
von Lapis
A.N.: Nach langer, langer Pause endlich das nächste Kapitel. Wieder ein etwas längeres dieses Mal. Von Annie gibt es immer noch nichts neues.
Wie immer ganz lieben Dank an meine treuen Reviewer Cura, Cho17, Draco92 und Niobe87! Tut mir leid, dass ich es doch nicht geschafft habe, etwas Neues hochzuladen. Aber was nicht ist, kann ja noch werden...
Viel Spaß!
Dancing when the stars go blue
Dancing when the evening fell
Dancing in your wooden shoes
In a wedding gown
Dancing out on 7th street
Dancing through the underground
Dancing with the marionette
Are you happy now?
- Tim McGraw, “When the Stars Go Blue”
Kapitel 18: Ein neues Jahr
Den Rest der Ferien verbrachte Draco in einem erbärmlichen Kreislauf von Trübsal über Harrys Abwesenheit blasen und Selbsthass, weil er sich in ein albernes, liebeskrankes Mädchen verwandelt zu haben schien. Gelegentlich unterbrach er sich darin, um weitere Zutaten in den Kessel im Kerker zu tun, in dem immer noch Felix Felicis vor sich hin blubberte. Aber ansonsten war sein vorheriges brennendes Verlangen, die Ziele auf seiner Liste zu erreichen, fast ausgelöscht. Es fühlte sich einfach falsch an, ohne Harry weiterzumachen.
Stattdessen vertrödelte Draco die meisten Tage in einer Ecke der Bücherei, die nun von den anderen weitgehend als sein Bereich betrachtet wurde (es war der einzige Ort, an dem ihm die älteren Slytherins, die immer noch erbost über sein knappes Entkommen in die Bibliothek waren an dem Tag, an dem Harry gegangen war, nichts tun konnten, ohne gewaltig Ärger zu bekommen), und starrte blicklos auf irgendeine Seite von Eine Geschichte von Hogwarts, die gerade zufällig aufgeschlagen war. Gewöhnlich saß er stundenlang dort und fuhr abwesend mit dem Finger über das schon allmählich geschmeidig werdende Leder des Einbands, während in ihm ein Kampf tobte.
Die weniger rationale Hälfte seines Verstands drängte ihn, einfach weiterzugehen und sich ganz und gar auf Harry einzulassen. Schließlich hatte er nichts zu verlieren. Das stimmte - schon waren drei seiner bewilligten neun Monate vergangen, er hatte keine Zeit, wählerisch zu sein, falls er die Ziele auf seiner Liste erreichen wollte. Aber wie immer kämpfte seine logische Seite dagegen an.
In Harry Potter verlieben! Bist du wahnsinnig? Du bist doch derjenige, der so erpicht darauf war, auch nur seine Freundschaft zu vermeiden und nun sagst du, du willst hingehen und eine Beziehung mit ihm anfangen? Ha!
Nun, das ist es ja gerade, nicht wahr? Du konntest seine Freundschaft nicht vermeiden, jetzt hast du ihn am Hals. Du hast nicht viel zu verlieren, oder? Jetzt ist einfach nicht die Zeit, in Sachen Liebe allzu wählerisch zu sein…
Die Dinge werden nur schlimmer werden, wenn du das tust! Gut, du hast es vorher nicht geschafft, ihn loszuwerden, aber das hier ist etwas anderes. Das hier ist verlieben, das ist etwas viel ernsteres! Was werden die Slytherins denken? Ganz zu schweigen vom Rest der Schule!
Und wen interessiert es, was die anderen denken? Wie ich schon sagte, du hast nichts zu verlieren. Verlieb dich in ihn und dann mach einfach weiter wie bisher. Du kannst wieder etwas von deiner Liste abhaken - nichts schlimmes passiert.
Und wer sagt, dass Potter sich auch in dich verlieben wird, hm? Er ist nicht schwul, das hat er selbst gesagt…Um Merlins Willen, du bist auch nicht schwul, wir sollten dieses Gespräch überhaupt nicht führen…
Oh, halt die Klappe, ja? Wir wissen beide, dass es nicht so sehr die Tatsache ist, dass du schwul bist -
Blödsinn! Was ist mit Pansy?
- was dich stört. Und gib's auf, wir wissen beide, dass dir Pansy absolut nichts bedeutet hat. Deine Sexualität ist nicht das Problem hier, die interessiert niemanden. Es ist die Tatsache, dass es Harry Potter ist, nicht wahr? Du hast es selbst gesagt: Diese ganze Sache macht dir entsetzlich Angst. Aber es ist zu spät, Kumpel…Du hast ihn schon geküsst und es hat dir gefallen. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Hin und wieder uferte dieser mentale Krieg soweit aus, dass Draco Kopfschmerzen davon bekam. Einmal geschah das am Silvesternachmittag. Draco saß wie üblich in seiner Ecke und versuchte ausnahmsweise nicht Eine Geschichte von Hogwarts zu lesen, sondern mit Slughorns Hausaufgabe anzufangen, einem Aufsatz über die ethischen Probleme, die - ironischerweise - durch Liebestränke aufgeworfen wurden, als die Stimmen - Stimmen? Wann hatte Draco akzeptiert, dass er schizophren war? - wieder loslegten.
„Halt den Mund!“, stieß er hervor und beendete damit den Streit, bevor er außer Kontrolle geraten konnte. Zwei vorbeikommende Erstklässlerinnen warfen ihm empörte Blicke zu, die sich rasch in ängstliche verwandelten, sobald sie ihn erkannten. Sie wieselten schnell davon, während Draco ihren schmalen Rückseiten unfreundlich nachstarrte.
Draco lehnte sich zurück, bis der Stuhl auf den Hinterbeinen balancierte, rieb sich die Schläfen und versuchte, an etwas anderes als Harry zu denken. Er konzentrierte sich auf Felix Felicis, aber das verbesserte seine miese Stimmung nicht: Die zurzeit schwarze Substanz näherte sich dem Punkt, an dem die Nebellilie hinzugefügt werden musste, damit es weitergehen konnte, und Draco hatte sie immer noch nicht gefunden. Obgleich er immer noch ungefähr fünf Wochen Zeit hatte, die Blume zu finden, bevor der Trank unbrauchbar werden würde, dachte er, dass vermutlich selbst fünf Jahre zu wenig sein würden, wenn man bedachte, dass er einfach nicht wagte, tiefer in den Verbotenen Wald einzudringen, als er es schon getan hatte. Vielleicht würde Harry helfen, sobald er aus den Ferien zurückkam… aber nein, nun dachte Draco schon wieder an Harry und das war einfach nicht dran.
Draco stand auf, sammelte seine Sachen ein und stopfte sie alle in seine Tasche, die er achtlos über eine Schulter warf. Er wusste nicht, wohin er gehen würde, aber er wusste, dass ein Spaziergang seinen Kopf wieder etwas freier machen würde, also verließ er die Bibliothek und begann den Flur im vierten Stockwerk entlang zu wandern, der glücklicherweise leer war.
Während er so ging, wurde ihm klar, dass er dieses Jahr zum ersten Mal den Silvesterabend getrennt von seinen Eltern verbringen würde - sein erster Silvesterabend ganz allein. Dieser Gedanke verursachte einen Kloß in seinem Hals, aber er schluckte und versuchte, nicht darüber zu brüten, weil es nur zu weiteren Bildern vor seinem geistigen Auge führte, zu Bildern seiner armen Mutter, allein in ihrer kalten, stillen Zelle in Askaban.
Was tat man in einer solchen Lage? fragte sich Draco. Er hatte keine Ahnung, wie man das Neue Jahr ohne extravaganten Champagner und gute Wünsche von angesehenen Ministeriumsmitarbeitern feierte. Seufzend entschied er, dass er erst einmal zum Slytherin-Gemeinschaftsraum zurückkehren würde (heimlich natürlich, seine Hausgenossen hatten zwar aufgehört mit ihren Versuchen, ihn zu verhexen, nachdem sie von Flitwick erwischt worden waren, wie sie Draco in einem Gang in die Enge getrieben hatten, aber das machte den Gemeinschaftsraum nicht sicherer für ihn) und sich ein bisschen auszuruhen. Falls er sich dann danach fühlte, würde er sich überlegen, wie er den nächsten Meilenstein auf seinem Weg zur Hinrichtung - des wirklichen Festtags, wie er trocken dachte - feiern könnte.
Draco wachte einige Minuten vor Mitternacht auf und der Lärm des Festes, das im Gemeinschaftsraum abgehalten wurde, dröhnte in seinen Ohren. Er brauchte einen Moment, um die Erschöpfung, die sein Hirn vernebelte, abzuschütteln und auf seine Armbanduhr nach der Zeit zu sehen. Als er sah, wie späte es war, schoss er in eine aufrechte Position und blickte sich in seinem Raum verzweifelt nach einem Fenster um, in dem Wunsch, den Sekundenbruchteil zu sehen, in dem die vom Krieg zerstörte Welt da draußen sich in eine vielversprechende neue Ära verwandelte, im inständigen Wunsch, den Augenblick zu sehen, in dem das letzte Jahr seines Lebens anbrechen würde.
Aber es gab keine Fenster in den Kerkern und so konnte Draco den einzelnen Stern, der sich genau über ihm mit seinem Glanz gegen die Wolken am Himmel durchsetzte, während die Erde müde eine weitere Umkreisung beendete, nicht sehen. Während der Rest der Welt das Neue Jahr begrüßte, fiel er stattdessen seufzend wieder zurück auf sein Bett, zog die Decke über den Kopf und fragte sich sehnsüchtig, ob Harry wohl an ihn dachte.
***
„Noch eine halbe Stunde!“
Harry grinste und hob zur Antwort sein Champagnerglas. Es war Silvester und er saß im gemütlichen Wohnzimmer von High Crest und feierte mit einem Raum voller Freunde und Ordensmitglieder. Ginny saß an ihn gekuschelt und las eine markierte Seite im Lehrbuch der Zaubersprüche, 6. Klasse während Ron und Hermine auf der anderen Seite des Kaffeetisches saßen und über den Ausgang eines neulich beendeten Todesserprozesses diskutierten. Remus, Tonks, Bill, Fleur, George, Percy und Kingsley waren ebenfalls anwesend und fast alle wirkten zum ersten Mal, seit Harry sie kannte, entspannt.
„Na, wie läuft es mit der Lektüre?“, fragte Harry Ginny, während er müßig zusah, wie George Percy auf der anderen Seite des Raumes wegen irgendetwas neckte. Die überlebende Hälfte der berüchtigten Zwillinge wirkte ausgelaugt und sah älter aus als vorher - was zweifellos dem Verlust seines Zwillings zuzuschreiben war - aber ansonsten schien er, genau wie sein Bruder, in guter Stimmung zu sein.
Ginny blickte auf und lächelte Harry an. „So gut wie es halt laufen kann, wenn man Lesestoff hat, der trockener ist als Tonks' Kartoffelbrei“, sagte sie, laut genug, dass Tonks, die hinter ihnen stand und Bills Bericht über die Entwicklung eines Pro-Werwölfe-Gesetzes im Ministerium lauschte, es hören konnte.
Tonks blickte sich um, als sie ihren Namen hörte. „Pass du nur auf, über wessen Kochkünste du herziehst, junge Dame!“, antwortete sie gereizt, als sie Ginny entdeckte. Bill, der innegehalten hatte, um Atem zu schöpfen, lachte über Ginnys Frechheit. Tonks funkelte ihn einen Moment lang wütend an, bevor sie sich wieder an Ginny wandte und hinzufügte: „Wenn du so weitermachst mit deinen Beleidigungen, bekommst du den Rest der Ferien nichts mehr zu essen!“
„Da bin ich aber erleichtert“, neckte Ginny sie und zwinkerte Harry zu.
Am Freitag, nach ihrer Rückkehr ins Hauptquartier, hatte Harry mit Ginny über ihre festgefahrene Beziehung gesprochen. Sie hatte zuerst abgestritten, dass irgendetwas nicht in Ordnung sei, aber als Harry nicht lockerließ, hatte sie schließlich zugegeben, dass sie die wachsende Kluft zwischen ihnen beiden ebenfalls bemerkt hatte.
Danach hatte Harry sich dafür entschuldigt, dass er ein so unfähiger Freund war und sie hatten den Rest des Tages auf einem kleinen Muggel-Flohmarkt verbracht und die ganzen speziellen Angebote dort genutzt. Harry hatte für Ginny ein goldenes Medaillon erstanden - ein Geschenk, dessen Bedeutung nur er verstand - und verspätete Weihnachtsgeschenke für alle anderen.
Die nächsten paar Tage verflogen schnell. Ron weigerte sich nach wie vor, mit Harry zu sprechen und Hermine war zu beschäftigt als dass sie sich damit hätte abgeben können, ihn zu überzeugen. So hatte Harry die ganze Zeit mit Ginny verbracht. Sie hatten das schöne Herrenhaus erforscht, waren in der Nachbarschaft spazieren gegangen oder saßen vorm Kamin und sprachen über die Schule, den Orden, ihre Zukunft, alles, nur nicht über den Krieg. Harry entdeckte, dass er sich neu in sie verliebte - in ihre Leidenschaft, ihr Temperament, ihre Entschlossenheit… Kurz gesagt, all die Eigenschaften, die auch Draco besaß. Aber zur gleichen Zeit warfen Ginnys beste Seiten auch einen hellen Schein auf den größten Unterschied zwischen ihr und Draco: Während Ginnys innere Stärke warm und beständig war, war Dracos kalt und unnachgiebig.
Unterdessen wachte Harry wieder häufig morgens in kalten Schweiß gebadet auf und hatte das Gefühl, er könne immer noch den rasselnden Atem eines Dementors hören. Er hatte keine Ahnung, wodurch die Rückkehr seiner Albträume verursacht wurde. Harry vermutete, dass sie zum Teil durch Dracos Abwesenheit zu erklären war. Aber Harry weigert sich zu glauben, dass es ausgerechnet Draco war, der ihn von seinen Albträumen befreit hatte und so zwang er sich, Ginnys Gesellschaft zu genießen und über den nächtlichen Schrecken nicht öfter als nötig nachzudenken.
Am Vorabend stand Harry allerdings einem Dilemma gegenüber: Ginny hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass sie wieder mit ihm schlafen wollte, dieses Mal, ohne dass Harry betrunken war. Das hatte Harry in eine schwierige Lage gebracht, denn so sehr er sich bemühte, Ginny zu beweisen, dass ihre Beziehung auf dem Weg zu ihrem früheren Zustand war, so sehr zögerte er, mit ihr ins Bett zu fallen. Zum Teil lag es daran, dass er nicht bereit gewesen war, diesen Schritt in ihrer Beziehung zu tun. Kurzum, heftig knutschen war eine Sache, mit ihr schlafen eine ganz andere. Aber zum größeren Teil fühlte Harry, dass angesichts der Wahl, die er getroffen hatte, keinen Sex mit Ginny zu haben das einzige war, was er Draco trotzdem geben konnte.
Ginny schien zunächst enttäuscht, als er sie behutsam zurückwies, aber dann scherzte sie darüber, dass Harry offenbar zu rein für sie war und Harry erkannte das als ihren tapferen Versuch sicherzugehen, dass sich kein Unbehagen zwischen ihnen ausbreitete. Harry war so dankbar gewesen, dass er sie gepackt und gründlich durchgeknutscht hatte. Und die ganze Zeit versucht hatte nicht darüber nachzudenken, wie verschieden Ginnys und Dracos Küsse sich anfühlten und schmeckten.
„Harry?“
Lupins Stimme holte Harry aus seinen Gedanken. Er schrak auf, als er Lupin sah, wie er sich auf die Sofalehne stützte und ihn anlächelte.
„Hi, Remus“, sagte Harry und löste sich von Ginny, um seinen Lehrer anzusehen. „Wo ist Tonks hin?“
„Sie ist hochgegangen und ruht sich ein bisschen aus.“ Als Harry ihn verwirrt anblickte, erklärte Lupin: „Sie ist ziemlich oft müde, nun, da sie schwanger ist.“
Harry hob die Augenbrauen und sagte: „Sie haben mir nicht verraten, dass Tonks schwanger ist.“
Lupin blickte zu Recht beschämt drein. „Es tut mir so leid, Harry, ich habe es total -“
„Schon okay.“ Harry lachte. „Sie hat es mir schon erzählt.“
„Ach, tatsächlich?“ Lupin klang erleichtert.
„Ja. Herzlichen Glückwunsch übrigens, das ist eine tolle Nachricht.“
„Ja, natürlich.“ Lupins Lächeln schien ein bisschen gezwungen.
„Was ist los?“, fragte Harry.
Lupin seufzte und sah nun entschieden unglücklich aus. „Ich möchte nicht, dass du jetzt schlecht von mir denkst, Harry. Es ist nur… ich mache mir Sorgen um Tonks und das Baby. Ich war verantwortungslos, habe nicht über die Konsequenzen nachgedacht. Was ist, wenn das Baby wie ich wird?“
„Das wird nicht passieren“, antwortete Harry, obgleich er nicht die geringste Ahnung hatte, ob das Kind ein Werwolf sein könnte oder nicht. „Gehen Sie nicht so hart mit sich ins Gericht, Remus.“
Lupin nickte, sah aber nicht sehr überzeugt aus.
Mehr um den düsteren Ausdruck von Lupins vorzeitig gealtertem Gesicht zu wischen als sonst etwas, sagte Harry: „Übrigens wollte ich Sie etwas fragen. Könnten wir irgendwohin gehen, wo es ein bisschen… ruhiger ist?“
Lupin blickte überrascht. „Wie wäre es mit der Küche?“
„Ja, okay.“ Harry lehnte sich zu Ginny und flüsterte in ihr Ohr: „Bin gleich wieder da.“
Sie nickte ohne die Augen von ihrem Schulbuch zu heben.
Harry verließ mit Lupin den überfüllten Raum und hielt kurz an, um Kingsley, der übergangsweise zum Minister für Magie ernannt worden war, hallo zu sagen. Der große, breitschultrige Mann begrüßte ihn warm.
„Lang nicht gesehen, Harry“, sagte er mit seiner bedächtigen, tiefen Stimme.
„Gleichfalls, Kingsley“, antwortete Harry und grinste ihn an. „Ich bin überrascht, dass Sie ausnahmsweise aus Ihrem Büro entwischen konnten.“
Kingsley lachte. „Ja, Minister zu sein hat durchaus seine guten Seiten.“
„Wenn wir schon dabei sind, was haben Sie so getan, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?“
„Größtenteils versucht, die Beziehungen zu den ausländischen Ministern zu kitten. Derzeit arbeite ich daran, die Dementoren aus Askaban hinaus zu bekommen.“
„Tatsächlich?“, fragte Harry und Erleichterung und Hoffnung stiegen in ihm auf. „Das ist ja großartig!“
„Unglücklicherweise wird es eine Weile dauern bis das Gesetz in Kraft tritt, wenn es denn abgesegnet wird. Ein Jahr, vielleicht zwei.“
Harrys Herz wurde schwer. Also würde Draco doch nicht gerettet werden.
Lupin schien seine Traurigkeit zu spüren und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Du wolltest mich etwas fragen“, erinnerte er Harry.
Harry schluckte seine Enttäuschung hinunter und antwortete: „Ach, ja.“ Er lächelte Kingsley etwas gepresst an und folgte Lupin hinaus aus dem Zimmer hinunter in die Küche.
Sie setzten sich so an den geschrubbten Holztisch, dass sie sich ansahen. Einige Sekunden vergingen, während Harry darüber nachdachte, wie er seine Frage formulieren sollte. Von weitem war Georges Stimme zu hören, wie er verkündete, es seien noch fünfzehn Minuten bis Mitternacht. Nachdem er die Stille so lange durchgehalten hatte, wie es gerade noch angenehm war, gab Harry Lupins erwartungsvollen Blick nach und begann schließlich zu sprechen.
„Ich habe mich gefragt… wissen Sie etwas über Lebensschulden?“, sagte er in einem Versuch, beiläufig zu klingen.
Lupin blickte ihn verblüfft und leicht verwirrt an. Harry hatte eine ungefähre Ahnung wieso, Lupin hatte wahrscheinlich eine persönlichere Frage erwartet. „Das ist aber eine seltsame Frage, Harry“, sagte er.
Harry nickte stumm, während er versuchte zu entscheiden, wie viel er Lupin über seine Gründe für diese Frage erzählen wollte. Es war ein Verdacht, der ihn seit einer Weile nicht losgelassen hatte. Er hatte eigentlich beabsichtigt, Hermine während der Ferien danach zu fragen, aber er hegte im Moment nicht die wärmsten Gefühle für sie. Sie hatte ihn ausgeschimpft, weil er Ron nicht früher aufgeklärt hatte und obgleich Harry wusste, dass sie es gut meinte, schätzte er ihr „ich habe es dir gleich gesagt“ ganz und gar nicht.
„Nun, ja“, sagte Harry schließlich, „ich habe mich eben gefragt, ob Sie…?“
Lupin lachte leise. „Na gut. Ich bin kein Experte, aber ich werde es nach bestem Wissen und Gewissen zu erklären versuchen.“ Er hielt inne und beobachtete Harrys plötzlichen Eifer mit leicht erhobenen Augenbrauen. „Gibt es etwas bestimmtes, was du wissen möchtest?“
„Äh - nein, eigentlich nicht. Einfach… alles, was Sie wissen, wenn das okay wäre.“
Lupin hielt inne, blickte nachdenklich, schien seine Gedanken zu sammeln und begann dann.
„Lebensschulden sind sehr viel komplexer, als es sich die meisten Menschen vorstellen können. Es ist mehr nötig, als nur der simple Akt, bei dem ein Zauberer einem anderen das Leben rettet, damit sie in Kraft tritt. Der eigentliche Kern einer Lebensschuld ist das Gefühl von Dankbarkeit und Verpflichtung, das der gerettete Zauberer seinem Retter gegenüber verspürt.“
Harry kaute auf seiner Unterlippe, während er diese neu Einsicht überdachte. Schließlich fragte er: „Aber sind Gefühle wie Dankbarkeit und Verpflichtung nicht relativ?“
„Sehr gut“, sagte Lupin und klang fast genauso, wie wenn er Hermine im Unterricht für eine richtige Antwort lobte. „Sie sind relativ. So kommt es, dass keine Lebensschuld entsteht, wenn der eine Zauberer nichts gegenüber seinem Retter empfindet. Du erinnerst dich doch an Barty Crouch und seinen Sohn?“
Harry nickte langsam, als er sich erinnerte, wie Barty Crouch seinem Sohn geholfen hatte, aus dem Gefängnis zu entkommen. „Crouch hat seinem Sohn das Leben gerettet, aber dieser Sohn hat ihn später umgebracht, richtig?“
„Exakt. Crouch Junior fühlte sich seinem Vater gegenüber nicht verpflichtet, daher konnte er ihn einfach töten. Also existierte die Lebensschuld, die ihn davon hätte abhalten müssen, nicht.“
Harry hatte das vertraute Gefühl im Bauch, das sich einstellte, wenn er auf der Suche nach der Lösung eines Puzzles auf dem richtigen Weg war. „Ist das… allgemein bekannt?“, wollte er wissen.
Lupin schüttelte den Kopf. „Nein, die meisten Leute machen sich nie die Mühe, die Besonderheiten der alten Magie zu erforschen, die nötig ist, um eine Lebensschuld zu konstituieren. Sie nennen es wirren Unsinn, der nicht bewiesen werden kann. Aber ich glaube, eine kleine Abteilung im Raum des Lebens in der Mysteriumsabteilung ist dazu bestimmt, Lebensschulden zu untersuchen.“
Harry runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. Wenn Lupin in jeder Hinsicht recht hatte, existierte zwischen ihm selbst und Draco keine Lebensschuld. Draco hatte ihm schließlich gesagt, dass er ihm keinen Gefallen getan hatte, indem er die Bestrafung hinausgezögert hatte.
Aber sein Instinkt sagte Harry, dass da mehr war. „Und wenn… sagen wir, wenn zwei Menschen das Gefühl haben, dass jeder dem anderen sein Leben schuldet“, sagte er noch zögernder, „würden sich diese Gefühle gegenseitig auslöschen?“
Auf Lupins Stirn erschienen Falten, während er sehr gründlich über Harrys Frage nachzudenken schien. „Ich weiß es nicht, Harry“, sagte er schließlich. „Ich wage zu behaupten, dass sie sich in manchen Fällen nicht gegenseitig auslöschen würden. Und zwar wegen dem, was wir gerade besprochen haben: Verpflichtung ist relativ. Angenommen beide Personen sind immer noch der Meinung, dem anderen ihr Leben zu schulden - tatsächlich ein ziemlich ungewöhnlicher Fall, denn nur sehr wenige Menschen wären selbstlos genug, die Rettung desjenigen, der ihr eigenes Leben gerettet hat, nicht als Rückzahlung zu betrachten - denke ich, dass sich eine seltsame Art von Verbindung zwischen den beiden formen würde. Stell dir vor, ich hätte dein Leben gerettet, Harry. Was würdest du fühlen?“
„Äh - ich“, begann Harry und musste sich erst einmal von der Überraschung erholen, plötzlich direkt angesprochen zu werden. „Ich denke, ich würde das Gefühl haben, Ihnen mein Leben zu schulden.“
Lupin nickte und sagte: „Ganz genau. So entsteht eine Lebensschuld. Das wusstest du bereits. Aber was wäre, wenn ich genau das gleiche Gefühl hätte? Was wäre, wenn du dann kurz danach mein Leben retten würdest und ich würde diese Tat als bedeutsamer betrachten als meine eigene und du würdest es genau anders herum sehen?“
Lupin hielt inne und sah Harry erwartungsvoll an. Harry fühlte sich ein zweites Mal überrumpelt und blinzelte. Es war fast wie damals, wenn Dumbledore seine Meinung zu wichtigen Dingen wissen wollte.
„Äh, Sie würden genau das gleiche fühlen wie ich, nicht wahr?“, erwiderte er und dachte bei sich, dass das doch eine recht offensichtliche Antwort war. Er fragte sich, worauf Lupin hinaus wollte.
„Genau! Kurz gesagt, wir wären beide nach wie vor der Meinung, dem anderen unser Leben zu schulden. Ich würde ein Stück von dir mit mir nehmen - das heißt, die Lebensschuld, die du glaubst, mir zu schulden - und umgekehrt. Daher gäbe es zwischen uns beiden so lange eine Verbindung, bis einer von uns der Meinung wäre, dass die Lebensschuld abgegolten sei.“
Harry starrte Lupin an und versuchte, den Ansturm an Information zu verarbeiten, von dem er das meiste nicht ganz verstand. „Könnte… könnte diese Verbindung irgendeinen Effekt auf unser jeweiliges Leben und unsere Gefühle füreinander haben?“, fragte er, nachdem er das eben Gehörte halbwegs verstanden hatte.
„Das weiß ich nicht“, gab Lupin zu. Er lächelte Harry schwach an. „Wie ich sagte, ich weiß nicht sehr viel über alte Magie. Dumbledore -“, er hielt inne und blickte kummervoll, erholte sich aber schnell wieder, „Dumbledore hätte mehr darüber gewusst.“
„Ja“, erwiderte Harry. „Das habe ich mir gedacht.“ Er fuhr tief in Gedanken einen schartigen Brandfleck auf der Tischoberfläche nach und stand dann abrupt auf. „Vielen Dank, dass Sie mir das alles erklärt haben, Remus. Sie haben mir sehr geholfen.“ Und das stimmte, denn der Teil von Lupins Informationen, den Harry verstanden hatte, bekräftigte teilweise den Verdacht, den er bezüglich Dracos und seiner Situation hegte.
„Tut mir leid, dass ich dir nicht mehr sagen konnte, Harry“, sagte Lupin, als sie wieder die Treppe hinauf gingen. „Falls es dir nichts ausmacht, diese Frage zu beantworten, woher kommt die plötzliche Neugier in Bezug auf Lebensschulden? Ihr besprecht das doch sicher nicht im Unterricht?“
Harry zermarterte sich das Hirn auf der Suche nach einer plausiblen Entschuldigung. „Ich habe über Wurmschwanz nachgedacht und was mit ihm geschehen ist“, log er schließlich.
Lupins Gesicht verschloss sich. „Aha“, sagte er leise.
Sie betraten wieder das Wohnzimmer. Ginny blickte gerade rechtzeitig hoch, um ihr Eintreten zu bemerken. Sie strahlte sie beide an und bedeutete ihnen mit einer Geste, sich zu ihr auf das Sofa zu setzen.
„Tonks steht drüben am Fenster“, sagte sie im selben Moment als George erklärte: „Noch drei Minuten!“
Lupin nickte ihr dankend zu und erhob sich, um zu seiner Verlobten zu gehen. Harry legte den Arm um Ginnys Schultern, zog sich an sich und vergrub sein Gesicht in ihrem dichten Haar, während er die Gedanken, die durch das Gespräch mit Lupin in ihm wirbelten, zur späteren Untersuchung beiseite schob.
„Unser erster gemeinsamer Silvesterabend“, murmelte er und fühlte mehr als er es hörte, wie sie lachte.
„Gemeinsam als Paar, meinst du“, korrigierte sie, löste sich ein wenig von ihm und wandte ihm ihr Gesicht für einen Kuss zu.
Harry gehorchte und ignorierte es, dass Ron nur einige wenige Schritte von ihnen entfernt war und sie vermutlich missbilligend anstarrte. Als er sich wieder zurückzog, nutzte sein Verstand seine momentan ausgeschalteten Hemmungen und rief ihm Draco ins Gedächtnis: Ob er allein war, was er wohl tat, um den Beginn seines letzten Lebensjahres zu feiern. Er fühlte einen Stich von Traurigkeit, so stark, dass ihm klar war, dass es nicht allein seine eigene sein konnte und er schloss fest seine Augen und versuchte, an Ginny zu denken.
Aber es nutzte nichts. Unwillkommene Gedanken über den Jungen, der Harrys Willen selbst aus so großer Entfernung lenken konnte, bekämpften und besiegten Harrys bewusste Versuche, sie wegzuschließen und erinnerten ihn einmal mehr daran, wie groß seine Schwächen waren. Seine Kehle zog sich schmerzhaft zusammen und er hob den Kopf in dem verzweifelten Willen, das neue Jahr nicht mit dem Wunsch zu beginnen, jetzt bei Draco zu sein, denn das schien schlimmer als alles andere, was er im Augenblick tun konnte.
Während sein Blick über die freundlichen Gesichter im Raum schweifte, blieb er kurz an dem Fenster hängen, das Tonks nun verlassen hatte, und blickte in den Nachthimmel. Er war von einem schweren, drückenden Schwarz. Aber von Harrys Platz konnte er einen einzelnen Stern in der Ferne glitzern sehen, trotz der Wolken ringsumher, die sein Licht zu dämpfen versuchten. Aus irgendeinem Grund verschwand angesichts dieses Sterns ein Teil der Traurigkeit, die Harry niederdrückte.
„…ZWEI, EINS!“
Im Raum brach plötzlich Jubel aus und riss Harry aus seiner Träumerei. Ein wenig verwirrt blinzelte er in rascher Folge und bemerkte nur vage die Hände, die nach seinen griffen und sie eifrig schüttelten.
„Ein frohes Neues Jahr, Harry!“, riefen einige Stimmen im Chor.
Harry nickte dumpf. Seine Augen glitten über die um ihn versammelten Menschen und suchten wieder den Stern, der vorhin so ausdauernd geleuchtet hatte. Während er den winzigen Lichtfleck am Nachthimmel betrachtete, wusste er mit mehr Gewissheit, als er sie üblicherweise aufbrachte, dass, wie immer seine Entscheidung ausfiel, alles in Ordnung kommen würde.
***
Am Samstagmorgen war der Himmel grau und bedeckt. Es war der erste Schultag nach den Ferien und Harry, Ron, Hermione, Ginny, Luna, und Dean stapften den schneebedeckten Pfad vom Bahnhof in Hogsmeade nach Hogwarts entlang, nachdem sie mit der Handvoll anderer Schüler, die das Schloss ebenfalls über die Ferien verlassen hatten, aus dem Hogwarts-Express ausgestiegen waren.
Als die schneebedeckten Türme des Schlosses sichtbar wurden, blickte sich Harry gerade rechtzeitig um, um den verstohlenen Blick zu erhaschen, mit dem Ron ihn bedachte. Zur Antwort lächelte Harry spöttisch zurück, eine Geste, die ihm einen finsteren Blick von Ron einbrachte, der sich daraufhin enger an Hermine drängte und den Kopf zu ihr neigte, um den Eindruck zu vermitteln, dass sie in ein Gespräch vertieft waren.
Harry verdrehte die Augen. Er hatte sich noch nicht mit Ron versöhnt, hauptsächlich deshalb, weil er sich geweigert hatte, sich als erster zu entschuldigen. Er hatte alles versucht, Wiedergutmachung zu leisten, inklusive einen Monat lang Rons Hausaufgaben in Zauberkunde zu machen und Ginny nie wieder zu küssen. Er hatte sogar - wenn es nach ihm ging - wahrheitsgemäß geschworen, dass die Dinge zwischen Draco und ihm wieder wie vorher werden würden. Die eine Sache, bei der er nicht nachgegeben hatte, war zuzugeben, dass Draco verantwortlich war für den Tod von Rons Eltern. Was offenbar das einzige war, was Ron von ihm wollte. Mehr als einmal hatte Hermine ihn angefleht, doch nachzugeben, um die Freundschaft mit Ron wieder zu flicken, aber Harry hatte jedes Mal gerade heraus abgelehnt und störrisch gesagt, dass er genau wüsste, wie es sei, fälschlicherweise eines Verbrechens beschuldigt zu werden und dass er das niemandem wünsche, noch nicht einmal - oder, wie er es in seinen eigenen Gedanken ausdrückte: besonders - Draco Malfoy.
Aber Harry wusste, was Rons flüchtiger Blick zu bedeuten hatte. Er war sich vollkommen bewusst, was dieser dachte: Wer würde Harrys Loyalität haben, nun, da sie wieder in Hogwarts waren? Würde sich herausstellen, dass Harrys Versprechen, seine Freundschaft mit Draco zu beenden, nur leere Worte waren?
Wieder verdrehte Harry die Augen. Es überraschte ihn wirklich, dass Ron nach sechs gemeinsamen Jahren so wenig Vertrauen in ihn hatte. Harry hatte seine Wahl getroffen und würde sich daran halten, wie er es immer tat.
Sie erreichten Hogwarts schneller als vorhergesehen. Trotz der frühen Stunde - die Sonne ging gerade erst auf - summte das Innere des Schlosses vor Geschäftigkeit. Jemand hatte den Haupteingang mit einem Trockenzauber belegt, so dass sich Harrys Kleider, die nass vom Schnee waren, in dem Moment, in dem er über die steinerne Schwelle trat, wieder zu ihrem trockenen, warmen Originalzustand zurückkehrten,. Harry hörte hinter sich einen erleichterten Seufzer und wandte sich um. Er grinste, als er Luna und Ginny sah, die ihre Mützen abnahmen und die langen Haare ausschüttelten, mit von der Kälte rosigen Wangen. Direkt hinter ihnen war Dean.
„Es ist wirklich nett hier drinnen, nicht wahr?“, fragte Luna, während sie Dean half, die Spange an seinem Umhang zu öffnen.
„Ja, dieses Jahr sind wesentlich mehr Leute in den Ferien hier geblieben als sonst. Wegen… du weißt schon.“ Harry stockte, er wollte das Thema „getötete Familienmitglieder“ nicht vor seinen drei verwaisten Freunden aufbringen.
Luna brauchte nicht zu antworten, da Hermine, die bemerkt hatte, dass Harry, Ginny, Luna und Dean zurückgeblieben waren, ihnen zurief: „Beeilt euch, ihr vier! Wir können es noch zum Frühstück schaffen!“
Die Sechs drängten und schoben sich in die Große Halle, angezogen von himmlischem Essensduft. Am Eingang trennten sie sich von Luna, die zu ihrem eigenen Haustisch eilte und sich ihren Kameraden anschloss. Harry blickte abwesend hinter ihr her, während er sich neben Hermine am Gryffindortisch niederließ, bis seine Augen plötzlich an jemand wesentlich interessanterem hängen blieben, der am Slytherintisch hinter Luna saß: Draco - der Harry geradewegs ansah.
Selbst vom anderen Ende der Großen Halle konnte Harry die Intensität dieses Blicks fühlen und errötete. Er wappnete sich und formte ein lautloses Triff mich nach dem Frühstück unten.
Draco schien verstanden zu haben, dass mit „unten“ der unbenutzte Zaubertränkeklassenraum gemeint war, denn er nickte kurz und senkte die Augen. Harry atmete erleichtert auf, als er den aufmerksamen Blick los war und hielt den Kopf gesenkt, um die Röte in seinen Wangen zu verbergen, während er sich ein Brötchen schmierte.
---
Außerhalb der Tür zum Zaubertränkeraum hielt Draco an und starrte sie an, während er sich vorstellte, wie Harry auf der anderen Seite stand. Wahrscheinlich drehte er den Zauberstab zwischen seinen Fingern hin und her, dachte Draco. Das tat er oft, wenn er auf etwas wartete. Wahrscheinlich kaute er auch auf seiner Unterlippe herum, da er vermutlich wegen Dracos Verspätung langsam ungeduldig wurde. Ausnahmsweise hatte sich Draco beim Frühstücken Zeit gelassen, um den Augenblick der Wahrheit - was er auch bringen mochte - hinauszuzögern.
Schließlich straffte Draco seine Schultern und riss die Tür auf. Harry stand nah bei dem Kessel mit Felix Felicis, ganz genauso wie Draco es sich gerade vorgestellt hatte. Bei seinem Anblick verdoppelten sich Dracos Herzschläge. Er steckte seine plötzlich zitternden Hände in die Hosentaschen und marschierte in den Raum.
Harry, der sich umgedreht hatte, als er das Geräusch der sich öffnenden Tür hörte, lächelte Draco über den Kessel hinweg verkniffen an. „Malfoy“, grüßte er angespannt.
Draco ruckte nur mit dem Kinn. Er wagte es nicht zu reden, nicht, wenn jeder Nerv in seinem Körper danach schrie, sich Harry zu nähern und seine Kehle trockener war als Pansys Schokoladenkekse.
Harry hörte auf, mit seinem Zauberstab herumzuspielen. „Hör zu“, begann er, „ich habe über das, was du gesagt hast, nachgedacht -“
„Warte.“ Draco fand sich plötzlich auf der anderen Seite des Kessels wieder, nur einen Meter von Harry entfernt, der plötzlich sehr wachsam aussah. „Bevor du anfängst zu schwatzen, möchte ich…“, er schluckte, „…etwas sagen, Potter.“
So nahe zu sein nach einer solch langen Trennung und nichts zu tun, war zu viel… Draco schloss die Distanz zwischen ihnen und packte mit einer Hand Harrys Robe und mit der anderen seinen Kiefer. Verzweiflung und Verlangen vernebelten Dracos Kopf, so dass er nicht einmal bemerkte, dass er sich vorwärts lehnte, bis er den festen Druck zweier Hände gegen seine Brust spürte und Harrys Stimme laut sagen hörte: „Stop, Malfoy.“
Der direkte Befehl hatte die gleiche Wirkung wie ein Eiswürfel gegen seine Wange. Sofort ließ Draco Harry los und machte einen Schritt nach hinten. Verlegenheit ließ Wärme in sein Gesicht steigen, als er ihm klar wurde, was er getan - und was er fast getan - hatte.
„D-da war ein Fleck auf deiner B-brille“, stammelte Draco.
Harry seufzte. „Ja, klar“, murmelte er. Er setzte die Brille ab, wischte abwesend mit einem Zipfel seiner Robe darüber und setzte sie wieder auf. „So. Kann ich jetzt sagen, was ich sagen wollte?“
Draco befeuchtete mit der Zungenspitze seine Lippen. „Ja“, sagte er und hoffte, dass er nicht so panisch klang wie er sich fühlte.
Draco hätte schwören können, dass Harrys Blick einen Moment länger als üblich auf seinem Mund verweilte, aber bevor er länger darüber nachdenken konnte, sagte Harry in einem Atemzug: „Swirdnichfunktioniern.“
„Wie bitte?“
„Ich habe mich für Ginny entschieden!“ Die Worte hallten in dem kleinen Gewölbe, der Zaubertrank hinter Draco zischte auf und dann senkte sich Stille herab. „Du hattest gesagt, du würdest mich wählen lassen und ich habe Ginny gewählt“, fuhr Harry mit leiserer, aber nicht weniger entschiedener, Stimme fort.
Es war eine der seltsamsten Erfahrungen, die Draco je gemacht hatte: Obgleich er scharf einatmete, hatte er ein Gefühl, als sei sämtliche Luft aus seiner Lunge verschwunden. Irgendwo in seiner Brust fühlte er einen stechenden Schmerz und er musste sich eingestehen, dass er sich betrogen fühlte. Es war eine fremdartige und seltsame Kreatur, die da plötzlich in ihm aufgetaucht war und nun vor Schmerz und Zorn, die zu groß waren, um sie in verständlichen Worten auszudrücken, aufschrie. Draco hatte vieles gefühlt in seinem Leben, aber nie etwas wie Betrogensein. Er hatte sich einfach nie gestattet jemanden so sehr zu lieben oder ihm so sehr zu vertrauen, dass er sich betrogen fühlte, wenn dieser ihn enttäuschte. Aber nun…
„Du kannst mich mal, Potter!“, fauchte er und schob Harry von sich weg. „Du kannst mich mal für den ganzen Mist, den du mir erzählt hast und den ich dir fast geglaubt habe - fast. Verdammt! Wieso bin ich eigentlich überrascht, dass du mich im Stich lässt?“
Harrys Gesicht färbte sich rot vor Zorn. Er öffnete den Mund, aber Draco fuhr fort, bevor er einen Ton herausbringen konnte.
„Also drehst du dich einfach um und gibst auf?“, knurrte er. „Das ist alles? Du kannst hingehen und die ganze verdammte Welt retten, aber du hast zu viel Angst“, Draco fing sich gerade rechtzeitig, bevor er „uns“ sagen konnte, „dies hier zu retten?“
Die Röte verschwand langsam aus Harrys Gesicht, stattdessen war es nun kalkweiß. Draco bemerkte es und warf frustriert die Hände hoch. „Ich habe gelogen, okay, Potter?“ Das Geständnis war heraus, bevor er es aufhalten konnte. „Ich hab gelogen und es war so was von offensichtlich. Ich dachte, du wüsstest es.“
Harry erschauerte und sah plötzlich weg, als könne er es nicht ertragen, Dracos indirektes Geständnis seiner Gefühle anzuhören. „Sie liebt mich, Malfoy.“
Draco lachte unfreundlich. „Dein Schulmädchen mit den verträumten Augen“, spottete er.
„Auf eine Weise, wie du es nicht kannst!“
„Auf eine Weise, wie ich es nicht würde, Potter!“ Draco atmete aus und schüttelte den Kopf. „Vergiss es. Du wirst nie verstehen, wie es für mich ist, nicht, wenn du den Rest deines perfekten Lebens noch vor dir liegen hast. Du weißt nicht, wie es ist, keine Zukunft zu haben, zu wissen, dass alles, was du jetzt hast, nichts bedeutet.“
Harry richtete sich höher auf und starrte Draco finster an. „Siehst du, du tust es schon wieder!“, rief er aus. „Du erzählst mir ja nichts. Wie kannst du erwarten, dass das mit uns - funktioniert, wenn ich dich nicht einmal kenne?“
„Falls ich je erwartet haben sollte, dass mit uns irgendetwas funktionieren könnte, habe ich jedenfalls zu viel erwartet“, sagte Draco. „Ich hätte auf dich hören sollen, als du mir gesagt hast, ich solle mir jemand anderen suchen, der meine Erwartungen erfüllen kann.“
Diese Worte schienen Harrys Zorn wieder zum Leben zu erwecken. Draco hätte schwören können, dass die Luft zwischen ihnen vibrierte, wie Harry so vor ihm stand und regelrecht vor Wut kochte. Dann zischte er zwischen fest zusammengepressten Zähnen hervor: „Ich habe nie irgendetwas - irgendetwas - für dich empfunden.“
Die Worte schienen für einige Sekunden in der Luft zu hängen. Unerwartet raste ein weiterer schmerzhafter Stich durch Draco, dessen Intensität seine Sicht verschwimmen ließ - obwohl die verräterischen Tränen, die in seinen Augen aufstiegen, vermutlich auch etwas damit zu tun hatten. Draco hasste sich selbst dafür, dass er seine Gefühle zeigte und blinzelte sie rasch weg. Als er es wieder wagte, Harry in die Augen zu blicken, sah er erleichtert, dass sich Harrys harter Gesichtsausdruck nicht verändert hatte. Es schien, dass er die Wirkung seiner Aussage auf Draco nicht bemerkt hatte. Oder er hatte beschlossen, sie zu ignorieren.
Draco zwang ein kaltes, spöttisches Lächeln auf sein Gesicht und zog Kraft und Trost aus der Fassade von Gelassenheit, die es vermittelte. Er vermutete, dass er verrückter aussah als seine tote Tante Bellatrix, wenn sie über den Dunklen Lord sprach, aber es störte ihn nicht. Stattdessen hoffte er, dass es Harry daran erinnern würde, mit wem er es zu tun hatte. Mit nur einem Hauch Spott in der Stimme stichelte er: „Oh, wirklich? Ich nehme an, dann war dein Wunsch, meinen Kuss zu erwidern, einer deiner hervorragenden Pläne, mich an der Flucht zu hindern?“
Wieder veränderte sich Harrys Gesichtsfarbe von dunkelrot zu weiß. Draco lächelte triumphierend und fuhr fort: „Ich mag betrunken gewesen sein, aber glaub ja nicht, dass ich das nicht bemerkt habe, Potter. Was würde deine ach-so-tugendhafte Freundin wohl denken, wenn sie wüsste, dass ihr tapferer, starker, männlicher Freund beinah willig einen anderen Kerl geküsst hätte?“
Harrys Augen verengten sich zu Schlitzen. „Bild dir nur nicht ein, dass du so wichtig bist, Malfoy. Was immer ich getan haben mag, war aus Mitleid mit dir.“
Obgleich Draco dieses Mal vorbereitet war, schaffte es Harrys Bemerkung, seiner Würde eine weitere Wunde zuzufügen. Seine Kehle wurde so eng, dass es schmerzte und er warf den Kopf ein wenig zur Seite, um die verletzenden Worte abzuschütteln. Er hasste es, hasste die Art, wie Harry es immer schaffte, ihn auf eine Weise zu treffen, wie niemand anderes es konnte. Und er hasste sich selbst dafür, dass er es geschehen ließ.
„Mitleid mit mir?“, sagte er in erstaunlich ruhigem Ton. „Wie wäre es aus Mitleid mit dir selbst, Potter? Schau nur, was für ein Chaos du aus deinem Leben gemacht hast. Ein Held der Zaubererwelt und du bist nicht einmal fähig, ehrlich mit dir selbst zu sein. Du. Wolltest. Es.“
Draco wappnete sich für Harrys Explosion, aber zu seiner Überraschung und Verwirrung tat Harry das genaue Gegenteil: Er machte ein langes Gesicht, ließ die Schultern hängen und die Magie, die sich in der Luft um ihn kräuselte, schien sich aufzulösen. Er gab einfach so auf.
Er sagte: „Ich kann nicht immer alles retten“, und es war, als bitte er Draco um Vergebung für diesen einen Schwachpunkt.
Anstatt ihn zu erweichen, stachelten diese Worte Draco nur noch mehr auf. Harry konnte jetzt nicht einfach hingehen und schwach zu sein, wo er doch verantwortlich war für die Hölle, zu der Dracos Leben geworden war. Er ging auf Harry zu und sagte: „Blödsinn, Potter. Du weigerst dich, es auch nur zu versuchen.“
„Ich hab's mein ganzes Leben lang versucht.“ Harrys Stimme klang schwer wie Blei. „Halt mir keinen Vortrag darüber, wie man sich größte Mühe gibt. Das brauch ich nicht von dir, Malfoy.“
„Warum bin ich dann hier?“, rief Draco aus. „Was zum Teufel tun wir hier, wenn du mich nicht brauchst?“
Harry starrte Draco an. „Du brauchst mich“, sagte er. „Ich habe dir versprochen, dir mit deiner Liste zu helfen und ich werde mein Wort halten.“
„Ach?“, fauchte Draco mit einer Stimme wie giftiges Eis, gefährlich und scharf wie ein Rasiermesser. Harry zuckte zusammen und Draco fühlte, wie wilde Freude in ihm aufwallte. „Na, dann, bitte sehr, Potter. Warum wirfst du nicht einen Blick auf die Liste und schaust, was du als nächstes für mich tun kannst?“
Er griff in seine Tasche, zog die Liste heraus und warf sie Harry vor die Füße.
In Harrys Wange zuckte ein Muskel. Er beugte sich hinunter und hob das zerfledderte Stück Pergament auf. Draco beobachtete mit zusammengekniffenen Augen, wie er es entfaltete und zu lesen begann.
Die nächsten Sekunden vergingen in einer Art dröhnenden Stille und dann blickte Harry auf und sah Draco an. Ohne zu versuchen wegzublicken, mit nur ganz leicht zitternder Stimme fragte er: „Wieso hast du Nummer zweiundzwanzig abgehakt?“
„Das kannst du dir ja wohl mittlerweile denken“, antwortete Draco spöttisch.
„Ich möchte es von dir hören.“ Harry hielt die Liste zwischen Mittel- und Zeigefinger. Seine Hand zitterte. „Klär mich auf, Malfoy.“
Draco sah in seinen Augen und in der Art und Weise, wie sich sein Körper spannte, als Draco nach der Liste griff, was er wirklich wollte: Harry wollte es nicht hören. Er hatte Angst davor, dass Draco die Wahrheit gesagt hatte. Und das gab Draco irgendwie die Kraft, es auszusprechen.
„Ich hab mich in dich verliebt.“
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Wenn Draco Malfoy ihm vor einem Monat gesagt hätte, dass er in Harry verliebt sei, wäre die Hölle los gewesen. Es war ein Zeichen dafür, wie drastisch sich alles verändert hatte, dass Harry, anstatt Draco zu verhexen und ihn nach St Mungos zu schicken, um ihn nach Spuren dunkler Magie absuchen zu lassen, nur tief einatmete, um sich zu beruhigen und in ziemlich vernünftigem Ton sagte: „Nein, hast du nicht.“
Die grauen Augen weiteten sich und eine Unmenge an Emotionen blitzte in ihnen auf, bevor Verachtung übrig blieb. „Und woher weißt du das, Potter?“, spottete Draco.
„Weil Liebe nichts ist, was du für deine eigene Bequemlichkeit zusammenbrauen kannst“, schnappte Harry. „Leute verlieben sich nicht, weil sie ein paar Worte auf einer Liste abhaken wollen. Liebe entsteht auf der Basis von Loyalität, Ehrlichkeit und Freundschaft. Vor Liebe kommt Vertrauen. Du kannst nicht jemand den einen Tag hassen und am nächsten entscheiden, dass du diese Person liebst.“ Er hielt inne, um zu Atem zu kommen. „Liebe existiert im Herzen, nicht im Verstand.“
Dracos Augen wurden hart. „Klar. Und da Slytherins sowieso kein Herz haben, haben sie Pech gehabt, ja?“
Harry schüttelte den Kopf. „Du hast ein Herz, Malfoy. Du weißt nur nicht, wie man es benutzt.“
Auf Dracos blassen Wangen bildeten sich zwei rote Flecken. „Du hast kein Recht, über mich zu urteilen“, fauchte er. Harry ignorierte ihn und machte sich entschlossen auf den Weg zur Tür, mit steif an der Seite hängenden Armen. Draco versuchte nicht, ihn aufzuhalten, aber als er nach den Türknopf griff, rief er hinter ihm her: „Potter, du bist ein Feigling und du hast unrecht! Ich bin in dich -“
Harry hielt abrupt an und unterbrach ihn: „Nein, Malfoy, du hast unrecht“. Er warf ihm über die Schulter einen finsteren Blick zu. „Die einzige Person, die du liebst, bist du selbst. Du kannst mich weiterhin als Mittel zum Zweck benutzen, um die Ziele auf deiner Liste zu erreichen, bevor du den Kuss bekommst. Aber du wirst mich nicht für deine verdrehte Vorstellung von Liebe benutzen. Da ist für mich die Grenze.“
Er hielt einen Moment inne und fuhr dann kühl fort: „Ich werde tun, als hätte dieses Gespräch nie stattgefunden und ich schlage vor, du tust das gleiche, wenn du wirklich deine Liste abarbeiten möchtest. Es liegt ganz bei dir, wie du dich entscheidest. Das ist die Wahl, die ich dir gebe.“
Damit verließ Harry das Gewölbe und ließ Draco neben dem dampfenden Kessel stehen. Sobald er draußen war, stützte er sich mit einer Hand an der gegenüberliegenden Wand ab, lehnte sich nach vorne, ließ den Kopf hängen und stieß einen niedergeschlagenen Seufzer aus. Einige Minuten lang starrte er ausdruckslos auf den gefliesten Boden und versuchte zu verstehen, was gerade geschehen war. Er wusste, dass ein Teil von ihm gehofft hatte, dass es stimmte, auf was Draco so viele Male bestanden hatte: Dass sich nichts zwischen ihnen verändert hatte, dass Draco über Harrys Wahl „sein Leben so zu leben wie er es sollte“ erleichtert sein würde. Er lächelte humorlos, als er darüber nachdachte, wie sich die Situation in ihr Gegenteil verkehrt hatte. Nicht in einer Million Jahren hätte er erwartet, mit Draco Malfoy darüber zu diskutieren, ob dieser ihn liebte oder nicht.
Seufzend richtete sich Harry auf und ging davon. Während er den leeren Flur entlang ging und ihm seine Schritte in den Ohren hallten, versuchte er sich davon zu überzeugen, dass es der Haferbrei war, den er zum Frühstück gegessen hatte, der das bleierne Gefühl in seinem Bauch verursachte… und nicht das tiefe und unausweichliche Gefühl von Bedauern.
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