
von Lapis
A/N: Und ein Neues... Dank an meine derzeit einzige, treue Reviewerin Cho17. Ich hoffe, dieses hier gefällt dir auch wieder :-).
We were strangers
Starting out on a journey
Never dreaming
What we'd have to go through
Now here we are
I'm suddenly standing
At the beginning with you
- Richard Marx and Donna Lewis, “At the Beginning”
12. Kapitel: Ein Spiel
Viel schneller als erwartet kam der 19. Dezember heran und Harry musste sich von Ron, Hermine und Ginny verabschieden, die in den Wagen kletterten, der sie zum Bahnhof bringen würde. Er hatte Hermine und Ginny erzählt, dass er Malfoy nach Askaban begleiten würde und hinzugefügt, dass er ihnen ins Hauptquartier folgen würde, sobald Malfoy wieder in Hogwarts war. Ron allerdings ließ er auch dieses Mal in seliger Unwissenheit.
Harry blickte ihnen nach, bis die Wagen außer Sichtweite waren, bevor er sich umdrehte und wieder nach drinnen ging. Wegen der zahlreichen Kriegstoten blieben mehr Schüler als üblich über die Ferien in Hogwarts, daher war Harry nicht überrascht, dass es im Eingangsflur vor Geschäftigkeit geradezu summte.
Als Harry die Eingangstür hinter sich schloss und ohne Begeisterung als Antwort auf die eifrigen „Hallo, Harry“ und „Wie geht's denn so, Harry?“ seiner Mitschüler grüßend nickte, entdeckte er am anderen Ende des Gangs einen nur allzu vertrauten, blonden Kopf. Erleichtert darüber, Eleanor Branstons Versuchen, ein Gespräch über die Geschichte der Mistelzweige zu beginnen, zu entkommen, verabschiedete sich Harry höflich und beeilte sich, Malfoy einzuholen.
„Hallo“, sagte Harry, als er Malfoy, der in seine Richtung unterwegs gewesen war, auf halbem Wege traf. Er passte sich den Schritten des anderen an, als dieser die Treppe zu den Gewölben hinunterging.
Malfoy sah Harry an. „Hallo“, sagte er steif. „Ich vermute, es hat keinen Zweck, dir zu sagen, dass du verschwinden sollst?“
„Bin ich tatsächlich so vorhersagbar?“ antwortete Harry und lachte. „Wohin gehst du?“
„Zaubertränke-Klassenraum.“
„Du fängst jetzt schon mit den Hausaufgaben an?“ fragte Harry zweifelnd.
Malfoy war Harry einen seltsamen Blick zu. „Nein, Potter, ich werde an meinem Zaubertrank arbeiten - Felix Felicis.“
„Oh“, sagte Harry und kam sich dumm vor. Natürlich, der Zaubertrank. Zögernd fragte er: „Kann ich mitkommen?“
„Ich nehme an, es würde ohnehin keinen Unterschied machen, wenn ich nein sage“, sagte Malfoy. Er klang fast ein wenig amüsiert. Bildete Harry es sich nur ein oder schien Malfoy tatsächlich erfreut, dass Harry gefragt hatte?
„Was ist da drin?“ fragte Harry und deutete auf die ausgebeulte Tasche, die Malfoy über die Schulter geworfen hatte, während sie den leeren, mit Fackeln beleuchteten Gang zu einem der unbenutzten Klassenräume entlang gingen.
„Dies und das“, antwortete Malfoy ausweichend. Er öffnete eine Tür auf der linken Seite und zuckte die Achseln, nachdem er einen Blick hineingeworfen hatte. „Hm. Der hier wird's tun müssen.“
Er schlüpfte hinein und entzündete mit einer kurzen Bewegung seines Zauberstabs die Fackeln in dem runden Raum. Harry folgte ihm und schloss die Tür hinter sich.
„Hier war ich noch nie“, bemerkte Harry laut und sah sich in dem kahlen Gewölbe um. Auf dem glatten Steinboden standen weder Tische noch Stühle, nur ein paar staubige alte Kessel waren an die gegenüberliegende Wand geschoben.
„Diese Klassenräume werden nur im Notfall benutzt“, sagte Malfoy, während er zur Mitte des Raums ging und vorsichtig seinen Beutel absetzte. Wortlos rief er einen der Kessel zu sich, der daraufhin vor seinen Füßen landete, unterzog ihn einer kritischen Untersuchung und säuberte ihn kurzerhand mit einem Reinigungszauber.
„Im Notfall?“ wiederholte Harry besorgt und sah zu, wie Malfoy Gefäße und Bündel aus seinem Rucksack nahm und sie ungefähr einen Meter von dem Kessel entfernt auf dem Boden anordnete.
Anstatt Harry zu antworten, sagte Malfoy gereizt: „Wenn du schon hierbleibst, könntest du dich genauso gut nützlich machen. Zünde mal eben ein Feuer unter dem Kessel an, ja?“
Harry runzelte die Stirn angesichts Malfoys herrischer Ausdrucksweise. „Mistkerl“, knurrte er, als er zu Malfoy hinüber ging. Er kauerte sich vor den Kessel, deutete mit dem Zauberstab unter ihn und sagte: „Incendio!“
Ein kleines magisches Feuer flammte auf, das einen Zentimeter über dem Boden schwebte und an der Unterseite des Zinnkessels leckte. Harry richtete sich auf und trat einige Schritte zurück.
Malfoy war gerade mit dem Auspacken seiner Zutaten fertig geworden. Während er einen Gegenstand nach dem anderen aufhob, sorgsam prüfte und wieder weglegte, murmelte er unterdrückt vor sich hin.
„Was tust du da?“ fragte Harry nach einigen Minuten.
„Pssst!“ antwortete Malfoy ärgerlich und machte eine Handbewegung über seine Schulter, wohl um anzudeuten, dass Harry den Mund halten sollte.
Harry gehorchte. Er konnte nicht anders als die Konzentration und den Fokus des anderen zu bewundern. Wenn es um Zaubertränke ging, war Harrys Aufmerksamkeitsspanne kürzer als Professor Flitwick.
Nach einer Weile stand Malfoy auf, strich seine Robe glatt und ging zu seinem Kessel. Er inspizierte ihn und sagte: „Alles klar. Noch ungefähr zehn Minuten, dann sollte er bereit sein.“
„Wieso zehn Minuten?“ fragte Harry. Ihm war bewusst, dass er praktisch nur Fragen von sich gegeben hatte seit sie sich begegnet waren. Er fühlte sich reichlich unfähig, aber er konnte nicht anders - er war neugierig.
Malfoy bedachte ihn mit einem weiteren seiner „Bist-du-dumm?“-Blicke. Er verwandelte eine Spinne, die in der Nähe seines linken Fußes umherkrabbelte, in einen spindelbeinigen Stuhl und setzte sich hin bevor er antwortete. „Die Basis von Felix Felicis ist Baumschlangenhaut, diese muss also zuerst hinein. Aber sie darf nur zwischen Mittag und Mitternacht in den Kessel gegeben werden. Daher die zehn Minuten.“
Harry widerstand dem Drang zu lachen. „Wieso ist das so?“
„Frag mich nicht, Potter, ich hab mir diese Regeln nicht ausgedacht“, antwortete Malfoy ungeduldig. Er starrte grüblerisch in das von Harry entzündete Mini-Feuer. „Ich habe jetzt alle Zutaten bis auf eine. Zum Glück muss ich sie erst hineingeben, wenn der Rest des Tranks fertig gebraut ist, also habe ich noch ein paar Wochen Zeit sie zu finden. Aber…“
„Aber?“ soufflierte Harry.
„Ich weiß nicht, ob ich sie finden kann.“
„Was ist es?“
„Die Nebellilie.“
„Die Nebellilie?“ wiederholte Harry begriffsstutzig. „Nie gehört.“
„Wenn man bedenkt, wie abgeschirmt du aufgewachsen bist, überrascht mich das nicht“, gab Malfoy zurück. Als Harry ihn zornig anfunkelte, erklärte er: „Es ist eine der seltensten Pflanzen der Welt. Sie wächst wild und nur in ganz bestimmten Gegenden, deshalb braucht man sie nur für die allerschwierigsten Tränke. Meinen Nachforschungen zufolge ist der Verbotene Wald eine dieser Gegenden.“
„Was ist dann das Problem?“
„Bist du verrückt? Freiwillig in den Verbotenen Wald zu gehen… Das ist Selbstmord, Potter!“
„Es ist nicht so schlimm wie es immer heißt“, sagte Harry mit einem ganz leichten Hauch von Frust in der Stimme. „Ich war schon oft genug dort. Klar, ich nehme an, dass die Zentauren jetzt ein bisschen feindseliger sind und ich bin ziemlich sicher, dass Grawp immer noch dort lebt… Und Lupin hat irgendwas von Werwölfen erwähnt…“
Harry unterbrach sich, als er sah, dass Malfoy blass geworden war. Er grinste frech. „Erzähl mir nicht, du hast Angst vor ein paar Werwölfen, Malfoy.“
„Jeder vernünftige Mensch hat Angst vor Werwölfen“, verteidigte sich Malfoy. Er schüttelte den Kopf, als wolle er ihn von Gedanken an Zentauren und Werwölfen befreien. „Ich hab's versucht, Potter. Ich bin früh aufgestanden, um sie suchen zu gehen - die Nebellilie kann man nur am frühen Morgen finden, solange der Morgennebel noch nicht verschwunden ist - aber ich habe keine Spur davon gesehen. Sie muss tiefer im Wald wachsen.“
„Dann wirst du wohl tiefer hineingehen müssen“, sagte Harry nüchtern. „Und ich würde sagen, die zehn Minuten sind um, du kannst weitermachen.“
Malfoy kramte in einer seiner Taschen und förderte eine seltsame, silberne Taschenuhr und ein gefaltetes Pergamentblatt zutage. Einige Augenblicke lang starrte er aufmerksam auf die Taschenuhr und packte sie dann wieder weg. Das Pergamentblatt warf er Harry zu und sagte achtlos: „Lies das. Es ist die Brauanleitung für den Zaubertrank, arbeite dich ein.“
Harry fing das gefaltete Pergamentstück auf und klappte es auseinander. Er blinzelte angesichts der endlosen Zeilen winziger, enger Schrift, die das gesamte Blatt von oben bis unten komplett bedeckten. „Wie, zum Teufel, soll ich das denn bitte entziffern?“ platzte er heraus.
„Du wirst es schon herausfinden“, sagte Malfoy unbesorgt. Er hatte eine Messingwaage hervorgezaubert und war nun dabei, sorgfältig einen kleinen Hügel von etwas abzumessen, das verdächtig nach getrocknetem und gemahlenem Doxydreck aussah.
„Ich dachte, du müsstest mit Bauschlangenhaut anfangen“, meldete sich Harry zu Wort.
„Das ist Baumschlangenhaut, du Riesendepp.“
„Wirklich?“ sagte Harry zweifelnd. „Die Baumschlangehaut, die Hermine aus Snapes Vorrat stibitzt hat, sah aber ganz anders aus. Sie war irgendwie grün und hatte -“
„Das Schlammblut hat etwas aus Snapes privatem Vorrat geklaut?“ unterbrach ihn Malfoy, und dachte plötzlich nicht mehr an die Baumschlangenhaut, die er gerade abwog.
Harry knirschte mit den Zähnen. „Nenn sie nicht so“, sagte er wütend. „Sie heißt Hermine.“
„Wie auch immer. Wie hat sie das geschafft? Snape hat seine Zaubertrankvorräte gehütet wie seinen Augapfel.“ Malfoy schien nur neugierig zu sein und Harry atmete erleichtert auf. Solange Malfoy den Lehrern nichts verriet und damit Hermines guten Ruf ruinierte, konnte es nicht schaden, ihm von dem Vielsafttrank zu erzählen…
„Na ja, erinnerst du dich daran, wie jemand damals in der zweiten Klasse einen Feuerwerkskracher in Goyles Schwell-Lösung geworfen hat?“
„Das warst du, nicht wahr?“
Harry starrte Malfoy mit offenem Mund an. „Woher weißt du?“
„Snape hat mir alles erzählt“, sagte Malfoy selbstgefällig.
„Ich wusste, dass mich der Mistkerl verdächtigte“, murmelte Harry düster. „Egal, ja, das war ich. Während Snape damit beschäftigt war, alles wieder in Ordnung zu bringen, hat sich Hermine davongeschlichen und es geschafft, in seinen privaten Vorratsraum einzudringen.“
Malfoy sah beinah beeindruckt aus. „Und wofür um alles in der Welt brauchte sie so dringend Baumschlangenhaut? Kein Zweitklässler-Zaubertrank benötigt eine derart seltene Zutat.“
„Na ja, weißt du, das ist eine komplizierte Geschichte“, sagte Harrry und ließ sich neben Malfoy auf dem Boden nieder. „Wie soll ich es sagen…“
„Jetzt rück einfach heraus damit“, gab Malfoy in genervtem Ton zurück.
„Wir haben Vielsafttrank gebraut, uns in Crabbe und Goyle verwandelt, uns in euren Gemeinschaftsraum geschlichen und versucht, Informationen über die Kammer des Schreckens aus dir herauszulocken.“ Harry musste sich angesichts Malfoys verblüfften Gesichtsausdrucks ein Grinsen verbeißen. „Mach den Mund zu, Malfoy. Das dumme Gesicht steht dir nicht.“
„Ich kann es nicht glauben“, sagte Malfoy kopfschüttelnd. „Du - du hast dich in meinen Gemeinschaftsraum geschlichen? Und mit mir als - warte, wer von beiden warst du?“
„Goyle. Aber keine Sorge, du hast keine großen Enthüllungen von dir gegeben“, sagte Harry beiläufig. Malfoys Mund stand immer noch leicht offen und ohne darüber nachzudenken legte ihm Harry einen Finger unters Kinn und schob es nach oben.
Malfoy wurde rot und schlug seine Hand weg. „Fass mich nicht an“, sagte er mürrisch.
„Du bist nicht sauer, oder? Wegen der Vielsafttrank-Sache“, fragte Harry besorgt.
„Nein, Potter. Eigentlich bin ich angenehm überrascht, dass du so eine schlaue, slytherinmäßige Seite hast“, antwortete Malfoy mit einem spitzbübischen Grinsen. „Vielleicht bist du ja doch nicht so übel.“
Normalerweise hätte Harry ein solcher Angriff auf seine Integrität und Ehre beleidigt, aber bei Malfoy hörte es sich fast an wie ein Kompliment. Daher lächelte er nur und sagte: „Vielleicht wirst du ja eines Tages zu deiner Freude feststellen, dass du auch einen Gryffindoranteil in dir hast, Malfoy.“
„Das will ich nicht hoffen“, antwortete Malfoy geringschätzig. „Jetzt mach schon und lies das Zeug über den Zaubertrank, sonst wirst du mir nie eine Hilfe sein.“
Damit wandte sich Malfoy wieder der Baumschlangenhaut zu. Widerwillig breitete Harry die Instruktionen aus, die Malfoy niedergeschrieben hatte, kniff die Augen zusammen, um die unleserlichen Buchstaben besser erkennen zu können und begann zu lesen.
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An diesem Abend hatte Draco Probleme einzuschlafen. Er konnte die betrunkenen Rufe und anfeuernden Schreie seiner Hausgenossen im Gemeinschaftsraum hören, der nur ein paar Türen von seinem Ein-Mann-Schlafraum, den McGonagall für ihn eingerichtet hatte, entfernt war, aber sie waren nicht die Ursache seiner Schlaflosigkeit.
Tatsache war, dass er Angst hatte zu schlafen, weil er wusste, dass er beim Aufwachen einen Tag näher daran war, den Kuss des Dementors zu erleiden. Außerdem hatte er seinen Tag mit Harry zu sehr genossen, als dass er ihn schon loslassen wollte. Er entschied, dass der einzige Weg, mit seinen Sorgen fertigzuwerden - zumindest für den Augenblick - darin bestand, die Enge seines Schlafraums und des Slytherin-Gemeinschaftsraums zu verlassen und einen Spaziergang durch das Schloss zu machen.
Gesagt, getan. Er hatte zwar einige größere Probleme, den Gemeinschaftsraum ungesehen zu verlassen, aber schließlich schaffte er es unversehrt hinaus in die Gewölbe. Als Draco schließlich in dem dunklen, engen Gang stand, zitterte er plötzlich vor Kälte. Er hatte auf dem Weg nach draußen zwar seinen Umhang mitgenommen, aber der schützte seinen nackten Oberkörper nicht vor den zugigen Gewölben.
Vor sich hin murrend entzündete er seinen Zauberstab und machte sich auf den Weg hoch ins Erdgeschoß. Im Eingangsflur blieb er eine Weile stehen und betrachtete mit ernstem Gesicht die beiden Flügel der Eichentür, während er sich an die Nacht erinnerte, als er im Krankenflügel mit Harrys Gesicht über sich aufgewacht war. Harry hatte erzählt, er hätte Draco gegen diese Tür gelehnt gefunden. Draco fragte sich, wie er wohl ausgesehen hatte, die Kleider voller Blut und noch feucht von seinem langen Aufenthalt im Freien. Es konnte keine sehr angenehme Nacht für Harry gewesen sein.
Langsam trottete Draco den Gang entlang. Der gepflasterte Boden war kalt unter seinen nackten Füßen. Mit einiger Anstrengung drückte er gegen eine der Türen und öffnete sie einen Spalt.
Die ätherische Schönheit der Szene, die ihn erwartete, ließ ihm den Atem stocken. Einzelne Sterne leuchteten am endlos weiten Nachthimmel, der Mond warf seinen blassen Schein über die Ländereien und ließ das frostbedeckte Gras genauso funkeln wie die Sterne am Himmel. Draco war wie verzaubert und trat hinaus. Seine Zehen krümmten sich, als sie auf den gefrorenen Boden trafen.
„Malfoy?“
Draco zuckte zusammen und wirbelte herum.
Im Schlafanzug stand Harry hinter ihm, mit einem seltsam verwirrten Ausdruck im Gesicht, seinen leuchtenden Zauberstab auf Draco gerichtet.
„Wie lange bist du schon da?“ keuchte dieser beinah, kam wieder hinein und schloss die Tür hinter sich.
„Nicht lange“, antwortete Harry und kam etwas näher. Besorgt fügte er hinzu: „Ich wollte dir keine Angst einjagen.“
„Hast du auch nicht“, schnappte Draco prompt zurück. „Ich war abgelenkt. Was machst du überhaupt hier unten?“
„Ich konnte nicht schlafen. Also habe ich mich auf den Weg in die Küche gemacht, um mir etwas zu essen zu holen. Und du?“ Harrys Augen glitten von oben nach unten über Draco und verweilten für den Bruchteil einer Sekunde auf seiner nackten Brust. „Wenn du nicht aufpasst, holst du dir eine Erkältung, wenn du so rausgehst.“
Draco errötete und zog den Umhang fester um sich, nicht sicher, ob er es mochte, dass Harry ihn ansah. „Ich habe mir nur den Nachthimmel angeschaut.“
Harry schien bewusst zu werden, wohin er gestarrt hatte, denn er räusperte sich unbehaglich und hob die Augen zu Dracos Gesicht. „Von hier aus? Wieso bist du nicht hoch zum Astronomieturm gegangen?“
„Zu weit“, sagte Draco leise. In einem Versuch, die daraufhin eintretende peinliche Stille zu brechen, sagte er schließlich: „Dann werde ich mal wieder zurück in die Gewölbe gehen…“
Draco machte sich auf den Weg zu der Treppe, die in die Gewölbe führte, immer noch mit einer Hand den Umhang um seine Schultern zusammenhaltend. Als er an Harry vorbeiging, berührten sich ihre Hände leicht und er hörte Harrys scharfes Einatmen. Da er sehr viel Übung darin hatte, seine Reflexe zu unterdrücken, brachte Draco es fertig, von dem kurzen Hautkontakt unbeeindruckt zu erscheinen, aber er konnte nicht umhin sich zu fragen, ob sich Harrys Herzschlag ebenfalls plötzlich verdreifacht hatte.
„Draco.“
Draco versteifte sich, als er seinen Vornamen hörte, gerade bevor er die Treppe erreichte.
„Du musst nicht… da runtergehen. Warum kommst du nicht mit mir in die Küche?“ Harrys Stimme war sanft und geduldig und Draco wandte sich zu ihm um, hoffnungslos hingezogen zu dem Schutz und der Sicherheit, die Harrys feste Stimme versprach, wie ein verängstigtes Hundebaby, das sich aus einem dunklen Loch locken ließ.
„Ich schätze, ich kann auf eine weitere Stunde Schlaf verzichten“, sagte Draco zurückhaltend. Das fast nicht wahrnehmbare Zittern in seiner Stimme verriet nur die winzigste Spur Erleichterung.
„Ich bin sicher, es wird nicht allzu schlimm sein“, antwortete Harry mit offensichtlicher Erleichterung darüber, Gesellschaft zu haben. „Komm, ich zeig dir, wie du hineinkommst.“
„Ich weiß, wie man hineinkommt“, sagte Draco entrüstet und passte sich Harrys Geschwindigkeit an, als dieser begann, den Eingangsflur entlang zu trotten. „Ich hätte nicht all die Jahre in diesem fürchterlichen Schloss überlebt, wenn ich nicht gewusst hätte, woher ich Essen bekomme, wenn ich es brauche.“
„Warum hast du nicht einfach deine Eltern darum gebeten, dir etwas zu schicken?“
Überrascht warf Draco Harry einen schrägen Blick zu. Der andere klang ein wenig bitter, obwohl er offensichtlich versuchte, es zu verbergen.
„Ich wollte sie nicht mit etwas so Alltäglichem belästigen“, antwortete er steif.
„Wieso? Sie haben dir doch immer alles gegeben was du wolltest.“
„Nein, das haben sie nicht, Potter. Sie haben mir nicht alles gegeben was ich wollte. Wieso ist das überhaupt wichtig?“
Harry seufzte, eher ein sanftes Ausatmen, das fast unhörbar war. „Ich… ich war immer neidisch, wenn ich gesehen habe, dass du Süßigkeiten von zu Hause bekommen hast.“
„Das war in der ersten Klasse“, spöttelte Draco, kaum in der Lage, sein Erstaunen zu verbergen. Harry Potter, Der-Junge-Der-Alles-Hatte, neidisch auf Draco Malfoy? Es war absurd. Und doch verspürte Draco nichts von der Selbstzufriedenheit oder Schadenfreude, die er früher einmal gefühlt hätte, hätte er gewusst, dass er etwas hatte, das Harry Potter sich vergebens wünschte. Stattdessen fühlte er eher Verständnis für Harry.
„Ich weiß. Inzwischen bin ich drüber weg. Aber damals war ich jünger… Ich konnte nur daran denken, wie unglücklich ich war, mit einer Familie, die sich einen Dreck um mich scherte, während dieser blonde, arrogante Mistkerl am anderen Ende der Halle zwei Elternteile hatte, die ihn liebten und mit Geschenken überschütteten.“ Harrys Hand mit dem Zauberstab zitterte und er klang nun eindeutig bitter.
„Wen nennst du da einen blonden, arroganten Mistkerl?“ verlangte Draco zu wissen und unterdrückte effektiv das Verlangen, etwas Dummes zu tun wie etwa Harry Potter zu trösten. Also ehrlich, Malfoy, wie unglücklich kann seine Kindheit wohl gewesen sein?
„Du warst ziemlich arrogant, das musst du zugeben. Und blond“, feixte Harry.
„Du bist einfach zu nett.“
„Freut mich, dass du das endlich zur Kenntnis nimmst.“
Sie gingen die enge Treppe hinunter, die zur Küche führte. Das seltsam tröstliche Geräusch, das Harrys tiefe, regelmäßige Atemzüge verursachten, vermischte sich mit Dracos eigenen, oberflächlicheren Atemzügen und füllte seine Ohren. Nach einer Weile kamen sie vor einem Bild mit einer Obstschüssel an.
„Mach schon“, sagte Harry. „Wenn du weißt, wie man hineinkommt, dann geh.“
Draco starrte Harry hochmütig an. „Netter Versuch, Potter. Aber dieses Mal habe ich nicht gelogen, als ich gesagt habe, ich wüsste, wie es funktioniert.“
Er streckte die Hand aus und kitzelte die Birne in der unteren linken Ecke. Sie kicherte und krümmte sich an ihrem Platz und verwandelte sich in einen goldenen Türgriff. Draco griff danach und zog das Bild nach außen. Licht fiel aus der entstandenen Öffnung und beleuchtete den kleinen Raum, in dem sie standen.
„Retter der Welt zuerst“, spöttelte Draco und verbeugte sich tief, hielt aber die Augen fest auf Harrys Gesicht gerichtet.
Harry sah aus, als wüsste er nicht, ob er Draco für seine Frechheit verhexen oder sich lieber über ihn amüsieren sollte. Er entschied sich für irgendetwas dazwischen, einen halb amüsierten, halb finsteren Blick, drängte sich an Draco vorbei und trat durch das Porträtloch.
Draco murmelte „Nox“, um sein Licht zu löschen und folgte Harry in die Küche.
Im gleichen Moment als das Bild hinter Draco zu schwang, durchbrach ein begeistertes Quieken die Stille. Draco hatte kaum Zeit zu blinzeln, bevor sich etwas, das aussah wie ein Bündel nicht zusammenpassender Hüte und Socken, auf Harry stürzte.
Er hörte ein lautes ump als Harry und das Bündel miteinander kollidierten. Dann keuchte Harry: „Dobby - mphh - ja, ich freu mich auch, dich zu sehen, Dobby, aber - ich kann nicht atmen -“
„Dobby?“ wiederholte Draco und runzelte die Stirn. Der Name klang irgendwie vertraut.
Beim Klang von Dracos Stimme wandte der an Harry hängende Hauself riesige, hervorstehende Augen in Dracos Richtung. Einen Sekundenbruchteil später schnappte er nach Luft, ließ sich auf den Boden fallen und verbeugte sich so tief, dass seine lange Nase den Boden berührte.
„Master Malfoy“, quiekte er mit zitternder Stimme. „Dobby freut sich, Sie wiederzusehen, Sir, freut sich wirklich sehr…“
Draco dämmerte es langsam. „Du bist dieser unnütze Hauself, der Vater hereingelegt hat, nicht wahr?“, beschuldigte er ihn. „Der, der immer herumgefaulenzt und das Haus ohne Erlaubnis verlassen hat?“
„Malfoy!“ übertönte Harry warnend Dobbys lautes, verzweifeltes Aufheulen. Unbeholfen tätschelte er den obersten auf dem Stapel gehäkelter Hüte auf Dobbys knubbligem Kopf und fragte höflich: „Könntest du uns etwas zu essen besorgen, Dobby?“
„Was tut der kleine Schisser hier?“ fragte Draco gereizt, als Dobby davoneilte und dabei verängstigt über seine Schulter zurück blickte. „Er hat meinen Vater zum Narren gehalten!“
„Nein, das stimmt nicht. Das war ich“, korrigierte ihn Harry als sei das die offensichtlichste Sache der Welt.
„Das warst - was meinst du damit, das warst du?“
„Ich war derjenige, der deinen Vater dazu gebracht hat, Dobby eine Socke zu geben. Dobby war viel zu verängstigt, um es selbst zu tun.“
Draco starrte Harry eine Sekunde lang an und brach dann in ungläubiges Gelächter aus. „Kein Wunder, dass er mir nicht erzählen wollte, was mit unserem Hauself geschehen war“, gluckste er kopfschüttelnd vor sich hin. Stumm fügte er hinzu, Keine Sorge, Vater, ich werde es Potter irgendwie heimzahlen. Eines Tages werde ich ihn für dich schlagen.
„Eines Tages“ in der Bedeutung von „eines Tages innerhalb der nächsten sechseinhalb Monate“.
Der Gedanke reichte, um Draco zu ernüchtern.
In diesem Moment kehrte Dobby mit zwei anderen Hauselfen im Schlepptau zurück. Jeder von ihnen trug eine große Platte, beladen mit Essbarem. Draco beäugte sie und versuchte, nicht zu begeistert auszusehen. Er hatte das Abendessen ausfallen lassen und bis eben gar nicht bemerkt, wie hungrig er tatsächlich war.
„Hier entlang, Harry Potter, Master Malfoy“, sagte Dobby enthusiastisch. Er trug immer noch ein Tablett, auf dem ein silberner Teekessel und zwei dazu passende Tassen standen, auf dem Kopf und führte sie zu einem Tisch und Stühlen, die beide für Menschen gedacht waren. Für einen flüchtigen Augenblick stellte sich Draco vor, wie er in Malfoy Manor im Wohnzimmer saß, mit seiner Mutter Tee trank und mit seinem Vater Quidditch-Taktiken diskutierte. Dann blinzelte er und es waren nur noch Harry und ein Trupp besorgter Hauselfen da.
„Kommst du, Malfoy?“ wollte Harry wissen und warf ihm über die Schulter einen Blick zu. Draco bemerkte zu seiner Überraschung, dass er stehen geblieben war, gefangen in seiner lebhaften Erinnerung einer Teestunde mit seinen Eltern.
Wortlos ging er zu Harry hinüber und setzte sich ihm gegenüber. Während Dobby das Decken des kleinen Tisches überwachte, starrte Draco düster auf seine Handflächen. Seine Mutter… In einigen Tagen würde er sie endlich sehen können. Er wusste nicht, wann genau. McGonagall hatte ihm gesagt, er würde Bescheid bekommen, sobald die Formalitäten erledigt waren. Aber Draco hatte jetzt schon ein vages Gefühl von Bedrängnis in seinem Bauch. Was würde er zu ihr sagen? Was konnte er zu ihr sagen? Sicher wusste sie mittlerweile, dass er in etwas über sechs Monaten zum Kuss des Dementors verurteilt war und dass nichts, kein noch so großer Vorrat an Überzeugungskraft, daran etwas zu ändern vermochte. Wäre es da nicht besser, er tauchte überhaupt nicht auf?
„Du kannst ruhig essen, weißt du. Es ist nicht vergiftet.“
Draco blickte auf und zu Harry. Er hielt zwei Schokokekse in einer Hand und ein Glas Milch in der anderen. Draco widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen. „Ganz ehrlich, Potter, hast du nicht zumindest den Anstand, ordentlich zu essen? Du siehst aus wie ein Bauer.“
„Oh, tut mir schrecklich leid! Ich habe vergessen, nach Messer und Gabel zu fragen, um meine Kekse damit zu essen, nicht wahr?“ spottete Harry.
Dobby stand sofort in Hab-acht-Stellung. „Wenn Harry Potter Messer und Gabel braucht, Sir…“
„Nein, nein, Dobby, es ist alles in Ordnung.“ Harry hob die Augenbrauen in Dracos Richtung. „Aber der Kerl da drüben könnte ein bisschen Bescheidenheit vertragen.“
Dobby schien gründlich verwirrt über Harrys Bemerkung, als könne er nicht recht entscheiden, ob Harry einen Witz gemacht hatte oder nicht. Draco funkelte Harry nur an und murmelte: „Das sagt der Richtige, Mr.-Ich-Bin-Berühmt.“
Schweigend aßen sie auf, was die Hauselfen gebracht hatten. Ein wenig früher als es Draco recht war, erhob sich Harry und dankte Dobby und den anderen Hauselfen für ihre Freundlichkeit. Finster stand Draco ebenfalls auf und griff sich noch schnell ein paar Brötchen. Jetzt, da er nicht mehr die Mehrheit der Slytherins unter seinem Kommando hatte, war es schwierig, außerhalb der Mahlzeiten an Essen zu kommen.
„Noch einmal vielen Dank“, sagte Harry ernsthaft, als Draco und er mit ungefähr hundert aufgeregten Hauselfen hinter sich hinüber zum Ausgang gingen. „Malfoy bedankt sich auch.“
„Nein, tu ich nicht“, gab Draco brüsk zurück. Er klappte das Bild auf und kletterte nach draußen auf die andere Seite, wo er sich elegant auf den Boden gleiten ließ. „Kommst du jetzt oder ist sechsmal danken noch nicht genug für dich, Potter?“
„Halt dich zurück“, antwortete Harry verärgert. Er winkte Dobby zu sich und beugte sich hinunter, um ihm etwas in die fledermausähnlichen Ohren zu flüstern. Dobbys ohnehin schon riesige Augen wurden noch größer und er nickte heftig.
„Oh, Harry Potter ist so nobel und bewundernswert! Dobby fühlt sich geehrt, ihm zu helfen, Sir“, sagte er begeistert und blickte Harry mit feucht glänzenden Augen an. „Aber nun müssen Harry Potter und Master Malfoy in ihre Gemeinschaftsräume zurückkehren… Es ist schon spät, Sir…“
„Ausnahmsweise bin ich mit dem verrückten Ding einer Meinung“, murmelte Draco und tappte ungeduldig mit dem Fuß.
Harry wischte Dracos Bemerkung beiseite. „Danke, Dobby. Ich weiß es zu schätzen“, sagte er dankbar. „Ich bin sicher, er ebenfalls. Du kannst anfangen, sobald wir gegangen sind, in Ordnung? Oh, und wenn du sie findest, bringe sie zu mir, nicht zu ihm. Du kannst sie auf mein Bett legen.“
Dann drehte er sich um, entzündete seinen Zauberstab und kam hinaus zu Draco auf die andere Seite des Bildes, das er hinter sich schloss.
„Wer ist ?er'?“ fragte Draco gereizt und entzündete ebenfalls seinen Zauberstab.
Harry zuckte die Achseln. „Niemand.“
Aber Draco drängte weiter. „Wohin soll Dobby gehen?“
„Nirgends.“
„Was ist ?sie'?“
„Nichts.“
„Mistkerl“, sagte Draco verbindlich, als sie die Stufen zum Eingangsflur hinaufstiegen.
„Nicht nötig, mich mit Dankbarkeit zu überschütten.“
„Wieso, in Merlins Namen, sollte ich das tun?“
„Abwarten und Tee trinken“, gab Harry rätselhaft zurück.
Sie näherten sich der Treppe, die in die Gewölbe hinunterführte und Draco blieb stehen.
„Tschüss, Potter“, sagte er. Irgendwo tief in sich fühlte er Enttäuschung, dass er nun in seinen Gemeinschaftsraum zurückkehren musste. Er hatte es tatsächlich genossen, mit Harry in der Schule herumzuschleichen.
„Du willst schon gehen?“ fragte Harry überrascht und verletzt zugleich.
Draco blinzelte. „Was sollte ich denn sonst tun?“
Nun wirkte Harry verlegen. „Äh… Ich dachte, wir könnten rausgehen oder so. Oder du könntest mit mir hoch zum Gryffindorturm kommen. Von dort aus kannst du auch die Sterne sehen.“
Draco war wie vor den Kopf geschlagen. „Potter, bitte sag mir, dass du mich nicht um ein Rendezvous bittest.“
„Nein!“ rief Harry sofort aus, die Augen so entsetzt geweitet, dass sie beinah die Größe von Untertassen erreichten. „Ich bin… Es ist nur so, dass ich im Moment allein in meinem Schlafraum bin und es ist nicht sehr einladend. Es ist das erste Mal seit einer ganzen Weile, dass ich von Ron, Hermine und Ginny getrennt bin und du scheinst nicht übermäßig wild darauf zu sein, zurück zu deinen Hausgenossen zu kommen und so… weißt du…“
Er verstummte, wohl weil ihm auffiel, dass er Unsinn redete. Er drückte die Handflächen gegen seine Stirn und murmelte: „Du liebe Zeit, was erzähle ich da… Sorry, das war wirklich verrückt - ich wollte nicht -“
Aber Draco kicherte. Irgendwie mochte er diesen nervösen, stammelnden Harry. Es war selten, dass man den Lieblingsgryffindor der Schule so aus der Ruhe gebracht sah und Draco fand ihn seltsam liebenswert - selbstverständlich nur auf eine „He, schau mal, Potter ist gar nicht perfekt“-Art.
„Sicher“, sagte Draco lässig. Und fügte schnell hinzu: „Alles ist besser als ein besoffener Theodor Nott, sogar du.“
„Ich fühle mich geschmeichelt“, sagte Harry. Aber er wirkte erleichtert, dass Draco nach seinem Vorschlag nicht schreiend davongerannt war. „Also, hm, wo möchtest du hingehen?“
„Gryffindorturm klingt gut“, antwortete Draco und warf Harry ein gewinnendes Lächeln zu. „Auf diese Art finde ich heraus, wie ich hineinkomme und mich in der Löwengrube zurechtfinde, wenn ich mich das nächste Mal entscheide, für meine üblen Pläne ein paar Gryffindors zu entführen.“
„Ja, klar“, spöttelte Harry, als er Seite an Seite mit Draco zur Haupttreppe ging. Trotzdem wirkte er nun leicht besorgt, als ob er Dracos Worten zumindest ein wenig Glauben schenkte.
„Meine Güte, ich habe nicht wirklich vor, in euren Gemeinschaftsraum einzubrechen, Potter“, sagte Draco schließlich genervt, als er Harrys Zögern bemerkte. „Was, zum Teufel, sollte ich wohl mit einem entführten Gryffindor?“
„Ihn deinen Hausgenossen ausliefern?“
„Wir haben schon Hauselfen - ich dachte, du wüsstest das.“
Harry runzelte die Stirn über Dracos freche Antwort. „Wieso hasst ihr uns Gryffindors so sehr?“
Etwas aus der Fassung gebracht durch die plötzliche Veränderung in ihrem oberflächlichen Geplänkel schoss Draco zurück: „Wieso hasst ihr uns Slytherins so sehr?“
Harry blieb stehen und starrte Draco eine Weile an. Seine Augen wirkten groß und waren voller - was war es nur - vielleicht Bedauern? „Wir wissen wirklich nicht gerade viel übereinander, nicht wahr?“ fragte er leise.
„Was erwartest du? Wir waren zu sehr mit unserem eigenen Leben beschäftigt, um uns auch noch um das von anderen zu kümmern.“
„Dann lass es uns wenigstens jetzt tun.“
Draco musterte Harry vorsichtig. „Was tun?“
Harry deutete auf die Marmortreppe, an deren Fuß sie standen. „Wir können uns hierher setzen und uns gegenseitig kennenlernen.“
„Du bist verrückt“, sagte Draco flach und stieg die ersten beiden Stufen hinauf. Er sah sich um. Harry stand noch immer am Fuß der Treppe und blickte ihn erwartungsvoll an. Draco seufzte. „Genau hier?“
Harry grinste. „Ja.“
„Jemand könnte uns sehen“, stellte Draco fest und versuchte, sich das erstaunte Gesicht eines zufällig vorbeikommenden Bewohners von Hogwarts vorzustellen, der Harry Potter und Draco Malfoy nebeneinander auf der breiten Marmortreppe sitzen sah, wie sie sich freundschaftlich über ihre jeweilige Vergangenheit unterhielten. Na, das war doch eine verlockende Aussicht.
„Aus irgendeinem unerfindlichen Grund halte ich es für recht unwahrscheinlich, dass nachts um drei noch jemand anderes durch die Gänge wandert“, sagte Harry.
„Auch wieder wahr“, sagte Draco nachdenklich. Ach, verdammt, tu es einfach, Malfoy. „Na gut“, sagte er, ließ sich auf der dritten Stufe nieder und lehnte sich gegen das Geländer. Die Kälte des Marmors drang durch seinen dünnen Pyjama und er verzog das Gesicht.
„Hermine wird ihren Ohren nicht trauen, wenn ich ihr davon erzähle“, lachte Harry, setzte sich auf die erste Stufe, lehnte den Ellbogen auf die zweite und beugte sich nach vorn.
„Wenn du zu dem Schlammblut auch nur ein Wort von mir wiederholst, bist du tot“, drohte Draco. Er befingerte seinen Zauberstab und dachte über den besten Weg nach, Harry daran zu hindern, seinen Freunden irgendetwas zu erzählen. Ein Erinnerungszauber? Nein, er war fast sicher, dass das einer der Sprüche war, die McGonagall gesperrt hatte. Ganz zu schweigen davon, dass er sich schuldig fühlen würde - jawohl, schuldig, dachte er und schloss die Augen - wenn er Harrys Erinnerung an diese Nacht auslöschen und seine eigene behalten würde.
„Sie heißt Hermine“, sagte Harry kalt. „Es wäre nett von dir, wenn du dieses Wort nicht in meiner Gegenwart benutzen würdest. Sie ist meine Freundin, falls du es noch nicht bemerkt haben solltest.“
„Wie auch immer“, sagte Draco. Es war unglaublich, dass von allem, was er gesagt hatte, „Schlammblut“ offenbar das einzige war, was Harry wirklich wütend machte. „Also, wie hast du dir das Ganze vorgestellt?“
„Muss bei dir alles auf eine bestimmte Art funktionieren?“ Harrys Stimmung war nach Dracos hingeworfener Bemerkung entschieden schlechter geworden. „Können wir uns nicht einfach ganz normal unterhalten?“
„Nein“, antwortete Draco einfach. „Wir sind schließlich nicht normal. Du bist Der-Junge-Der-Lebt und ich bin ein Todesser. Und ?einfach ganz normal unterhalten' ist etwas, das Freunde tun. Wir sind keine Freunde.“
Harry seufzte. „Für dich ist immer alles ganz einfach.“
„Für mich ist immer alles ganz einfach?!“ platzte Draco aufgebracht heraus. Er nahm Harrys Bemerkung als Beleidigung. „Für dich ist immer alles ganz einfach! In einem Moment kannst du ein selbstmordgefährdeter Schwachkopf sein und im nächsten ein ganz normaler, siebzehnjähriger Heranwachsender und jeder macht es mit. Ich habe nicht den Eindruck, dass du auch nur die leichteste Vorstellung hast, wie viel Glück du hast, dass dein Leben so wunderbar schwarz und weiß ist.“
„Ach, halt die Klappe, Malfoy“, antwortete Harry und verbarg ein Gähnen hinter seiner Handfläche. „Wirst du es denn nie leid, auf mich zu schimpfen? Ich habe damit nur gemeint, dass du anscheinend glücklich weiter unter dem Eindruck lebst, dass sich nichts zwischen uns verändert hat, obwohl sich in Wirklichkeit eine ganze Menge verändert hat.“
„Was meinst du damit?“ wollte Draco wissen.
Harry schaute weg, zum zweiten Mal in dieser Nacht wirkte er aus der Ruhe gebracht. Draco wartete auf die übliche „Wir könne uns vielleicht nicht ausstehen, aber wir sind auch keine Feinde“-Rede, aber sie kam nicht. Stattdessen schüttelte Harry nur den Kopf und murmelte: „Vergiss es. Du würdest es eh nicht verstehen.“
Draco wurde sauer. Woher wollte Harry wissen, was Draco verstand oder auch nicht? Aber anstatt das Thema weiter zu verfolgen, sagte er nur knapp: „Wenn du meinst.“
Für einige Minuten saßen sie einfach nur in angespannter Stille. Irgendwie hatte sich die Atmosphäre zwischen ihnen verändert, sie knisterte nun vor Spannung und Draco war sich dessen nur allzu bewusst. Dann sagte Harry, mit immer noch niedergeschlagenen Augen: „Wenn du möchtest, könnten wir eine Art Spiel daraus machen.“
„Ein Spiel?“ wiederholte Draco zweifelnd. „Meinst du nicht, dass wir für sowas ein bisschen zu alt sind, Potter?“
„Du hast gefragt, wie ich es mir vorstelle und ich habe es dir gesagt“, antwortete Harry ein wenig gereizt. „Was sagst du dazu: Ich stelle dir eine Frage und du antwortest. Dann stellst du eine Frage und ich antworte. Wir wechseln uns ab - immer eine Frage pro Runde.“
„Wie du meinst“, sagte Draco wieder, er wollte endlich vorankommen. Er hatte das Gefühl, dass sein Hintern dauerhaft an der Marmorstufe fest frieren würde, wenn er zu lange darauf sitzen blieb.
„Prima“, sagte Harry und sein heiterer Tonfall sorgte dafür, dass sich ein Teil von Dracos schlechter Laune verflüchtigte. Auch Draco fand die Idee dieses Spiels entschieden gut, denn wenn alles gut ging, konnte er vielleicht die Wahrheit über den Kampf mit Voldemort aus dem anderen herauskitzeln.
„Beantworte die Frage, die ich vorhin gestellt habe“, begann Draco das Spiel. „Wieso hasst du die Slytherins?“
Harry biss sich auf die Lippe. Als er schließlich sprach, tat er es in einem sorgfältig kontrollierten Ton. „Ich hasse nicht die Slytherins. Ich hasse manche Slytherins. Ich habe Voldemort gehasst - und tue es immer noch - weil er so viel Schrecken verursacht hat. Ich habe Snape gehasst, dafür, wie er meine Freunde behandelt hat und weil ich dachte, er sei ein Verräter. Aber das hat sich geändert, nachdem ich herausgefunden hatte, dass es nicht stimmte. Und ich habe dich… gehasst.“
Draco war erst überrascht und dann verärgert über den Schmerz, den er einen Augenblick lang verspürte, als er Harrys Geständnis hörte. Er hatte immer gewusst, dass Harry ihn ebenso sehr hasste wie er ihn. Warum störte es ihn nun plötzlich?
„Oh, schau nicht so unglücklich drein, Potter“, spottete er, als er Harrys beunruhigtes Gesicht sah. „Das wusste ich doch ohnehin schon. Du hattest gute Gründe, den Dunklen Lord und Snape zu hassen… was war dein Grund, mich zu hassen?“
Harry ignorierte Dracos Nachbohren und sagte: „Ich bin dran.“ Draco blickte ungehalten, aber Harry blieb fest. „Eine Frage pro Runde.“
Draco biss die Zähne zusammen. „Na ja, es sollte ja wohl offensichtlich sein, warum ich Gryffindors hasse. Sie sind nicht -“
Harry hob die Hand und unterbrach Draco mitten in seiner Antwort. „Das wollte ich nicht mehr fragen. Ich habe beschlossen, lieber ein bisschen mehr über deinen persönlichen Hintergrund herauszufinden als über deine Vorurteile.“
Draco wand sich ein wenig an seinem Platz, als sich bei der Vorstellung, Fragen über sein persönliches Leben zu beantworten, instinktiv Unbehagen in seinem Bauch breit machte. Keine Sorge…ich kann immer noch lügen, wenn es etwas ist, auf das ich nicht antworten möchte… erinnerte er sich selbst und versuchte, sich zu entspannen und seine Maske kühler Gefasstheit aufrechtzuerhalten.
Es trat eine Pause ein, während der Harry Draco erwartungsvoll anblickte, als ob er darauf warten würde, dass Draco etwas sagte. Draco bewahrte trotziges Schweigen. Schließlich zuckte Harry mit den Schultern und fragte: „Was isst du am liebsten zum Frühstück?“
Draco ließ erleichtert die Schultern fallen. „Das ist alles?“
„Außer du möchtest, dass ich dich etwas Persönlicheres frage?“ erwiderte Harry ruhig. Er hatte einen intensiven, forschenden Blick aufgesetzt, den Draco ganz und gar nicht mochte.
„Wieso ist das interessant?“
„Nun, wenn ich dich über die Ferien am Hals habe, kann ich genauso gut herausfinden, was du gerne isst“, verteidigte sich Harry.
„Ich habe kein Lieblingsessen.“
Harry sah aus, als hätte er noch nie etwas so Schockierendes gehört. „Nein?“
Draco zuckte zurückhaltend die Achseln. „Ich esse, was immer an Essbarem da ist.“
„Aber du frühstückst ja kaum etwas! Das heißt, wenn du überhaupt zum Frühstück kommst…“
Draco musterte Harry genau. „Erzähl mir nicht, dass du mich beim Essen beobachtest.“
Harry schüttelte den Kopf etwas zu schnell. „Nein, es ist mir nur… aufgefallen“, stammelte er.
„Nun, wenn du es unbedingt wissen musst, das Essen in Hogwarts ist nicht, was ich gewohnt bin“, log Draco mit einem hochmütigen Unterton in der Stimme. Das war nicht wahr, es war eher die Gesellschaft am Frühstückstisch, die er nicht mochte, weshalb er regelmäßig den Hauself, der sein Zimmer reinigte, bat, ihm Essen aus der Küche mitzubringen.
„Vor einer halben Stunde hast du dich nicht beschwert“, knurrte Harry. „Bist du deshalb so dünn? Du isst nichts?“
„Ich esse sehr wohl, vielen Dank auch. Und ich bin nicht dünn, aber ich weiß deine Sorge um mein Gewicht zu schätzen.“
„Ich möchte nur sicher gehen, dass du dich nicht zu Tode hungerst“, sagte Harry zurückhaltend.
Sofort begann eine Stimme in Dracos Kopf begeistert zu krähen Potter macht sich Sorgen um mich! Er macht sich wirklich Sorgen um mich! Draco entschied, dass es dieses eine Mal akzeptabel war, Harry die abfällige Bemerkung zu ersparen, die ihm auf der Zunge lag und wechselte das Thema. Er fragte ernsthaft: „Nächste Frage. Mit wem würdest du eher ausgehen - Weasley oder Granger?“
Harry wurde dunkelrot. „WAS?!“ quiekte er geradezu.
Draco legte ihm fest eine Hand über den Mund und zischte: „Sei leise, Potter, außer du willst, dass sämtliche Bewohner des Schlosses angerannt kommen!“
Harry schob Dracos Hand weg uns sagte in leiserem Ton: „Bist du durchgeknallt? Ich würde mit keinem von beiden ausgehen wollen.“
„Na gut“, antwortete Draco, der mit dieser Antwort einigermaßen zufrieden war. „Wen von beiden magst du lieber?“ Nachdem ihn Harry immer noch mit großen Augen anstarrte, sagte er ungeduldig: „Auf platonische Art, du Depp.“
Zu Dracos Bestürzung machte dieses Zugeständnis die Sache noch schlimmer. Harry starrte ihn anklagend an und sagte kalt: „Ich würde niemals zwischen beiden wählen, also kannst du genauso gut aufhören, mich dazu bringen zu wollen, Malfoy.“
Draco hob hastig die Hände. „Ist ja gut, wie auch immer, Potter. Ich war nur neugierig. Nicht nötig durchzudrehen.“
Aber es war offensichtlich, dass Dracos unschuldige Frage Harry wieder in die unangenehme Stimmung von vorher getrieben hatte und dass er dafür bezahlen würde, dass er nicht rechtzeitig erkannt hatte, dass Gryffindors etwas so heuchlerisches, wie zwischen ihren beiden besten Freunden wählen, nicht taten.
Und tatsächlich bestätigte Harrys nächste Frage Dracos Befürchtungen. „Warum hast du mich in der Nacht als ich Bellatrix getötet habe, nicht verraten, als du mich gesehen hast?“
Draco zuckte zusammen. Er hatte auf diese Frage gewartet, hatte unbewusst eine passende Antwort vorbereitet seit ihn Harry in Hogsmeade gefragt hatte. Dort hatte er es geschafft, dem Verhör zu entgehen, aber nun…
„Ich wusste, dass du da warst“, hob er mit gedämpfter Stimme an zu sprechen, senkte die Augen und hielt sie auf seine nun in seinem Schoß gefalteten Hände gerichtet, „schon bevor du deinen Tarnumhang losgelassen hast. Meine Tante hatte mich beauftragt, den Alarmschild aufrecht zu erhalten, den sie um uns gelegt hatte. Sie wusste, dass eure Leute gerne mit diesen Umhängen umherschlichen. Sie befahl mir, Wache zu halten, als wir anhielten, um die Weasleys umzubringen. Sie wurden zu lästig und bevor wir gingen, hatte uns der Dunkle Lord angewiesen, alle zu beseitigen, die uns eventuell aufhielten.“
Außer einem leichten Zucken um den Kiefer blieb Harry still. Es gab kein Anzeichen, dass ihn dieser Teil von Dracos Geständnis irgendwie bewegte.
„Wir waren gerade fünf Minuten da gewesen, als ich dich näher kommen sah. Ich wollte gerade meiner Tante Bescheid geben, als ich bemerkte, dass du allein warst. Ich muss zugeben, ich war neugierig, wieso du allein und ohne Verstärkung da draußen unterwegs warst und beschloss, vorerst still zu sein.“
An dieser Stelle zögerte Draco, als zufällige Details dieser Szene an seinem inneren Auge vorbeizogen, so klar und lebhaft, dass sie beinah greifbar schienen. Draco konnte fast den Kampf riechen, der auf der anderen Seite des Waldes tobte, konnte fast die Vorfreude der anderen Todesser schmecken, die in der dicken, nach Schweiß riechenden Luft pulsierte wie langsame, elektrische Wellen.
Er hob die Augen und fand, dass das Paar überraschend grüner Augen, in das er sah, nicht dem Harry Potter gehörte, mit dem er gerade vor einer Minute noch hier gesessen hatte, sondern dem Harry Potter, dem er in jener Nacht, bevor der Krieg endete, in die Augen gestarrt hatte.
„Und dann hast du…“, Dracos Stimme zitterte ganz leicht und er blinzelte, um das geisterhafte Schlachtfeld, das er irgendwie um sich herum beschworen hatte, wieder loszuwerden. „Und dann hast du deinen Tarnumhang fallen lassen und wir haben uns geradewegs angesehen. Und in diesem Moment war mir absolut klar, dass wir am Ende wären, wenn wir dir einen Grund geben würden anzugreifen. Allein der Blick in deinen Augen… Ich kann es nicht einmal wirklich beschreiben, Potter. Sagen wir einfach, ich habe einige ziemlich schreckliche Dinge gesehen, aber nichts war vergleichbar mit der Wut in deinen Augen in jener Nacht. Zum ersten Mal in meinem Leben verstand ich, wieso du der einzige warst, der den Dunklen Lord besiegen konnte.
Ich wusste aus Erfahrung, dass du nicht fähig sein würdest, deine Magie richtig zu kanalisieren und zu kontrollieren, wenn deine Emotionen verrückt spielten und deshalb konnte ich den anderen nicht sagen, dass du da warst. Ich dachte, wenn ich dich in Ruhe lassen würde… Aber dann hat Tante Bellatrix…“
Dracos Atemzug machte ein zischendes Geräusch, als er durch seine zusammengepressten Zähne entwich. „So, das war die Geschichte, Potter“, sagte er bitter. Nachdem er alles erzählt hatte, fühlte er sich seltsam leer. Es war, als sei das Geheimnis seiner Motive dafür, Harry Potter vor dem Zorn einer Truppe Todesser zu retten, das einzige gewesen, was ihn in den letzten Monaten aufrecht gehalten hatte und nun, da er darüber gesprochen hatte, schien es ihm, als hätte er einen wirklich wichtigen Teil seiner selbst verloren.
„Du hast es also wirklich nur aus Eigennutz getan?“ fragte Harry nach einer kurzen Pause.
„Na ja, auf jeden Fall ganz sicher nicht für dich.“
Harry starrte Draco einen langen Moment an und brach plötzlich in schallendes Gelächter aus. Sein Lachen hallte in dem leeren, marmornen Treppenhaus wider und löste bei den Bildern, die überall hingen, gedämpfte Proteste aus.
„Malfoy, du bist so ein egozentrischer Slytherin“, sagte Harry, nachdem er sich wieder beruhigt hatte und schüttelte den Kopf. „Da dachte ich, du hättest einen unglaublich wichtigen Grund dafür, mich zu verschonen, dabei war der wirkliche Grund, dass du Angst um dein eigenes Leben hattest.“
„Ich bin kein Feigling“, schnappte Draco unnötigerweise.
„Nein, das habe ich auch nicht gesagt“, stimmte ihm Harry zu. Er schob sich zwei Stufen nach oben und ließ sich neben Draco auf die dritte Stufe fallen. Viel leiser sagte er schließlich: „Das ist das erste Mal, dass ich dich über den Krieg reden gehört habe.“
„Stimmt“, sagte Draco, ebenfalls gedämpft, wenn auch nicht so leise wie Harry. Ein leichter Schauer überlief ihn und er genoss es wie die von Harry ausstrahlende, kaum spürbare Körperwärme die ansonsten kalte Treppe zu erwärmen schien.
„Ist es das, warum du nicht -“ Harry unterbrach sich und runzelte die Stirn, als ob er darüber nachdachte, ob er wirklich sagen sollte, was er im Sinn hatte. Dann räusperte sich und berichtigte sich: „Willst du überhaupt noch weiter spielen?“
Draco verdrehte die Augen und sagte wahrheitsgemäß: „Nein. Falls du es noch nicht bemerkt hast, Potter, ich erfriere gerade.“ Zum Beweis streckte er seine steifgefrorenen Finger aus.
Harry griff nach einer von Dracos Händen, eine unschuldige Geste, die aber dennoch Dracos Pulsschlag in gefährlicher Weise beschleunigte. „Ich kann dir einen Wärmeball beschwören, wenn du möchtest“, bot Harry ihm an, hob seinen Zauberstab und presste die Spitze auf Dracos Handfläche.
„N-nein“ stammelte Draco und widerstand dem instinktiven Drang, seine Finger um Harrys Hand zu schließen. „Mir wäre es lieber, wenn meine Finger alle heil blieben, vielen Dank auch.“
Harry stieß seinen Zauberstab kurz gegen Dracos Handfläche und blickte finster drein. „So schlecht bin ich gar nicht in Zauberei, Malfoy“, sagte er starrköpfig, aber ließ Dracos Hand los und steckte seinen Zauberstab wieder weg.
„Wirklich? Ich schätze, die Ratte, die du für deinen Zauberkunde-ZAG orange färben solltest, würde etwas anderes sagen“, gab Draco zurück, enorm erleichtert, dass jeglicher Körperkontakt zwischen Harry und ihm erst einmal beendet war.
„Sagt der Typ, der sich nicht einmal durch einen Schwebezauber wutschen und wedeln konnte“, wehrte sich Harry.
„Ich war abgelenkt!“
„Durch was? Meine Ankunft?“
Eigentlich schon, ja, war Dracos stumme Antwort. Aber er schüttelte nur den Kopf und sagte: „Du hast gehört, was du hören wolltest. Bin ich jetzt dran?“
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Harry betrachtete Draco besorgt. Er hatte natürlich recht. Harry hatte alles gehört, was er hören wollte. Draco hatte gestanden, wieso er Harry in jener Nacht hatte davonkommen lassen, also war es nur fair, dass Harry ihm den Gefallen vergalt, indem er ihm etwas erzählte, das Draco unbedingt wissen wollte.
„Na gut“, sagte Harry. Er riss sich zusammen. Er zweifelte nicht daran, dass Draco ihm mit einer entsprechend hart zu beantwortenden Frage kommen würde, nachdem er Harrys Frage beantwortet hatte. So war es schon immer zwischen ihnen gewesen: Einer von ihnen würde den Einsatz erhöhen, der andere würde nachziehen und ihn - wenn möglich - gar übertrumpfen. Keiner von beiden würde je einen Waffenstillstand eingehen oder sich gar zurückziehen, alles war ein endloser Wettkampf. Freunde oder Feinde, Harry und Draco würden immer Rivalen sein.
Aber es schien nicht, als ob Draco seine nächste Frage als eine Art Rache stellte. Ehrliche Neugier klang durch, als er wissen wollte: „Was ist in der Nacht geschehen, in der du den Dunklen Lord besiegt hast?“
Harrys Unterkiefer fiel herab. „Was?“
„Du weißt, was ich meine. Wie hast du es getan?“
Harry schluckte. „Das kann ich dir nicht erzählen. Ich habe - noch nicht einmal meine Freunde wissen davon. Ich habe es niemandem erzählt. Du würdest es ohnehin nicht verstehen.“
Es war die falsche Antwort. Dracos Kiefer verkrampfte sich vor Ärger, er beugte sich zu Harry, die Augen blitzendes Silber und sein Mund zornig verzogen. „Würde ich nicht verstehen? Würde ich nicht verstehen? Ich habe dem Dunklen Lord gedient, Potter. Ich habe für ihn geblutet, für ihn gefoltert, für ihn getötet. Ich weiß wie es ist, vor ihm auf dem Boden zu liegen, um Gnade zu flehen, zu wünschen, ich könnte einfach davongehen und alles hinter mir lassen, aber zu wissen, dass das unmöglich ist, dass ich bleiben und es ertragen muss - für andere und mich selbst. Und du denkst, deine armseligen Gryffindorfreunde würden besser verstehen als ich, wie sich das anfühlt?“
Harry wandte die Augen ab. Dracos Gesicht war so nah, dass sich ihre Münder berühren würden, würde er sein Kinn auch nur den Bruchteil eines Zentimeters heben. „Malfoy - das meinte ich nicht…“, hauchte er, fast ohne die Lippen zu bewegen.
Draco zog sich abrupt zurück. „Ich denke, ich gehe ins Bett“, sagte er mit einer Stimme, die nichts verriet.
„Ja, ich auch“, sagte Harry, über den eine Welle von Erleichterung hereinbrach, die ihn schwindlig machte, als er wieder zur Vernunft kam. „Komm, ich bring dich zurück.“
Ausnahmsweise beschwerte sich Draco nicht darüber, dass Harry ihn beschützte. Er stützte sich ab, um auf die Füße zu kommen und als er sich aufrichtete, öffnete sich sein Umhang und enthüllte kurz straffe Muskeln, die sich geschmeidig unter blasser Haut bewegten. Harrys Augen wurden zu Dracos nackter Brust gezogen und zu dem Wort „VERRÄTER“, das dort in weißen, seilähnlichen Narben geschrieben stand. Der Anblick sandte einen gleichermaßen angenehmen und unangenehmen Schauer sein Rückgrat hinunter und er blickte schnell weg. Zornig dachte er Dafür werde ich dich umbringen, Nott.
Der Weg in die Gewölbe war nur kurz. An dem Stück nackte Wand, hinter dem sich der Slytherin-Gemeinschaftsraum verbarg, hielten sie an.
Harry ging nicht gleich. Er hatte immer noch eine dringende Frage, die er beantwortet haben wollte. In der Hoffnung, dass Draco nicht zornig werden würde, fragte er: „Hast du Angst vor dem, was geschehen wird?“
Draco warf Harry über seine Schulter einen Blick zu. „Du hast meine Frage noch nicht beantwortet, Potter“, sagte er mit monotoner Stimme. „Wenn du es tust, beantworte ich deine. Gute Nacht.“
Harry seufzte und ging davon. Ich schätze, es ist nur fair, dachte er, leicht verstimmt, obgleich er diese Reaktion erwartet hatte.
Als er schließlich wieder in seinen leeren Schlafraum zurückkam, kickte er die Schuhe aus, ließ sich auf sein Bett fallen und vergrub sich unter den Decken. Sofort war er in Wärme eingehüllt, die Hauselfen waren wieder einmal so aufmerksam gewesen und hatten ihm das Bett vorgewärmt.
Harry legte einen Arm über die Stirn und seufzte. Ob es stimmte, was Draco erzählt hatte? Hatte er wirklich Harrys Leben gerettet, um sich selbst zu schützen? Wenn das tatsächlich der Grund war, dann ergab es einen Sinn, dass Draco nie erwähnt hatte, dass Harrys Einmischung in seinen Prozess höchstwahrscheinlich diese Lebensschuld, die er Draco gegenüber von jener Nacht hatte, aufhob. Nicht einmal Draco, so listig und manipulativ er sein mochte, würde Harry zu irgendetwas verpflichten, wenn er ihn tatsächlich nur hatte gehen lassen, um sich und die anderen Todesser zu retten - zumindest war Harry dieser Meinung.
Trotzdem begann Harry die erste Ahnung von etwas bisher völlig Fremdem zu fühlen: Ein Gefühl der Schuld gegenüber Draco. Schließlich hatte Draco in jener Nacht sein Leben gerettet und er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass die Schuld, in der Draco nun ihm gegenüber stand, diejenige auslöschte, die er Draco gegenüber zu fühlen begann. Tatsächlich war Harry mittlerweile sicher, dass er Draco absolut nichts Gutes damit getan hatte, ihn zu zwingen, zurück nach Hogwarts zu kommen und unter Menschen zu leben, die ihn hassten. Es war vor allem diese Tatsache, die Harrys Schuldgefühle verstärkte.
Harry seufzte wieder. Es war alles so verwirrend, besonders, da sein Wissen über das Phänomen der Lebensschuld äußerst beschränkt war. Alles, was er darüber wusste, hatte er in der kurzen Diskussion mit Dumbledore in der dritten Klasse erfahren. Er würde Hermine um mehr Informationen bitten müssen, sobald er zum Hauptquartier kam.
Aber jetzt war Harry zu müde, um weiter über das Thema nachzudenken. Als ihn angenehme Schläfrigkeit überkam, fragte er sich verschwommen, ob die Betten der Slytherins wohl genauso kuschlig und warm waren wie sein eigenes. Er stellte sich vor, dass ihre Schlafräume viel weniger gemütlich sein mussten, da sie sich doch in den kalten, zugigen Gewölben befanden, und empfand ein kurzes Aufflackern von Mitgefühl für Draco.
Eines Tages muss ich ihn einladen, hier oben zu schlafen…war der letzte klare Gedanke, der Harry durch den Kopf ging, bevor er in den ersten traumlosen Schlaf seit mehreren Wochen sank.
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