
von Minimuffin

James & Lily Potter
Es gibt ein Land der Lebenden
und ein Land der Toten
und die BrĂĽcke ist die Liebe...
Das einzige Ăśberleben.
Der einzige Sinn.
Thornton Wilder
Wo war er?
Der Untergrund … Der war so merkwürdig weich.
Aber er hatte doch im Flur – mit Parkett – gestanden …?
Vorsichtig tastete er den Untergrund an. Das war … Watte?! Wo hatten sie denn bitteschön Watte auf dem Boden liegen? Hatte Lily den ersten April vorverlegt?
James schlug hastig die Augen auf. Ja, der Untergrund war weiß wie Watte … Und sah doch anders aus. Watte war es also nicht.
Er stemmte die Hände auf den Boden und drückte sich in eine kniende Position. Er ließ seinen Blick schweifen. Überall sah er weiß, einfach nur weiß. Dann hörte er hinter sich etwas knirschen – als würde man über Schnee gehen. Aber das war doch kein Schnee?
James wirbelte auf den Knien herum, seine Kinnlade klappte hinunter.
Das konnte nicht sein.
Nein, nein, nein!
Sie waren tot. Kein Zauber konnte Tote wieder zum Leben erwecken.
Und doch standen sie da, traten auf ihn zu.
„Jamsie“, sagte seine Mutter Arianna liebevoll und breitete die Arme aus. Sein Vater Nicolas stand lächelnd daneben.
Behutsam stand James auf. Das alles war ein schlechter Traum. Es musste ein Traum sein. Vorsichtig näherte er sich den beiden … Gestalten.
Dann, als ihm ein schrecklicher Gedanke kam, blieb er wie erstarrt stehen.
Inferi.
Die beiden musste Inferi sein.
Aber … Er war doch bei der Beerdigung gewesen …?
Aber Inferi konnte sie auch nicht sein … Die sahen doch anders aus, bewegten und reagierten ganz anders …? Er hatte Inferi schon einmal gesehen, als er und Lily Voldemort knapp entkommen waren.
Voldemort!
Er war Voldemort begegnet! Zum vierten Mal!
Und …
James’ Schultern sackten hinab.
GrĂĽnes Licht hatte ihn getroffen. Er wusste noch, dass er umgefallen war, auf den Boden im Flur gekippt war.
Dann war er also … tot?
James fing an zu zittern. Er konnte nicht tot sein, nein, das war unmöglich! Und … was war dann mit Lily und Harry?
„M-Mum?“, stotterte er. „D-Dad?“
„James, ja!“, stöhnte sein Vater. Das war wirklich sein Vater. Genau so hätte sein Vater reagiert. Dann rannte James los und stürzte sich in die Arme seiner Mutter. Vor ein paar Jahren, als die beiden noch lebten, hätte er dies nie getan. Aber jetzt wusste er, wie dumm das war. Wie sehr er sie vermisst hatte …
Und es fĂĽhlte sich echt an.
„B-bin ich … bin ich tot?“, fragte James und löste sich leicht von seiner Mutter. Sie blickte ihm traurig in die Augen.
„Ja.“
Eine halbe Welt brach für James zusammen. Klar, er freute sich, seine Eltern endlich einmal wiederzusehen – aber was war mit Lily und James? Er liebte die beiden über alles, mehr als alles andere … Sie hatten ihm geholfen, die schweren Verluste in seinem Leben durchzustehen … Sie waren sein Ein und Alles, das Wichtigste überhaupt für ihn, neben Sirius …
„Kopf hoch, James“, sagte sein Vater sanft und strich ihn über den Kopf – eine Geste, die er das letzte Mal vor ein paar Jahren ausgeübt hatte. „Früher oder später wirst du sie alle wieder sehen.“ James seufzte tief. Er hoffte beides. Einerseits sollten sie ein langes Leben haben, andererseits wollte er sie so schnell wie möglich wiedersehen.
Dann machte es hinter ihnen leise plopp!
James fuhr herum, sah aus den Augenwinkeln noch, wie seine Eltern lächelten.
Da lag sie, sein Engel, die roten Haare ganz wirr, die grĂĽnen Augen geschlossen. Er lief auf sie zu, zog sie vom Boden hoch in seine Arme.
„Lily“, flüsterte er in ihre Haare, „Lily.“
Er spĂĽrte, wie sie sich gegen ihn stemmte und ihn dann anstarrte.
„Ich – Ich dachte … Voldemort …“
James’ Lächeln verschwand.
„Ja“, sagte er düster. „Ja, er hat mich umgebracht.“
„Was?“, kreischte sie und fuhr hoch. „Das – das ist unmöglich! Dann … dann bin ich …?“
James nickte nur. „Ja, sieht ganz so aus.“
Lily brach zusammen, Er konnte sie gerade noch so auffangen.
„Ssssch, Lily“, murmelte er beruhigend. Er traute sich nicht ‚Alles ist gut’ zu sagen – denn was war gut? Wo war Harry?
Wieder knirschte es hinter ihnen, als würde jemand über Schnee gehen. Sie drehten sich um, Lily hob leicht ihren Kopf, sah die Personen an, die gerade gekommen waren, wimmerte: „Ich dreh durch!“
Da standen sie, beide leicht lächelnd, Lilys Eltern, die vor knapp drei Jahren gestorben waren. Bei einem Autounfall.
„Du kannst sie anfassen“, murmelte James in Lilys Ohr und sie sah ihn mit großen Augen an. Dann löste sie sich von ihm und stürzte sich in die Arme ihrer Eltern, beide gleichzeitig umarmend. Sie verfiel in hemmungsloses Schluchzen.
Ein leichtes, aber gequältes Lächeln stahl sich auf James Gesicht und er trat zu seinen Eltern.
„Wie lange sind wir schon hier?“, fragte James seinen Vater.
„Fünfzehn Minuten.“
„Fünfzehn?! Und … Lily …?“
„Sieben.“
James schloss die Augen. Acht Minuten waren vergangen, seit Voldemort Lily getötet hatte. Sieben Minuten, in denen er einem kleinen, wehrlosen Baby alles Mögliche angetan haben konnte …
Er hatte noch gar nicht richtig verstanden, was passiert war. Das würde Tage, Monate, vielleicht auch Jahre dauern. Aber das war jetzt egal – er wollte wissen, was mit seinem Sohn war.
„Was glaubt ihr“, murmelte er mit geschlossenen Augen, „was mit Harry passiert ist?“ Er wusste, dass seine Eltern sich einen schnellen Blick zuwarfen, doch er wollte es nicht sehen. Wenn sie diese Frage jetzt nicht umhaute, dann wussten sie Bescheid, was auf der Erde so alles passierte – und dann gab es für James auch einen Weg, nachzusehen, was mit Harry passiert war.
„Ich … Ich weiß nicht“, begann seine Mutter vorsichtig. „Voldemort ist viel zuzutrauen …“
„Aber nach der Prophezeiung“, setzte sein Vater fort, „würde ich sagen, dass er es schnell … erledigt hätte …“ James nickte. Plötzlich war er ganz ruhig.
„Wie kommt man auf die Erde?“, fragte er und schlug endlich seine Augen auf. Er hatte nicht bemerkt, dass Lily und ihre Eltern sich ihm genähert hatten und ihn nun mit großen Augen ansahen. Wieder warfen sich seine Eltern einen Blick zu.
„Man … Man muss hinunter gelassen werden …“, sagte Nicolas langsam.
„Wie kommt man auf die Erde?“, zischte James. Sein Vater seufzte.
„Dann komm mit, ich zeig’s dir. Lily?“
„Ich komme auch mit!“, sagte diese sofort. Sie warf ihren Eltern noch einen schnellen Blick zu, dann nahm sie James’ Hand fest in ihre und folgte Nicolas.
„Wir müssen an einem Wärter vorbei“, erklärte er im Laufschritt den beiden.
„An einem Wärter?“
„Ja. Man darf nur hinunter, wenn man magisch ist und einen guten Grund hat.“
„Und wieso sind Muggel und Zauberer hier zusammen?“, fragte James neugierig. Nicolas seufzte.
„Das hier ist ein Gebiet, wo beide ‚Arten’ hindürfen. Es gibt noch kleinere, abgegrenzte Gebiete, die nur den Zauberern bzw. den Muggeln gehören, aber normalerweise ist man nur hier.“
„Und – dann sind hier alle Toten?“
„So ziemlich, ja. Aber weit verstreut, das Gebiet ist größer als die Erde. Man trifft hier so gut wie nie auf unbekannte Gesichter. Außer man ist ein Geist geworden, dann ist man natürlich nicht hier.“ James nickte verstehend. Es war so aufregend, tot zu sein. Zumindest für den Moment.
„Da sind wir“, und Nicolas blieb stehen, sodass James und Lily beinahe in ihn hineinliefen.
Vor ihnen erstreckte sich ein großes Tor aus goldenen Eisenstäben. Daneben, klein im Vergleich, stand ein pummeliger Mann in einem weißem Umhang und mit kleinen, blonden Löckchen auf dem Kopf.
„Ein Engel“, flüsterte Lily und James musste unwillkürlich Lächeln. Er wurde jedoch sofort wieder ernst.
„Sie wünschen?“, schnarrte der vermeintliche Engel gelangweilt.
„Die beiden hier wollen gerne auf die Erde für kurze Zeit“, antwortete Nicolas mit großer Autorität.
„Ja, und?“
„Sie sind eben gerade erst gestorben und wollen ihren Sohn sehen. Er ist gerade mal ein Jahr alt und nicht erschienen. Sie wollen wissen, was passiert ist.“ Wieder seufzte der Engel.
„Na schön. Ihr habt eine Stunde!“ Und er trat zur Seite.
„Komm, Lily“, flüsterte James und zog seine Liebste mit sich. „Bis gleich, Dad.“
„Bis gleich, mein Sohn!“, antwortete Nicolas ruhig. „Viel … Erfolg.“
„Was … Wo …?“
Es war ein Wirbel. Ein Wirbel aus tausenden von Farben. Es verschluckte einen, wenn man nicht Acht gab.
„Wir sind da, Lily“, flüsterte James. Heiser. Tonlos.
Denn vor ihnen war … Ein Wrack. Ein Wrack von einem Haus.
„Was ist geschehen?“, fragte James mit großen Augen.
„Ich … Ich habe alles verriegelt …“, stotterte Lily. „Und … und dann … dann ist er trotzdem reingekommen … Und er meinte immer, ich solle nicht so dumm sein und ihm Harry übergeben …“ Sie schluchzte laut auf und vergrub ihr Gesicht in James’ Jacke.
„Shhh, Lily …“, murmelte er und strich ihr übers Haar. „Erzähl weiter, bitte!“
„D-dann … h-hab i-ich … mich vor Harry gestellt … und … b-bin gestorben!“
„Das war … mutig“, flüsterte James staunend. Etwas in seinen Erinnerungen regte sich. Eine Information, schon lange vergraben und für unwichtig und unglaubwürdig gehalten …
Etwas knatterte laut hinter ihnen und sie fuhren herum. Das Gartentor quietschte in den Angeln.
„Ich wollte es eigentlich noch ölen“, bemerkte James überflüssigerweise. Doch er keuchte erschrocken auf, als er die Gestalt erkannte, die dort ihren Weg zum Haus schritt. Sein bester Freund. Sirius.
„Komm, Lily. Ich bin mir sicher, wir werden gleich sehen, was passiert ist.“
Sie folgten Sirius Black in ihr Haus. Alles war düster … Es sah alles nach Angst und Schrecken aus. Sie hatten das Gefühl, dass es sogar anders roch.
„Oh mein …“, wimmerte Lily. Denn dort, neben der Treppe, lag er, tot. James Potter, ermordet, ohne sich hatte verteidigen zu können.
„James“, flüsterte Sirius und sie hörten das blanke Entsetzen in seiner Stimme. Er keuchte erschrocken, seine Augen wurden groß, ungläubig, nass. „James … nein …“ Sirius kniete neben ihm nieder, seinem besten Freund, tot … Die Augen noch offen, starrten Ausdruckslos an die Decke, man sah noch den Rest der Angst, des Mutes, des Entsetzens …
„James, ich …“, flüsterte Sirius heiser. Kämpfte gegen die Tränen an. „Es … tut mir so Leid … Peter …“
„Peter?“, krächzte James mit trockenem Hals ohne zu verstehen und wirklich darüber nachzudenken.
„Ich werde dich vermissen“, sagte Sirius in einer solchen Lautstärke, dass der leise Windhauch von außerhalb seine Stimme fast übertönte. Eine einzelne Träne kullerte Sirius’ Nase hinab, tropfte von dessen Spitze und kam auf, genau zwischen James offenen Augen, bis sie sich für rechts entschied und in das leere Auge floss. Man sah noch, wie sie den Ausdruck des einen Auges veränderte. Von Angst, Entsetzen, wurde es durch ein klein wenig Feuchtigkeit in Trauer verwandelt, in Hoffnungslosigkeit, bis es für immer geschlossen wurde.
Sirius verhaarte noch einen kurzen Moment, dann rappelte er sich schweren Herzens auf und erklomm die Treppe in Windeseile, seine beiden Verfolger nicht bemerkend.
„Lily“, murmelte er voller Angst, „Harry.“
Er hörte nicht auf die knarrenden Treppenstufen, machte sich keine Sorge, er könnte einbrechen. Dazu war er schon zu oft hier hinauf gelaufen, doch immer war er in einer anderen Stimmung gewesen …
„Bitte, nicht“, wimmerte er und betrat schließlich das Kinderzimmer. Oder das, was noch übrig war.
Es schien, als wollte er aufkeuchen, doch es ging nicht. Zu groĂź war sein Entsetzen.
In der Mitte befand sich ein riesiges Loch. Man sah die Küche darunter, voller Staub und Dreck. Rote Haare, gräulich, funkelten von unten hinaus. Die gesamte rechte Wand war weggesprengt worden, nur noch ein klein wenig der gegenüberliegenden stand noch. Mitsamt der Krippe.
Etwas wimmerte. Und Quakte.
„Harry“, flüsterte Lily erleichtert. „James, er lebt!“
„Ja“, seufzte James in ihre Haare. Er hatte Recht behalten mit dem, was er über das freiwillige Sterben für jemand anderen wusste. Merlin sei Dank.
Sirius rannte zu der Krippe und zog Harry hoch.
„Hey“, murmelte er und tröstete ihn, „dir ist doch nichts passiert. Shhh, Harry, es ist doch vorbei.“ Er wiegte ihn hin und her, sanft, das einzige Überbleibsel, das ihn noch an seinen Freund und die wundervolle Frau an dessen Seite erinnerte. Ein Schauer fuhr über seinen Rücken. Konnte er es noch lange hier aushalten, umgeben von lauter schmerzlichen Erinnerungen?
Er beeilte sich, rannte die Treppe hinunter und hinaus, auf die Straße. Eine zweite Träne fiel auf die knarrende Treppenstufe.
„Lass uns hinter ihm hergehen“, murmelte Lily und zog den starren James mit sich.
Da stand er, Sirius Black, und zitterte. Nicht vor Kälte.
Da hinten, da leuchtete ein Kürbis. Und dort, noch einer. Lauter hässlich grinsende Fratzen.
Am Straßenrand parkte ein Ungetüm von Motorrad, Sirius’ Liebling. Doch er stand nur da und starrte es an.
Bis sich große, schwere Schritte ihm näherten, dann drehte er sich um, mit gezücktem Zauberstab.
„Lass das verdammte Ding stecken“, sagte eine schwere, tiefe Stimme. „Hier leben Muggel!“ Doch erst als Hagrid in das Licht der nächsten Straßenlaterne trat, steckte Sirius seine Waffe weg.
„Was willst du hier?“, fuhr er ihn an statt einer Begrüßung.
„Dumbledore hat mich geschickt“, seufzte der Halbriese. „Ich soll … nachsehen, ob es stimmt … Und ob es noch Überlebende gibt … Er meinte, Harry würde eventuell überleben …“
„Woher … woher will er das wissen?“, fragte Sirius verwirrt, doch immer noch hinter einer grimmigen Fassade.
„Ich … ich weiß es nicht … Was weißt du?“ Aber statt einer Antwort hielt Sirius ihm Harry unter die Nase.
„Er ist der einzige Überlebende“, sagte Sirius leise, die Stimme bleiern. „Nimm ihn und … tu ihm was Gutes, bring ihn fort von hier. Er hat es verdient.“
„Was ist mit dir?“, fragte Hagrid argwöhnisch, bevor er vorsichtig das kleine Bündel an sich nahm.
„Ich … habe noch anderweitig was zu erledigen.“
„Dann viel Glück, Sirius.“
„Danke.“ Sirius drehte sich um und trat auf sein Motorrad zu. Er wollte es gerade starten, als Hagrid ihm noch etwas zurief.
„Kehr bald zurück, Sirius! Ich bringe ihn zu seinen Verwandten in Little Whinging. Er … Harry braucht dich.“ Sirius schwieg kurz.
„Das ist eine weite Reise“, meinte er leise und strich seinem roten Gefährt über das Blech. „Wie wäre es … wenn du es nimmst? Das wäre bestimmt angenehmer für Harry.“
„Ich – danke, Sirius.“ Hagrid trat an ihm vorbei und stieg auf. Langsam bröselte seine Sicherheit, Regungslosigkeit der Gefühle. „Danke.“
„Nicht der Rede wert“, murmelte Sirius und sah seinem großen Freund noch hinterher, als er in der Nacht verschwand. Dann murmelte er: „Rattenfondue. Wollte ich schon immer mal probieren“ und verschwand in der Nacht von Godric’s Hollow.
„Sie bringen ihn zu Petunia“, flüsterte Lily entsetzt, erneut schimmerten Tränen in ihren Augen.
„Ja.“
Sie blieben noch etwas stehen, starrte in die Nacht und auf ihr zerstörtes Haus, dachten über das Gehörte und Gesehene nach … und versuchten zu verarbeiten. Bis sie irgendwann den Sog auf tausenden von Farben bemerkten, die eine Stunde war vorbei, und sie wieder in den Himmel zurückkehren mussten.
In ihre neue Heimat.
Ohne Harry.
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