
von Dr. S
Mit einem dumpfen Geräusch schleiften Sirius' Füße über den Teppichboden. Draco ächzte genervt auf. Black sah wirklich nicht aus, als würde er so viel wiegen. Aber der Blonde brach unter dem Gewicht von Potters Paten fast zusammen. Eigentlich wäre allein das schon ein Grund gewesen, Black einfach in der Küche sitzen zu lassen, - wäre dieser nicht an Dracos Schulter eingeschlafen. Außerdem... Er tat ihm leid. Schmerzlich war die Wahrheit, dachte Draco sarkastisch. Black erstickte seinen Kummer in Alkohol, so frustriert war er. Askaban hatte ihm alles geraubt. Askaban...
Draco schluckte und zerrte Black mit einem kräftigen Ruck einige Stufen höher. Er würde jetzt nicht über Askaban nachdenken, stattdessen würde er diesen Kerl ins Bett schaffen und sich dann selbst schlafen legen.
„’sch will nich’ nach oben…“, brabbelte Black in diesem Moment vor sich hin. Dabei flatterten seine Augenlider kurz, öffneten sich aber nicht. Draco verdrehte die Augen. Er wusste schon, warum er fast nie trank.
„Schön für dich, Black, wir machen jetzt aber Heia-Heia.“
Der Junge griff nach Blacks Arm, als dieser ihm plötzlich mit verklärtem Blick entgegen sah. „Zusamm’n?“
Vor Schreck wäre Draco beinahe mit dem Betrunkenen die Treppe hinuntergepurzelt. „Bitte?“, krächzte er.
„Mein Bett’s groß…“, nuschelte Black mit einem undeutbaren Grinsen.
„Du hast zu viel getrunken“, sinnierte Draco unnötigerweise. Als jedoch eine Hand nach dem Saum seines Hemdes griff, machte der Malfoy-Sprößling einen entsetzten Satz zurück. Dass dies auf einer Treppe nicht unbedingt ratsam war, hatte er vergessen – was wohl auch der Grund dafür war, dass er sich schließlich auf dem Boden des nächsten Treppenabsatzes wieder fand. Black beobachtete ihn dabei aus halbgeschlossenen Augen und sah aus, als hätte er einmal zu viel am neusten, magischen Haschmittel gezogen. Mit trägen Bewegungen krabbelte er auf den Blonden zu.
„Mmh…“ Ehe sich Draco versah, lag Black halb auf ihm und begrub sein Gesicht in der Halsbeuge des einstigen Slytherins. Der Besagte quiekte auf und versuchte rückwärts weg zu kriechen.
„Runter von mir, Black!“
„Mmh. Bist so weich…“ Black kicherte unkontrolliert los und pustete dabei, - versehentlich? – immer wieder warm gegen Dracos Haut.
„Ich… ich … - du… Runter!“ Die grauen Augen Dracos beobachteten weit aufgerissen, wie Blacks Hände über seine Haut zu krabbeln begannen. Scheiße. Nicht da… Erst mit einem Blick auf Blacks hintere Hosentasche – Draco wurde prompt rot als er seine eigene Blickrichtung bemerkte – kam ihm auch ein rettender Einfall.
Warum war er nicht eher darauf gekommen, Blacks Zauberstab zu verwenden? Als ob er es noch mitbekommen würde. Ruckartig streckte Draco seine Hand danach aus und zog den Stab aus der Tasche, möglichst ohne Blacks Rückseite zu berühren.
„Uh, genau da, is’ ’ne gute Stelle…“, schnurrte Black, was Dracos Gesichtsfarbe noch einen Ton dunkler färbte.
„Halt die Klappe, Black“, meinte der Angesprochene atemlos und schwang seinen erworbenen Zauberstab. Im nächsten Moment schwebte Black wie ein nasser Sack in der Luft, doch der erwartete Protest blieb aus. Mit einem Blick stellte Draco fest, dass sich der Hausherr wieder ins Reich der Träume verabschiedet hatte. Das war eindeutig ein Grund zur Erleichterung, denn in den letzten Minuten hatte sich der einstige Slytherin von einigen Problemen bedrängt gefühlt: Eines davon war, dass er es nicht mehr lange ausgehalten hätte, Black die Treppe hinauf zu schleifen. Schließlich hatte er noch vor kurzem eine offene Fluchwunde an der Hüfte gehabt, und dann so was. Außerdem musste Draco schlucken, bei dem Gedanken, was wohl in Blacks Kopf vorgehen musste, wenn er auf ihm lag. Jetzt wo der Blonde wusste, dass der black’sche Erbe wohl schon vor einiger Zeit ans andere Ufer geschwommen war.
Mit seinem eigenen Zauberstab dirigierte er nun eben jenen in das Zimmer, das wohl seines war. Ein Gutes hatte die ganze Situation: Man konnte es ihm nicht verĂĽbeln, wenn er sich ein bisschen umsah, nun wo es Black kurzzeitig ins Koma fortgerissen hatte.
Erst einmal verfrachtete er den Inhaber dieses Zimmers auf das Bett, das noch immer ungemacht war. Kreacher schien seine Arbeit tatsächlich nicht besonders ernst zu nehmen. Ohne sich weiter um den, im Schlaf redenden, Sirius zu kümmern, drehte sich Draco um die eigene Achse. Das Zimmer war persönlicher eingerichtet, alles in allem aber ebenso dunkel wie der Rest des Hauses. An den Wänden hingen Poster von Quidditchmannschaften, in Zusammensetzungen, die nach Dracos Fachwissen schon mindestens zwanzig Jahre alt waren. Sein Kinderzimmer, Merlin aber auch. Ein großer Kleiderschrank stand an der Wand neben dem Bett und auf dem Schreibtisch stapelten sich Bücher und Papiere. Außerdem hingen und standen überall Fotos.
Draco trat zögerlich näher an einige davon heran und war nicht überrascht, als er die Familie Potter erblickte. James und Lily Potter winkten mit einem glückseligen Lächeln, ein kleines, schwarzhaariges Kind zwischen sich. Potters Haare waren auch im Säuglingsalter schon eine Katastrophe gewesen, stellte er fest. Daneben hing ein Hochzeitsfoto von Harrys Eltern. Wen wunderte es, dass Black so melancholisch wurde, wenn er sich das Zimmer mit Erinnerungen tapezierte?
Draco wanderte weiter, wobei sein Blick auf ein Foto fiel, auf dem Potter Senior, Lupin und Black abgebildet waren. Nur mit MĂĽhe unterdrĂĽckte der Blonde es, nach Luft zu schnappen. Black trug augenscheinlich die gleiche Hose, die er nun Draco gegeben hatte. Dass die Anspielung auf seinen Hintern keinesfalls gelogen war, schien auch der junge Sirius Black zu wissen, so lasziv wie er sich immer wieder um sich selbst drehte. Die jĂĽngeren Ichs von Lupin und Potter lachten ĂĽber ihren Freund, der mit einem breiten Grinsen immer wieder seine Kehrseite demonstrierte und dabei versuchte, einen Blick ĂĽber die eigene Schulter zu werfen.
Ruckartig wandte sich Draco ab, nur um – irrationalerweise – wieder erschrocken zurück zu zucken, als er Black auf dem Bett legen sah. Er hatte den eigentlichen Grund, warum er hier herauf gekommen war, schon fast wieder vergessen. Am besten er ließ ihn einfach hier liegen. Andererseits trug Black noch alle seine Klamotten. Er hatte sich schließlich auch um Draco gekümmert. Müsste er nicht…?
Der Blonde schluckte und schlich förmlich auf das Bett zu. Verdammt, Black ließ es sich schließlich auch nicht nehmen, Draco zu betatschen, wann immer sich die Möglichkeit dafür bat, oder? Selbstverständlich war der ehemalige Slytherin nicht so notgeil, aber irgendwer musste Black ja wenigstens die Hose ausziehen.
Als wäre das Bett hoch explosiv, ließ sich Draco auf die Kante sinken und betrachtete den schlafenden Mann, dessen Gesichtsmuskeln ab und zu unruhig zuckten. So wie sich das anhörte, hatte Black keineswegs eine glückliche Kindheit gehabt. Eigentlich konnte man sich das denken. Blacks Eltern konnten nicht viel anders gewesen sein als seine eigenen. Dracos Vater hatte nicht selten von Regulus erzählt. Blacks Bruder, der – im Gegensatz zu dem Gryffindor – dem Hause Slytherin und auch seinem Elternhaus alle Ehre gemacht hatte, ehe er spurlos verschwunden war. Bestimmt hatte Black sein Zuhause gehasst, genau so wie seine Eltern ihn gehasst haben mussten. Spätestens als er nach Gryffindor kam, würde man eingesehen haben, dass bei diesem Nachkommen der Blacks alles verloren war.
Seine Ferien konnten nicht angenehm gewesen sein, dachte Draco, und merkte entsetzt, dass er so was wie einen Anflug von Mitleid verspürte. Er war zu Hause auch nie glücklich gewesen, war es noch immer nicht. Sein Vater ging nicht viel freundlicher mit ihm um, aber Draco besaß trotzdem nicht den Mut sich dagegen aufzulehnen… Obwohl Black immerhin mit Potter zusammen gewesen war. Potters Sohn würde Draco sicherlich nicht zur Seite stehen, wenn er sich entschlossen hätte, die Seiten zu wechseln. Aber eigentlich war es müßig darüber nachzudenken. Momentan sah seine Zukunft nicht nach einer in Malfoy Manor aus.
Um die erneut herannahenden Gedanken an Blacks Schilderung von Askaban zu verdrängen, setzte Draco seinen Plan in die Tat um. Im betrunkenen Zustand schien Black zu einer Ausgeburt an pädagogischer Energie zu werden, also konnte Draco ihm ja jetzt etwas Gutes tun.
Die blassen Hände zitterten unmerklich, als er langsam nach Blacks Hosenknopf griff. Die Fingerknöchel streiften den durchtrainierten Bauch, was Draco unwillkürlich zusammenzucken ließ. Er beobachtete einen Moment, wie Blacks Bauchdecke sich hob und senkte, dann öffnete er entschlossen den Knopf und zog ihm die Hose aus. Der einstige Slytherin musste ein Kichern unterdrücken, als er sie dem Mann von den Beinen zog. Wahrscheinlich versuchte seine Scham automatisch die Möglichkeiten dieser Situation in den Hintergrund zu drängen. Er würde jetzt definitiv nicht auf die schwarze Boxershorts gucken, die Black außer seinem Hemd noch trug, dachte Draco bei sich, während er den Blick an den Beinen herauf gleiten ließ und besagte Stelle anstarrte.
Obwohl niemand außer ihnen beiden hier war, färbten sich Dracos bleiche Wangen erneut rosa. Hastig zog er die zerknüllte Decke über Black und machte einen Schritt zurück. Merlin, der sah so ungefährlich und nett aus, wenn er die Augen zu hatte.
Aber Draco erinnerte sich daran, dass das nur eine Täuschung war. Black war stark, eigensinnig… und schwul. Schon drei Gründe warum er gefährlich sein konnte, dachte der Blonde schluckend, während er sich auf die Tür zu bewegte. Wie konnte man nur auf Männer stehen? Das bewies eindeutig, dass Black vollkommen durchgedreht war. Draco stand auf Frauen. Mädchen. Natürlich tat er das. Er mochte vielleicht noch nie eine Freundin gehabt haben, aber… Es lag nur an Black, dass er sich überhaupt genötigt sah, darüber nachzudenken! Lauter als beabsichtigt schlug er die Tür hinter sich zu, doch nicht einmal das schien den Dunkelhaarigen zu interessieren, der gerade mit einem zufriedenen Lächeln den Schlaf der Gerechten schlief.
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