
von Lapis
Es ist schwer zu sagen, wer dir am meisten schadet: Feinde mit den schlimmsten Absichten oder Freunde mit den besten
Es ist schwer zu sagen, wer dir am meisten schadet: Feinde mit den schlimmsten Absichten oder Freunde mit den besten.
E.R. Bulwer-Lytton
7. Kapitel: Eine Konfrontation
Beinahe zwei Wochen vergingen, bevor Harry wieder mit Malfoy zusammenstieß. Selbst ihre Strafarbeiten verbrachten sie schweigend und so weit voneinander entfernt wie möglich. Harry fand das Ganze sehr seltsam, wenn man bedachte wie viele Kurse sie zusammen besuchten und wie oft sie sich am ersten Schultag begegnet waren. Als sie sich schließlich doch über den Weg liefen, war es an einem Ort, wo er es am wenigsten erwartet hatte.
„Du musst nicht mitkommen“, seufzte Harry genervt, während er mit Ron die gewundene Treppe zur Eulerei erklomm. Es war Sonntagmorgen, aber trotz der frühen Stunde hatte Ron darauf bestanden, ihn zu der banalen Tätigkeit zu begleiten, per Eulenpost einen neuen Winterumhang zu bestellen.
„Oh, komm schon, Harry“, antwortete Ron leicht frustriert. „Zuerst warst du eine Woche lang krank und als wir herkamen, hatten wir völlig unterschiedliche Stundenpläne. Wir haben überhaupt keine Zeit mehr uns zu unterhalten. Außerdem habe ich auch eine Bestellung abzuschicken.“ Er hielt eine unordentlich gewickelte Pergamentrolle hoch.
„Das hätte ich für dich erledigen können“, sagte Harry mürrisch mit einem Achselzucken. Er versuchte, die kleine Stimme auszuschließen, die in seinem Hinterkopf rief Stoß Ron nicht auch noch weg!
Ein schuldbewusster Blick legte sich über Rons Gesicht. „Nun, ich wollte mich nicht von Hermine in die Bibliothek schleppen lassen“, antwortete er verlegen.
„Natürlich.“ Harry lächelte.
Sie erklommen die Stufen in unbehaglichem Schweigen. Hin und wieder warf Ron Harry einen verstohlenen Blick von der Seite zu und Harry tat, als ob er nichts merkte, obgleich er sich der vorsichtigen Blicke voll und ganz bewusst war.
Als sie die Eulerei erreichten, blickte sich Harry nach Hedwig um. Dann erinnerte er sich mit einem plötzlichen Schmerz, dass sie während des Krieges von einem verirrten Todesfluch getroffen worden war.
„Suchst du Hedwig?“ wollte Ron wissen. Er kam herüber zu Harry und lächelte mitfühlend. „Das war Pech, Kumpel. Aber ich hätte nichts tun können…“
„Ja“, antwortete Harry und betrachtete die Reihe der Schuleulen. „Aber es fühlt sich seltsam an, mit der Post nicht zuerst zu ihr zu gehen.“
Ron zuckte die Achseln. „Eine Menge Dinge haben sich geändert. Es braucht Zeit, sich daran zu gewöhnen.“
Harry hob die Augenbrauen. „Hermine färbt auf dich ab.“
„Wieso sagst du so was?“ Ron sah gleichzeitig gekränkt und erfreut drein.
„Du bist viel ernsthafter geworden.“
Ron lachte nervös. „Ich glaube, ich habe kapiert, dass das Leben nicht mehr nur aus Quidditch und Essen besteht. Das Leben ist nicht mehr so… ach, ich weiß nicht, so sorglos.“
Harry antwortete nicht darauf. Stattdessen machte er sich auf die Suche nach einer passenden Eule.
„He, Harry?“
Harry, der gerade dabei war, sein Bestellformular am Bein einer kleinen Zwergohreule zu befestigen, hielt inne und wandte sich um. „Ja?“
Ron hatte sich nicht gerührt. „Ich weiß, du möchtest wahrscheinlich einfach nur deine Ruhe haben und ich verstehe das auch völlig, aber… geht's dir wirklich gut? Du kannst es mir sagen“, fügte er hastig hinzu als ihn Harry nur ausdruckslos anstarrte. „Wenn du über irgendetwas reden möchtest, das Hermine nicht erfahren soll…“
Ich denke, es ist eher umgekehrt, Ron.
„Nein, nichts“, sagte Harry kurz angebunden, wandte sich wieder der Eule zu und band den Knoten um ihr Bein etwas zu fest. Die Eule stieß einen Schrei des Protests aus und starrte ihn vorwurfsvoll an. „Tut mir Leid“, fügte er schuldbewusst in Richtung der Kreatur hinzu.
„Nun, du wirkst neuerdings ein bisschen abwesend…“
Harry unterdrückte einen frustrierten Seufzer und trug die Eule hinüber zum Fenster. Er hatte Ron und Hermine nicht erzählt, dass Malfoy ihn geküsst hatte (er war im Gegenteil immer noch dabei, alle Spuren des Vorfalls aus seinem Bewusstsein zu tilgen), daher wussten sie nicht, was seine geistige Abwesenheit zur Hälfte erklären würde. Aber den anderen Grund… dessen mussten sie sich doch bewusst sein… na ja, irgendwie zumindest…
„Es ist einfach ein bisschen viel, so direkt nach dem Krieg zur Schule zurückzukehren und so“, erklärte Harry. Er bewegte sich unbehaglich. Wieso schaffte er es nicht, Ron sein Herz auszuschütten? Sie beide waren in der Vergangenheit immer offen miteinander gewesen.
„Das ist wahr“, sagte Ron zweifelnd. „Aber was ist mit Malfoy? Wieso seid ihr zwei plötzlich so dicke Freunde?“
„Sind wir nicht!“, antwortete Harry sofort. Er schob die Eule von seinem Arm und sah ihr zu wie sie davon flog, während er sich des nervösen Knotens bewusst war, der sich in seinem Bauch bildete, derselbe, der neuerdings regelmäßig in Erscheinung trat, wenn Ron Malfoys Namen erwähnte. „Ron, du warst derjenige, der vor zwei Wochen gesagt hat, dass er absichtlich versucht, mir Probleme mit McGonagall einzuhandeln.“
„Aber du hast dich bis jetzt nicht über die Strafarbeiten beschwert“, stellte Ron fest. Kam es Harry nur so vor oder blickte Ron misstrauisch?
„W-wir reden wirklich nicht viel miteinander“, stammelte Harry. „Ich meine, es sind eine Menge Bücher da, also arbeiten wir die meiste Zeit…“
„Und er hat noch nichts Fieses zu dir gesagt?“ wollte Ron mit erhobenen Augenbrauen wissen. Er sah nicht überzeugt aus. „Er muss doch mindestens ein, zwei Male versucht haben, dich zu verhexen, wenn Madam Pince nicht in der Nähe war.“
Harry schaffte es nicht, sich umzudrehen und Ron anzuschauen aus Furcht, seine Lügen würden ihm ins Gesicht geschrieben stehen, also starrte er weiter aus dem Fenster in den klarblauen Himmel. „Also wirklich, Ron, ich glaube nicht, dass er seine letzte Chance auf Leben so schnell ruinieren möchte“, sagte er behutsam.
Seine Gedanken flitzten sofort zu Malfoys Liste und eine ganze Reihe brennender Fragen tauchte auf, die er noch keine Gelegenheit zu stellen gehabt hatte. Ich werde ihn heute fragen versprach er sich selbst.
„Ich würde das nicht so schnell annehmen“, warnte Ron Kopf schüttelnd. „Er ist nicht wie wir anderen. Wenn ihm Leben so wichtig wäre, dann wäre er von Du-Weißt-Schon-Wem fern geblieben. Ein Typ, der willentlich sein Leben Schwarzer Magie weiht, ist entweder dumm oder verrückt - und wir wissen beide, dass Malfoy nicht so dumm ist.“
„Das ist das erste Mal, dass ich dich etwas über Malfoy sagen höre, das einem Kompliment ähnelt“, neckte Harry. Er stützte die Ellbogen auf die Fensterbank, lehnte sich hinaus und genoss den beruhigenden Effekt der kühlen Brise auf seine zerrütteten Nerven. „Was die Tatsache angeht, dass er Voldemorts Seite wählte… Ich glaube nicht, dass er wirklich eine Wahl hatte. Er hatte Angst. Sein Vater war ein Todesser, er fühlte sich wohl verpflichtet, auch einer zu werden.“
Ron schüttelte verblüfft den Kopf und kam näher zum Fenster. „Ich kann nicht glauben, dass du dich auf seine Seite stellst“, sagte er gereizt. „Harry, er hat Menschen umgebracht!“
„Ich weiß, Ron“, Harry erhob die Stimme, vermied aber weiterhin Rons Augen. „Denkst du, das ist mir egal? Ich habe nie gesagt, dass er eine zweite Chance verdient! Ich denke nur… dass wir die Dinge vielleicht auch einmal von seiner Seite betrachten sollten. Er ist immer noch ein menschliches Wesen, so schwer es manchmal zu glauben ist.“
Nun war Rons Ärger unmissverständlich. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass Hermine und Ginny richtig liegen!“ sagte er laut.
„Was meinst du?“, fragte Harry. Sein eigener Ärger löste sich auf und die innere Unruhe, die ihm vorangegangen war, kehrte langsam zurück.
„Sie sagten, du wärst derjenige gewesen, der bei Malfoys Prozess das Votum zu seinen Gunsten gekippt hat. Nicht nur sie, der Rest der Schule denkt das auch. Ginny hat mir sogar ein Lügenmärchen von dieser Skeeter gezeigt… sie sagte, das sei der Beweis, dass du es getan hättest…“
Harry schluckte und umklammerte den steinernen Absatz unter seinen Händen. „Ron, was das angeht…“
„Ich hab natürlich gesagt, dass das totaler Mist ist“, sprach Ron weiter, „aber sei ehrlich, so wie du Malfoy gerade verteidigt hast, kann ich verstehen, dass jemand, der dich nicht so gut kennt wie ich, den herumschwirrenden Gerüchten glaubt.“
Ron atmete tief ein, als sei er bereit, Harry ordentlich die Meinung zu sagen und schien sich plötzlich zu erinnern, dass er eigentlich Harry dabei unterstützen sollte, sein Nachkriegstrauma zu überwinden. Also ließ er plötzlich auf ganz und gar nicht Ron-mäßige Art die Luft aus und sagte mit erzwungen ruhiger Stimme: „Was denkst du eigentlich, wer ihn befreit hat? Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass irgendjemand so dumm sein könnte…“
Ja, ich auch nicht dachte Harry düster während sich seine Panik für den Augenblick wieder in dunkle Tiefen zurückzog. Aber die kleine Stimme, die schon die ganze Woche genörgelt hatte, dass er es Ron erzählen solle, wurde stärker. In einem Versuch, sie zu ignorieren, fragte Harry: „Wolltest du nicht diese Besenbestellung fortschicken?“
„Oh, ja, natürlich“, sagte Ron schnell. Er ließ Harry am Fenster stehen und machte sich auf die Suche nach einer Eule.
Harry wartete, während Ron seine Bestellung an einer Schuleule anbrachte und den Vogel hinüber zum Fenster trug. Sobald die Eule davongeflogen war, wandte er sich um und ging zur Tür. „Hermine fragt sich wahrscheinlich schon, was wir so lange treiben“, sagte er mit leiser Stimme und griff nach der Türklinke.
Aber bevor Harry sie packen konnte, schwang die Tür auf. Harry sprang reflexartig rückwärts, um sie nicht ins Gesicht zu bekommen.
„Pass auf, wo du -“, begann er verärgert, hielt aber mitten im Satz inne, als er sah, wer der Schuldige war.
„Pass auf, wo du hingehst, Potter“, sagte eine allzu vertraute Stimme voller Verachtung.
„Hau ab, Malfoy“, sagte Ron unfreundlich, bevor Harry eine vernünftige Erwiderung einfiel.
„Oh, schön dich zu sehen, Weasley!“, sagte Malfoy gedehnt, als er über Harrys Schulter blickte und Ron entdeckte. „Ich hätte gedacht, dass du die Eulerei nicht mehr aufsuchen musst, da du ja keine Verwandten mehr hast, denen du schreiben könntest.“
Das Blut verließ Rons Gesicht. „Sag das noch einmal“, forderte er Malfoy mit vor unterdrückter Wut zitternder Stimme heraus. Seine herunter hängenden Hände ballten sich zu Fäusten.
„Malfoy, lass ihn in Ruhe“, sagte Harry kalt und machte einen Schritt nach rechts, um Malfoys Blick auf Ron zu versperren. „Du hast ja eine verdammte Frechheit, so was zu ihm zu sagen. So weit ich es mitbekommen habe, hast du auch keine Eltern mehr, um mit ihnen zu korrespondieren.“
Malfoys Augen verengten sich, aber sein süffisantes Grinsen blieb. „Ich weiß nicht, ob du in der Position bist, so etwas Dreistes zu sagen, Potter“, antwortete er sanft.
„Und ich weiß nicht, was zum Teufel du meinst, Malfoy“, erwiderte Harry wütend, angefeuert durch das betäubende Geräusch des Blutes, das in seinen Ohren pochte. Ron existierte im Moment nicht mehr, Harry und Malfoy waren wieder in der Welt, die aus ihrem gegenseitigen Hass entstanden war.
„Die Slytherins. Meine Hausgenossen. Du bist der Grund, dass ihre Familien tot sind.“ Die Worte kamen als leises Zischen, es hatte erschreckende Ähnlichkeit mit Parsel. „Deinetwegen waren sie gezwungen, eine Seite zu wählen und nun müssen sie die Konsequenzen erleiden. Du hast sie getötet, das weißt du, nicht wahr?“
Trotz Harrys Versuchen, Malfoys Sticheleien zu ignorieren, wurde seine Stimme eine Oktave höher als er stammelte: „Es ist nicht - tu nicht, als ob es dir irgendwie wichtig wäre -“
„Mir ist es nicht wichtig. Aber dir.“ Malfoy begegnete Harrys wütendem Blick mit einem selbstgefälligen. „Und weißt du was, Potter? Es macht dich fertig, weil du schwach bist.“
Die Kontrolle, die Harry so verzweifelt versucht hatte zu behalten, zerschmetterte. Mit dem brausenden Geräusch seines eigenen schnellen Herzschlags im Ohr, beschloss er wild, Malfoy ein und für alle Mal umzubringen. Seine Finger fummelten in seiner Tasche nach seinem Zauberstab, aber bevor er ihn finden konnte, fühlte er die kühle Spitze von Malfoys Zauberstab an der empfindlichen Haut seines Halses.
„Denk nicht dran, Potter“, sagte Malfoy mit seidiger Stimme und benutzte seinen Zauberstab, um Harrys Kinn nach oben zu zwingen. Er lächelte, als Harry scharf einatmete. „Wir haben noch zwei Strafarbeiten übrig und ich bin nicht bereit, sie allein zu erledigen.“
„Dann würde ich empfehlen, dass du deinen Zauberstab wegnimmst“, sagte Harry durch zusammengebissene Zähne. Mit jedem Wort stieß Malfoys Zauberstab unangenehm gegen seinen Adamsapfel.
Malfoy zog sich zurück und senkte den Zauberstab. Seine Augen schossen kurz zu Ron hinüber, der offenbar durch den Austausch zwischen Malfoy und Harry so verwirrt war, dass ihm kein passender Fluch einfiel, und hob die Augenbrauen ein Stück. Dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort um und ging davon.
„Bist du nicht hergekommen, um einen Brief zu schicken?“ rief Harry frustriert hinter Malfoys sich entfernender Gestalt her.
„Ich komme zurück, sobald die Umgebung wieder keimfrei ist“, erwiderte Malfoy abfällig und winkte mit einer Hand über seine Schulter, ohne sich umzudrehen.
Harry hätte diesen Moment gewählt, um einen Fluch hinter Malfoy herzuschicken, aber unglücklicherweise wurde er durch einen erstickten Aufschrei hinter sich abgelenkt. Er wirbelte herum und sah Ron, wie er seine rechte Hand hielt und mit einem erschrockenen Gesichtsausdruck auf seinen Zauberstab hinab sah, der zu seinen Füßen auf der Erde lag.
„Was ist los?“, fragte Harry besorgt und eilte an Rons Seite, Gedanken an Malfoy für den Moment vergessen.
„Mein Zauberstab!“, rief Ron verärgert aus. „Er hat mich verbrannt!“
„Oh.“ Harry bückte sich und hob den Zauberstab auf. Er untersuchte ihn genau bevor er ihn zurückgab. „Du musst ihn zu fest gehalten haben oder so.“
Ron nahm ihn mürrisch zurück. „Ich werde sicherstellen, dass ich den schleimigen Bastard eines Tages mit meinen eigenen Händen umbringe“, fluchte er mit einem fast schon unanständigen Zähnefletschen. „Wie konnte er - was zur Hölle -“
„Ja, ok, aber stell sicher, dass ich ihn mir vorknöpfen kann, bevor du ihn umbringst“, unterbrach Harry ihn düster. Es schien ihm jetzt, als ob Ron Recht hatte und Malfoy tatsächlich keinerlei Sympathie verdiente - ganz gleich, wie viele Listen mit Dingen, die er in den nächsten Monaten tun wollte, er auch schreiben mochte.
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Dracos Herz schlug schnell als er die gewundene Treppe von der Eulerei hinunter raste, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Er war gleichzeitig entzückt und nervös, entzückt, weil er nun zumindest teilweise sein Bedürfnis nach Vergeltung an Potter befriedigt hatte, aber nervös, weil er keine Ahnung hatte, wie lange der Stand der Dinge so bleiben würde ehe Potter zurückschlug.
Allerdings hatte er nicht erwartet, dass es so einfach sein würde, Potters Grenzen zu überschreiten. Draco hatte schon immer vermutet, dass der Tod einer von Potters schwachen Punkten war, aber trotzdem hatte er Mühe gehabt, seine Überraschung darüber zu bezähmen, dass es nur einiger wohl platzierter Bemerkungen bedurfte, um Potter die Beherrschung verlieren zu lassen.
Er ist also gar nicht unbezwingbar, dachte Draco grimmig, als er langsamer wurde und den Weg zum Slytherin-Gemeinschaftsraum einschlug.
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Als sie den Gryffindor-Gemeinschaftsraum erreichten, berichtete Ron Hermine zu allererst in genauem Detail von ihrer Begegnung mit Malfoy. Hermine hörte vertieft zu, schüttelte hin und wieder den Kopf, unterbrach aber sonst nicht.
„Und dann ging er einfach so.“ Ron schnipste mit den Fingern. Er schien die Szene noch einmal vor seinen Augen zu sehen, denn er blickte plötzlich ausgesprochen finster drein. „Kannst du es glauben, Hermine? Nach allem, was er durchgemacht hat, hat er immer noch keinen Funken Anstand im Leib.“
„Ich denke, es braucht eine Menge mehr als eine Todesdrohung, um Malfoy zu ändern“, seufzte Hermine. Ihr Blick wanderte kurz zu Harry als sie hinzufügte: „Er hat deine Familie gehasst, deshalb glaube ich kaum, dass er bedauert, was er getan hat. Aber trotzdem hätte ich nicht erwartet, dass er so tief sinken würde…“
Harry sagte nichts. Seine Wut war abgekühlt. Nun fühlte er sich - er konnte es nicht anders nennen - betrogen. Es schien, als ob Malfoys verwundbare Seite, die Harry am Abend nach ihrer Strafarbeit glaubte gesehen zu haben, nur ein Produkt seiner Einbildung gewesen war, eine Illusion, die Malfoy mit ein paar beißenden Bemerkungen zerstört hatte.
„Noch dazu hat er Harry auch einen Mörder genannt!“ rief Ron wütend aus. „Als wäre es Harrys Schuld, dass die Eltern dieser Slytherins sich Du-Weißt-Schon-Wem angeschlossen hatten… Harry, du hättest ihn ignorieren sollen…“
Hermine blickte besorgt drein, als sie sich Harry zuwandte. „Du weißt, dass er dich nur provozieren wollte, nicht wahr? Malfoy lebt davon, die Schwachpunkte anderer Leute zu finden. Er weiß genau, was er sagen muss, wenn er dich verletzen will, Harry. Du solltest nicht auf ihn hören.“
„Vielleicht hat er Recht“, sagte Harry dumpf.
„Harry!“ Ron war empört. „Du willst doch hoffentlich nicht sagen, dass du ihm glaubst!“
Harry zupfte an einem Loch im Arm des Sofas, auf dem er saß. „Ich habe während des Kriegs eine Menge Dinge getan, von denen ihr beiden nichts wisst“, sagte er düster. Und danach eine Menge Dinge, die einer von euch nicht weiß, fügte er für sich selbst hinzu.
„Wir wissen vielleicht nicht viel von dem, was passiert ist, aber Malfoy weiß noch weniger“, antwortete Hermine. Sie sah nicht aufgeregt oder verärgert aus, nur entschlossen, Harry zum Zuhören zu bewegen. „Wer kennt dich besser, was denkst du? Wir oder Malfoy?“
„Ihr, aber - “
„Und trotzdem denkst du, Malfoy kann deinen Charakter besser einschätzen?“
„So habe ich das nicht -“, begann Harry, aber Hermine unterbrach ihn wieder.
„Warum glaubst du uns dann nicht, wenn wir dir sagen, dass du kein Mörder bist?“ Nun machten sich erste Anzeichen von Erregung in Hermines Stimme bemerkbar. „Wie viele Male müssen wir dir sagen, dass du nicht Schuld bist, bevor du uns endlich glaubst? Harry, es sieht dir gar nicht ähnlich, dich mit solchen Dingen zu verweilen… Seit dem Ende des Kriegs ist fast ein Monat vergangen…“
„Ja, sie hat Recht“, fügte Ron hinzu, bevor Harry den Mund öffnen konnte, um sich zu verteidigen. „Du bist ein völlig anderer Mensch. Jeder merkt es. Sogar McGonagall kam neulich zu mir und bat mich, ein Auge auf dich zu haben und sie redet nie mit mir, außer es ist wichtig.“
Dieses Mal war Harry entschlossen, zu Wort zu kommen. Kaum hatte Ron seinen Satz beendet, sagte er laut: „Ihr macht euch zu viele Gedanken.“
„Wer macht sich zu viele Gedanken?“, kam eine Stimme von hinten. Harry wandte sich um. Ginny stand mit hochgezogenen Augenbrauen am Fuß der Treppe, die zu den Schlafräumen führte. Sie kam herüber, setzte sich neben Harry und fragte: „Was ist los?“
„Wir sind dabei, Harry zu erklären, dass er niemanden umgebracht hat, der es nicht verdient hätte“, erklärte Ron. „Vielleicht kannst du ihn zur Vernunft bringen, Ginny.“
Ginny verdrehte die Augen und sagte: „Ich bin nicht seine Mutter, Ron.“ Trotzdem legte sie ihre Hand auf Harrys und fragte leise: „Krach mit Malfoy?“
„Woher weißt du?“, fragte Harry ironisch. „Es war nicht wichtig. Er redete schlecht über deine Eltern und ich habe die Beherrschung verloren.“
Ginnys Mund wurde schmal. „Was hat er gesagt?“
„Äh -“
„Es ist egal“, fuhr Ron ärgerlich dazwischen. „Es ist einfach eine Tatsache, dass er ein Mistkerl ist, der nicht das Recht hat, Mist über irgendjemanden zu erzählen. Er sollte in Askaban sein und die Dementoren anmachen anstatt hier damit groß zu tun, wie viele Leute er geholfen hat umzubringen!“
„Ron, beruhige dich“, sagte Hermine und tätschelte tröstend seinen Arm. Sie seufzte und sah Harry und Ginny hilflos an. In einem schmerzhaft offensichtlichen Versuch das Thema zu wechseln sagte sie schließlich: „Ich glaube, ich gehe jetzt runter in die Bibliothek.“
„Du meinst, du warst noch nicht dort?“, fragte Ron ungläubig. Diese überraschende Eröffnung war scheinbar genug, um ihn davon abzulenken, weiter über seine und Harrys Begegnung mit Malfoy nachzudenken. „Ich war mir sicher, du würdest hinlaufen, sobald das Jahresanfangsfest endete.“
„Sei nicht albern, Ron“, spöttelte Hermine. „Natürlich war ich in der Bibliothek. Nur weil wir miteinander gehen, muss ich dir nicht über jede wache Minute Rechenschaft ablegen.“
„Oh, kommst du deshalb nicht mehr zum Abendessen?“, fragte Ron anklagend. Er wirkte reichlich ungehalten, offenbar dachte er tatsächlich, dass er verdiente, über Hermines Tagesablauf informiert zu werden. „Du triffst dich nicht mit jemandem, oder? Keine heimlichen Verabredungen wie die mit Vicky?“
Hermine warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Ganz ehrlich, der Kommentar verdient keine Antwort. Aber wenn du es unbedingt wissen musst: Ich habe Lupin besucht, um zu hören, was im Orden so los ist.“
„Warum hast du mir nicht erzählt, dass du zu ihm gehst?“, fragte Ron entrüstet. „Ich wäre mit dir gegangen! Lupin hat nach dem Unterricht nie Zeit zu reden.“
„Ron, du hast mehr Freistunden als ich Finger an einer Hand“, schalt ihn Hermine. „Kannst du ihn nicht während dieser Zeit besuchen?“
Ron murmelte etwas über Präfekten-Pflichten. Hermine schnalzte nur mit der Zunge, sagte aber nichts mehr. Harry nahm an, dass sie sich an Rons Ausreden gewöhnt hatte.
„Ach, Harry, magst du rausgehen und Quidditch spielen?“ schlug Ginny in der darauf folgenden Stille vor.
„Toll!“, rief Ron eifrig. „Ich bin schon ewig nicht mehr geflogen. Was sagst du dazu, Harry?“
„Ich hab nicht dich gefragt, Blödmann.“ Ginny streckte ihrem Bruder gut gelaunt die Zunge heraus und wandte sich Harry zu. „Aber er hat Recht. Es kann sein, dass McGonagall den Quidditch-Hauscup nicht wieder einsetzt, also müssen wir wohl selbst Spiele organisieren. Außerdem ist es schön draußen und es ist wirklich eine ganze Weile her, seit wir gespielt haben.“
Harry wurde munterer, sobald er das Wort „Quidditch“ hörte. Natürlich - wenn er Quidditch spielte, würde es ihm auf der Stelle besser gehen. In diesem Augenblick wünschte er sich nichts mehr, als ungehindert durch die Luft zu streifen, das vertraute Ziehen zu fühlen, dass seine Knie weich machte und ihn schwerelos machte.
„Gute Idee“, sagte er und stand auf. „Kennt ihr irgendjemanden, von dem ihr beide euch Besen leihen könnt?“
„Ich schätze, es gibt noch welche im Besenschuppen“, meinte Ginny achselzuckend. „Für den Augenblick können wir die benutzen.“
„Aber die fallen praktisch auseinander!“, protestierte Ron, empört darüber, dass sie mit so altersschwachen Besen fliegen sollten.
Ginny funkelte ihn an. „Hast du eine bessere Idee?“
Ron schien unter ihrem grimmigen Blick zu schrumpfen. „Nein, eigentlich nicht.“
„Dann lass uns gehen.“
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Sonntage waren deprimierend, entschied Draco, als er später am Abend ziellos über die Hogwartsländereien streifte. Sonntage waren absolut nichts Bemerkenswertes. Sie saßen gemütlich zwischen Samstag, dem Höhepunkt des Wochenendes, und Montag, dem Beginn der neuen Woche. Sonntage waren träge, dahin kriechende Tage, Tage, die nur dazu existierten, das Faultier in jedermann zu befriedigen. Die Leute verbrachten Sonntage damit, in ihren Gemeinschaftsräumen herumzuhängen, wo sie taten als würden sie Hausaufgaben fertig machen während sie in Wirklichkeit Beziehungsprobleme besprachen oder mit Freunden Zauberschach spielten.
Kurz gesagt, Sonntage waren der Fluch seines derzeitigen Lebens.
Es hatte einmal eine Zeit gegeben, in der sich Draco auf Sonntage gefreut hatte. Es bedeutete, dass er zurück in den kühlen Schutz des Slytherin-Gemeinschaftsraums schleichen und seine Hausgenossen (üblicherweise Erstklässler) dazu bringen konnte, ihm Leckereien aus der Küche zu stibitzen.
Aber Draco war nicht mehr in der Position, diese Art von Macht auszuüben. Die Slytherins hatten Angst, aber nicht vor ihm. In ihren Augen war Potters Mitwirken am Ausgang seines Prozesses Beweis, dass Draco den Idealen ihres Hauses Schande bereitete hatte. Sogar die Erstklässler verbreiteten boshaft Gerüchte über „den Malfoy-Typen, der einem Gryffindor sein Leben schuldet“ hinter seinem Rücken. Unnötig zu sagen, dass es die angenehmen Sonntage, die er früher genossen hatte, nicht mehr gab.
Daher war er in der kalten Abendluft unterwegs zum Quidditch-Feld anstatt den Luxus ehrfürchtiger Hausgenossen zu genießen. Die Sonne ging gerade unter und die Ländereien waren eingehüllt in rosige Farbnuancen von purpur, rot und orange. Draco hätte es wundervoll gefunden, wäre er nicht so sehr mit der Tatsache beschäftigt gewesen, dass er nun vor seinem bevorstehenden Tod einen Sonntagnachmittag weniger zu verbummeln hatte.
„Verdammter Potter“, fluchte er unterdrückt, obgleich er wusste, dass es teilweise seine Schuld war, dass er seine Zeit nicht besser nutzte.
Ich sollte wahrscheinlich „einen kompletten Sonnenuntergang von Anfang bis Ende anschauen“ zu meiner Liste hinzufügen, dachte er schuldbewusst, als er nach dem schwindenden Licht am Horizont schaute.
Als Draco näher an das Feld herankam, gerieten die großen Schatten der drei nächsten Torpfosten in sein Sichtfeld. Draco blickte auf und sah mit einem sehnsüchtigen Ziehen im schwindenden Licht die sechs Reifen golden glänzen. Es war über ein Jahr her seit er zum letzten Mal auf einem Besen gesessen hatte und sein Verlangen zu fliegen war in diesem Augenblick so stark, dass es schmerzte.
Keine Chance, rief er sich düster ins Gedächtnis. Ein Besen war nicht unter den Dingen, die er in der Winkelgasse hatte kaufen dürfen. Schließlich wollte McGonagall nicht, dass die Schule haftbar gemacht würde, wenn er durch die Luft von den Ländereien entfloh.
Draco trat durch den Zuschauereingang auf das Feld. Seine Schuhe sanken in den weichen Rasen und er atmete den Geruch der feuchten Erde ein, der ihn an endlose Stunden Training auf genau diesem Feld erinnerte - Training, um Potter wenigstens ein Mal zu schlagen, ein Kunststück, das er nie zustande gebracht hatte.
Aha. Noch etwas für die Liste.
Plötzlich erklangen entfernte Stimmen und Draco versteifte sich. Auf dem Feld war noch jemand anderes.
Draco eilte zur Tribüne hinüber und duckte sich dahinter. Er kauerte sich in den Schatten und wartete mit angehaltenem Atem. Wer immer es war, er hoffte, dass er ihn nicht gesehen hatte. Wer wusste, was geschehen würde, wenn ihn ein anderer Schüler hier fand? Er würde Ärger bekommen, weil er in der Dunkelheit draußen gewesen war, so viel stand fest und er würde auf keinen Fall eine weitere Strafarbeit riskieren.
Nach einigen Sekunden sprach die Person wieder.
„Es geht mir wirklich gut. Noch ein paar Runden um die Torpfosten, dann komme ich gleich.“
Draco strengte seine Ohren an. Die Stimme - er war sicher, dass sie einem Jungen gehörte - klang vage vertraut, aber war zu weit weg, als dass er sie hätte wiedererkennen können.
„Es macht uns nichts aus, hier unten auf dich zu warten“, sagte eine zweite, dieses Mal weibliche, Stimme.
„Ja, es ist keine gute Idee, allein hier draußen im Dunkeln zu bleiben“, fiel eine dritte Person ein. „Außerdem bringt uns McGonagall um, wenn sie herausfindet, dass wir dich allein gelassen haben.“
Der erste Junge klang leicht verärgert angesichts der Beharrlichkeit seiner Kameraden als er erwiderte: „Ich bin sicher. Geht schon. Ich werde schon nicht auf meinem Besen abhauen, oder so.“
Das Mädchen lachte. „Na, das ist eine Erleichterung. Wir sehen dich dann später. Denk dran, in einer halben Stunde gibt es Abendessen.“
„Bis dann.“
Draco schrak zurück, als das Geräusch der Fußtritte der Freunde des Jungen näher kam. Als sie in sein Sichtfeld kamen, versuchte er, ihre Gesichter zu erkennen, aber die zunehmende Dunkelheit erschwerte es. Zu Dracos Erleichterung blickten sie nicht in seine Richtung, als sie das Feld verließen.
Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt zu gehen überlegte Draco, sobald er hörte, wie der Junge sich vom Boden abstieß. Aus der Luft wird er mich nicht sehen…
Aber Neugier hielt ihn an Ort und Stelle. Obwohl es ihm nichts einbrachte, wollte Draco wissen, wer der Schüler war, der das Fliegen so sehr liebte, dass er lieber in der kühlen Abendluft blieb und allein trainierte als mit seinen Freunden in das warme Schloss zurückzukehren.
Draco nahm all seinen Mut zusammen und kroch vorwärts bis er das gesamte Feld überblicken konnte. Er suchte den Himmel ab und blinzelte, um im Dunkeln zu sehen.
Er konnte unklar einen hellen Fleck über den sternlosen Nachthimmel streifen sehen, aber sonst nichts.
Draco vergaß, dass er gar nicht hier sein durfte und kam hinter der Tribüne hervor. Er sah zu, wie der Junge die Torpfosten auf der gegenüberliegenden Seite zwei Mal umkreiste. Obwohl Dracos Sicht begrenzt war, musste er widerwillig zugeben, dass derjenige, wer immer es war, in Top-Form war. Er wirkte so tadellos auf seinen Besen ausgerichtet, dass es aussah, als seien sie eins, als sie durch die Luft rasten.
Während Draco weiter zusah, vollführte der Junge ohne große Anstrengung drei enge Kreise in der Luft, bevor er abrupt in einen Sturzflug tauchte, den er mit spielerischer Leichtigkeit ungefähr einen Meter über dem Boden abfing. Dann wurde er langsamer, bis er nur noch träge dahin schwebte und die Sohlen seiner Turnschuhe den Rasen berührten.
Draco stieß seinen Atem mit einem Zischen aus. Nun wusste er, wieso der Junge so vertraut geklungen hatte. Er würde diesen Flugstil überall erkennen. Unzählige Jahre lang hatte er heimlich und verbissen geübt, versucht, diese geschickt kontrollierten Sturzflüge, diese scharfen, schnellen Manöver zu lernen.
Aber wie hätte er wissen sollen, dass die Person, die unbekannterweise mit ihm auf dem Feld war, Harry Potter war?
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„Ich hab dich auf dem Quidditch-Feld gesehen.“
Harrys Hand hielt auf halbem Weg zum Bücherregal inne. „Was hast du gesagt?“ fragte er zurückhaltend und wandte sich zu Malfoy um. Dies war das erste Mal während ihrer Strafarbeit, dass Malfoy zuerst etwas sagte.
„Ich bin hinaus aufs Feld gegangen und hab dich fliegen gesehen.“ Malfoys Augen waren entschlossen auf das Buch gerichtet, dessen Einband er sorgfältig wieder in Ordnung brachte. „Ich habe von der Tribüne aus zugesehen.“
„Oh.“ Harry stellte das Buch weg und fühlte sich ein wenig aus der Fassung gebracht, nun, wo er wusste, dass er beobachtet worden war. „Was hattest du draußen im Dunkeln zu suchen? McGonagall hat gesagt -“
„Ich weiß, was McGonagall gesagt hat“, schnappte Malfoy. Er klopfte auf den Rücken des Buchs, das in seinem Schoß lag und es band sich geräuschlos wieder ein. „Es ist mir egal.“
„Das sollte es nicht sein. Sie ist schließlich der Grund, dass du noch lebst.“
„Schieb die Schuld nicht auf jemand anderen, Potter.“
Harry ließ ein ungläubiges Schnauben hören, während er die Bücher des zweiten Regals nach losen und zerrissenen Einbänden absuchte. „Ich nehme an, du glaubst immer noch nicht, dass ich dir einen Gefallen getan habe, als ich für deine Rücksendung nach Hogwarts gestimmt habe.“
Malfoy räumte sein Buch weg und zog ein anderes heraus. „Es ist dir egal, dass ich dich beobachtet habe?“
Achselzuckend erwiderte Harry: „Na ja, ich war ja nicht dabei, geheime Quidditchstrategien zu trainieren oder so. Es macht mir mehr Sorgen, dass du frei über die Ländereien streifen kannst.“
„Ich werde wohl kaum auf meinem Besen abhauen oder so“, sagte Malfoy und grinste süffisant. „Das hast du gesagt.“
„Oh“, sagte Harry wieder. Es verwirrte ihn, dass Malfoy sich seine Worte gemerkt hatte. „Das hast du auch gehört?“
„Hast du ein Problem damit?“
„Nein, es ist nur -“
„Mach dir keine Mühe mit Erklärungen.“ Malfoy warf ihm eine Art abschätzenden Blick zu. „Für jemanden, der so gern in anderer Leute Angelegenheiten herumschnüffelt, verbirgst du offenbar verdammt viel vor deinen Freunden.“
Harry runzelte die Stirn. „Sie sind besser dran damit, nicht alles zu wissen“, sagte er kurz angebunden.
„Wie tapfer von dir, sie vor den schrecklichen Einzelheiten deiner Sünden zu bewahren“, höhnte Malfoy. Er erhob sich und strich seine Robe glatt. „Wie auch immer, ich gehe jetzt.“
„Noch nicht“, sagte Harry schnell. Er schwenkte seinen Zauberstab und das Buch, das Malfoy auf dem Boden hatte liegen lassen, flog zu seinem Platz auf dem Bücherregal. „Ich möchte erst noch ein paar Dinge mit dir zu besprechen.“
„Dann beeil dich. Ich hab eh schon zu viel von dir gesehen, Potter.“
Harry nahm einen tiefen Atemzug, um sich zu beruhigen. „In Ordnung. Erstens: Sag nie wieder ein Wort über die Weasleys.“
Malfoy verdrehte die Augen. „Weil ich ja auch allen Grund habe, auf dich zu hören.“
„Was du zu Ron gesagt hast, war mies, sogar für dich, das weißt du. Außerdem bist du mir etwas schuldig.“
„Mein Leben, nicht mein Taktgefühl“, antwortete Malfoy steinern. „Ich bedauere nicht, was ich getan habe, Potter. Im Gegenteil, ich finde, die Welt sollte uns dafür danken, dass wir sie von zwei Weasleys mehr befreit haben.“
Abscheu und Hass stiegen in Harry auf. „Wir? Es gibt kein „wir“ mehr, Malfoy. Die Todesser sind alle in Askaban und du warst eh nie wirklich einer.“ Langsam und angewidert fügte er hinzu: „Ich kann es nicht glauben. Es ist wirklich ein starkes Stück, dass du damit angibst, beim Mord an zwei unschuldigen Menschen dabei gewesen zu sein, nachdem du es nicht einmal geschafft hast, Dumbledore umzubringen, als er dir ausgeliefert war.“
Malfoy erbleichte sichtlich. „Woher weißt du das?“
Harry brauchte einen Moment, um sich daran zu erinnern, dass er in der Ganz-Körper-Klammer hinter der Tür gestanden hatte. Dann biss er sich auf die Lippe und sagte: „Es ist egal, woher ich das weiß. Jedenfalls konntest du es nicht tun. Im tiefsten Inneren bist du kein Mörder, gleich, wie sehr du versuchst, dich und andere davon zu überzeugen.“
„Ich nehme an, du wirst dieses Informationshäppchen benutzen, um mich zu erpressen“, sagte Malfoy. Er hob eine Augenbraue in stummer Herausforderung für Harry, es zu bestätigen. „Und da dachte ich, Gryffindors wären ehrliche, anständige Leute…“
„Du meinst, genauso wie du mich erpressen wolltest?“ fragte Harry und ignorierte die Stichelei. „Du kannst es Ron übrigens erzählen“, fuhr er fort. Er kreuzte die Finger hinter seinem Rücken und hoffte, dass seine umgekehrte psychologische Strategie funktionieren würde. „Vielleicht hab ich ja etwas zu lachen, während du versuchst, ihn zu überzeugen.“
„Ich bin nicht mehr auf dieses spezielle Geheimnis von dir angewiesen“, sagte Malfoy leise. Seine Augen leuchteten für einen Sekundenbruchteil silbern auf, bevor sie wieder zu einem stumpfen Grau wurden.
Harry war etwas verblüfft und dachte einen Moment darüber nach, Malfoy zu fragen, was er damit meinte. Aber dann dachte er daran, dass Malfoy ohnehin nichts verraten würde und beschloss, mit dem weiterzumachen, was er vorher hatte sagen wollen. „Zweitens: Ich möchte mehr über deine Liste wissen.“
„Was sollte ich dir da sagen?“ fragte Malfoy in zurückhaltendem Tonfall. Er verschränkte die Arme vor der Brust, als ob er sich auf diese Weise vor Harrys Fragen schützen wollte.
Harry fühlte sich plötzlich unbehaglich. Vielleicht war es zu viel verlangt, Malfoy nach der Liste zu fragen. Schließlich war es wahrscheinlich ein sehr persönliches Thema…
Dennoch fragte er: „Warum hast du sie geschrieben?“, und ignorierte sein nagendes Gewissen.
„Damit du sie lesen kannst“, antwortete Malfoy sarkastisch. Er schob sich mit der Schulter an Harry vorbei. „Lass mich in Ruhe, Potter. Ich möchte schlafen gehen.“
„Warte“, sagte Harry verzweifelt und packte seinen Ärmel. „Ich dachte, vielleicht… na ja, ich dachte, ich könnte dir vielleicht bei einigen Dingen helfen.“
Malfoy drehte sich abrupt um. Einen Augenblick lang sah er verwirrt aus, dann schob sich seine übliche Maske aus kühler Gleichgültigkeit über sein Gesicht und er antwortete gedehnt: „Da deine Definition von Unterstützung beinhaltet, meine Todesstrafe länger hinzuziehen, kann ich nicht sagen, dass ich begeistert wäre, deine Hilfe anzunehmen.“
„Wirst du jemals aufhören, mir das vorzuhalten?“, fragte Harry gereizt. „Soll ich dir nun helfen oder nicht? Felix Felicis ist nicht gerade einfach zu brauen.“
„Falls du dich nicht erinnerst, Potter, deine Erfolge in Zaubertränke kamen durch Snapes Buch zustande - nicht aufgrund deiner Fähigkeiten. Daher nein, ich möchte nicht, dass du mir hilfst, den Zaubertrank zu brauen.“
Harry biss sich auf die Lippen. Er wird sich nicht ändern, erklärte eine leise Stimme in seinem Hinterkopf. Du kannst nichts für ihn tun. Lass ihn einfach in Ruhe.
Aber immer noch weigerte sich Harry zu glauben, was für logisches Denken real schien. Schließlich hatte die Realität ihn schon unzählige Male getäuscht, tatsächlich so oft, dass er ihrer Stichhaltigkeit nicht mehr traute.
„Nun gut, was ist mit den anderen Dingen?“, fragte er und wand sich ein wenig, als Malfoy ihm einen ungläubigen Blick zuwarf.
„Ehrlich, Potter, was ist los mit dir? Deine Lippen waren genug Hilfe.“ Malfoy versuchte, seinen Ärmel aus Harrys Griff zu befreien. „Ich werde überhaupt nichts schaffen, wenn du mich nach Strafarbeiten immer aufhältst.“
Frustriert ließ Harry Malfoy los. „Warum versuchst du immer alles allein zu schaffen?“, wollte er wissen.
„Ach, und du tust das nicht?“, schoss Malfoy zurück.
„Der Unterschied zwischen dir und mir ist, dass ich es allein schaffe und du nicht“, antwortete Harry verärgert. „Vielleicht merkst du es selbst nicht, aber du hattest dein ganzes Leben lang Leute, die Dinge für dich getan haben, Malfoy.“
Malfoy blickte finster. „Ich habe es geschafft, als ich für den Dunklen Lord gearbeitet habe. Ich war ein Todesser. Todesser nehmen keine Hilfe von anderen an.“
Harry lachte leise. „Du würdest gern glauben, dass das wahr ist, stimmt's? Warum hörst du nicht auf, dich selbst zu belügen und gibst zu, dass du froh bist, noch einmal eine Chance auf Leben zu haben? Du hast eine Liste mit Dingen geschrieben, die du vor deinem Tod tun möchtest, das sagt doch schon alles.“
Zu Harrys Überraschung lief Malfoy rosa an. „Bilde dir nicht ein, meine Gefühle zu verstehen.“
„Das tu ich nicht“, sagte Harry nur. „Wenn ich das täte, würde ich mich nicht fragen, wie du einen anderen Menschen ohne den Anflug eines Schuldgefühls umbringen kannst. Aber der Tod wird von allen gefürchtet und deshalb möchte ich dir helfen, auch wenn du es nicht verdienst.“
Malfoys Unterlippe schien für einen Augenblick zu zittern und Harry fühlte einen leichten Anflug von Panik. Aber dann wandte sich Malfoy ab und die Panik verschwand und stattdessen fühlte sich Harry wieder wütend, verärgert und alles andere, was er in der Gegenwart des anderen Jungen gewöhnlich spürte.
„Morgen ist unsere letzte Strafarbeit“, sagte Malfoy leise. „Das solltest du besser nicht vergessen.“ Dann ging er davon, hielt aber inne, bevor er um die Ecke ging. „Übrigens solltest du auf deine Freunde hören, was das Draußenbleiben in der Dunkelheit betrifft.“
„Ach, ja?“ fragte Harry verwirrt. Aber erst als Malfoy verschwunden war, kam ihm die Bedeutung seiner Worte zu Bewusstsein.
Unsere letzte Strafarbeit. Die Worte hallten in Harrys Kopf wider. Natürlich, es war nur noch eine Abteilung in der Bibliothek übrig, die sie noch abarbeiten mussten. Danach war die Strafe, die ihnen McGonagall aufgegeben hatte, erledigt.
Harry hatte ein seltsam schweres Gefühl im Bauch. Er blieb einen Moment verdutzt stehen und versuchte es einzuordnen. Es war beinahe… Enttäuschung. Aber das war Unsinn, er hasste Strafarbeit mit Malfoy.
Harry seufzte. Es schien, als sei er neuerdings noch verwirrter als sonst. Nach einigen Minuten stillen Nachdenkens wandte er sich um und verließ die Bibliothek ebenfalls.
A/N: Urlaub ist vorbei, aber aus privaten Gründen werde ich trotzdem den August über weitgehend abwesend sein und weiß deshalb nicht, ob es innerhalb der nächsten vier, fünf Wochen ein neues Kapitel geben wird. Ihr seid gewarnt ;-).
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