
von Lúthiena
Als Julia am nächsten Morgen erwacht war, spürte sie einen kalten Luftzug, der durch das nicht ganz dichte Fenster hereinkam. Sie zog die Decke etwas höher und lugte mit einem Auge auf den neben dem Bett stehenden Wecker.
In einer Stunde sollte das Seminar beginnen. Sie stand auf, duschte ausgiebig und eilte zum Frühstückssaal hinunter. Die meisten Seminarteilnehmer schienen schon in den Konferenzsaal gegangen zu sein. Lediglich eine kleine Gruppe von Zauberern saß noch an einem Tisch am Fenster und war in eine Diskussion vertieft. Julia setzte sich, goss sich Kaffee ein und nahm ein Croissant. Die Gruppe erhob sich, Julia stopfte sich den Rest des Croissants schnell in den Mund und spülte es mit Kaffee herunter wobei sie sich die Zunge verbrannte. Sie folgte der Gruppe in den Konferenzsaal und setzte sich auf den ersten freien Stuhl.
Ein kleiner gedrungener Mann, in einen blau-gelben Umhang, am Ende des langen Tisches stand auf. Er grinste übers Gesicht, dann räusperte er sich, indem er die Hand zu einer Faust vor den Mund nahm.
„Herzlich willkommen Ladies und Gentlemen zum Symposium der internationalen Magie zum Thema: Legalisierung der Sicherungsüberwachung durch die Ministerien – ja oder nein.“
Er grinste wieder. „ Ich bin Samuel Thompson aber die Meisten unter ihnen kennen mich sicherlich. Ich freue mich sehr, dass sie so zahlreich erschienen sind und wir damit so unglaubliche Vorträge erwarten können; vor den Teilnehmern erschien jeweils ein Blatt, auf dem die ganze Woche bereits in diverse Termine unterteilt war. Die Gesellschaft klatschte verhalten Beifall.
Am Rednerpult stand nun eine ca. 1.50 große Frau mit lockigem zerzaustem Haar, die kaum zu verstehen war, da der ganze Saal zu tuscheln schien. Julia schaute sich um, in der Hoffnung ein paar Bekannte zu entdecken. Ihr gegenüber saß eine Frau, die sich angeregt mit ihrem Sitznachbarn unterhielt. Die Frau war Mitte dreißig und hatte purpurroten Lippenstift aufgetragen, blau leuchtenden Lidschatten bis unter die Brauen und leider bei Auftragung des Make-ups die Halspartie ausgespart, was einen starken Kontrast zwischen Gesicht und Hals hervorrief. Julia musste unweigerlich an einen Clown denken und ein Grinsen unterdrücken. Die restlichen Teilnehmer waren eher unscheinbar, Hexen und Zauberer zwischen Mitte zwanzig und schätzungsweise Hundert. Sie sah auf das Programm, auf dem ihr Name für das Ende der Seminarwoche am Vormittag eingetragen war. Ihre Lust an diesem Seminar teilzunehmen war eher gedämpft. Bei solchen Veranstaltungen hatte sie es oft erlebt, dass die Teilnehmer lediglich ihre Vorträge hielten, die zuvor sowieso schon in diversen Zeitungen abgedruckt gewesen waren und die Zuhörer sich entweder langweilten, weil es sie nicht interessierte oder die Redner immer mal unterbrachen, eben weil sie anderer Meinung waren und es sofort loswerden mussten. Alles in allem waren Tagungen unbefriedigend. Egoistische Zauberer geben ihre Meinung kund - sehr spannend.
Natürlich gab es auch Ausnahmen, aber die Langweiligen Egozentriker waren in der Überzahl.
Jetzt war sie aber schon mal hier und würde sich die Woche nicht verderben lassen. Das Essen schmeckte lecker und bei den Vorträgen konnte man schließlich auf Durchzug schalten. Über ihren Vortrag machte sie sich keine Gedanken, er war ausformuliert und sie war keine schlechte Rednerin.
Thompson hatte sie vor zwei Monaten bei einer anderen Tagung angesprochen. Er hatte ihren Aufsatz über die Gefährdung durch übertriebene Sicherheitsmaßnahmen in der Zaubererzeitung für Gegenwartspolitik und Wissenschaft gelesen bei der sie die Sicherheitsüberwachung durch das Ministerium auf schärfst kritisiert hatte. Ihre Argumentation hatte ihn überzeugt und nur deswegen war sie eingeladen worden.
Julia schaute neben sich und nahm ihren unliebsamen Gesprächspartner vom Vorabend, Mr. Badly, war, sie bemühte sich möglichst schnell wieder wegzuschauen, er hatte sie jedoch schon bemerkt, schaute sie kurz abfällig an und widmete sich wieder dem Vortrag. Julia tat es ihm gleich, schaltete jedoch nach höchstens fünf Minuten ab und schaute nachdenklich aus dem Fenster.
Nach fünf Vorträgen wurde eine Pause angesetzt. Julia ging hinaus, um frische Luft zu schnappen. Vor der Tür hatten sich bereits weitere Seminarteilnehmer versammelt.
„Ah Miss Bennet nicht wahr? Sie können mir doch sicherlich weiter helfen; sagen sie die Haltung von Hauselfen ist doch nicht etwa verboten worden?“
Julia schaute verdutzt. Erst jetzt nahm sie die schlecht und übertrieben Geschminkte Frau von vorhin neben sich war, die scheinbar zu ihr sprach. Neben ihr stand Prof. Snape, wie immer mit undefinierbarem Gesichtsausdruck.
„Sie sind doch im Zauberrechtswesen tätig?Ich dachte sie könnten mir diese Frage beantworten, Prof. Snape sagte mir nämlich soeben,dass Hauselfen nicht mehr gehalten werden dürften, aber das kann ich nicht so recht glauben.“
„Das müssen sie wohl! Das Ministerium hat endlich auf die immer stärker werdende Kritik an der ausbeuterischen und grausamen Behandlung der Elfen reagiert – das wurde ja auch Zeit nach mehreren Hundert Jahren der Unterdrückung!“„Hunderte Jahre unterdrückt…na ja, ich weiß nicht. So schlimm war doch deren Situation nicht.“ Sie winkte mit der Hand ab, als würde Julias Aussage nicht stimmen.
Man merkte, dass der Clown seine eigene Meinung zu dem Thema hatte. Julia fühlte wie die Wut über so viel Dummheit und Unverständnis in ihr hoch kochte. Sie sah den Clown scharf an. „Sie wissen also nicht, so so. Sie wissen anscheinend so einiges nicht, zum Beispiel wie man es verhindert sich wie ein Malen nach Zahlen-Bild zu schminken. Der Clown machte große Augen und öffnete den Mund, aber es kam nur Stammeln raus.
Die Pause näherte sich dem Ende und die Teilnehmer bewegten sich langsam Richtung Eingang.
Um einem Gespräch mit dem Clown zu entgehen sprach Julia Prof. Snape an, der neben ihr ging. Der Plan zeigte Wirkung,der Clown hatte einen neuen Gesprächspartner aufgetan, einen älteren Herrn, der amüsiert wirkte.
„Wie gefällt ihnen das Seminar bis jetzt? Der Vortrag von Prof. Morris war doch sehr interessant.“
„Ich konnte keine neuen Erkenntnisse gewinnen, das meiste wird doch schon seit langem diskutiert, hat man alles schon gehört.“ antwortete er mit tonloser Stimme.
„Ja da haben sie Recht, vieles wurde schon in diversen wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht und dann sind einige Redner auch noch erbärmliche Rethoriker.“
Sie kamen im Konferenzsaal an, Julia wollte keinesfalls an ihren alten Platz zurück und den abwertenden Blicken von Mr. Badley ausgesetzt sein. Sie blieb hinter Prof. Snape und setzte sich neben ihn in die letzte Reihe, von hier aus hatte sie den ganzen Saal im Blick. Nun hatte der Clown einen Vortrag und pries alle Maßnahmen des Ministeriums an, ja forderte noch schärfere Maßnahmen, man müsse mehr Familien überwachen, jeder sei verdächtig, es gehe doch um unser aller Sicherheit. Ihr Stil ermüdete. Julia kochte innerlich und sagte zu sich selbst, wohl lauter als sie dachte, „Wo haben sie die denn rausgelassen?“
„Aus dem Ministerium, Miss Foreman ist Leiterin der Abteilung für innere Angelegenheiten – also auch für die Zensur der Presse und Datenschutz“ teilte ihr Sitznachbar mit.
„Ich glaube die wäre im Zirkus besser aufgehoben“ sagte Julia gehässig.
„Miss Foreman versteht sich auch blendend mit Mr Badley“.
(Ihr Sitznachbar schien wohl doch gesprächiger zu sein, als vermutet.)
„Ja das kann ich mir sehr gut vorstellen, vermutlich hat Badley ein bisschen was springen lassen für ihre Gunst!“ Snape beugte sich zu ihr und nickte mit dem Kopf in Richtung Clown. „ Haben sie schon bemerkt, dass sie sich bei jedem Vortrag Notizen gemacht hat. Auch ihre Bemerkung über die Hauselfen hat sie sich kurz notiert.“ – „Und, was schließen sie daraus?“ – „ Na ja vermutlich erhalten sie bald Post vom Ministerium.“ sagte er amüsiert. In ernsterem Ton fügte er hinzu: „ Und es würde mich auch nicht wundern, wenn auf sie Abhörmaßnahmen angesetzt werden.“
Die ganze Versammlung war in eine Lethargie gefallen. Irgendwann war dann auch der letzte Vortrag für diesen Tag gehalten. Er war schneller vorbei gegangen als Julia geglaubt hatte und währenddessen änderte sie ebenfalls ihre Meinung über Professor Snape. Eigentlich war er doch kein solcher Nussknacker.
Sie trennten sich in der Eingangshalle. In ihrem Zimmer legte sie sich erschöpft und auch bestürzt von den einfältigen Argumenten, die sie gehört hatte, aufs Bett. Das Abendessen ließ sie ausfallen, denn das Mittagessen war so reichlich gewesen, dass sie keinen Hunger verspürte. Gegen Abend entschied sie sich doch noch mal an die Bar zu gehen, um die Teilnehmer näher zu begutachten, dort sah sie an einem der hinteren Tische Snape sitzen. Er klappte gerade ein Buch zu und trank den letzten Schluck aus seinem Weinglas. Er war dabei sich zu erheben als sie an den Tisch trat und sich setzte.
„Zu höflich, doch sie brauchen nicht aufzustehen.“ Snape setzte sich wieder und legte das Buch auf den Tisch zurück. Sie nahm es in die Hand und las: „Die drei Selbste der Magie. Ist das das neue Buch von Tom Stevens?“ – „Sie kennen Stevens?“ fragte Snape und hob die Augenbrauen. „Seine ersten drei Bücher waren durchaus unterhaltsam. Der Vorgänger von diesem, da kann ich nur sagen, er wiederholt sich. Man weiß schon was er als nächstes schreiben wird und ungefähr wie das Buch dann ausgeht.“ antwortete Julia. Snape war wohl anderer Meinung und sie vertieften sich in ein Gespräch über Bücher und auch über die Hausdurchsuchungen.
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