
von Lilian84
Harry betrat den Schlafsaal, den er das gesamte Jahr über immer wieder vermisst hatte. Hier standen die fünf Himmelbetten von Ron, Seamus, Dean, Neville und ihm. Er begann sich langsam auszuziehen. “Kreacher?” rief er. Neben ihm gab es einen Plopp und der Hauself verneigte sich tief. “Der Meister hat gerufen?”
“Ist bei dir alles in Ordnung?”
“Was meint der Meister?”
“Ich habe gesehen, wie Du mit den anderen Hauselfen in die Schlacht gezogen bist und ich wollte wissen, ob Du verletzt wurdest!”
“Nein, Kreacher hat nur eine Beule am Kopf, als ihn die anderen Elfen gerammt haben und Kreacher zu Boden gestürzt ist, aber ansonsten hat Kreacher keine Verletzungen.”
“Da bin ich aber froh, ich danke Dir, dass Du mit uns gekämpft hast. Haben andere Hauselfen irgendwelche schweren Verletzungen oder ist gar jemand von ihnen gestorben?“
“Nein, Meister, keiner von uns Elfen wurde getötet oder schwer verletzt.“
“Gott sei Dank. Kreacher, würde es Dir etwas ausmachen, mir ein paar Sandwiches hier rauf zu bringen?”
“Nein, Meister, dass tue ich gerne, aber warum geht der Meister nicht hinunter in die Große Halle? Dort findet zu Ehren des Erfolges des Meisters eine Feier statt. Die ganzen Hauselfen bemühen sich, schnell etwas zu Essen zu machen.” Harry holte tief Luft. Ihm war jetzt ganz und gar nicht nach Feiern. Sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Er dachte an die vielen Leichen, die in der Großen Halle aufgebahrt waren. So Viele waren gestorben. Oh, Fred… Wie sollte er der Familie Weasley je wieder unter die Augen treten können? Tonks und Remus… die so kurz nachdem sie endlich zueinander gefunden hatten und ihre Liebe mit der Geburt von Teddy, seinem Patensohn, gekrönt hatten - beide waren nun Tod. Zu Viele waren gestorben, nein, feiern wollte er auf gar keinen Fall. “Kreacher bring mir das Essen bitte nach oben, ich habe schon lange nicht geschlafen und jetzt kann ich mich kaum noch wach halten.”
"Wie der Meister wünscht.” piepste der Elf und verschwand mit einen Plopp.
Harry ging in den Waschraum, duschte sich. Dabei rannen Tränen über sein Gesicht. Immer wieder sah er die Toten. Er dachte an Collin Creevy. Er war noch minderjährig und hätte eigentlich gar nicht mitkämpfen dürfen, aber er hatte es sich nicht nehmen lassen mit Harry die finale Schlacht zu kämpfen. Warum nur, wieso mussten alle sterben? Die Last auf Harrys Herzen wurde von Moment zu Moment größer. Da war keine Freude. Endlich war Voldemort besiegt, aber er konnte sich nicht freuen, er fühlte nur eine große Leere und Schmerz.
Als Harry in den Schlafsaal zurückkam, stand ein Teller mit Sandwiches und ein großes Glas Kürbissaft auf dem Nachtschrank. Er trank das Glas in einem Zug leer. Dann biss er von einem der Sandwiches ab, aber er konnte nichts essen, seine Kehle war wie zugeschnürt. Er legte das Brot auf den Teller zurück, schwang die Beine in das Bett und zog die Vorhänge zu. Ron war noch nicht im Schlafsaal, vermutlich war er bei den anderen Weasleys. Sie hatten ein Familienmitglied verloren, natürlich wollten sie jetzt zusammen bleiben. Er dachte an Ginny. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er den Kampf überleben würde, aber er hatte gehofft. Wie sollte es jetzt weitergehen. Könnte Ginny ihm verzeihen, dass Fred tot war. Er war nur seinetwegen gestorben. Es war eigentlich nur sein Kampf, aber so viele waren für ihn gestorben.
Jetzt würde er erstmal versuchen zu schlafen und danach würde er zurück zum Grimmauldplatz gehen. Er wollte den andern nicht unter die Augen treten, was hätte er sagen sollen. “Es tut mir leid, dass der und der gestorben ist, in meinem Kampf.”? Nein, das konnte er nicht, er wünschte sich er wäre gestorben, hätte Voldemort mit in den Tod gezogen und sonst würde jeder ein glückliches Leben führen können. Er würde gehen…
Obwohl Harry seit fast 30 Stunden nicht geschlafen hatte, schlief er schlecht. Ständig sah er in seinen Träumen die Toten: Collin, der ihn fragte, “Wieso musste ich sterben? Ich hätte so gern noch ein Foto von Dir geschossen, nachdem Du Den- Dessen- Name- Nicht- Genannt- Werden- Darf vernichtet hast.”, die Weasleys, wie sie über Freds Leiche gebeugt gemeinsam weinten und immer wieder fragten: “Warum Fred, warum gerade Fred?” und Tonks und Lupin, wie sie als Geister um ein Gitterbettchen standen und ihn vorwurfsvoll anblickten.
Immer wieder schreckte er aus dem Schlaf. Nach dem Traum von Lupin und Tonks musste Harry würgen, er rannte in den Waschraum und übergab sich. Blass, schweißgebadet und leicht zitternd ließ sich Harry an der Wand auf den kalten Boden gleiten. “Würde das jetzt immer so sein?” fragte sich Harry. "War das die Strafe dafür, dass er an dem Tod von so vielen Menschen verantwortlich war?" Wieder rannen Harry heiße Tränen über das Gesicht. Er wusste nicht, wie lange er hier saß. Irgendwann waren die Tränen versiegt und er saß nur noch apathisch da. Er musste hier weg, er musste versuchen zu vergessen, auch wenn das kaum möglich wäre. Nein vergessen würde er nie, niemals…
Er rappelte sich langsam hoch, seine Knie zitterten, aber er schaffte es zurück in den Schlafsaal. Er packte seine paar Habseeligkeiten zusammen, nahm seinen Beutel aus Eselsfell, den ihm Hagrid zu seinem 17. Geburtstag geschenkt hatte und warf sich seinen Tarnumhang über. Die Gefahr jemanden im Schloss zu treffen, war einfach zu groß. So leise, wie nur möglich schlich er sich die Treppe in den Gemeinschaftsraum hinunter. Dieser war, Gott sei Dank, leer. Er stieß das Porträt der Fetten Dame auf und schlich sich in den Flur. So leise wie nur möglich betrat er die Eingangshalle, die Türen zur Großen Halle standen offen. Dort sah er die Leichen aufgebahrt liegen. Immer mehr Menschen beugten sich über die Verstorbenen, vermutlich wurden sie nach der Schlacht informiert und wollten sich nun selbst überzeugen, dass sie wirklich ihre geliebten Mitmenschen verloren hatten. Dann sah er die Familie Weasley, unverkennbar an den roten Haaren. Er wusste, dass sie um Fred´s Leichnam standen. Harry sah wie Ginny an Charlies Schulter lehnte und immer wieder von Schluchzern geschüttelt wurde. Er wand den Blick ab, er konnte es nicht ertragen, alle so leiden zu sehen und das war alles seine Schuld. Mit schnellen Schritten ging er quer durch die Eingangshalle und trat hinaus aufs Schlossgelände. Ohne sich umzuschauen, ging er Richtung Tor. Nachdem er dieses passiert hatte, dachte er an den Grimmauldplatz Nr. 12 und drehte sich.
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