
von safranblüte
Hermine bemerkte, dass Snape blinzelte.
"Wieso konntest du nicht die Klappe halten? Du willst es nicht wissen!" Doch irgendwie vermutete sie schon etwas, was gar nicht gut war.
Auf einmal kniete Snape genau vor ihr. Schon wieder war die Bewegung zu schnell gewesen, als das Hermine sie mitverfolgen hätte können.
Und jetzt sass er da, und sah ihr direkt in die Augen. Seine waren nicht mehr so ausdruckslos wie vorhin, das schwarz schien in einem endlosen Strudel direkt in seine Seele hineinzufliessen und Hermine schnappte unwillkürlich nach Luft. Noch nie war sie ihm so nah gewesen. In ihrem Körper gingen merkwürdige Dinge vor. Jede Faser schien flüchten zu wollen, was ja auch das einzig Natürliche gewesen wäre, schliesslich war sie quasi sein "Beutetier". Und trotzdem konnte sich Hermine nicht von ihm losreissen. Diese Augen...
Er hob die Hand, so schnell, dass Hermine die Bewegung nur als Schemen wahr nahm, und im ersten Moment dachte die Gryffindor verwirrt, der Vampir wolle sie schlagen.
Doch dann stoppte er die Bewegung kurz vor ihrem Gesicht und legte ihr völlig unerwartet die Hand auf die Wange. Hermines Haut prickelte, schon wieder fühlte es sich so an, als ob Eiswüfel auf ihrer Wange lägen.
Ihr Herzschlag beschleunigte sich, ihr Körper reagierte so auf die Berührung des Vampirs, wie es natürlich war, nämlich mit Angst. Doch ihr Geist fühlte etwas anderes, sie war aufgeregt. Hermine hatte keine Erklärung für dieses irrationale Gefühl, eigentlich sollte sie sich vor dem Monster ekeln, doch das tat sie nicht.
"Vielleicht hypnotisiert er mich...", dachte sie, während sie in den schwarzen Strudeln seiner Augen zu versinken drohte. In den Filmen konnten Vampire das schliesslich auch immer. Und genau so fühlte sie sich gerade.
Snapes Augen wurden immer dunkler, und flackerten mit jeder Sekunde der Berührung stärker. Hermine hatte das Gefühl, das zwischen ihnen eine elektrische Spannung bestand, die sich jeden Moment entladen würde.
Snape strich mit seinem Daumen über Hermines Wange, dann wanderten seine Hand weiter nach unten, zu ihrem Hals. Seine Finger legten sich genau auf die Stelle, an der ihr Puls schlug.
Und der Herzschlag der Hexe begann, sich so schnell zu beschleunigen, dass sie dachte, sie sei einem Infarkt nahe.
Da seufzte Snape plötzlich und einen Wimpernschlag später war er weg.
Hermine hatte wiederum nicht gesehen, wohin der Vampir verschwunden war, doch darüber konnte sie momentan nicht nachdenken. Sie konzentrierte sich voll und ganz darauf, zu atmen, denn das hatte sie während der Berührung mit Snape nicht getan, und ihr Herz erinnerte sie schmerzhaft pochend daran, dass sie es vernachlässigt hatte.
Als sie nicht mehr das Gefühl hatte, demnächst einen Herzinfarkt zu bekommen, streiften Hermines Blicke suchend im Zugabteil umher.
Snape sass in einer Ecke des Zuges und hielt den Blick starr auf sie gerichtet.
Als er Hermines fragenden Blick bemerkte, erschien ein schiefes Lächeln auf seinem Gesicht, das jedoch seine Augen nicht erreichte. Seine Augen wirkten...traurig.
"Willst du die Antwort immer noch wissen?"
Die Gryffindor zögerte, doch dann nickte sie. Sie musste es wissen.
"Du machst mich wahnsinnig."
Der Klang seiner Stimme hallte im Raum wieder, und Hermines Gedanken kreisten in einem endlosen Gewirr durch ihren Kopf. Jetzt wusste sie es also. Jetzt wusste sie, wieso er ihren Tränken niemals Aufmerksamkeit geschenkt hatte, sich niemals neben sie gestellt hatte, um den Inhalt ihres Kessels zu kontrollieren. Sie wusste, warum er sie von ihrem ersten Schultag an abweisend und bösartig behandelt hatte, obwohl sie niemals ein freches oder böses Wort zu ihm gesagt hatte. Er wollte ihr ganz einfach nicht zu nahe kommen.
Hermine hatte den Blickkontakt gelöst. Sie konnte ihn jetzt nicht ansehen. Sie musste nachdenken. Doch plötzlich merkte sie, dass auch das nichts brachte. Sie konnte nichts daran ändern. Jetzt wurde ihr auch klar, wieso Snape sie mitgenommen hatte. Schon wieder begann sie zu zittern.
Als sie wieder zu Snape sah, bemerkte sie sofort, dass er ihre Gedanken mitverfolgt haben musste. Sein Blick wirkte noch immer so traurig. Ob es ihm Leid tat? Wohl eher nicht. Schliesslich war sie doch für ihn schlussendlich nicht mehr als Vieh. Praktisch.
Wahrscheinlich bedauerte er nur, dass er ihr sein Geheimnis so früh hatte mitteilen müssen.
"Wie schwer ist es?"
Snape wirkte überrascht. "Was?"
"Mich nicht sofort umzubringen?"
Der Vampir schluckte, dann sagte er: "Schwer. Sehr schwer. Unvorstellbar schwer."
Jetzt war es genug. Die junge Hexe verschränkte ihre Arme auf ihren Knien, stütze ihren Kopf darauf ab, und weinte still, im Versuch, die ganze Angst und Verzweiflung dieses Tages loszuwerden.
Der Vampir indes hatte sich umgedreht und blickte nun stur an die vordere Wand des Waggons, die Augen hatte er geschlossen.
Er war unglaublich müde, doch schlafen konnte er nicht. Das würde er niemals wieder können.
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