry ihn das letzte Mal gesehen hatte. „Mir geht es gut, vielen Dank. Hallo, Mr. Weasley, Miss Granger, Miss Weasley, Mr. Thomas.“
„Hallo, Professor Lupin“, antworteten sie im Chor und strahlten ihn an. Sie alle waren glücklich, Lupin, einen ihrer Lieblingslehrer, zurück zu haben und noch glücklicher, ihn als neuen Hauslehrer zu bekommen.
„Ich habe nicht viel Zeit zu plaudern, fürchte ich“, erklärte Lupin und wies auf den Stapel leerer Stundenpläne in seiner Hand. „Warum fangen wir nicht mit Ihnen an, Mr. Thomas?“
Es dauerte nicht lange zu entscheiden, wer welche Kurse haben würde. Harry wählte Kräuterkunde ab, da es nicht zu den Fächern gehörte, in denen zukünftige Auroren einen U.T.Z. brauchten, behielt aber Verteidigung Gegen Die Dunklen Künste, Verwandlung, Zaubertränke und Zaubersprüche. Das verschaffte ihm erfreulicherweise eine Freistunde direkt nach dem Frühstück. Dass Ron in Verwandlung und Zaubertränke durchgefallen war, verhinderte nun leider, dass er diese Fächer weiter nehmen konnte und so kam es, dass er und Harry sehr wenige Stunden zusammen hatten. Dagegen wählte Hermine die gleichen Fächer wie Harry und noch eine Handvoll dazu.
„Wieder Alte Runen?“ fragte Ron, lehnte sich über Harry und untersuchte Hermines Stundenplan mit angewidertem Gesicht. „Also ehrlich, Hermine, zu was ist dieses Fach überhaupt gut?“
Hermine rümpfte missbilligend die Nase. „Zumindest habe ich mehr Unterricht als Freistunden“, schoss sie angesichts seines doch sehr leeren Stundenplans zurück.
Das Frühstück war schnell vorüber und bald verabschiedete sich Harry von Ron und Hermine, die sich auf den Weg zu Kräuterkunde machten und von Ginny, die mit einer Klassenkameradin zu Zaubertränke ging. Harry blickte ihnen nach. Er fühlte sich schon wieder beunruhigt, weil der Tag bisher so gewöhnlich verlaufen war.
Wie es schien, hatte er das zu früh gedacht, denn in diesem Augenblick sagte eine kalte Stimme verächtlich: „Fang jetzt ja nicht an zu heulen, Potter.“
Harry wirbelte herum. Malfoy lehnte mit verschränkten Armen und arrogant nach oben zeigendem Kinn an der Mauer hinter ihm.
„Ich sehe, du bist wieder du selbst“, antwortete Harry trocken. Er nahm zur Kenntnis, wie Malfoy sich von dem brütenden, einsamen jungen Mann, der er früher am Morgen gewesen war, wieder zurück verwandelt hatte. Naja, vielleicht nicht der einsamte Teil korrigierte er sich selbst, da Malfoys übliche Gefolgschaft abwesend war.
„Wieso sollte ich das nicht sein?“ fragte Malfoy leicht überrascht.
Harry hob die Augenbrauen. „Ach, nichts“, sagte er schnell. Er wollte Malfoy nicht wissen lassen, dass er ihn beobachtet hatte. „Was tust du eigentlich hier im Gryffindor-Bereich der Halle?“
Malfoy grinste süffisant. „Ich bin natürlich gekommen, um dich zu sehen.“
Harry errötete gegen seinen Willen. „Warum?“ wollte er wissen. „Hast du keinen Unterricht, zu dem du gehen musst?“
Malfoy schüttelte den Kopf. „Ich habe keine Kräuterkunde“, sagte er verächtlich. „Unnötiges Fach.“
„Ja, oder das einzige, in dem du nicht gut bist“, sagte Harry, warf sich seine Tasche über die Schulter und schloss sich den letzten Schülern an, die langsam die Große Halle verließen.
Malfoy folgte ihm hinaus und antwortete kühl: „Ich bin in allen meinen Fächern gut, Potter. Aber Kräuterkunde ist nicht lebensnotwendig, daher habe ich kein Bedürfnis, damit weiter zu machen, wenn ich mein letztes Jahr auf dieser Erde genießen möchte.“
„Hör auf, mir nachzulaufen, Malfoy“, war Harrys einzige Antwort als er den Eingangsflur entlang Richtung Tür ging.
„Nicht bevor ich klar gemacht habe, was ich dir zu sagen habe.“
Harry blieb stehen, drehte sich um und verschränkte die Arme. „Gut. Mach.“
„Ich rede nicht mit all diesen Leuten um uns herum“, schnappte Malfoy und drängte sich an Harry vorbei.
„Wir können die Sachlage draußen diskutieren.“
„Welche Sachlage?“ knurrte Harry. Trotzdem gab er nach und folgte Malfoy hinaus auf die Wiesen.
Es war nun bedeutend wärmer als früher am Morgen. Harry atmete tief ein und genoss wie die angenehm kühle Brise durch sein Haar fuhr und über seine Haut strich.
„Wohin gehen wir?“, fragte er vorsichtig, als ihn Malfoy über das magisch bearbeitete Gras führte.
„Hierher.“ Malfoy hielt unter einem hohen Feuerdorn an. Er lehnte sich gegen den Stamm und studierte Harry mit zusammengekniffenen Augen. Harry verlagerte unbehaglich sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen während er darauf wartete, dass Malfoy etwas sagte.
Als von diesem nichts kam, sagte er schließlich gereizt: „Warum hast du mich hier hergeführt, Malfoy? Ich dachte, du willst mich nicht mehr sehen.“
„Und ich dachte, du hättest beschlossen, mich nicht aus den Augen zu lassen.“
Harry beobachtete fasziniert, wie Malfoy seine windzerzausten Locken nach hinten strich, mit langen, hellhäutigen Fingern, die durch noch hellere Strähnen glitten. Er staunte über den Kontrast zwischen seinen eigenen unordentlichen Locken und Malfoys feinen, seidigen Strähnen.
„Potter, hörst du mir überhaupt zu?“
Harry blinzelte und wandte den Blick schnell von Malfoys Haar ab. „Ja“, log er. „Du sagtest, dass ich dich nicht aus den Augen lassen würde.“
Malfoy blickte frustriert. „Nein, du sagtest das. Hör um Himmels Willen zu, Potter!“
„Ich höre zu“, schnappte Harry. „Jetzt leg schon los und sag, was du sagen wolltest.“
„Gut. Also pass auf. Von diesem Moment an will ich nichts mehr mit dir zu tun haben.“ Malfoy sagte den letzten Satz langsam und mit kühler Überlegung. „Ich möchte nicht, dass du mit mir redest, ich möchte dich nicht außerhalb der Schulstunden sehen und ganz gewiss möchte ich keine mitternächtlichen Treffen in der Bibliothek mehr. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
Harry hob eine Augenbraue. „Kristallklar. Mit einem kleinen Haken: Warum sollte ich mich nach deinen Wünschen richten?“
Malfoy kämpfte nun darum, ruhig zu bleiben. „Weil dir dein Gewissen sagen sollte, mich in Ruhe zu lassen“, sagte er und ballte die Hände zu Fäusten.
„Warum sollte es das?“ fragte Harry ausdruckslos. „Ich habe dir nichts angetan, also schulde ich dir auch nichts, Malfoy. Im Gegenteil, du schuldest mir etwas.“
„Dieses Gespräch kommt mir irgendwie bekannt vor“, antwortete Malfoy sarkastisch. Der Atem pfiff durch seine zusammen gepresste Zähne. „In Ordnung. Wie du willst. Belauere mich weiterhin und schau, was dein Wiesel-Freund davon hält. Ich wette, er wird nicht übermäßig begeistert davon sein, dass du ihn meidest, um Zeit mit einem Todesser zu verbringen. Noch dazu einem Todesser, den er gefangen genommen hat. Du hast ihm immer noch nicht gesagt, dass du mich befreit hast, nicht wahr, Potter?“ fügte er mit einem durchtriebenen Lächeln hinzu.
Harry erstarrte. „Woher weißt du das?“ flüsterte er, seine Stimme kurz vorm Versagen.
„Wie sollte ich es nicht wissen?“ höhnte Malfoy. „Du bist ungefähr so gut damit, Dinge vor anderen zu verbergen wie darin, rational zu handeln. Außerdem hat er es mit seinem Geschwafel von „jemand, der blöd genug ist“, mich zu retten selbst verraten… Ich bin nicht dumm, weißt du…“
„Er wird dir nicht glauben“, sagte Harry verzweifelt.
„Dein Vertrauen in ihn ist rührend, aber ziemlich dumm, wenn ich das so sagen darf, Potter.“
Hass stieg in Harrys Brust auf. Malfoy erpresste ihn. Er war starr vor Wut und sagte nichts mehr.
Malfoys graue Augen glitzerten triumphierend. Endlich hatte er Harrys schwachen Punkt gefunden. „Akzeptierst du meine Bedingungen jetzt, Potter?“ fragte er selbstgefällig.
„Ok. Ich bin sowieso froh, weniger von dir zu sehen“, log Harry spontan. Er wirbelte herum und wollte gehen.
„Oh, nein, noch nicht“, sagte Malfoy und griff blitzschnell nach Harrys Handgelenk. „Eine Sache noch.“
Harry wandte sich wieder um und begann wütend: „Pass auf, Malfoy, ich - “
Aber bevor er den Satz beenden konnte, geschah etwas, was er als allerletztes erwartet hatte. Mit seiner freien Hand packte Malfoy die Vorderseite von Harrys Robe, schob ihn grob gegen den Baumstamm und - nun kam der Teil, der Harry in Schockstarre fallen ließ - presste seine Lippen gegen Harrys Mund.
Der Kuss war unbeholfen, aber rücksichtslos und hatte den bitteren Geschmack von Abscheu, der an Malfoys überraschend warmen Lippen haftete. Für einen sehr langen, sehr qualvollen Moment war Harry nur in der Lage gedämpft zu fluchen, während Malfoy seine Handgelenke gegen den Baumstamm presste. Und dann, bevor Harrys gelähmte Sinne seine Glieder dazu bringen konnten, sich gegen den überraschenden Angriff zu wehren, war er vorüber.
Harry stieß einen ungläubigen Schrei aus, als Malfoy seine Handgelenke losließ und einen Schritt zurück machte. Er brachte kein Wort heraus, während er sich den Mund mit seinem Ärmel abwischte und versuchte, wieder zu Atem zu kommen.
Ein paar Sekunden lang starrte Malfoy Harry nur teilnahmslos an. Dann sagte er mit leiser Stimme zu sich selbst: „Nummer sechs.“
„Num - Nummer sechs - verdammt - wie - was zum Teufel war das?“ schrie Harry auf. Sein Verstand war durch Malfoys Kuss zu durcheinander gewirbelt als dass er zusammenhängende Sätze hätte formulieren können, um den ungeheuren Unglauben und Ekel auszudrücken, die er empfand.
„Das geht dich nichts an, Potter“, sagte Malfoy in einem Ton als ob er ein neugieriges Kind tadeln würde. Sein anmaßendes Lächeln erreichte nicht ganz seine Augen, die immer noch wie zwei harte, kalte Steine glitzerten. „Bis später, dann.“
Und damit ging Malfoy davon und Harry blieb mit offenem Mund unter dem Baum stehen während eine Flut von verwirrten Gedanken durch sein Gehirn schoss.
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Draco verzog das Gesicht als er zum Schloss zurückging. „Was um alles in der Welt hat mich dazu gebracht, das auf die Liste zu setzen?“ murmelte er vor sich hin. Er fuhr unbewusst mit der Zunge über seine Lippen, die nach Potter schmeckten (er hatte nie so recht verstanden, was Leute damit meinten, aber nun wusste er es) und machte prompt ein angewidertes Gesicht. Er war wohl verrückt, das musste es sein. Warum sonst sollte er willentlich Harry Potter küssen?
Um ihn zu demütigen? schlug eine leise Stimme hilfreich vor. Das war es. Draco fühlte Genugtuung bei dem Gedanken, dass Potter jetzt zutiefst bestürzt war. Es war Macht in einer sehr ungewöhnlichen, pervertierten Form.
Draco blickte auf die Uhr in der Eingangshalle als der die Tür hinter sich schloss. Er hatte immer noch eine Stunde Freizeit vor sich. Er spürte einen Anflug von Panik als ihm klar wurde, dass er nichts zu tun hatte. Das letzte was er wollte, war, seine kostbare Zeit zu vertrödeln also entschied er sich, zur Bibliothek zu gehen und seine Nachforschungen fortzusetzen.
Die Bibliothek war beinah leer, schließlich verbrachten nicht viele Schüler ihren Morgen mit Lesen. Draco war das recht, er war ohnehin lieber allein. Denn nun betrachteten ihn seine Klassenkameraden verächtlich - jawohl, mit Verachtung, an Stelle der ängstlichen Blicke, die seine Gegenwart vorher ausgelöst hatte. Was seine Lage noch schlimmer machte, war die Tatsache, dass er sich nicht wehren konnte. Nun, da er sich wieder an ein Leben außerhalb der Reichweite der Dementoren gewöhnt hatte, wollte er auf keinen Fall zurück. Und damit die Dinge blieben wie sie waren, musste er sich benehmen.
Draco setzte sich an einen der Tische und ließ seine Tasche auf den Boden fallen. Dann griff er hinein und holte das Zaubertränkebuch heraus, das er am Abend zuvor durchkämmt hatte. Mit einem tiefen Seufzer ließ er seine Finger über den silbern gedruckten Titel (Zaubertränke für Fortgeschrittene) gleiten, bevor er es behutsam auf den Tisch legte und öffnete.
Er wusste genau, welche Seite er brauchte. Seite fünfhundertzweiunddreißig: Die Anleitung für Felix Felicis. Zunächst war sich Draco sicher gewesen, dass er den unglaublich komplizierten Trank nicht in seinem Schulbuch finden würde, aber da war er. Nun musste er nur noch lernen, ihn zu brauen. Das stellte sich allerdings als weit schwieriger heraus als Draco erwartet hatte.
Der fette Mistkerl hat nicht übertrieben, als er sagte, dass dies einer der verzwicktesten Tränke ist dachte Draco hilflos während seine Augen die Liste von ungefähr dreißig Zutaten entlang glitten. Bei einigen war es beinah unmöglich, sie zu bekommen, ohne einen sehr hohen Preis dafür zu bezahlen. Und die Zutaten waren noch nicht einmal das Schlimmste - es dauerte insgesamt fünf Monate, den Trank zu brauen und es war furchtbar umständlich. Der kleinste Fehler an irgendeinem Punkt der Herstellung konnte Draco das Leben kosten.
Draco schluckte und zog eine Feder und Pergament hervor. Er legte sie auf den Tisch, stand auf und ging hinüber zur Zaubertrank-Abteilung. Dort streifte er an den hohen Regalen entlang auf der Suche nach Büchern über seltene Zutaten.
Die Freistunde verging schnell. Die Zeit reichte nur, um zwei Bücher durchzublättern, bevor es Zeit war, zum Unterricht zu gehen. Als er seine Sachen einpackte, fragte er sich flüchtig, warum er den Unterricht eigentlich nicht einfach schwänzte. Schließlich würde es nichts ändern - er würde nach seinem Abschluss ohnehin keinem Beruf nachgehen.
Dann breitete sich plötzlich ein Lächeln auf Dracos Gesicht aus. Er griff in seine Tasche, holte ein fest zusammengerolltes Pergamentblatt hervor und breitete es auf dem Tisch aus. Es war eine Liste mit dreizehn Punkten. Vorsichtig drückte er seine Feder auf das Blatt und schrieb:
14. Einen Tag lang ohne Entschuldigung den Unterricht schwänzen.
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