
von Lapis
Ein Dank an meine treue Review-Schreiberin Cho17 - und euch anderen auch viel Spaß beim Lesen!
Mit geballter Faust kann man keine Hände schütteln.
- Indira Ghandi
Kapitel 11: Ein Gefallen
Die Tage vergingen recht ereignislos. Malfoy beeilte sich weiterhin jedes Mal fortzukommen oder wandte bewusst die Augen ab, wann immer er Harry in den Korridoren oder anderswo entdeckte. Harry dachte sich, dass dies immerhin besser war, als ohne Vorwarnung gegen einen Baum gestoßen und grob geküsst zu werden, doch es war ziemlich weit von dem entfernt, was er sich vorstellte. Andererseits wusste er nicht recht, was er eigentlich von Malfoy wollte, abgesehen von etwas Bestätigung und vielleicht sogar Wertschätzung, also war seine Unzufriedenheit nicht wirklich Malfoys Schuld. Aber Malfoy die Schuld zu geben war einfacher, als sich an die eigene Nase zu fassen, also blieb er dabei.
„Harry?“ sagte Ginny eines Donnerstag nachmittags, als sie sich im überfüllten Gemeinschaftsraum aufhielten. Am Tag zuvor war der Dezember mit aller Macht hereingebrochen und das eisige Wetter hatte die meisten Schüler früher als sonst in ihre Gemeinschaftsräume getrieben.
„Hmm?“ fragte Harry und kaute auf seiner Feder während er darüber nachdachte, wie er am besten seinen Aufsatz über Vorteile und Risiken von wetterverändernden Zaubersprüchen beginnen sollte.
Ginny legte das Schulbuch, aus dem sie etwas abgeschrieben hatte, nieder und sagte beiläufig: „Ich wollte nur wissen, ob du dich schon entschieden hast, ob du über die Ferien hier bleibst.“
„Ja, warum sollte ich nicht?“ antwortete Harry abwesend. Er runzelte die Stirn über dem Pergamentblatt auf seinem Schoß, kritzelte ein paar Worte und strich sie dann wieder durch. Er hatte den leisen Verdacht, dass Professor Flitwick es nicht schätzen würde, wenn er seinen Aufsatz mit den Worten „Ich weiß absolut überhaupt nichts über dieses Thema“ begann.
„Oh, ich weiß nicht. Ich dachte, du würdest vielleicht mit uns zum Hauptquartier kommen wollen.“
Plötzlich waren wetterverändernde Zaubersprüche das letzte, an was Harry dachte. Sein Blick zuckte nach oben, um Ginny anzuschauen und er fragte: „Du gehst zum Hauptquartier?“
„Mit Ron und Hermine.“ Sie grinste. „Lupin wollte, dass wir dir Bescheid sagen.“
„Wieso hat er es mir nicht selbst gesagt?“ murrte Harry. „Geht er mir etwa absichtlich aus dem Weg? Ich sehe ihn kaum jemals außerhalb des Unterrichts und sogar dort sagt er meistens nur ?Harry, richte deine Aufmerksamkeit auf das Ziel'.“
„Ist das nicht, wozu er hier ist?“ neckte ihn Ginny. Sie lachte und er war froh, ein echtes, fröhliches Lachen von ihr zu hören. Die Zeit in Hogwarts hatte Ginny von Gedanken an ihre Eltern und den Krieg abgelenkt und ihr Gelegenheit gegeben, wieder zu ihrem früheren lebhaften, offenen Selbst zurückzufinden. Dafür war Harry dankbar. Immerhin war es beruhigend, dass Ginny zufrieden war, auch wenn er selbst es nicht war.
„Ich denke, ich werde dann mal Lupin besuchen“, sagte Harry und stand auf.
„Und was soll ich Hermine sagen, wenn sie mich danach fragt?“ wollte Ginny wissen, hob eine Augenbraue und deutete auf seinen nicht beendeten Aufsatz.
„Sag ihr, sie kann ihn für mich schreiben, da das sowieso das ist, was sie anscheinend jedes Mal tut.“
„Du verwandelst dich wirklich in Ron“, witzelte Ginny. „Pass auf, dass du nicht noch ein paar Zentimeter wächst und rotes Haar bekommst, sonst muss ich am Ende auch noch Hermine abwehren.“
Harry lachte. „Ich glaube nicht, dass du dir darüber in näherer Zukunft Sorgen machen musst. Außerdem“, fügte er in vorgetäuschtem Ernst hinzu, „würden sich rote Haare fürchterlich mit meinen Augen beißen.“
„Sehr wahr“, stimmte Ginny in ebenso ernstem Ton zu. „Gib mir auf jeden Fall beim Abendessen Bescheid, was du über die Weihnachtsferien vorhast.“
„Klar“, sagte Harry, obwohl er nicht daran zweifelte, dass er seine Freunde zum Hauptquartier des Orden des Phönix' begleiten würde. „Bis dann.“
Er gab ihr einen schnellen Kuss auf den Mund und verließ den Gemeinschaftsraum. Die Flure waren ziemlich leer, so dass er problemlos Lupins Büro erreichte.
Zunächst kam keine Antwort, als Harry an die Tür klopfte. Doch als er sich gerade umdrehen und enttäuscht wieder zurück zum Gemeinschaftsraum gehen wollte, bat ihn Lupins gedämpfte Stimme einzutreten.
Harry öffnete die Tür, trat ein und schloss sie wieder hinter sich. Er sah sich um und sah Lupin an seinem Schreibtisch sitzen, den Kopf in die Hände gestützt. Er schien einen Zeitungsausschnitt zu lesen. Als Harry eintrat, blickte er auf.
„Harry!“ rief er überrascht, schien aber erfreut. Er deutete auf den chintzbezogenen Sessel ihm gegenüber. „Setz dich.“
„Hallo, Professor Lupin“, sagte Harry, durchquerte den kleinen Raum und setzte sich in den Sessel, den Lupin ihm angeboten hatte. „Ich hoffe, ich störe nicht.“
„Nein, nein, absolut nicht.“ Wie zur Bestätigung faltete Lupin den gelesenen Artikel zusammen und schob ihn zur Seite. „Und nenn mich bitte Remus - hier drinnen besteht kein Grund, so formell zu sein. Was führt dich heute Abend zu mir?“ Er legte die Hände übereinander und stützte sein Kinn darauf, während er Harry über seinen Schreibtisch hinweg fragend ansah.
Harry zuckte die Schultern. „Ich dachte, ich schau mal vorbei. Es ist schon eine Weile her, seit wir uns das letzte Mal außerhalb des Unterrichts gesehen haben.“
„Das ist wahr.“ Lupin lehnte sich in seinem Sessel zurück und lächelte Harry freundlich an. „Wie läuft es so im Unterricht?“
„Wie immer“, antwortete Harry. „Es ist schön, Sie wiederzuhaben, Prof- Remus.“
„Es ist schön, wieder hier zu sein, noch dazu als euer neuer Hauslehrer.“
„Ja, wir sind alle richtig froh, dass Sie es sind“, grinste Harry. „Wir hatten alle Angst, dass es Professor Slughorn werden würde.“
Lupin gluckste. „So schlimm ist er doch gar nicht. Sirius und James mochten ihn recht gerne während unserer Schulzeit.“
„Wirklich?“ Als Harry Lupins schuldbewussten Blick bemerkte, fügte er hastig hinzu: „Keine Sorge, ich habe nichts dagegen, über sie zu reden. Es ist schön, Geschichten über ihre Zeit in Hogwarts zu hören.“
Lupin nickte erleichtert und fuhr fort: „Wie du weißt, liebt Slughorn es, besondere Lieblinge auszusuchen. Jedes Jahr spaziert er umher und sucht diejenigen, die er für die klügsten, fähigsten hält, für seinen - mir fällt kein anderes Wort ein - „inneren Kreis“ aus. Ich glaube, man nennt ihn den-“
„Slug Klub“, beendete Harry den Satz. „Ja, ich weiß.“
„Ja, der Slug Klub. Wie du dir wahrscheinlich schon gedacht hast, waren James und Sirius zwei der - wie man wohl sagen könnte - glücklichen Seelen, die er unter seine Fittiche nahm.“
„Warum Sie nicht?“ fragte Harry neugierig. „Ich dachte, Sie seien immer einer der Besten in Ihrer Klasse gewesen.“
„Ja, das stimmt, aber meine Persönlichkeit war nicht das, was er suchte. Er wollte Schüler, die nicht nur schulisch gesehen unter den Besten waren, sondern auch geistreich, populär, einzigartig und vor allem sollten sie auch das Potential haben, die nächste Berühmtheit zu werden. Das alles war ich unglücklicherweise nicht.“ Er lächelte über Harrys empörtes Gesicht. „Oh, es hat mir nichts ausgemacht. Im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, war nie wirklich meine Sache.“
„Aber Slughorn hat nie etwas über meinen Vater erzählt“, sagte Harry. „Meine Mutter hat er sehr oft erwähnt, aber nie meinen Vater.“
„Das liegt daran, dass er James und Sirius am Schuljahresende am wenigsten von allen Schülern in Hogwarts mochte.“
Harry legte seine Stirn in Falten. „Aber ich dachte, Sie hätten gesagt, sie konnten ihn leiden?“
„Sie konnten ihn leiden, weil es einfach war, ihm Streiche zu spielen“, stellte Lupin richtig. „Aber nachdem sie Davey Gudgeons Gürteltiergalle gegen Sturzwasser ausgetauscht hatten, drohte er ihnen mit dem Schulverweis. Damit waren ihre Tage im Slug Klub natürlich gezählt.“
Harry lachte, als er sich Slughorn vor einem rauchenden Kessel vorstellte, mit versengtem Schnurrbart und vor Zorn zitterndem Bauch. „Das muss ja eine Truppe gewesen sein in dieser Zaubertrankklasse.“
„Das wäre noch milde ausgedrückt.“ Lupin schüttelte den Kopf und der Glanz, den die Erinnerungen in seine Augen gebrachte hatten, erlosch wieder. „Wie auch immer, genug davon. Gibt es irgendetwas Besonderes, was du mit mir besprechen wolltest, Harry?“
„Nun ja“, sagte Harry langsam, „da ist eine Sache… Ron und Hermine haben mir erzählt, sie hätten Sie besucht und sie hätten ihnen Neuigkeiten über die Arbeit des Ordens berichtet.“
„Ja, das habe ich. Ich vermute, sie haben schon alle Informationen, die ich ihnen gegeben habe, an dich weiter gegeben.“
„Ja, das haben sie. Aber das ist nicht, wonach ich Sie fragen wollte. Ginny hat mir erzählt, dass sie über die Weihnachtsferien das Hauptquartier besuchen wollen.“
„Ja, das haben wir besprochen, während sie hier waren.“
Harry fühlte sich etwas aus den Plänen ausgeschlossen und runzelte die Stirn. „Kann ich auch kommen?“
„Ich wüsste nicht, wieso nicht“, sagte Lupin.
Harry wartete, aber Lupin sagte nichts weiter zu seiner Einladung. „Soll ich Ron und Hermine nach den Einzelheiten fragen?“ sagte er und versuchte, seinen wachsenden Ärger zu verstecken.
Lupin reichte über den Tisch und legte seine Hand väterlich auf Harrys Arm. Als ob er Harrys Gedanken gelesen hätte, sagte er sanft: „Harry, wenn du der Meinung sein solltest, dass wir dich auf irgendeine Weise ausschließen, dann sag es einfach…“
„Bin ich nicht“, sagte Harry laut und stand auf.
Aber Lupins Ton war ein wenig zu verständnisvoll, als er antwortete: „Nun gut.“ Mit einer Armbewegung bedeutete er Harry, sich wieder zu setzen. „Noch eine Sache, bevor du gehst, Harry.“
„Was denn?“ fragte Harry und setzte sich gehorsam wieder, trotz seiner im Moment alles andere als freundlichen Gefühle Lupin gegenüber.
„Zwei Dinge eigentlich. Erstens, wie fühlst du dich?“
„Ganz hervorragend.“
„Ich meine nicht einfach nur nach außen hin“, antwortete Lupin hintergründig. Er studierte Harry ernsthaft. „Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich wüsste alles, was in jener Nacht, als du ihn besiegt hast, zwischen Voldemort und dir geschehen ist. Aber ich weiß, dass dein Leben an einem seidenen Faden hing, als wir dich fanden. Etwas Bedeutsames ist in jener Nacht geschehen und obwohl ich dich nicht drängen werde, Einzelheiten zu verraten - es ist an dir, ob und wann du darüber reden möchtest - möchte ich doch sicher gehen, dass mit dir alles in Ordnung ist.“
„Natürlich ist mit mir alles in Ordnung“, sagte Harry während seine Gereiztheit zurückkehrte. „Hin und wieder habe ich einen Albtraum, aber wem geht es derzeit anders?“
„Das ist wahr“, antwortete Lupin und lehnte sich wieder zurück. Harrys Antwort schien ihn zufriedenzustellen, wie kurz angebunden sie auch gewesen sein mochte. „Die zweite Sache, über die ich mit dir sprechen wollte, ist deine Freundschaft mit Draco Malfoy.“
„Es ist keine Freundschaft“, antwortete Harry automatisch.
Lupin blickte nachdenklich. „Hermine hat mir erzählt-“
„Dann liegt sie falsch“, unterbrach ihn Harry. „Er hat mir einen Gefallen getan und ich habe mich mit einer zusätzlichen Stimme bei seinem Prozess revanchiert und nun helfe ich ihm, wieder auf die Füße zu kommen.“
„Das ist sehr freundlich von dir“, sagte Lupin vorsichtig, „aber Draco ist ein Todesser.“
„War. Er war ein Todesser.“ Harry zuckte so beiläufig wie möglich die Schultern. „Es ist ohnehin nicht weiter wichtig. Nichts hat sich zwischen uns geändert. Es sind nur ein paar Schulden, die beglichen werden müssen.“
„Aha“, murmelte Lupin, mehr zu sich selbst als zu Harry.
„Aber da ist… eine Sache noch…“, begann Harry, der sich an seinen Traum erinnerte und wie genau dieser ihn über Malfoys Zustand gewarnt hatte. Harry war sicher, dass das kein bloßer Zufall war, aber ihm fiel einfach keine Erklärung ein. Ron hatte erwähnt, er könne Lupin nach seiner Meinung fragen und nahm dessen Erfahrung mit solchen Dingen als Grund, den Lehrer hinzuzuziehen. Aber nun wurde Harry klar, dass das bedeuten würde, alles noch einmal von vorn zu erklären und entschied sich rasch dagegen, das Thema aufzubringen.
„Ja?“ ermutigte ihn Lupin.
Harry räusperte sich. „Äh… Herzlichen Glückwunsch. Zur Verlobung, meine ich“, sagte er schließlich. Hermine hatte ihm erzählt, dass Lupin Tonks endlich einen Antrag gemacht hatte.
Auf Lupins müdem Gesicht breitete sich ein strahlendes Lächeln aus. „Danke, Harry.“
„Ja“, sagte Harry und fühlte sich ein wenig schuldig dafür, dass er Lupin so angefahren hatte. Es ist nicht seine Schuld. Ich bin im Moment einfach paranoid.
Lupin nickte. „Nun gut, ich nehme an, du hast noch andere Dinge zu erledigen, also lasse ich dich jetzt gehen. Komm vorbei, wie und wann es dir recht ist.“
„Das werde ich.“ Harry stand auf, ging zur Tür und griff nach dem Türknauf. Bevor er hinausging, hielt er noch einmal inne und fragte sich, ob er Lupin von Malfoys Liste erzählen sollte. Es war nichts sonderlich Bedrohliches daran, aber ihm schien, als ob ein Lehrer davon wissen sollte.
„Harry?“ fragte Lupin forschend, als er Harrys Zögern bemerkte.
Malfoy hat dir vertraut, als er dir die Liste gezeigt hat…Das heißt, auf seine eigene undurchsichtige, widerwillige Weise.
„Ach nichts, Remus“, antwortete Harry, öffnete die Tür und trat hinaus. „Wir sehen uns dann morgen im Unterricht.“
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Inzwischen war Draco in einem versteckten Teil der Bibliothek damit beschäftigt Eine Geschichte von Hogwarts zu lesen. Er war sofort nach dem Klingeln zum Ende der VgddK-Stunde zu seiner üblichen Leseecke gestürmt, sowohl weil die Frist, die er sich zum Lesen des vierten Kapitels gesetzt hatte, am nächsten Tag ablaufen würde und er gerade einmal halb durch war, als auch weil Potter Anstalten gemacht hatte, mit ihm zu reden, als sie alle den Klassensaal verließen.
Nach dem Vorfall mit Nott in den Gewölben war es völlig klar, dass Draco keinesfalls mit Potter in Verbindung gebracht werden wollte. Es war demütigend genug gewesen, nach dem Unterrichtsende an jenem Tag in den Gemeinschaftsraum zurückzukehren, die Beschimpfungen und Drohungen seiner Hausgenossen waren so unerträglich gewesen, dass Draco jeden Versuch aufgab, seine Würde zu wahren und für sich selbst einzustehen und sich wie der armselige Feigling, der er war, in seinem Schlafzimmer verkrochen hatte. Dann war ihm klar geworden, dass er vielleicht tatsächlich Potter an seiner Seite brauchte. So sehr Draco es hasste zuzugeben, Potter hatte den Vorteil eines einflussreichen Namens, wohingegen Dracos Name nichts als Verachtung hervorrief.
Draco starrte entschlossen auf die vergilbten Seiten vor seinen Augen und versuchte, die aufwühlenden Gedanken, die seine Konzentration störten, zu vergessen und sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren. Er würde es nicht zulassen, dass Potter seine Anstrengungen, die Ziele auf seiner Liste abzuarbeiten, direkt oder indirekt beeinträchtigte.
Sie sagen, dieses Buch wird dich alles lehren, was du jemals wissen wolltest, aber ich hätte definitiv damit leben können, nicht zu wissen, dass über Slytherin und Gryffindor das Gerücht ging, sie seien Liebhaber, dachte Draco und zog ein angewidertes Gesicht, als er auf das große, verblasste Bild eines zähnebleckenden Slytherin herabblickte. Wer hätte gedacht, dass die Gründer so…
Er stoppte mitten in diesem Gedanken, denn er hatte umgeblättert und fand auf der anderen Seite ein ebenso großes Bild von Godric Gryffindor. „Gut aussehen“, beendete er den Gedanken leise, während er die markanten Gesichtszüge des Gründers mit einer Mischung aus Überraschung und Ehrfurcht betrachtete.
Bevor Draco sich noch darüber klar werden konnte, dass er gerade einen anderen Zauberer „gut aussehend“ genannt hatte, unterbrach ihn eine amüsierte Stimme. „Es laut auszusprechen, macht es nicht wahrer.“
Draco musste sich nicht einmal umdrehen, um die Stimme zu erkennen und das unangenehme Gefühl, das er mittlerweile mit ihr verband, breitete sich in seinem Bauch aus.
„Potter“, sagte er ausdruckslos.
„Alles klar, Malfoy?“ fragte Potter kühl, ging um Draco herum zur anderen Tischseite, legte die Handflächen auf die hölzerne Oberfläche und lehnte sich nach vorne.
Draco zwang sich, die Seite neben Gryffindors Bild weiterzulesen und desinteressiert zu erscheinen, aber die Worte kamen nicht in seinem Gehirn an. „Hätte nicht gedacht, dass die Bibliothek dein Revier ist, Potter“, sagte er beiläufig. „Ich dachte, du würdest etwas… Extravaganteres vorziehen, das besser zu deiner überlebensgroßen Existenz passt.“
„Tja, dann ist das wohl dein Glückstag“, antwortete Potter. Ohne Draco um Erlaubnis zu bitten, nahm er sich den Stuhl neben ihm und setzte sich. Potter warf einen Blick auf seinen Lesestoff und sagte: „Hermine mag dieses Buch.“
„Das dachte ich mir“, antwortete Draco beißend.
„Sehe ich es richtig, dass du versuchst, mir aus dem Weg zu gehen?“
„Du verschwendest keine Sekunde, Potter, richtig?“ schnappte Draco. Er blätterte um. „Ja, wirklich, das tue ich. Und ich bin sicher, du kennst den Grund, also erspar mir das Verhör und mach einfach weiter mit was auch immer du tun wolltest.“
Potter kramte in seiner Tasche herum und zog eine zerknitterte Pergamentrolle hervor, die lose zusammengerollt war. Er wedelte damit durch die Luft und erklärte: „Mein Zauberkundeaufsatz.“
„Schön für dich.“ Draco deutete auf einen der Arbeitsplätze am anderen Ende des Arbeitsbereichs. „Geh und schreib weiter.“
„Ich dachte mir, ich mache es hier“, sagte Potter schulterzuckend. Er blickte Draco mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Du hast doch nichts dagegen, oder?“
„Eigentlich-“
„Schön“, sagte Potter fröhlich. Er ließ seine Büchertasche auf den Boden fallen, beugte sich vornüber und zog eine Feder und ein Tintenfass heraus. Während er unmelodisch vor sich hin summte, entrollte er seinen Aufsatz, inspizierte ihn einen kurzen Moment und begann dann zu schreiben.
Draco starrte Potter ungläubig an. Das konnte er doch wohl nicht ernst meinen. Das war einfach unmöglich. Aber als die Minuten vergingen, schien es, dass er es tatsächlich ernst meinte und wirklich vorhatte, hier an Dracos Tisch zu sitzen und seinen Zauberkundeaufsatz zu schreiben.
„Na gut!“ sagte Draco beleidigt und schob seinen Stuhl zurück. „Dann geh ich eben.“
Potter blickte auf. „Ach, komm schon, Malfoy“, sagte er, als ob er gerade einem Kleinkind erklären würde, warum man sein großes Geschäft in die Toilette macht, „wir sind keine Erstklässler mehr. Wir haben andere Methoden, unsere Meinungsverschiedenheiten zu beheben, als so kindisches Zeug wie Weglaufen.“
„Ich laufe nicht weg“, sagte Draco verärgert und setzte sich wieder hin. „Ehrlich, Potter, ich habe wirklich keine Zeit hierfür. Falls du es nicht bemerkt haben solltest, Eine Geschichte von Hogwarts ist ein sehr dickes Buch und-“
„Ja, das habe ich bemerkt“, unterbrach ihn Potter und betrachtete das dicke Buch reserviert. „Aber was ich eigentlich sagen wollte, ich finde, wir sollten aufhören mit diesem kleinen Katz-und-Maus-Spiel und uns überlegen, was wir tun wollen.“
„Du bist hier hoch gekommen, um mir das zu sagen?“ spottete Draco. „Oder ist das glücklich verheiratete Paar so beschäftigt, in verlassenen Ecken zu knutschen, dass es keine Zeit hat, dir die dringend benötigte Aufmerksamkeit zu schenken?“
Potter blickte finster. „Nein, ich bin wirklich hergekommen, um meinen Aufsatz zu schreiben. Dir über den Weg zu laufen war nur ein glücklicher Zufall.“
„Also, das ist das erste Mal, dass das jemals jemand gesagt hat“, antwortete Draco sarkastisch. „Dann mal weiter. Was schlägst du vor? Ich persönlich würde die Variante ?uns nie wieder sehen' bevorzugen.“
„Das steht nicht zur Debatte“, sagte Potter und verdrehte die Augen. „Denk doch mal drüber nach… Ich kenne alle deine tiefsten, dunkelsten Geheimnisse und Wünsche. Oder zumindest vierundzwanzig davon. Das kannst du nicht einfach ignorieren, stimmt's?“
Draco runzelte die Stirn. „Ein schneller Erinnerungszauber würde das alles aus deinem Gedächtnis löschen.“
Potter wischte diese Möglichkeit sorglos beiseite und sagte vernünftig: „Außerdem, wenn man bedenkt, wie gut es die letzten fünftausend Male funktioniert hat, die du versucht hast, mich zu ignorieren, dann ist das wohl kaum die beste Option.“
„Was schlägst du also vor?“ schnappte Draco. „So sehr wir es uns beide wünschen würden, du kannst nunmal nicht in die Vergangenheit zurückreisen und den Schaden verhindern, den du schon angerichtet hast.“
„Ich weiß“, sagte Potter schnell. „Deshalb denke ich, wir sollten uns einfach darein fügen. Immerhin, der Prozess war in den Nachrichten und jeder in dieser Schule weiß, dass ich dich in den Krankenflügel gebracht habe, nachdem du angegriffen wurdest. Also warum sollten wir uns die Mühe machen und tun, als wären wir immer noch Feinde? Du hast selbst gesagt, es macht dir nichts aus, mit mir gesehen zu werden. Wieso hast du's dir plötzlich anders überlegt?“
„Wir sind immer noch Feinde“, sagte Draco mit Betonung.
„Erstens, nein, sind wir nicht. Der Krieg ist vorbei. Feinde, Freunde, Bekanntschaften… Das alles ist Vergangenheit. Vielleicht mögen wir uns nicht übermäßig, das hat sich sicher nicht geändert, aber wir sind keine Feinde mehr, zumindest nicht im eigentlichen Sinn des Wortes.“
„Ich nehme an, diese Rede hast du allen Todessern gehalten, nachdem dein Ministerium sie verhaftet hatte, kurz bevor ihr sie nach Askaban geschickt habt, um den Kuss des Dementors zu empfangen?“ fragte Draco spöttisch.
„Zweitens“, fuhr Potter fort, als hätte er ihn nicht unterbrochen, „was ist eigentlich dein Problem? Wieso ergreifst du jedes Mal die Flucht, wenn ich mir Mühe gebe, dir zu helfen?“
Draco lachte laut auf. „Hast du immer noch nicht kapiert, dass deine Versuche, mir zu helfen, den gegenteiligen Effekt haben?“
„Was zum Teufel möchtest du von mir hören? ?Entschuldige, dass ich dich verteidigt habe, als du zu große Angst hattest, für dich selbst einzustehen'? Ich verstehe wirklich nicht, inwiefern dir das geschadet haben sollte“, knirschte Potter.
Draco sagte leise: „Du warst später nicht mit mir im Gemeinschaftsraum.“
Der leiseste Schatten von Besorgnis huschte durch Potters Augen, aber er sagte nichts und machte nur „hm“.
Draco seufzte und versuchte es anders. „Worauf genau willst du hinaus, Potter?“
„Genau das, was ich letzten Freitag gesagt habe - wir sollten aufhören zu versuchen, uns vor dem Rest der Schule zu verstecken.“
„Bei dir klingt es, als hätten wir eine Affäre“, prustete Draco los.
Potter wurde tiefrot. „Nicht in einer Million Jahren, Malfoy.“
„Ja, und ich lehne ab.“
„Was soll das heißen, du lehnst ab?“ wollte Potter wissen.
„Ich habe meine Meinung geändert. Es gibt kein ?uns'“, sagte Draco störrisch. „Dann wissen sie eben, was du getan hast. Und wenn schon. Ich kann es immer noch abstreiten, ich kann immer noch tun, als hätte es nichts mit mir zu tun. Weißt du, Potter, es ist nicht einfach für mich. Du kannst herumstolzieren und dich so viel du willst mit deinen tapferen Versuchen brüsten, dem hauseigenen Kriminellen zu helfen, sein Leben in Ordnung zu bringen, aber wenn ich auch nur ein kleines Zeichen gebe, dass ich freiwillig deine… Barmherzigkeit annehme…“
Draco hielt inne, um Atem zu holen. Potter nutzte die kurze Pause in Dracos Tirade, um selbst ein paar Worte loszuwerden.
„Ja, was?“ forderte er ihn heraus, „dann wirst du dir das Missfallen deiner Hausgenossen zuziehen?“ Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Tut mir leid, dass ich das sagen muss, Malfoy, aber die haben dich schon verstoßen. Du gehörst nicht mehr zu ihnen. Für dich kann es nur noch aufwärts gehen. Wenn überhaupt, dann ist-“
„Sag's nicht“, unterbrach ihn Draco eilig. Er hatte beinahe Angst, die unausgesprochenen Worte zu hören, die Potter auf der Zunge lagen.
„Was nicht?“ fragte Potter verwirrt.
„Dass wir Freunde sind, Potter. Denn Merlin weiß, wir sind keine.“
„Du bist etwas vorschnell, Malfoy“, gab Potter zurück. „Ich wollte sagen, in meiner Gunst zu stehen, wird dir ein paar gemeine Bemerkungen zumindest von den drei Vierteln der Schule ersparen, die mich als Helden verehren.“
„Meine Güte, wie bescheiden…“
Innerhalb eines Herzschlags nahmen Potters Augen wieder ihren wachsamen Ausdruck an. „Wenn es die ganze Welt behauptet, fühlst du dich irgendwann verpflichtet, es auch zu glauben“, sagte er leise.
Draco war durch Potters plötzlichen Stimmungsumschwung völlig verwirrt und tat das einzige, was ihm einfiel: Er brachte das Gespräch wieder zum ursprünglichen Thema zurück. „Das beantwortet immer noch nicht die Frage, warum du es tust. Du hast nichts dadurch zu gewinnen, dass du mein Ansehen verbesserst.“
„Wie oft müssen wir das noch besprechen?“ Potter zeigte, zum ersten Mal seit er sich ungefragt an Dracos Tisch niedergelassen hatte, Anzeichen von Ungeduld. „Ich habe es dir schon im Krankenflügel gesagt, nachdem du mir deine Liste gezeigt hattest. Du gewinnst etwas durch meinen Namen. Das ist alles, um was es geht. Ist das nicht eine der Regeln, nach denen ein Malfoy lebt? ?Nutze andere zu deinem eigenen Vorteil aus'?“
Draco seufzte und richtete die Augen wieder auf „Eine Geschichte von Hogwarts“, da ihm keine beißende Erwiderung in den Sinn kommen wollte. Er blickte flüchtig auf Helga Hufflepuffs pausbäckiges Gesicht und überblätterte prompt ihr Kapitel und das von Rowena Ravenclaw, während er darüber nachsann was zum Teufel er sagen könnte. Er gab es nicht gern zu, aber er zog sogar Potters vorheriges unglückliches, depressives Selbst diesem… diesem altruistischen Idioten vor. Seit wann interessierte sich Potter für Dracos Wohlbefinden?
Anscheinend seit jener Nacht im Schnee, als er mich allein draußen gelassen hat erinnerte sich Draco. Oder vielleicht sogar seit dem Hogsmeade-Ausflug. Oder…
Nein. Draco wagte nicht, es für möglich zu halten. Er wusste sehr wohl, dass Potter bei seinem Prozess nur deshalb für sein Leben gestimmt hatte, weil er sich verpflichtet fühlte. Also musste die Veränderung seiner Motivation irgendwann nach ihrer Ankunft in Hogwarts stattgefunden haben.
Für einen Moment überfiel ihn Panik, als ihm in den Sinn kam, dass Potter sich vielleicht an ihm festhielt, weil er Angst hatte, seinen eigenen Schwächen und Unsicherheiten ins Auge zu sehen. War es möglich, dass er Dracos armseliges Leben dazu benutzte, sein Selbstvertrauen zu stärken? Das ergab keinen Sinn, aber es war die einzige Erklärung, die Draco einfiel…
Aber Dracos verzweifelte Versuche, Potters Handlungsweise zu erklären, lösten sich in Belanglosigkeit auf, als ihm langsam aufging, dass es ihm gleichgültig war, wieso Potter sich plötzlich so selbstlos benahm. In Wahrheit wollte er es eigentlich nicht wissen. Schon einfach nur zu sehen, dass sich jemand Mühe gab, sein Leben so viel einfacher zu machen, war seltsam beruhigend. Sogar wenn dieser Jemand Harry Potter war… Oder vielleicht weil es Harry Potter war, denn in Wahrheit war Potters unnachgiebige Anwesenheit in seinem täglich kürzer werdenden Leben ein heimlicher Trost für Draco. Und die Möglichkeit, diese Anwesenheit zu verlieren, indem er sich bemühte, einen vernünftigen Grund dafür zu finden, war alles andere als reizvoll.
Andererseits war die ganze Sache wahrscheinlich wirklich nur eine Farce, um eigennützige Absichten zu verbergen. Diese Möglichkeit machte Draco so sehr zu schaffen, dass er hervorstieß: „Was ist mit den Weasleys? Ich war… Du hast mich in jener Nacht dort gesehen. Ich habe geholfen, sie umzubringen.“
„Nein, Malfoy, das hast du nicht“, sagte Potter fest. Die Vorsicht in seinen Augen war weggeschmolzen und hinterließ zwei grüne Tiefen, die etwas zeigten, das fast Offenheit sein konnte, aber doch nicht ganz, denn es waren immer noch Reste des Misstrauens vorhanden, das Draco von allen entgegengebracht wurde. „Glaubst du wirklich, ich wäre hier und du noch am Leben, wenn du irgendeine Rolle, ob groß oder klein, in ihrer Ermordung gespielt hättest? So weit ich weiß, warst du nicht dabei, als sie gefangengenommen wurden und hast die ganze Zeit keine Hand an sie gelegt… Das heißt, während ich mit auf der Lichtung war. Du bist unschuldig.“
„Bin ich nicht!“ beharrte Draco. Er war nicht sicher, wieso es ihn so sehr störte, dass Potter ihn für unschuldig hielt.
„Junger Mann, halten Sie bitte Ruhe und seien Sie friedlich in der Bibliothek“, zischte Madam Pince, während sie mit einem Bücherstapel auf dem Arm vorbeihuschte.
Draco senkte seine Stimme zu einem Flüstern und sagte erneut: „Bin ich nicht. Du hast den Zauberer gehört, der meinen Prozess geleitet hat. Ich habe getötet. Ich habe gefoltert. Ich habe dies hier“ - er stieß gegen seinen Unterarm, wo nur noch eine kaum sichtbare Narbe des Totenkopfs mit der Schlangenzunge zu sehen war, der dort eingebrannt gewesen war - „um es zu beweisen.“
„Es war Krieg… Glaubst du, ich habe nicht getötet?“ fragte Potter. Grob schob er Dracos rechte Hand von seinem linken Arm weg. „Das waren besondere Umstände. Was nun wichtig ist, ist, dass du das Dunkle Mal jetzt nicht mehr hast, um daran zu erinnern. Möchtest du keinen Neuanfang machen?“
„Wozu?“ fragte Draco bitter. „In sieben Monaten werde ich ohnehin alles verlieren.“
„Dann mach dein Leben zu einem, das es wert ist. Mach es zu einem Leben, dessen Ende jemand betrauern würde.“
„Immer der Heilige“, spöttelte Draco. Er fuhr sich mit den Fingern durch das Haar und atmete lange aus. Ihm fiel kein Grund mehr ein, weiterhin zu protestieren. Potter und er hatten schon eine inoffizielle Übereinkunft getroffen, dass Potter seine Schuld abtragen würde, indem er Draco half, seine Ziele zu erreichen und es gab eigentlich keinen Grund für Draco, das zurückzunehmen.
„Können wir also die Zeit eine Woche zurückdrehen und die Sache in den Gewölben vergessen?“ fragte Potter beinahe hoffnungsvoll.
Draco schloss sein Buch, beugte sich vornüber und ließ sich Zeit damit, es in seiner Tasche zu verstauen, so dass Potter nicht die Erleichterung sehen konnte, die sich, wie er wusste, in seinem Gesicht spiegeln musste. Dann richtete er sich wieder auf, warf sich die Tasche über die Schulter und stand auf. „Ok“, sagte er beiläufig und machte sich auf den Weg zum Ausgang. Potter stand ebenfalls auf und folgte ihm, seinen Zauberkundeaufsatz hatte er offenbar vergessen. „Ich hätte es fast vergessen… Was genau hast du über die Ferien vor?“
„Heimgehen zu meinem geräumigen Landsitz, Weihnachten in meinem warmen, gemütlichen Wohnzimmer verbringen, Geschenke öffnen und mit meiner liebevollen, zärtlichen Familie heißen Kakao trinken.“
Potter starrte ihn für einen langen Moment an. „Das ist absolut überhaupt nicht witzig, Malfoy“, sagte er schließlich.
„Was glaubst du, was ich tun werde? Ich hab nun wirklich nicht die Qual der Wahl“, knurrte Draco und ging schneller. Plötzlich war die Bibliothek der letzte Ort, an dem er sein wollte.
„Aber was ist mit deinem Weihnachtsbaum?“ beharrte Potter, als sie gemeinsam die Bibliothek verließen.
„Welchem Weihnachtsbaum?“ fragte Draco abwesend zurück. Ein klein gewachsenes Mädchen, das einen Slytherinschal trug, kam vorbei und Draco blieb stehen und sah in eine andere Richtung. Ihre Augen wurden schmal, als sie Draco und Potter nacheinander aus der Bibliothek kommen sah.
Potter schien ihre Geringschätzung zu bemerken, denn als sie an ihm vorbei ging, fragte er kalt: „Irgendwas interressantes zu sehen?“
Sie schürzte die Lippen und ging ohne ein Wort weiter. Aber kurz bevor sie um die nächste Ecke bog, hörte Draco ein unterdrücktes Zischen, dass sich unverkennbar wie „Verräter“ anhörte.
„Miststück“, fauchte er, sobald ihre Schritte nicht mehr zu hören waren. „Ohne mich wäre sie immer noch die hässliche, armselige Ziege, die sie in der zweiten Klasse war.“
Potter schien sich über Dracos boshaften Ausbruch zu amüsieren. „Wer ist das?“
„Daphne Greengrass“, antwortete Draco wegwerfend. Er ging weiter, aber es war ihm unangenehm bewusst, dass Potter ihn gerade verteidigt hatte. „Was hattest du gerade über einen Weihnachtsbaum gesagt?“
„Nummer neunzehn auf deiner Liste. Du möchtest unter einem Weihnachtsbaum Geschenke öffnen.“
Draco schaffte es gerade eben, seine Überraschung zu verbergen, aber konnte nicht verhindern, dass er zu Potter hinüberblickte. „Daran erinnerst du dich?“
In Potters Gesicht blitzte ein selbstzufriedenes Lächeln auf. „Für solche Dinge habe ich ein sehr gutes Gedächtnis. Ich könnte dir die ganze Liste aufsagen, wenn du möchtest.“
Draco blinzelte zweimal, völlig aus dem Gleichgewicht gebracht durch diese einerseits unwichtige und andererseits höchst bedeutsame Information. „Ich… Nein, es wäre mir lieber, wenn du das nicht tun würdest“, antwortete er, bemüht, seinen üblichen Tonfall kühler Verachtung zu finden.
„Also, was nun?“ fragte Potter, als sie sich der Haupttreppe näherten. „Wie willst du unter einem Weihnachtsbaum Geschenke öffnen, wenn du hier bei den Slytherins bleibst?“
„Wer sagt, dass ich hier bleibe?“
„Aber du hast doch gerade gesagt-“
„Dass ich nicht sehr viele Möglichkeiten habe. Aber du hast angenommen, dass Hogwarts meine einzige ist.“
Potter packte Draco am Arm, so dass er stehen bleiben musste. „Ja? Was wirst du tun?“
Draco wandte sich unwillig um und sah Potter an. Er blickte ihn mit leicht zur Seite geneigtem Kopf erwartungsvoll an und wartete auf eine Antwort. Dracos Blick wurde zu den schwarzen Locken gezogen, die unordentlich in Potters Augen hingen. Seine Finger zuckten mit dem dringenden Bedürfnis, diese paar Strähnen zur Seite zu schieben… Es lenkte ihn ab und Draco hatte immer wieder gehört, wie wichtig es war, die Augen des Gegners zu sehen, bevor er irgendetwas tat…
Als Draco nicht länger widerstehen konnte und die Hand hob, um die Haare beiseite zu schieben, die Potters Augen verdeckten, versteifte der sich sichtlich und fragte scharf: „Was tust du da?“
Potters Tonfall ließ Draco zusammenzucken und seine Hand fiel nach unten. Für einen sehr langen Augenblick starrte er Potter ausdruckslos an. Dann spürte er, wie seine Wangen langsam aber sicher warm wurden. „Es hat mich irritiert“, murmelte er lahm.
Auch Potter schien durch Dracos unerwartete Geste reichlich aus der Fassung gebracht. „Sorry“, antwortete er unsicher.
Wäre Draco nicht so verlegen gewesen, hätte er in der Tatsache, dass Potter sich entschuldigte, vermutlich absurde Ironie gesehen und ihn gründlich dafür verspottet. Aber so fiel ihm nichts ein außer: „Ich möchte dich um einen Gefallen bitten.“
Zu Dracos Erleichterung schien das eine sehr gute Ablenkung von Gedanken über das, was gerade passiert war, zu sein. „Ein Gefallen?“ fragte er so entgeistert, als hätte er nicht im Traum daran gedacht, jemals den Tag zu erleben, an dem er dieses Wort aus Dracos Mund hören würde.
„Ja“, sagte Draco. Er biss die Zähne zusammen und stählte sich. Jetzt oder nie. Na los, schon, frag ihn. „Ich… ähm, falls du es nicht bemerkt haben solltest, ich bin nicht auf dem Weg zum Slytherin-Gemeinschaftsraum.“
„Ich kann's dir nicht verdenken.“ Potter seufzte. „Was willst du? Geld, um eine seltene Zutat für deinen Zaubertrank zu kaufen? Ein Geheimnis? Meine Hilfe dabei, ein Wunder geschehen zu lassen?“
Potters ätzender Tonfall schnitt durch Dracos Bewusstsein wie eine Peitsche. Anstatt es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen, sah Draco weg, als ihm zum ersten Mal aufging, wie viel er schon von Potter angenommen hatte und immer noch annahm, ohne irgendetwas zurückzugeben. Er spürte etwas, das einem unverfälschten Schuldgefühl näher kam, als alles, was er je zuvor gefühlt hatte.
„So etwas in der Art“, murmelte er und überlegte dabei, ob es wirklich eine so gute Idee gewesen war, Potter danach zu fragen.
Potter lehnte sich gegen das Treppengeländer und verschränkte die Arme. „Ja? Um was geht's?“
„Wegen meiner Ferienpläne“, fuhr Draco fort und erinnerte die warnende Stimme in seinem Kopf daran, dass es Potter selbst gewesen war, der so leidenschaftlich darauf bestanden hatte, ihm zu helfen. Und wenn das bedeutete, dass er seine Liste in den nächsten Monaten abarbeiten konnte, dann würde Draco dieses Angebot annehmen und alles herausholen, was möglich war.
Potter sagte nichts, sondern wartete darauf, dass Draco fortfuhr.
„Ich…“ Draco biss sich auf die Lippe und stieß dann hervor: „Ich möchte meine Mutter in Askaban besuchen.“ Er vermied absichtlich Potters Augen, die sich nun sicherlich mit Verachtung gegenüber Dracos unangebrachten Wunsch füllten, und starrte weiter auf das Porträt zweier Zentauren beim Essen auf der gegenüberliegenden Wand. „Ich dachte… Das heißt, ich wollte McGonagall um ihr Einverständnis bitten, dass ich die Schule dafür verlassen darf. Und da sie dich eindeutig lieber mag als mich…“
Draco hielt den Atem an und warf Potter einen flüchtigen Blick zu. Er starrte Draco mit einem undeutbaren Blick an. Draco atmete laut aus und sagte: „Ach, egal. Es ist eine dumme Idee. Nicht einmal du könntest sie davon überzeugen, mich gehen zu lassen.“
„Nein, warte. Ich habe nie gesagt, dass ich es nicht tun würde“, sagte Potter schnell. Zu Dracos Erleichterung war der Sarkasmus, der ihn so gestört hatte, verschwunden. „Ich denke nur nach. Hätte nicht ohnehin das Ministerium das letzte Wort?“
Draco hob die Schultern. „Vergiss es“, sagte er mit erzwungen gleichmäßiger Stimme. „Wenn ich nicht einmal das Gelände verlassen darf, ist es praktisch undenkbar, dass sie mich für einen ganzen Tag unbewacht lassen.“
„Ich wäre nicht so voreilig. Ich habe einiges an Einfluss im Ministerium, falls es dir nicht aufgefallen sein sollte.“
„Nein, ist mir wirklich nicht aufgefallen“, antwortete Draco sarkastisch. Aber wider besseres Wissen war ein Funken Hoffnung in ihm aufgeflackert. Trotzdem versuchte er nicht zu optimistisch zu klingen als er sagte: „Du… denkst also…?“
„Du müsstest natürlich jemanden finden, der dich begleitet“, sagte Potter, als er sich wieder auf den Weg zu McGonagalls Büro machte. „Ich bin sicher, wenn ich Lupin oder eins der anderen Ordensmitglieder frage-“
Draco beeilte sich, ihn wieder einzuholen. „Ich bitte die um nichts“, unterbrach er Potter grob.
„Du würdest sie um nichts bitten-“
„Ich will niemanden von denen in meiner Nähe haben, Potter.“
„Aber sie könnten-“
„Nein!“
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„Es wäre nett, wenn du mich gelegentlich ausreden lässt“, sagte Harry gereizt, als sie den steinernen Wasserspeier erreichten, der McGonagalls Bürotür bewachte. Harry sagte das Passwort („Lebkuchen“) und ging voran, die Wendeltreppe hinauf.
Sie gingen hinauf zu der glänzenden Eichentür am Ende der Treppe. „Du musst das wirklich nicht tun“, murmelte Malfoy hinter Harry, aber Harry hatte keine Schwierigkeit, die versteckte Dankbarkeit aus Malfoys mürrischem Tonfall herauszuhören. Er konnte ein selbstzufriedenes Grinsen nicht unterdrücken.
„Wäre es einfacher, wenn ich behaupten würde, dass ich es für mich tue?“ witzelte Harry und hielt plötzlich verdutzt inne. Er hatte Malfoy gerade geneckt, auf die gleiche Weise, wie er Ron oder Hermine oder Ginny necken würde. Es war seltsam, sich mit Malfoy so wohl zu fühlen, aber irgendwie fühlte es sich auch gut an - wie etwas, auf das Harry lange gewartet hatte und das er nun schließlich erlebte.
So hätte es sein können, wenn ich damals, an unserem ersten Tag hier, seine Hand genommen hätte wurde es Harry klar und seine Augen wurden groß. Dann stellte er sich vor, wie er zusammen mit Crabbe und Goyle an Malfoys Seite in Zaubertränke stolzierte und hätte fast gelacht.
„In dem Fall würde ich sagen, dass du ein egoistischer Mistkerl bist, der nur an sich selbst denkt. Nicht, dass du das nicht ohnehin wärst“, gab Malfoy zurück und riss Harry aus seinen amüsanten Gedanken.
Na gut, vielleicht wäre nicht alles eitel Sonnenschein gewesen, berichtigte sich Harry, grinste aber trotzdem.
Ein Stoß in den Rücken erinnerte ihn daran, dass er immer noch vor McGonagalls Büro stand, in einer Welt, in der eine Freundschaft mit Malfoy so unwahrscheinlich war, wie die Möglichkeit, dass Ron sie akzeptieren würde.
„Jetzt mach schon, Potter“, knurrte Malfoy, Beweis dafür, dass er es eilig hatte, zu McGonagall zu kommen - oder vielleicht eher schnell wieder wegzukommen.
Harry machte einen Schritt vorwärts und klopfte höflich an die Eichentür. Einen Moment später rief McGonagall sie herein.
Als sie Harry im Eingang erblickte, hob sie die Augenbrauen und grüßte ihn: „Mr. Potter.“
In diesem Augenblick schubste Malfoy ihn in das Büro, so dass er stolperte und McGonagall Malfoys ansichtig wurde. Nun verschwanden ihre Augenbrauen in ihrem geraden Haaransatz. In ihrer Stimme klang nun eine Spur Verwirrung mit, als sie hinzufügte: „Und Mr. Malfoy.“
Harry fand sein Gleichgewicht wieder und sagte: „Hallo, Professor McGonagall.“ Seine Augen fanden automatisch Dumbledores Porträt. Das letzte Mal war er in der Nacht von Dumbledores Tod hier gewesen und McGonagall hatte einige größere Veränderungen an der Einrichtung vorgenommen. Die offensichtlichste war, dass sie die silbernen Instrumente, die zuvor auf den dünnbeinigen Tischen gelegen hatten, die im Raum verteilt waren, entfernt hatte. Fawkes' Sitzstange war ebenfalls verschwunden. Während Harry die dösende, zweidimensionale Gestalt Dumbledores betrachtete, fragte er sich, was der frühere Schulleiter wohl von der Verwandlung seines Büros hielt.
„…Sie sich gut erholt, Mr. Malfoy?“ fragte McGonagall gerade, als Harry sich seiner Umgebung wieder bewusst wurde.
„Ich wette, Sie haben sich keinerlei Gedanken darüber gemacht, wer es gewesen sein könnte“, lächelte Malfoy spöttisch. Während Harrys Aufmerksamkeit durch Dumbledores Porträt gefesselt war, hatte er es sich auf einem der karierten Sofas gemütlich gemacht, die McGonagalls Schreibtisch gegenüberstanden.
McGonagall vergalt ihm seinen herausfordernden Blick mit einem eisigen. „Glauben Sie mir, wenn-“
„Warum?“ wurde sie grob unterbrochen. „Warum sollte ich Ihnen glauben? Dieser ganze Unsinn, mich meine Schulausbildung beenden zu lassen, den Sie dem Zaubergamot erzählt haben… Ich glaube kein Wort davon. Sie wollen mich tot sehen, genau wie der Rest der Schülerschaft und Lehrer. Der einzige Unterschied zwischen denen und Ihnen ist, dass Sie es nicht zugeben… Ma'am“, schloss er, indem er das letzte Wort spöttisch betonte.
Mc Gonagalls Nasenflügel bebten. „Mr. Malfoy, ich würde Ihnen davon abraten, einen derartigen Ton mit mir anzuschlagen“, sagte sie kühl. Sie richtete ihren durchdringenden Blick nun auf Harry, der zusammenzuckte. „Jetzt hören Sie schon auf, hier mit den Füßen zu scharren, Potter. Setzen Sie sich und erzählen Sie, was Sie herführt.“
Harry setzte sich gehorsam zu Malfoy auf das Sofa. „Ich - wir - haben uns gefragt…“ Harry wand sich unbehaglich. „Na ja, Malfoy wollte Sie um Erlaubnis bitten-“
„Ich möchte meine Mutter in Askaban besuchen“, mischte sich Malfoy ein. Seine Augen, in denen unerschütterliche Entschlossenheit blitzte, waren starr auf McGonagall gerichtet. „Ich möchte sie ein letztes Mal sehen.“
McGonagalls Gesichtszüge wurden weicher. „Sie wissen doch sicher, dass es Ihnen völlig unmöglich ist, das Gelände von Hogwarts zu verlassen“, sagte sie freundlich, aber fest.
„Und wenn jemand mit ihm ginge? Jemand, dem das Ministerium traut?“ schlug Harry vor.
McGonagall starrte ihn über ihre Brille hinweg an und fragte: „Bieten Sie sich dafür an?“
„Nein, natürlich nicht“, antwortete Harry hastig - zu hastig vielleicht. Harry war betroffen, als ihm ein flüchtiger Blick auf Malfoys Gesicht einen verletzten Ausdruck zeigte, der gleich wieder verschwand.
„Dann befürchte ich, dass wir nichts tun können. So ehrenwert es ist, Mr. Malfoys Interessen zu vertreten, Potter, es gibt nicht viele Menschen, die einen verurteilten Todesser nach Askaban begleiten würden. Ganz zu schweigen davon, dass das Ministerium zurzeit dramatisch unterbesetzt ist…“
„Dann überzeugen Sie sie doch, mich allein gehen zu lassen“, schnappte Malfoy und richtete sich weiter auf. „Sagen Sie ihnen, dass ich nirgendwohin gehe. Ich lasse mir nicht verbieten, meine eigene Mutter zu besuchen!“
„Sie sind nicht in der Position, mit dem Ministerium zu verhandeln“, antwortete McGonagall. Zum ersten Mal, seit Harry und Malfoy das Büro betreten hatten, zeigte sie Anzeichen von Ungeduld. „Wenn Sie versuchen, das Ministerium dazu zu bringen, die Restriktionen Ihnen gegenüber zu lockern, werden Sie nur das Gegenteil erreichen. Sie haben im Moment keine Möglichkeit, Kontakt mit Narcissa aufzunehmen, Mr. Malfoy.“
Harry blickte wieder zu Malfoy hinüber und fühlte prompt, wie Beschützerinstinkt und Zorn in ihm aufwallte, als er den Schmerz in dessen Gesicht sah.
„Das ist nicht fair, Professor!“ sagte er zornig und stand auf. „Seine Mum sehen zu wollen ist nicht… Daran ist nichts Verkehrtes! Sie haben das Ministerium überzeugt, seine Hinrichtung zu verschieben; können Sie wirklich nichts dafür tun?“
„Die Umstände um Mr. Malfoys Prozess waren etwas anderes“, sagte McGonagall mit blitzenden Augen. „Außerdem war es Ihr Einsatz, der die endgültige Entscheidung brachte.“
Harry schluckte seine Erwiderung hinunter. McGonagall hatte recht. Schlussendlich hatte er das letzte Wort. Er besaß hohes Ansehen in der Zauberergemeinschaft und er hatte Malfoy versprochen, es zu benutzen, um ihm mit seiner Liste zu helfen. Und nun war Harry zu egoistisch, hing zu sehr an der Vorstellung, Weihnachten in einem Haus voller Menschen, die ihn liebten, zu feiern, um Malfoy den simplen Wunsch zu gewähren, die einzige Person auf der Welt zu sehen, die ihn noch liebte.
Der kaum verhüllte Schmerz, der Malfoys graue Augen beinahe schwarz wirken ließ, verstärkte Harrys Schuldgefühle noch. Er wusste, er würde es später bereuen, aber er war nicht in der Lage, Malfoys Leben schlimmer zu machen, als es ohnehin schon war. Er sagte leise: „Ich werde es tun.“
McGonagall rümpfte die Nase. „Potter, Sie mögen mit Kingsley Shacklebolt auf gutem Fuße stehen, aber nicht einmal Sie werden ihn davon überzeugen können-“
Harry unterdrückte die Stimme in seinem Kopf, die schrie Harry, du Idiot, nein, das wirst du nicht tun! Nimm das sofort zurück! und unterbrach McGonagall: „Ich meinte, ich gehe. Mit Malfoy.“
Aus dem Augenwinkel sah Harry, wie Malfoy sich so rasch zu ihm umwandte, dass er sich den Hals verrenkt haben musste. „Was hast du gesagt?“ fragte er.
Harry seufzte. „Wenn das Ministerium jemand Vertrauenswürdiges braucht, der mit dir geht, dann werde ich es tun. Es ist ja nur für einen Tag, richtig?“
Seiner Frage folgte skeptisches Schweigen. Schließlich sagte McGonagall: „Sie wissen aber, dass alle möglichen Vorkehrungen getroffen, Leute unterrichtet, Formulare ausgefüllt werden müssen…?“
„Darum können Sie sich doch kümmern, Professor?“ fragte Harry besorgt.
McGonagall seufzte nur. „Sie werden die ganze Zeit mit ihm zusammen bleiben müssen. Auch im Zauberergefängnis. Askaban ist kein angenehmer Ort, Potter.“
„Ich weiß das. Ich bin dort gewesen.“ Harry blickte hoffnungsvoll zu McGonagall. Er wusste sehr genau, dass sie ebenfalls Malfoys Anliegen stattgeben wollte. „Meinen Sie, Sie können den ganzen offiziellen Kram rechtzeitig erledigen?“
„Es mag sein, dass das Ministerium einen Brief mit ihrer Unterschrift verlangt“, warnte sie.
„Dann bekommt es einen“, antwortete Harry achselzuckend.
McGonagall schürzte die Lippen. „Nun gut. Ich werde mit Shacklebolt Kontakt aufnehmen und ihn bitten, mit der Vollzugsabteilung zu sprechen. Sobald alles arrangiert ist, werde ich Ihnen Bescheid geben.“
„Herzlichen Dank, Professor“, sagte Harry, dankbar, dass sie keine Fragen stellte. Er ging zur Tür und stellte fest, dass Malfoy mit einem unentzifferbaren Ausdruck im Gesicht zu Boden starrte, als er sich umschaute. „Malfoy?“ fragte er. „Komm, wir gehen.“
Malfoy schien aus seiner Benommenheit aufzuwachen und stand auf. Ohne ein weiteres Wort zu McGonagall ging er an Harry vorbei hinaus in den Flur.
„Danke, Potter“, sagte McGonagall mit ungewöhnlich sanfter Stimme, gerade, als Harry ebenfalls gehen wollte. „Ich habe keine Zweifel, dass Mr. Malfoy zu schätzen weiß, was Sie alles für ihn getan haben.“
Harry lächelte sie kurz an. „Ja. Das gleiche gilt für Sie, Professor.“
Er schloss die Tür hinter sich und ließ sich von der Wendeltreppe nach unten bis zu einer steinernen Mauer tragen. Sie öffnete sich, sobald Harry die Stufen verließ.
Harry trat hinaus in den schwach beleuchteten Flur. Malfoy lehnte an der gegenüberliegenden Wand und wartete auf Harry.
Und explodierte, sobald er ihn erblickte.
„Welches Spiel spielst du, verdammt nochmal?“ tobte er und überbrückte die Entfernung zwischen ihm und Harry in zwei langen Schritten. „Bist du verdammt nochmal verrückt geworden? Warum solltest du das für mich tun? Du hasst Dementoren! Du wirst in Askaban keine Stunde lang überleben! Ich fahre nicht in einen verdammten Urlaub! Askaban ist verdammt nochmal nicht die Bermuda-Inseln!“
„Beruhige dich, Malfoy“, sagte Harry fest, packte Malfoys Schultern und hielt ihn auf Armeslänge von sich. „Ich weiß, wie Askaban ist, du Dummkopf. Ich habe die Hälfte der Insassen selbst dort hingebracht.“
„Es ist mir egal, wie viele Leute du hingebracht hast!“ tobte Malfoy weiter. „Es ist nicht deine Bühne und ich weiß sehr genau, dass es der letzte Ort ist, an dem du Weihnachten verbringen möchtest. Ich lass dich nicht einfach nur meinetwegen hingehen. Ich brauche deine Hilfe nicht!“
Harry musste beinahe lächeln. „Mach dir keine Gedanken um mich“, sagte er und ließ Malfoy los. „Solange du deine Mum sehen kannst, ist alles in Ordnung. Klar?“
Malfoy zögerte.
„Gut“, sagte Harry zustimmend. „Und nun bemüh dich um ein bisschen Selbstbeherrschung. Sei ein braver Junge.“
„Ich bin nicht dein Schoßtier“, schnappte Malfoy und funkelte ihn an. Dann seufzte er. „Warum, Potter? Ich habe dich nur gebeten, mir zu helfen, McGonagall zu überzeugen, nicht das.“
„Wenn ich den Job schon übernehme, dann kann ich es auch gleich richtig machen.“ Harry hob die Augenbrauen. „Ich habe versprochen, dir zu helfen, oder?“
„Richtig. Das Gryffindor-Ehrenwort.“ Malfoy machte ein Gesicht als würde ihm schlecht werden, aber in seinen Augen war ein neues Licht, dass Harry innerlich wärmte.
Harry studierte Malfoy, als sie gemeinsam den Korridor entlang gingen. Der Andere hielt die Augen auf seine Turnschuhe gerichtet. Seine Schultern hingen herab und er verbreitete eine völlig slytherin-untypische Trostlosigkeit um sich. Malfoy war die personifizierte Verzweiflung und es machte Harry wütend. Was war geschehen mit dem selbstsicheren, gelassenen Schritt, der blasierten, würdevollen Haltung, allem, was ihn an Draco Malfoy je aufgeregt hatte? Tag um Tag schwand sein bitterer Zynismus mehr dahin und offenbarte stattdessen Spuren von Furcht und Verletzlichkeit. Es war nicht fair, dass sich Malfoy in einen so hilflosen Menschen verwandelte, der den ritterlichen Gryffindor in Harry dazu brachte, ihn beschützen und alles geben zu wollen, was er wollte - selbst, wenn das bedeutete, seine Freunde anzulügen und, hin und wieder, sein eigenes Glück zu opfern.
Verdammt, Malfoy, dachte Harry halbherzig, während er einen Schritt zurückfiel, um Malfoy besser beobachten zu können, als sie sich dem Gryffindor-Gemeinschaftsraum näherten. Du schaffst es tatsächlich, mein Leben unglücklich zu machen, ohne es überhaupt zu versuchen.
Sie hielten vor dem Porträt der Fetten Dame. Malfoys Augen glitten verächtlich darüber, bevor sie sich auf Harry richteten.
„Tschüss, Potter“, sagte er.
„Ja. Bis dann.“
Einen langen Augenblick starrte Harry Malfoy an und Malfoy starrte zurück. Dann machte Malfoy einen Schritt auf Harry zu, so dass ihre Gesichter nur noch Zentimeter voneinander entfernt waren und sagte mit so offensichtlicher Aufrichtigkeit, dass Harry ein Schauer über den Rücken lief: „Du bist mutiger als ich dachte, Potter.“
Harry brachte ein Lächeln zustande. Sie waren sich so nah, dass er Malfoys Atem auf seinen Lippen spüren konnte. Er konnte sogar sehen, dass Malfoys Augen zum ersten Mal, seit er sich erinnern konnte, ohne Bosheit waren, aber bevor er herausfinden konnte, wieso diese Kleinigkeiten plötzlich eine Wolke von Schmetterlingen in seinem Bauch aufflattern ließ, trat Malfoy zurück, wandte sich ab und verschwand um die nächste Biegung.
„Na, gerade ein Rendezvous gehabt?“ fragte die Fette Dame verschmitzt.
Harry schüttelte so heftig den Kopf, dass seine Brille beinah wegflog. „Malfoy und ich? Nie!“ schnappte er und richtete seine Brille wieder. „Weihnachtskugel.“
„Das sagen sie alle“, stellte die Fette Dame fest, während sie aufschwang, um Harry einzulassen. „Ihr Jungs seid immer am Leugnen… Wollt nie zugeben, dass ihr vielleicht-“
Aber Harry hatte das sprechende Porträt schon zugeschlagen.
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