
von Dr. S
Einen Moment starrte Sirius einfach in die grauen Augen seines Gegenübers, konnte den Blick auch gar nicht richtig abwenden, rieb sich dann mit einer Hand übers Gesicht und fuhr sich durch die Haare. Na, phantastisch! Jetzt schlich der Junge hier schon des Nachts durch die Gegend…
„So schmutzige Wörter für einen wohlerzogenen Jungen…“, murmelte Sirius, fixierte den Jungen wieder und wartete auf sowas wie eine Antwort. „Haste Hunger?“
Draco stand ein bisschen verloren vor der Küchenzeile und schaute lieber weg. Er schien zu bereuen die Küche überhaupt betreten zu haben.
„Oder Durst?“ Sirius klopfte gegen seine Flasche, noch die erste für heute. Noch.
„Der Hauself…“, druckste Draco herum.
„Ist auf’m Dachboden…“, brummte Sirius. „Abends gehört die Küche mir.“ Er stoppte und schüttelte den Kopf. „Eigentlich gehört sie mir die ganze Zeit. Ich wohn hier. Is‘ mein Haus…“
„Ähm…“ Draco legte den Kopf schief und warf noch einen Blick auf die Flasche. „Ich geh wieder in mein Zimmer.“
„Theoretisch gesehen auch mein Zimmer. Das ist mein Haus. Ich… wohn hier.“ Sirius genehmigte sich noch einen großen Schluck. „Und sonst niemand. Außer Schnäbelchen und Kreacher. Sie lassen mich ja so gern mit meinem lieben Hauselflein allein!“ Er schaute wieder über die Schulter und musterte Draco ausgiebig. Etwas an seinen Haaren war im Moment sehr hübsch. Nur was? Es glänzte schön… „Dort drüben. Du kannst dir selbst was zu essen machen.“ Sirius deutete auf einen Schrank und beobachtete, wie Draco zögerlich dahin stapfte. Er trank noch einen Schluck und wischte sich über den Mund, während Draco sich eine trockene Scheibe Toastbrot nahm, sich gegen die Küchenzeile lehnte und anfing daran zu knabbern.
„Bisschen trocken, nich‘? Du kannst dir auch was drauf machen. Oder schaffst du das nicht?“ Sirius gluckste.
„Vielleicht solltest du was essen, Black. Alkohol auf nüchternen Magen soll nicht gut sein“, gab Draco zurück und blieb bei trockenem Brot.
„Ich hab fein gegessen“, behauptete Sirius, obwohl er sich ebenfalls nur ein trockenes Brot gegönnt hatte. „Askaban bringt einem genug Brot. Aber wenn du dich schon mal vorbereiten willst…“
Draco verzog die Mundwinkel und schnaubte. „Halt die Klappe, Black.“
„Komm her.“ Sirius klopfte auf den Stuhl neben sich und sah Draco fordernd an. „Na, mach schon.“ Sein Tonfall wurde etwas barscher, aber der Junge kam wenigstens her, setzte sich neben ihn und mampfte weiter sein Brot. „Hier.“ Sirius beschwor zwei Gläser herauf und füllte sie. „Trinkste?“
„Eigentlich nicht“, murmelte Draco.
Sirius schnaubte, schob Draco das Glas hin und schaute ihn an. Draco musterte das Glas, verzog dabei leicht die Mundwinkel und wich zurück, als Sirius die Hand ausstreckte. „Hast da nen Krümel…“, erklärte Sirius, legte die Hand auf Dracos Wange und wischte mit dem Daumen über die rosafarbenen Lippen. „Hübsches Kerlchen biste…“ Sirius grinste, als die Haut unter seiner Hand ganz warm wurde. „Wie oft hat dir das den Hals gerettet?“
„Bitte?“
„Tu doch nicht so unschuldig. Mit dem Mund warst du sicher schon überall.“ Ruckartig schlug Draco Sirius‘ Hand weg und starrte ihn böse an. „Nicht?“
„Sowas machen nur Leute mit deinem Level, Black“, gab Draco zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf die goldene Flüssigkeit in seinem Glas.
„Mhm…“ Sirius trank seines in einem Zug aus. „Manchmal vermiss ich das…“ Er gluckste, als Draco extrem rot wurde, den Blick aber nicht wieder auf Sirius richtete. „Mein Level ist cool. Vielleicht solltest du mich mal besuchen kommen“, raunte er, zwinkerte Draco zu und schenkte sich nach. „Ups… Sorry… Dein Vater hätte da sicher was gegen.“
„Gegen was?“, fragte Draco nach, verstand anscheinend gar nicht, was Sirius da von sich gab und beobachtete missmutig, wie Sirius das nächste Glas leerte.
„Tust du immer, was Daddy dir sagt?“, fragte Sirius, schnappte sich Dracos Glas und schwenkte es.
„Ich…“
„Mann, ich sollte das immer so machen. Dann wirkt es nicht mehr so… einsam.“ Sirius gluckste, nahm sich sein Glas und stieß die beiden zusammen. „Prost!“ Damit leerte er Dracos Glas und bemerkte erst jetzt, dass seines ja leer war. Brachte ihn nur zum Schmunzeln.
„Black, du solltest lieber ins Bett gehen“, meinte Draco, entfernte die Gläser aus Sirius‘ Händen, immer darauf bedacht nicht die Finger des anderen zu berühren.
„Haben wir Mitleid mit dem armen, armen Black?“, wollte Sirius wissen und trank jetzt wieder aus der Flasche. „Soll ich dich jetzt auch bemitleiden?“
„Dann bemitleide lieber den Hauself, dass er mit sowas wie dir hier eingesperrt ist“, knurrte Draco, stellte die Gläser weit weg von Sirius und schüttelte resignierend den Kopf, als das überhaupt nichts brachte.
„Solange der meine Mummy zum Quaken hat, is‘ Kreacher glücklich“, sagte Sirius und ließ den Kopf hängen. „Wenn’s so einfach wär… Portraits reden wenigstens. Fotos nicht…“ Deprimiert legte Sirius den Kopf auf die Tischplatte. „James meinte immer, Malfoy würde sich sein ganzes Schlafzimmer mit Selbstportraits schmücken. Stimmt das?“
Angestrengt seufzte Draco. Warum er überhaupt noch hier war, konnte Sirius sich nicht denken. Aber wenigstens war er nicht allein.
„James hätte auch nie gesagt, sie sollten dich mit dem Cruciatus zum Reden bringen…“, murmelte Sirius weiter. „Warum wollte Harry das wohl?“
Draco schnaubte. „Weil er mich nicht ausstehen kann?“, schlug er vor. „Er wird froh sein, wenn ich in Askaban verrotte.“
Sirius drehte Draco den Kopf zu und betrachtete das Seitenprofil des Jungen. Müde sah er aus, als würde er schon in Askaban sitzen und nicht nur die Aussicht auf ein Leben hinter Gittern genießen. „Ich war einundzwanzig, als sie mich darein geworfen haben…“, murmelte er, richtete den Blick wieder auf die Flasche Feuerwhiskey. „Gleich am Ende des Krieges war es so voll… Die Schreie nachts unerträglich… Es dauert meistens nicht lange, bis sie verstummen, aber dafür…“ Sirius schüttelte den Kopf, als das Szenario seiner Zelle sich wieder vor seine Augen schob. Was redete er da überhaupt drüber? Er wollte das vergessen, sonst nichts… „Die haben’s sich doch aber selbst eingebrockt. Man muss doch bescheuert sein um dieses Gefasel von reinem Blut zu glauben.“
„Du hast doch keine Ahnung, Black…“, murmelte Draco, wollte noch etwas sagen, aber Sirius schnaubte dazwischen.
„Natürlich hab ich keine Ahnung!“, blaffte er, knallte die Flasche, die er zu den Lippen hatte führen wollen, mit voller Wucht auf den Tisch. „Ich hab’s mir nur jahrelang anhören müssen, bis es mir zu den Ohren raushing und ich mich verzogen hab!“ Er drehte den Kopf zu Draco und schaute fest in die grauen Augen, vor Angst leicht geweitet. „Du denkst, ich würde nicht wissen, was es heißt in einer strengen, reichen und reinblütigen Familie groß zu werden? Dann hast du falsch gedacht, Prinzesschen…“ Er widmete sich wieder der Flasche Whiskey, die sich allmählich dem Ende neigte. „Ihr habt doch nen freien Willen… ‘S is‘ irgendwo immer deine eigene Entscheidung, welchen Weg du gehst.“
Schwer seufzend drehte Sirius sich seitlich, legte eine Hand auf Dracos Scheitel und klopfte ihm auf dem Schädel herum. „Man sollte euch junge Dinger mal probeweise zwei Tage nach Askaban schicken, dann kapiert ihr vielleicht, wie dumm es ist so eine Scheiße zu machen…“ Etwas verträumt lächelnd fuhr Sirius durch das weiche Haar. „Du bist doch noch so jung… In drei Jahren hat’s dich da schon schlimmer erwischt, als mich. Hatte ja nen Vorteil… Aber du bist doch keine Puppe, die an Lucius klebrigen Fäden hängt…“ Federleicht strich er über Dracos Schläfe und streichelte mit den Fingerknöcheln über die warme Wange. „Aus dir hätte sicher was werden können…“
„Nimm die Finger weg“, verlangte Draco mit zittriger Stimme. „Das geht mir auf…“
„Dann bist du nicht mehr hübsch, Draco.“ Sehnsüchtig fuhr Sirius mit der ganzen Hand über Dracos Wange. Hörbar schluckte Draco und vermied den Blick in Sirius‘ Augen. „Ich sah auch mal gut aus. Jeden Kerl den ich wollte, hab ich gekriegt.“
Wie in Zeitlupe weiteten Dracos Augen sich. „D-Du…“, stotterte er und wollte den Kopf wegdrehen, aber Sirius brachte ihn wieder dazu ihn anzusehen. „Du bist schwul?“, hauchte er.
Sirius grinste. „Bist du homophob, oder was?“ Er klopfte Draco kurz auf die Wange und nahm die Hand wieder weg, wobei er es sich nicht nehmen ließ zart über den blassen Hals zu fahren.
„Ne…Nein… Ich… Ich weiß… nicht…“ Draco verknotete die Finger ineinander, bettete die Hände in seinem Schoß und starrte auf die Tischplatte.
„Hm… Aktiv schwul sein kann ich auch nicht. Außer ich würde Kreacher flachlegen, aber dafür bin ich nicht verzweifelt genug.“ Sirius lachte drauflos, ignorierte das Keuchen von Draco und leerte die Flasche Feuerwhiskey. „Scheiße, ich vermisse Sex.“ Aus den Augenwinkeln bekam er mit wie Draco puterrot wurde. „Haste ne Freundin?“
Verlegen senkte Draco den Kopf. „I-Ich… Ähm…“
„Stotterst du immer so viel?“
Draco räusperte sich, sagte aber nichts. Anscheinend hatte Sirius ihn damit ziemlich getroffen, oder so. Vielleicht war der verklemmt.
„Hat Lucy da mit dir drüber gesprochen oder glaubst du immer noch, die Eulen bringen die Babys?“, gluckste Sirius. Er stemmte einen Ellenbogen auf der Tischplatte ab und grinste Draco an, der aber die schönen Augen lieber auf das dunkle Holz des Tisches richtete.
„Ich bin nicht blöd, Black“, krächzte Draco.
„Aber blond.“ Sirius atmete tief durch und seufzte. „Ich hatte immer ein Faible für blond. Deinen Vater mocht ich trotzdem nich‘. Da konnte er aussehen, wie er wollte…“ Er gähnte, bevor er ein Stück näher rutschte, schon die Wärme des anderen Körpers spüren konnte, aber Draco rührte sich kein Stück. „Weißte… Is‘ nichts Falsches dabei, nen Kerl zu mögen oder attraktiv zu finden. Irgendwann denkt da jeder Mann mal drüber nach und instinktiv wissen sogar alle, wie’s geht.“ Er lachte wieder vor sich hin. „Oh, Mann. Ich darf da gar nicht drüber nachdenken. Aber vielleicht hab ich dann mal schöne Träume…“ Selig lächelnd schloss er die Augen, riss sie aber sofort wieder auf, als seine Hand sich automatisch auf Dracos Oberschenkel legte. „Sorry…“ Er klopfte betont lässig drauf und tat so, als würde ihn das nicht ein großes Stück Überwindung kosten. „Ich tu dir schon nix.“ Obwohl… Sirius leckte sich über die Lippen, während er den leicht verwirrten Jungen, der sich immer noch nicht rührte, musterte. Nee, nee… Er hatte vielleicht wirklich etwas zu viel getrunken.
„Du wirkst nicht gerade, als würdest du keinem Flubberwurm was zu Leide tun können…“, murmelte Draco, wagte einen verschüchterten Seitenblick.
Sirius seufzte. „‘S is‘ Krieg und ‘s war Krieg, als ich jung war. Man kann nicht davon ausgehen, dass meine Weste blütenweiß ist. Remus‘ ist es auch nicht.“, brummte er, legte eine Hand auf Dracos Schulter und benutzte ihn als Stütze um sich hochzustemmen, schaffte das aber nicht wirklich. Zu viel intus. „Aber Unverzeihliche Flüche dulde ich nicht. Erst Recht nicht in meinem Haus.“ Vorsichtig und leicht schwankend lehnte er sich zu Draco vor. „Falls du verstehst.“ Er wusste nicht, was genau ihn dazu trieb, aber er spitzte die Lippen und drückte sie auf Dracos mehr als heiße Wange, bevor er die Schläfe an die schmale Schulter lehnte. „Mein nur…“ Bald darauf war er eingeschlafen und träumte diese Nacht zur Abwechslung mal nicht von Askaban. Ein Wunder… aber von was er träumte, das machte ihm doch ein bisschen Angst.
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