
von reewa
Sie stiegen eine schmale, gewundene Treppe hinunter. Kälte breitete sich aus. Einzig spärliche Flammen in Wandhaltern, die an den gierig nach einem Opfer sich streckenden Arm eines Dementors erinnerten, beleuchteten die Szenerie.
Nach einigen Dutzend Stufen hielt Direktor Wearily plötzlich auf einem kleinen Absatz inne, der kaum ausreichte, dass zwei Menschen auf ihm Platz fanden, und zückte seinen Zauberstab. Eine weitere verborgene Tür schwang in einen geräumigen Gang auf und schloss sich wieder, kaum dass der Direktor und sein Begleiter hindurch gegangen waren. Der Gang lag ebenfalls im Halbdunkel, aber die Augen hatten sich nun daran gewöhnt und Dumbledore bemerkte die abzweigenden Gänge zu beiden Seiten, die mit Gittern aus Koboldstahl gesichert waren.
Es war eisig kalt hier unten. Dumbledore sah einen dunklen Schatten von einer Seite des Ganges zur anderen schweben und erschauderte. Wearily, noch immer den Zauberstab vor sich haltend, entließ aus diesem eine silberne Eule, die vor ihnen hin und her zu fliegen begann. „Zur Sicherheit. Unsere Wachen kennen keine Unterschiede. Wenn Sie mich fragen, ziemlich üble Kreaturen, üble Kreaturen.“
Sie schritten den Hauptgang weiter entlang, bis Wearily vor einem der gesicherten Gänge zur Rechten stoppte. Aus der Dunkelheit löste sich ein kleines Wesen und eilte auf sie zu. Als es näher kam, konnte Dumbledore erkennen - es war ein Hauself, nur spärlich mit etwas bekleidet, was wie eine braune Papiertüte aussah, von einer Kordel um die Hüfte vom Herabgleiten gehindert. Bei diesen Temperaturen! Eilfertig machte sich der Elf am Gitter zu schaffen und verbeugte sich tief vor den beiden Zauberern, während er diese durch das nunmehr geöffnete Gitter eintreten ließ. Sie konnten nun Stimmen hören, leisen Singsang und vereinzeltes Wimmern.
Dumbledore riss sich zusammen, aber Kälte und die gespenstische Atmosphäre formten sich zu einem einzigen Wunsch: Nicht länger an diesem Ort zu verweilen als unbedingt notwendig.
Der Hauself, der das Gitter wieder verschlossen hatte, beeilte sich, die Männer einzuholen und trippelte nun vor ihnen her. Das Tapsen seiner großen, nackten Füße war das einzige hörbare Geräusch. Es war, als hielten die Insassen von Askaban für einen Moment den Atem an. Dann durchdrang plötzlich ein gellender Schrei ganz in der Nähe die Stille und hallte an den steinernen Wänden wider.
Erneut passierte die kleine Gruppe vergitterte Räume, und der Schulleiter von Hogwarts spürte die Präsenz von Lebewesen auf der anderen Seite. Schließlich blieb der Elf stehen. Wortlos öffnete er ein weiteres Sicherheitsgitter und blieb vor dem kleinen Raum zurück.
Wearily und Dumbledore traten ein. Auf einem niedrigen Stuhl, beide Unterarme auf die Lehnen gelegt, saĂź der Grund fĂĽr Dumbledores Besuch. Ansonsten war der Raum leer.
„Oh, verzeihen Sie, Professor!“ Wearily steckte die freie Hand in seine Hosentasche und förderte ein helles Taschentuch zutage, das er mit einer leichten Bewegung seines Zauberstabs in einen hochlehnigen, reich verzierten (welch Unsinn, bei dieser Beleuchtung!) thronähnlichen Stuhl verwandelte. Den Gefangenen würdigte er dabei keines Blickes.
„Danke, Direktor Wearily. Es war sehr freundlich von Ihnen, mich zu begleiten. Aber jetzt können Sie sich wieder Ihren sicherlich zahlreichen anderen Aufgaben zuwenden“, sagte der Besucher und schickte sich an, sich auf den ihm dargebotenen Stuhl zu setzen.
Doch der Leiter von Askaban berührte ihn leicht an der Schulter, um ihm zu bedeuten, ihm zum Gitter zu folgen. Von dem Gefangenen abgewandt raunte Wearily Dumbledore zu: “Bitte gehen Sie kein Risiko ein. Ich bin für Ihre Sicherheit verantwortlich und kann Sie doch unmöglich in einem Raum mit einem Werwolf allein lassen.“
Dumbledore musste zu Wearilys Erstaunen unvermittelt lachen. „Ich habe nicht vor, bis zum nächsten Vollmond hier zu bleiben, mein lieber Direktor. Für die nächste Stunde besteht dagegen keinerlei Verwandlungsgefahr, seien Sie beruhigt.“
Mit diesen Worten ließ das Mitglied des Gamots den Anstaltsleiter stehen und nahm auf dem Stuhl Platz, der eigentlich ein Taschentuch war, von dem Dumbledore hoffte, dass es noch unbenutzt gewesen war. Er hörte das Geräusch des zuschlagenden Gitters und sich entfernende Schritte.
„Remus, bei Merlin, was machst du nur hier?“
Der Angesprochene seufzte und schwieg. Dumbledores Ton wurde weicher.
„Wie geht es dir?“
„Ich habe niemanden ermordet, Sir!“
„Das habe ich auch nicht angenommen, mein Junge. Erzähl mir, was passiert ist!“
Remus seufzte noch einmal, dann begann er zu sprechen.
„Vorgestern Nacht war ich in der Knockturn Alley, um mich mit jemandem zu treffen.“
„In der Knockturn Alley? Was um Himmels Willen hattest du dort zu schaffen?“
„Es gab da so ein Gerücht, ein Kerl namens Shady verkaufe dort Wolfsbanntrank. Ich habe mich in den letzten Wochen umgehört und schließlich jemanden gefunden, der als mich mit Shady zusammenbringen wollte. Samstagnacht um 2 Uhr waren wir vor 'Borgin & Burkes' verabredet.“
„Und du hast wirklich geglaubt, er könne dir helfen?“ Nun war es an Dumbledore, ein lautes Seufzen auszustoßen.
„Warum nicht? Sie wissen, dass es möglich ist. Es gibt ihn.“
„Du bist doch auch ohne zurecht gekommen in den letzten Jahren.“
„Bin ich das? Woher wollen Sie das wissen?“ Aufgebracht bewegte der Gefangene die Hände und seine Arme zuckten merkwürdig. Erst da bemerkte der alte Schulleiter, dass Remus' Arme an die Lehnen gefesselt waren und so den Drang nach gestischer Unterstützung seiner Worte verhinderten.
„Fahre fort.“
Der junge Mann atmete tief durch, bevor er weitersprach. „Ich wartete etwa zehn Minuten. Dann apparierten drei Männer vor mir und einer von ihnen - vermutlich dieser Shady - verlangte, zuerst das Geld zu sehen. Als ich antwortete, er solle mir im Gegenzug den Trank zeigen, griffen sie mich an. Ich habe mich nur verteidigt, Sir!“
„Sag mir, wie das abgelaufen ist.“
„Zuerst verfehlte mich ein 'Petrificus totalus' um Haaresbreite. Dann konnte ich ein 'Stupor' abwenden. Aber als mir dieser Shady einen 'Cruciatus' entgegen schleuderte, da war mein 'Expelliarmus' wohl zu heftig.“
Er stockte kurz, als habe er Schwierigkeiten, das passende Wort zu finden.
„Ich wollte ihn nur entwaffnen, Sir, aber er stürzte rückwärts mit dem Kopf gegen das Schaufenster und blieb reglos liegen. Die anderen zwei rannten sofort weg und ließen ihn so zurück. Ich bin nicht geflohen, Sir. Ich hab nach ihm gesehen, er lebte noch.
Dann erschienen plötzlich zwei Zauberer vom Magischen Strafverfolgungskommando und verhafteten mich. Beim Verhör sagten sie mir, Shady sei auf dem Weg ins St. Mungo gestorben. Was hätte ich denn tun sollen?“
„Sicher, dass es nur ein 'Expelliarmus' war, Remus?
„Sir? Sie zweifeln?' Mit großen Augen starrte ihn der Gefangene an.
„Nein, ich zweifle nicht. Aber der Gamot wird es tun. Man wird dich anklagen.“
„Aber es war so, wie ich es Ihnen erzählt habe. Sie wollten mich nur ausrauben. Nicht einmal ein Fläschchen mit irgendwas hatten sie dabei. Und ich fast meinen ganzen Lohn vom Dezember.“
„Die zwei Männer, die dabei waren, haben das Magische Strafverfolgungskommando alarmiert und ausgesagt, du hättest sie grundlos angegriffen.“
„Das ist eine Lüge, Sir!“
„Das habe ich vermutet.“
Eine kurze Pause entstand.
„Ich werde dich verteidigen, Remus.“
Dumbledore erhob sich. „Es gibt einiges zu tun. Ich komme wieder. Schon bald.“
„Professor?“
Der alte Zauberer hielt in der Bewegung inne.
„Da ist noch etwas. Können Sie nicht die Dementoren fernhalten?“
„Die Dementoren? Sie lassen die Dementoren zu dir?“
Lupin nickte leicht.
„Sie sind so furchtbar. Sie saugen alles Glück aus einem heraus.“
„Ich werde mit dem Direktor reden. Du musst deine Gefühle verschließen.“
„Ich werde es versuchen, Sir. Aber es ist so schwer.“
„Das ist es.“
Dumbledore ging zur TĂĽr, vor der sich der Hauself eingefunden hatte, um ihm das Gitter aufzuschlieĂźen. Sehr leise und leicht belegt klang die Stimme, mit der der Gefangene sich nochmals an seinen Besucher wendete.
„Ist Sirius hier?“
Es traf den Schulleiter völlig unvermittelt. Sirius Black. Verdrängt die große Enttäuschung, sich so sehr in einem früheren Schüler getäuscht zu haben. Er schluckte.
„Nein, mein Junge. Der Trakt für die Todesser liegt auf der anderen Seite auf der untersten Ebene.“
„Wie kann er das hier nur ertragen?“
Dumbledore ging zurĂĽck zu seinem ehemaligen SchĂĽtzling, ergriff ihn an beiden Schultern und blickte ihm fest in die Augen.
„Ich werde dich hier herausholen, Remus. Ich verspreche es dir.“
ZurĂĽck in Wearilys BĂĽro mit Blick auf das Werbeplakat fĂĽr Eoylops Eulenkaufhaus nippte Dumbledore an seinem Tee. Er schmeckte ihm nicht. An diesem Ort wĂĽrde ihm gar nichts schmecken, nicht einmal Waldmeisterjelly mit Vanillleraspeln.
Nur weil er immer noch fror und die Aussicht auf einen Rückflug durch die magische Windverstärkung alles andere als verlockend war, leerte er nun schon seine zweite Tasse.
„Sie setzen Untersuchungsgefangene den Dementoren aus. Dabei muss ihre Schuld noch erwiesen werden. Wie begründen Sie das, Direktor?“ Dumbledore stellte seine leere Tasse zurück auf den Tisch und verschob dabei die Figur einer kleinen, braunen Eule, die scheinbar mit echten Federn beklebt war.
„Nun, Professor, die Dementoren fungieren hier in Askaban als Aufseher. Sie bewachen die Gefangenen, aber sie bestrafen sie nicht.“
„Wie Sie wissen, lieber Direktor, ernähren sich Dementoren von den glücklichen Erinnerungen ihrer Opfer und lassen diese verzweifelt zurück. Das nennen Sie keine Strafe?“
„Der Einsatz von Dementoren liegt nicht in meinem Zuständigkeitsbereich. Da müssen Sie sich direkt an das Ministerium wenden.
Aber bedenken Sie: Seit wir die Dementoren haben - man mag von ihnen halten, was man will - ist es noch keinem Gefangenen gelungen, aus Askaban auszubrechen. Und gestatten Sie mir die Bemerkung: Darauf bin ich durchaus stolz, stolz.“
„Ich danke Ihnen für den Tee. Es scheint mir höchste Zeit, Ihren Mitarbeiter von der Verantwortung für Fach 34 zu entbinden. Auf Wiedersehen, Direktor.“
Dumbledore hatte sich erhoben und bereits mühelos die magische Tür zur Halle geöffnet, ohne Einsatz eines Zauberstabs, was Wearily in höchstem Maße verblüffte. Der Leiter des Gefängnisses wies den herbeieilenden Hauself an, den Schulleiter zum Ausgang zu bringen und wünschte ihm einen guten Rückflug.
Als er sich anschickte, zurück zu seinem Schreibtisch zu gehen, geschah es: Er trat auf eine buntlackierte hölzerne Eulenfigur und diese zerbarst in kleinste Splitter.
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