
von Lapis
A/N: Das letzte Kapitel vorm Urlaub. Das nächste ist übersetzt und kommt wahrscheinlich in zwei bis drei Wochen.
@Niobe: Danke für das Lob :-). Ich hofffe, es gefällt dir weiterhin. Aber übereinander herfallende Jungs im zweiten Kapitel wird es bei mir nie geben. Übersetz ich gar nicht erst :-D.
Wenn du dein Schicksal nicht ändern kannst, ändere deine Einstellung
Wenn du dein Schicksal nicht ändern kannst, ändere deine Einstellung.
- Amy Tan
Kapitel 6: Eine Liste
Harry Potter glaubte nicht an die Macht des Schicksals. Für ihn war es nicht mehr als eine imaginäre Kraft, erfunden von schwachen Menschen einzig und allein zu dem Zweck, eine Erklärung für fragwürdige Geschehnisse zu finden. Sicher, er hatte früher an das Schicksal geglaubt, aber er hatte seine Meinung geändert, als er begriff, dass es seine eigenen Entscheidungen waren, die seinen weiteren Weg bestimmten. Er hatte Gryffindor anstelle von Slytherin gewählt, trotz des Rats, den ihm der Sprechende Hut gegeben hatte. Er hatte beschlossen, Sirius zu retten als er auf Anordnung des Ministeriums hätte sterben sollen. Und gleichgültig wie viele Prophezeiungen behaupteten, dass er von vornherein dazu bestimmt war, Voldemort zu töten, Harry wusste, dass er es getan hatte, weil er es so wollte - und nicht, weil das Schicksal es so bestimmt hatte.
In anderen Worten: Harry Potter war niemand, der bereit war, willentlich die Kontrolle über sein Leben aufzugeben, schon gar nicht für etwas nicht Greifbares und unmöglich zu Beweisendes wie das Schicksal.
Aber am Ende des ersten Schultags war Harry absolut völlig sicher und bar jeden Zweifels, dass, während er gefrühstückt oder geschlafen hatte, vielleicht auch schon bevor er überhaupt in Hogwarts eingetroffen war, eine höhere Macht irgendwo weit oben beschlossen hatte, sich damit zu amüsieren, Harrys Leben durcheinander zu bringen.
Natürlich hätte ihm die Tatsache, dass Malfoy ihn geküsst hatte, gleich als Warnung vor den folgenden traumatischen Ereignissen dienen sollen. Aber Harry, ahnungslos wie er war, hatte die Warnung ignoriert. Stattdessen hatte er nach Malfoys Abgang nur angewidert den Kopf geschüttelt, einen gründlichen Reinigungszauberspruch auf seinen Mund angewendet (und sich im Geiste eine Notiz gemacht, am Abend seine Zähne besonders gründlich zu putzen), war zum Schloss zurückgekehrt und hatte beschlossen, den Vorfall als ein verrücktes und rein zufälliges Aufeinandertreffen ihrer beider Lippen zu betrachten.
Aber dann begann es: Zusammenstöße - noch dazu mehrere davon - zwischen Malfoy und ihm.
Der erste dieser Zusammenstöße ereignete sich in Zaubertränke, als Slughorn entschied, dass es die Eingewöhnung der Klasse auf unterhaltsame Art erleichtern würde, wenn sie Harrys Kampf gegen Voldemort nachspielten, so wie er in den Zeitungen beschrieben worden war - mit Malfoy in der Rolle des besiegten und sterbenden Voldemort.
„Es gibt keinen Schüler in dieser Schule, der besser für diese Rolle geeignet wäre!“ hatte er heiter ausgerufen, während die Schüler kicherten oder höhnisch grinsten.
Natürlich hatte Malfoy aufgebracht kundgetan, dass er sich niemals etwas so Herabwürdigendem und Beschämendem unterwerfen würde, bevor er Harry mit dem Ellbogen zur Seite schubste und aus dem Raum stürmte. Harry bekämpfte den Drang, ihm zu folgen und sagte sich, dass er seine Spionage fortsetzen konnte, sobald der andere sich wieder beruhigt hatte. Außerdem würde Malfoy sicher in den ersten Wochen seiner Freiheit nichts Dummes versuchen, was ihm eine erneute Gefangennahme einbringen würde.
Aber als Harry mit Hermine die Gewölbe verlassen hatte, war er wieder in Malfoy gerannt - buchstäblich. Die Kollision hatte in etlichen Flüchen und einigen zufälligen (vielleicht auch ein oder zwei absichtlichen) Zaubersprüchen resultiert sowie einem sehr verärgerten Slughorn, der aus dem Zaubertränkeklassenraum watschelte, „diesen Unruhe stiftenden Malfoy-Jungen“ zum Büro der Schulleiterin beorderte und dabei absichtlich ignorierte, dass Harry durchaus nicht unbeteiligt war. Unglücklicherweise war der unparteiischere Flitwick ebenfalls zugegen und so kam es, dass sich auch Harry auf den Weg zu McGonagall machen durfte.
Also stapften die beiden mehrere Treppen zu McGonagalls Büro hoch. Harry hasste Malfoy mit jeder Faser seines Seins und war sich sicher, dass seine Gefühle in gleichem Maße erwidert wurden. McGonagall hatte Harry zu seiner Überraschung die erste Stunde in Ruhe gelassen und sich stattdessen auf Malfoy gestürzt und ihm zweiundsiebzig Gründe aufgezählt, warum sie über sein Verhalten „ernstlich enttäuscht, empört und entsetzt“ war.
Als Harry an der Reihe war, hatte sie ihm nur gesagt, dass seine Bekanntheit in der Zaubererwelt nicht verhindern würde, dass er in Schwierigkeiten geriet und dass sie besseres Benehmen von ihm erwartet hätte, auch wenn Malfoy angefangen hatte. (An diesem Punkt hatte Harry absichtlich nicht erwähnt, dass Malfoy und er beide ihren Anteil an dem Zwischenfall hatten.) Dann hatte sie ihnen allen beiden eine Strafarbeit gegeben und ohne ein weiteres Wort die Tür hinter ihnen zugeknallt.
Der Rest des Tages war kein bisschen besser gewesen. Harry hatte zu seiner großen Bestürzung festgestellt, dass er jedes einzelne seiner Fächer mit Malfoy zusammen hatte, da es für jedes U.T.Z.-Fach nur eine Klasse gab, die aus Schülern aller Häuser bestand. Ob das nun ein unglücklicher Zufall war oder McGonagalls Art, Harry bei seiner Beobachtung Malfoys zu unterstützen, wusste er nicht. Wie auch immer, es half nicht dabei, die Spannung zwischen ihnen beiden abzubauen. Hermine - und später Ron - hatten offensichtlich besorgt und argwöhnisch zugesehen, als Harry mit Malfoy zusammen Grundlagen in Zauberei, Verwandlung und Verteidigung Gegen Die Dunklen Künste auffrischen musste. Harry war besonders über letzteres verärgert, er hatte gedacht, dass zumindest Lupin Verständnis für die Probleme haben würde, die aus einer Zusammenarbeit mit Malfoy entstehen konnten.
So schlimm die erzwungene Zusammenarbeit war, die häufigen Treffen in Fluren und auf Treppen (derer es neun gegeben hatte, wie Ron später im Gemeinschaftsraum betont hatte) waren noch schlimmer gewesen. Einige Male waren sie einfach aneinander vorbeigegangen, noch häufiger rempelte Harry Malfoy an. Einmal wäre er beinah über Malfoys schlaksiges, ausgestrecktes Bein gestolpert, als er im Hof saß, aber er erkannte fast sofort, dass dieser spezielle Beinahe-Unfall vermutlich Absicht gewesen war. Aber Flitwick war in der Nähe gewesen und so ging Harry wortlos davon und schäumte vor Wut während er sich den selbstzufriedenen Ausdruck in Malfoys spitzem Gesicht vorstellte.
Daher war es nicht verwunderlich, dass Harry noch erschöpfter als sonst war, als es Zeit für die Strafarbeit mit Malfoy war.
„Bis später“, murmelte er Ron und Hermine zu, während er aus dem weichen Sessel aufstand, in dem er es sich gemütlich gemacht hatte.
Hermine schaute von dem dicken Lehrbuch auf, das sie gerade durchlas. „Harry, ist alles in Ordnung?“ fragte sie besorgt. Die Schatten des Kaminfeuers tanzten auf ihrem Gesicht während sie Harrys angespannte Gesichtszüge betrachtete. „Ich kann es wirklich nicht glauben, dass du schon eine Strafarbeit hast… Es ist doch erst der zweite Tag…“
Harry blinzelte, die flackernden Schatten machten ihn etwas benommen. „Ja, schön, das kannst du McGonagall erzählen“, antwortete er gereizt.
„Hermine, lass ihn in Ruhe.“ Er fläzte sich gemütlich auf dem leeren Sofa, das auf der anderen Seite des Tischs stand, an dem Hermine saß. „Meinst du nicht, dass es schlimm genug ist, dass er zwei Wochen lang mit Malfoy die Bibliothek in Ordnung bringen muss?“
Hermine sandte ihm einen Blick als ob sie ihn schrumpfen wollte. „Ich finde, dass die beiden noch glimpflich davon gekommen sind! Die Bibliothek aufzuräumen ist keine so furchtbare Strafe, weißt du, schon gar nicht, wenn man fast einen ganzen Flur voll mit Schülern verflucht. Und Harry, du musst zugeben, du bist auf jeden Fall mitschuldig… Also wirklich, du hättest Malfoy von Vornherein ignorieren sollen…“
„Du denkst, ich mache das absichtlich?“ fragte Harry ungläubig. „Machst du Witze, Hermine? So sehr habe ich mich nicht verändert…
Aber seine Stimme erstarb, als ihm klar wurde, dass sein Widerspruch blass wirken musste. Sein bisheriges Benehmen gegenüber Malfoy musste sicher den Eindruck erwecken, dass ein Teil seiner selbst sich in etwas - jemanden - verwandelt hatte, den Vorkriegs-Harry niemals erkannt und noch weniger akzeptiert hätte. Hermine bestätigte einfach nur eine Realität, sprach eine Tatsache aus, die nur gerade unterhalb von Harrys Bewusstsein lauerten, selbst nachdem er versucht hatte, sie tief zu begraben…
„Harry?“
Harry wurde aus seinen Gedanken gerissen als Ron ihn ansprach. „Äh, ja?“
„Sollen wir dich zur Bibliothek begleiten?“
Harry zog die Augenbrauen zusammen, während sein Gehirn langsam die Worte verarbeitete. Dann antwortete er hastig: „Oh, nein, es ist schon ok. Ich muss ein bisschen allein sein. Darüber nachdenken, was ich wegen dieser seltsamen Treffen mit Malfoy mache.“
Ron runzelte die Stirn. „Sicher?“
„Ja.“ Harry lächelte Ron schwach an. Er dachte daran, dass er noch einen angemessenen Weg finden musste, ihn über seine eigene Rolle in Malfoys Prozess aufzuklären. „Ihr braucht euch von mir nicht stören zu lassen.“
Hermines Hand blieb über ihrem Federhalter in der Luft hängen. „Sei nicht albern“, sagte sie scharf. „Niemand fühlt sich ?von dir gestört'. Wir haben nur nicht viel Zeit zusammen verbracht seit…“, sie zögerte und beendete den Satz mit leiserer Stimme, „seit der Krieg anfing.“
Ron räusperte sich laut und starrte sie an, eine geheime Botschaft ging zwischen den beiden hin und her, die Hermine dazu brachte, schuldbewusst dreinzuschauen.
„Tut mir Leid“, sagte sie kleinlaut, aber eher zu Ron als zu Harry. „Geh schon. Wir warten hier auf dich.“
„Das ist nicht nötig.“ Harry zuckte die Schultern. Er fühlte sich ein bisschen wie ein kleiner Junge, dessen Eltern am Abendbrottisch stumme, viel sagende Blicke austauschten. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass er nun derjenige war, der aus ihrer Dreierrunde ausgeschlossen war, auch wenn es keine Absicht war - und er mochte dieses Gefühl ganz und gar nicht.
„Wir möchten aber“, gab Ron störrisch zurück. „Und wenn du zurückkommst, kannst du uns erzählen, was er dir alles getan hat, sodass wir später hingehen und ihm drohen können. Wir haben schon eine Menge gegen ihn in der Hand, aber noch mehr wird sicher nicht schaden…“
Hermine verdrehte die Augen. „Ron, er ist kein kleines Kind“, sagte sie ein wenig frustriert. „Er wird mit Malfoy schon allein fertig. Nicht wahr, Harry?“
„Ja“, antwortete Harry dumpf. Er wandte sich zum Gehen. „Tschüss dann…“
Er verließ den Gemeinschaftsraum und war beinahe froh, Ron und Hermine zu entkommen. Sie hatten die ganze Zeit seit Ende des Unterrichts ein Riesentheater um ihn gemacht. Harry hatte den Verdacht, dass sie versuchten, ihre Unfähigkeit, ihm während des Kriegs zu helfen, auszugleichen. Aber so sehr er ihre Bemühungen schätzte, so langsam ging es ihm auf die Nerven.
Als Harry bei der Bibliothek ankam, erwartete ihn Madam Pince mit einem argwöhnischen, finsteren Blick im faltigen Gesicht schon an der Tür. „Dein Klassenkamerad ist schon drinnen“, schnappte sie gereizt.
Harry folgte ihr in die Bibliothek. Tatsächlich saß Malfoy auf einem der Sofas in der Nähe des Eingangs und hatte die Füße auf dem niedrigen Kaffeetisch vor ihm liegen.
„Füße runter vom Tisch“, krächzte Madam Pince und schlurfte mit einem wilden Ausdruck in den Augen zu Malfoy hinüber.
Malfoy sah einen Moment lang ziemlich alarmiert aus und stellte schnell die Füße auf den Teppich, bevor die Bibliothekarin ihn erreichen konnte. Harry verbiss sich ein süffisantes Grinsen. Madam Pince war die letzte aller Personen in Hogwarts, von der er erwartet hätte, dass Malfoy ihr gehorchte.
Harrys Belustigung hielt aber nicht lang an, denn schon bald entdeckte er, dass Malfoy und er sich die nächsten beiden Stunden damit langweilen würden, halb zerfallene Lehrbücher zu reparieren.
„McGonagall sagte, wir sollten die Bücher aufräumen!“ rief Malfoy ärgerlich aus, als sie von der überraschenden Planänderung hörten.
„Halt den Mund, Malfoy“, schnappte Harry bevor sich Madam Pince in eine Tirade über undankbare Studenten hinein steigern konnte. Das Dämmerlicht in der Bibliothek machte ihn schläfrig und er wollte die Arbeit so schnell wie möglich hinter sich bringen. Er wandte sich um zu Madam Pince und fragte höflich: „Wo fangen wir an?“
„In der Verwandlungs-Abteilung“, antwortete sie steif und schoss einen gehässigen Blick in Malfoys Richtung. „Wenn ich Sie an meinen Büchern herumpfuschen sehe… Wenn ich auch nur einen Riss finde…“
„Ich weiß, ich weiß“, unterbrach Harry schnell. „Wir werden nichts anstellen.“
Er ließ Madam Pince stehen und zerrte Malfoy hinter sich her. Der andere Junge machte ein ungehaltenes Geräusch des Protests, ließ sich aber trotzdem in die Sicherheit der Bücherregale ziehen.
„Alte Schachtel“, fauchte Malfoy sobald sie in der Verwandlungs-Abteilung ankamen. Wütend schüttelte er Harrys Hand ab und marschierte hinüber zum Ende der niedrigen Bücherreihe.
„Du sprichst wieder mit mir, Malfoy?“ fragte Harry milde. Er betrachtete die voll gestopften Regale mit dunkler Vorahnung. „Ich kann es nicht glauben, dass sie uns das aufbrummt.“
„Nein, Potter, ich führe Selbstgespräche“, sagte Malfoy sarkastisch. Er nahm irgendein in Leder gebundenes Buch aus dem Regal, blätterte es durch und verzog das Gesicht als ihn kleine Staubwolken begrüßten. „Aber danke, dass du mir zu einer Strafarbeit verholfen hast.“
Harry schob ärgerlich das Buch, das er gerade heraus nehmen wollte, wieder zurück an seinen Platz. „Untersteh dich, mir die Schuld zu geben“, knurrte er und wandte sich zu Malfoy um. „Du hattest genauso viel Anteil wie ich.“
„Oh, bitte“, spottete Malfoy und knallte das Buch zu, das er in der Hand hielt. Er warf es nachlässig auf den Boden und ging auf Harry zu. „Denk ja nicht, dass ich nicht bemerkt habe, wie du mich heute belauert hast. Deine Besessenheit mit mir läuft ein bisschen aus dem Ruder.“
„Die Größe deines Egos ist erstaunlich“, sagte Harry angewidert. „Alle diese Zusammentreffen waren Zufall. Ich habe Slughorn nicht gebeten, dich zum gefallenen Voldemort zu machen, also lass deinen verletzten Stolz nicht an mir aus. Ich will nichts mit dir zu tun haben. Für mich bist du nicht besser als der Dreck unter meinen Schuhsohlen.“
Um es zu beweisen, schob er Malfoy grob von sich fort.
Malfoys bleiche Wangen färbten sich rot vor Zorn. „Rühr mich nicht an“, zischte er giftig und hielt sich an der Kante des Bücherregals fest.
„Oh, das sagt der Richtige“, antwortete Harry spöttisch. „In letzter Zeit irgendwelche Gryffindors geknutscht? Außer mir, natürlich.“
Malfoys Augen weiteten sich. „Das geht dich nichts an“, murmelte er.
„Das geht mich nichts an?“ wiederholte Harry ungläubig. „Du hast mich verdammt noch mal geküsst! Nein, das geht mich natürlich nichts an…“
Die Röte in Malfoys Wangen breitete sich weiter aus. Hätte Harry es nicht besser gewusst, hätte er gesagt, Malfoy sei rot vor Scham. Aber er wusste es besser und was er wusste, sagte ihm, dass Malfoys nicht erröteten. Malfoys waren nicht fähig zu Emotionen, die zu Erröten führen konnten.
„Mach dich an die Arbeit“, sagte Harry kalt nachdem sie sich ungefähr einer Minute lang aufgebracht angeschwiegen hatten. „Ich mach das nicht alles alleine.“
Harry wandte sich ab, begann Bücher aus dem Regal zu nehmen und sie auf den Boden zu stapeln. Diejenigen in ordentlichem Zustand stellte er wieder zurück. Dann trug er die alten, zerfallenden Bände einzeln zu den Tischen in der Nähe und legte sie so unter das Licht, dass er sie besser sehen konnte.
Seufzend nahm er den ersten Band von einem sehr hohen Stapel. Er tippte ihn mit seinem Zauberstab an und sagte „Reparo!“ Der alte, gelbe Einband arrangierte sich richtig und verband sich wieder zu einem Stück.
Die Zeit verging wie im Schneckentempo. Es gab ĂĽber dreihundert BĂĽcher in der Verwandlungs-Abteilung und mehr als zwei Drittel davon mussten neu gebunden werden. Fast eine Stunde kroch vorĂĽber, bevor Harry mit groĂźer Erleichterung das letzte reparierte Buch (Theorien Transsubstantieller Verwandlung) zurĂĽck ins Regal stellte.
„Malfoy, bist du fertig?“ rief er grantig, während er sich den Staub von den Händen wischte.
Er hörte ein Rascheln und dann blickte Malfoy um sein Ende des Bücherregals. „Ich bin schon ewig fertig“, antwortete er gereizt.
„Gut, dann können wir ja weiter zur Zaubertrank-Abteilung gehen“, gab Harry ebenso gereizt zurück. Die Aussicht, noch mehr Bücher neu zu binden, schreckte ihn. „Ich möchte so viel wie möglich heute fertig bekommen.“
Die Zaubertrank-Abteilung war wesentlich schneller erledigt. Während Harry schäbige Bände von den Regalen zu den Tischen brachte, überlegte er trocken, wie seltsam es war, dass er sich so schnell wieder an den Alltag in Hogwarts gewöhnt hatte. Weniger als zwei Wochen zuvor hatte er sich mit Todessern duelliert und sie gefangen genommen und nun saß er mit einem davon bei einer Strafarbeit in der Bibliothek.
Nach einer Weile bemerkte Harry etwas Seltsames: Die einzigen Geräusche, die er hörte, kamen von ihm selbst. Was bedeutete, dass Malfoy aufgehört hatte herumzulaufen. Harry nahm an, dass er herum trödelte, steckte ärgerlich seinen Zauberstab in die Tasche und marschierte zurück zur Zaubertrank-Abteilung.
„Malfoy, zurück an die -“, begann er, aber unterbrach sich, als er um die Ecke kam und Malfoy entdeckte. Seine Augenbrauen schossen bis zum Haaransatz. „Was zum Teufel tust du da?“
Malfoy saß gegen ein Bücherregal gelehnt und zeigte mit der leuchtenden Spitze seines Zauberstabs auf das dicke Buch, das offen in seinem Schoß lag. Er war so in den Text vertieft, dass er noch nicht einmal bemerkte, als Harry näher kam.
Harry war nun richtig verärgert. Er lehnte sich genau rechts neben Malfoys Ohr hinunter und sagte laut: „Zurück an die Arbeit, Malfoy!“
Malfoy zuckte wegen des plötzlichen Geräuschs neben ihm zusammen und sein Kopf kollidierte mit Harrys Nase. Harry fiel mit einem Aufschrei rückwärts und landete schmerzhaft auf seinem Hinterteil.
„Lieber Himmel, Potter, erschreck mich doch nicht so“, rief Malfoy hitzig und kroch rückwärts. Sein bleiches Gesicht war noch weißer als sonst und er wirkte nervös angesichts der plötzlichen Unterbrechung.
„Naja, dann sitz das nächste Mal während einer Strafarbeit nicht herum und lies“, knurrte Harry zurück während er seine Brille richtete und seine Nase rieb. „Außerdem bin ich der Leidtragende!“
„Das ist deine eigene Schuld“, schnappte Malfoy. Er lehnte sich vor, nahm sein Buch und drückte es schützend an sich. „Hau ab, ich bin beschäftigt.“
Harry starrte Malfoy ungläubig an, er war sich nicht sicher, ob er richtig gehört hatte. „Hast du eigentlich aus deiner Zeit in Askaban nichts gelernt?“
„Nein, Potter, ich war zu beschäftigt, die Dementoren daran zu hindern, meine Seele wegzuknabbern als dass ich mir Gedanken darüber gemacht hätte, meine Lektion zu lernen“, antwortete Malfoy sardonisch. Er hob seinen Zauberstab auf und begann wieder, im Buch zu blättern, seine Art zu zeigen, dass das Gespräch für ihn beendet war.
Aber Harry war noch nicht fertig. Während er behutsam aufstand, brummte er: „Sie schienen dich während der Verhandlung nicht sonderlich zu beeindrucken.“
„Nur weil Dinge nach etwas aussehen, heißt es noch lange nicht, dass sie auch so sind“, gab Malfoy hochnäsig zurück. Vorsichtig glättete er eine zerknitterte Seite. „Und nun zum letzten Mal, geh jetzt!“
Harry verschränkte die Arme und runzelte die Stirn. „Ich gehe nicht eher, bis du deinen Teil der Strafe erledigst“, erklärte er störrisch.
Stille.
Er versuchte es wieder. „Was liest du überhaupt? Ist das Eine Geschichte Von Hogwarts?“
Malfoy blickte scharf auf.
„Warum sollte ich das lesen?“ fragte er verächtlich, aber ein Schimmer von Panik in seinen Augen verriet ihn.
Harry biss sich auf die Lippe. Malfoy verbarg definitiv etwas. Dann erinnerte er sich, dass sie sich in der Zaubertrank-Abteilung befanden… Und plötzlich klickten die zwei Puzzleteile zusammen.
„Das hat mit deinem Besuch in der Apotheke zu tun, nicht wahr?“ warf er Malfoy vor.
„Nein, hat es nicht“, gab Malfoy hastig zurück, war aber offensichtlich beunruhigt. „Hör auf, hinter mir herzuschnüffeln, Potter!“
„Du bist ein schlechter Lügner, Malfoy“, murmelte Harry und ging zu Malfoy zurück. Er ignorierte die Proteste des anderen Jungen, bückte sich und riss ihm das Buch aus der Hand.
Dabei fiel ein loses Pergamentblatt aus den brüchigen, vergilbten Buchseiten heraus. Überrascht fragte Harry laut: „Was ist das?“
„Lass - “ begann Malfoy, aber Harry war zu schnell für ihn. Mit einer flinken Bewegung schnappte er sich das Stück Papier.
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ScheiĂźe.
Das Wort hallte in Dracos Kopf wider, klopfte in einem dumpfen Rhythmus gegen seine Schädeldecke, als er Potter dabei zusah, wie er die Liste - seine Liste - aufhob und sie umdrehte, um sie zu lesen.
ScheiĂźe. ScheiĂźe. ScheiĂźe. Schei-
„Eins: Unsichtbar sein.“
Draco hätte beinahe laut aufgestöhnt. Potter las die verdammte Liste. Potter las die verdammte Liste laut vor. Aber trotz der Demütigung, die er empfand, konnte er sich nicht davon abhalten, Potter einen seitlichen Blick zuzuwerfen.
Potters Augen hatten sich geweitet und fĂĽr eine Sekunde glaubte Draco einen Funken Erkenntnis in ihren Tiefen zu sehen.
„Zwei: Einen Baum ganz bis zur Spitze hochklettern.“
Verwirrung ersetzte Erkenntnis.
„Drei: Einen Thestral reiten.“
Zwei dunkle Augenbrauen hoben sich zweifelnd.
„Vier: Sich betrinken.“
Noch ein paar Millimeter.
„Fünf: Mit Personen aus jedem Haus ein höfliches Gespräch führen.“
Ein Wangenmuskel zuckte.
„Sechs: Deinen schlimmsten Feind küssen. Erledigt.“
Totales Verstehen.
So kühl, ruhig und gesammelt sich Draco gerne sah, das war zu viel. Es gab nichts - nichts - in der Welt, was er im Moment lieber wollte, als dass sich der Boden unter ihm öffnen und ihn ganz verschlingen sollte.
„Also das war es, was du heute getan hast.“
„Das ist alles was du zu sagen hast?“ fragte Draco ungläubig. Vielleicht versteht er nicht, was er da in der Hand hält dachte er hoffnungsvoll.
„Was soll ich dazu schon sagen?“ Potter schaute nun verärgert drein. „So Herz erwärmend dein Wunsch ist, dich mit Hufflepuffs und Gryffindors anzufreunden, ich finde es ehrlich gesagt ein bisschen verrückt, dass du dafür eine Liste geschrieben hast. Und dass du im Voraus geplant hast, mich zu küssen.“
Er schauderte ĂĽbertrieben. Draco hasste ihn mehr als jemals zuvor in seinem Leben.
Mit vor Beschämung zitternder Stimme stieß er wütend hervor: „Wenn du es so verrückt findest, dann gib sie zurück“, und streckte die Hand aus.
Potter grinste und seine Augen leuchteten im Dämmerlicht auf. „Tut mir Leid, Malfoy, aber die Gelegenheit, einen Blick auf den Rest deiner Pläne zu werfen, kann ich mir einfach nicht entgehen lassen.“ Er blickte wieder auf die Liste. „Noch dazu scheinen es eine Menge zu sein.“
Draco knirschte frustriert mit den Zähnen. Potter hatte seine Liste und sein Buch. „Das sind nicht wirklich… Pläne…“, presste er hervor.
„Ach, nein?“ Potters Augen schnappten nach oben und blickten Draco über das Stück Pergament an. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch wurde Draco klar, dass Potter wahrscheinlich nur darauf gewartet hatte, dass er etwas über den wirklichen Zweck der Liste sagte. „Was ist es dann?“
„Nichts“, schnappte Draco. Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und versuchte, seinen wachsenden Ärger im Zaum zu halten. „Gib sie einfach - “
In diesem Moment wurden sie von Madam Pince unterbrochen. Sie machte eine bissige Bemerkung ĂĽber den langsamen Fortschritt ihrer Arbeit und informierte sie, dass ihre Strafarbeit fĂĽr den Abend vorĂĽber war und sie an den folgenden Tagen wieder kommen mĂĽssten, um die restlichen BĂĽcher in Ordnung zu bringen.
„Und achten Sie darauf, wie Sie das Buch halten“, sagte sie giftig zu Potter, bevor sie davon ging. „Die Seiten sind brüchig!“
„Ja, sicher“, murmelte Potter. Er gab Draco, der es mit einem erleichterten Seufzer entgegen nahm, das Buch zurück. Potter hatte die Seite, die er gelesen hatte, nicht gesehen.
Sobald sie wieder allein waren, erhob sich Draco und sagte kalt: „Gib sie mir zurück, Potter.“
„Nein.“
„Ich meine es ernst.“
„Ich auch.“
„Sie gehört mir!“ zischte Draco. Er wollte keinen Aufruhr verursachen, der Madam Pince veranlassen würde, zu ihnen zurück zu kommen, aber trotzdem krallten sich seine Finger ungewollt fest um seinen Zauberstab.
Potter grinste selbstzufrieden. „Verlier jetzt nur nicht die Beherrschung, Malfoy. Du willst doch bestimmt nicht noch eine Strafarbeit aufgebrummt bekommen. Denk dran: Die hier wird uns schon bis zum Ende des Monats beschäftigen.“
In Draco stieg Panik auf. Was, wenn Potter es ernst meinte? Was, wenn er die Liste behielt und… und… und sie seinen Freunden zeigte? „Oh, Gott“, stöhnte er leise. Das wäre sein Ende. Er hatte alle möglichen beschämenden Dinge auf dieses Stück Pergament geschrieben und falls das Wiesel auch nur einen einzigen Blick darauf werfen konnte, würde Draco nicht zögern, sich in die wartenden Arme der Riesenkrake im See zu werfen.
„Was ist los?“ fragte Potter neugierig.
Draco war fuchsteufelswild, als er feststellte, dass Potter die ganzen letzten Tage nicht so lebhaft gewirkt hatte wie in diesem Moment.
„Ich bin glücklich, dass du das genießt“, murmelte er unterdrückt. Er atmete tief ein. Zeit, eine andere Taktik zu versuchen. „Könnten wir das draußen besprechen?“
Potter war überrascht über diesen Vorschlag, stimmte aber trotzdem zu. Sie gingen nebeneinander hinaus, denn keiner von beiden war gewillt, vor dem anderen zu gehen. Das hätte Vertrauen vorausgesetzt und das war sicher kein Gefühl, das sie sich entgegen brachten.
Sobald sie weit genug von der Bibliothek entfernt waren, wurde Draco aktiv. Er packte Potter an der Vorderseite seiner Robe, stieß ihn gegen die Steinwand, hielt ihm den Zauberstab an die Kehle und sagte in einem gefährlich klingenden Flüsterton: „Gib mir die Liste, Potter. Sofort.“
Potters Augen wurden dunkel. Als er sprach, war alles Spielerische von vorher aus seinem Ton verschwunden, übrig blieb kühler Ernst. „Lass mich los, Malfoy. Für einen Tag hast du mich jetzt oft genug körperlich angegriffen.“
Sofort ließ Draco Potter los, seine Wangen brannten. „Ich brauche diese Liste“, sagte er beinah bittend und hasste sich selbst dafür, dass er so einfach seiner Verzweiflung und Potters Spielchen nachgab. „Ich kann nicht - niemand darf - sie ist nur für meine Augen - “
„Ich verstehe nicht, warum das so wichtig für dich ist. Jeder Mensch hat Ziele und nur weil deine nicht sehr slytherin-mäßig sind…“, sagte Potter und schüttelte verwirrt den Kopf. Das Schneidende war aus seinem Ton verschwunden und hatte etwas Sanfterem Platz gemacht. „Ich werde niemandem davon erzählen, falls es das ist, wovor du Angst hast.“
Nein, natürlich nicht. Natürlich würde Potter niemandem davon erzählen, so edel, verlässlich und ehrlich wie er war. Dracos Unterlippe verzog sich vor Abscheu. „Ich hasse dich“, schnaufte er.
„Ja, ich hab's bemerkt“, antwortete Potter und verdrehte die Augen. Er legte die Handflächen gegen Dracos Brust und schob ihn entschlossen weg. „Ich geb sie dir zurück, ja? Lass sie mich nur zuerst lesen.“
Draco nahm an, das dies der richtige Moment gewesen wäre, um Potter mit einem der Zaubersprüche zu verfluchen, die er von den Freunden seines Vaters gelernt hatte, aber das wäre lästig und womöglich eine schmutzige Sache. Da er nun keine andere Möglichkeit hatte, ließ er die Hände fallen und nickte resigniert. Mach, dass es schnell vorüber ist betete er still.
Eine erdrückende Stille fiel auf die beiden, während Draco darauf wartete, dass Potter die Liste zu Ende las. Er spürte sein Herz wild in seinem Brustkorb schlagen und hoffte fieberhaft, dass Potter es nicht hören konnte.
Nach einigen Minuten, die sich fĂĽr Draco wie Stunden anfĂĽhlten, blickte Potter auf. Er atmete zitternd aus, als er Draco das nun zerknitterte Pergamentblatt hinhielt.
Draco nahm es wortlos entgegen. Er versuchte, etwas Boshaftes oder Aggressives zu sagen, etwas in der Art von „Mach nie wieder so einen Mist mit mir, Potter, oder du wirst es bereuen“, aber die Worte blieben ihm schlicht irgendwo auf halbem Wege in der Luftröhre stecken. Stattdessen verlegte er sich darauf, den Boden anzustarren.
„Warum ist das hier so wichtig für dich, Malfoy?“
Potters Stimme war sanft und schmeichelnd, sie klang wie ein Erwachsener klingen mochte, der ein verängstigtes Kind überzeugen wollte, nach einem schrecklichen Unwetter wieder unter der Bettdecke hervorzukommen. Draco schüttelte den Kopf. Er würde es Potter niemals sagen.
„Jemanden vom Rande des Todes retten. Deine schlimmste Furcht besiegen. Felix Felicis brauen.“ Potters scharfer Atemzug machte ein pfeifendes Geräusch auf dem Weg durch seine Zähne. „Das sind keine Ziele, die du an einem einzigen Tag erreichen kannst.“
„Gut erkannt“, murmelte Draco, unfähig, den üblichen, beißenden Unterton aufzubieten, mit dem er sonst seine Worte so gern tränkte.
„Du hast in der Nacht, in der ich dich in der Bibliothek gesehen habe, einen Teil dieser Liste dort vergessen“, stellte Potter nachdenklich fest, „was bedeutet, dass du wahrscheinlich eine Menge Zeit damit verbracht hast, sie zu schreiben und zu verändern. Warum gibst du dir so viel Mühe damit? Hast du tatsächlich vor, das alles durchzuziehen?“
„Warum sollte ich nicht?“ verteidigte sich Draco. Dann schüttelte er heftig den Kopf. „Nein. Schon gut. Ich werde es nicht mit dir diskutieren.“
Er wirbelte herum, entschlossen, zum Slytherin-Gemeinschaftsraum zurĂĽckzukehren, bevor Potter noch etwas sagen konnte, aber der machte ein paar schnelle Schritte um ihn herum und blockierte den Weg.
„Sag's mir“, sagte er hartnäckig.
„Geh mir aus dem Weg!“ rief Draco frustriert und versuchte, Potter zur Seite zu stoßen, aber der fing einfach Dracos Handgelenk ab. Draco versteifte sich.
„Malfoy“, sagte Potter ruhig, „du hast mich heute gegen einen Baum geschubst und geknutscht, versucht, mir in aller Öffentlichkeit einen Fluch auf den Hals zu jagen, hast dafür gesorgt, dass ich Strafarbeit bekomme, bist insgesamt neun Male in mich gerannt und hast mich allein alle Bücher in der Zaubertrank-Abteilung reparieren lassen, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Wenn du meinst, du schuldest mir nichts dafür, dass ich deinen Arsch vor den Dementoren gerettet habe, dann schuldest du mir auf jeden Fall jetzt etwas.“
Irgendetwas in Draco zerbrach.
„Schön“, fauchte er und riss sein Handgelenk aus Potters Griff. „Es ist eine Liste mit Dingen, die ich tun möchte, bevor ich sterbe, klar?“
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