
von safranblüte
Hermine schlug langsam die Augen auf. Sie blinzelte, weil das helle Sonnenlicht sie blendete.
Als sie einigermassen klar sehen konnte, blickte sie umher. Sie lag auf einem grossen Ledersofa, und um sie herum waren unzählige Gegenstände aufgetürmt, teils magisch, teils einfach nur Krimskrams.
Ohne Zweifel war sie hier im Zimmer des Direktors. Zuerst fragte sie sich, was sie eigentlich hier, schlafend auf dem Sofa, machte, wo sie doch noch so viele Verletzte zu versorgen hatte. Dann fiel ihr wieder ein, wie sie noch vor kurzer Zeit die Toten untersucht hatte, die diese Seltsamen Verletzungen aufwiesen.
"Ah Miss Granger, sie weilen also wieder unter uns.", wurde sie plötzlich von der sanften Stimme des Direktors aus ihren Gedanken gerissen.
"Wie lange habe ich geschlafen?", fragte Hermine.
"Oh, nur ein paar Stunden, Poppy meinte, sie sollten sich unbedingt ausruhen. Sie erzählte mir auch, dass sie in den letzten Tagen kaum geschlafen haben, geschweige denn gegessen.", bei diesen Worten blickte der alte Mann sie beinahe vorwurfsvoll an.
"Ein paar Stunden!" Sofort schwang Hermine ihre Beine vom Sofa herunter und war schon im Begriff aufzustehen, als Dumbledore sie zurückhielt.
"Warten sie, Miss Granger, ich möchte noch mit ihnen reden."
"Aber Professor, ich muss zurück zu Poppy und den anderen, um zu helfen. Da unten sind so viele Verletzte und ich habe einfach so geschlafen!"
Dumbledore blickte sie sanftmütig an, und meinte dann:"Miss Granger, sie haben nicht geschlafen, sie waren ja schon fast in einem Koma! Denken sie, uns hätte es genutzt, wenn sie sich zu Tode gearbeitet hätten? Wir haben weiss Gott schon mehr als genug Opfer gebracht."
Bei diesen Worten musste Hermine schwer schlucken. Ja, genug Opfer. Wie wahr. Sie dachte an Fred, an Bill, Seamus, Neville. Zu viele Opfer.
"Weinen sie nur, Miss Granger. Es wird ihnen gut tun".
Hermine schüttelte den Kopf. "Ich werde nicht weinen, ich werde nicht weinen.", leierte sie gedanklich immer wieder hinunter.
Nein, sie würde nicht weinen, sie war stark. Sie musste jetzt stark sein.
Dumbledore schenkte ihr wieder einer seiner bedeutungsschweren Blicke, ehe er begann:
"Sie erinnern sich doch bestimmt noch an die merkwürdigen Wunden einiger Opfer, oder? Nun, ich muss ihnen leider sagen, dass Poppy noch eine weitere Entdeckung gemacht hat, als sie die Leichen untersuchte. Sie trugen alle Bissspuren am Hals. Ich denke, nun können sie sich selbst zusammenreimen, mit wem, oder besser gesagt was, wir es hier zu tun haben."
Hermine war sämtliche Farbe aus dem Gesicht gewichen. "Ein Vampir", hauchte sie.
Ja, das war die einzig logische Erklärung für ein Wesen mit übermenschlich grosser Kraft und Vorlieben für Hälse.
"Ja, ich befürchte, so ist es." Dumbledore seufzte.
"Nun, leider kann ich mich zu diesem Zeitpunkt nicht länger mit ihnen darüber unterhalten, es gibt noch viel zu tun. Ich hätte eine Bitte an sie: Könnten sie vielleicht hinunter zu Severus", er hatte reichlich Mühe den Namen seines ehemaligen Schützlings auszusprechen, "Gemächern gehen und ein paar neue Heiltränke brauen? Wir haben fast keine mehr..."
"Natürlich", antwortete die junge Hexe noch, als der Direktor auch schon verschwunden war. Seltsam benahm er sich. Aber das war ihm ja nicht zu verdenken. Zwar hatte die gute Seite den Krieg gewonnen, aber in einer anderen Hinsicht auch einiges verloren. Ausserdem hatte er, Dumbledore, etwas sehr wichtiges für ihn selbst verloren. Snape. So seltsam es auch sein mochte, aber Hermine hatte das Gefühl, dass Dumbledore den Tränkemeister beinahe als eine Art Sohn gesehen hatte. Wie hart musste es gewesen sein, als er herausgefunden hatte, dass Snape ihn von Anfang an betrogen hatte und seine Loyalität falsch war...
Hermine erhob sich und machte sich auf den Weg in den Kerker.
"Gott sei Dank kann ich sicher sein, dass ich Snape da unten nicht antreffen werde.", dachte sie, als sie beinahe schon an ihrem Ziel angekommen war.
Und gleichzeitig stellte sie sich vor, wie hart es trotz allem für Dumbledore gewesen sein musste, als er gesehen hatte, wie Remus Todesfluch Snape getroffen hatte.
"Tja, wir alle haben jemanden verloren", dachte sie und verdrängte jeden folgenden Gedanken, da sie nun in Snapes Gemächern angekommen war. Jetzt musste sie sich konzentrieren, um gute Arbeit zu leisten. Schnell schlüpfte sie durch das Loch in der Wand, wo sich einst das Eingangsporträt zu den Heiligtümer ihres Zaubertränkelehrers befunden hatte.
Sie durchquerte eilig den Wohnbereich, um so schnell wie möglich in Snapes privates Labor zu kommen. Dort erwartete sie am meisten noch brauchbare Zutaten, deshalb hatte sie die Tränke auch nicht in einem der Klassenzimmer brauen wollen, obwohl sie sich in den Gemächern des Verräters ganz und gar nicht wohl fühlte.
Sobald sie im Labor war, ging alles wie von selbst. Ihre Hände führten scheinbar ohne ihre Anleitung die Handgriffe aus, die sie schon dutzende Male geübt hatte. Hermine war froh, sich in die Arbeit vertiefen zu können, so musste sie wenigstens nicht länger ihren tristen Gedanken nachgehen.
Doch plötzlich hörte sie hinter sich ein Geräusch. Schnell drehte sie sich um. Als sie sah, wer da hinter ihr stand, fiel ihr vor Schreck die Phiole mit der Weintraubenessenz aus der Hand und zerbarst unter lautem Klirren am Boden.
Hermine blickte gebannt in die tiefschwarzen Augen, vor denen sie sich schon so oft gefürchtet hatte.
Snape.
Aber wie war das möglich? Sie hatte doch selbst gesehen, wie Lupins Fluch Snape direkt ins Herz getroffen hatte?
Er konnte unmöglich noch leben!
Ausser...
Als die Erkenntnis die junge Hexe wie ein Blitz traf, wurde ihr beinahe wieder schwarz vor Augen.
"Er ist es!". Das war der einzige Gedanke, den sie noch fassen konnte ihn dem immer schneller werdenden Strudel aus panischen und immer schneller wirbelnden Gedankenblitzen in ihrem Kopf.
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