
von reewa
„Es ist ein Fehler, Remus.“
Sirius, der hinter dem Freund stand, hatte so leise gesprochen, dass Remus zuerst bezweifelt hatte, dass es wirklich Sirius gewesen war, der so mit ihm redete. Leise Töne waren nicht dessen Art. Und ‚Remus’ hatte er ihn innerhalb ihres kleinen Kreises nicht mehr genannt, seit sie vor geraumer Zeit diese geniale Karte kreiert hatten, die sich Remus gerade in die Innentasche seines Unhangs stopfte.
„Ich kann nicht noch drei Wochen warten.“
„Warum nicht?“
Remus wandte sich herum. „Das müsstest du doch verstehen. Du doch gerade.“
„Es könnte eine Falle sein.“
„Immer noch die selbe Paranoia, Tatze?“ Remus lächelte und steckte den Zauberstab in den Hosenbund. Auch wenn dieser ihm außerhalb des Schlosses nicht viel nützen würde, er würde ihm den Geheimgang öffnen und zur Not … Nein, ein ‚zur Not’ würde es nicht geben. Er irrte sich nicht in ihr. Sie mochte ihn einfach. Warum sollte es denn nicht auch Mädchen geben, die sich für ihn interessierten, nur weil er nicht so ein Draufgänger war wie andere?
„Ich bin morgen zum Frühstück wieder hier. Versprochen!“
„Willst du etwa wieder in der Hütte schlafen?“ Peter, der bisher mit beleidigter Miene im Türrahmen zum Badezimmer gelehnt hatte, sprach also wieder mit ihm. Das war ein Fortschritt, immerhin.
Remus nickte und wunderte sich. Die erwarteten anzüglichen Anspielungen von Sirius blieben aus. Offenbar betrachtete er das Ganze als ernste Angelegenheit.
„Pass auf dich auf, hörst du!“, flüsterte Sirius ihm ins Ohr, während Remus seine Robe schloss. Es regnete draußen wie aus bolivianischen Sumpftrichtern.
Er nickte den beiden Freunde noch einmal zu, dann machte er sich auf den Weg.
Gunhilda von Gorsemoor stand krumm und steinern, als wartete sie nur auf jemanden, der sie wahrnahm. Und das Gute war: Außer Remus befand sich kein Mensch in diesem Teil des dritten Stockwerks.
Er faltete die Karte wieder zusammen und zückte seinen Stab. „Dissendium!“
Der Buckel der Hexe öffnete sich und Remus stieg in den Geheimgang. Hier war es dunkel und kühl, aber wenigstens wurde er nicht nass. Und da er sich noch innerhalb des Schlosses befand, war ihm auch ein ‚Lumos’ gestattet. Er musste sich beeilen. Der Honigtopf würde in einer Stunde schließen und er säße fest, wenn er es nicht vor Geschäftsschluss schaffte, den Gang zu durchqueren. Außerdem wartete Lucy dort auf ihn und das Angebot an Leckereien und Naschartikeln würde sie – im Gegensatz zu den Hogwartsschülern – nicht dauerhaft amüsieren. Für sie war das Alltag.
Außer seinen Schritten war nichts zu hören. Fast ein wenig gespenstisch. Er hatte den Gang noch nie allein durchschritten, immer waren die anderen drei dabei gewesen. Vier Freunde.
Sie machten sich Sorgen und sie hatten nicht unrecht. Worauf ließ er sich da ein? Er durfte sich nicht gehen lassen, wenn er es sich auch noch so wünschte. Er war, was er war. Und es war unfair von ihm, Lucy glauben zu lassen, er sei nur ein wenig schüchtern und ansonsten ein Zauberschüler, wie jeder andere auch. Er hätte ihr seine Hand entziehen müssen, Samstagnacht auf den Straßen von Hogsmeade. Er hätte nicht einwilligen sollen, Lucy heute wiederzusehen. Aber er war schwach gewesen.
Er blieb stehen und überlegte. Wenn er nun einfach nicht kommen würde? Und die nächste Ausgangstage im Schloss blieb? Die Jungs könnten ihr ja sagen, dass er … dass er … . Ja, was? Dass er sie nicht mochte? Dass er sich geirrt hatte?
Er stellte sich vor, wie sie im Honigtopf auf ihn wartete. Umsonst wartete. Nein, er musste mit ihr reden. Es ihr erklären. Ohne sich zu offenbaren. Etwas erfinden. Es musste ihm etwas einfallen. Und er setzte seine Schritte fort, schneller als zuvor. Und versuchte, nicht zu lächeln, wenn er an sie dachte.
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