
von Lapis
A/N: Dieses Kapitel habe ich gewissermaßen im „Schreibrausch“ übersetzt (weshalb es auch so schnell nach dem letzten kommt, ich zappele hier ungeduldig herum). Eins meiner absoluten Lieblingskapitel. Im Prinzip war dieses der Grund, warum ich die Geschichte übersetzen wollte - schon beim ersten Lesen gingen mir deutsche Formulierungen durch den Kopf.
Ich hoffe, es wird euch genauso gut gefallen, wie mir.
Vielen Dank, Cho17, du bist die Review-Rekordhalterin (und danke auch für deine Meinung zu den Song-Lyrics - hab sie dieses Mal auf Englisch gelassen) und Niobe87.
Viel Spaß!
Over your head
Trying not to drown
Reaching for a breath
Before it drags you down
Caught in between
All the pain you feel
You lost control
You're letting go
But I never will
- Nick Lachey, “Run To Me”
Kapitel 9: Ein Engel
Die Tage wurden kälter. Wann immer sie frei hatten, verschwanden Harry, Ron und Ginny nach draußen und spielten auf dem verlassenen Quidditch-Feld. Manchmal ging Dean mit ihnen, aber die anderen waren zum größten Teil zu sehr damit beschäftigt, sich von dem Schaden zu erholen, den der Krieg angerichtet hatte, um sich mit etwas so alltäglichem wie Quidditch zu beschäftigen. Aber für Harry war Fliegen seine Art, die Albträume zu bekämpfen, die seinen Schlaf unterbrachen und die pochende Leere, die er nicht ignorieren konnte, ganz gleich wie sehr er sich selbst zu überzeugen suchte, dass er sie sich einbildete.
Manchmal ertappte er sich dabei, wie er das Feld unter sich absuchte und sich fragte, ob Malfoy ihn heimlich beobachtete. Es ärgerte ihn, sowohl weil er wusste, dass es höchst unwahrscheinlich war, als auch, weil es ihn so sehr ablenkte, dass er in Torpfosten und Bälle flog. Einmal wäre er sogar beinahe mit Ron zusammengekracht, weil seine Augen damit beschäftigt waren, die leere Tribüne abzusuchen.
Zu Harrys Erleichterung hatte Ron ihn wegen dieses Zwischenfalls nicht zur Rede gestellt. Tatsächlich schien es, als ob Ron und Hermine (die zu ihrem Wort stand und Ron nicht die Wahrheit über Malfoys Prozess gesagt hatte, obwohl Rons vehemente Verteidigung Harrys, sobald ein Mitschüler das Thema aufbrachte, es für Harry nach und nach immer schwieriger machte, seine Schuld an der Sache mit sich auszumachen) ihn überhaupt nie über sein Leben zur Rede stellten, höchstwahrscheinlich in der Annahme, dass er von selbst kommen und etwas sagen würde, wenn er soweit war. Sie verhielten sich in seiner Gegenwart heiter, aber Harry wusste, dass es zumindest zum Teil Verstellung war, denn er hörte Ron regelmäßig im Schlaf angstvoll die Namen seiner ermordeten Geschwister rufen und ertappte Hermine mehr als einmal mit Tränen in den Augen, während sie ihr Gesicht hinter einem Buch versteckte.
Obgleich es Harry schmerzte, dass seine Freunde sich so sehr bemühten, ihn über ihre wahren Gefühle im Dunkeln zu lassen, er konnte es nicht ändern. Er fühlte sich besser, er war fast wieder er selbst und er versuchte sein Bestes, das auch in der Öffentlichkeit zu zeigen, aber er hatte noch immer Schwierigkeiten, die Gesellschaft anderer zu ertragen. Malfoy sah er außer zu den Mahlzeiten kaum und selbst da bemerkte er nur, dass Malfoy nun entschieden gesünder aussah, bevor er sich wieder zum Unterricht aufmachen musste. Manchmal besuchte er Lupin, aber diese Besuche waren meist kurz und unbefriedigend. Sein einziger Trost war die wenige Zeit, die er mit Ginny verbrachte. Aber ansonsten sehnte er sich weiterhin nach etwas um die Leere in ihm zu füllen, etwas, von dem er sich nicht einmal sicher war, ob er es je finden würde.
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Der erste Schnee fiel am 20. November. Harry und Hermine gingen gerade von ihrer letzten Unterrichtsstunde des Tages, Verteidigung Gegen Die Dunklen Künste, zurück zum Gemeinschaftsraum, als im Gang plötzlich jemand ausrief: „Ich werd' verrückt, schaut mal raus!“
Jeder Kopf im Korridor wandte sich den Fenstern zu. Dicke Schneeflocken schwebten vom Himmel herab, verwischten den Blick auf den See und überzogen alles mit einem weiß-grauen Schleier.
„Ooooh, wie schön!“ rief Hermine aus und rannte zum Fenster, um besser sehen zu können. „Schau, Harry, das müssen schon mindestens zehn Zentimeter sein!“
Harry musste über Hermines Aufregung lachen. „Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass es angefangen hat zu schneien. Komm, Hermine, lass uns gehen… Ich werde den ganzen Abend brauchen, um den Aufsatz für McGonagall fertig zu bekommen…“
Sie gingen weiter. Als sie die Treppen hinaufstiegen, meinte Hermine wehmütig: „Zu schade, dass wir so viel zu tun haben, jetzt wo wir für unsere UTZe Arbeiten müssen. Ich meine, es wäre schön, wenn wir jetzt hinausgehen und im Schnee spielen könnten, wie wir es als Kinder getan haben.“
„Ich habe das nie getan“, antwortete Harry schulterzuckend. „Wenn Dudley hinausging, um Schneemänner zu bauen oder Schneeballkämpfe mit den Nachbarskindern zu veranstalten, musste ich drinnen und sauber bleiben.“
„Das ist schrecklich“, sagte Hermine empört und rümpfte die Nase. „Ich bin so froh, dass du nie wieder dahin zurückgehen musst. Hast du schon darüber nachgedacht, was du tun wirst, wenn du mit der Schule fertig bist?“
„Auror werden, schätze ich. Ich weiß es nicht. Ich muss erst über meine Vergangenheit hinwegkommen, bevor ich an meiner Zukunft arbeiten kann.“ Harry starrte auf ein Paar Schuhe, die vor ihm die Treppe erklommen. Er stellte fest, dass sie jedes Mal in einem strahlenden Goldton aufblitzten, wenn die Schülerin einen Schritt machte und fand dieses Detail unendlich viel interessanter als das Gespräch, das er gerade führte.
„Oh, ja, natürlich“, sagte Hermine in sorgfältig kontrollierten Ton.
Für den Rest des Wegs zum Gemeinschaftsraum waren sie still.
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Der späte Abend fand Ron und Harry in ihrem Schlafraum. Sie waren früh nach oben gegangen, nachdem sie Hermine versprochen hatten, ihre Hausaufgaben zu beenden, bevor sie schlafen gingen, aber stattdessen hatten sie Bertie Botts Bohnen Aller Geschmacksrichtungen gegessen und dabei Erinnerungen über die vergangenen Jahre in Hogwarts ausgetauscht.
„Fühlt sich an, als wäre es ewig her, oder?“, sann Ron laut vor sich hin. Er bezog sich auf die Zeit, als sie beide die Kammer des Schreckens gefunden und Ginny gerettet hatten. Er nahm eine rot-weiß-gesprenkelte Bohne, steckte sie in den Mund und kaute gedankenverloren.
Harry nickte. Er zögerte, weil er die gute Stimmung nicht ruinieren wollte, konnte aber dann doch nicht widerstehen. „Sag mal, Ron, hasst du Malfoy wirklich?“
Ron packte sofort die Gelegenheit beim Schopf, auf Malfoy zu schimpfen und antwortete heftig: „Natürlich! Er hat Mum und Dad umgebracht! Merlin, du hast keine Vorstellung, wie gut es sich anfühlte, ihn zu finden und zu den Dementoren zu bringen. Sein Gesichtsausdruck… du hättest ihn sehen sollen, Harry!“
„Naja, er hat sie eigentlich nicht selbst umgebracht“, sagte Harry vorsichtig. Er räusperte sich. „Zumindest sollten wir unser Urteil über seinen Charakter überdenken. Es kann sein, dass er… ich weiß nicht, Dinge bereut hat, während er bei den Dementoren warten musste oder so.“
Ron ignorierte den letzten Teil der Antwort und knurrte: „Es reicht mir, dass er dabei war. Er ist ein Todesser durch und durch.“
„Ja, wahrscheinlich“, sagte Harry leise. Er begriff, dass es an der Zeit war, die Diskussion zu beenden, bevor ihm versehentlich etwas herausrutschte und ließ sich auf seine Matratze fallen. „Ich geh jetzt jedenfalls schlafen.“
„Nacht, Harry“, sagte Ron. Aber anstatt ebenfalls zu Bett zu gehen, stand er auf und ging zur Schlafzimmertür.
„Wohin gehst du?“ fragte Harry überrascht.
Ron rubbelte sich über den Hinterkopf und sagte verlegen: „Hermine Gute-Nacht sagen.“
„Ach so, klar.“ Harry drehte sich auf die Seite. „Na dann, schlaf gut.“
Harry wartete bis Ron die Tür geschlossen hatte, dann stand er wieder auf und trottete zum Fenster. Er hatte es immer genossen, auf der Fensterbank zu sitzen und auf den Verbotenen Wald hinauszusehen, wenn er abends nicht einschlafen konnte. Aber bevor er das tun konnte, bemerkte er etwas Seltsames: Jemand lag unten auf dem Boden im Schnee.
Was zum Teufel? dachte Harry total perplex. Er drückte sein Gesicht an das kalte Fenster und blinzelte, um einen klareren Blick auf die Person zu bekommen. Wer würde so verrückt sein…
In diesem Augenblick teilten sich die Wolken und Mondlicht fiel auf den schneebedeckten Boden und beleuchtete den Gegenstand von Harrys Aufmerksamkeit. Harrys Kinn fiel herab. Es war Malfoy.
„Verdammt“, fluchte er unterdrückt. Er öffnete das Fenster und steckte seinen Kopf hinaus in die frostige Nachtluft. „Malfoy!“ schrie er so laut er konnte. Malfoy rührte sich nicht.
In einem Anfall von Panik rannte Harry zu seinem Koffer, zog seine Robe und seinen Umhang heraus und dachte aufgewühlt Er kann nicht tot sein! Zumindest noch nicht! Aber wenn er es nicht ist, wieso liegt er dann reglos da unten im Schnee?
Harry zog sich in Rekordzeit an, schnappte seinen Zauberstab vom Bett und sprintete aus der Tür. Er scherte sich nicht einmal darum, ob Ron und Hermine noch im Gemeinschaftsraum waren, als er die Treppe hinunter kam und aus dem Porträtloch stürmte.
Als Harry die große Doppeleichentür aufriss und hinaustrat, hatte es wieder zu schneien begonnen. Der Schnee fiel nicht mehr so dicht wie früher am Tag, es war nun eher ein weiß glitzernder Puder als richtiger Schnee, der da zu Boden schwebte.
Harry stolperte durch den hohen Schnee, der das Gras bedeckte, bis zu der Stelle, an der er Malfoy gesehen hatte. Als er sie erreichte und Malfoy dort genauso vorfand wie er ihn vom Gryffindor-Turm aus bemerkt hatte, fühlte er gleichzeitig Erleichterung und Furcht.
Harry ließ sich neben Malfoy auf die Knie fallen und zischte: „Ich würde dir nicht raten tot zu sein.“ Malfoys Augen waren geschlossen und seine Haut hatte einen schwachen blau-weißen Farbstich. Harry rutschte das Herz in die Hose.
Aber als Harry ihn schüttelte, riss Malfoy sofort die Augen auf. Er erblickte Harry, blinzelte zwei Mal und setzte sich dann so abrupt auf, dass sein Kopf beinahe mit Harrys kollidiert wäre.
„Was machst du hier, Potter?“
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Es fühlte sich an als seien Stunden vergangen bis Potter schließlich Dracos Frage beantwortete.
„Ich könnte dich das Gleiche fragen, Malfoy!“
Draco starrte ihn finster an - oder eher, hätte es getan, wären seine Gesichtszüge nicht vor Kälte so taub gewesen, dass sie der neuronalen Botschaft, die sein Gehirn schickte, nicht gehorchen konnten. Also entschied er sich für ein eingeschnapptes: „Und da versuche ich dich um unser beider Willen zu vermeiden. Wie sah es denn deiner Meinung nach aus, was ich tue?“
„Wie ein Versuch zu erfrieren?“ schlug Potter vor. Er sah wütend aus. „Mir war nicht klar, dass du so dringend sterben möchtest!“
„Ich versuche nicht zu sterben, du Arsch!“ Draco schüttelte den Kopf und fühlte kleine Tropfen geschmolzenen Schnees seinen Rücken hinunter rinnen. „Merlin, Potter, wieso bist du so makaber? Wenn du es unbedingt wissen musst, ich versuche, einen Schneeengel zu machen.“
„Einen - einen was?“ stotterte Potter.
„Einen Schneeengel“, sagte Draco langsam und deutlich. Er sog erst die Unter- und dann die Oberlippe in den Mund im Versuch, sie aufzuwärmen. „Weißt du nicht, was ein Schneeengel ist?“
Potter starrte ihn misstrauisch an. „Ich habe das Wort schon ein paar Male gehört, aber niemand hat mir jemals genau gesagt, wie man einen macht.“
Draco hätte gelacht, aber ihm war wirklich zu kalt um etwas anderes von sich zu geben als ein leises Zeichen des Unglaubens. Harry Potter, der verdammte Retter der Welt, weiß nicht, wie man einen Schneeengel macht? dachte er ungläubig bei sich selbst.
Laut sagte er abfällig: „Na, wer hätte das gedacht… Der Wunderknabe weiß nicht alles!“
„Das habe ich nie behauptet“, gab Potter giftig zurück. Er stand auf. „Also zeigst du es mir nun? Oder soll ich einfach nur in meinen warmen, gemütlichen Schlafraum zurückgehen und dich hier draußen allein lassen?“
„Ich würde es vorziehen, wenn du mich allein lassen würdest“, sagte Draco mit einem lässigen Schulterzucken. Er legte sich wieder in den Schnee und versuchte nicht zusammenzuzucken, als er die Kälte wieder stärker spürte.
Aber Potter zerrte ihn wieder hoch. „Was stimmt nicht mit dir?! Du wirst dich unterkühlen oder irgendwas!“
„Tritt zurück.“
„Wie bitte?“
„Ich sagte, tritt zurück. Zumindest, wenn du wissen willst, was ein Schneeengel ist.“
Das misstrauische Glitzern kehrte in Potters Augen zurück, aber er gehorchte. Draco legte sich vorsichtig in den Schnee, spreizte Arme und Beine und bewegte sie wie Flügel auf und ab. Dann stand er mit so viel Würde wie es eben möglich war, wenn man im Schnee gelegen und vor seinem ärgsten Feind einen Schneeengel gemacht hat, wieder auf, strich den Schnee von seiner Robe und gestikulierte zu dem etwas schludrigen Abdruck eines Engels, den er im Schnee hinterlassen hatte.
„Das ist ein Schneeengel, Potter, du behüteter Depp.“
Potter starrte Draco mit offenem Mund an. „Das - das hat keinerlei Ähnlichkeit mit einem Engel!“
Draco verschränkte seine steif gefrorenen Arme und funkelte Potter an. „Warum machst du es dann nicht besser?“
Unsicherheit blitzte in Potters Gesichtszügen auf bevor sich seine Augen verengten. Aber er akzeptierte die Herausforderung mit einem: „Na schön.“
Draco sah zu wie Potter sich rückwärts in den Schnee fallen ließ und ungeschickt den Arm- und Beinbewegungen folgte, die Draco ihm vorgemacht hatte. Aber als er wieder aufstand, prustete Draco vor Lachen.
„Die sehen sich absolut nicht ähnlich, Potter“, sagte er hochmütig. „Wenn meiner unansehnlich ist, dann ist deiner geradezu scheußlich.“
Zweifellos hätte Potter diskutiert, wenn es denn möglich gewesen wäre. Aber man konnte sagen, was man wollte, Draco hatte Recht. Daher formte sich nur ein verlegenes Lächeln auf Potters Gesicht, als er auf seinen formlosen Engel hinabblickte. „Ich schätze, er ist ziemlich hässlich, hm?“
Dracos Augen wurden groß als er Potters kindliches Lächeln sah. Er wirkte so… glücklich, als er den losen Schnee über seinen missglückten Engel kickte.
„Heh, Potter“, hörte Draco sich selbst sagen, viel sanfter, als eigentlich geplant. Andererseits war es ziemlich lange her, dass jemand in seiner Gegenwart so glücklich ausgesehen hatte. Und er war so lange draußen gewesen, dass sein Hirn wahrscheinlich wegen der mangelnden Wärme verwirrt war.
„Was?“ Potters Lächeln verschwand im gleichen Augenblick, als sich ihre Augen trafen.
Draco starrte zu Boden. „Ich denke, ich habe dir noch nicht wirklich dafür ge-gedankt, dass du… mir geholfen hast, nach Hogsmeade zu kommen.“ Er schloss die Augen, legte den Kopf nach hinten und dachte Das ist so falsch... Ich bin dabei Harry Potter zu danken.
Es entstand eine lange Pause. Dann, als ob ihm klar wäre, was die nächsten Worte Draco kosten würden, sagte Potter leise: „Keine Ursache.“
Eine weitere Pause.
Bevor Potter noch etwas sagen konnte, sagte Draco abrupt: „Ich geh wieder rein.“ Er zog seinen Zauberstab heraus und wollte seinen Schneeengel verwischen, aber Potter packte sein Handgelenk und stoppte ihn.
„Halt mal!“ rief er ärgerlich. „Ich bin hier heraus gekommen, um nachzusehen, ob du noch lebst. Du kannst jetzt nicht einfach abhauen, ohne mir meine Fragen zu beantworten.“
„Mir war nicht bewusst, dass du noch welche hattest“, antwortete Draco und hob eine Augenbraue. „Hast du nichts Besseres zu tun als mich auszufragen? Jedes Mal, wenn ich dich sehe, tust du nichts anderes als gottverdammte- “
„Mann, ich kann's nicht ändern! Ich weiß nichts über dich.“
„Du möchtest mich jetzt also besser kennen lernen? Meine Güte, sind deine Anmachsprüche nicht einfallsreich?“
Potter wurde rot. „Das ist nicht im Geringsten lustig, Malfoy. Ich wollte nur wissen, warum du plötzlich beschlossen hast, mitten in der Nacht rauszugehen und einen Schneeengel zu machen.“
Draco runzelte die Stirn. „Vielleicht ist es dir ja egal, aber ich erfriere gerade, meine Lippen sind wahrscheinlich schon blau und ich kann mich fast nicht mehr bewegen. In anderen Worten, ich würde es zu schätzen wissen, wenn du dir deine Fragen für einen wärmeren Ort und eine andere Zeit aufsparen würdest.“
„Ist es wegen der Liste?“
„Aber ja, Potter, es ist zufällig eins der Dinge- “
„Letztes Mal war es noch nicht darauf. Hast du noch mehr darauf gesetzt?“
„Ja, habe ich, aber das geht dich- “
„Kann ich sie sehen?“
„Kannst du dich vielleicht eine verdammte Sekunde lang davon abhalten, mich ständig zu unterbrechen, Potter?“ rief Draco. „Ja, es steht auf meiner Liste, ja, ich habe es erst später dazu geschrieben und nein, du kannst sie nicht sehen.“
Potter verdrehte die Augen. „Ich habe sie schon gesehen, was ist also das große Problem?“
„Das große Problem ist“, sagte Draco gedehnt, „dass meine Liste etwas Persönliches ist und du hättest sie eigentlich überhaupt nicht sehen sollen. Unglücklicherweise ist das dank deiner erstaunlichen Fähigkeit, deine Nase hineinzustecken, wo sie nichts zu suchen hat, doch der Fall. Bilde dir nicht ein, dass das heißt, dass ich dich weiterhin über meine persönlichen Angelegenheiten auf dem Laufenden halte.“
„Du- “
„Ich weiß, Potter. Ich schulde dir was. Vergiss es. Ich habe es schon ein Mal gesagt und sage es wieder: Ich schulde dir mein Leben, nicht Höflichkeit.“
Potter schüttelte den Kopf und kleine Schneeflocken flogen von seinem schwarzen Haar. „Eigentlich wollte ich sagen, dass du deinen Schneeengel nicht zerstören solltest.“
Draco senkte seinen Zauberstab. „Warum nicht?“
„Naja, jetzt, da ich ihn ein bisschen länger betrachtet habe, finde ich ihn gar nicht so übel“, sagte Potter hinterhältig.
„Dann nimm ihn doch mit zum Weihnachts-Ball“, spottete Draco, war aber klammheimlich erfreut über Potters Fast-Kompliment. „Er ist viel attraktiver als Patil.“
Potter lachte und kratzte sich am Hinterkopf, wobei mehr Schneeflocken herabfielen. Draco sah ihnen zu, wie sie zusammen mit den Schneeflocken vom Himmel zu Boden fielen.
„Seamus war der Meinung, sie sei hübsch“, erklärte Potter. „aber ich habe sie nur gefragt, weil… na ja, jemand anders das Mädchen gefragt hat, das ich eigentlich wollte.“
„Tatsächlich?“ fragte Draco. Er grinste frech. „Armer kleiner Potter… kann nicht einmal bei dem Mädchen landen, das er gern hätte…“ Er duckte sich, um dem Schnee auszuweichen, den Potter nach ihm warf. „Wer war sie?“
„Ich erzähl dir nichts, wenn du mir nichts erzählst.“
„Wie erschreckend kindisch du doch bist.“ Draco schob den Zauberstab wieder in die Tasche. „Schön, ich werde ihn nicht kaputt machen. Aber egal, morgen früh wird er eh weg sein, bei all dem Schnee, der gerade fällt.“
Potter zuckte mit den Achseln. „Man weiß nie. Wunder geschehen.“
Ein Wunder beobachten.
Draco blinzelte. „Ja, klar.“
„Wie auch immer, komm schon. Ich geh wieder rein.“
„Ja, schön für dich, aber ohne mich. Ich bleibe noch ein bisschen draußen.“
Potter legte den Kopf auf die Seite. „Du hattest gerade gesagt, dir ist kalt und du wolltest ins Warme“, stellte er fest.
„Ja, nun, ich habe meine Meinung geändert“, antwortete Draco sanft. „Das solltest du doch verstehen, du bist doch ein Experte darin.“
Potter verdrehte die Augen. „Na schön. Aber denk dran, ich kann dich von meinem Schlafraum aus sehen, also versuch kein krummes Ding. Und pass auf dich auf. Besonders, da du um diese Zeit eigentlich gar nicht außerhalb deines Gemeinschaftsraums sein solltest.“
Draco starrte Potter sprachlos vor Erstaunen an. Dies war das erste Mal, dass Potter ihm tatsächlich traute und ihn allein ließ. Dabei war er mittlerweile so daran gewöhnt, dass er ihm überall hin folgte, dass es ihn fast ein bisschen aus der Fassung brachte, dass Potter ihm etwas Freiraum ließ.
Als ihm schließlich klar wurde, dass Potter auf eine Antwort wartete, sagte er mit vorgetäuschter Gleichgültigkeit: „Bis dann, Potter.“
Potter nickte einmal und ging. Draco blickte ihm nach bis er nur noch ein Punkt gegen den Schnee gesprenkelten Himmel war. Dann drehte er sich wieder zu seinem Schneeengel um und kauerte sich neben ihm nieder.
„Eis“, murmelte er vor sich hin während er den Kopf des Engels mit tauben Fingern nachfuhr. „Ich wollte immer wie Eis sein, so kalt und gefühllos und erstarrt. Deshalb wollte ich meinen Abdruck im Schnee hinterlassen.“
Aber natürlich war Harry nicht da, um die wahre Antwort auf seine frühere Frage zu hören. Er war schon fort.
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Als Harry zu seinem Schlafraum zurückkehrte, schliefen Ron und Dean schon. Harry war erleichtert, dass er es vor seinem plötzlichen Aufbruch geschafft hatte, die Vorhänge um sein Bett zuzuziehen und so den Eindruck erweckt hatte, er schliefe schon.
Harry schlüpfte aus seinem Umhang und der Robe und ließ beides in einem Haufen zu Boden fallen. Es war nicht wichtig, er würde sie morgen früh ohnehin wieder anziehen.
Kurz bevor er zu Bett ging, sah er noch einmal aus dem Fenster. Malfoy war immer noch da. Aber nun hielt er etwas in der einen Hand, das aussah wie ein kleiner Feuerball und in der anderen den Zauberstab. Während Harry zusah, benutzte Malfoy den Zauberstab um Augen, Nase und Mund in den Schneeengel zu schmelzen. Dann hielt er inne wie um nachzudenken, was er als nächstes tun wollte und tippte schließlich leicht den Kopf des Engels an. Etwas breitete sich über den Schnee aus, färbte ihn blassgelb und formte Haar. Harry grinste und wandte sich ab.
Es war Harry nicht aufgefallen, dass kein Heiligenschein das Bild vervollständigte. Als Harry sich unter seine Decken kuschelte und die Augen schloss, vorbereitet auf eine weitere Nacht voller flüchtiger Schatten und ungreifbarer Schrecken, aber doch nicht wirklich bereit dafür, kauerte Draco draußen im Schnee und malte seinem Engel stattdessen Hörner über das blonde Haar.
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Dieses Mal war Albtraum anders als sonst.
Harry träumte, er stünde an einem Ende eines sehr langen Korridors. Er sah sich um und sah, dass lauter unterschiedliche Rüstungen an den grauen Marmorwänden aufgereiht standen. Neugierig näherte er sich einer von ihnen und versuchte, sie zu berühren. Aber bevor seine Haut das Metall erreichte, hob die Rüstung ihr Schwert und richtete es auf Harrys Herz. Gleichzeitig flog das Visier auf und enthüllte die Person darin: Ginny.
„Es tut mir Leid, Harry“, sagte sie und presste das Schwert, das den Stoff seines Hemds aufriss, gegen seine Brust. Sie weinte, senkte aber nicht das Schwert.
Harry wich zurück. Blut tränkte die Vorderseite seines Hemdes, obgleich Ginny ihn nicht verletzt hatte. Aber bevor er entkommen konnte, fühlte er eine weitere scharfe Schwertklinge an seinem Nacken.
„Lauf nicht weg, Harry. Du kannst nirgendwohin.“ Es war Rons Stimme. Er klang ärgerlich. „Ich weiß, dass du es warst. Ich dachte, wir hätten uns gegenseitig versprochen, uns nie anzulügen.“
„Das haben wir uns nie versprochen!“ schrie Harry. Aber seine Stimme klang verzerrt und fremd als spräche jemand anderes während er nur die Mundbewegungen machte.
„Hermine hat gesagt, du hättest gelogen…“
„Ich musste es ihm sagen, Harry!“
„Harry, Lily ist für dich gestorben…“
„Ach Harry, ich habe immer gesagt, ich habe den Fehler gemacht, dich zu sehr zu lieben…“
„Nein!“ versuchte Harry zu schreien, presste die Hände über die Ohren und schüttelte den Kopf. Er rannte blind den endlosen Gang entlang und fühlte Schwerter nach ihm ausholen, seine Kleider zerreißen, in sein Fleisch stoßen. Es schmerzte nicht, aber er wusste, er würde verbluten, wenn er stehen bliebe. Also rannte er weiter.
Eine Ewigkeit schien vergangen zu sein, als er endlich das Ende des Korridors erreichte, aber irgendwie schaffte er es. Die Rüstungen waren plötzlich verschwunden und alles, was Harry sehen konnte war ein Wort, das in dunkelgrün auf der weißen Wand vor ihm geschrieben war: Wähle.
„Was wählen?“ schrie Harry, erleichtert, dass das Echo, das er hörte, von seiner eigenen Stimme kam. Aber es hörte nicht auf. Seine Frage hallte in dem Raum, der plötzlich klein und ohne Fenster und Türen war, wider und wurde lauter und höher bis schließlich nichts weiter als endlose, bedeutungslose Schreie zu hören waren.
Harry fiel auf seine Knie, während Tränen der Qual und Frustration über sein Gesicht liefen. „Stop!“ rief er. „Ich ertrage es nicht mehr… STOP!“
Plötzlich hörte es auf.
Aber dafür hörte Harry etwas viel Beängstigenderes als das schreckliche Echo seiner eigenen Stimme. Es war Voldemort, der seinen Namen sprach.
„Harry… Harry Potter…“
Harry blickte auf. Er war zurück in dem Korridor, nur dass dieses Mal anstelle der Rüstungen Fackeln aufgereiht waren. Ganz am Ende des Gangs befanden sich zwei Gestalten: Voldemort und Malfoy.
Voldemort ließ seine langen, spinnenähnlichen Finger durch Malfoys Haar gleiten und selbst aus dieser Entfernung konnte Harry sehen, dass Malfoy, der zusammengesunken zu Voldemorts Füßen lag, zitterte.
„LASS IHN GEHEN!“ schrie Harry gellend. Er rannte zu den beiden hin, aber der Korridor wurde länger und länger. „Es ist nicht seine Schuld! Er wollte es nicht tun! Nimm stattdessen meine Seele… Ich muss ihn retten, er schuldet mir immer noch ein Leben…“
Warum dies für Voldemort wichtig sein sollte, wusste Harry nicht, aber in diesem Moment wurden Voldemorts Hände graubraun und schorfig. Draco begann sich vor Schmerz zu winden. Der Klang seiner Schreie mischte sich mit dem rasselnden Atem des Dementors und rang in Harrys Ohren. Er streckte verzweifelt die Hände aus und dann…
Und dann wachte er auf.
Er saß aufrecht im Bett, dicke Schweißperlen auf der Stirn und die Hand noch vor sich ausgestreckt, genau wie in seinem Traum. Sobald Harry das bewusst wurde, ließ er den Arm fallen und fiel mit einem Stöhnen rückwärts auf sein Kissen.
Harry blieb eine Weile im Dunkeln liegen und wartete darauf, dass sich die Details des Albtraums verflüchtigten wie sonst auch. Aber nach einigen Minuten wurde ihm klar, dass irgendetwas nicht stimmte: Das lebhafte Bild von Malfoy, der mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden lag, blieb wie eingebrannt auf seiner Netzhaut. Harry vergrub sich in den Decken, berührte mit einer zitternden Hand seine Wangen und war nicht überrascht, sie tränennass zu finden.
Was sollte dieser Traum bedeuten? Er war anders als die anderen auf eine Art, die Harry nicht recht für sich selbst definieren konnte. Als er sich an die anklagenden Stimmen seiner Freunde erinnerte, biss Harry auf das in seiner Hand zusammengeknüllte Laken, um den leisen Schluchzer zu ersticken, den er nicht unterdrücken konnte.
„Harry, alles klar?“ kam eine schläfrige Stimme aus der Dunkelheit.
Harry verspannte sich. „Ja, Ron“, sagte er leise und versuchte, das Zittern in seiner Stimme zu unterdrücken.
So sehr Harry sich bemühte, er konnte den Albtraum einfach nicht abschütteln. Er stach schmerzhaft in seinen Verstand, manche Teile mehr als andere. Er schloss fest die Augen und versuchte, den Klang von Malfoys Stimme zum Verschwinden zu bringen, als ihn plötzlich ein seltsames, Unheil verkündendes Gefühl überkam.
Es war wie ein Déjà-vu. Er hatte so etwas schon einmal gefühlt, aber er benötigte ein paar Minuten, um es einzuordnen. Als er es schaffte, schoss er wieder hoch.
Mr. Weasley. Die gleiche Art von Grauen hatte er in jener Nacht empfunden, in der Arthur Weasley von einer Schlange angegriffen worden war - von ihm. Nur hatte er Malfoy dieses Mal nicht verletzt, er hatte versucht, ihn zu retten. Aber das war nicht wichtig. So oder so, Harry wusste, dass Malfoy etwas zugestoßen war.
Gepackt vom selben Panikgefühl, das ihn früher am Abend ergriffen hatte, als er Malfoy im Schnee hatte liegen sehen, sprang Harry aus dem Bett und griff nach seiner Brille. „Wo bist du?“ murmelte er verzweifelt vor sich hin als er seinen Tarnumhang überwarf, seinen Zauberstab vom Nachttisch schnappte und aus der Tür stürmte. Er schloss sie leise hinter sich und rannte die Treppe hinunter.
Sobald er im Gang vor dem Porträtloch ankam, wurde Harry bewusst, dass er nicht wusste, wohin er sich wenden sollte. Es gab keinen Korridor in Hogwarts, der aussah wie der in seinem Traum, zumindest wusste er nichts davon. Voldemort war da erinnerte er sich dumpf. Aber…aber Voldemort ist tot, er kann Malfoy nichts getan haben.
Rüstungen. Rüstungen. Wo gab es Reihen von Rüstungen? Harry rannte blindlings los. Er hatte keine Ahnung, wo er nachschauen sollte, er wusste nur, dass er nicht herumstehen und nichts tun konnte.
Während Harry Gang auf Gang entlang rannte, gingen ihm widerstreitende Gedanken durch den Kopf.
Hol McGonagall!
Kann ich nicht, wenn sie herausfindet, dass er verschwunden ist, wird er zu den Dementoren geschickt, auch wenn er erst einmal gerettet ist.
Du bist verrückt, wenn du denkst, du könntest das allein schaffen! Was wirst du tun, zum…
„Der Eingangsflur!“ Harry keuchte laut auf. Das war es. Wieso hatte er nicht früher daran gedacht? Es war der einzige Gang in Hogwarts mit Marmorwänden und es standen Rüstungen daran. Es war nicht genau der Korridor aus Harrys Traum, aber es war alles, was er als Anhaltspunkt hatte.
Harry raste die Treppen hinunter und hoffte, dass das Echo seiner Fußtritte auf den marmornen Stufen niemanden anlocken würde.
Im Erdgeschoß kam er schlitternd zum Halten, packte das Treppengeländer und beugte sich vornüber, um wieder zu Atem zu kommen. Eine Minute lang war alles, was er hörte, der Klang seines eigenen abgehackten Keuchens. Dann blickte er langsam auf.
Es lief ihm eiskalt den Rücken hinab.
Die Treppe, die Harry heruntergekommen war, lag dem Eingang genau gegenüber. Von dort wo er stand, hatte Harry einen klaren Blick auf die Vordertür - und auf Malfoy, der zusammengesunken wie eine mit Blut befleckte Lumpenpuppe davor lag.
Genau wie in seinem Traum fühlte es sich an, als sei eine Ewigkeit vergangen bis Harry Malfoy endlich erreichte und neben ihm auf die Knie fiel. „Malfoy… verdammt, wage es nicht, mir das noch mal anzutun, Malfoy!“
Es war wie eine Wiederholung des Vorfalls im Schnee am Abend, nur dass dieses Mal kein Schnee da war - nur Blut, Malfoys Blut, das sich in den Fugen des Fliesenbodens verteilte und die Eichentüren hinter ihm bedeckte. Überall Blut…
...Blut, unschuldiges Blut, scharlachrote Pfützen, die jede kleine Spalte füllten, jede kleine Erdmulde…Harry konnte nicht atmen…würde ohnmächtig werden…Neville war tot…
Harry stockte der Atem, als Furcht in ihm aufstieg, so zornig und rot wie Malfoys Blut auf seinen Händen. Er riss Malfoys Hemd, das mit Blut bedeckt war, vorne auf und hätte sich beinahe übergeben, als er die Quelle des ganzen Bluts entdeckte: Das Wort „VERRÄTER“, das tief in Malfoys bleiche Brust geritzt war.
„Nein“, murmelte Harry wild vor sich hin. „Nein, nein, nein!“
Er versuchte verzweifelt, sich an den Zauber zu erinnern, mit dem man Wunden verschließen konnte. Snape… ja, Snape hatte irgendeinen seltsamen Spruch gemurmelt während er die Wunden nachgefahren war, die Sectumsempra bei Malfoy verursacht hatte und es hatte funktioniert…
Hilflos versuchte Harry Snapes Zauberstabbewegungen zu imitieren, aber es geschah nichts. Er war nie sehr gut gewesen in wortloser Magie und dass er den Spruch nicht kannte, den er hätte benutzen müssen, machte die Sache nicht besser.
Bring ihn zum Krankenflügel, du Idiot! schrie der Teil seines Verstands, der noch nicht in Hysterie verfallen war. Und wenn du schon dabei bist, ruf Ron und Hermine herunter… sie werden es wissen wollen…
Harry fingerte an seinem Zauberstab herum und machte sich bereit, einen Nachrichtenpatronus zu schicken, um Ron und Hermine aufzuwecken und ihnen zu sagen, ihn so schnell wie möglich im Krankenflügel zu treffen. Aber kurz bevor er den Spruch laut sprach, hielt er inne. War es wirklich nötig? Würde die Tatsache, dass Harry mitten in der Nacht mit Malfoy unterwegs war nicht erst recht Rons zeitweilig unterdrücktes Misstrauen erwecken?
Harry schüttelte den Kopf und entschied sich, Ron und Hermine nicht zu rufen. Dann dachte er daran, dass sich Malfoys Zustand nicht verbessern würde, während er das Für und Wider bedachte, seine Freunde zu alarmieren, unterdrückte alle Gedanken an Ron und Hermine und wandte seine Aufmerksamkeit wieder seiner derzeitigen Lage zu.
Er deutete mit dem Zauberstab auf Malfoy, murmelte „Tergeo!“ und entfernte damit so viel Blut wie möglich von Malfoys Gesicht. Den Boden und die Türen würde jemand anders säubern müssen. Alles, was Harry im Moment interessierte, war, das Malfoy überlebte, denn die Atmung des Jungen war plötzlich erschreckend flach und unregelmäßig.
Harry atmete tief ein und stand auf. „Mobilocorpus!“ sagte er. Malfoys Körper erhob sich in die Luft, sein Kopf hing zu einer Seite, seine Glieder hingen schwer in der Luft.
„Ich kann es nicht glauben“, stöhnte Harry leise, während er mit Malfoys Körper, der schaurig vor ihm in der Luft schwebte, in Richtung der Treppe ging, die er vorher herabgekommen war. Es juckte ihn loszurennen, aber er wollte es nicht riskieren, Malfoy herumzuschubsen - er hatte schon zu viel Blut verloren.
Während Harry vorwärts ging, versuchte er, eine Erklärung für Malfoys Zustand zu finden. Er war offensichtlich angegriffen worden, aber von wem? Harry atmete zischend aus. Konnte es ein Slytherin gewesen sein? Harry hatte schon vermutet, dass sie Malfoy gegenüber feindselig eingestellt waren, aber würden sie wirklich so weit gehen, ihn körperlich zu verletzen?
Sie sind Slytherins machte er sich grimmig klar. Warum zum Teufel sollten sie sich darum scheren? Nichts wird sie davon abhalten zu bekommen, was sie wollen.
„Du bist verrückt, denen gegenüber loyal zu sein“, flüsterte Harry während er Malfoys kreidebleiches Gesicht betrachtete. Er biss sich auf die Lippe, streckte zaghaft die Hand aus und berührte Malfoys Wange. Sie war kalt. Er war den ganzen Abend draußen im Schnee gewesen, daher war das keine Überraschung. Trotzdem verzog Harry das Gesicht und zog abrupt seine Hand zurück.
Harry fühlte sich als sei eine Ewigkeit und ein Tag vergangen, als er endlich die Doppelflügeltür aus Eichenholz des Krankenflügels erreichte. Den Zauberstab in der einen Hand, mit der anderen gegen die Tür donnernd rief Harry: „Madam Pomfrey! Ich habe einen verletzten Schüler hier!“
Keine Antwort kam. Harry schrie lauter. Es kam immer noch niemand.
Gerade als er aufgeben wollte und sich mit der Tatsache abfand, das Malfoy in diesem Gang außerhalb der Krankenstation verbluten würde, hörte Harry näher kommende Schritte. Er wirbelte herum und sagte verärgert: „Wurde auch Zeit!“
„Potter?“
„Professor McGonagall?“ sagte Harry schwach. Er schüttelte den Kopf und ignorierte den schockierten Ausdruck in McGonagalls runzligem Gesicht als sie Malfoys in der Luft schwebenden Körper erblickte. „Es tut mir Leid, ich habe keine Zeit für Erklärungen, Professor… Malfoy wurde angegriffen und muss sofort von Madam Pomfrey versorgt werden!“
„Das sehe ich selber!“ rief McGonagall aus. Sie schob Harry zur Seite und versuchte den Türgriff zu drehen. Er ließ sich problemlos bewegen. McGonagall blickte über ihre Schulter und warf Harry einen fragenden Blick zu.
Harry spürte das Blut in seine Wangen steigen. Natürlich, er hätte wissen sollen, dass gerade die Krankenstation nicht abgeschlossen sein würde. „Entschuldigung, ich habe nicht nachgedacht“, murmelte er - und das war die Wahrheit, denn das Einzige, auf was er sich im Augenblick konzentrieren konnte, war die erschreckende Menge frischen Bluts aus Malfoys Wunden, die sein Hemd durchtränkte.
McGonagall gab ein „Ach was!“ von sich, schalt Harry aber nicht für sein fehlendes Mitdenken. Stattdessen drückte sie die Tür auf und trat ein. „Kommen Sie mit“, sagte sie knapp.
Harry folgte ihr in die dunkle Abteilung und blickte nervös über die leeren Betten, als sie ihn zu einem Bett an der rückwärtigen Seite führte. Sie bedeutete ihm, Malfoy dort abzulegen bevor sie flink zu Madam Pomfreys Büro hinüber ging und zwei Mal klopfte.
„Poppy, Sie haben einen Patienten!“ rief McGonagall.
Einige Minuten wurde die Tür aufgerissen und Madam Pomfrey trat heraus. Sie trug ein hellblaues Nachthemd und eine passende Nachtmütze. Sie blinzelte McGonagall müde an. „Was ist los, Minerva?“
„Der junge Malfoy ist angegriffen worden.“
Madam Pomfrey trat sofort in Aktion. „Angegriffen, sagen Sie?“ fragte sie, aber eilte schon an McGonagall vorbei und hinüber zu einem großen Vorratsschrank. Unterwegs schaltete sie mit einer wischenden Bewegung mit ihrem Zauberstab das Licht an.
McGonagall beeilte sich, um mit Madam Pomfrey Schritt zu halten. „Ja, Potter sagt, er hätte ihn gefunden- “ Sie unterbrach sich und blickte Harry stirnrunzelnd an. „Wo haben Sie ihn gefunden?“
„An der Eingangstür“, antwortete Harry und musste den Drang unterdrücken, Madam Pomfrey zu sagen, sie solle sich beeilen und Malfoy endlich heilen. Sie schien ihm unnötig lang dafür zu brauchen, verschiedene Gegenstände aus dem Schrank zusammenzusuchen. „Bitte, Madam Pomfrey, sie müssen ihn retten - seine Atmung klingt nicht gut und er hat sehr viel Blut verloren - “
„Beruhigen Sie sich, Potter“, unterbrach McGonagall ihn scharf. Sie war an Harrys Seite getreten. „Mr. Malfoy wird es unter Poppys Pflege bald besser gehen. Nun müssen Sie mir genau erklären, was geschehen ist… Vielleicht wäre es einfacher, wenn wir in mein Büro gehen, um zu- “
„Nein!“ Harrys Stimme wurde unwillkürlich lauter. „Ich meine - können wir hier reden?“
Bevor McGonagall antworten konnte, wurde sie durch Madam Pomfreys Ankunft unterbrochen. Die Krankenschwester schob Harry kurzerhand zur Seite, schlängelte sich um McGonagall herum und machte sich unverzüglich daran, mit ihrem Zauberstab und einem Sortiment Behälter mit verschiedenen Heilsalben und Zaubertränken Malfoys Wunden zu behandeln.
Eine Welle der Erleichterung, die so stark war, dass Harry hätte weinen mögen, ging durch ihn, als er zusah, wie Madam Pomfrey die schrecklichen, in Malfoys Haut eingeritzten Buchstaben, heilte. „Wird er wieder gesund werden?“ fragte er ernsthaft.
„Einen Augenblick, Potter“, sagte McGonagall, legte ihm eine Hand auf die Schulter und führte ihn zu einem benachbarten Bett, wo sie ihn zwang, sich hinzusetzen. „Poppy wird Sie gleich über Malfoys Zustand informieren. Aber jetzt erklären Sie mir bitte was genau passiert ist, alles, von Anfang an - und bitte deutlich.“
Harry fuhr sich mit der Hand durchs Haar und seufzte. Es war genau wie jene Nacht im fünften Schuljahr, nur dass er dieses Mal glücklicherweise niemandem erzählen musste, dass sein Vater sterbend irgendwo in der Zaubererwelt lag.
„Ich habe geträumt“, sagte er kurz. „Nichts Besonderes. Nur ein weiterer Albtraum. Aber er war anders als die Albträume, die ich sonst hatte… er war irgendwie realer. Gerade bevor ich aufgewacht bin, träumte ich jedenfalls, ich sei in irgendeinem Korridor und Malfoy war auch dort, zusammen mit - mit Voldemort, nur dass sich Voldemort plötzlich in einen Dementoren verwandelte und ich wusste, dass Malfoy gleich den Kuss des Dementoren erleiden würde. Ich versuchte, ihn zu erreichen, aber schaffte es nicht.“
McGonagall schürzte die Lippen. „Weiter.“
„Ich konnte irgendwie nicht das Gefühl abschütteln, dass etwas nicht in Ordnung war und dachte, dass vielleicht…“ Harry schluckte und war froh, dass Ron nicht hier war. „Tja, ich dachte so bei mir, dass es sich anfühlte wie in der Nacht, als ich träumte, ich hätte Mr. Weasley angegriffen. Also bin ich hinunter in den Eingangsflur gegangen und dort fand ich Malfoy. Er lag zusammengesunken vor der Eingangstür und war mit Blut bedeckt… Überall war Blut… Und dann habe ich sein Hemd zur Seite gezogen und das Wort gesehen. Verräter.“
„Verstehe“, sagte McGonagall. Sie wirkte erschüttert. „Haben Sie sonst irgendetwas Ungewöhnliches bemerkt?“
Harry schüttelte den Kopf. „Professor“, sagte er langsam. „Darf ich Sie etwas fragen?“
„Sie dürfen, Potter.“
„Was denken Sie, wer das war?“
Sie schüttelte den Kopf, um zu zeigen, dass sie keine Ahnung hatte. „Wenn man unsere Sicherheitsmaßnahmen bedenkt, ist es eher unwahrscheinlich, dass ein Fremder von außerhalb des Schlosses des Nachts hier eindringen könnte. Und selbst wenn jemand einen Weg in die Schule finden würde, wäre es unmöglich, in den Slytherin-Gemeinschaftsraum einzudringen, ohne das Passwort zu wissen.“
„Vielleicht wurde er… ich weiß nicht, von seinen Hausgenossen überfallen?“
„Überfallen?“
„Sie sind nicht unbedingt begeistert darüber, dass er in die Schule zurückgekommen ist.“
McGonagall runzelte die Stirn. „Potter, ich wüsste es zu schätzen, wenn sie keine unbegründeten Urteile über ihre Mitschüler fällen würden. Wir haben keinerlei Beweis, dass irgendjemand von ihnen hinter dem Angriff auf Mr. Malfoy stecken.“
„Aber es ist ein Anhaltspunkt!“ beharrte Harry. Frustriert drückte er die Handflächen auf seine Augen. „Ich fühle mich einfach nicht gut, das ist alles.“
„Potter, es ist nicht Ihre Schuld. Was immer Mr. Malfoy getan hat, um das zu verdienen- “
„Das ist es ja gerade!“ rief Harry ärgerlich aus. „Was wäre, wenn er eben nichts getan hätte, um das zu verdienen? Was, wenn seine Hausgenossen einfach sauer wären, dass er freigekommen ist? Sie haben dieses Wort auf ihm gesehen, Professor! Wer sonst würde dieses Wort in ihn schneiden, wenn nicht ein verbitterter Schüler, dessen Dad in Askaban gelandet ist?“
„Beruhigen Sie sich, Potter“, verwies ihn McGonagall mit streng blitzenden Augen. „Es ist nicht Ihre Verantwortung, jetzt Detektiv zu spielen. Sie werden nun zu Ihrem Gemeinschaftsraum zurückkehren und den Vorfall vergessen. Seien Sie versichert, dass ich mich darum kümmern werde.“
„Aber ich habe ihn gefunden!“ rief Harry.
„Mr. Potter, seien Sie leise!“
Harry presste die Zähne aufeinander. „Entschuldigung, Madam Pomfrey.“
„Sie können jetzt ohnehin nichts für ihn tun“, sagte McGonagall.
Sie versuchte, Harrys Arm zu nehmen, aber er entwand sich ihr. Auf keinen Fall würde er Malfoy allein lassen. Es war ohnehin seine Schuld, dass Malfoy verletzt war, er hätte ihn zwingen sollen, wieder hereinzukommen anstatt ihn allein draußen zu lassen.
„Professor“, sagte Harry so ruhig wie möglich, „könnte ich bitte heute Nacht einfach hier bei ihm bleiben?“
McGonagall schürzte die Lippen. Harry konnte sehen, dass sie sich fragte, ob Harry im Moment stabil genug war, um Entscheidungen zu treffen. „Dies ist Poppys Abteilung, also werde ich es ihr überlassen, das zu entscheiden“, sagte sie schließlich mit einem abschätzenden Blick auf Harry.
Harry stieß einen erleichterten Seufzer aus. „Vielen Dank“, sagte er dankbar.
McGonagall trat zu Madam Pomfrey und begann leise mit ihr zu reden. Einige Minuten später kam sie zu Harry herüber und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Ich habe Poppy überzeugt, dass sie Sie diese Nacht hier bleiben lässt“, sagte sie, während der Schatten eines Lächelns über ihre Lippen glitt.
Harry musste ebenfalls grinsen. McGonagall war wirklich voller Überraschungen. „Vielen Dank, Professor“, sagte er noch einmal.
Kurze Zeit später ging McGonagall. Auf ihrem Weg nach draußen flüsterte sie Madam Pomfrey etwas zu. Die Krankenschwester blickte zu Harry hinüber und nickte.
„Mr. Potter?“
Harry kämpfte sich auf die Füße. „Ja?“
Madam Pomfrey sammelte die Heilsalben ein, die sie zu Malfoys Bett gebracht hatte, während sie mit Harry sprach. „Wie Sie wissen, habe ich, was Schüler und andere Besucher betrifft, die meine Patienten stören könnten, sehr strenge Regeln. Aber Minerva hat mich ersucht, Sie für diese eine Gelegenheit hier bleiben zu lassen und so hatte ich keine andere Möglichkeit, als es zu gewähren. Bedenken Sie aber, dass ich Sie sofort von Mr. Malfoys Seite entfernen werde, wenn Sie eine der folgenden Regeln nicht beachten.
Während Sie hier sind, müssen Sie leise sein und Mr. Malfoy ruhen lassen. Berühren Sie ihn nicht und stören Sie ihn auch auf keine andere Weise. Die Wunden auf seiner Brust enthielten eine große Menge Dunkle Magie und noch so viel Behandlung meinerseits kann nicht in Ordnung bringen, was schon geschädigt ist. Daher wird er heute Nacht immer wieder in Fieberphantasien fallen. Falls er im Schlaf aufschreit oder anders zeigt, dass er Schmerzen hat, tun Sie nichts. Ich habe mein Bestes getan, um ihm einen traumlosen Schlaf zu garantieren, aber ich bin nicht sicher, dass meine Methoden effektiv sein werden.“
Harry schluckte schwer. „Also wird es nur diese Nacht sein?“
Sie seufzte müde. „Ja.“
„Es klingt entsetzlich.“
„Das ist es“, schnappte sie. Aber ihre Augen wurden weicher. „Wenn es scheint, als würden seine Schmerzen unerträglich werden, wecken Sie mich bitte.“
Harry nickte. „Madam Pomfrey?“
Sie hielt auf halbem Wege zu ihrem Schrank inne. „Ja, Mr. Potter?“
„Was… genau tut dieser Fluch?“
„Meiner Vermutung nach ist sein Zweck, das Opfer zu zwingen, die Dinge, die er oder sie am meisten bereut, noch einmal zu erleben.“ Ihre Lippen verzogen sich vor Abscheu. „Höchstwahrscheinlich war es die Absicht des Täters, Mr. Malfoy zu zwingen, sein angeblich verräterisches Verhalten und andere unangenehme Erinnerungen, die er über die Jahre zu unterdrücken versucht hat, ins Gedächtnis zu rufen.“
„Ist das nicht das, was ein Dementor tut?“
Madam Pomfrey schüttelte den Kopf, den Rücken zu Harry gewandt. „Es ist etwas anderes. Aber Sie haben Recht in dem Sinne, dass beide dazu gedacht sind, dem Opfer die geistige Gesundheit und den Lebenswillen zu nehmen.“
Harry senkte den Kopf und fühlte Mitgefühl für Malfoy in sich aufsteigen. „Gut. Gute Nacht, Madam Pomfrey. Danke, dass Sie mich bleiben lassen.“
Madam Pomfrey schnaubte, aber sagte nichts. Als sie die Behälter wieder sorgfältig weggeräumt hatte, verschloss sie den Vorratsschrank, schaltete das Licht auf die gleiche Weise aus wie sie es eingeschaltet hatte und verschwand in ihrem Büro.
Nun, da Harry mit Malfoy allein war, wusste er nicht, was er tun sollte. Er fragte sich, ob Malfoy immer noch so kalt war wie er gewesen war, als Harry ihn gefunden hatte und streckte unsicher die Hand aus, um ihn zu berühren. Aber dann erinnerte er sich, dass ihn Madam Pomfrey davor gewarnt hatte, Malfoy anzufassen und ließ die Hand prompt wieder in seinen Schoß fallen.
„Du bist ein Idiot“, murmelte Harry, während er Malfoys leblose Erscheinung betrachtete. „Ich habe dir gesagt, du sollst auf dich aufpassen. Was hast du getan, bist du im Schnee eingeschlafen? Du hast fast Glück, dass dich jemand hereingezerrt und dir das angetan hat, sonst wärst du wahrscheinlich da draußen erfroren.“
Aber im gleichen Moment, in dem diese Worte Harrys Mund verließen, fühlte er sich schuldig. Was sagte er da? Malfoy war alles andere als glücklich. Vielleicht war er deshalb so wütend auf Harry, weil er mitgeholfen hatte, ihn nach Hogwarts zurückzuschicken. Es musste ihm klar gewesen sein, dass ihn die übrigen Schüler mit Abneigung und Misstrauen empfangen würden. Diejenigen, die auf Harrys Seite gekämpft hatten, hassten ihn dafür, dass er mit Voldemort gemeinsame Sache gemacht hatte und die, die auf seiner Seite gewesen waren, hassten ihn dafür, dass er ein weiteres Jahr zu leben hatte, während ihre restlichen Verbündeten für ihre Verbrechen büßen mussten. Die vielen Male, die er und Harry gemeinsam gesehen worden waren, hatten seinen Ruf unter seinen Hausgenossen vermutlich auch nicht verbessert.
Es ist wirklich meine Schuld, wurde Harry klar. Ich hätte ihn in Ruhe lassen sollen, so wie er es wollte.
Er kaute auf seiner Unterlippe, während er auf Malfoy herabblickte. Dann verzog er das Gesicht und sagte leise: „Es… es tut mir Leid.“
Malfoy rührte sich nicht. Harrys Entschuldigung war auf taube Ohren gestoßen und er war beinah dankbar dafür. Malfoy würde ihn bis in alle Ewigkeit damit aufziehen, wenn er wüsste, dass Harry sich bei ihm entschuldigt hatte.
Harry beschloss, dass er so gefahrlos zu Malfoy sprechen konnte und fuhr fort: „Weißt du, es ist seltsam, dass ich dich nicht hasse. Ich meine, du hast schließlich Farbe bekannt. Du bist ein Todesser, das Schlimmste, was es gibt. Oder zumindest… warst du es. Ich weiß eigentlich nicht, was du jetzt bist. Aber das ist egal, weil du trotzdem bewiesen hast, dass du alles bist, gegen was ich gekämpft habe. Eigentlich müsste ich dich jetzt noch mehr hassen als jemals vorher, oder?
Aber du bist gar nicht so übel. Auch wenn du ein paar ziemlich grausame Sachen gesagt und getan hast, vor allem Ron und den übrigen Weasleys gegenüber, bist du trotzdem ein menschliches Wesen. Nicht wie Voldemort. Du hast Gefühle und den ganzen Mist, nur versuchst du sie zu verbergen, nicht wie der Rest von uns hier, der seine Gefühle zeigt, ohne einen Moment lang darüber nachzudenken. Aber ich bin nicht blöd, ich durchschaue dich. Und gleich, wie sehr du damit angibst, ich weiß, dass du es gehasst hast, ein Todesser zu sein. Es hat dir Angst gemacht, nicht wahr? Einmal hast du mir sogar Leid getan - in jener Nacht auf dem Astronomieturm, als du Dumbledore hättest töten können, es aber nicht getan hast. Ich habe gesehen, wie du deinen Zauberstab gesenkt hast und das hat mich dazu gebracht, mich zu fragen… Hättest du Dumbledores Angebot angenommen und dich vom Orden des Phönix beschützen lassen, wenn Snape nicht hereingeplatzt wäre? Falls ja, hätten die Dinge anders sein können. Womöglich wären wir sogar Freunde geworden.
Andererseits kann ich derzeit nicht klar denken, also könnte ich falsch liegen. Aber auf die Gefahr hin, eingebildet zu klingen, eigentlich kann ich Menschen ganz gut einschätzen. Ich meine, ich habe dich von Anfang an, schon als ich dich das erste Mal bei Madam Malkin gesehen habe, für einen verwöhnten, arroganten und herzlosen Mistkerl gehalten und ich hatte Recht damit. Du hast dich als genau das herausgestellt und noch mehr. Und dennoch hasse ich dich nicht. Schon komisch, wie sich manche Dinge entwickeln, hm?“
Harry seufzte. Er fühlte sich wie ein Dummkopf, so zu einem bewusstlosen Draco Malfoy zu sprechen. Andererseits war das wahrscheinlich die einfachste Art, mit Malfoy zu kommunizieren - wenn er nicht antworten konnte.
Er stand auf. Das viele Reden hatte ihn durstig gemacht und er brauchte etwas zu trinken. Aber er hatte nur ein paar Schritte vom Bett weg gemacht, als Malfoy einen Schrei ausstieß, der ihm das Blut in den Adern gerinnen ließ.
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Draco träumte. Er wollte aufwachen, aber es ging nicht.
In seinem Traum fiel er. Nein, er schwebte - ein sachtes Fallen in Richtung eines nicht vorhandenen Bodens. Normalerweise würde ihm das keine große Angst machen, das Gefühl war alles andere als beängstigend. Aber dieser spezielle Traum war nicht normal und Draco wusste es. Denn während er fiel, glitt er in Erinnerungen, Fragmente seiner Vergangenheit, die er lieber nicht ausgraben mochte, und wieder heraus und sie alle waren so real, so greifbar, dass Draco wusste, er erinnerte sich nicht nur, er erlebte sie tatsächlich. Und die ganze Zeit war ihm bewusst, dass der Boden, zu dem er hinstürzte und den er nicht sehen konnte, die Hölle war und dass er für immer verloren sein würde, falls er je dort ankam.
Also kämpfte er. Er kämpfte, um die Geschwindigkeit seines Falls zu dämpfen und er schrie, weil er wusste, dass das Hinauszögern des unvermeidlichen Sturzes bedeutete, von seinem Vater dafür bestraft zu werden, dass er heimlich des Nachts in dessen Arbeitszimmer geschlichen war und es bedeutete, zum vierten Mal in Folge den Schnatz gegen Potter zu verlieren und das Dunkle Mal des Dunklen Lords zu empfangen, zu töten, zu weinen und alles, von dem er wünschte, es sei nie geschehen… alles das noch einmal zu erleben.
Draco versuchte verzweifelt, sich an der Luft um ihn herum festzukrallen. Dann bemerkte er, dass er blutete. Er blickte an sich herab und sah durch das verschwommene Bild eines Muggels, den er bis an die Grenze des Wahnsinns gequält hatte, das Wort „VERRÄTER“ auf seiner Brust geschrieben. Schrecken durchzuckte ihn und der letzte Rest Verstand, den er noch übrig hatte, verschwand.
Er schrie bedeutungslose Worte und verschloss Augen und Verstand gegen gesichtslose Körper in blutdurchtränktem Schlamm und gold und purpurrot leuchtende Gryffindor-Fahnen in der Großen Halle. Aber er war nicht dazu fähig, sein Herz zu verschließen, war nie dazu fähig gewesen und so sickerten Furcht und Schuld und Stolz und Hass in seine Adern und färbten das Blut, das aus den in seine Haut gegrabenen Buchstaben strömte, schwarz.
Und dann, gerade als Draco sich zu fragen begann, ob die Flammen der Hölle vielleicht der Qual seiner Vergangenheit vorzuziehen waren, fühlte er den Schatten einer Hand über seinen Arm streichen.
Ehe er sich versah, hörte er jemanden sprechen, eine sanfte, leise Stimme, die gleichzeitig vertraut und fremd war. Sie schien vor ihm in der Luft zu materialisieren und verdrehte sich vor Dracos Augen zu einem feinen, leuchtenden Faden. Plötzlich wusste Draco: Solange dieser Faden da war, war er nicht verloren. Seine geistige Gesundheit hing an diesem dünnen, kaum wahrnehmbaren Faden. Er wollte ihn mit einer Verzweiflung berühren, die heißer brannte als die Hölle unter ihm und heller als die Dunkelheit um ihn herum und so kämpfte er sich durch Schatten und Blut und das erstickende Gefühl von Scham, um ihn zu erreichen.
In dem Moment, als seine Finger den leuchtenden Faden aus Licht berührten, riss Draco die Augen auf.
Das erste was er sah, war Potters Gesicht, das über ihm schwebte. Scheiße, ich glaube, ich bin doch in der Hölle gelandet, dachte er und schloss die Augen wieder, um den Anblick auszuschließen.
„Äh - Malfoy?“
Draco riss die Augen wieder auf und zuckte angstvoll zurück als er aus dem Augenwinkel Potters Hand auf sich zukommen sah. „Fass mich nicht an“, krächzte er. „Ich gehe nicht!“
„Gehen? Du hast dich die letzte Stunde herumgeworfen und geschrieen wie verrückt. Ich denke nicht, dass du fähig bist, irgendwohin zu gehen.“
Draco stöhnte. Er fühlte sich, als sei er gegen einen Zug gelaufen und dann zusätzlich ein paar Mal überfahren worden. Seine Brust brannte und verwirrende Bilder und Gedanken schwammen vor seinen Augen. „Du hast mir das angetan, stimmt's?“ hauchte er.
„Halt die Klappe, Malfoy. Ohne mich wärst du verblutet.“
„Ja, verdammter Potter, immer der Held“, murmelte Draco. Die beschwichtigende Stimme, die ihn zurückgeholt hatte, war nirgends zu hören und er fühlte, wie er wieder ins Delirium fiel.
„Halt, geh nicht. Du wirst wieder Albträume haben.“
Draco regte sich. Er war in einem fremden Bett, mit steifen, weißen Laken. „Wo bin ich?“ stöhnte er in das Kissen.
„Im Krankenflügel, du Depp. Wo solltest du sonst sein?“
„Und wieso bist du dann hier?“
Stille. Draco hob mühsam ein Augenlid und sah, dass Potter verlegen auf seine Hände starrte. „Ich fühlte mich schlecht. Ich habe dich gefunden, also dachte ich, ich bleibe bei dir. Madam Pomfrey sagte, morgen ginge es dir wieder gut“ sagte er.
„Toll, das ist ja wirklich großartig!“ Draco konnte fühlen, wie er wieder zuück in seine Albträume gezogen wurde. Er klammerte sich am Bett fest, aber seine Versuche zu widerstehen, waren fruchtlos. „Ja… weck mich einfach auf, wenn ich zu schreien anfange oder so…“
„Malfoy, nicht - “
Aber es war zu spät. Draco war der Macht des Fluchs schon erlegen und dieses Mal konnte ihn nicht einmal Harrys Stimme erreichen.
A/N: So viel zum Thema, dass ich hoffe, so ungefähr alle zwei Wochen ein neues Kapitel zu haben. Nicht dass ich denke, dass ihr euch beschweren werdet, wenn es schneller geht - schon gar nicht, wo es grade so spannend ist ;-).
Aber bildet euch nicht ein, dass es jetzt immer so schnell geht - nur als kleine Warnung…
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