
von Lapis
A./N.: Willkommen zum nächsten Kapitel. Ich hoffe, ihr habt alle das neue Jahr gut angefangen. Die lange Wartezeit war nicht ganz beabsichtigt, aber dieses Mal hat sich das Leben außerhalb des Internets vorgedrängt - that's life. Obwohl ich MaGnos noch geschrieben hatte, dass mein Privatleben mich nicht hindert, schneller zu übersetzen - hoppla. Aber das war tatsächlich nicht vorauszusehen
Wieder vielen Dank an meine Reviewer - hat mich sehr gefreut, wie ihr mitlebt und -leidet: Cho17, MaGnos und Cura.
Viel Spaß!
Can't sleep now, no, not like I used to
I can't breathe in and out like I need to
It's breaking ice, now, to make any movement
What's your vice? You know that mine's the illusion
- OneRepublic, “Goodbye Apathy”
Kapitel 17: Eine Wahl
Am nächsten Morgen wurde Draco ganz allmählich durch das heftige Pochen in seinem Kopf geweckt. Das helle Sonnenlicht, das durch Ritzen im Mauerwerk drang, schmerzte fast in seinen Augen und er blinzelte mehrere Male, bevor er sich regte und vorsichtig mit den Fingerspitzen seine klopfenden Schläfen befühlte.
Zumindest ist es nicht so schlimm, wie immer behauptet wird, dachte er reuevoll. Er hatte schon gehört, dass sich ein Kater anfühlte, als ob eine Herde Hippogreife über einen getrampelt wäre und man dann gezwungenermaßen das orangefarbene Ende einer Kotzpastille zu sich genommen hätte, aber das fühlte sich eher nach besonders fiesen Kopfschmerzen an.
Vorsichtig hievte er sich in eine halbsitzende Lage. Das allerdings hatte heftige Auswirkungen. Draco hatte kaum Zeit, auf seine Umgebung zu achten, bevor ihn eine Welle von Übelkeit überkam, die ihn zwang, die Hand vor den Mund zu schlagen und die Zähne zusammenzubeißen.
„Alles klar, Malfoy?“ fragte eine leicht amüsierte Stimme.
Draco schluckte mit einiger Mühe und ließ seine Hand fallen. „Potter“, grüßte er knapp, zu beschäftigt damit, sich nicht zu übergeben, um aufzublicken. Das Pochen in seinem Kopf wurde heftiger und hielt seine Gedanken hartnäckig davon ab, zum vergangenen Abend zu schweifen. Die Erinnerungen an diesen waren im Moment frustrierend verschwommen.
„Da“ - Schritte polterten über den Holzboden und Draco zuckte zusammen - „nimm das.“ Die Schritte hielten neben Draco an und ein kleines Fläschchen tauchte vor seinem Gesicht auf. Draco nahm es.
Draco wollte gegen das gleißende Sonnenlicht die Augen nicht öffnen und fragte daher mit einem halben Stöhnen: „Was ist das?“
„Der Typ im Laden hat gesagt, es würde am Morgen danach helfen“, sagte Harry, dessen Stimme etwas besorgt klang. „Du warst zwar ziemlich verpeilt, aber so furchtbar viel hast du nicht getrunken, also sollte es ganz gut wirken.“
Draco protestierte nicht einmal gegen Harrys Stichelei über seine Alkoholtoleranz. Er wünschte der Maxime seines Vaters, niemals unbekannte Getränke von anderen anzunehmen, ein stilles Lebewohl, entkorkte die Flasche und leerte das bitter schmeckende Gebräu in einem Zug.
Fast sofort ließ das Pochen in seinem Kopf nach. Draco seufzte tief erleichtert auf, öffnete die Augen, stellte die Flasche beiseite und setzte sich gerade hin.
„Wie spät ist es?“ krächzte er, während er sich die Stirn rieb und sich umsah.
Harry war zu seinem Sessel zurückgekehrt und vermied Dracos Augen, indem er seinen Blick auf einen Punkt ziemlich genau über dessen linkem Ohr richtete. „Fast zehn“, sagte er.
„Fast zehn?“ wiederholte Draco stirnrunzelnd. „Hattest du nicht gesagt, du wolltest früh fort?“
Nun wirkte Harry eindeutig unbehaglich. „Ja, aber ich dachte, ich lasse dich… ein bisschen ausschlafen“, sagte er, während seine Augen nervös von einer Seite zur anderen huschten.
Verwirrt ließ sich Draco gegen die Sofalehne fallen und durchkämmte sein Gedächtnis nach Details des Vorabends. Sie tröpfelten langsam, wie durch ein stecknadelkopfgroßes Loch in einem Damm, in sein Bewusstsein bis sich zu guter Letzt ein einigermaßen vollständiges Bild geformt hatte, so dass Draco eine ungefähre Vorstellung davon hatte, was passiert war, dass Harry sich so seltsam benahm.
„Oh, um Merlins Willen!“, rief er aus und schoss in eine aufrechte Position. „Wir haben doch nicht…?“
„Du bist derjenige, der… du weißt schon“, antwortete Harry und zuckte hilflos mit den Schultern. Er wurde wieder rot und Draco schluckte heftig und versuchte, seinen Körper zu zwingen, nicht zu reagieren, während er sich vorbeugte und sein eigenes rot gewordenes Gesicht hinter seinen Haaren verbarg.
„Potter, warum hast du mich nicht aufgehalten?“ fragte er heiser. „Ich - sollte nicht - “
„Vergiss es“, sagte Harry schnell, als sei er fest entschlossen, dieses unangenehme Thema abzuschließen. „Es war nicht - ich meine, ich habe kein Problem mit - und ich werde nicht - lass uns zusammenpacken, okay?“
Am Ende seines Gestammels war er völlig durcheinander, sprang auf die Füße und begann mit Hilfe seines Zauberstabs, den Raum, in dem sie übernachtet hatten, in Ordnung zu bringen. Als er die Ausgabe von Eine Geschichte von Hogwarts erreichte, die er Draco geschenkt hatte, hielt er inne und hob sie eigenhändig auf. Draco beobachtete ihn dabei.
„Bitte sehr“, sagte Harry und hielt Draco das Buch entgegen, ohne ihm in die Augen zu sehen.
Draco nahm das Geschenk wortlos entgegen. Er war zu verlegen, als dass ihm irgendetwas eingefallen wäre, was er hätte sagen können. Sobald er sicher war, dass Harry ihm den Rücken zuwandte, wickelte er es sorgfältig in seine Decke.
Während er zusah, wie Harry die Weihnachtsdekoration verschwinden ließ, saß Draco da und dachte darüber nach, was er Harry in der vergangenen Nacht versehentlich verraten hatte. Stimmte es, was er gesagt hatte? Sein Vater hatte ihm etliche Male erklärt, dass Menschen im betrunkenen Zustand alle möglichen Dinge zugaben, die sie normalerweise für sich behalten würden. Das war der Grund, warum es, Lucius zufolge, niemals eine gute Idee war, in der Öffentlichkeit zu viel zu trinken. Aber sicher hätte Draco bemerkt, dass er sich verliebte, besonders in Harry. Schließlich waren Liebe und Hass keine Gefühle , die man einfach so verwechseln konnte.
Beruhige dich und denke nach, Malfoy, wies sich Draco im Stillen zurecht. Wie konnte das passieren?
Draco trat im Geiste einen Schritt zurück und erinnerte sich: Harry, der mitten in der Nacht neben seinem Bett saß und ihn verzweifelt rief, die Stimme voller Sorge um jemanden, den er sechs Jahre seines Lebens gehasst hatte. Harrys Ärger um seinetwillen, als McGonagall ihm erklärte, es sei unmöglich, dass er seine Mutter besuchte. Harrys Arme um ihn im Versuch, den Einfluss der Dementoren abzuwehren, gerade bevor sie von Askaban weg apparierten. Und es kam ihm in den Sinn, dass er vielleicht bisher nicht genug gewusst hatte, um die Symptome richtig zu deuten.
Dann atmete er schar ein und erinnerte sich an all die Augenblicke, die sie zusammen verbracht hatten, die ihn fast hatten vergessen lassen, dass seine Zeit begrenzt war, all die Nächte, die er wach geblieben war und sich gefragt hatte, ob Harry sich an ihn erinnern würde, wenn er fort war, all die beiläufigen Bemerkungen, Blicke und Lächeln, die sein Herz hatten stocken und ihn seine kalten Erwiderungen hatten vergessen lassen und war nun sicher, dass er bisher nicht genug gewusst hatte, um die Symptome richtig zu deuten.
Die Erkenntnis traf ihn, als hätte ihn ein Schockzauber voll in der Brust erwischt. Er war so dumm gewesen, sich ausgerechnet in die eine Person zu verlieben, bei der er es sich nicht leisten konnte.
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Harrys Herz war schwer, als er im unterirdischen Tunnel, der die Heulende Hütte mit den Ländereien um Hogwarts verband, voranging. Unterwegs versuchte er sich mit dem Gedanken aufzuheitern, dass er bald Ron, Hermine und Ginny sehen würde. Aber es funktionierte nicht - bei jedem Schritt, den er machte, flog sein Verstand zurück zum vergangenen Abend und wieder stand er vor einer Anzahl unangenehmer Gedanken, für die er nicht bereit war.
Als sie schließlich auf den schneebedeckten, gefrorenen Boden hinaustraten, seufzte Harry erleichtert auf. Er war so erleichtert, die Stätte der Ereignisse des vorangegangenen Abends hinter sich zu lassen, dass selbst der scharfe, bitterkalte Wind nicht so heftig erschien wie sonst. Sobald er sich aus der Erdspalte herausgewunden hatte, kratzte er eine Handvoll Schnee zusammen, kam auf die Füße und warf den Schnee hoch in die Luft, um ihn im morgendlichen Sonnenschein glitzern zu sehen, als er wieder zur Erde schwebte.
Als der ganze Schnee wieder zu Boden gefallen war, wandte sich Harry um, um Draco anzublicken. Er beobachtete Harry mit im Sonnenlicht glänzenden, grauen Augen. Irgendwie war ihr Ausdruck seltsam - er war zurückhaltender als sonst, aber das war es nicht, was Harry erschreckte. Nach einigen Sekunden, begriff er, was es war: die seltsame Furcht, die Harry gesehen hatte, als sich ihre Blicke in Gringotts getroffen hatten, war wieder da.
Für einen Moment dachte Harry darüber nach, Draco zu fragen, was los war, aber dann fiel ihm wieder ein, was Draco am Abend zuvor über Ginny gesagt hatte und seine Entschlossenheit kehrte zurück. „Lass uns gehen, bevor uns jemand hier draußen sieht“, sagte er so neutral wie möglich.
Harry wollte sich zurück zum Schloss drehen, aber Draco packte seinen Arm und zwang ihn, ihm in die Augen zu sehen. „Geh nicht“, sagte er.
Harry atmete tief ein und riss seinen Arm los. „Ich muss.“
„Dann mach Schluss mit ihr“, drängte Draco, während sein Blick immer intensiver wurde, so dass Harry sich absolut nicht in der Lage sah, wegzublicken. „Ich lass dir eine Wahl, Potter.“
Harry erstarrte vor Überraschung. Er hatte alles mögliche von Draco erwartet, aber dies war ganz sicher nicht auf seiner Liste gewesen. Das war also der Beweis, dass Draco die Dinge, die er am Abend zuvor in der Heulenden Hütte gesagt und getan hatte, ernst gemeint hatte.
Einzig und allein dieses Wissen ließ Harry zögern. Er wusste, es wäre so einfach gewesen, nein zu sagen und Dracos Hand abzuschütteln. Aber er tat es nicht. Er blieb stumm, traute sich nicht, den Mund aufzumachen, voller Angst vor der Antwort, die herauskommen würde.
„Eine Wahl“, wiederholte Draco, bevor er Harrys Arm los ließ.
Harry schluckte und stieß hervor: „Ich werde sehen, was über den Rest der Ferien geschieht“, bevor er es verhindern konnte.
Draco sah Harry aus zusammengekniffenen und vorsichtigen Augen abschätzend an. Dann nickte er kurz und machte sich auf den Weg zum Schloss, während sich Harry fragte, wie er es so oft tat im Zusammenhang mit Draco, ob er es wieder gründlich vermasselt hatte, indem er geredet hatte, ohne nachzudenken.
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Draco begleitete Harry nicht zu McGonagalls Büro. Sie verabschiedeten sich am Fuß der Treppe voneinander, mit abgewandten Augen (Draco hatte seine neueste Erkenntnis bezüglich seiner Gefühle für Harry nicht weitergegeben) und einem guten Meter Abstand voneinander. Aber Draco blickte Harry hinterher, bis dieser verschwunden war und hoffte, dass sich der andere an ihr Gespräch draußen erinnern würde.
Als Draco sich auf den Weg in die Bibliothek machte, seine eigene Ausgabe von Eine Geschichte von Hogwarts fest in den Händen, die Bibliotheksausgabe in seinem Rucksack, wurde ihm erst klar, wie ungemütlich leer er sich nun fühlte. Es war, als ob seine Akzeptanz der Tatsache, dass er völlig irrational in Harry verliebt war, das Loch, das Harrys Abwesenheit gewöhnlich hinterließ - ein Loch, das er bisher nicht einmal bemerkt hatte -
vergrößert und zehnmal schlimmer gemacht hatte.
Die Liebe, dachte Draco grimmig, ist ein Miststück.
„He, Malfoy!“
Draco wandte sich automatisch dem Rufer zu.
Im darauf folgenden Sekundenbruchteil passierten gleichzeitig zwei Dinge: Das Herz sprang ihm in die Kehle und seine linke Hand verschwand auf der Suche nach seinem Zauberstab in der Tasche seiner Robe - nur, um festzustellen, dass er dort nicht war. Er hatte seinen Zauberstab im Slytherin-Gemeinschaftsraum gelassen und seit seiner Rückkehr nicht daran gedacht, zurückzugehen und ihn wieder zu holen.
Auf der Stelle änderte sich die Richtung, in die Dracos Herz unterwegs war und es rutschte ihm in die Hose.
„Na, was ist denn das? Kein Zauberstab? Du liebe Güte… Und schau nur, auch kein Potter weit und breit, um dich zu verteidigen…“
Die Gruppe von Slytherins schloss sich immer enger um Draco, alle mit einem identischen, gemeinen Grinsen im Gesicht. Pansy hielt sich ein wenig zurück und wirkte unsicher. Sie weigerte sich, Draco anzusehen, als er versuchte, ihren Blick aufzufangen.
Nun geriet Draco in Panik und blickte sich verzweifelt nach einem freundlichen Gesicht um, aber es war keins zu sehen. Selbst die Schüler anderer Häuser, die auf dem Weg zum Mittagessen vorbeikamen, blickten entweder absichtlich weg oder ignorierten die Szene ganz.
Angesichts der Ironie des Ganzen hätte Draco fast gelacht: Die Häuser hatten sich endlich zusammengeschlossen, allerdings unter Umständen, die früher Zwietracht ausgelöst hätten. Dann rief er sich ins Gedächtnis, dass Lachen das schlechteste war, was er in diesem Moment tun konnte, während er seinem Tod unter den Händen von finster blickenden Schulkindern entgegen sah, aber die Ironie darin verstärkte das Amüsement in dem Teil von ihm, der die Szene von außen zu betrachten schien, nur.
Was zum Teufel ist los mit dir, Malfoy?! schrillte plötzlich eine Stimme in seinem Hinterkopf und riss ihn effektiv aus seinen Gedanken. Lauf, du Riesenidiot!
Draco verschwendete keinen Augenblick mehr, atmete tief ein und tat genau das.
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„Potter“, begrüßte ihn McGonagall, als Harry ihr Büro betrat. „Das Flohpulver ist auf dem Kaminsims. Versuchen Sie, nicht zu viel zu verschütten, wenn Sie gehen.“
„Nein, Professor“, sagte Harry. Er blickte sie nervös an und fragte sich, ob sie wusste, dass Draco und er in den letzten vierundzwanzig Stunden eine Handvoll Schulregeln gebrochen hatten, ganz zu schweigen von einigen Gesetzen der Zaubererwelt, aber sie hatte sich schon wieder dem Brief zugewandt, den sie gerade gelesen hatte und schien nichts weiter zu sagen zu haben. Aber Dumbledores Porträt blickte ihn aus seinem goldenen Rahmen mit einem äußerst interessierten Zwinkern prüfend an. Harry errötete und sah weg. Er war sicher, dass, Porträt hin oder her, Dumbledore Legilimentik an ihm ausprobierte, um seine Gedanken zu lesen.
Da Harry keinen Grund hatte herumzutrödeln, ging er hinüber zu dem stattlichen Kamin und nahm eine Handvoll Flohpulver aus einem aus Marmor geschnitzten Behälter. Aber gerade bevor er es in die Feuerstelle werfen wollte, hielt er ganz plötzlich inne, als er ein unbehagliches Kribbeln an seiner Wirbelsäule fühlte.
McGonagall blickte von ihrem Brief auf und fragte mit erhobenen Augenbrauen: „Ist etwas nicht in Ordnung, Potter?“
„Es ist nichts“, antwortete Harry schnell und schüttelte das seltsame Gefühl ab. Eilig warf er das glitternde Pulver ins Feuer, das daraufhin smaragdgrün aufloderte.
Trotz seiner Abwiegelung fühlte Harry wieder einen besorgten Stich, als er in das angenehm warme Feuer trat und er begann sich zu fragen, ob es wirklich eine so gute Idee war, Draco hier allein auf sich gestellt zurückzulassen. Harry wurde einfach das leichte Gefühl nicht los, dass irgendetwas faul war und alles nur schlimmer werden würde, wenn er ginge.
Nein, sagte sich Harry fest, dein Leben dreht sich nicht um ihn. Es ist Zeit, dass du aufhörst, dein eigenes Glück für ihn zu opfern, Harry.
Dennoch, als Harry den Namen des derzeitigen Hauptquartiers - Highcrest Hall - aussprach und McGonagalls Büro vor ihm verschwand, dachte Harry, dass es vielleicht nicht allein die Suche nach seinem eigenen Glück war, was ihn so entschlossen machte, zu seinen Freunden zurückzukehren.
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Es schien länger als sonst zu dauern, bis Harrys Zielkamin vor ihm auftauchte. Als Harry schließlich in einem Wirbel aus Asche aus dem Kamin trat, hatte er kaum eine halbe Sekunde lang Zeit, sich auf seine Umgebung einzustellen, bevor Ron und Hermine durch eine Tür auf der anderen Seite des Raums, in dem er angekommen war, auf ihn zu eilten.
„Harry!“ rief Hermine und zog ihn in eine so feste Umarmung, dass er dachte, sie wolle ihm einige Knochen brechen. „Wir haben dich früher erwartet, was ist passiert?“
„Lass ihn atmen, Hermine“, sagte Rons genervte Stimme und Harry erinnerte sich auf der Stelle an seinen ersten Besuch in Grimmauld Place im Sommer vor der fünften Klasse.
„Schon okay, Kumpel“, sagte Harry, als Hermine ihn wieder losgelassen hatte. Er grinste Ron an, aber der blickte nur mit einem merkwürdigen, beinahe starren Ausdruck zurück. Harry blinzelte und fragte: „Wo ist Ginny?“
„Unterwegs“, antwortete Ron rundweg.
Harry runzelte die Stirn bei Rons kaltem Ton. „Was ist in dich gefahren?“ wollte er wissen.
„Nichts“, antwortete Ron, aber in einem Ton, der mehr als klar machte, dass das „Nichts“ in Wahrheit ein sehr großes „Etwas“ war.
„Ron“, sagte Hermine warnend. Wieder wurde Harry an den Tag vor über zwei Jahren im Sommer erinnert und wie er sich gefühlt hatte, als er herausfand, dass Ron und Hermine Geheimnisse vor ihm hatten.
Harry hob eine Hand und sagte ruhig: „Nein, Hermine, lass ihn reden.“ Er hob eine Augenbraue in Richtung Ron. „Ja?“
Die Spitzen von Rons Ohren wurden blitzschnell rot, ein sicheres Zeichen, dass er versuchte, einen Wutausbruch zu unterdrücken. Harry konnte sich denken, dass er zerrissen war zwischen dem Wunsch, Harry ordentlich die Meinung zu sagen und sich an die Verhaltensregeln zu halten, denen er und Hermine die vergangenen Monate gefolgt waren, wann immer sie mit Harry zusammen waren.
Verärgert sagte Harry nun laut: „Jetzt spuck es schon aus, Ron, und behandle mich nicht wie einen Kranken. Ich habe genug davon, von euch wie ein Patient auf dem Sterbebett behandelt zu werden, vielen Dank.“
Das schien Ron zu reichen. „MALFOY!“ knurrte er wütend, machte einen Schritt vorwärts und stieß Harry gegen die Brust. Hermine quiekte entsetzt auf. „Du - und Malfoy - du warst derjenige - beim Prozess - “
Harrys Herz sank, als ihm klar wurde, was Ron zu sagen versuchte. Irgendjemand hatte ihn schließlich doch überzeugt, dass Harry derjenige war, der Malfoy vorläufig befreit hatte.
„ - und dann bist du noch nicht einmal an Weihnachten gekommen, obwohl du es versprochen hattest - “
Harry warf Hermine einen bittenden Blick zu, aber sie schüttelte den Kopf und rang hilflos die Hände, um zu zeigen, dass sie Ron nichts erzählt hatte. Harry biss die Zähne zusammen und machte sich bereit, den Rest von Rons Tirade durchzustehen.
„ - dass ich den Brief gefunden habe, den du Hermine geschrieben hast, sonst würde ich immer noch im Dunkeln tappen, nicht wahr?“
Hermine blieb der Mund offen stehen. Sie richtete sich hoch auf und stammelte: „Ron, du - du hast in meinen Sachen geschnüffelt?“
„OH JA, DAS HABE ICH, VERDAMMT NOCHMAL!“ brüllte Ron. Er wirkte völlig außer sich. „Wolltet ihr euer kleines Geheimnis etwa für immer vor mir geheim halten? Dachtest du, du könntest immer weiter Entschuldigungen erfinden, um Harrys harmlose, kleine Streiche zu decken?“
Harry warf Hermine, die nun genauso wütend auf Ron schien, wie Ron es auf Harry war, einen kurzen Blick zu und atmete tief ein. „Ron, er - “
„ICH HABE IHN NACH ASKABAN GESCHICKT! HAST DU ÜBERHAUPT EINE AHNUNG, WIE SCHWIERIG - WIE LANG WIR VERSUCHT HABEN - “
„Ich weiß, kannst du vielleicht einfach mal - “
„ER - HAT - MEINE - ELTERN - UMGEBRACHT!“
Und dann, bevor Harry auch nur eine Hand zu seiner Verteidigung heben konnte, taumelte Ron vorwärts, packte ihn vorn an seiner Robe und verpasste ihm einen Boxhieb mitten auf das Kinn.
Harry stolperte nach hinten und ließ einen Schwall von Flüchen los, die beinahe Hermines schrillen Aufschrei übertönten. Der Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen und er ballte die Fäuste und er drehte sich auf den Fersen um, um Ron ordentlich die Meinung zu sagen, als ihn eine erschrockene Stimme innehalten ließ.
„Harry?“
Harry, der gerade dabei gewesen war, Hermine zur Seite zu stoßen, um zu Ron zu gelangen, erstarrte und wandte sich zu der Person um, die ihn gerufen hatte.
In der Tür stand Nymphadora Tonks, eine Hand auf ihrem Bauch und die andere am Türrahmen. Sie schien völlig verwirrt durch die Szene vor ihren Augen.
„T-Tonks?“ stammelte Harry, während sein Verstand bei ihrem Anblick einen Moment lang aussetzte. Es war so lange her, seit er sie zum letzten Mal gesehen hatte, dass er beinahe vergessen hatte, wie sie aussah.
„Ja, ich bin's“, sagte sie. „Was geht hier vor sich?“
„Nur ein Streit unter Freunden“, antwortete Hermine schwach und ließ Rons Pullover, den sie fest gepackt hielt, langsam los.
Tonks' Augenbrauen flogen hoch in ihr kaugummifarbenes Haar. „Unter Freunden?“ fragte sie, während ihr Blick von Harry, der ein zerschrammtes Kinn vorzuzeigen hatte, zu Ron wanderte, dessen Brust sich immer noch schnell hob und senkte. Ihre Mundwinkel zuckten. „Nun, tut mir wirklich leid, das zu unterbrechen, Jungs, aber könnte vielleicht einer von euch mit in die Küche kommen und mir mit dem Mittagessen helfen? Übrigens, Harry, schön dich zu sehen.“
„Gleichfalls“, sagte Harry zerstreut. Nun, da er über die erste Verblüffung darüber, Tonks zu sehen, hinweg war, überwältigte ihn der Schmerz in seinem Kinn fast, ebenso wie der Ärger über Ron. Harry fühlte sich nicht mehr im geringsten schuldig dafür, dass er seinem Freund nicht früher die Wahrheit gesagt hatte. Außerdem war es ohnehin nicht mehr wirklich wichtig, was er getan hatte, Draco hatte ohnehin gerade noch sechs Monate zu leben.
Dieser Gedanke ließ wieder Ärger in ihm aufwallen und er stellte fest, dass er es nicht in einem Raum mit seinen zwei besten Freunden aushielt, nicht, wo sie eine so große Rolle dabei gespielt hatten, dass Draco praktisch zum Tode verurteilt worden war. Er wusste, dass er irrational war, aber das hielt ihn nicht davon ab, seinen Kiefer energisch zu straffen und ohne ein Wort an ihnen vorbei zu stiefeln. Als er Tonks aus dem Raum hinaus folgte, hörte er Hermine zischen: „Ron, wie kannst du es wagen, in meinen Sachen zu wühlen?“ und lächelte finster vor sich hin im Bewusstsein, dass Ron zumindest den verbalen Teil der Schläge bekommen würde, die er verdiente.
„Was war los?“ fragte Tonks neugierig, während sie ihn die staubige Treppe hinunter führte, die den Flur mit der Küche verband.
„Wovon redest du?“ gab Harry zurück, in einem nicht sehr überzeugenden Versuch, zu tun, als wäre nichts passiert. Er setzte sich an den Tisch und sah zu, wie Tonks mit ihrem Zauberstab auf den Vorratsschrank richtete. Die Tür öffnete sich mit einem peng und zwei angeschimmelte Kartoffeln flogen heraus und prallten an die gegenüberliegende Wand, wobei sie Harrys Kopf nur knapp verfehlten.
Tonks zuckte zusammen und sagte: „Ups, Entschuldigung.“ Sie ließ die Kartoffeln mit einem Schwung ihres Zauberstabs verschwinden. Dann fügte sie fröhlich hinzu: „Ich bin einfach grottenschlecht, wenn es um so was geht.“
Harry, der in seiner Eile, den fliegenden Kartoffeln zu entkommen, vom Stuhl gekippt war, richtete sich wieder auf. „Das habe ich gemerkt“, grummelte er.
„Weißt du, ich hab wirklich versucht, es zu lernen, seit Molly nicht mehr hier ist, um für uns alle zu kochen und ich dachte, ich könnte mich wenigstens nützlich machen, so lange ich praktisch unter Hausarrest stehe…“
Tonks verstummte und blickte nervös drein und in diesem Moment bemerkte Harry, dass sie immer noch eine Hand auf ihrem Bauch liegen hatte.
„Ist irgendwas nicht in Ordnung?“ fragte er, während er eine Geste in Richtung ihres Bauchs machte.
Tonks blinzelte. „Nicht in Ordnung? Doch, doch! Remus hat es dir nicht erzählt?“
„Was erzählt?“ fragte Harry wachsam.
„Ich bin schwanger!“
Harry starrte Tonks mit offenem Mund an. „Sch-schwanger?“ wiederholte er fassungslos und alle Gedanken an den Streit mit Ron verschwanden aus seinem Verstand.
Tonks strahlte Harry an und nickte. „Wir haben es erst vor einer Woche herausgefunden.“
„Aber“, protestierte Harry, während er noch mit der Vorstellung einer schwangeren Tonks kämpfte, „ihr seid doch noch gar nicht verheiratet.“
Tonks erwiderte lachend: „Wir haben schon ein Datum für die Hochzeit festgelegt. Remus möchte eine kleine Feier. Er will keine Aufmerksamkeit erregen.“
„Oh“, sagte Harry lahm. „Na dann… Glückwunsch!“
Tonks strahlte ihn wieder an. „Danke, Harry. Aber versuch nicht, mich abzulenken“, fügte sie hinzu und machte ein Gesicht, das ihrer Meinung wohl streng sein sollte, auf Harry aber eher wie eine lustige Grimasse wirkte. „Was genau war vorhin los? Wieso hat Ron dir einen Kinnhaken verpasst?“
„Es ist keine große Sache“, antwortete Harry unbehaglich. Er war nicht sicher, ob er mit Tonks über Draco reden wollte, immerhin war sie Auror und würde sich vermutlich auf Rons Seite stellen.
„Ich habe ihn irgendwas über meinen lieben Cousin Draco brüllen hören“, beharrte sie, während sie Töpfe und Pfannen aus dem Schrank holte und auf die Arbeitsplatte stellte. „Ist ihm etwas passiert?“
Harry musste kurz nachdenken. Er hatte tatsächlich vergessen, dass Tonks und Draco verwandt waren. „Na ja… nein, eigentlich nicht“, antwortete er.
Mit einem tiefen Seufzer blickte er auf und in Tonks neugieriges Gesicht. Bevor er wusste, wie ihm geschah, war er schon dabei, ihr die ganze Geschichte seiner gerade entstandenen Freundschaft mit Draco zu erzählen - wobei er natürlich die Geschehnisse in der Heulenden Hütte außen vor ließ.
„… und dann hat uns McGonagall an Heilig Abend gesagt, die einzige Möglichkeit für ihn, überhaupt hinzukommen, sei am nächsten Tag, du siehst also, ich musste mit ihm gehen.“
Harry blickte Tonks inständig an, ein stummes Flehen in den Augen, die Sache aus seiner Perspektive zu sehen. Sie zog nur ihre Augenbrauen zusammen und bedeutete ihm mit einer Bewegung ihres Kinns fortzufahren. Harry schüttelte den Kopf.
„Das ist alles“, sagte er.
„Also ist Ron wütend, weil er denkt, du hättest den Mörder seiner Eltern ihm vorgezogen.“
„Malfoy hat sie nicht - “
Tonks schüttelte den Kopf und fiel ihm ins Wort. „Nein, ich versuche nur gerade, wie Ron zu denken.“
„Das ist tröstlich“, murmelte Harry.
Tonks winkte ab und sagte: „Tja, ich bin bestimmt keine Expertin, wenn es um solche Dinge geht, aber ich denke, dass Ron so wütend ist, liegt zum Teil daran, dass er eifersüchtig ist. Es klingt, als ob du eine Menge Zeit mit meinem Cousin verbracht hättest, jedenfalls mehr als mit Ron und Hermine und vielleicht sogar Ginny - sie hat mir neulich erzählt, dass sie kaum noch mit dir redet.“
In Harry stieg zuerst Ärger darüber auf, dass hinter seinem Rücken über ihn geredet wurde, dann wurde er ungehalten über die Anschuldigung, dass er seine Freunde ignorieren würde. „Das ist nicht wahr!“, wandte er ein. „Es ist nur - ich kann Malfoy nicht allein lassen! Seine Hauskameraden sind auf sein Blut aus, du weißt nicht, was für welche das sind… Sie wollen Rache für Notts Rauswurf. Ich hätte ihn nicht mit ihnen allein lassen dürfen…“
Harry verstummte, er war zu verstört, um sich klarer verständlich zu machen. Tonks warf ihm einen mitfühlenden Blick zu.
„Harry, ist dir überhaupt klar, wie lächerlich du gerade klingst?“, fragte sie freundlich. „Draco ist ein großer Junge. Du brauchst ihn nicht wie ein Kleinkind zu behandeln. Er kann selbst für sich sorgen. Und seit wann heißt es bei dir ?Ex-Todesser zuerst'?“
„Das stimmt so nicht“, antwortete Harry nervös. „Ich fühle mich nur verantwortlich für alles, was ihm zustößt. Ich meine, es ist meine Schuld, dass er in dieser Situation ist, oder? Ich hätte darüber nachdenken sollen, was er möchte, bevor ich die Abstimmung kippen ließ.“
Tonks lachte. „Du bist manchmal einfach zu ritterlich, Harry.“
Harry errötete und hob die Schultern. „Sorry“, murmelte er.
„Du musst dich nicht entschuldigen“, antwortete Tonks und strahlte wieder. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Topf zu, den sie auf den Herd gestellt hatte und runzelte die Stirn. „Zu dumm, dass wir keinen Hauselfen hier haben…“
„Ich könnte Kreacher herrufen“, schlug Harry vor, erleichtert, dass Tonks aufgehört hatte, ihn zu necken,.
„Mach dir keine Mühe, er hasst mich. Ich schätze, wir werden warten müssen, bis Fleur von der Arbeit heim kommt.“ Sie seufzte und blickte mürrisch drein. „Ich wette, ich weiß jetzt, wie Sirius sich gefühlt hat, als er die ganze Zeit im Haus bleiben musste.“
„Wo ist Ginny?“ fragte Harry in einem Versuch, Tonks, die ihre halbherzigen Versuche, ein Mittagessen zu zaubern, aufgegeben hatte und sich Harry gegenüber an den Tisch setzte, davon abzuhalten, über ihre missliche Lage Trübsal zu blasen.
„Oh, sie ist gegangen, um sich ein bisschen in der Nachbarschaft umzusehen“, antwortete Tonks. „Ich glaube, sie wollte die Muggel-Gerätschaften in Augenschein nehmen, die hier in der Umgebung verkauft werden.“
„Sie ist allein da draußen?“ fragte Harry scharf.
Tonks lächelte über Harrys Tonfall. „Entspann dich, Harry. Kein flüchtiger Todesser wird sie in Muggel-London überfallen.“
Verlegen sagte Harry: „Sorry. Ich bin einfach nur ein bisschen paranoid seit - “
„Seit du sie beinah verloren hättest“, beendete Tonks seinen Satz und nickte verständnisvoll. „Ich weiß.“
Sie saßen stumm zusammen und erinnerten sich an die Nacht, in der Harry das Medaillon zerstört hatte und wie es Harry zuletzt bis an die Grenze zum Wahnsinn gequält hatte, indem es von Ginny Besitz ergriff. Zumindest war es das, an was Harry sich erinnerte - Tonks, wie alle anderen einschließlich Ginny, kannte nicht die ganze Story. Sie dachte, dass Voldemort Ginny in jener Nacht unter dem Imperius-Fluch hatte. Bis zu diesem Tag waren Ron und Hermine die einzigen, die wussten, dass es tatsächlich ein Stück von Voldemorts Seele gewesen war, das durch Ginnys Mund Anschuldigungen und Lügen verbreitet hatte.
Nach einigen Augenblicken der Besinnung räusperte sich Tonks und stand wieder auf. „Also, ich gehe jetzt ein bisschen Papierkram erledigen.“ Sie starrte finster auf die Uhr an der gegenüberliegenden Wand, als sei diese schuld, dass sie zu Hause Papiere wälzen musste, anstatt draußen Dunkle Zauberer zu jagen. „Ginny müsste jeden Augenblick zurückkommen - oh, und tut mir leid wegen des Mittagessens, Harry!“
Sie ging, immer noch mürrisch dreinschauend. Als er schließlich allein in der Küche war, stützte Harry den Kopf in seine Hände und atmete geräuschvoll aus.
Stimmte es, was Tonks sagte? Stellte er wirklich Dracos Bedürfnisse über seine Freundschaft zu Ron, Hermine und Ginny? Wenn er recht darüber nachdachte, dann hatte er in den vergangenen Wochen wirklich nicht viel Zeit mit ihnen verbracht… Und von ihrer Sicht auf die Feiertage schien es dumm, sogar geradewegs absurd, Weihnachten nicht mit ihnen und dem Orden - seiner zweiten Familie - zu verbringen, um stattdessen mit Draco Malfoy nach Askaban zu gehen…
Aber was ist mit Rons Bemerkungen? beharrte ein leise Stimme in seinem Kopf. Er hatte absolut kein Recht, Malfoy auf diese Weise zu beschuldigen! Er war ja noch nicht einmal dabei in jener Nacht, er hat nicht gesehen, wie Malfoy versucht hat, dich zu decken!
„Genau“, erinnerte Harry die Stimme dumpf. „Er weiß nicht, was passiert ist, also hatte er jedes Recht zu sagen, was er gesagt hat.“
Er seufzte und kratzte mürrisch an einem gezackten Brandfleck auf der geschrubbten Holzoberfläche des Tisches. Obwohl er Rons Einstellung gegenüber Draco immer noch nicht mochte - und das erschreckte ihn, da Rons Hass auf Draco ihn nie zuvor gestört hatte, aber er vertrieb den Gedanken wieder und beschloss, jetzt nicht über seine neuen Gefühle Draco gegenüber nachzudenken - konnte er nicht abstreiten, dass er seine Prioritäten neu überdenken musste.
Harry wusste, wie es ohne Rons Freundschaft war und wollte das nicht noch einmal durchmachen. Und auch Hermine hatte Besseres verdient, besonders wenn man bedachte, was sie und Ron während des Kriegs wegen Harry hatten durchmachen müssen. Und Ginny - er würde mit ihr reden und versuchen, ihre Beziehung wieder in Ordnung zu bringen. Sie hatten zu viel gemeinsam erlebt, um es wegen Harrys widerstreitender Gefühle für einen Jungen, den er bis vor zwei Monaten verabscheut hatte, einfach zu Bruch gehen zu lassen. „Nachdem du sie beinahe verloren hast“ - Tonks' frühere Worte tauchten wieder in Harrys Gedanken auf und festigten seine Entschlossenheit, die Flamme wieder zu entfachen, von der bisher nicht bemerkte hatte, dass sie fast erstorben war.
Gut, er hatte Draco versprochen, über dessen Worte nachzudenken und sie nicht einfach abzutun. Es war ja nicht wirklich etwas zwischen ihnen. Hatte Draco das nicht selbst gesagt? Außerdem konnten sie immer noch Freunde sein. Sie konnten einfach tun, als hätten sie vergessen, was am Weihnachtsabend geschehen war und alles würde wie vorher sein. Und selbst, wenn Draco in ihn verliebt sein sollte - was zweifelhaft war, da Draco selbst es verneint hatte, wie Harry sich ins Gedächtnis rief - war es wahrscheinlich nichts Ernstes. Der andere hatte sich in seiner Verzweiflung, es durch seine Liste zu schaffen, wahrscheinlich nur eingebildet, dass er sich in Harry verliebt hatte.
Aber ein kleiner, verräterischer Teil von Harrys Unterbewusstsein spottete über seine Versuche, sich selbst davon zu überzeugen, dass er das Richtige tat, indem er zu Ginny zurückging, ohne Draco eine Chance zu geben. Es wies ihn darauf hin, dass der einzige Grund warum er diese Wahl getroffen hatte, der war, dass er Angst davor hatte, was geschehen würde, wenn er sich anders entschied.
Und warum sollte ich keine Angst haben? fragte sich Harry stumm und hasste den Teil seiner selbst, der sich nicht blind seiner feigen Entscheidung beugen wollte. Bei dem Gedanken an die Auswirkungen, die es haben würde, wenn er Dracos Angebot annahm, war Harry ganz und gar nicht wohl. Er hatte, weiß Merlin, nie so gelebt, wie es anderen normal erschienen wäre, aber dies war etwas anderes. Es war nicht das gleiche, wie gegen das Ministerium zu rebellieren, dort war es um die Wahrheit gegangen und Harry hatte gewusst, dass schließlich herauskommen würde, dass er im Recht war. Dieses Mal hatte Harry keine Ahnung, mit was er es zu tun hatte und das machte ihn nervös. Dieses eine Mal scheute er vor dem Gedanken zurück, ein Risiko einzugehen.
Harry ignorierte die in seinen Eingeweiden nagenden Schuldgefühle und machte sich auf, um sich bei seinen Freunden zu entschuldigen.
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