
von Minimuffin
Hallo!
Ich musste aus diesem Kapitel sogar etwas rauslassen, da es sonst zu lang wurde - ich hab an euch gedacht ;) Es kommt dann im nächsten Kapitel.
Ich hoffe, es gefällt euch, da ich eigentlich recht zufrieden mit bin. Und toll, dass meine Beta Thestralfan so schnell war x)
Hab euch lieb! Muffi
***
Nur der leise Knall verriet ihre Ankunft. Zwischen den Blättern hindurch sah sie, wie die Muggel vor ihr auf dem Bürgersteig herumwirbelte und ängstlich in den Wald spähte. Hermine zog sich weiter zurück.
„Was war das, Mami?“, hörte sie eine kleine Mädchenstimme quieken.
„Ich – ich weiß es nicht“, antwortete die Mutter. „Bestimmt … das war nichts Schlimmes. Komm, gehen wir weiter!“ Die beiden Muggel stöckelten weiter, die Schritte waren jetzt jedoch schneller als vorher. Beinahe wäre Hermine doch noch hervorgetreten, um die beiden zu beruhigen, doch sie ließ es bleiben. Was sollte sie ihnen sagen, wenn sie fragen würden, warum sie um diese Zeit noch im Wald war in einer einsamen Gegend?
Dann waren die Schritte verklungen und Hermine trat aus dem Gebüsch. Ein Blick nach links, ein Blick nach rechts – keiner da. Sie entzündete ihren Zauberstab mit einem kleinen gemurmelten „Lumos!“ und ging in die gleiche Richtung, wie die Muggel es ihr zuvor getan hatten.
Der Wind rauschte und ließ die Blätter wirbeln, doch keines fiel hinab. Ebenso wenig, wie sich auch nur die kleinste Maus entdecken ließ.
Hugo war zu Hause geblieben bei ihrem Mann, Ronald. Es war spät, er musste bald ins Bett, und außerdem konnte er nicht viel mit der Muggelwelt anfangen. Oder eher alle beide ihrer Männer. Denn das konnte Hugo nur von Ron haben.
Hermine hingegen fühlte sich sichtlich wohl in ihrer anderen Welt, ihren zweite zu Hause. Zwar konnte sie sich auch ein Leben ohne Magie nicht mehr vorstellen – doch erinnerte sie sich gerne an ihre Zeit vor Hogwarts. Sie erinnerte sich an ihre alten Freunde aus der Grundschule … Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihrem Magen breit.
Sie fühlte sich mit einem Mal schuldig. Wo vorher nur eine kleine Leere, ein kleiner Stich gewesen war – da war jetzt eine große Wunde, die blutete. Plötzlich sah sie all die vergessenen Gesichter wieder vor sich. Emily – eine lustige Brünette, sehr laut, lebensfroh. Ashley – Blond, ruhig, aber witzig, beliebt und gutaussehend, talentiert. Und Lisa, ebenfalls ruhig, selbstbewusst, vernünftig, klug.
Sie vier waren unzertrennlich gewesen. Bis der Brief kam.
Hermine hatte ihnen erzählt, sie würde auf ein Internat gehen, um sich dort besser ausbilden zu lassen. Und dann hatte sie mehr oder weniger freiwillig den Kontakt abgebrochen und sich Hogwarts samt Schulbüchern gewidmet.
Ihre Beine drohten zu versagen. Hermine schwankte gefährlich und ließ sich vorsichtig auf den Boden nieder. Was, wenn sie sie nie wieder sehen würde?
Bisher hatte ihr das nie so viel ausgemacht. Sie hatte jetzt andere Freunde, auf die sie nicht verzichten konnte. Aber was, wenn sie die Mädchen nie wieder sehen würde, sondern nur eine Todesanzeige von ihnen lesen würde? Zauberer, und somit auch Hexen, lebten länger als Muggel.
Tränen stiegen ihr in die Augen. Wieso nur war sie ausgerechnet hier, in der vielleicht wichtigsten Sache überhaupt, der Freundschaft, so dumm gewesen? Sie hatten sich doch damals mit Spucke geschworen, für immer füreinander da zu sein … Dass sie nie etwas auseinanderbringen würde …
Zwei Lichter näherten sich auf der Straße, ein Motor brummte immer lauter. Dann quietschten leise Bremsen und eine Autotür klappte.
„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte eine beruhigende Männerstimme. Dann – ein kurzes Keuchen. „Hermine!“
„Dad?“, flüsterte Hermine und sah mit feuchten Augen auf. „Dad, was machst du denn hier?“
„Ich hab gerade noch was besorgt, bevor der Supermarkt zumacht … Aber was ist denn mit dir los?“ Er half ihr auf.
„Ach, es … es ist nur …“ Stumm liefen wieder Tränen über ihre Wangen und Mr Granger packte sie unterm Arm.
„Komm, Kleines, ich nehm’ dich erst einmal mit. Du kannst hier doch nicht sitzen bleiben! Und mach deinen Zauberstab aus, für eine Taschenlampe ist er leider zu dünn ...“
Hermine gehorchte und stieg dann auf der Beifahrerseite im Auto ein. Sie schwieg, als ihr Vater den Motor anlieĂź und Gas gab.
Auch Mr Granger schwieg. SpĂĽrte er, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt zum reden war?
„Willst du … vielleicht etwas Musik hören?“, fragte er nach einer Weile.
„Ja, gerne“, antwortete Hermine leise. Der Mann langte über die Gangschaltung hinweg und drückte einen Knopf. Dann drehte er ein bisschen an einem Rad, damit die Musik lauter wurde.
Time can bring you down
Time can bend your knees.
Time can break your heart
Have you begging please.
Begging please ...
Hermine machte das Radio schnell wieder aus.
„Was ist denn los?“, fragte ihr Vater erstaunt.
„Das … Lied hab ich einfach schon zu oft gehört“, stotterte sie und blickte stur aus dem Fenster. Mr Granger blickte sie noch kurz nachdenklich an, aber dann musste er den Blinker setzen und um eine Kurve.
In dieser Kurve, von der Ebedon Street zur Michigan Street, fasste Hermine einen Entschluss. Gleich morgen würde sie anfangen zu suchen. Nach ihren alten Freunden. Gleich morgen würde sie in ein Internetcafé der Muggel gehen und auf entsprechenden Internetseiten suchen. Sie würde sie wiedersehen, sich entschuldigen … und ihnen zumindest einen kleinen Teil erklären.
„Wir sind da!“, verkündete Hermines Vater und stieg aus dem Wagen. Dann ging er um die Vorderseite herum und öffnete seiner Tochter galant die Tür.
„Danke, Dad“, murmelte Hermine und stieg aus. Dann ging sie neben ihrem Vater in das Haus hinein, hängte ihre Jacke an die Garderobe und ging dann anschließend ins Wohnzimmer. Voller Genuss sog sie den Duft des Hauses ein. Was für Erinnerungen sie mit ihm verband …
„Hermine!“, ertönte eine überraschte Frauenstimme. „Schätzchen, so spät? Musst du nicht bei Hugo sein?“
„Nein, Ron passt auf ihn auf“, lächelte Hermine und umarmte ihre Mutter. „Hallo, Mum.“
„Ich hab gerade Tee gemacht“, erzählte Mrs Granger ihr und wuselte in die Küche, „Rosenblütentee. Willst du auch welchen?“
„Klar!“ Man hörte das Scheppern einer Teekanne, dann klirrten Tassen, bis die ältere Frau wieder in der Tür erschien.
„Du glaubst nicht, was ich gestern im Supermarkt bei den Teesorten gesehen habe!“, erzählte sie munter und schenkte den Tee ein. „Ich hatte gerade mit Mrs Willson von gegenüber ein Gespräch über Dr. Huges neue Freundin angefangen – du glaubst nicht, wie viel sie mitbekommt! Sie hat die besten Quellen überhaupt! – und da wollte ich mir nur schnell eine Packung mit schwarzem Tee schnappen – als mein Blick auf die neue Teesorte rechts davon fiel! Hornissentee!“ Hermine prustete in ihren Becher, aus dem sie gerade hatte trinken wollen.
„Dann weiß ich jetzt wenigstens, woher Umbridge ihren Tee hat!“
„Wie? Die alte Sabberhexe trinkt so etwas?“, entrüstet ließ sich Mrs Granger neben ihrer Tochter nieder. Ihren Mann schien sie gar nicht zu bemerken, so sehr freute sie sich über den Besuch ihrer einzigen Tochter. „Zum Glück hab ich den nicht mitgenommen! Du weißt ja, wie neugierig ich bin. Aber dann hätte ich den sofort in den Restmüll verbannt!“
„Freut mich zu hören, Mum“, lächelte Hermine. Wie lange war es her, dass sie zum letzten Mal hier gewesen war? Viel zu lange, auf jeden Fall.
„Ach, aber was erzähl ich denn schon wieder! Wie geht es dir, Mine? Und den Kindern, Ron, Harry und Ginny und all den anderen?“
„Uns geht es gut. Rose ist in Gryffindor, Albus ebenfalls und James hat schon wieder etwas angestellt. Hugo und Lily hocken den ganzen Tag zusammen. Ich will echt nicht wissen, was die beiden aushecken.“
„Solange sie nicht wieder wie letztes Mal die Abwasserleitungen sprengen“, lachte Mr Granger.
„Das hoffe ich auch“, meinte Hermine wehmütig und dachte an all den Dreck. „Naja, Ginny und ich machen immer noch fast alles zusammen wie einkaufen und so und Harry und Ron haben viel zu arbeiten. Es gab neulich einen Massenausbruch in Askaban.“
„Nein!“, rief Mrs Granger aus und schlug sich die Hände vor den Mund. „Aber ihr seid doch alle sicher?!“
„Ja, das sind wir, Mum. Die Todesser, die ausgebrochen sind, scheinen auch nicht mehr in Großbritannien zu sein. Es waren um die zwanzig Stück und sie wurden noch nirgends hier im Land entdeckt. Relativ schwierig, so viele Personen versteckt zu halten, während überall die Auroren nach ihnen suchen.“
„Zwanzig“, murmelte Hermines Mutter erschrocken. „Meine Güte … Aber wie konnte das passieren? Askaban ist doch so sicher!“
„Wenn wir das wüssten …“ Dann trat ein Schweigen ein, in dem jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Diese drehten sich um die entflohenen Todesser, Askaban – und was der Ausbruch für sie bedeuten konnte in naher Zukunft.
„Hermine“, meinte Mr Granger plötzlich und griff auf den kleinen Tisch neben seinem Sessel, „schau mal hier!“ Er warf die Zeitung zu Hermine, die sie geschickt auffing. Dann schlug sie die Titelseite der Times auf.
Mord von London – Todesursache unbekannt
Dienstagnachmittag gegen 16.30 Uhr ereignete sich ein blutrünstiger Mord auf offener Straße (wir berichteten). Polizei und Sanitäter waren schnell, aber trotzdem zu spät zur Stelle, Zeugen wurden befragt – doch keiner schien gesehen zu haben, wie der 38-jährige ermordet worden war.
„Ich sah, wie das Opfer gegen die Wand des Big Ben gedrängt worden war“, erzählte ein Zeuge, der hier nicht genannt werden möchte, unserem Reporter. „Die beiden schienen eine heftige Auseinandersetzung zu haben … Und dann … Dann ist der Mann, der an die Wand gedrängt worden war, zusammengesackt und der andere Mann – er war verschwunden! Ich habe nicht gesehen, wie er weglaufen konnte … Ich war einer der ersten, die bei dem Verletzten waren. Ich wollte seinen Puls fühlen – doch da war er schon tot …“
Ähnliches hörte man von anderen Zeugen, niemand weiß mehr. Die Polizei steht vor einem Rätsel – vor allem, weil gestern das Ergebnis der Obduktion bekannt wurde: Zwar konnte der genaue Todeszeitpunkt festgestellt werde, doch nicht die Todesursache!
„Die Leiche weist keinerlei Verletzungen auf“, meinte einer der Ärzte ratlos. „Weder außen noch innen.“
Auch im Internet kursierten die verschiedensten …
Hermine legte die Zeitung wieder zusammen. Es reichte ihr, um schlauer zu sein als die Ärzte. Sie kannte die Todesursache des Gestorbenen.
„Ich weiß, wie er gestorben ist“, sagte sie leise. Sie hörte, wie ihr Vater scharf die Luft einzog, doch ihre Mutter – entweder wollte sie es nicht glauben oder sie dachte wirklich nicht daran.
„Wie denn, Schatz?“, fragte sie ihre Tochter mit großen Augen.
„Der Avada Kedavra, Mum. Der Todesfluch.“
Wütend schritt Hermine an dem Brunnen vorbei, in dem viele Geldstücke lagen. Sonst freute sie sich immer, dass gespendet wurde – doch heute verschwendete sie nicht den kleinsten Blick.
„Sie kennen meinen Zauberstab bereits!“, fauchte sie den murrigen Zauberer an, der sie als Besucherin im Ministerium kontrollieren wollte. Ohne ihn auch weiter zu beachten, schritt sie eilig zu den Fahrstühlen.
Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, als der Fahrstuhl endlich im richtigen Stockwerk hielt. Sie sprang als erste hinaus und eilte die Gänge entlang. Sie grüßte die ihr bekannten Gesichter nicht und erntete dafür viele erstaunte Blicke – die sie nicht bemerkte.
Dann tauchte vor ihr plötzlich ein schwebender und recht wackliger Stapel Papiere auf. Leider auch recht hoch. Hermine konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen oder ausweichen – mit voller Laufschrittgeschwindigkeit knallte sie dagegen und landete unsanft auf ihrem Allerwertesten.
„Mist!“, fluchte eine Stimme. Der Papierstapel hatte nicht geschwebt – ein Zauberer hatte ihn getragen, nur hatte sie ihn nicht gesehen.
„Oh, das … das …“, stotterte Hermine fahrig und fing an, Papiere zusammenzusammeln. „Das … tut mir Leid …“
„Nicht so schlimm“, meinte der Zauberer. „Aber warum wollen Sie die Papiere einsammeln? Sie können doch auch ganz einfach ihren Zauberstab benutzen!“
„Oh … ja …“
Hermine zog ihren Zauberstab und schwenkte ihn einmal. Im Nu war der Stapel wieder aufgerichtet.
„Könnten Sie mir …?“, fragte der Zauberer und streckte seine Arme aus.
„Ja, klar“, sagte Hermine und ließ die Papiere in die Arme des Zauberers schweben. „Aber warum lassen Sie sie nicht vor sich herschweben?“
„Mein Zauberstab ist kaputt“, grummelte er. „Heute Morgen zerbrochen. Ich kann aber erst nach Dienstschluss weg, mir einen Neuen besorgen.“
„Das tut mir Leid. Soll ich Ihnen noch helfen …?“
„Nein, nein. Setzen Sie ruhig nur ihren Weg fort, es schien, als hätten Sie es verdammt eilig.“
„Ja, so kann man es nennen“, murmelte Hermine und eilte den Gang weiter. Vor den Ecken bremste sie ab, um auch ja nicht noch einmal mit jemandem zusammenzustoßen. Ihre Wangen fühlten sich noch immer ganz heiß an.
Und dann sah sie sie schon am Ende des Ganges – die Tür. Zu Kingsleys Büro.
Im Laufschritt und voller Wut lief sie auf sie zu. Die Sekretärin war gerade nicht zur Stelle, doch das war Hermine nur Recht. Ohne anzuklopfen riss sie die Tür des Ministers auf und stürmte hinein.
„Kingsley!“, rief sie und sah sich erst jetzt im Raum um. Doch er war leer.
„Du wolltest was von mir …?“, hörte Hermine hinter sich eine belustigte Stimme und wirbelte herum. Kingsley stand hinter ihr.
„Normalerweise schätze ich es ja gar nicht, dass Leute einfach so in mein Büro spazieren“, tadelte er gut gelaunt, schloss die Tür und ließ sich in seinem großen Stuhl nieder, „doch bei dir mach ich mal eine Ausnahme.“ Er zwinkerte ihr zu und bedeutete ihr, sich zu setzen. „Ich höre?“
„Nun“, sagte Hermine und war plötzlich ganz nervös. Ihre Wut war verraucht, wieso nur war Kingsley so ruhig? „Ich war gestern Abend bei meinen Eltern … Und da habe ich erfahren, dass ein Muggel umgebracht wurde. Von einem Zauberer. Mitten in der Öffentlichkeit!“
„Was sagst du da?“ Entsetzt lehnte Kingsley sich ein Stück vor und sah sie mit großen dunkeln Augen an. „Aber wie willst du wissen, dass es ein Zauberer war? Ich dachte, deine Eltern sind Muggel …? Dann können sie doch nur Muggelnachrichten empfangen und das heißt ja, dass die Muggel von uns Bescheid wissen?!“
„Nein, nein!“, beschwichtigte Hermine ihn. Anscheinend hat er zu kurz geschlafen, dachte Hermine halb belustigt, halb besorgt, er ist sonst nicht so begriffsstutzig. „Natürlich wissen die Muggel nichts von uns. Aber es ist doch nur logisch! Die Muggel wissen selbst nach einer Obduktion die Todesursache nicht und das ist höchst ungewöhnlich, wenn es nicht der Avada Kedavra war! Außerdem wird von Zeugen berichtet, dass der Täter spurlos verschwunden ist ohne jegliche Möglichkeit, unbemerkt zu entkommen – ergo ist er disappariert!“
„Das … das ist logisch“, sagte Kingsley und knetete seine Knöchel, „aber was, bei Merlins Bart, ist eine Obdu-dingsda?“
„Eine Obduktion? Wenn eine Leiche untersucht wird auf alle mögliche Sachen. Normalerweise geschieht dies nach Morden, wenn die Todesursache noch unklar ist, man den Todeszeitpunkt feststellen will, et cetera.“
„Das heißt – die schnippeln eine Leiche auf?!“
„Ja.“
Kingsley sah Hermine leicht angewidert an. „Bäh. Die Muggel können einem echt Leid tun, dass sie zu solchen Mitteln greifen müssen …“
„Ja, schön und gut!“, unterbrach Hermine ihn. Nur mit Mühe zwang sie sich, nicht aufzuspringen. „Aber darum geht es jetzt nicht, Kingsley! Es geht darum, dass die entflohenen Todesser einen Muggel umgebracht haben! Folglich haben sie einen Plan! Denn wieso sonst sollten sie auf sich Aufmerksam machen, wenn sie sich nicht so sicher wären?“
„Aber“, murmelte Kingsley und legte die Stirn in Falten, „aber wieso bist du dir so sicher, dass es die entflohenen Todesser waren? Ich meine, schließlich kann das ja auch ein anderer Verrückter gewesen sein …“
„NEIN!“, schrie Hermine und sprang nun doch auf. Was war nur mit Kingsley los? Verstand er rein gar nichts?! „Kingsley, einen Muggelmord durch einen Zauberer gab es schon seit genau achtzehn Jahren nicht mehr! Der letzte wurde durchgeführt, in der Hoffnung, dass der dunkle Lord zurückkehrt. Er wurde mit einem Plan im Hinterkopf durchgeführt! Verstehst du die sichtbaren Zusammenhänge denn nicht?!“
„Das klingt logisch, ja“, murmelte Kingsley und lehnte sich in großen Stuhl zurück. Er sah sehr angespannt aus und … nervös?
„Vor was hast du Angst, Kingsley?“, fragte Hermine plötzlich leise. Sie setzte beide Hände auf die Tischkante und stützte sich somit ab, um Kingsley besser ansehen zu können. „Warum reagierst du nicht? Und wieso weißt du davon noch nichts?“
„Ich … es beunruhigt mich nur, dass dieser Mord geschehen ist und dass du mir nun die klaren Hintergründe vorlegst. Ich weiß nicht, wieso ich von diesem Mord noch nichts weiß … Vielleicht sind die Papiere dazu untergegangen …“
„Na, dann fragen wir doch am besten Mal deine Sekretärin!“ Hermine hatte schon fast die Hand auf die Türklinke gelegt, als sie zurückgerufen wurde.
„Nein! Warte, Hermine! Sie ist sehr zuverlässig und ich glaube nicht, dass sie so etwas tun würde!“
„Muss ja nicht absichtlich gewesen sein“, sagte Hermine schulterzuckend und drückte die Tür auf. Freya, die Sekretärin, hockte hinter ihrem Schreibtisch und war in ein Dokument vertieft.
„Freya“, sagte Hermine sanft und näherte sich der netten Frau, „darf ich dich mal kurz stören?“
„Ja, klar, Hermine“, antwortete sie und blickte lächelnd auf. „Worum geht’s?“
„Ach, ich hatte gerade nur ein Gespräch mit Kingsley und da ist uns eine wichtige Frage aufgekommen … Nämlich, hast du schon von dem Muggelmord in London gehört, wo die Todesursache, zumindest für Nichtmagier, unbekannt ist?“
„Nein.“ Freya schüttelte den Kopf. „Noch nie gehört.“
„Und du hast seit Dienstag auch keinen Bericht über so etwas bekommen?“
Freya dachte kurz nach, dann schüttelte sie erneut den Kopf. „Nein, hab ich nicht.“
„Okay.“ Hermine richtete sich auf. „Danke, mehr wollte ich nicht wissen …“
Sie war schon wieder fast in Kingsleys Büro, als die Sekretärin ihr noch was zurief.
„Aber weißt du denn nicht, dass der Minister gar nichts mehr damit zu tun hat?“
Erstaunt drehte Hermine sich um. „Nein.“
„Nun“, setze sie fort, „es wurde dafür ein neues Büro eingerichtet, auf dieser Etage. Der Titel ‚Büro für muggelige Nachrichten’ hat sich durchgesetzt. Es beschäftigt sich halt mit solchen Sachen … Die müssten eigentlich davon wissen.“
„Danke“, sagte Hermine ehrlich und rief zu Kingsley: „Komm, Herr Minister! Wir statten mal deiner neuen Abteilung einen Besuch ab!“
„Wie? Eine neue Abteilung?“ Kingsley erschien im Türrahmen.
„Ja, Minister“, sagte Freya. „Für muggelige Nachrichten.“
„Ach, jaah …“
Hermine winkte noch dankbar, dann schritt sie eilends den Korridor zurĂĽck, Kingsley dicht auf ihren Fersen. Doch wo war dieses verdammte BĂĽro?
Ein weiterer Gang ging von diesem ab auf der linken Seite. Hermine blickte auf und sah ein Schild, das darĂĽber baumelte. BĂĽro fĂĽr muggelige Nachrichten.
„Da rein!“, kommandierte sie und bog scharf ab. Der Gang … war schwer als Gang zu bezeichnen. Eher als Nische, an dessen Ende eine Tür war, die momentan offen stand.
„Jaah, und dann streckt der seine Hand aus … und … und …“, hörte Hermine eine ekelhafte Stimme aus dem Raum schnarren.
„Und er fängt ihn?“, fragte eine zweite voller Hoffnung.
„Nein!“, heulte die erste, „er greift ins Leere, kriegt nicht mehr die Kurve und scheppert voll gegen die Tribüne!“
Hermine trat in den Türrahmen. Das Büro war sehr klein. Mit Mühe standen sich zwei Schreibtische gegenüber und die Wände waren voll mit Postern, Berichten und Aktenschränken. Ein paar Zimmerpflanzen baumelten von der Decke und vor dem Fenster hing eine kaputte Jalousie. Auf den beiden Stühlen hinter den Schreibtischen saßen zwei Männer, recht ungepflegt, hielten dampfende Kaffeetassen in der Hand und schienen sich gemütlich zu unterhalten, während ihre Schreibtische von der ganzen Last an Papierkram zu ächzen schienen.
„Ja, bitte?“, fragte der Erste. „Wollen Sie uns sprechen oder haben Sie sich nur ganz einfach verlaufen, hübsche Lady?“
„Ersteres“, antwortete Hermine knapp und trat so weit zur Seite, dass Kingsley ebenfalls reinschauen konnte – doch da war kein Kingsley mehr. Hermine blickte zurück in den Gang, doch da war er auch nicht mehr.
„Wenn ich den erwische …“, brummelte sie gefährlich leise.
„Wen denn?“, fragte der Zweite belustigt, „deinen persönlichen Schutzgeist? Egon?“
„Nein, den ehrenwerten Herrn Minister.“
„Oho!“, machte der Erste und strahlte sie an. „Oho!“
„Der Herr Minister!“, sagte der Zweite im gleichen spöttischen Tonfall. „Welch eine Ehre!“
„Ja, ich kann wirklich verstehen, wieso er genau dieser Dame dort gefolgt ist“, meinte der Erste mit einem prüfenden Blick auf Hermines Figur. „Aber wieso er abgehauen ist, kann ich nicht verstehen.“
„Doch, ich schon“, sagte der Zweite munter. „Schau dir mal die Haare an! Unmöglich, so was sollte verboten gehören!“
„Ja, da hast du Recht“, sagte der Erste wieder und blickte nun ebenfalls auf Hermines ungebändigte Haare. „Da würde ich auch Reißaus nehmen. Vor allem in der Öffentlichkeit!“
„Und vor zwei solchen Klatschtanten wie uns!“
„Ja, das ist wirklich schade.“
„Nur ist er in letzter Zeit wirklich etwas seltsam geworden, der liebe Herr Minister.“
„Jaah, das stimmt schon. Du darfst dir seine Reaktion nicht so zu Herzen nehmen, Lady“, meinte der Erste mit einem Augenzwinkern zu Hermine. „Eigentlich ist er ja ganz zahm.“
„Aber das wirst du ja sicherlich schon wissen“, sagte der Zweite mit einem vielsagenden Grinsen. Zusätzlich wackelte er noch mit den Augenbrauen.
„Oh“, sagte Hermine, als sie verstand, „oh! Oh nein! Auf keinen Fall! Alles rein platonisch!“
„Ja, das sagen sie alle“, seufzte der Erste und schlürfte an seinem Kaffee. „Und was kommt hinterher raus?“
„Nein, wirklich!“, rief Hermine und wurde ganz buschig. „Da ist nichts, wir sind nur befreundet!“
„Es wird ja auch gemunkelt, dass er was mit seiner Sekretärin hat“, sagte der Zweite zum Ersten, als wenn er Hermine gar nicht gehört hätte. „Die Freya, weißt du. Die ist ja auch schon ein heißer Feger.“
„Jaah“, stimmte der Erste zu. Er bekam leuchtende Augen. „Die einmal …“
Vielsagend grinsten die beiden sich an. Hermine räusperte sich und bekam wieder die volle Aufmerksamkeit der beiden.
„Was ich eigentlich wollte“, begann sie, wurde jedoch unterbrochen.
„Ach, lass mich raten“, meinte der Zweite und grinste noch breiter. „Du wolltest uns ein bisschen Gesellschaft leisten?“
„Und uns ein bisschen unterhalten?“, ergänzte der Erste und dann brachen sie beide in schallendes Gelächter aus. Der heiße Kaffee in ihren Tassen, die sie noch immer in den Händen hielten, schwappte gefährlich, doch nichts lief über.
„Nein!“, rief Hermine und wurde langsam zornig. „Nein! Ich wollte euch was Wichtiges Fragen und es wäre schön, wenn ihr mir weiterhelfen würdet!“
„Einer so hübschen Lady helfen wir doch immer gerne weiter, nicht?“
„Jaah, natürlich. Mit reinstem Vergnügen und völlig umsonst, was auch nicht immer üblich ist!“
„Fühle dich also geehrt, Lady!“
„Ja, das werde ich ganz bestimmt tun“, brummte Hermine ironisch, „aber kann ich jetzt endlich mal zur Sache kommen?“
„Es liegt nur an dir, Herzblatt.“
Hermine atmete tief durch, um sich wenigstens einigermaßen zu beruhigen. Es war wohl nicht erwähnenswert, dass sie damit fehlschlug. „Nun“, sagte sie und betonte das Wort viel zu sehr, „ich wollte nur wissen, wann ihr das letzte Mal einen Blick in die ganzen Berichte dort geworfen habt.“
„Gestern, Süße“, antwortete der Erste zwinkernd, „wir mussten uns heute doch erst einmal austauschen, um hochkonzentriert arbeiten zu können. Doch was berechtigt dich eigentlich, das zu fragen?“
„Das ist egal. Aber wie sieht’s aus mit einem Bericht über einen Muggelmord am Dienstagnachmittag am Big Ben?“
Die Mienen der beiden wurden plötzlich ganz ernst. Ha!, dachte Hermine voller Schadenfreude.
„Na?“
„Ja, also“, stotterte der Erste. Er stellte seine Kaffeetasse ab, rückte sich in seinem Stuhl zurecht und warf seinem Kollegen einen ängstlichen Blick zu. „Ja … also … da war …“
„… schon ein Bericht …“, ergänzte der Zweite und imitierte den Ersten.
„Und gelesen haben wir den auch …“
„… ja, und dann …“
„Ja, dann …“
„Dann?“, fragte Hermine ungeduldig.
„Dann … dann …“ Hilfesuchend fuchtelte der Erste mit den Händen in der Luft herum.
„Dann … haben wir gedacht …“, stotterte der Zweite.
„Dass er …“
„… dass er unwichtig sei …“
„Und dann …“
„Weißt du, Herzblatt, da gibt es so eine tolle Erfindung, haben die Muggel auch …“
„… man nennt es Papierkorb …“
„Ihr habt WAS?“, schrie Hermine erbost. Sie funkelte die beiden Angestellten an. „Das habt ihr nicht!“
„Doch …“, sagte der Erste kleinlaut.
„Aber das war doch nur ein Muggel!“, versuchte der Zweite die Lage zu retten. „zu nichts nütze und nichts wert …!“
„Was glaubst du eigentlich!“, schrie Hermine ihn an. Sie konnte beinahe spüren, wie ihre Haare sich aufbauschten. „Meine Eltern sind Muggel und meine ganze andere Verwandtschaft ebenfalls!“
„Oh, dass …“
„… haben wir ja nicht gewusst …“
„Herzblatt, beruhige dich doch!“
„Die Putzfrau war bestimmt noch nicht hier und hat die Mülleimer ausgeleert!“ Fast synchron griffen die beiden unter ihre Schreibtische und zogen ihre Mülleimer heraus – doch sie waren leer.
„Das …“, murmelte der Zweite.
„… könnten wir ein Desaster nennen …“, ergänzte der Erste.
„Das wird ein Nachspiel haben!“, giftete Hermine die beiden an, bevor sie herumwirbelte und zurück in Kingsleys Büro ging.
Sauer riss sie seine TĂĽr auf, wie vorhin, ohne anzuklopfen. Und da saĂź er, schlĂĽrfte Kaffee, und sah sie ganz unschuldig an.
„Da war gerade eine Eule gekommen, die war total wichtig“, versuchte er sie zu beruhigen.
„Jaja! Das nützt jetzt auch nichts mehr!“ Hermine ließ sich wieder auf den Stuhl ihm gegenüber fallen. „Die beiden Klatschtanten haben den Bericht einfach für unwichtig abgestempelt und entsorgt!“
„Oh“, machte Kingsley nur.
„Wie, oh?! Kingsley, das wird doch hoffentlich ein Nachspiel haben für die beiden!“
„Jaah, natürlich“, beeilte sich der Minister zu sagen.
„Und was wirst du jetzt tun?“
„Öhm …“
„Kingsley!“
„Ich … werde dann wohl zum Minister der Muggel gehen …“
„Das hoffe ich auch sehr für dich!“ Hermine erhob sich. „Und, bitte, geh sofort und schieb es nicht auf! Dieser Besuch ist wichtig!“
„Ja, natürlich“, murmelte Kingsley. „Du hast vollkommen Recht, Hermine.“
„Schönen Tag noch.“
„Ja, dir auch …“
Hermine trat aus dem BĂĽro und schloss die TĂĽr hinter sich.
„Kingsley wird jetzt einen Besuch beim Premierminister der Muggel machen“, erklärte sie Freya und ging dann, ohne eine Antwort abzuwarten, zurück zu den Fahrstühlen. Am Gang zu dem kleinen Büro machte sie keinen Halt, sie beschleunigte eher ihre Schritte.
„Tschüss, Herzblatt!“, hörte sie trotzdem die Stimme der beiden hinter sich herrufen. Sie hatten sie also gesehen.
Hermine ließ die beiden Gespräche mit Kingsley noch einmal Revue passieren. Er war ihr doch … verändert vorgekommen. Lag das wirklich nur an Schlafmangel? Oder hatte er doch irgendwelche Verletzungen abbekommen, wo er in Askaban saß? Womöglich hatten die Todesser einen Fluch auf ihn gehetzt!
„Ja, das wird es wohl sein“, dachte Hermine, als sie im Atrium aus dem Fahrstuhl stieg, sie war jedoch nicht sonderlich beruhigt über diesen Schluss. Dann drehte sie sich und disapparierte.
***
Songzitat aus "Tears in Heaven" von Eric Clapton.
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