
von Dr. S
In Wirklichkeit hatte er tierischen Hunger. Außerdem brannte seine Hüfte wie Feuer. Aber es kam nicht in Frage, Black das zu sagen – und ihm nachzulaufen schied schon aus mehreren Gründen aus. Erstens: Draco konnte sich ohnehin nicht selbstständig auf den Beinen halten. Zweitens: Der Tag, an dem ein Malfoy jemandem wie Sirius Black nachlief, musste erst noch erfunden werden.
Stattdessen ließ sich der Blonde wieder zurück in die Kissen sinken und versuchte dann, möglichst ruhig liegen zu bleiben. Black führte also Selbstgespräche. Aber konnte man ihm das verdenken? Soweit Draco informiert war, saß er in diesem Haus fest. Eingesperrt mit einem psychisch geschädigten Hauselfen und dem Sohn eines Todessers. Außerdem kratzte es wohl mächtig an der Ehre eines Gryffindors, wenn er seine Kameraden in den Krieg ziehen lassen musste und er selbst das Haus hüten sollte. Das jedenfalls hatte Draco aus seinem Monolog entnommen. Der Werwolf hatte ihm wohl befohlen, sich um Draco zu „kümmern“. Es lag ja auch nahe, dass man vermutete, Draco wisse etwas über die Vorgänge in den Reihen des dunklen Lords. Leider war dem nicht so. Natürlich hatte er Informationen, aber keine besonders wertvollen. So gesehen hatte Black einfach die falschen Fragen gestellt. Typisch Gryffindor.
Was wusste er eigentlich über diesen Mann? Draco musste feststellen, dass es nicht besonders viel war. Wie auch immer Dumbledore es eingefädelt hatte, das Verfahren seiner Rehabilitierung lief unter vollkommenem Ausschluss der Öffentlichkeit ab. Aus seiner Schulzeit und aus den Erzählungen seines Vaters wusste Draco, dass Black Potters Pate war. Er gehörte damals zu James Potters besten Freunden und wurde letztendlich für die Taten von Pettigrew verantwortlich gemacht. Man konnte ja sagen was man wollte, aber Pettigrew – mochte er auch erkannt haben welche Seite besser für ihn war – war nichts als eine kleine, hässliche Ratte. Black hingegen war zwar ein Schlammblutfreund, hatte aber äußerst charakteristische Augen und auch der Rest von ihm war nicht unangenehm anzuschauen.
Aufseufzend schloss Draco die Augen. Irgendetwas musste in der halb verdorbenen Murtlap-Essenz gewesen sein, das solche Gedanken in ihm heraus beschwor. Sogar bereits zum zweiten Mal an diesem Tage.
Draco öffnete blinzelnd die Augen. Er musste eingeschlafen sein, denn es drang kein Licht mehr durch die kleinen Spalten des zugezogenen Vorhangs und von unten hörte man Geräusche, die von der Anwesenheit mehrerer Menschen zeugte. Demnach war es vermutlich Abend geworden. Erleichtert bemerkte der ehemalige Slytherin, dass das Pochen in seiner Hüfte zwar noch da war, aber abgenommen hatte. Auch der Rest seines Körpers brannte nicht mehr so unerträglich wie heute Morgen, so dass er es wagen konnte aufzustehen. Mit Bedacht langsam schob er die Decke zur Seite und stand auf. Sein Körper protestierte mit einem Anflug von Schmerz, der aber wieder abflaute, nachdem Draco einige Sekunden einfach still stehen geblieben war. Schließlich ließ der Blonde den Blick durch den Raum schweifen. Black schien Wort gehalten zu haben, denn auf dem Schreibtisch lagen eine alte Jeans und ein Hemd. Mit kleinen, tastenden Schritten bewegte sich Draco auf den Tisch zu. Es dauerte mehrere Minuten, bis er die Jeans – so weit wie sie war, war sie bestimmt von Black – vorsichtig angezogen hatte. Er trug sie so tief wie möglich auf den Hüften, da seine Wunde an eben jener Stelle sich ohnehin schon zu Wort meldete, wenn der Bund der Boxershorts in das kaum verheilte Fleisch schnitt. Das Hemd streifte er über und knöpfte es fahrig zu, ehe er zur Tür stolperte. Die Stimmen von unten waren noch immer nicht verstummt, doch Draco sagte sich, dass man ihm bis jetzt ja nicht verboten hatte das Zimmer zu verlassen. Er schob die knarrende Tür auf und trat hinaus in einen Flur, der ebenso dunkel und staubig war wie das Zimmer. Das ganze Haus machte dem Familiennamen alle Ehre. Draco kniff die Augen zusammen und schlich den Gang entlang, die Stimmen kamen damit eindeutig näher, woraus er schloss, dass der Weg richtig war.
Als er die Treppe erreicht hatte, blieb er abrupt stehen. Einen Treppenabsatz tiefer standen Remus Lupin und Harry Potter in ein Gespräch vertieft. Der malfoysche Sprössling wollte sich schon wieder zurückziehen und einer Konfrontation entgehen, doch er zog die Aufmerksamkeit der Beiden auf sich. Die alten Dielen knirschten und knarrten unter seinen Schritten, so dass Harry ruckartig den Kopf hob und auch der Werwolf herumwirbelte.
„Malfoy“, spie Potter aus.
„In der Tat“, antwortete Draco ruhiger als er war.
„Du lebst also noch“, stellte der Schwarzhaarige enttäuscht fest.
„Du solltest also besser zielen lernen, wenn du mich das nächste Mal umbringen möchtest.“
„Jungs“, ging Remus entschieden da zwischen. „Harry, er ist zwar so etwas wie unser Gefangener, aber ich möchte nicht...“
Harry schien seinen Mentor einfach zu überhören und machte einen Schritt auf die Treppe zu, die Hand am Zauberstab.
„Ein lächerliches Frettchen wie du ist es nicht wert, sich die Mühe zu machen, richtig zu zielen“, knurrte der einstige Gryffindor.
Draco lehnte sich betont lässig gegen das Treppengeländer, obwohl seine Hüfte bei dieser Bewegung erneut protestierte.
„Wenn dem so wäre bräuchtest du dich ja auch nicht so aufregen, oder?“
Keiner der beiden bemerkte, dass Sirius‘ Gestalt schon die ganze Zeit an der Tür seines Zimmers gestanden hatte und nun darin verschwand – nur Remus nahm es aus den Augenwinkeln wahr.
„Harry, nimm den Zauberstab herunter. Draco ist unbewaffnet.“
Draco gefiel es nicht, dass sein ehemaliger Lehrer seinen Vornamen benutzte und Harry gefiel der Befehl nicht.
„Gerade ein Grund ihm einen Todesfluch zu verpassen“, kam es von dem Schwarzhaarigen.
„Harry“, wiederholte Lupin scharf. „Das möchte ich nicht noch einmal aus deinem Mund hören.“
„Was hast du eigentlich, Remus? Er ist Lucius Malfoys Sohn. Er ist ein Todesser... Guck dir seinen Arm an.“
Draco selbst blickte ebenfalls auf seinen Unterarm, auf dem sich schwarz und hässlich das dunkle Mal abzeichnete.
„Er ist trotzdem ein Mensch, Harry. Bis vor kurzem ward ihr noch Schulkameraden...“
„... und jetzt sind wir Feinde“, keifte Harry. Remus seufzte und gab ihm einen sanften Stoss.
„Geh in die Küche und such Kreacher. Ich denke, Draco sollte etwas zu essen bekommen.“
„Ich...“, wollte eben dieser sich gerade mit einem hämischen Kommentar einschalten, aber Harrys unverständliches Gemurmel unterbrach ihn. Nur widerwillig ließ der Schwarzhaarige sie allein.
Draco und der Werwolf lieferten sich ein kurzes Blickduell, ehe Lupin den Kopf schüttelte.
„Nun, Draco. So sieht man sich wieder.“ Dabei stieg der Werwolf die Treppe hinauf und erreichte seinen ehemaligen Schüler, gerade als dem die Beine wieder wegzusacken drohten. Überrascht griff Lupin nach Dracos Hüfte, was diesem einen unterdrückten Schrei entlockte.
Der Schmerz trieb Draco die Tränen in die Augen.
„Fass mich nicht an, Lupin“, meinte Draco schrill.
Bestürzt sah der Werwolf ihn an, ehe ihm zu dämmern schien, warum Dracos Reaktion so heftig gewesen war.
„Hat Sirius sich nicht um deine Wunden gekümmert?“
„Kam wohl nicht ganz damit klar. Black scheint ja noch nie eine große Leuchte gewesen zu sein.“
Lupin verdrehte die Augen und ging auf diese Provokation gar nicht erst ein.
„Komm mit, ich kümmere mich darum. Wir müssen uns ohnehin unterhalten.“
Der etwas schäbig anmutende Werwolf ging vor und Draco folgte ihm, wobei der Weg ihm dieses Mal sogar noch länger vorkam als zuvor. Seine Schritte waren unsicher und klein, aber letztendlich erreichte er das Zimmer wieder.
Lupin war gerade dabei ein paar Lampen mit einem Zauber zu entfachen und deutete auf das Bett.
Murrend ließ sich Draco auf die Matratze sinken. Lag es wirklich nur an seiner Gut-Mensch-Ader, dass Lupin sich immer so freundlich und zuvorkommend verhielt? Wenn das seine Strategie war, um Draco Informationen zu entlocken, dann würde er damit nicht weit kommen.
Lupin beugte sich gerade über Draco und öffnete die Jeans. Seltsamerweise war sein Schamgefühl in Gegenwart seines einstigen Lehrers nicht halb so ausgeprägt wie gegenüber von Black. Er schloss also einfach die Augen und ließ den Wolf machen.
Lupin zog währenddessen scharf die Luft ein. Hätte er Sirius mal Glauben geschenkt, dann hätte er schon früher nach Draco gesehen. Obwohl sein alter Freund sich gleichgültig gegeben hatte, wusste Remus, dass Sirius sich über Draco Gedanken machte. Er erkannte viel zu sehr von sich selbst in Malfoys Sohn. Trotzdem hatte Remus geglaubt, Sirius übertreibe mit seiner Unfähigkeit eine Fluchwunde zu heilen. Aber das hier sah wirklich noch immer übel aus.
„Brennt das, Draco?“
Die Augenlider des Angesprochenen flogen auf. „Natürlich brennt es“, zischte Draco.
„Sieht aber wenigstens nicht so aus, als würde es sich entzünden.“
Der Blonde murmelte etwas, das sowohl Zustimmung als auch Ablehnung bedeuten konnte.
„Hm... Sind dir Heiltränke bekannt, auf die du allergisch reagierst?“
„Was weiß ich“, knurrte Draco erneut.
„Gut“, meinte Remus mit gehobener Augenbraue. „Dann werden dir Snapes Tränke sicherlich helfen.“
Bei der Erwähnung seines Patens öffnete Draco erneut die Augen.
„Snape... was?“
„Remus, du Trottel.“ Das war Sirius‘ Stimme, die von der Tür her zu ihnen hinüber klang. Weder Lupin noch Draco hatten bemerkt, dass der Hausherr ins Zimmer getreten war. „Er ist Malfoys Sohn. Er weiß nicht, auf welcher Seite Snape steht. Das ist Schniefelus‘ Todesurteil. Und so lieb mir das auch wäre...“
Remus wollte gerade etwas sagen, aber Sirius schwang schon den Zauberstab. „Obliviate“, flüsterte der Schwarzhaarige und beobachtete, wie sich kurz ein verklärter Ausdruck in Dracos Augen schlich.
„Hallöchen, Malfoy“, meinte Sirius lässig, sobald dieser ein paar Mal geblinzelt hatte.
„Uhm... – Black? Du...? Was? War hier nicht gerade eben...“
„Bisschen verwirrt heute, kann das sein?“ Black setzte sich auf eine Ecke des Schreibtischs und beobachtete, wie Remus Draco ein Fläschen an die Lippen hielt.
Irritiert schluckte Draco den Inhalt und verzog augenblicklich das Gesicht.
„Boah, was ist das denn?“
Weder Black noch Lupin schienen es für nötig zu halten, ihm das zu erklären. Stattdessen befahl ihm der Werwolf ruhig zu halten.
„Könnte ein Bisschen ziehen“, murmelte Lupin, dann fuhr er mit seinem Zauberstab die Wundränder nach und sprach irgendeinen Zauber, den Draco nicht identifizieren konnte.
Der Blonde warf den Kopf herum und wollte nach Luft schnappen, als seine Augen die von Sirius trafen. Potters Pate hielt seinen Blick fest. So grau. Genau so grau wie seine Augen. Sie waren ja auch irgendwie verwandt. Aber...
Lupin räusperte sich vernehmlich und unterbrach diese stumme Kommunikation. Draco war ihm dankbar. Merlin nur wusste, was er sonst wieder gedacht hätte. Freudig stellte er fest, dass seine Hüfte nur noch eine blasse, großflächige, weiße Narbe aufwies. Der Werwolf konnte wirklich zaubern.
„Was, Lupin?“, blaffte er also.
„Sei nicht so unfreundlich, Malfoy, du bist hier weder Gast noch Freund“, knurrte Black, bevor Lupin antworten konnte.
„Also...“, meinte Lupin, wie immer die Ruhe selbst. „Du weißt, dass wir in eurem Haus Gegner waren. Das müssen wir aber nicht bleiben, wenn du erkennst, dass du auf der falschen Seite stehst.“
Draco hob in Zeitlupe eine Augenbraue. „Was soll das werden? Eine Bekehrung?“
„Moony“, erklärte Sirius seufzend, „das war wirklich nicht sehr überzeugend. Jeder außer dir sieht in ihm nichts als einen schmutzigen, kleinen Todesser. Warum musst du wieder den guten Menschen spielen?“
Keiner der beiden Männer bemerkte, wie Draco bei diesen Worten zusammenzuckte.
Stattdessen seufzte Lupin auf. „Tatze, bitte. Draco kann auch nichts dafür. Seine Eltern kann man sich nun mal nicht aussuchen. Ich weiß, dass die Situation für dich momentan schwer ist...“
„Halt die Klappe, Moony.“
Gespannt beobachtete Draco den Wechsel. Ja, hier lag wirklich etwas im Argen. Black war ein arrogantes Arschloch. Er hatte keine Ahnung was es hieß der Sohn von Todessern zu sein. Aber er schien auch vorbelastet. Klar.
Lupin seufzte zum wiederholten Male an diesem Tag und Draco begann sich zu fragen, ob das zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte. Gerade bei diesem Gedanken wandte sich der Werwolf wieder ihm zu und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.
„Können wir dir irgendetwas bringen, Draco? Wir werden uns ein andermal unterhalten.“
Draco ließ den Blick zu Black schweifen. „Deine Klamotten sind mir zu groß.“
„Ich kümmere mich drum“, brummte Sirius, nachdem Lupin ihm einen warnenden Blick zugeworfen hatte. Der Werwolf ließ die beiden mit einem kurzen Lächeln zu Draco in dem Zimmer zurück und kündigte an, nachzusehen, wo Harry mit dem Essen blieb.
„Er weiß aber schon, dass ich so etwas wie eure Geisel bin?“
Überrascht blieb Black, der sich gerade vom Schreibtisch abgestoßen hatte, stehen.
„Moony hat zu viel Mitleid. Sogar für Kakerlaken.“ Blacks Blick blieb kurz an dem Mal auf Dracos Arm hängen, wobei dieser sofort die Decke höher zog.
Er presste die Lippen aufeinander. „Guck mal in den Spiegel, Black.“
Der Besagte lachte rau auf. Oh Merlin, klang das sexy...
„Ich bring dir jetzt Klamotten, Prinzesschen.“ Warum tat die Verachtung in seiner Stimme Draco so weh?
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