
von Lapis
A./N.: Ein letztes Kapitel vor Weihnachten - nicht ganz so kurz wie die letzten beiden, aber auch nicht so lang wie die vorherigen. Ihr wisst ja nun zumindest einen Teil dessen, was Harry gekauft hat (und ihr seid bestimmt schon rasend gespannt, was Draco im beschwipsten Zustand so von sich geben wird) - und es ist auch ein Geschenk dabei. Was es wohl ist?
Tja, das hätte Harry wohl gern, dass ihm Draco einmal dankt, nicht wahr? Erinnert ihr euch noch, wie er Draco nach dem Überfall zu Hilfe kommt, als Nott ihn in der Klasse piesackt? Und Draco ihn zum Dank ignoriert? Und Harry beschließt, dass er ein ordentliches „danke“ aus Draco herausbekommen wird und wenn es das letzte ist, was er tut? Sieht aus, als hätte er immer noch ordentlich Arbeit vor sich, bevor er das schafft...
Stellvertretend für alle Leser ein großer Dank an Cura, Niobe87 und Cho17!
It's the heart afraid of breaking that never learns to dance
It's the dream afraid of waking that never takes the chance
It's the one who won't be taken who cannot seem to give
And the soul afraid of dying that never learns to live
- Bette Midler, “The Rose”
Kapitel 16: Eine Veränderung
“Sechs Monate”, murmelte Draco, während er ins Feuer starrte. „Sechs Monate, bevor mir die Seele ausgesaugt wird. Schon seltsam, dass wir niemals darüber nachdenken, was uns irgendwann bevorsteht, bis wir keine andere Wahl mehr haben, nicht wahr, Potter?“
Harry hob die Augenbrauen, unsicher, wie er diese Bemerkung auffassen sollte. „Ist wohl was dran…“
Mit dieser Antwort schien Draco zufrieden zu sein, denn er verstummte wieder und nahm einen weiteren Schluck Bier. Harry beobachtete ihn. Es war ein paar Stunden her, seit Draco den ersten Schluck genommen hatte (ein Blick auf seine Armbanduhr zeigte Harry, dass es fast zehn Uhr abends war) und seitdem hatte er stetig weiter getrunken. Harry war überrascht, dass Draco außer zwei leuchtend roten Punkten auf den Wangen kein Anzeichen von Trunkenheit zeigte. Sein Ton war fest, vielleicht ein wenig freundlicher als sonst und er schien nach wie vor im Vollbesitz seiner motorischen Fähigkeiten zu sein.
Harry schob die Gedanken über Dracos Alkoholtoleranz beiseite und fragte: „Warum wolltest du dich betrinken?“ Den zweiten Teil der Frage ließ er weg: Wieso würdest du freiwillig einen Narren aus dir machen?
„Keine Ahnung“, antwortete Draco. Er seufzte und rollte sich herum, bis er bäuchlings auf dem Sofa lag. „Hab's noch nie probiert… ich schätze, ich wollte wissen, wie es ist.“
„Und?“, wollte Harry wissen. „Wie ist es?“
„Bis jetzt merke ich nicht viel“, brummte Draco. „Mein Kopf fühlt sich ein bisschen seltsam an, das ist schon alles.“
Harry schnaubte, nahm Eine Geschichte von Hogwarts auf und begann, darin zu blättern. „Zumindest spuckst du noch nicht deine tiefsten und dunkelsten Geheimnisse aus.“
Er blickte auf, um Draco süffisant anzugrinsen und war stellte überrascht fest, dass sich die hellgrauen Irisse des anderen zu einem Schieferton verdunkelt hatten, so dass die Pupillen kaum noch sichtbar waren. Leicht aus der Fassung gebracht blickte Harry wieder auf das Buch hinab.
„Wieso trinkst du nichts?“, wollte Draco wissen. Widerwillig blickte Harry wieder auf. Draco blickte frustriert. „Du hast es gekauft. Wieso gönnst du dir nichts davon?“
„Ich trinke nicht, um mich zu betrinken“, sagte Harry freundlich. Er wies auf die Flasche Butterbier auf seiner Seite des Tischs. „Butterbier reicht mir.“
Dracos Stirnrunzeln verstärkte sich. „Und was wäre, wenn du wüsstest, dass du morgen sterben musst? Würde das etwas ändern?“
Diese Frage schockte Harry so sehr, dass er versehentlich das Buch auf seinem Schoß zuschlug. „Was?“
„Ich habe gesagt, wenn ich dir erzählen würde, dass du morgen Nachmittag von der Riesenkrake gefressen wirst, würdest du dann von diesem Bier trinken?“ Die Frage war so direkt gestellt, dass Harry den leichten Verdacht hegte, dass Draco auf die Gelegenheit gewartet hatte, sie zu stellen.
Langsam setzte sich Harry in seinem Sessel etwas auf. „Wenn ich wüsste, dass ich morgen von der Riesenkrake gefressen werde“ - er unterdrückte ein Auflachen - „dann wäre ich nicht hier, um diese Diskussion mit dir zu führen.“
„Wieso nicht?“
„Ich wäre mit Ron und Hermine zusammen. Und Ginny. Und allen anderen. Ich würde meine letzten Stunden mit den Menschen verbringen wollen, die ich am meisten liebe.“
Draco betrachtete ihn ausdruckslos. „Du Glücklicher. Wünschte, ich hätte Menschen, die ich liebe, um meine letzten Stunden mit ihnen zu verbringen…“
In Harry stieg ein unerwartet starkes Mitgefühl auf. „Oh“, sagte er leise. Nun war er sicher, dass Draco halbwegs betrunken war, denn er war ziemlich sicher, dass ein nüchterner Draco das niemals laut ausgesprochen hätte.
Wieder vergingen einige Minuten in Schweigen, aber Harry fühlte keinen Drang zu sprechen. Stattdessen starrte er ebenfalls in die Flammen, als ob die Antwort auf die Emotionen, die in ihm wirbelten, in den knisternden Flammen lägen.
„Ich hasse mein Leben“, sagte Draco nach einer Weile.
„Ich hasse es auch“, stimmte Harry mechanisch zu und das Mitgefühl verstärkte sich weiter bis es beinahe unerträglich wurde. Zu seinem Entsetzen fühlte er, wie es unter seinen Augenlidern zu kribbeln begann und sich ein seltsamer Klumpen in seiner Kehle bildete.
Draco nahm einen weiteren Schluck Bier und drehte sich um, so dass er auf der Seite lag und Harry ansah. „Was würdest du sonst noch tun, wenn du morgen sterben müsstest?“
Schnell blinzelte Harry die heimlichen Tränen weg. „Keine Ahnung“, sagte er. „Vielleicht auf meinem Feuerblitz herumfliegen. Einfach alles, was mich glücklich macht.“ Er verschränkte die Finger hinter seinem Kopf. „Aber eine Liste würde ich nicht machen. Ich würde meine letzten Stunden nicht verplanen wollen.“
„Ich schätze, die wenigsten Leute würden das“, sagte Draco nachdenklich. Er nahm wieder einen Schluck Bier und Harry widerstand dem Drang, ihm zu sagen, er solle aufhören. „Ich würde nicht sterben wollen, ohne jemals Sex gehabt zu haben.“
„Ohne jemals - was?“, stotterte Harry und spie beinahe das Butterbier aus, das er gerade schlucken wollte.
„Du hast mich schon verstanden, Potter.“
„Nein, es ist nur - ich dachte - du hast nie mit jemandem geschlafen?“, brachte Harry schließlich heraus.
Draco richtete sich ein wenig auf. „Natürlich nicht“, sagte er empört, obwohl der Effekt durch das Bier, das seinen Ärmel tränkte, als er sich auf die Ellbogen stützte, ziemlich ruiniert wurde. „Malfoys schlafen gewöhnlich nicht mit Mädchen herum, zumindest nicht in der Schule. Es ist eine sinnlose und, meiner Meinung nach, ziemlich abstoßende Gewohnheit.“
„Warum willst du es dann tun?“, fragte Harry sachlich.
„Weil… einfach so.“ Draco sah weg, als sei er verlegen und sagte dann leise: „Also… hast du…?“
Verwirrt zog Harry seine Brauen zusammen. Dann wurde ihm plötzlich klar, was Draco zu fragen versuchte. Ich diskutiere mein Sexleben mit Draco Malfoy, dachte er. Diese seltsame Erkenntnis erschütterte ihn.
„Nein“, antwortete er automatisch und wand sich innerlich angesichts seiner Lüge ein bisschen. Na ja, technisch gesehen hatte er schon, aber dieses eine Mal mit Ginny war er nicht ganz bei sich gewesen…
Draco schien seine Gedanken zu lesen. „Du hast, oder?“ fragte er in einem fast anklagenden Ton. Als Harry errötend nickte, wurden seine Augen groß. „Sag bloß, es war das Wiesel-Mädchen.“
Schnell steuerte Harry das Gespräch wieder in sichere Gewässer. „Aber du hattest doch eine feste Freundin, oder? Pansy Parkinson?“
„Ja, in gewisser Weise“, sagte Draco vage. Er warf seine nun leere Bierflasche weg und griff nach einer neuen. „Aber wir haben nie irgendwas getan. Die meiste Zeit geredet. Es war nicht so sehr eine Beziehung als… weiß nicht recht. Eine Partnerschaft, eher. Die Jungs haben auf mich gehört, die Mädchen auf sie. Klang damals einfach wie eine gute Idee, wir beide zusammen.“
„Willst du mich veräppeln?“ fragte Harry überrascht. Er hatte Draco und Pansy immer für die Art Pärchen gehalten, das aneinander klebte, ungefähr wie Ron und Lavender. „Also hast du nie… Du hast nie mit jemandem geknutscht?“
„Nein“, sagte Draco ungeniert. Als er Harrys geschockten Gesichtsausdruck sah, verdrehte er die Augen. „Sorry, aber ich war zu beschäftigt, meinen vom Dunklen Lord erhaltenen Auftrag zu erfüllen, als dass ich Zeit verschwenden konnte, meinen Sextrieb auszuleben.“
„Ich habe nichts über Sextrieb gesagt!“ antwortete Harry hitzig. Er räusperte sich unbehaglich. „Aber du hast mich geküsst. Am Anfang des Schuljahrs.“
„Ja.“ Dieses Mal errötete Draco. „Das war… mein erster Kuss.“
Harrys Augen wurden groß. „Wirklich?“ Er hielt inne und auf seinem Gesicht breitete sich langsam ein Grinsen aus. „Kein Wunder, dass es so grauenvoll war.“
Draco blickte finster und nahm einen weiteren Schluck Bier. Hustend antwortete er: „Du solltest dich geehrt fühlen, du undankbarer Bastard.“
Harry lehnte sich vorwärts und stützte die Ellbogen auf seine Knie, bis sein Gesicht fast auf gleicher Höhe war wie Dracos und sagte nachdenklich: „Wieso hast du mich ausgesucht? Es ergibt irgendwie keinen Sinn, für deinen ersten Kuss jemanden auszusuchen, den du hasst.“
„Ich hab es nicht als irgendwas besonderes gesehen.“ Draco zuckte mit den Schultern. „Einfach nur ein Kuss. Du hast selbst gesagt, dass dein erster Kuss mit Chang nichts zu bedeuten hatte.“
„Woher weißt du das?“ wollte Harry empört wissen.
„So was spricht sich schnell herum.“
Harry sah Draco an, während er diese Information sacken ließ. „Aber… ich bin kein Mädchen.“
„Auch schon gemerkt?“ sagte Draco und grinste albern.
Harry biss auf seine Unterlippe. „Aber bedeutet das nicht, dass du - ?“
„Ich hab dich in dem Moment nicht als Jungen betrachtet, okay?“ explodierte Draco plötzlich. „Für mich bist du einfach nur Harry Potter. Also, bevor du fragst, ich bin nicht schwul.“
„Okay, okay“, antwortete Harry und hob die Hände, obwohl er Dracos Denkweise immer noch nicht verstanden hatte. „Es ist einfach… nein, schon gut.“
Draco machte nur „hmpf“ und wandte Harry den Rücken zu. Seufzend strich sich Harry mit der Hand durchs Haar, richtete seine Brille und nahm sich wieder Eine Geschichte von Hogwarts vor, während in seinem Gehirn ganz andere Gedanken umher summten.
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Eine halbe Stunde schlich dahin, während derer die einzigen Geräusche von Draco kamen, der seine fünfte Flasche leerte. Schließlich stellte er die Flasche mit einem lauten klink auf den Tisch und verkündete ziemlich unsicher: „Ich denke, ich habe genug getrunken.“
Harry blickte auf und Draco entdeckte ein amüsiertes Funkeln in seinen grünen Augen. „Ach, wirklich?“
„Ja“, antwortete Draco und kniff die Augen zusammen. Seine Sicht begann an den Seiten zu verschwimmen und er fühlte sich ein wenig, als seien sein Körper und sein Verstand nicht mehr ganz verbunden. Selbst beim Sprechen hatte er den Eindruck, dass seine Lippen Probleme hatten, die Worte zu formen, die er aussprechen wollte. „Potty - ich meine, Potter, würdest du mir meine Liste geben?“
Harry grinste auf äußerst freche Weise. „Also weißt du“, sagte er beiläufig, während er sich vornüber beugte und das zerknitterte, fleckige Pergamentblatt vom Boden aufzuheben, „die meisten Leute würden die Gelegenheit nutzen, auszugehen und… irgendwas anderes zu tun als sonst, wenn sie sich betrinken.“
„Ach?“ sagte Draco abgelenkt. Er nahm die Liste von Harry entgegen (er brauchte zwei Anläufe, beim ersten Mal packte er versehentlich Harrys Ärmel), breitete sie vor sich auf dem Tisch aus und holte eine Feder aus seiner Tasche. „Ich würde behaupten, eine Nacht in der Heulenden Hütte zu verbringen, ist etwas anderes.“
„Aber es ist nicht aufregend, wenn du nur hier herumsitzt.“ Harry ließ nicht locker, während er Draco dabei beobachtete, wie er ungeschickt versuchte, die Punkte abzuhaken, die er in den vergangenen Tagen erledigt hatte. „Gib her, ich mach das für dich.“
Draco gab ihm die Liste mürrisch zurück und beobachtete Harry, wie er fünfmal säuberlich „erledigt“ schrieb. Als Harry ihm das Pergament zurückgab, hielt Draco es vor sich und prüfte die Änderungen nach.
1. Unsichtbar sein Erledigt
2. Einen Baum bis in den Wipfel hochklettern
3. Einen Thestral reiten
4. Mich betrinken Erledigt
5. Von jedem Haus ein Mitglied suchen und ein höfliches Gespräch mit ihm führen
6. Meinen schlimmsten Feind küssen Erledigt
7. „Eine Geschichte von Hogwarts“ lesen
8. Unter den Sternen schlafen
9. Felix felicis brauen
10. Meine größte Angst überwinden
11. Eine Nacht in der Heulenden Hütte verbringen Erledigt
12. Mutter in Askaban besuchen Erledigt
13. Ein Leben retten
14. Einen Tag lang ohne Entschuldigung den Unterricht schwänzen
15. Schwimmen lernen
16. Einen Schneeengel machen Erledigt
17. Einen Sonnenuntergang und -aufgang beobachten
18. Ohrlöcher stechen lassen
19. Geschenke unter einem Weihnachtsbaum öffnen Erledigt
20. Vaters Tod rächen
21. Ein Geheimniswahrer sein
22. Mich verlieben
23. Wiedergeliebt werden
24. Harry Potter besiegen
25. Zeuge eines Wunders werden
„Aber elf und neunzehn habe ich noch nicht erledigt“, beharrte Draco.
Harry lachte. „Aber du bist gerade dabei.“
„Ich bin auch gerade dabei, sieben, neun und zweiundzwanzig zu erledigen, trotzdem habe ich da kein „erledigt“ hintendran geschrieben“, argumentierte Draco.
Harry wurde sehr still. „Was war das?“ fragte er mit so leiser Stimme, dass ihn Draco über das angenehme Summen, das seinen Kopf ausfüllte, kaum hören konnte.
Draco zog die Augenbrauen zusammen und spulte in Gedanken noch einmal zu dem letzten Satz zurück, den er gerade gesagt hatte. Ich bin auch gerade dabei, sieben, neun und… Oh, verdammt!
„Zeig mal die Liste her, Malfoy.“
„Nein“, sagte Draco schnell und fühlte, wie seine Wangen heiß wurden. Hatte er wirklich gerade zugegeben, dass er dabei war, sich zu verlieben? Das hatte er nicht sagen wollen! Wo war das überhaupt hergekommen? Das sagte er denn auch laut zu Harry, mit nur ganz leicht hysterischer Stimme.
Harry hob eine Augenbraue. Sein Gesichtsausdruck war unergründlich. „Zweiundzwanzig ist ?mich verlieben', richtig?“, sagte er sehr ruhig.
„Nein“, sagte Draco wieder. Sein Puls wurde schneller. Oh, nein, dachte er verzweifelt. Das war nicht gut. Wenn Harry es herausfand… Aber es war unmöglich, dass er es wusste, schließlich erwartete er es nicht… Er hatte wirklich keinen Grund, irgendeinen Verdacht zu haben… Und was war ?es' überhaupt? Es gab doch gar nichts herauszufinden! Draco hatte keine Geheimnisse, seine Zunge war nur über die Worte gestolpert… ja, genau so war es…
„Es stimmt doch, ich bin mir sicher“, sagte Harry störrisch. „Gib mir die Liste.“
„Nein!“ sagte Draco zum dritten Mal und umklammerte die Liste in seiner Hand. „Es ist nichts, Potter… wirklich. Ich bin gerade stockbetrunken und weiß nicht, was ich von mir gebe.“
Harry sah ihn mit gerunzelter Stirn streng an. „Nun… okay. Ich dachte mir nur, du würdest es mir erzählen, wenn du dich verliebst. Es ist nicht Pansy, oder?“
„Es ist niemand“, sagte Draco in, wie er hoffte, überzeugendem Tonfall. Er war nicht sicher, ob er überzeugend genug war, im Moment konnte er kaum sagen, ob er überhaupt Englisch sprach. „Ernsthaft, es reicht jetzt, es ist keine große Sache. Ich habe die Zahl gelesen und sie laut gesagt, ohne es zu wollen…“
Harry zuckte die Achseln. Offenbar reichte ihm die Tatsache, dass Draco unbestreitbar betrunken war, als Erklärung. Und im Prinzip stimmte es ja auch - Draco wusste, dass er unter normalen Umständen nicht gesagt hätte, was er gesagt hatte und war daher überzeugt, dass es nichts zu bedeuten hatte.
„Ich glaube nicht, dass ich gerne betrunken bin“, murmelte Draco.
Harry lachte und alle Unbehaglichkeit zwischen ihnen schmolz auf der Stelle dahin. „Du kannst nicht übermäßig betrunken sein, wenn du noch verständliche Sätze auf die Reihe bringst. Ein bisschen beschwipst vielleicht.“
„Wahrscheinlich“, sagte Draco. Der Nebel in seinem Kopf begann ihn zu ärgern und er fing an sich zu wünschen, dass er nie beschlossen hätte, sich zu betrinken. Plötzlich kam ihm eine Erleuchtung und er sagte: „Hey! Du hast früher gesagt, du wolltest deine Einkäufe nicht umsonst gekauft haben. Aber wenn es nur Alkohol ist, warum hast du ihn dann nicht mit zu Wiesel und seiner Freundin genommen und mit ihnen getrunken?“
Harry begann: „Weil…“, und sah entschieden unbehaglich aus. Er machte mehrere Male den Mund auf und zu als hätte er einen großen Gegenstand in der Kehle und Probleme, die Worte daran vorbei zu bekommen. Schließlich sagte er leise: „Weil ich sie umsonst gekauft hätte, wenn ich dich nicht damit hätte glücklich machen können.“
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Harry zuckte innerlich zusammen, sobald die Worte seinen Mund verlassen hatten. Er hatte es getan. Nun würde Draco vermutlich durchdrehen und ihn beschuldigen, dass er anhänglich würde. Erst sein Anfall über die Vorstellung, dass Draco verliebt sein könnte und nun dies.
Es war wie er gesagt hatte: Er wollte, dass Draco glücklich war. Er war sich ziemlich sicher, dass er nun verstand, warum Dumbledore gehandelt hatte, wie er es getan hatte, nur, dass es nicht Liebe war, was er für Draco empfand… eher eine seltsame Art Beschützerinstinkt. Aber es war auch eine Prise Mitleid und Verpflichtung darin und dieser Teil machte Harry zu schaffen. Hatte Draco recht? Tat Harry das alles nur, weil ihm Draco leid tat?
Er wagte einen Blick zu Draco hinüber. Der sah ein wenig verwirrt aus. Als er bemerkte, dass Harry ihn ansah, sagte er: „Es wird spät. Lass uns die Geschenke auspacken.“ Er hielt inne, als ob er sich an etwas erinnerte und fuhr fort: „Mist, sorry, ich hab nichts für dich.“
Harry seufzte erleichtert. „Ja, ja, okay. Schon in Ordnung.“
Er stand auf und ging hinüber zum Weihnachtsbaum, Draco stolperte hinter ihm her. Sie ließen sich neben dem Kamin nieder, wo der raue Holzboden etwas wärmer war.
„Bitte sehr“, sagte Harry beinahe schüchtern, als er Draco das Päckchen gab, das er mitgebracht hatte.
Draco zögerte, bevor er es nahm. „Wenn ich das gewusst hätte… hätte ich etwas für dich besorgt“, sagte er leise.
„Irgendwie bezweifle ich das“, lachte Harry, um seine Nervosität zu verbergen. „Es ist in Ordnung… Los, mach schon auf. Du kannst die Nummer neunzehn nicht erledigen, wenn du nur den Christbaum hast, oder?“
„Stimmt“, sagte Draco so leise, dass es fast ein Flüstern war. Zu Harrys Bestürzung blickte er unglücklich. Zerrissen zwischen dem Wunsch, Draco zu fragen, was los war und dem, ihn nicht wütend zu machen, sagte Harry nichts.
Dracos Finger huschten über das Geschenkpapier und packten das Geschenk schnell und geschickt aus. Als er es schließlich ausgepackt in den Händen hielt, wurden seine Augen groß - es war eine in Leder gebundene Ausgabe von Eine Geschichte von Hogwarts.
„Ich habe deinen Namen auf den Einband geschrieben“, sagte Harry, der sich nun ein wenig albern vorkam. Er drehte das Buch um und deutete auf die kleine, ungleichmäßige Inschrift. „Hab ich heute Nachmittag gemacht, nachdem wir zurückgekommen waren. Ich, äh, dachte, dass du vielleicht nicht immer zur Bibliothek gehen möchtest, um die Ausgabe dort auszuleihen… sie ist ja schon ein bisschen zerfleddert, also dachte ich… tja.“
Dracos Mund verzog sich zu einem seltsamen Halb-Grinsen-halb-Lächeln. „Es ist wundervoll“, sagte er.
Harry öffnete den Mund, um zu antworten, aber in diesem Moment fühlte er es: Etwas zwischen ihnen hatte sich verschoben. Ohne etwas zu sagen, lehnte sich Draco näher zu ihm, so nah, dass…
„Malfoy, du dringst in meine persönliche Sphäre ein“, witzelte Harry schwach.
Er hob eine Hand, um Draco wegzuschieben. Aber, vielleicht weil es schon fast Mitternacht war und der Schlafmangel begann, Harrys Hirn zu beeinträchtigen, passierte etwas völlig anderes: Anstatt an Dracos Schulter innezuhalten, wanderte Harrys Hand höher und berührte zaghaft Dracos weißblondes Haar. Bevor er sich zurückhalten konnte, ließ Harry seine Finger durch die weichen Strähnen gleiten und schwelgte in einem Gefühl von Bändern aus kühlem Wasser zwischen seinen Fingern.
Harry wurde aus seiner Entrücktheit gerissen, als Draco sein Handgelenk in einer für jemanden, der fünf Flaschen Bier getrunken hatte, beeindruckend flinken Bewegung packte und wegriss. Die Luft vibrierte plötzlich vor Spannung. Selbst der flackernde Lichtschein, der aus dem Kamin fiel, schien gedämpfter zu sein, als Harry die Augen hob, um Draco ins Gesicht zu sehen. Er wusste ohne die Spur eines Zweifels, dass die Unsicherheit, die ihm aus Dracos Augen entgegen blickte, sich in seinen eigenen spiegelte.
„Was ist das wirklich, Harry?“ fragte Draco leise, ernsthaft und ohne eine einzige Silbe zu verschlucken.
Die Frage hing in der Luft. Ohne dass man es ihm hätte sagen müssen, wusste Harry, dass jenes „das“, auf das sich Draco bezog, nicht seine unerwartete Geste war, sondern alles, was er gar nicht erst hatte beginnen wollen, als er die Abstimmung in McGonagalls Sinn kippen ließ. Harry begriff, dass diese unterschwelligen, undefinierbaren Gefühle, die sich um ihre unvorhergesehene Verbindung wanden, nicht normal waren.
Harry schloss die Augen und fühlte, wie die Luft von Dracos langsamem Atemzug über eine Wimpern strich. Er zerbrach sich den Kopf, um eine gründliche Antwort zu finden. Irgendetwas über Verantwortung und Verpflichtung, etwas, das Dracos Verlangen nach dem „Warum“ befriedigen würde.
„Ich weiß es nicht“, sagte er schließlich. Er öffnete die Augen und betrachtete Draco ernsthaft. „Was wünschst du dir? Was sollte es für dich sein?“
Dracos Griff um Harrys Handgelenk lockerte sich. „Etwas, an das ich mich erinnern kann“, flüsterte er beinahe. „Etwas, an das ich glauben kann. Und nicht nur, weil du dich wegen deiner dummen Gryffindor-Ehre dazu verpflichtet fühlst.“
„Nein, nicht mehr“, antwortete Harry und das war die Wahrheit.
Draco nickte. Harry wartete darauf, dass Draco sein Handgelenk losließ, aber stattdessen glitt seine Hand weiter nach unten, bis sie sich praktisch an den Händen hielten. „Ich verstehe das nicht“, sagte er.
„Was verstehst du nicht?“ fragte Harry mechanisch zurück, während er einigermaßen perplex auf ihre ineinander liegenden Hände starrte.
„Warum ich davor fast so große Angst habe wie vor der Zukunft“, antwortete Draco leise und bevor Harry auch nur ein Wort sagen konnte, verstärkte sich Dracos Griff um seine Hand und er lehnte sich vorwärts und küsste Harry.
Harry saß wie erstarrt und mit leergefegtem Gehirn, als sich Dracos Lippen auf seine legten. Es schien ihm, als ob eine halbe Ewigkeit in absoluter Stille verginge, während sich Harrys im Schneckentempo arbeitender Verstand mit der verblüffenden Tatsache abzufinden suchte, dass es wieder Draco Malfoys Mund war, der sich auf seinen presste. Erst als Draco die Hände hob, um Harrys Gesicht zu umfassen, kam er wieder zu sich und schob Draco heftig weg.
Ihm war schwindlig, aber aus Gründen, die nichts mit dem unangenehmen Geschmack von Alkohol zu tun hatten, den er auf seinen Lippen schmeckte, und Harry wisperte das erste, was ihm einfiel: „Du hast gesagt, du wärest in niemanden verliebt.“
Draco lächelte ein wenig, aber es wirkte gezwungen. „Wer sagt, dass ich in dich verliebt bin?“, sagte er mit zittriger Stimme. „Das bedeutet gar nichts, Potter. Ich will dich nicht.“
Und dann, als sei er entschlossen, seinen eigenen Worten zu widersprechen, schob er Harry gegen das unbenutzte Sofa und küsste ihn erneut.
Dieses Mal öffneten sich Harrys Lippen, allerdings mehr aus Überraschung. Draco gab einen leisen, zustimmenden Laut von sich und vertiefte den Kuss. Er hob seine Hände und vergrub sie in Harrys Haar. Es war genauso plump und ungeschickt und doch so völlig anders als jener erste Kuss draußen auf dem Gelände von Hogwarts und Harry wurde ruckartig bewusst er hat das nie zuvor getan. Er hat noch nie jemanden so geküsst.
„Hör auf, Malfoy“, bat Harry und zog sich mit einigen Schwierigkeiten zurück. Seine Nerven waren aufgewühlt, er zitterte von einem Sturm an Gefühlen, die er nicht näher begutachten wollte, und von etwas, das vielleicht Erregung war, aber er schaffte es, Malfoy zum zweiten Mal an diesem Abend wegzustoßen. „Du kannst nicht geradeaus denken, es ist spät und du hattest einen anstrengenden Tag. Außerdem bist du betrunken und… du hast gesagt, dass du nicht schwul bist -“
„Ich weiß, was ich tue“, unterbrach ihn Draco. Seine Augen glitzerten silbern im gedämpften Licht. Er ließ eine Hand über Harrys Brust gleiten und zog an dessen Pullover, so dass Harry der Atem stockte. „Ich tue etwas Anderes und Aufregendes.“
Harry zuckte leicht zusammen, als er spürte, wie Dracos Hände sanft seine Haut direkt unter dem Saum seines Hemdes liebkosten. Das ist es, erklärte ihm eine hilfreiche Stimme aus dem Hintergrund seines betäubten Verstandes, daher kommt all die Spannung zwischen uns… das ist es…
Weiter kam er nicht, denn in diesem Moment zog ihn Draco an seinem Hemdkragen zu sich, so dass ihre Gesichter nur noch Zentimeter voneinander entfernt waren.
„So“, zischte Draco leise, während seine freie Hand zu Harrys Gürtelschnalle wanderte. „Was sagst du?“
Er benutzt dich, Harry, warnte die Stimme, er hat es selbst gesagt. Du bist ihm nicht wichtig. Morgen früh wird er aufwachen und so tun, als wäre nichts geschehen.
Aber das Gefühl von Dracos Händen auf seiner Haut löschte jeden Effekt aus, den die Stimme hätte haben können. Mit einem Ziehen irgendwo in seinem Bauch, begriff Harry, dass er dies wollte, es schon so lange wollte, aber ob aus Verzweiflung oder Mitleid oder echtem Verlangen, das wusste er nicht. Seine Barrieren brachen zusammen und er streckte die Hände aus, um Draco näher an sich zu ziehen, als urplötzlich und ohne Vorwarnung die leise Stimme in seinem Kopf ihre letzte Trumpfkarte ausspielte: Ginny.
Harry erstarrte, seine Hand auf halbem Wege zwischen ihm und Draco. „Ginny“, wiederholte er laut, ließ den Namen von seiner Zunge rollen wie schmelzende Butter. Er schien in der Luft für einige Sekunden widerzuhallen, bevor er schließlich erstarb.
Dracos Augen flitzten zwischen Harrys hin und her, als ob er in ihnen einen flüchtigen Blick auf die Gedanken erhaschen könnte, die in diesem Augenblick in Harrys Kopf umherwirbelten. „Du willst sie nicht“, sagte er so geradeheraus, dass Harry ihm einen Moment lang fast geglaubt hätte.
„Ich liebe sie“, sagte Harry, aber sogar er hörte, dass seine Stimme schwach und verzweifelt klang, „und sie liebt mich. Ich würde sie nie betrügen… nicht so.“
Dracos Mundwinkel zuckten. „Wie dann?“
„Wie -?“
„Wie würdest du sie betrügen?“
„Das würde ich nicht!“ sagte Harry scharf. „Hör zu, ich habe schon gesagt -“
„Sie ist eine schmutzige kleine Nutte, Potter“, unterbrach ihn Draco kalt. Die rosige Farbe in seinen Wangen wurde zu einem tiefen Rot. „Hast du überhaupt eine Vorstellung davon, mit wie vielen Typen sie schon herumgemacht hat? Lass mal sehen… Hopkins, Corner, Thomas, vielleicht sogar Longbottom… Oh, und ich weiß, dass Blaise gesagt hat, er würde nie so eine Blutsverräterin anfassen, aber wer weiß… Ich hatte immer den Verdacht, dass er jede Gelegenheit nutzen würde, um sie auf der nächsten -“
„Halt die Klappe, Malfoy“, sagte Harry mit vor Wut zitternder Stimme.
„Und was wirst du tun, wenn ich nicht auf dich höre?“ spottete Draco, dessen Stimme jetzt wieder undeutlicher wurde. „Willst du mich verhexen? Ja, das tätest du bestimmt gern, Potter, nicht wahr… niemand würde es je herausfinden… und du könntest zu deiner Schlampe zurückkehren und ihr erzählen, dass Draco Malfoy versucht hat -“
„HALT DEN MUND!“ brüllte Harry. Zwei der auf dem Boden liegenden, leeren Flaschen explodierten mit beträchtlicher Wucht, aber Harry achtete nicht darauf. „Spricht nicht so über Ginny!“
Draco grinste höhnisch und Harry konnte nicht anders als sich daran zu erinnern, dass diese Lippen vor wenigen Minuten etwas völlig anderes getan hatten. Er erschauerte heftig und versuchte, diesen Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben.
„Na schön“, sagte Draco mit glitzernden, grauen Augen, „na schön, ich werde nichts mehr über sie sagen. Aber denk daran… Bis du endlich kapiert hast, dass du nur mit ihr zusammen bist, weil du alles tun würdest, um dir einen Platz innerhalb der Weasley-Brut zu sichern, wird sich jemand anders in mich verliebt haben und ich werde dich nicht mehr brauchen.“
Harry starrte Draco mit offenem Mund an, während er darum rang, diese dreisten Worte zu verstehen. Ganz abgesehen von der Stichelei über Harrys angebliche Absichten was seine Beziehung mit Ginny anging, was meinte Draco mit „wird sich jemand anders in mich verliebt haben“?
Mit einem Mal fühlte Harry einen Übelkeit erregenden Stich von Eifersucht. Eifersucht. Und dieses Mal nicht die Version mit dem Beschützerinstinkt… Nein, sondern die Version, die ihn fest entschlossen sein ließ, jeden in Stücke zu reißen, der es wagte, sich in Draco zu verlieben, denn der Job, Draco mit seiner Liste zu helfen, war Harrys - und einzig und allein Harrys.
Also hatte er vorhin falsch gelegen. Vielleicht, nur vielleicht, fühlte er eine merkwürdige Art von Zuneigung zu Draco… nur ein klein wenig. Aber es war nichts als eine Erweiterung ihrer seltsamen kleinen Freundschaft, ein Ergebnis von zu viel mit einer einzigen Person verbrachter Zeit. Ganz sicher war es nicht Liebe, wie Draco unterstellte. Harry würde Ginny nie betrügen. Außerdem war sich ziemlich sicher, dass er Mädchen mochte - obwohl er, wenn er darüber nachdachte, überrascht war, dass ihn der Gedanke, schwul zu sein, nicht im Geringsten störte, obgleich er in einem homophoben Haushalt aufgewachsen war. Es war ihm nur nie als Möglichkeit in den Sinn gekommen.
Harry atmete tief ein und zählte innerlich bis fünf. „Wieso - wieso gehen wir nicht einfach schlafen?“ schlug Harry in erzwungen ruhigem Ton vor, obwohl in ihm immer noch die Wut über Dracos grausame Bemerkungen kochte und er sich in seiner Verwirrung über alles andere den Kopf zerbrach. „Es ist fast Mitternacht und ich muss morgen früh fort.“
Draco hob nur die Schultern. Die eben noch so offensichtliche Bosheit schien so schnell verschwunden zu sein, wie sie gekommen war. Harry erinnerte sich an etwas, das Tonks gesagt hatte: Dass Trinken in manchen Personen das Beste und in anderen das Schlechteste zutage förderte. Er hatte den Eindruck, dass ihn Dracos Fall beides zutraf. In gewisser Weise war es furchteinflößend, wie schnell die Stimmungen des anderen Jungen sich verändert hatten.
„Äh - möchtest du hier schlafen?“ fragte Harry vorsichtig. „Oder… ich schätze, wir könnten die Betten nehmen, aber ich schätze, die sind schon sehr lange unbenutzt, deshalb sind sie wahrscheinlich -“
„Hier“, unterbrach ihn Draco, „ich schlafe hier, beim Feuer.“
Er deutete mit dem Kinn in Richtung des Deckenhaufens, der in der Nähe des Geheimgangs lag und Harry schnalzte seinen Zauberstab, so dass sie herübergeflogen kamen und auf seinem Schoß landeten. Eine davon warf er Draco zu.
Harry sah abwesend zu, wie Draco, ziemlich wacklig, auf die Füße kam und zum Sofa hinüber ging. Ärgerlich wie er war, hielt er sich trotzdem zurück und sagte nichts darüber, dass Draco so egoistisch war und ihm nur einen der Sessel zum Schlafen ließ.
„Du kannst in einem der Betten schlafen oder so“, murmelte Draco nachdem er sich auf dem Sofa ausgestreckt und die Decke bis über die Schultern hochgezogen hatte, so dass er aussah wie ein schläfriges Kind. „Aber… tu mir den Gefallen und bleib noch ein klein bisschen, okay? Zabini hat immer gesagt, dass dieser Ort von Dementoren heimgesucht wird… und da du derjenige bist, der einen Zauberstab hat…“
Draco verstummte, sein Gesicht unter dem rosigen Glühen des herabbrennenden Feuers sichtlich bleich, als sei schon der Gedanke an Dementoren genug, um ihn jeglichen Glücksgefühls zu berauben. Einen flüchtigen Augenblick lang dachte Harry darüber nach, den Raum doch zu verlassen, um Draco eine Lektion dafür zu erteilen, dass er so über Ginny hergezogen hatte, aber Schuldgefühle verscheuchten diese Idee fast auf der Stelle wieder. So boshaft er war, hatte Draco doch willentlich seinen Zauberstab zurückgelassen und sich von Harry aus der Sicherheit der Schule wegbringen lassen. Wie konnte Harry sein Vertrauen nun verraten, wo er so verängstigt aussah? Sicher, Harry wusste, dass es nun, da der Krieg vorüber war, genauso unwahrscheinlich war, dass Dementoren bei der Heulenden Hütte auftauchten wie dass sie zum Ministerium kommen würden, aber trotzdem…
„Ja, okay“, seufzte Harry, machte sich aber nicht die Mühe, Draco von seiner irrationalen Furcht abzubringen. Er stand auf und ging hinüber zum gemütlicher aussehenden der beiden Sessel. Auf dem Weg ließ er mit einer Bewegung seines Zauberstabs die leeren Flaschen und die Glassplitter verschwinden, die den Boden bedeckten. Er kuschelte sich unter die warme Decke und sagte leise: „Frohe Weihnachten, Malfoy.“
Dracos verschleierte Augen erschienen wieder silbern, als sie sich auf Harrys Gesicht hefteten und er antwortete ruhig: „Es ist nach Mitternacht.“
Harry sah weg und sagte nichts.
Die Nacht zog sich dahin, während Dracos tiefer werdende Atemzüge und das kaum hörbare Heulen des Windes draußen den Raum füllten. Harry seufzte und zog die Decke fester um sich. Während er blicklos in die flackernden Flammen hinter dem Gitterrost starrte, kam ihm in den Sinn, wie seltsam abgeschnitten vom Leben außerhalb dieser Mauern er sich im Moment fühlte. Abgeschottet in dieser kleinen Hütte erschien es Harry unbegreiflich, dass da draußen eine andere Welt existierte… eine Welt, in der es nicht länger Sirius, Dumbledore, die Weasleys und so viele andere seiner engen Freunde gab, eine Welt, in der Draco Malfoy kein normaler Teenager war wie Harry, sondern ein Todesser, der zum Kuss des Dementors verurteilt war. Er hatte das Gefühl, als seien Tage anstelle von Stunden seit ihrem Besuch in Askaban vergangen…
Harry seufzte erneut. Seine Gedanken wanderten, wie üblich, zu Draco oder genauer, zu ihrer Unterhaltung von vorhin, die Harry nicht vollständig überzeugt hatte. Er war sicher, dass Draco gelogen hatte, als er gesagt hatte, er sei in niemanden verliebt und… nun, es war ja nicht so, als stünde er mit irgendjemandem außer Harry auf freundschaftlichem Fuße… konnte es sein, dass Draco doch in ihn verliebt war? Harrys Herz flatterte einen Moment lang verräterisch bei diesem Gedanken, was ihn dazu trieb, frustriert seine Brille auf den Tisch zu werfen und sein Gesicht in den Händen zu vergraben.
Harry suchte in seinem Gedächtnis nach einer Erinnerung, irgendeiner Erinnerung, die ihm einen Hinweis geben würde, wieso er plötzlich diese Art Gefühle für Draco hegte. Wann hatte Draco jemals etwas getan, um Harrys Hingezogensein zu ihm zu rechtfertigen? Er war Harry gegenüber immer nur kalt und sarkastisch gewesen. Und doch, seit ihrer Rückkehr nach Hogwarts hatte er eine Art Verletzlichkeit an den Tag gelegt, die Harry nie von ihm erwartet hätte… und es gab keinen Zweifel, dass sich hinter den albernen Beleidigungen Witz und Intelligenz verbargen… und dann war da diese Aura von störrischer Unabhängigkeit um ihn herum, die Harry faszinierte und ihn ungeheuer an Ginny erinnerte…
Ginny. Ginny war seine feste Freundin. Sicher galt es als Betrug, wenn er auf diese Weise über Draco nachdachte. Unglücklich legte Harry das Kinn auf seine Knie und versuchte, an Ginny zu denken: Die Art, wie der Sonnenschein auf ihrem Vorhang von rotem Haar leuchtete, wenn sie den Kopf wandte, die Art, wie ihre warmen, braunen Augen bei der Erwähnung von Quidditch eifrig aufleuchteten, die Art wie ihr Lachen Leben und Aufregung in ihrer Umgebung verbreitete…
Aber es nutzte nichts: Rot verwandelte sich in Weißblond und Braun in Hellgrau und wieder konnte Harry nur Dracos bleiche, scharfe Züge in seinen Gedanken sehen. Seine Gedanken rannten auf nervtötende Weise in einem Kreis, aus dem er nicht ausbrechen konnte.
Harry biss sich auf die Lippe, um ein verärgertes Aufstöhnen zu unterdrücken und erlaubte sich schließlich, Draco anzusehen. Gegen seinen Willen entschlüpfte ihm ein kleiner Seufzer, als er zu der friedlich schlummernden Gestalt des anderen hinüber sah. Es schien geradezu absurd, dass jemand, dessen Wangen im Schlaf so zart gerötet waren, Morde begangen und sich in den Dunklen Künsten versucht haben sollte.
Stünden die Dinge anders, wenn Draco in einer Familie wie den Weasleys geboren worden wäre? fragte sich Harry im Stillen. Wäre es dann okay, solche… Gefühle für ihn zu haben?
Harry zwang sich, diese Gedanken beiseite zu schieben. Es nutzte nichts, über Was-wäre-wenns nachzudenken. Der Draco, der da so seelenruhig zwei Meter von ihm entfernt schlief, würde sich eher den Hals aufschlitzen als bei Rons Eltern aufwachsen wollen. Und auch wenn Draco niemals in die Dienste Voldemorts getreten wäre, war da noch die unbestreitbare Tatsache, dass Harry Mädchen mochte.
Mit einem gewaltigen Gähnen vergrub sich Harry tiefer unter der Decke, legte seinen Kopf auf die Schulter und schlief auf der Stelle ein.
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Während er einen schmalen Waldweg entlang ging, waren seine Augen auf eine silbern glänzende Hirschkuh gerichtet, die ihn immer weiter in die dunkle Wildnis vor ihm führte. Direkt neben dem Pfad raschelte etwas, aber Harry erschrak nicht, er wusste, dass ihm nichts Schaden zufügen würde, so lange mit Snapes Patronus unterwegs war. Er vertraute ihm völlig, aber trotzdem… Sie waren nun schon eine lange Zeit gewandert und Harry begann sich zu fragen, wohin das Wesen ihn führen mochte…
Gerade als Harry die Hirschkuh fragen wollte, wohin sie gingen, hielt sie an, wandte sich um und richtete ihre schönen, leuchtenden Augen auf ihn. Einige Sekunden lang blickten sie sich ernst an. Und dann verwandelte sie sich ohne Vorwarnung in ihren Herrn.
Harry griff instinktiv nach seinem Zauberstab, aber er war nicht da. Panisch tastete er in seiner Tasche danach, aber er war verschwunden. Beklommenheit ersetzte seine vorherige Gemütsruhe und er fragte Severus Snape laut: „Was tun Sie hier?“
Snape hielt eine Hand hoch und lächelte höhnisch. „Ganz ruhig, Potter, ich bin nicht hier, um ihnen zu schaden.“ Er schimmerte genauso hell wie sein Patronus vorher. „Ich bin gekommen, um Sie zu bitten, über ihn zu wachen… Lassen Sie nicht zu, dass er Sie von sich stößt. Er braucht Sie, mehr als jemals zuvor… Ich habe den Fehler gemacht, mich von Vorurteilen leiten zu lassen -“
„Wer ist ?er'?“ fiel ihm Harry ins Wort.
Snapes schmale Lippen kräuselten sich. „Ich habe Ihre Mutter geliebt…“, wisperte er.
Und dann zogen sich seine kalten, schwarzen Pupillen zusammen zu roten Schlitzen, wie die einer Schlange und Voldemorts Stimme zischte: „Hast du das gehört, Potter? Er hat deine Mutter geliebt… deine wertlose, muggelgeborene Mutter… deine Mutter…“
Harry erwachte mit einem Ruck, immer noch Voldemorts Stimme in den Ohren, die nicht verklingen wollte - und dann traf es ihn mit einem Schlag wie ein Kübel Eiswasser, dass es nicht Voldemorts Stimme war, die „Mutter“ rief, sondern Dracos.
Harry kämpfte sich in eine sitzende Position und blinzelte hinüber zu Dracos schlafender Gestalt. Sein Herz presste sich unangenehm zusammen, als er Tränen in Dracos Augenwinkeln glitzern sah. Während Harry ihn beobachtete glitten sie über seine blassen Wangen und hinterließen im Feuerschein glitzernde Spuren. Dies erinnerte ihn lebhaft an den Tag in der sechsten Klasse, als er Draco zufällig weinend in der Mädchentoilette gefunden hatte.
Harry griff fest in die Armlehne seines Sessels, seine Finger gruben sich tief in das weiche Material. In seinem Nacken zog es unangenehm von der schiefen Haltung, in der er eingeschlafen war, aber er bemerkte es kaum, während er mit sich rang, ob er Draco aufwecken sollte oder nicht.
„Mutter…“, flüsterte Draco wieder, während lautlose Tränen über seine Wangen glitten, „nein, bitte sag es ihr nicht… vergib mir, Mutter…“
Dann, gerade als Harry beschlossen hatte, dass er Draco nicht länger leiden sehen konnte - denn es war offensichtlich, dass ihm sein Traum, um was immer er sich drehen mochte, beträchtlichen Schmerz verursachte - atmete Draco tief und zitternd ein, drehte sich um, so dass sein Rücken zu Harry zeigte und begann wieder tief und gleichmäßig zu atmen.
Harry war einige Minuten lang wie betäubt, bevor er bemerkte, dass er bebte. Er war nicht ganz sicher, warum - er hatte Menschen in schlimmeren Arten von Qual als Albträumen gesehen. Er atmete zitternd aus und lehnte sich wieder in eine halbwegs bequeme Position in seinem Sessel. Aber so sehr er es auch versuchte, er schaffte es nicht, wieder einzuschlafen. Er blieb mehrere Stunden hellwach, starrte in das herunterbrennende Feuer und fragte sich, ob Draco vielleicht auf eine Weise litt, die er, Harry, nicht einmal ansatzweise verstehen konnte…
A./N.: Ich hoffe, ihr hattet Spaß mit eurem Weihnachtsgeschenk .
Also, die meisten waren dafür, dass ich den Rhythmus ein bisschen verlängere, wir sehen (lesen) uns also so ungefähr Mitte bis Ende Januar wieder (vielleicht gibt's bis dahin ja auch ein neues Kapitel im Original für die, die vielleicht parallel lesen). Wenn ich Zeit habe, werde ich dafür ein paar kleinere Sachen übersetzen, vielleicht ist da auch etwas für euch dabei.
Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch!
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