
I'm a marionette: Gedanken über Sirius' Familie, die die Fäden seines Lebens in der Hand haben.
Das Lied:
ABBA - I'm a marionette
----------
...pushed around, refugee...
Er lässt zu, dass sie sein Leben in die Hand nehmen, dass sie bestimmen, wer er ist. Er lässt zu, dass sie ihn quälen.
Irgendwann, wenn die Zeit gekommen ist, wird er es ihnen allen zeigen.
Denn er hat Recht.
...like a puppet with no will at all...
*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*
You're so free,
That's what everybody's telling me.
Yet I feel I'm like an outward-bound,
pushed around, Refugee.
“Du bist frei, du bist rein, du kannst stolz auf dich sein!” Noch immer hallte dieser Satz in seinem Kopf wieder, ohne wirklich halt zu finden, ohne sich zu setzen, ohne wirklich einen Sinn zu ergeben. Er war frei? Seit wann war er frei? Er war eingesperrt wie ein Vogel in seinem Käfig, ohne Chance jemals frei zu kommen. Die strengen Regeln zwangen ihm einen Maulkorb auf, Scheuklappen noch dazu. Sie wollten nicht, dass er nachdachte, wollten, dass er schweigend gehorchte, ohne zu hinterfragen, was sie da von ihm forderten.
Ja, sie sagten, er war frei. Doch er wusste es besser. Er fühlte, wie es wirklich war: Er war ein Ausgeschlossener, einer der anders dachte und es nicht zeigen durfte. Er fühlte sich wie ein Flüchtling, den man von hier nach dort stoßen konnte.
Something's wrong,
Got a feeling that I don't belong,
As if I had come from outer space,
Out of place, like King Kong.
Es war falsch, was sie von ihm wollten; es war falsch, was sie taten; es war falsch, was sie glaubten. Er wusste, dass er das niemals könnte. Alles in ihm schrie danach, sich zu wehren, sich zu weigern und doch konnte er es nicht. Er fühlte sich wie ein Fremder, der nicht dazu gehörte, der aus einem anderen Land kam, nicht dieselbe Sprache sprach. Oder wie jemand, nein, wie etwas. Etwas, das es nicht geben durfte, nicht geben konnte. Etwas, das sie nicht verstanden - und etwas, das sie nicht verstand. Er fühlte sich wie ein Zwerg, den eine Macht aus Versehen in ein Dorf von Riesen gesetzt hatte und der nun aufpassen musste, dass er nicht zertreten wurde. Und der gleichzeitig wusste, dass er klüger war, als die Riesen, die nur zerstören konnten. Er war der kleine Zwerg, der irgendwann den Kieselstein legen würde, der die Riesen ins Stolpern brachte.
Like a doll,
Like a puppet with no will at all.
And somebody told me how to talk,
How to walk, how to fall.
Doch sie sahen das anders. Für sie war er nur eine Puppe, ein Spielzeug, mit dem sie umgehen konnten wie sie wollten. Sie wollten ihm sagen, was er zu denken hatte, was er zu sagen hatte. Und wagte er es, etwas anderes zu sagen, als sie erwarteten, wurde er bestraft. Schläge über Schläge - er hatte schon vor drei Jahren aufgehört zu zählen. Jedes Mal, wenn er zu Hause war, erwartete ihn dasselbe Prozedere: Sie fragten, ob er seine Ansichten geändert habe. Er verneinte. Sie fingen an, ihn zu quälen, ihn zu foltern, all ihre Wut an ihm auszulassen. Doch das war erträglich. Er konnte ertragen, von denen verflucht zu werden, die er hasste und die ihn hassten. Doch es war seelische Folter, von seinem Bruder verflucht zu werden, den er mehr liebte als sein eigenes Leben. Er würde sterben, um ihn zu retten, und wie dankte er es ihm? Er konnte den unterdrückten Zorn jedes Mal in seinen Augen erkennen. Oh, ja, der Kleine liebte ihn, das wusste er. Doch er versuchte nicht, ihn zu verstehen - konnte ihn nicht verstehen. In jedem schmerzlichen Fluch lag die verzweifelte Bitte, den Widerstand aufzugeben und sich dem Willen der Familie zu beugen. Sein eigenes Leben aufzugeben und sich ihnen zu verschreiben. Dann wäre er endgültig die Puppe, an deren Fäden die Familie ziehen konnte wann und wie sie wollte. Doch das würde - das wollte - er niemals sein. Er würde sich nicht unterkriegen lassen - denn seinen Sturkopf hatte er schließlich von ihnen geerbt.
Can't complain,
I've got no one but myself to blame.
Something's happening I can't control,
Lost my hold, is it safe?
Er durfte sich nicht beklagen, wenn sie ihn folterten, ihn fast bis zur Ohnmacht trieben. Er wusste jedes Mal, was ihn erwartete, wenn er heimkehrte. Er sollte davonlaufen, endgültig mit ihnen allen brechen, bevor es zu spät war. Doch er war zu feige, zu feige, um sich selbst zu schützen. Er war zu besorgt darum, was mit seinem Bruder geschehen würde, wäre er nicht mehr da. Er wusste genau, dass er dann absacken würde, blindlings befolgen würde, was ihm gesagt würde, weil er sich verraten fühlen würde. Er würde denken, er würde ihm nichts bedeuten, er wäre nur störend, nur Unrat, wie der Rest der Familie.
I'm a marionette,
Just a marionette,
Pull the string.
I'm a marionette,
Everybody's pet,
Just as long as I sing.
Ja, er wusste es. Er war eine Marionette, auch wenn er sich so sehr dagegen sträubte, eine zu sein. Sie zogen an den Fäden und er parierte - aus Furcht, was sonst mit denen geschehen würde, die er liebte. Er wehrte sich anfangs, versuchte, die Fäden zu verheddern, doch irgendwann bewegte er sich immer. Er konnte sich den Spielern nicht vollständig erwehren, musste gehorchen, wen sie riefen. Sie hielten die Fäden in der Hand - so lange, bis er sie einmal endgültig durchschneiden würde. Doch dazu fehlte ihm der Mut - er wagte nicht, endgültig aus seiner Rolle auszubrechen. Er war das Spielzeug für sie alle, dessen war er sich bewusst und das würde sich nur ändern, wenn er all seine Ideale verriet. Doch das würde er niemals tun. All dies war ihm heilig: seine Ideale und seine Freunde. Mehr kannte Sirius Black nicht. Freundschaft und die althergebrachten Werte wie Toleranz und Menschenrechte. Er dachte anders als sie - und nichts würde das jemals ändern können.
I'm a marionette,
See my pirouette,
Round and round.
I'm a marionette,
I'm a marionette,
Just a silly old clown.
Doch trotzdem benahm er sich wie eine Marionette, die sprang, wenn es befohlen wurde. Er drehte sich im Takt, tanzte den verhassten Tanz mit, auch wenn es ihm widerstrebte, wenn seine Beine etwas ganz anderes tanzen wollten. Er spielte seine Maskerade, so gut es ging, hielt seinen Trotz und seine Gleichgültigkeit aufrecht, ohne ihnen zu zeigen, wie sehr sie ihn verletzten - noch immer verletzen konnten nach all der Zeit. Niemals zeigte er Reue oder Schmerz. Er verbiss sich seine Schreie, hielt die Tränen zurück und verschloss sein Herz vor allem, was ihm teuer werden konnte. Denn er hatte die Erfahrung gemacht, dass sie, die man liebte, einem die größten Schmerzen bereiteten. Dass nur die die wahre Macht hatten, einen zu zerstören. Und das wollte er nicht noch einmal erleben.
Look this way,
Just a little smile, is what they say.
You look better on the photograph
If you laugh, that's Okay.
Ja, er sollte gute Miene zum bösen Spiel machen. Es war ihnen egal, dass er nicht lachen wollte, dass ihm eher zum weinen war. Für die Außenwelt musste der Schein gewahrt werden - auch wenn sie genau wussten, dass das schon lange nicht mehr möglich war. Er war ein Gryffindor - und er wagte es auch noch, darauf stolz zu sein. Wie hatten sie geflucht, wie hatten sie zugeschlagen, als er sein Zimmer in den Farben seines Hauses dekoriert hatte und Bilder aus Muggelzeitschriften an die Wand geklebt hatte. Dauerklebeflüche - zweites Schuljahr, hatte er von Remus gelernt. Er war stolz, ein Gryffindor zu sein. Und zu niemand anderem hätte dieses Haus besser gepasst, denn er brachte ungeheuren Mut auf, sich gegen seine eigene, traditionelle Familie zu stellen, sogar zu erwägen, ganz mit ihr zu brechen. Doch noch immer schaffte er es nicht, den endgültigen Schritt zu tun.
I'm a marionette,
Just a marionette,
Pull the string.
I'm a marionette,
Everybody's pet,
Just as long as I sing.
Noch immer ließ er sich von ihnen sagen, wie er zu denken hatte. Noch immer ließ er sich von ihnen quälen, obwohl er wusste, dass er im Recht war. Nur dieses Wissen ließ ihn die langen sechs Wochen der Sommerferien überstehen. Nur durch dieses Wissen schaffte er es, all die Schmach zu überleben. Nur so konnten die ständigen Demütigungen sein Ego nicht ankratzen, ja nicht einmal berühren. Dieses Wissen war sein Schutzschild, war die Watte, in die er sich gehüllt hatte. Sie kratzten nur an der äußersten Schicht des Schildes, durchdrangen ihn aber nicht. Sie zerstörten nur seinen Körper - nichts, was man nicht wieder heilen konnte. Sein Geist lag unverletzt hinter seinem Panzer, wartete nur darauf, ihm den Impuls zu geben, zu verschwinden. Aufzustehen und zu gehen. Er wartete nur darauf, bis sich der kleine Teil in ihm, der sich noch an den Namen ?Black' klammerte, bis sich dieser Teil endgültig gelöst hätte, auch die letzten Fadenstränge durchtrennt waren.
I'm a marionette,
See my pirouette,
Round and round.
I'm a marionette,
I'm a marionette,
Just a silly old clown.
Ein viel stärkereres Schild, ein wunderbares Gefühl war, zu wissen, dass er Freunde hatte. Freunde, die für ihn sterben würden, so wie er für sie sein Leben geben würde. Jedes Mal wenn er in die warmen braunen Augen des Menschen blickte, der ihm mehr Bruder geworden war, als sein leiblicher Bruder, jedes Mal fühlte er dann die tiefe Loyalität, die man fast nur als Liebe bezeichnen konnte - Bruderliebe, die durch nichts übertroffen werden konnte. Kein Band war stärker als die Verbindung zwischen ihm und James. Sie wussten, was der anderen dachte, sobald sie sich ansahen. Sie wussten, was der andere wünschte, ersehnte, träumte, glaubte, hoffte und liebte. Und sie wussten, dass sie sich aufeinander immer verlassen konnten. Wenn James da war brauchte er niemand anderen. Nicht einmal die Attacken seines leiblichen Bruders konnten ihn dann noch treffen - er konnte ihnen mit Hohn entgegen treten. Und jedes Mal versuchte er aufs Neue seinen Bruder so zu verletzen, wie dieser ihm wehtat. Indem er ihm nämlich jeden Tag zeigte: Ich habe jemanden gefunden, der dich ersetzen kann, der besser ist als du, der da ist, wo du sein solltest. Es spielte sein Theater gut. Doch nicht gut genug, um seinen Bruder anzulügen. Regulus wusste, dass niemand seinen Platz in Sirius Leben einnehmen konnte, ebenso wie niemand ihm Sirius ersetzen konnte. Doch dennoch spielten sie einander diese Geschichten vor, um sich nicht der harten Wahrheit stellen zu müssen, um nicht bewusst mit dem Schmerz leben zu müssen.
You're so free,
That's what everybody's telling me.
Yet I feel I'm like an outward-bound,
Pushed around, Refugee.
Sie sagten, er wäre frei. Und irgendwann würde er das wirklich sein. Irgendwann würden sie vergessen, seine Käfigtüre zu schließen und der Vogel würde das Türchen aufstoßen und durch das offene Fenster davonfliegen - davonfliegen in die Freiheit, die Welt, die ihn mit offenen Armen willkommen heißen würde. Dann wäre er kein Flüchtling mehr. Dann wäre er frei. Dann wäre er keine Puppe mehr, die nach dem Willen anderer tanzen musste.
I'm a marionette…
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.