
von Minimuffin
Tut mir Leid!
Ich war in einem Schreibtief - einem ziemlich Schlimmen leider. Danach hab ich mich sofort an das neue Kapitel gesetzt. Hier ist es - fertig geschrieben und fertig gebetat.
Verzeiht mir! ^^"
Hab euch lieb, Muffi
***
„Wo warst du?“ Harry fuhr herum. Er hatte nicht bemerkt, dass Ginny sich in den Türrahmen geschlichen hatte, während er seinen Umhang ausgezogen und aufgehangen hatte. Sie funkelte ihn wütend an.
„Ähm – wieso? Ich war ganz normal im Ministerium arbeiten.“
„Lüg mich nicht an!“, fauchte sie. Warum war sie so … aufbrausend? Hatte sie auch eine Eule von Hogwarts bekommen? „Ich weiß doch, dass du nicht dort warst! Ron war gerade hier, er wollte mit dir sprechen, und ob du noch nicht zurück seiest! Wo – warst – du?“
„Ich … musste noch kurz ein paar Federn und so besorgen gehen für das Büro …“
„Und dafür brauchst du plötzlich über eine halbe Stunde, ja?“
„Ginny …“
„Nichts ‚Ginny’!“, äffte sie. Harry wich einen Schritt zurück und hob abwehrend die Hände. „Harry, sag mir die Wahrheit! Weißt du, was für Sorgen ich mir plötzlich gemacht habe? Und bei Rons Gesichtsausdruck?“
Harry schloss für einen kurzen Moment die Augen und atmete tief durch. Er drängte seine Wut für seinen besten Freund in den Hintergrund. Er musste Ginny beruhigen. Was anderes zählte gerade nicht. Er öffnete seine Augen wieder, bevor er sagte: „Ginny, bitte, lass mich ausreden, okay? Es ist wirklich nichts Schlimmes passiert. Kingsley … Ihm war bloß nicht so gut und deswegen ist er ein bisschen länger geblieben dort, wo er war. Wir hatten uns Sorgen gemacht und ich und Ron hatten ihn gefunden. Da ging es ihm schon wieder besser. Es ist wirklich nichts.“
„Und warum war Ron dann noch hier?“
„Wahrscheinlich wollte er wissen, ob eine Eule von Kingsley eingetroffen sei. Der wollte sich bei mir melden, wenn was passiert wäre.“ Harry beobachtete Ginny genau. Sie war noch immer aufgebracht und funkelte ihn immer noch wütend an, doch sie schien schon etwas beruhigter.
„Und warum hatte Ron auch noch gegrinst? Lustig ist das ja nun wirklich nicht!“ In Harry brodelte langsam leichte Wut auf. Schon länger hatte er Ron nicht mehr gehasst.
„Ich kann seine Gedanken leider nicht lesen“, sagte Harry ruhig und trat auf seine Frau zu. „Bist du wieder beruhigter?“
„Ein bisschen nur.“
„Wo ist Lily?“
„Schon drüben. Wir müssen auch gleich los, du weißt ja, sie haben uns zum Abendessen eingeladen.“
„Was, heute essen wir auch woanders?“ Harry war überrascht. Hatte er das gewusst? Wahrscheinlich hatte er es vergessen. Immerhin wusste er noch, dass sie morgen bei seinen Schwiegereltern waren.
„Ja, Harry“, seufzte Ginny und wandte sich von ihm ab, „merk dir so was doch endlich mal!“
„Musst du gerade sagen“, grinste Harry leise und hoffte, dass Ginny das nicht gehört hatte.
„Ich bin noch nicht so alt, dass ich taub werde!“, rief sie aber von weiter hinten. Harry befand es für besser, lieber nichts zu erwidern und das Thema zu wechseln. Er ging ihr langsam hinterher.
„Und? Wie war dein Tag?“
„Wie immer. Ich und Hermine waren einkaufen, ich hab ihr noch Tipps für Lily gegeben – du weißt ja, wie wählerisch sie sein kann beim Essen. Und sonst habe ich mit Lily noch ein bisschen Mathe geübt. Sie wird richtig gut!“
„Mathe?“, lachte Harry. „Dann pass bloß auf, dass sie nicht bald besser wird als du!“
„Danke sehr, Liebling. Du weißt immer, wie man einer Frau Komplimente macht.“
„Wie gern würde ich jetzt sagen, dass ich dazu erzogen wurde, immer die Wahrheit zu sagen“, grummelte Harry und schaute Ginny über die Schulter. „Was schreibst du da?“
„Einen Text.“
„Ginny!“
„Oh, na schön“, murmelte Ginny und setzte den Punkt hinter ihren letzten Satz, bevor sie zu ihm aufschaute. „Ich hab dir doch schon länger erzählt, dass ich mich mal an einem Buch probieren wollte.“
„Das …“
„Ja, das war mein Ernst.“
Harry blinzelte sie überrascht ab. Sie hatte das Thema einmal kurz vor ein paar Wochen angesprochen, doch er hatte dem ganzen nicht wirklich viel Bedeutung geschenkt. Er hatte gedacht, dass sie nur einen Scherz hatte machen wollen …
„Das … ist wirklich überraschend.“
„Ja, oder? Passt eigentlich nicht wirklich zu mir. Ich hätte das auch eher Hermine zugetraut. Aber … ich bin ja nicht mehr so wie früher, ich will einfach mal was Neues ausprobieren.“
„Versteh mich nicht falsch“, sagte Harry, „ich find’s toll, dass du das probieren willst! Ich bin wirklich nur überrascht. Worum geht’s?“
„Oh, da hab ich lange überlegt“, erzählte Ginny mit glühenden Augen. Ihre Sorgen schienen vergessen. „Ich wollte kein Sachbuch oder so etwas schreiben – das finde ich langweilig. Es soll eine richtige Geschichte werden. Es geht um ein älteres Mädchen, gerade volljährig geworden, das in einem Heim aufgewachsen ist und nichts über ihre Verwandtschaft weiß. Sie versucht, etwas über ihre Familie herauszufinden. Aber das wird natürlich nicht leicht werden für sie.“
„Erinnert mich an was“, schmunzelte Harry.“
„Kann schon passieren“, sagte Ginny und grinste ihn an.
„Wie heißt das Mädchen?“
„Jemima.“
„Das … ist ein schöner Name …“ Harry sah sie merkwürdig an.
„Ja, der ist sehr ausgefallen“, lachte Ginny, „doch er passt, wie ich finde. Musst du aber nicht verstehen.“ Sie schenkte ihm einen lieben Blick.
„Kann ich schon mal was lesen?“, flüsterte Harry an ihr Ohr. Sie bekam eine leichte Gänsehaut und reichte ihm ein Blatt.
„Hier. Ich bin aber noch nicht so sehr zufrieden. Ist halt nur ein Manuskript.“
„Brauchst du einen Laptop?“, fragte Harry schelmisch. „So ein Muggelding. Ich hab dir ja erzählt, wie toll die Dinger eigentlich sind …“
„Nein, danke, Schatz, aber ich komme prima ohne Muggelsachen zurecht.“ Sie warf ihm ihren typischen Blick zu, dem sie ihm immer schenkte, wenn sie auf dieses Thema zu sprechen kamen. Harry senkte seinen Blick auf das Blatt und fing an, das Gekritzelte zu entziffern.
„Wie heißt du?“
„Jemima. Meine Mutter hat mir den Namen gegeben, bevor sie verrückt wurde ... Sie war krank und meine Geburt war einfach zu viel gewesen …“
„Deine Mutter, he?“, höhnte der in schwarz gehüllte Mann. „Weißt aber schon, dass sie das nicht getan hat?“
„Wie … wie meinen Sie das?“, stotterte Jemima und sah den Mann verängstigt an.
„Dass du in Lügen aufgewachsen bist, kleines Mädchen. Deine ‚Mutter’ ist nicht deine biologische Mutter. Ebenso dein Vater, deine Tanten, deine Onkel, deine Cousins und Cousinen, deine Großeltern, …“
„STOPP!“, schrie Jemima den Mann an, mit Tränen in den Augen. „HÖREN SIE SOFORT AUF! DAS IST NICHT WAHR!“
„Dann glaub halt weiter die ganzen Lügenmärchen, Mädchen“, sagte der Mann ungerührt und taxierte sie. „Aber ich an deiner Stelle würde endlich einmal die hübschen Augen öffnen und nachforschen! Glaube nie etwas, dass dir nicht bewiesen wurde!“ Er hatte noch einen letzten, mitleidlosen Blick für Jemima übrig, bevor er sich umdrehte - und ganz plötzlich verschwand.
Wo ist er hin? Jemima drehte sich, ihre Augen huschten suchend ĂĽberall hin. Wo war er, wo war er? Was war los? Was wollte er von ihr?
Was hatte er damit gemeint? NatĂĽrlich waren das ihre Eltern! NatĂĽrlich!
Aber … was, wenn er Recht behielt?
Jemimas Augen wurden leer, starr und leer. Ihr Magen, er gab ihr ein ungutes Gefühl – und sie konnte sich normalerweise auf ihn verlassen. Sie hasste ihn. Ihren Magen. Sie hasste ihn abgrundtief und noch tiefer. Tief, wie es nicht mehr ging.
„Jemima“, murmelte sie zu sich selbst, die Menschen um sie herum nicht bemerkend, „Jemima. Alleine. Jetzt bist du also alleine.“
„Ginny“, murmelte Harry.
„Ja, ich weiß. Aber es ist ja wie gesagt nur ein Manuskript. Ich werde bestimmt noch ziemlich viel dran ändern.“
„Ginny, nein … also … Das ist toll! Woher hast du das gelernt?“
„Äh – gelernt?“ Perplex sah Ginny ihn an. „Schreiben … Schreiben kann man nicht wirklich lernen. Man kann es nur verfeinern.“
„Und – wie lange verfeinerst du schon?“
„Ein halbes Jahr …“
„Und wieso hab ich davon bisher nichts erfahren?“, tadelte Harry gespielt.
„Weil … Oh, wir müssen los!“ Hektisch sprang Ginny auf und räumte die Papiere zusammen. Sie stopfte sie in eine Schublade und rannte dann in den Flur.
„Harry! Komm, beeil dich!“
Harry lachte nur und folgte ihr Gemächlich. Seine Schuhe trug er noch immer und seine Jacke warf er sich nur kurz über. Ginny stand fix und fertig schon in der Haustür.
„Sie werden uns schon nicht verfluchen, nur weil wir ein paar Minuten zu spät kommen!“, lachte er und zog die Tür hinter sich zu.
„Das vielleicht nicht, aber ich sag Lily ja auch immer, dass sie pünktlich sein soll! Wie sieht das denn aus, wenn ich mich verspäte?“
Okay, das war ein Argument. Harry beschleunigte seine Schritte, wenn auch nicht allzu sehr, und ging neben Ginny die StraĂźe entlang.
„Hat Hermine schon erzählt, was es gibt?“, fragte er beiläufig.
„Du wirst schon wie Ron! Immer nur ans Essen denken!“, grinste Ginny. „Aber nein, sie hat noch nichts gesagt.“
„Nicht mal einen kleinen Tipp?“
„Nein. Du weißt doch, wie sehr sie daraus immer Geheimnisse macht.“
„Ja, und dann wehe, man lobt ihr Essen nicht ausführlich“, lachte Harry. „Aber schmecken tut es ja wirklich.“
„Ja. Da hat die gute Hermine wohl noch eine Begabung mehr.“
„Zum Glück kann sie kein Quidditch. Sonst würde ich mich wirklich fragen, ob sie noch ein Mensch ist.“ Ginny lachte nur leise zur Antwort.
Sie bogen um die Ecke und sahen dann schon das Haus ihrer besten Freunde. Sie klopften an die Tür, die sofort aufgerissen wurde. Ein kleines Mädchen mit roten Haaren strahlte sie an.
„Ihr seid zwei Minuten zu spät! Jetzt darf ich auch einmal zu spät kommen!“
„Ja, aber nur zwei Minuten“, seufzte Ginny und strich Lily über den Kopf, bevor sie eintrat und den Mantel an die Garderobe hing.
„Ginny! Harry!“ Braune, wuschelige Haare erschienen im Türrahmen und die beiden Freundinnen begrüßten sich. Dann umarmte Hermine auch Harry.
„Wie geht es euch?“
„Gut“, sagte Harry leicht lächelnd. Er bemerkte Hermines forschenden Blick, doch sie sagte zum Glück nichts. Was, zum Teufel, hatte Ron schon wieder verraten?
„Kommt rein, kommt rein“, gestikulierte sie wild. „Setzt euch, das Essen kommt sofort!“ Sie wuselte in die Küche. Lily lief auf den Tisch zu, an dem schon Hugo saß und Ginny setzte sich dazu.
„Hugo“, rief Harry, „wo ist denn Ron?“
„Der ist noch oben“, antwortete der kleine Knirps und malte auf seiner Serviette weiter.
„Hi, Harry“, ertönte von der Treppe im Flur her eine altbekannte Stimme, „sehen wir uns also auch mal wieder!“
Schnell trat Harry zurĂĽck in den Flur und schloss die TĂĽr hinter sich.
„Was?“, fragte Ron argwöhnisch.
„Was hast du Hermine erzählt?“
„Ich … nichts …“
„Wirklich nichts oder nichts freiwillig?“
„Nichts … also … freiwillig …“
Harry stöhnte.
„Wie viel?“, fragte er und schloss die Augen.
„Das Nötigste. Dass ein paar Todesser ausgebrochen sind, aber nicht viele …“
„Gut.“ Er öffnete wieder seine Augen und starrte leer über Rons Schulter.
„Harry? Was ist los?“, fragte dieser besorgt und legte seinem besten Freund die Hand auf die Schulter.
„Nichts. Nichts Neues zumindest.“
„Dann geht’s ja noch“, versuchte Ron zu scherzen, doch keiner lachte.
„Jungs?“, ertönte Hermines Stimme durch die Tür. „Das Essen steht auf dem Tisch! Kommt!“
„Ja, Schatz“, erwiderte Ron, er warf Harry noch einen leicht mahnenden Blick zu, dass er sich ja zusammenreißen sollte, und öffnete dann die Tür erneut.
Es war schon spät, draußen war alles dunkel und die Sterne funkelten am blanken Nachthimmel. Ginny gab leise Atmungsgeräusche von sich, doch Harry konnte einfach nicht einschlafen, auch wenn diese Laute die Einschläferndsten waren.
Morgen musste viel erledigt werden … Man musste zusehen, dass die anderen Büros normal weiterliefen und dass die zuständigen Büros ihre Arbeit schnell und präzise erledigten. Es musste versucht werden, den Tagesprophet an jeglicher Berichterstattung weiterhin zu hindern und auch sonst den Vorfall so gut wie möglich zu vertuschen. Und es musste aufgepasst werden, dass es Kingsley auch weiterhin so gut ging.
Harry rieb sich müde die Augen. Wie gerne würde er jetzt in seinem Himmelbett in Hogwarts liegen … Auch nach neunzehn Jahren vermisste er es immer noch. Er beneidete seine Söhne regelrecht darum. Dass sie in Hogwarts leben konnten.
Nicht, dass es ihm hier nicht gefiel und dass er es nicht genoss, hier mit Ginny und Lily zu leben … Doch war es nicht vergleichbar.
James … Was er und Albus wohl gerade machten?
Leise seufzend stand Harry auf, fischte seinen Zauberstab vom Nachttisch und ein Stück Pergament aus der Schublade und ging hinab ins Wohnzimmer, wo er es sich auf der Couch gemütlich machte. Dann murmelte er „Lumos!“ und faltete das Pergament auseinander. Er warf noch einen Blick zur Treppe, doch alles war ruhig. Dann wandte er sich wieder dem Papier zu und tippte einmal mit dem Zauberstab dagegen.
„Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin.“
Wie von Geisterhand zogen sich Linien ĂĽber das ganze WeiĂź, alle von der Stelle ausgehend, wo der Zauberstab das verarbeitete Holz berĂĽhrt hatte. Schnell erkannte man Konturen und Punkte. Auch bewegende Punkte.
Harry suchte die Karte des Rumtreibers ab. Sein Blick fiel erst auf den Gryffindorturm und auf die Jungenschlafsäle. Albus lag friedlich in seinem Bett im Saal er der Erstklässler. Doch der Schlafsaal der Drittklässler war ziemlich unbewohnt – vier Punkte fehlten.
Er seufzte einmal vernehmlich und lieĂź seinen Blick ĂĽber die ganze Karte wandern. Er entdeckte Lehrer und VertrauensschĂĽler ihre Runden im Schloss ziehen, doch James oder seine Freunde waren nicht dabei.
Er besah sich das Gelände genauer. Hagrid schlief in seiner Hütte, doch wen anders entdeckte er im ersten Moment nicht.
Aber dort, im Wald … Da waren vier Punkte.
„Was bilden die sich eigentlich ein?“, schimpfte Harry. Er berührte die Karte erneut mit seinem Zauberstab und murmelte „Unheil angerichtet“, bevor er sich wieder auf den Weg in sein Schlafzimmer machte.
„Die Hammelbeine werde ich ihnen langziehen“, knurrte er das alte Muggelsprichwort. Wie sehr Ginny sich doch immer über diesen Satz aufregte.
„Nein … nicht … Colin …“ Er wälzte sich unruhig hin und her. „Noch so jung … Pass auf …“
„Harry!“
„Sie sind tot … sinnlos …“
„Harry! Wach auf!“
„Nein …“
„Harry!“
Harry fuhr hoch. Er sah in Ginnys sorgenvolles Gesicht.
„Ginny! Sie … sie sind alle tot …“
„Ich weiß“, antwortete sie sanft, „doch das sind sie schon seit Jahren. Seit neunzehn Jahren. Du hast wieder nur schlecht geträumt!“
„Ich … jaah …“
„Du hast es also immer noch nicht überwunden?“
„Nein“, seufzte er. „Ich glaube, ich werde es wohl nie ganz überwinden.“
„Dann träum jetzt was anderes!“ Mit sanfter Gewalt drückte Ginny ihren Mann in die Kissen zurück. „Träum von deinem letzten Geburtstag oder von Weihnachten!“
„Jaah … gute Idee …“
Ginny legte sich auch wieder in die Kissen und schloss ebenfalls die Augen.
Harry amtete tief durch. Wann endlich würden diese Alpträume ihn gänzlich in Ruhe lassen? Zwar wurden sie immer seltener – doch sie kehrten immer wieder. Und raubten ihm den Schlaf.
Flüsterten ihm zu, dass er es nicht verdient hätte, zu leben, wo sie doch alle tot waren. Für immer.
Vögel zwitscherten leise und friedlich vor sich hin. Sie sangen ihre eigenen Liebeslieder an ihre Partner, an die Bäume und Blumen, an die Natur – einfach an alles.
Harry drehte sich vorsichtig auf den RĂĽcken und genoss, wie die Sonne frech seine Nase kitzelte.
„Morgen, Ginny“, murmelte er genüsslich und schlug die Augen auf. Doch die andere Bettseite war leer. Sie war schon aufgestanden.
Er zuckte mit den Schulten und schloss die Augen wieder. So schnell wĂĽrde ihn nichts aus dem Bett bekommen. Er hatte noch ein bisschen Zeit. Zeit, bevor er ins BĂĽro musste.
Sein BĂĽro.
Er seufzte tief. Er freute sich ĂĽberhaupt nicht auf heute. Was wĂĽrde wohl alles Neues passieren?
Nun, bis zur Arbeit brauchte er nicht warten.
„POTTER!“, schrie Ginny aus Leibeskräften durch das Haus. So nannte sie Harry nur, wenn sie wahrhaftig wütend war. „KOMM SOFORT RUNTER! UND DENK DRAN - DA, WO KEINE FLIESEN SIND, KANN MAN RENNEN!“
Harry biss die Zähne zusammen. Was war so früh am morgen geschehen, das sie so aufregte?
Doch er traute sich nicht, noch länger zu trödeln. Mit einer wütenden Ginny war nicht zu spaßen.
Er schwang die Beine aus dem Bett und griff im Vorbeigehen nach seinem Morgenmantel. Dann lief er die Treppe hinunter und in die gemĂĽtliche KĂĽche, wo Ginny an der Anrichte lehnte.
„Da!“, schnauzte sie und deutete auf den Tisch. Da lag der Tagesprophet.
„Lies!“, befahl sie und funkelte wütend.
Harry warf einen Blick auf die Titelseite.
Ausbruch in Askaban! Minister verletzt!
Harry verkniff sich das aufseufzen. Sollte nicht alles klar gewesen sein mit dem Tagespropheten? Hatte nicht jemand dafĂĽr sorgen sollen, dass genau dies nicht geschah?
Es war ein Schock fĂĽr alle, als die Nachricht gestern in die Redaktion eintrudelte: Es gab einen Ausbruch in Askaban! Der erste seit ca. zwanzig Jahren.
„Wir können uns leider nicht erklären, wie das passiert ist“, erklärte ein Ministeriumsangestellter nervös. „Aber wir sind uns sicher, dass wir den Fall sehr bald aufklären können.“
Auroren wurden für die Suche bereits eingesetzt, sie suchen überall in Großbritannien nach den Übeltätern. Doch was, wenn sie schon außerhalb der Grenzen sind?
„Sollte sich dieser Fall tatsächlich bestätigen“, so der Mitarbeiter weiter, „dann werden wir natürlich die anderen Ministerien kontaktieren. Doch bisher sehen wir keinen Grund dazu.“
Wie uns in der Redaktion auch schnell einfiel – die Verbindung.
Der letzte Ausbruch ereignete sich in der Zeit, als der dunkle Lord noch lebte – was hatte dies zu bedeuten?
Wir stellten gestern noch Umfrage an. In unserer Redaktion und im Ministerium, das in Aufruhr ist.
„Ich weiß es nicht“, stammelte eine der Kolleginnen hier, „aber … es ist gut möglich, oder?“
„Die einzigen Ausbrüche aus Askaban, die es je gab, fanden in der Zeit des dunklen Lords statt“, bemerkte ein Kollege bitter. „Und wir haben ihn schon einmal für tot erklärt.“
Im Ministerium waren ganz ähnliche Stimmen zu hören.
„Ich bezweifle es nicht!“, behauptete eine Angestellte im marineblauen Umhang steif und fest. „Wir sollten nicht noch einmal den gleichen Fehler begehen und Anzeichen ignorieren! Wir haben es an Sirius Black gesehen! Der erste Ausbruch überhaupt und keiner hatte auf seine Verbindung zu Du-weißt-schon-wem geachtet! Und was hatten wir davon?!“
„Das schlimmste an allem – der Minister wurde verletzt und kann sich an rein gar nichts mehr erinnern“, murmelte ein anderer Mitarbeiter der gleichen Abteilung betreten.
Hört, hört! Der Minister wurde verletzt?!
Dazu schickten wir unsere geschätzte Kollegin Dolores Umbridge los, um den Herrn Minister persönlich zu diesem Schock zu befragen (siehe S. 2).
Ganz GroĂźbritannien in Aufruhr; wie geht es weiter?
Mehr dazu auf Seite 3.
„Wieso – hast – du – mir – das – verschwiegen?“, knurrte Ginny, sobald Harry die Zeitung sinken ließ.
Er wusste nicht, was er machen sollte. Er fuchtelte mit den Händen in der Luft herum, um nicht ganz tatenlos dazustehen.
„Oh, lass mich raten“, sagte Ginny verächtlich. „Du wolltest mal wieder den Helden spielen und mich beschützen, wie? Die arme kleine Ginny kann so etwas ja noch gar nicht vertragen! Die arme kleine Ginny muss ja noch beschützt werden! Oder noch besser – bemuttert!“
Harry schloss die Augen. „Ginny“, murmelte er, „nein-“
„Streite es nicht ab!“, fauchte sie. „Ich weiß, dass es stimmt! Harry, wann kapierst du endlich mal, dass ich kein Kind mehr bin? Ich bin eine erwachsene Frau von fünfunddreißig Jahren! Ich habe bereits drei Kinder auf die Welt gebracht! Und dann willst du mir nicht mal erzählen, was draußen los ist?“ Sie atmete tief durch. Harry wagte es, die Augen wieder zu öffnen und sie vorsichtig anzusehen.
„Ginny“, murmelte er wieder, „bitte, hör mir zu!“
„Ich warte.“
„Ich … Eigentlich sollte das kaum einer erfahren, damit eben keine Panik entsteht. Eigentlich sollte es nur das Aurorenbüro wissen und diejenigen, die es halt auch noch wissen musste. Aber noch bevor ich da war, wurde ganz groß Alarm geschlagen!“
„Schön“, knurrte seine Frau, „aber das erklärt immer noch nicht, wieso du mir nichts zutraust! Du traust mir rein gar nichts zu, Harry!“
„Ginny -“
„NEIN! Kapier es endlich, Harry, oder wir müssen Konsequenzen ziehen!“
„Was für Konsequenzen?“ Entsetzt sah Harry sie an.
„Ich will mich bei weitem nicht von dir trennen“, antwortete Ginny, schon etwas ruhiger, „dafür liebe ich dich viel zu sehr. Doch vielleicht wäre ein klein wenig Abstand zwischendurch ganz gut.“
„Ginny!“
„Lass stecken, Harry. Ich gehe jetzt ins Bad.“ Sie ging an ihm vorbei. Als sie in der Tür stand, drehte sie sich noch einmal um. „Oh, und les dir ruhig das Interview durch. Es erscheint mir ein wenig seltsam, könnte natürlich auch an der Fragestellerin liegen. Und auf Seite zehn könnte dich auch noch was interessieren.“ Dann verschwand sie endgültig die Treppe hinauf.
Was hatte er jetzt nur wieder angerichtet? Harry schüttelte traurig den Kopf. Er hatte gedacht, er wüsste es inzwischen besser und hätte sich geändert. Doch wie es schien, konnte man seine innersten Instinkte nicht ändern. Oder wenn, dann nur mit sehr viel Mühe und Zeit. Die er einfach nicht hatte.
Seufzend lieĂź er sich auf der kleinen KĂĽchenbank nieder und schlug die Zeitung bei dem Interview mit Kingsley auf. Von Umbridge.
„Ich kann mich kaum noch dran erinnern!“
Ich, Dolores Umbridge, hatte gestern die Freude, unseren lieben Zaubereiminister zu befragen. Doch leider war das Thema nicht ganz ohne – es ging um den Ausbruch in Askaban und seine Rolle in dem Spiel (näheres auf S. 1).
Brav klopfte ich an sein Büro und wartete das „Herein“ ab. Dann ließ ich mich in einem seiner sehr bequemen Sessel nieder und begann, ihn zu befragen.
FRAGE: Herr Minister – wie fühlen Sie sich?
MINISTER: Mir geht es wieder recht gut. Den Schock habe ich schon fast gänzlich wieder verdaut und körperlich geht es mir auch wieder gut.
FRAGE: Was haben die Ausgebrochenen Ihnen denn alles Böses angetan?
MINISTER: Nichts allzu schlimmes. Ich wurde gefesselt und die Seile haben mir in die Handgelenke geschnitten. Ansonsten war ich nur ohnmächtig. Ich kann mich an rein gar nichts mehr erinnern, was geschehen war, als die Todesser ausgebrochen sind.
FRAGE: Schlimm genug! Was wurde denn bereits unternommen gegen die FlĂĽchtlinge? Gibt es schon Hinweise?
MINISTER: Wir sind auf der Suche nach ihnen. Zwei Auroren sind unterwegs und ein paar andere Mitarbeiter aus der Abteilung fĂĽr magische Strafverfolgung. Ansonsten gibt es leider noch keinerlei Hinweise, nein.
FRAGE: Nur so wenige auf der Suche? Warum nicht mehr?
MINISTER: Wir müssen aufpassen, dass keine Panik entsteht, denn es gibt keinen Grund dafür. Es werden also alle möglichen Kräfte hier gebraucht.
FRAGE: Und wie geht es jetzt mit Askaban weiter? Was machen sie mit den ĂĽbrigen Gefangenen?
MINISTER: Wir werden sie in Askaban lassen. Die Dementoren sind immer noch dort und wir stellen verschärft Kontrollen an. Es gibt auch keinen besseren Ort, wo wir die Verbrecher festhalten könnten.
FRAGE: Und sonst? Ich habe gehört, dass Mr Potter sie gefunden hat. Wie stehen Sie dazu? Hat das irgendeine Bedeutung? Immerhin ist er sehr viel in solche Fälle verwickelt!
MINISTER: …
Harry schlug die Zeitung zu. Jetzt wurde es ihm zu blöd, das Wichtigste schien er auch gelesen zu haben. Ihm fiel ein, welche Seite ihm Ginny noch empfohlen hatte. Er schlug sie auf und sah, dass es die Klatsch und Tratsch Seite war. Die Titel waren alle uninteressant (Gilderoy Lockhart ist von der geschlossenen Station gekommen!) – bis auf einen.
Ich sage: Entschuldigung
Sicher ist vielen von Ihnen noch bekannt, wie der Anfang und leider auch einzige Teil der Serie „Unsere Helden von morgen“ lautete. Er behandelte die beiden Schüler von Mr Harry Potter, Leiter der Aurorenabteilung im Ministerium.
Nach dem Erscheinen dieses Artikels wurden viele negativen Stimmen laut – von wegen, Harry würde Ted Lupin, sein Patenkind, nur bevorzugen, wie ich schrieb.
NatĂĽrlich ist dies nicht wahr.
Hiermit entschuldige ich mich offiziell bei den betroffenen Personen Mr Ted Lupin und Mr Harry Potter.
Leider muss ich an dieser Stelle auch verkĂĽnden, dass die Serie nicht fortgesetzt wird.
Dolores Umbridge
Redakteurin des Tagespropheten
„Hmpf!“, machte Harry und knallte die Zeitung auf den Tisch. „Das macht es auch nicht mehr besser, du dumme Schlampe!“
Er hörte, wie oben im Haus eine Tür ging und kleine Füße die Treppe hinuntertapsten.
„Morgen, Daddy!“, rief Lily vergnügt und hüpfte auf seinen Schoß. „Ich hab Hunger!“
„Na, dann müssen wir wohl was dagegen unternehmen!“, lachte Harry, stand auf und holte die Cornflakes aus dem Schrank.
Es war verdammt kalt hier zwischen den Bäumen. Doch es störte sie nicht – fröhlich hüpften sie zwischen den Bäumen umher, als sei dies ihr eigener Garten, indem sie eine Party feierten. Sie warteten auf die anderen beiden Gruppen. Sie mussten bald eintreffen.
„Theo!“, rief ein Mann, der zwischen ein paar Büschen ausgestreckt saß. „Da kommt die erste Gruppe!“
„Perfekt“, grinste Theo und ging voran, um sie zu begrüßen.
„Habt ihr schon wen gesehen von der anderen Gruppe?“, rief er dem vordersten Mann mit Zauberstab zu.
„Nein, noch nicht“, antwortete er und ließ sich am Feuer nieder. „Aber sie müssten wohl bald kommen.“
„Ja, das müssten sie.“
„Wird unsere Sitzung hier sein? Im ungeschützten Wald?“
„Natürlich nicht!“, empörte sich Theo, „dort hinten ist eine große Höhle, wo wir alle locker reinpassen werden. Da werden wir uns besprechen und sie ist auch schon magisch geschützt.“
„Die nächste Gruppe!“, rief ein anderer Todesser nahe bei ihnen.
„Schön!“, freute sich Theo und stand auf. Der andere Zauberer mit dem Zauberstab tat es ihm gleich. „Lass uns schon mal reingehen.“
Sie gingen zwischen den Feuern hindurch und ĂĽberall erhoben sich auch die anderen Todesser der beiden Gruppen wieder und folgten ihnen. Die letzte Gruppe dicht hinter ihnen, von William mit Zauberstab angefĂĽhrt.
In der Höhle setzten sie sich Halbkreisförmig auf den Boden, die drei Männer mit dem Zauberstab den restlichen Todessern gegenüber.
„Freunde!“, begann Theo, als endlich alle still waren. „Noch einmal: Wir haben es geschafft, aus Askaban zu fliehen! Dabei war es so simpel, dass Askaban eigentlich gar nicht sicher ist! Alles Märchen, wie wir nun wissen!
Doch genug der Freude – uns steht eine Menge bevor.
Zunächst einmal brauchen wir alle Zauberstäbe. Wie viele fehlen?“
„Einundzwanzig“, sagte ein Zauberer aus der Mitte der Todesser.
„Das sind … viele“, murmelte Theo. „Einer von euch kann nicht zufällig welche herstellen?“ Allgemeines Kopfschütteln. „Nun denn … Dann müssen wir wohl anders durchgreifen. Wie wäre es mit einem kleinen Trip in die Winkelgasse? Ich habe gehört, dort soll es einen sehr guten Zauberstabmacher geben.“
„Du willst doch nicht etwa Ollivander entführen?“, keuchte William entsetzt. Theo wandte sich ihm mit hochgezogenen Augenbrauen zu.
„Und warum nicht, Will? Was bleibt uns anderes übrig?“ Als Will nichts sagte, drehte er sich wieder um. „Wer also ist bereit, dieses kleine Abenteuer zu bestehen?“ Drei Todesser meldeten sich, ebenso der Mann mit Zauberstab.
„Okay … Ich glaube, ihr schafft das mit einem Zauberstab. Wenn ihr im Laden seid, könnt ihr einfach so tun, als wolltet ihr einen kaufen! Eure Gesichter sind nicht bekannt, sie sind nicht in der Zeitung aufgetaucht. Wartet, bis ihr den passenden habt, dann entführt den alten Mann. Und sorgt dafür, dass es schon spät ist!“ Die vier nickten.
„Und warum sitzt ihr hier noch rum? Na los! Verschwindet nach London!“ Aufgescheucht sprangen sie auf und rannten hinaus, wo es leicht nieselte.
„Dann wäre unser erstes Problem hoffentlich gelöst. Nun zum zweiten … Will, wie geht es Alvan?“
„Ihm geht es hervorragend!“, sagte William hinter ihm. „Er hat mich vorhin noch kontaktiert. Er wurde nicht bemerkt.“
„Sehr gut“, murmelte Theo und lief auf und ab. „Sehr gut … Was steht noch an?“
„Ich -“, begann William, doch er wurde unterbrochen. Menschenstimmen näherten sich ihrem Versteck.
„Hast du an den Muffliato gedacht?“, flüsterte Will. „Und an die Desillusionierungszauber?“
„Mist!“, schimpfte Theo leise. „Ich wusste doch, dass ich was vergessen habe!“
„Dann lauft!“, rief Will, sprang auf und rannte hinaus in den Wald mit den anderen. Zwischen den Bäumen sah man Fackeln immer näher kommen.
„Morgen!“, brüllte Theo den anderen zu, „morgen Abend am Fluss!“
Dann zerstreuten sie sich und Theo disapparierte.
***
PS: GroĂźes Danke an die 22 Abonnenten und dass die FF schon ĂĽber 2300 Mal aufgerufen wurde ... *knuddel*
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