
von reewa
Vielleicht hatten sie nicht genug gelernt.
Aber so wankelmütig wie das Wetter da draußen, so schwankend wie die Stimmungen und Einstellungen der Hogwartsschüler, so hin- und hergerissen waren auch vier junge Männer in ihrer Bereitschaft, jeden verfügbaren Moment auf das Wiederholen des Prüfungsstoffs zu verwenden.
Am 25. Mai saßen sie noch brav in ihren Gryffindorblazern an den schweren Eichentischen der Bibliothek, denn 7 Grad verleiteten einen nicht gerade zu einem Maispaziergang, einem Umtrunk bei den steinernen Ebern oder gar einem Schäferstündchen hinter den Rosenbüschen.
Aber wer konnte es ihnen verübeln, dass es sie in den letzten Maitagen nicht länger in den Mauern des Internats hielt, wo der letzte Maitag das Gelände mit herrlichen 27 Grad durchwärmte. (Und hätten sie damals gewusst, dass dieser 31. Mai der heißeste Tag des Jahres bleiben würde, so hätten sie ihr Gewissen vielleicht noch weniger mit ihrer Faulheit belastet.)
Mit viel zu vielen dicken Wälzern und unzähligen Rollen Pergament bewaffnet, hatten sich die vier Rumtreiber ihren Lieblingsplatz unter dem großen Ahorn gesichert, aber die Bücher ließen sich viel einfacher als Kissenersatz unter den Kopf schieben als öffnen, und wieso hatten sie all die Jahre nicht bemerkt, wie schön aufgerollte Pergamente (selbst wenn sie mit schwergewichtigem Text bekritzelt waren) durch die laue Sommerluft segeln konnten, wenn man einen flapsigen Spruch mit einem gezielten Wurf nach dessen Urheber kommentieren wollte?
James vermisste später im Gemeinschaftsraum seine Zusammenfassung der „Wichtigsten historischen Ereignisse in der Zauberwelt des 18. Jahrhunderts“ und Remus‘ Exemplar von „Verwandlung für Fortgeschrittene“ hatte schwer gelitten, aber wen kümmerte das, wenn man doch noch einmal so ausgelassen hatte sein können.
Denn im Juni wurde es ernst. Bei 7 Grad schrieben sie alle „Zauberkunst“, bei 11 Grad „Zaubertränke“, bei 10 Grad hockten sie auf dem Astronomieturm und als ihnen nach Absolvierung der meisten Prüfungen Schlafmangel und Angespanntheit langsam an die Substanz zu gehen drohten, da kam der 20. Juni und mit ihm eine Vollmondnacht, die nicht nur Remus eine Verschnaufpause von 3 Tagen einbrachte.
Und schließlich war es vorbei. Sie waren durch. Als riesengroßer leerer Abgrund streckte sich der erste Tag nach der letzten Prüfung vor ihnen aus und nicht einmal das Quälen des widerlichen Schniefelus war ihnen Befriedigung. In drei Tagen würde sie ihre Ergebnisse bekommen, ihren Abschluss feierlich begehen und dann würden sie ihrer Wege gehen: Sirius hatte diese vom Erbe seines verstorbenen Onkels finanzierte coole Wohnung in London, James und Lily wollten sich verloben und zusammenziehen – Remus würde in Hogsmeade bleiben und bei den Stubbs‘ anfangen und Peter hatte zumindest vorübergehend ein Zimmer in London gemietet, um wenigstens in der Nähe eines Freundes bleiben zu können. Auf den Nachttischen der Rudelführer Sirius und James warteten schon seit Wochen die Bewerbungsunterlagen für die Aurorenausbildung. Sie brauchten nur noch ihr Zeugnis dazuzulegen. Natürlich gönnte Peter ihnen den Erfolg. Aber wenn er ganz tief in sein Inneres horchte, dann hockte da ein Kobold, der sich gefreut hätte, wenn den Überfliegern Black und Potter das ein oder andere „Mies“ vom Zeugnis entgegengeleuchtet hätte. Aber nein, das war natürlich absurd. Und es passierte auch nicht.
Der Abschlussball wurde großartig, wie alle Feste, wenn Wehmut, Freude, Erleichterung und tiefe Verbundenheit das Ruder führen. Natürlich konnte man sich erst sinnlos betrinken, nachdem Eltern und Anverwandte in ihre Unterkünfte nach Hogsmeade verschwunden waren, aber wer brauchte schon Schlaf in einer Nacht, die so unvergleichlich sein würde, dass man sie nie mehr vergessen wollte – nicht in einem Haus in Godric‘s Hollow, (einem Zuhause, das ein Gefängnis werden würde), nicht in einer Zelle in Askaban, nicht in einer Absteige in Peckham, nicht im Pelz eines Nagetiers (am Schwanz gezogen von einer wilden Kinderschar).
Der vorletzte Tag, nicht vor dem Mittag begonnen, wurde von den Freunden nur vernebelt wahrgenommen. Peter führte seine Eltern in Hogsmeade herum, Remus machte seine Mutter mit den Stubbs bekannt, James und Sirius mussten auf Wunsch von Mrs Potter Tee und Gebäck in Madam Puddifoot’s Teestube bei sich behalten und erst zu einem letzten Abendessen in der großen Halle waren sie noch einmal alle versammelt. Obwohl alles aufgetischt wurde, was die Hogwarts’sche Küche zu bieten hatte, sprach nicht einmal Peter auf Lammrücken oder Brombeer-Pavlova an. Es schmeckte zu sehr nach Henkersmahlzeit. Aber in den Gemeinschaftsraum zog es die Vier auch nicht, denn da wimmelte es nur so von Schülern niedrigerer Klassen, die von ihren Ferienplänen plapperten und sich nicht vorstellen konnten, was es bedeutete, diesem Institut für immer Adieu zu sagen. Man hätte sich direkt in den Schlafsaal zurückziehen können, aber da warteten schmerzlich gepackte Koffer, deren Anblick die Stimmung auch nicht heben würde. Als sie sich dann doch schließlich unschlüssig von ihren Plätzen erhoben und Richtung Tür marschierten, da stand plötzlich der Schulleiter vor ihnen und winkte sie in die leere Eingangshalle.
„Mr Potter, Mr Black, auf ein Wort, bitte.“
James und Sirius beeilten sich, Professor Dubledore zu folgen, während Remus und Peter nur zögerlich nachkamen.
„Sie erinnern sich wohlmöglich an meine Worte bezüglich der Gründung einer gewissen Organisation.“
„Natürlich, Sir“, sagte James höflich.
„Ich sollte vorausschicken, dass es Ihnen natürlich vollkommen frei steht, mein Angebot auszuschlagen und ich sollte Ihnen nicht verhehlen, dass dabei ein nicht unerhebliches Risiko für Leib und Leben nicht ausgeschlossen werden kann, aber ich würde es als Ehre betrachten, wenn Sie als außergewöhnlich begabte junge Zauberer uns in diesen schweren Zeiten zur Seite stünden.“
Die Angesprochenen brauchten gar nicht zu antworten, das Leuchten in ihren Augen verriet ihre Freude, und an Abenteuerlust hatte es ihnen noch nie gemangelt.
„Nur, dass Sie mich recht verstehen: Es handelt sich bei der zu gründenden Gesellschaft um einen geheimen Orden. Und Geheimhaltung hat in diesem Fall oberste Priorität. Das bedeutet, dass ich auf Ihre Verschwiegenheit setzen muss.“
Der Schulleiter lächelte vielsagend.
„Sie können somit Ihre Mitgliedschaft in dieser Geheimgesellschaft nicht dazu benutzen, um bei jungen Damen Eindruck zu schinden, Mr Black.“
„Keine Sorge, Sir“, beeilte sich James zu sagen. „Sie ahnen gar nicht, was Sirius alles für sich behalten kann.“
„Absolut!“, pflichtete Sirius seinem besten Freund bei. „Aber was ist mit seiner Freundin?“
„Oh, Miss Evans hat bereits heute Nachmittag ihre Teilnahme zugesagt. Dass Sie Ihnen das noch nicht mitgeteilt hat, ist einer der Gründe, warum ich sie gefragt habe.“ Erneut lächelte der Schulleiter.
„Im Übrigen wird die Arbeit für den Orden oft zäh und ermüdend sein. Nächtelange Wachdienste, Recherchen, Überwachungen im strömenden Regen sind vielleicht nicht nach Ihrem Geschmack.“
„Doch! Klar! Machen wir gern!“
Aus dem Augenwinkel erspähte Sirius Remus und Peter, die in einiger Entfernung stehen geblieben waren und zu ihnen herüberschauten.
„Jungs, kommt her! Worauf wartet ihr? Professor Dumbledore hat was zu sagen.“
Zögerlich näherten sich die Zwei der kleinen Gruppe.
Die Miene des Schulleiters wurde ernst. „Meine Herren. Das, was uns bevorsteht, ist kein spannendes Abenteuer. Hier geht es um die Zukunft der Zaubererschaft. Ich bin mir nicht sicher, ob es zu verantworten ist, ihre Freunde da miteinzubeziehen.“
„Aber Sie haben doch gerade gesagt, wie wichtig die Arbeit ist und Wachdienste schieben – das können Remus und Peter auf jeden Fall auch“ beeilte sich James zu sagen.
„Außerdem gehören wir zusammen“, fügte Sirius an.
Professor Dubledore seufzte.
„Nun gut. Mr Lupin, Mr Pettigrew – sind auch Sie gewillt und bereit, einer geheimen Gesellschaft zu dienen und die Zaubererschaft vor den Todessern und ihren Übergriffen zu schützen.“
„Ja, Sir“, sagte Remus und Peter nickte.
„Dann erwarten Sie in etwa einem Monat meine Eule. Wir sehen uns morgen früh vor Ihrer Abreise.“
Der Schulleiter von Hogwarts nickte den vier jungen Männern noch einmal zu, verschränkte die Arme hinter dem Rücken und ging von dannen. Er hoffte inständig, keinen Fehler gemacht zu haben.
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