
von Lapis
A.N.: Schneller als gedacht, das neue Kapitel… Es kommen tatsächlich einige kürzere und da es die Weihnachtskapitel sind, möchte ich die auch gern zu dieser Jahreszeit on stellen.
Danke, liebe Reviewer Cura und Niobe87 - schön, dass sich mal andere Leute melden! Niobe, ich erinnere mich, du hast ja auch schon einige Kommentare hinterlassen. Und nein, das kann mir nicht passieren, dass ich mich an „Dray“ gewöhne - ich weigere mich schlicht und ergreifend, entsprechende Fics zu lesen ;-)! (Soll heißen, beim ersten „Dray“ haue ich auf den Backbutton… Und „Herm“ klingt wirklich seeeeeehr seltsam…)
Und ja, Draco würde sich eher die Zunge abbeißen als irgendwas zugeben und Harry ist eh blind… *pfeif*
Betagelesen nur von mir selbst, da meine Beta gerade Arbeiten schreibt. Falls ihr offensichtliche Fehler findet, dürft ihr mir gern Bescheid geben.
Then you came around me
The walls just disappeared
Nothing to surround me
Keep me from my fears
I'm unprotected
See how I've opened up
You've made me trust
- Avril Lavigne, “Naked”
Kapitel 14: Ein Besuch
Harry verbrachte den Abend damit, einen Brief an Hermine zu schreiben. Darin erklärte er die Sache mit Malfoy, warum es praktisch unmöglich war, die Planung zu ändern und bat sie, sich für Ron eine Ausrede für seine Abwesenheit einfallen zu lassen. Er beendete den Brief mit Worten tiefen Bedauerns - obwohl die geschriebenen Worte nicht einmal entfernt sein wirkliches Bedauern darüber ausdrücken konnten, dass er Weihnachten nicht mit seinen Freunden verbringen konnte - und mit dem Versprechen, am zweiten Weihnachtsfeiertag nachzukommen. Nach minutenlangem Zögern fügte er hinzu: P.S.- Sag Ginny liebe Grüße von mir.
In dieser Nacht schlief er unruhig. In seinen Albträumen tauchte zwar zum Glück nicht Voldemorts kaltes Lachen und blutleeres Gesicht auf, aber ihr neuer Schwerpunkt war nicht viel besser - denn in dieser Nacht träumte Harry zum ersten Mal von Dracos Prozess, aber es war nicht der gleiche Prozess, bei dem Harry dabei gewesen war. In seinem Traum stand er zusammen mit Draco vor Gericht und anstelle einer Reihe Mitglieder des Zaubergamots mit strengen Gesichtern bestanden die Geschworenen aus Dementoren und verurteilten Todessern. Jedes Mal, wenn Harry laut seine Unschuld beteuerte, zogen sich die Ketten um seine Arme fester und sorgten dafür, dass er nur voller Entsetzen zusehen konnte, wie zwei Dementoren von den Sitzbänken herabschwebten und einen sich heftig wehrenden Draco aus dem Gerichtssaal schleppten.
An dieser Stelle endete der Traum plötzlich und Harry fiel wieder in einen unruhigen Schlaf. Als er am nächsten Morgen erwachte, war ihm seltsam kalt, als ob er schon in der Nähe der Wachen von Askaban gewesen sei, von denen er gerade geträumt hatte und die er später sehen würde.
Harry gähnte und glitt aus dem Bett. Er zog ein paar alte Jeans von Dudley an - sie waren ihm einmal viel zu weit um die Taille gewesen, aber Hermine hatte netterweise den Bund für ihn geschrumpft - sowie einen dicken Pullover. Harry prüfte noch einmal nach, ob sein Zauberstab wirklich sicher in seiner hinteren Hosentasche verstaut war, griff nach dem Brief, den er am Abend zuvor geschrieben hatte, und machte sich auf den Weg zur Eulerei.
Nachdem er den Brief mit einer der Schuleulen losgeschickt hatte, ging Harry hinunter zu McGonagalls Büro. Als er dort ankam, stellte Harry fest, dass Draco - der zu Harrys Erstaunen unter seinem Umhang ungewöhnlich muggelmäßig in Jeans und Hemd gekleidet war - und McGonagall bereits da waren. Harry murmelte eine Entschuldigung für seine Verspätung und ließ sich neben Draco auf einen Stuhl fallen.
„Nun denn“, sagte McGonagall steif, „da sie sich entschieden haben, endlich aufzutauchen, Mr. Potter, kann es losgehen. Hier ist der Portschlüssel, der sie nach Askaban bringen wird.“ Sie deutete auf eine angeknackste Büste Godric Gryffindors, die neben ihrem Schreibtisch stand. „Er wird in vier Minuten aktiviert. Er wird Sie zum Besucherareal bringen, wo sie einen Angestellten treffen werden, der Sie zu Narcissa Malfoys Zelle begleiten wird.“
„Wunderbar, könnten wir dann bitte langsam mal?“, schnappte Draco. Er rutschte auf seinem Platz hin und her und knetete nervös den Saum seines Hemdes in den Fingern. „Zappeliges kleines Frettchen“, würde Hermine sagen - der Gedanke traf Harry aus heiterem Himmel, aber aus irgendeinem Grund fand er es nicht mehr witzig, schon gar nicht unter den gegebenen Umständen.
„Gut“, sagte McGonagall und erhob sich. „Ab mit Ihnen. Achten Sie darauf, nicht in Schwierigkeiten zu geraten.“ Sie starrte Harry, der so unschuldig dreinschaute, wie es ihm möglich war, vielsagend an. „Und Sie -“, ihr scharfer Blick wanderte zu Draco hinüber, „gehen bitte sicher, jederzeit in Potters Nähe zu sein. Sie dürfen nicht allein in Askaban herumstreichen.“
Draco gab keine Antwort auf diese Warnung. Tatsächlich wirkte er nun eher, als ob ihm übel werden würde, sobald er auch nur den Mund öffnete. Harry fühlte mit ihm, er wusste, wie schwierig es sein musste, wieder nach Askaban zurückzukehren, wenn man erst einmal entlassen war.
Die vier Minuten Wartezeit waren beinahe um und Harry verabschiedete sich von McGonagall und griff nach der Büste. Dabei traf seine Hand auf die Dracos und einen Augenblick lang fühlte er ein Ziehen im Bauch, das nichts mit dem Portschlüssel zu tun hatte, aber bevor er über die seltsame Empfindung nachdenken konnte, hob ihn ein unsichtbarer Haken hinter seinem Nabel in die Luft und Draco und er verschwanden in einem Wirbelwind aus Farben.
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Es dauerte nur Augenblicke, bis Harrys Füße auf hartem Boden landeten. Er stolperte, aber fing sich wieder und blickte sich um. Sie waren auf einer kleinen, heruntergekommenen Insel gelandet, die von einer unendlichen Weite aufgewühlten Wassers umgeben war. Alles um sie herum war grau - der Himmel, der Boden, das Wasser. Vor ihnen befand sich ein bedrohliches, schmiedeeisernes Gittertor, das einzige Zeichen, dass auf dieser eintönigen Erhebung von Sand und zerfallenden organischen Stoffen Leben existierte. Hinter dem Gittertor befand sich eine Mauer, die sich zu beiden Seiten kilometerweit zu erstrecken schien. Dies war Askaban.
Harry schauderte unwillkürlich, als er die vertraute Umgebung betrachtete. Er war öfter hier gewesen als er sich erinnern konnte und doch sandte der faulige Gestank von Verwesung, der bittere Geschmack von Irrsinn auf seinen Lippen und die erdrückende Stille, die schwer in der Luft hing, einen eisigen Stich von Furcht mitten in ihn hinein. Und die Erinnerungen… Die Erinnerungen an den Tod, wie er seine Kapuze fallen ließ, an entsetzliche Schmerzen, an Schwärze…
„Lass uns gehen“, flüsterte er. Er wollte den Besuch so schnell wie möglich hinter sich bringen.
Als Draco nicht antwortete, blickte Harry zu ihm hinüber. Was er sah, nahm ihm fast den Atem.
Wenn in Dracos Gesicht schon in McGonagalls Büro Angst gestanden hatte, war es nichts im Vergleich zu dem, wie offensichtlich er sich nun fürchtete. Draco bebte - er zitterte nicht nur ein wenig, er bebte von Kopf bis Fuß so heftig, dass seine Zähne klapperten. Noch schlimmer war der Ausdruck auf seinem Gesicht, das plötzlich den gleichen Farbton angenommen hatte wie der Himmel über ihnen. Jeder Zentimeter von Dracos Gesicht war zu einer Grimasse puren Grauens verzerrt. Sein Mund stand offen in einem stummen Schrei, als ob er unsichtbare Monster um sich herum wahrnähme und in seinen Augen stand die gleiche wilde, kreatürliche Furcht, die Harry einmal in den Augen einer Gazelle im Fernsehen gesehen hatte, bevor der Löwe, der sie jagte, sich auf sie stürzte.
„Draco“, sagte Harry beunruhigt und berührte seinen Arm.
Draco wandte ihm blicklose Augen zu. „Zwing mich nicht, da reinzugehen“, wimmerte er, völlig im Widerspruch zu seinem sonstigen Selbst.
Die Bitte zerriss Harrys Herz. Genau das gleiche hatte er von jedem einzelnen Todesser gehört, den er nach Askaban geschafft hatte, aber nie zuvor war er versucht gewesen, ihr nachzugeben. Aber gleichzeitig war ihm klar, dass Draco ihm nie verzeihen würde, wenn er nun nachgab und ihn zurück nach Hogwarts brachte, also biss er die Zähne zusammen und zog durch, was sie begonnen hatten.
„Es ist nur für eine kurze Weile“, sagte er beruhigend. „Du wolltest herkommen, weißt du nicht mehr? Um deine Mum zu besuchen?“ Es ermutigte Harry, dass Dracos graue Augen klarer wurden, als Harry seine Mutter erwähnte. „Auf, Malfoy. Tu es für sie. Es wird nicht lange dauern, okay? Ich… ich verspreche es.“
Dracos Hände ballten sich zu Fäusten, als wolle er den nötigen Mut herbeizwingen. Harry musste zugeben, dass er nicht verstand, was los war. In seinen Gedanken blitzte der Prozess auf, wo Draco eine so beneidenswerte Ruhe angesichts der Dementoren an seiner Seite bewahrt hatte. Was hatte sich zwischen damals und heute verändert?
Endlich antwortete Draco mit erschreckend schwacher Stimme: „Ja, okay.“
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Draco war einmal stolz darauf gewesen, in der Gegenwart der Dementoren mehr als nur ein wenig seiner Gelassenheit zu behalten („eine Fähigkeit, die der Dunkle Lord sehr schätzt“, hatte Tante Bella gesagt), aber nichts hätte ihn darauf vorbereiten können, ihnen nach zwei Monaten ohne ihre die Seele vergiftende Gesellschaft wieder gegenüber zu treten.
Sie waren überall. Als Draco Harry in das Innere des Gefängnisses folgte, hüllte ihn Stille wie eine Decke ein, rabenschwarz und beißend kalt, nur unterbrochen durch die rasselnden Atemzüge der Dementoren und einem gelegentlichen, trockenen, abgerissenen Schluchzen eines sterbenden Gefängnisinsassen. Auch wenn es ein Sicherheitsbeamter war, der sie begrüßte und zu Narcissas Zelle brachte, konnte Draco bei jedem Schritt in seinem ganzen Wesen die lauernde Präsenz der Dementoren fühlen. Er hatte keine Ahnung, was sich seit dem Prozess geändert hatte, aber er stellte fest, dass er unfähig war, die Verzweiflung, Hilflosigkeit und das Bedauern abzuwehren, die sich in ihm ausbreiteten.
Draco war immer noch zu beschämt wegen seiner Reaktion vor dem Gefängnis, als dass er Harry hätte in die Augen schauen können, also ging er absichtlich auf der anderen Seite des Beamten, obwohl ihm nichts lieber gewesen wäre, als Harry so nah wie möglich bei sich zu haben. Aber nein - er weigerte sich, Harry um Trost und Schutz zu bitten wie ein unnützer kleiner Hufflepuff, erst recht, da er im dritten Schuljahr Harry wegen seiner heftigen Reaktion auf die Dementoren so gründlich verspottet hatte.
„Wir sind da.“
Die mürrische Stimme der Wache drang durch Dracos Gedanken und ließ ihn innehalten. Er wandte langsam den Kopf, um in die Zelle zu blicken, vor der sie stehen geblieben waren und fühlte, wie sich der Nebel in seinem Kopf auf einen Schlag lichtete.
Narcissa Malfoy saß an der gegenüberliegenden Wand der Zelle, ihre dünne Gestalt war gegen die von den Dementoren verursachte Kälte zusammengekauert. Wo ihre Züge früher ihre vornehme Erziehung gezeigt hatten, hatte Askaban seinen Tribut gefordert. Ihre weiße, papierdünne Haut lag straff über den Schädelknochen und vermittelte den Eindruck eines vom Tod gezeichneten Menschen. Über ihren hohlen Wangen waren ihre Augen zwei tief liegende blaue Scheiben in ihrem eingefallenen Gesicht, umrahmt von schwarzen Schatten und einem Ausdruck, den Draco in einem Schauder düsterer Vorahnung als das erste Anzeichen von Irrsinn erkannte. Während seines kurzen Aufenthalts in Askaban hatte er ihn in den Augen etlicher Mitgefangenen entdecken können, aber ihn in den Augen seiner Mutter zu sehen, den Augen, die seinen eigenen so sehr glichen…
Draco gab jegliche Vorspiegelung von Gelassenheit auf, taumelte vorwärts und packte die Gitterstäbe der Zelle. „Mutter“, sagte er heiser.
Narcissa antwortete nicht gleich. Sie starrte Draco an, als würde sie durch ihn hindurch sehen und ein Ausdruck leichter Verwirrung zog ihre Mundwinkel nach unten.
„Ich bin es, Mutter“, sagte Draco. Hysterie ließ seine Stimme eine Oktave höher klingen. „Draco, dein Sohn. Ich bin gekommen, um dich zu besuchen.“
Dies ließ sie langsam blinzeln, aber es gab kein Anzeichen, dass sie ihn erkannt hätte. Draco wäre beinahe in Tränen ausgebrochen, aber es gelang ihm, sich so weit zu beherrschen, dass er sich zu dem Sicherheitsbeamten umdrehen und ihn mit nur leicht zitternder Stimme bitten konnte, die Zelle betreten zu dürfen.
Der Zauberer lächelte Draco höhnisch an und antwortete grob: „Sie müssen draußen bleiben. Der Boss sagt, Sie dürfen nich' rein.“
Draco fluchte unterdrückt und wünschte, er könne seinen Zauberstab hervorziehen und den Dummkopf verfluchen, aber leider, leider hatte McGonagall seinen Zauberstab konfisziert, bevor Harry und er gegangen waren, mit der Begründung, dass er ihn ohnehin nicht brauchen würde. Und dann mischte sich zu seiner Überraschung Harry ein.
„Sir“, sagte er in ruhigem und freundlichem Ton, „ich weiß, es ist gegen die Regeln hier und ich weiß auch, dass Malfoy es nicht verdient, dass für ihn Regeln missachtet werden, aber er ist wirklich fest entschlossen, seine Mum ein letztes Mal zu sehen, wissen Sie, und ich würde sehr in Ihrer Schuld stehen, wenn Sie ihn eine Weile hineinlassen könnten. Ich habe wirklich keine Lust, den ganzen Weg nach Hogwarts zurück seine schlechte Laune abzukriegen, wenn ihm sein Wunsch abgeschlagen wird. Ich versprechen Ihnen auch, ihn zu bewachen, ich weiß genauso gut wie Sie, dass man Leuten wie ihm nicht trauen kann.“
Draco schnaubte entrüstet über die Verachtung, mit der Harry seinen Familiennamen aussprach, aber hielt sich zurück. Er war ebenfalls Experte darin, Leute zu seinem Vorteil zu manipulieren und er verstand, was Harry gerade versuchte. Er riss die Augen lang genug von seiner armen Mutter los, um Harry dabei zu beobachten, wie er raffiniert alle Tricks benutzte, die Wache dazu zu bringen, dass Draco in die Zelle durfte.
„Oh, dann machen Sie es, wie Sie wollen“, sagte der Zauberer schließlich und tat, als sei er verärgert. Aber für Draco war es nicht zu übersehen, dass der Tölpel mehr als entzückt war über die Möglichkeit, Harry Potter einen Gefallen zu tun,
„Danke“, sagte Harry mit einem gewinnenden Lächeln. Nur Draco bemerkte, wie angestrengt es wirkte - offenbar war Draco nicht der einzige, dem die Dementoren zu schaffen machten, obwohl sich keine der Kreaturen in ihrer direkten Umgebung befand.
Der Zauberer zog einen Schlüsselbund hervor und schloss die Zellentür auf. Dann streckte er eine unsaubere Hand aus und knurrte Draco an: „Zauberstab?“
„Habe ich nicht dabei“, antwortete Draco eisig.
Der Zauberer wandte sich wieder an Harry. „Wenn dieser Dreckskerl irgendwelche Schwierigkeiten machen sollte, sagen Sie mir einfach Bescheid, Mr. Potter“, sagte er ölig, während die Aggression auf der Stelle aus seiner Stimme verschwand.
Harry antwortete mit einem kurzen Nicken. „Einen schönen Tag noch.“
Draco wartete, bis der Sicherheitsbeamte in dem dunklen Korridor verschwunden war, ehe er sich zu Harry umwandte und ihm dankbar zunickte.
Harry lächelte nur schwach. Nun, da sie beide allein waren, sah er nicht mehr so selbstsicher drein. Unter seinem schwarzen Schopf war seine Stirn bleich und Schweißperlen standen darauf. Er sah fast so furchtbar aus wie Draco sich fühlte.
Draco schluckte und wandte seine Aufmerksamkeit wieder seiner Mutter zu. Nachdem er die Zellentür ein wenig weiter geöffnet hatte, schlüpfte er durch den Spalt und ging zu Narcissa. Zitternd fiel er neben ihr auf die Knie und nahm ihre schmalen Hände in seine.
„Mutter“, sagte er noch einmal.
Endlich wandte sie sich seiner Stimme zu. Für einen kurzen Augenblick, in dem ihm fast das Herz stehen blieb, glaubte Draco Erkennen in den Tiefen ihrer Augen zu sehen, aber dann verschwand das Aufflackern wieder. Er fuhr fort.
„Es tut mir leid, Mutter. Ich habe versucht, dir zu schreiben, aber ich durfte dir nichts schicken. Als ich gehört habe, dass du verhaftet worden warst, musste ich mich gerade auf meinen Prozess vorbereiten. Ich habe ihnen gesagt, dass ich dich noch ein letztes Mal sehen möchte, weil ich so sicher war, dass ich zum Kuss verurteilt werden würde. Aber diese Bastarde vom Ministerium haben nein gesagt, sie wollten mich nicht in deine Nähe lassen, weil sie meinten uns beiden zusammen nicht trauen zu können. Stell dir das vor… die dachten, wenn sie uns fünf Minuten alleine ließen, würden wir einen Plan entwickeln, die Regierung der Zauberwelt umzustürzen!“
Die Worte kamen schneller aus Dracos Mund, als er denken konnte, aber er war sich kaum bewusst, dass er dummes Zeug erzählte. Er hatte so viel zu sagen, so viel, was seine Mutter hören musste, bevor er sie für immer verlassen würde, dass es ihn nicht sonderlich interessierte, ob es sinnvolle Dinge waren. Ganz zu schweigen davon, dass Narcissas Blick wieder fortgewandert war und dass sie sich von Draco weg zusammenkauerte wie ein Hundebaby, das von seinem Herrchen zurückzuckte. Draco würde alles sagen, weswegen er hergekommen war.
„Wahrscheinlich wunderst du dich ohnehin, wieso ich hier bin, wenn ich doch zum Tod verurteilt werden sollte - nun, ich nehme an, der Kuss des Dementors bedeutet nicht wirklich Tod, aber doch so gut wie“, fuhr Draco fort, als führe er gerade ein lockeres Gespräch mit einem alten Freund und nicht mit seiner sterbenden Mutter. „Es ist eine lange Geschichte, aber um es kurz zu machen: Harry Potter hat mich gerettet. Seine Stimme hat dafür gesorgt, dass der Kuss um fast neun Monate verschoben wurde. Wärst du nur da gewesen! Ich bin sicher, du hättest über die Ironie in dem Ganzen gelacht.“
„Weißt du noch, was du immer gesagt hast, als ich noch ein Kind war? Dass ich, wenn ich eines Tages dem Tod ins Gesicht sehen müsse, stolz und ohne Bedauern sterben solle? Ich war immer der Meinung, dass das albern sei. Wenn ich sterben müsste, hätte ich dann nicht Angst vor Schmerzen und würde ich mir nicht eher Gedanken um dich und Vater und unser Vermögen machen? Warum sollte ich es bedauern, Dinge getan oder nicht getan zu haben, wenn ich mich doch nicht an sie erinnern würde, wenn ich tot wäre?
Aber jetzt stehen die Dinge anders, Mutter. Ich glaube, jetzt verstehe ich dich. Das Leben war nie vorher so wichtig für mich. Ich möchte nicht… ich kann nicht mehr für andere leben.“
Draco hob eine Hand, um sich das Haar aus den Augen zu schieben und stellte fest, dass seine Wangen kalt und nass von Tränen waren. Er drehte sich ein wenig, so dass Harry, der ihn von außerhalb der Zelle beobachtete, sein Gesicht nicht erkennen konnte und streichelte behutsam die fahle Wange seiner Mutter. Sie wich vor der Berührung zurück und Draco musste ein Aufschluchzen unterdrücken.
„Weißt du, was ich getan habe?“, fuhr er fort. Er hasste die frostige Stille, die sich jedes Mal ausbreitete, wenn er eine Pause machen musste, um zu atmen. „Ich habe eine Liste aufgestellt, eine Liste mit Dingen, die ich tun möchte, bevor ich sterbe. Fünfundzwanzig Dinge, von denen die Hälfte praktisch unmöglich zu schaffen ist.“ Er schüttelte den Kopf. „Bei den meisten weiß ich nicht einmal, wie ich sie schaffen soll. Aber irgendwie ist es auch tröstlich, einen Vorsatz zu haben. Ich kann in diesen letzten Monaten zumindest auf etwas hinarbeiten. Wenigstens werde ich nicht in dem Wissen sterben, die wenige Zeit, die ich noch zur Verfügung hatte, verschwendet zu haben.“
Einen Augenblick lang dachte Draco darüber nach, Narcissa die einzelnen Punkte seiner Liste aufzuzählen. Natürlich würde sie sie gerne wissen wollen. Aber es hatte absolut keinen Sinn, sie verstand ihn nicht einmal und selbst wenn, wollte Draco sie nicht unglücklich machen. Also sagte er stattdessen so locker wie möglich: „Aber der Besuch bei dir war eines der Dinge, die ich für unmöglich gehalten hätte, also denke ich mir, es besteht immer noch Hoffnung, nicht wahr?“
Narcissa stieß ein schrilles Wehklagen aus und griff nach dem Ärmel von Dracos Umhang, wie ein gescholtener Hauself. Draco konnte sich kaum davon abhalten sich von dem schmerzlichen Anblick seiner armen, gebrochenen Mutter abzuwenden. Hier, in dieser dunklen, feuchten Zelle in Askaban, spürte er schließlich, wie ihn eisige Furcht umklammerte. Oh Gott, wie sehr er sich wünschte, jetzt seine Mutter bei sich zu haben - wirklich bei sich zu haben. Er hatte sich nie verzweifelter nach ihren geflüsterten Worten des Trosts gesehnt, nach ihren Armen, die ihn an sich drückten, ihren schlanken Fingern, die über sein Haar strichen.
Zum ersten Mal in seinem Leben traf ihn die Erkenntnis, dass er ganz und gar allein auf der Welt war.
In diesem Moment begann Harry zu sprechen, als ob er Dracos Gedanken lesen könne. „Draco?“ fragte er leise und wie aus großer Entfernung.
„Einen Augenblick noch“, antwortete Draco tonlos. „Ich bin fast fertig.“
Harry ließ einen zustimmenden Laut hören und war wieder still.
„Sieh nur, wie weit es mit uns gekommen ist“, sann Draco traurig vor sich hin und blinzelte gegen neue Tränen an, als er sich in der kleinen, kahlen Zelle umsah, in der seine Mutter nun wohnte. „Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass die Malfoys so tief sinken würden? Einer auf Befehl seines eigenen Herrn ermordet, eine fast verrückt und lebenslänglich inhaftiert und einer in sechs Monaten zum Tode verurteilt wegen Verrats. Ziemlich weit entfernt von der Macht und dem Prestige, womit unser Name früher verbunden war, nicht wahr, Mutter?“
Narcissa starrte ihn ausdruckslos an.
Wut wallte in Draco auf. Wut über den Scherbenhaufen, zu dem seine einstmals achtbare Familie geworden war, und auf die Menschen, die daran beteiligt gewesen waren, sie zu zerstören: das Ministerium, der Orden des Phönix, ja, selbst der Dunkle Lord und seine Lakaien, Dracos Verbündete. Er verabscheute sie alle, ganz und gar. Es war die schlimmste Art zu leiden, zusehen zu müssen, wie sein eigenes Leben um ihn herum zerfiel, während der Rest der Welt jubelte.
„Ich muss jetzt gehen“, sagte Draco plötzlich. Er konnte es nicht ertragen, noch länger hierzubleiben. Die klamme Kälte um ihn herum, die ein Produkt der Nähe der Dementoren war, machte ihm das Atmen von Minute zu Minute schwerer. Er war sicher, dass er in ihr ertrinken würde, wenn er noch länger blieb. Langsam stellte er sich wieder auf die Füße. Während er auf die zusammengekauerte Gestalt seiner Mutter hinab blickte, murmelte er unterdrückt: „Wenn es eine Möglichkeit gibt, dich hier herauszuholen… uns beide zu retten… ich werde sie finden, ich schwöre es. Aber bis dahin…“
Draco war unfähig, die nächsten Worte hervorzubringen - wie sagte man zum letzten Mal „Lebewohl“ zu seiner eigenen Mutter? - also wandte er sich wortlos ab und ging mit schnellen Schritten zurück zu Harry.
Bitte vergiss mich nicht, dachte er traurig, während er seinen Kopf wandte, um einen letzten Blick auf seine Mutter durch die Gitterstäbe zu erhaschen, bevor er die Tür hinter sich schloss.
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Harry und Draco waren beide niedergedrückt, als sie aus dem inneren Teil des Gefängnisses zurück zum Warteraum gingen. Unterwegs trafen sie nur auf einen einzigen Dementor, aber das reichte, um Harry das Gefühl zu vermitteln, dass Klauen von innen heraus an seiner Brust zerrten und das klaffende Loch wieder aufrissen, das zwei Monate Aufenthalt in der Sicherheit und Geborgenheit von Hogwarts fast geheilt hatten. Daher war er unendlich erleichtert, als sie die erdrückenden Gefängnismauern verlassen konnten, den Portschlüssel, eine kaputte Schreibfeder, sicher bei sich.
„Wie spät ist es?“ fragte Draco mit leiser Stimme und brach damit das Schweigen, das sich auf dem Weg nach draußen zwischen ihnen ausgebreitet hatte.
„Fast elf. Wir haben noch eine Stunde“, antwortete Harry, nachdem er auf seine Uhr geschaut hatte. Er zögerte. „Hey, Malfoy… Geht's dir gut?“
Draco sah ihn nur an. Die Qual in seinen Augen sprach Bände.
Seufzend steckte Harry den Portschlüssel in seine Tasche und streckte die Arme aus. „Komm her“, sagte er schroff, bevor er unbeholfen die Arme um Draco schlang und den anderen Jungen in eine ebenso unbeholfene Umarmung zog.
Im ersten Moment versteifte sich Draco in Harrys Armen und für einen flüchtigen Augenblick fürchtete Harry, er würde ihn von sich stoßen. Aber dann, nach einigen sehr angespannten Sekunden, entspannten sich praktisch alle Muskeln in Dracos Körper und er lehnte sich praktisch an einen sehr überraschten Harry.
„Das hier ist die Hölle“, murmelte Draco. Sein Atem kitzelte Harrys Kehle. „Ich kann nicht mehr hierher zurückkommen. Ich kann hier nicht leben. Ich ertrage es nicht, Potter.“
„Mhmm“, brummte Harry, obwohl er nur die Hälfte von dem verstand, was Draco sagte. Er stellte überrascht fest, dass der andere in seinen Armen warm war, überrascht deshalb, weil er immer gedacht hatte, Draco würde sich so kalt anfühlen wie es seine Persönlichkeit war.
„Es wird alles gut, es wird alles in Ordnung kommen, es wird sich alles finden“, beruhigte er Draco, ohne zu denken. „Du kannst wieder zwei Dinge auf deiner Liste abhaken - sie würde sich wünschen, dass du weitermachst, denke ich.“
„Zwei?“
„Gestern warst du unsichtbar, weißt du noch? Als wir Beweise gesucht haben, dass Nott dich angegriffen hatte?“
Nach einer kurzen Pause lachte Draco hohl. „Oh, eine wunderbare Art, das erste Ziel auf meiner Liste zu erreichen“, murmelte er. „Mit dir unter einem Tarnumhang versteckt meine Hausgenossen ausspionieren. Ehrlich gesagt hatte ich auf etwas Glanzvolleres gehofft…“
„Oh, halt die Klappe“, sagte Harry und ließ Draco los. Der Augenblick der Nähe war vorüber. Zu Harrys Erleichterung hatte Dracos Gesicht wieder etwas Farbe bekommen. Harry wurde selbst ein wenig rot, als ihm auffiel, dass er Draco gerade so fest im Arm gehalten hatte, wie er es normalerweise mit Ginny getan hätte.
„Dann lass uns zurück gehen“, sagte Draco, dem Harrys Verlegenheit offenbar nicht aufgefallen war.
„Können wir nicht. Der Portschlüssel wird erst um zwölf Uhr mittags aktiv.“
„Dann apparieren wir eben. Bist du nun ein siebzehnjähriger Zauberer oder nicht, Potter?“
Harry lächelte. „Auf das Schulgelände kann man nicht apparieren“, erklärte er und wiederholte damit die Worte, die Hermine mindestens hundertmal genervt von sich gegeben hatte. „Ich bin überrascht, dass du das nicht weißt.“
Draco schnaubte. „Und was zum Teufel sollen wir eine Stunde lang tun? Wir können doch nicht einfach hier herumsitzen!“ Er schauderte, als ob er seine Aussage bekräftigen wollte.
„Ich habe eine Idee“, sagte Harry plötzlich. „Lass uns in die Winkelgasse gehen.“
„Ja, klar, weil mir das bestimmt nicht wieder Askaban einbringt“, sagte Draco und verdrehte die Augen.
„Das Ministerium wird es nicht herausfinden.“
„Und was schlägst du vor, wie wir hinkommen, Potter? Wir werden ja wohl kaum fliegen können. Merlin weiß, wo wir überhaupt sind…“
„Du hast es selbst gesagt - wir können apparieren.“
„Die können meine Bewegungen verfolgen“, sagte Draco resigniert. „Wenn ich appariere, dann finden sie es heraus.“
„Aber mich haben sie nicht markiert“, sagte Harry. „Ich könnte… du weißt schon.“ Er machte eine unbestimmte Geste, um ein Seite-an-Seite-Apparieren anzudeuten, die Draco wundersamerweise zu verstehen schien.
Er warf Harry einen wachsamen Blick zu. „Bist du sicher, dass du das kannst?“
„Aber natürlich!“, sagte Harry entrüstet. „Ich habe es getan, als…“ Er zögerte, da er Dumbledore oder die Nacht, als Snape Draco mit sich fort gezerrt hatte, nicht erwähnen wollte. „Ich habe es schon einmal getan“, verbesserte er sich.
„Warum die Winkelgasse?“
„Ich möchte etwas kaufen“, sagte Harry geheimnistuerisch.
Draco starrte Harry einen Moment lang misstrauisch an. Dann streckte er eine Hand aus und sagte: „Na gut.“
Harry nahm die angebotene Hand und benutzte sie, um Draco näher zu sich zu ziehen. In Gedanken dankte er dem Himmel, dass Draco nicht mehr wie ein verängstigtes Fohlen vor seiner Berührung zurückschreckte, bevor er einen Arm um Dracos Taille legte und mit ihm apparierte.
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Bevor sie die Winkelgasse betraten, bestand Draco darauf, sich unter einem Verblendungszauber zu verbergen. Harry hatte zunächst protestiert, aber dann hatte ihn Draco darauf hingewiesen, dass das Ministerium wohl kaum glücklich sein würde, wenn es herausfinden sollte, dass sich ein Krimineller, der unter Aufsicht stehen sollte, in der Winkelgasse herumtrieb, wenn er eigentlich in Askaban sein sollte und das entschied die Sache.
Während Draco sich bemühte, mit den langen, schnellen Schritten seines Kameraden mitzuhalten, dachte er sich, dass Harry offenbar wusste, wohin er wollte. Es war schwierig, nicht auf Zehen zu treten und gegen Schultern zu stoßen und er war froh, als sie den schäbigen kleinen Laden fast am Ende der Straße erreichten.
„Wo sind wir?“ murmelte Draco und beäugte die staubigen, getönten Fensterscheiben des Geschäfts. Es war eines der wenigen, die nicht für die Feiertage mit Kränzen und Lichterketten dekoriert worden waren.
Anstatt Dracos Frage zu beantworten, sagte Harry nur „Warte hier“ und verschwand ohne ein weiteres Wort in dem Laden.
Es dauerte nicht lange, ehe Harry mit zwei großen Tüten beladen und einem durchtriebenen Blick wieder herauskam. Draco überlegte kurz, wie wohl die Chancen standen herauszufinden, was sich in diesen Tüten befand, wenn er danach fragte. Er entschied, dass es ohnehin zwecklos war, schüttelte seine Neugier ab und fragte stattdessen: „Und wie genau gedenkst du die vor McGonagall zu verstecken?“
„Äh, kann man einen Verblendungszauber über unbelebte Objekte legen?“ fragte Harry hoffnungsvoll.
Draco warf ihm einen Blick voller Verachtung zu. „Du bildest dir ernsthaft ein, dass du die alte Fledermaus mit einem Verblendungszauber hinters Licht führen kannst?“
Harry hob verlegen die Schultern. „Tja, ich weiß nicht, was ich sonst -“
„Bist du nun ein Zauberer oder nicht? Gib schon her“, sagte Draco ungeduldig. Er nahm die beiden Tüten und streckte die Hand nach Harrys Zauberstab aus. Harry gab ihm den Zauberstab und Draco schlug gegen die Tüten und murmelte „Reducio“. Sie schrumpften auf der Stelle bis sie nicht größer als eine Handfläche waren. Draco reichte sie und den Zauberstab an Harry zurück.
„Danke“, sagte Harry und steckte seine geschrumpften Einkäufe und den Zauberstab in seine Hosentasche.
Als sie sich auf den Weg machten und die gekrümmte, mit Schnee überpuderte Straße entlang gingen, verdrehte Draco die Augen und verbarg sein erfreutes Erröten erfolgreich.
„Wir gehen schon?“ fragte Draco überrascht, als sie den Apparitionspunkt erreichten. Er hatte angenommen, dass Harry eine Weile bleiben und sich ein wenig umsehen wollte, aber andererseits, überlegte sich Draco, dass er wahrscheinlich vermeiden wollte, unnötige Aufmerksamkeit zu erregen.
„Warum? Hast du irgendetwas zu erledigen?“
Draco schüttelte den Kopf. „Nein, schon ok. Beeil dich, es ist kalt.“
Harry blickte mit gerunzelter Stirn auf seine Armbanduhr. „Es ist ohnehin gleich zwölf. Unser Portschlüssel funktioniert nur von Askaban aus, also sollten wir zurückkehren.“
„Ich weiß, Potter“, stieß Draco hervor. Bei der Aussicht, auch nur für wenige Minuten zu dem Zauberergefängnis zurückzumüssen, kehrte seine schlechte Laune zurück. „Jetzt lass uns gehen.“
Schulterzuckend breitete Harry seine Arme aus. Draco erschauderte und machte langsam einen Schritt nach vorne. Sofort legten sich Arme um ihn, vielleicht ein wenig fester als nötig. Draco seufzte, schloss die Augen und ließ sich - für den Augenblick ohne Furcht vor Körperkontakt - von Harry nach Askaban zurück apparieren.
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