Ich wusste nicht, wie mir geschah, als ich auch schon vor der Großen Halle stand. Schwer atmend lehnte ich mich gegen die Wand, den Kopf nach oben zur Decke gerichtet.
Langsam ließ ich mich an der Wand herunter gleiten. Ich zog meine Beine an und verbarg mein Gesicht zwischen meiner Brust und meinen Knien. Was hatte ich nur getan?
Ich hätte ihn unter keinen Umständen küssen dürfen. Küssen. Ein verdammter Kuss war es gewesen, der mich völlig aus der Bahn geworfen hatte.
Aber in diesem Moment – eben am See – war es einfach über mich gekommen. Das Gefühl, seine Lippen auf meinen zu spüren, war viel zu verlockend gewesen. Doch noch ehe ich mir bewusst darüber war, was ich gerade getan hatte, wusste ich, dass es falsch war.
Zumindest dachte ich das. Denn ich konnte nicht wissen, wie Shane dazu stand.
Er mochte mich, dessen war ich mir sicher. Aber hatte er genauso starke Gefühle wie ich? Das zweifelte ich an. Ich konnte diese Vermutung nicht begründen. Doch ehrlich – ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass sich jemand wie Shane in ein Mädchen wie mich verlieben würde.
Ich hob meinen Kopf wieder hoch und bemerkte, dass meine Augen nass waren.
Verdammte Scheiße, jetzt fing ich schon an zu heulen! Dieser Abend war wirklich prima gelaufen.
Ich schaute zur Großen Halle, in der noch vereinzelt ein paar Paare tanzten. So auch Carla und Albus. Ich freute mich wirklich für Albus, dass er mit Carla auf den Ball ging. Doch ich war mir ziemlich sicher, dass es für sie fast nichts zu bedeutete. Und deswegen tat mir Albus Leid.
Er liebte sie, doch sie ihn nicht - und würde es wohl auch nie tun. Was ein Zufall – genau wie bei mir. Manchmal konnte das Schicksal schon merkwürdig mit einem spielen.
Etwas unbeholfen stand ich wieder auf und strich mein Kleid glatt. Dann wischte ich mir schnell die Tränen von den Wangen und ging in Richtung des Schlafsaals davon.
„Rose. Rose, warte doch.“
Ich konnte ihn hören – leider. Aber ich blieb nicht stehen. Shane war im Moment der letzte Mensch auf diesem Planeten, den ich sehen oder sprechen wollte.
Kurze Zeit dachte ich, er würde mir nachlaufen. Doch er blieb am Treppenabsatz stehen und schaute mir nach, wie ich in den Korridoren von Hogwarts verschwand.
Völlig aufgewühlt und wieder den Tränen nahe schmiss ich mich auf mein Bett. Ich war – bis auf Hannah, eine meiner Zimmernachbarinnen – alleine. Hannah schlief bereits tief und fest und so bekam sie nicht mit, wie ich hereingekommen war und nun anfing zu weinen.
Ich drückte mein Gesicht in das Kissen und wollte mein Schluchzen unterdrücken, doch es wollte einfach nicht aufhören. Es brach über mich herein, dass ich es gar nicht kontrollieren konnte und schließlich gab ich, dagegen an zu kämpfen.
Ich weiß nicht, wie lange ich auf meinem Bett gelegen hatte, als ich auf meinem Rücken eine Hand spürte.
Sofort wusste ich, wem sie gehörte. Carla. Sie merkte sofort, wenn es mir nicht gut ging. Doch sie fragte dann nicht, sondern war einfach da. Sie war immer für mich da, egal was los war, egal, wie sehr sie selbst Probleme plagten. Oft war sie stark genug für uns beide. Mir war immer noch nicht klar, wie es nach der Schule ohne sie weiter gehen sollte. Ein Alltag ohne Carla? Für mich war das im Moment undenkbar.
Carla setzte sich auf mein Bett. Ich rückte näher zu ihr heran und legte meinen Kopf auf ihren Schoß, den Körper wie eine Katze eingerollt. Sanft strich mir Carla über den Kopf.
Kurz bevor ich wieder einschlief, gab sie mir einen Kuss auf den Kopf und flüsterte:
„Ich verspreche dir, dass du nie wieder wegen einem Typen weinen wirst.“
In diesem Moment wollte ich ihr diese Wort glauben und ich glaube, ich tat es auch. Doch wie falsch sie damit lag, würden wir beide bald zu spüren bekommen...
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, bemerkte ich etwas schweres auf mir.
Carla. Sie war wohl hier bei mir eingeschlafen. Süß.
Langsam bewegte ich mich und merkte, dass Carla ganz kalt war. Natürlich.
Hier im Schlafsaal war es nicht gerade warm in der Nacht.
Sie schlief noch immer. So legte ich sie vorsichtig auf mein Kopfkissen und deckte sie zu.
Sie musste auf jeden Fall wieder an Wärme gewinnen.
Ich zog mir meinen Morgenmantel an und ging die Treppen hinunter, in den Gemeinschaftsraum.
Auch hier war es kalt. Der Kamin war noch aus. Ich zog mir meinen Morgenmantel stärker um meine Taille und setzte mich auf einen der beiden Sessel, die vor dem Kamin standen.
Eine ganze Weile saß ich einfach nur da und starrte stur geradeaus. Mit meinen Gedanken war ich für kurze Zeit in einer anderen Welt.
Doch als mir immer noch nicht wärmer wurde, beschloss ich den Kamin an zumachen. Oder besser gesagt: Ich würde es versuchen. Denn das hatte ich bis dato in meinen ganzen sechs Jahren an dieser Schule noch nie getan. Warum auch? Bisher hatte ich keinen Grund dazu gehabt. Er war ja schließlich immer bereits an gewesen, wenn ich aufgestanden war.
Leicht umständlich – okay, ich gebe es zu, ich hatte keine Ahnung – hantierte ich am Kamin herum.
Wieso hatte ich auch meinen Zauberstab im Schlafsaal gelassen? Das hätte mir einiges an Arbeit erspart. Suchend schaute ich mich nach einem Streichholz oder ähnlichem um. Irgendwo hier in diesem verdammten Raum musste ich doch etwas finden, mit dem ich den Kamin anzünden konnte!
Seufzend setzte ich mich vor dem Kamin und schloss kurz meine Augen. Als ich sie wieder öffnete, saß plötzlich jemand neben mir. Erschrocken wich ich zurück, doch es war „bloß“ Shane.
Was mir im Moment aber auch langte. Eigentlich wollte ich flüchten, doch ich konnte meine Beine nicht dazu bringen aufzustehen.
So sah ich ihm zu, wie er den Kamin mit ein paar Schlenkern zum Brennen brachte. Schlagartig wurde mir wärmer – ich gebe zu, ein wenig lag es auch an Shane.
Er ging zurück und setzte sich auf den anderen freien Sessel. Ich setzt mich zurück in meinen – nein, ich lief nicht davon. Auch wenn ich darüber nachgedacht hatte. Das wäre doch sehr peinlich gewesen. Noch mehr, als die ganze Situation sowieso schon war.
Wir saßen also jeder auf einem der Sessel. Das Feuer knisterte und verströhmte eine angenehme Wärme im Raum. Mir war nicht mehr kalt. Aber etwas anderes hatte sich in mir breit gemacht. Unwohlsein. Und zwar großes Unwohlsein. Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich Shane gegenüber verhalten sollte. Schließlich hatte ich ihn geküsst. Einfach so.
Deshalb schaute ich einfach in den Kamin, die Arme hatte ich um meine Beine geschlungen. Leicht nervös wippte ich vor und zurück.
„Bist du nervös oder so?“, fragte mich Shane plötzlich.
„Öhm – nein“, antwortete ich ihm knapp, hörte jedoch nicht damit auf.
Schweigen. Stille. Schweigen.
Ich atmete tief durch. Wieder Stille. Diese Stille schien mir bald meinen Verstand zu stehlen, wenn sie nicht bald aufhörte. Doch ich konnte und wollte nichts sagen. Was auch? „Ich hab dich geküsst, sei nun gefälligst mit mir zusammen?“ Bestimmt nicht! Das ging schlecht.
So entschied ich mich doch dafür, einfach weiter zu schweigen.
Wenigstens eines, was wir beide super beherrschten.
„Ich denke, wir sollten reden.“
Nein – absolut falscher Satz. Ich wollte nicht reden. Ja, ich wollte kein Schweigen mehr. Aber ich wollte sicher nicht mit ihm reden. Vor allem nicht, wenn er schon so anfing.
Ich reagierte daher nicht. Zu schüchtern war ich also auch noch, um ihm in die Augen zu sehen, wenn er mit mir reden wollte!
„Über gestern Abend“, tastete er sich weiter vor.
Ich traute mich wirklich nicht, ihm in die Augen zu sehen. Viel zu groß war meine Angst, er würde mich gleich enttäuschen. Egal was er tat, ich war mir sehr sicher, dass er mich enttäuschen würde.
Ich meine, was würde er wohl sagen? Genau. Dass er mich ganz nett findet, sympathisch und hübsch – wenn überhaupt – vielleicht auch noch. Aber garantiert nicht mehr. Und dieser Gedanke verletzte mich. In meinem Hirn sponnen sich die abstrusten Gedanken zusammen. Er hatte bestimmt schon eine Freundin außerhalb von Hogwarts. Allein bei diesem Gedanken wurde mir schlecht und ich hätte zu heulen beginnen können.
Ich war wirklich in ihn verliebt. Die Situation machte das nicht wirklich leichter. Nein, im Gegenteil.
Umso öfter ich mir dieses Geständnis selbst sagte, desto schlimmer wurde es. Desto heftiger seine Bedeutung. Rose. Liebt. Shane. Verdammt!
Wieso konnte ich nicht einfach so ein taffes Mädchen wie Carla sein? Die kein Problem damit hatte, Kerle anzusprechen und sie nach einer Verabredung zu fragen? Abgesehen davon war es meist sie, die gefragt wurde.
Shane sah mich an. Das spürte ich. Sein Blick. Ich fröstelte. Konnte er nicht woanders hinschauen?
„Rose?“, ich reagierte – wie die Male zuvor – nicht.
„Rose. Bitte sieh mich an.“
Ich wusste selbst nicht wieso. Die ganze Zeit hatte ich mich dagegen gesträubt, doch bei seinen Worten musste ich ihn einfach ansehen.
Als ich aufblickte, sah ich sofort in seine Augen. Diese Augen. Sie gehörten eindeutig verboten. So was Schönes, dass ich jedes Mal einen kurzen Aussetzer hatte, sobald ich sie sah.
Lange Zeit sahen wir einander an. Keiner sah weg.
Plötzlich stand er auf und kam auf mich zu. Ich sah ihn an.
Was hatte er jetzt vor?
Er streckte mir seine Hand entgegen. Überrascht nahm ich sie entgegen.
Er ließ sie nicht los, sondern zog mich hinter sich her. Hinaus aus dem Gemeinschaftsraum.
„Ich hab noch meinen Morgenmantel an.“
„Nicht schlimm. Es wird uns keiner sehen.“
Wir schlichen leise durch die Korridore von Hogwarts. Ich fragte mich nur, wohin er denn mit mir wollte. Ich hatte absolut keine Idee.
Nachdem wir 14 Treppen – in meiner Nervosität zählte ich Treppen – hinter uns gelassen hatten, wovon sieben die Richtung gewechselt hatten, kamen wir an eine kleine Tür, die mir noch nie aufgefallen war.
„Wohin führt die?“, fragte ich ihn. Doch er schüttelte nur den Kopf.
Geduld bewahren also.
Shane trat vor mich und öffnete die Tür. Dann kam er wieder zurück und schob mich hindurch. Seine Hände waren kalt – wie immer.
„Das Dach? Shane, was sollen wir-?“
Doch er hielt mir den Mund zu und führte mich ein wenig herum. Der Sonnenaufgang.
Wie wunderschön er doch war. Ich liebte Sonnenaufgänge so sehr.
„Oh Shane. Das ist wunderschön.“
Ich sah ihn kurz und, er lächelte.
Seine Aktion jedoch verstand ich immer noch nicht.
„Warum?“, fragte ich ihn knapp und sah ihn an. Er sah noch immer geradeaus, schien zu überlegen.
„Weil ich dich gern habe.“
Er drehte sich nun zu mir herum und nahm meine Hände in die seine.
Wenn ich nun gedacht hätte, er würde mir irgendetwas erzählen, so lag ich falsch. Hier vor mit stand Shane, und nicht Carla.
Shane machte einen Schritt auf mich zu und zog mich näher zu sich heran.
Noch einmal schauten wir uns in die Augen, dann beugte er sich zu mir hinunter und küsste mich.
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