
von Minimuffin

Quirinus Quirrell
Vor dem Tode erschrickst du?
Du wĂĽnschest unsterblich zu leben?
Lebe im Ganzen!
Wenn du lange dahin bist, es bleibt.
...
Ein guter Abgang ziert die Ăśbung.
Friedrich v. Schiller
Eben noch, da stand er da, Hände ausgestreckt, an glühende Haut gedrückt. Jetzt aber war es vorbei, er konnte durchatmen. War er froh?
Konnte man sich freuen, gestorben zu sein?
Man konnte es. Wenn man genügend Leid erfahren hatte. Wenn die letzten Minuten schmerzvoll gewesen waren. Wenn die Last, die von einem abfiel, größer war als der Verlust der Freunde und Verwandten.
Und was, wenn man diese nicht hatte? Wenn man allein gewesen war?
Wenn niemand um einen trauern wĂĽrde?
Sein Begleiter, der ein Jahr bei ihm gewesen war, würde mitnichten um ihn trauern. Der war viel zu gefühlskalt. Doch noch schrecklicher war die Leere, die sich in ihm ausbreitete, als er daran dachte – an seine Eltern, die ihn mit fünfzehn verstoßen hatten, weil er so anders gewesen war. Seine Freunde, die keine Freunde gewesen waren. Seine Cousine, die er über alles geliebt hatte und die vor zwei Jahren verstorben war. Von einem Muggel in einer Bank getötet worden. Mit dreizehn Messerstichen.
Dies war der schlimmste Tag in seinem Leben gewesen. Er fühlte ihn, spürte ihn, durchlebte ihn, als würde ein Dementor vor ihm stehen … Er spürte den Boden unter den Füßen des Dementors vibrieren … Vielleicht sollte er mal abnehmen …
Doch seit wann laufen Dementoren?
Er klappte die Augen auf, zitterte noch, besah sich den Boden. WeiĂź und flauschig, trotzdem fest. Wo war er? Erlaubte sich jemand einen schlechten Scherz mit ihm?
Quirrells Blick glitt weiter nach oben, gen Himmel. Er sah, wie eine kleine, pummelige Gestalt auf ihn … zuhopste? Oder sollte das ein Laufen sein?
Der weiße Umhang wehte um ihn herum, ließ ihn noch dicker erscheinen, und seine blonden Löckchen tanzten auf seinem runden Kopf.
„Endlich“, japste er in Hörweite, „endlich erwische ich mal wieder jemanden! Name, Todesdatum!“ Quirrell richtete sich erstaunt auf.
„Wer ist gestorben?“
„Ooooh, lassen Sie mich mal nachdenken“, verdrehte der Mann die Augen. „Mmmmh, da wir hier im Himmel sind … Wie wäre es mit Ihnen?“
„I- … niemals!“
„Nein? Und wie kommen Sie sonst in den Himmel? Mal eben Stabhochsprung ausprobiert, wie?“
„Stab- … n-nein …“
„Stimmt, so athletisch sehen Sie auch nicht wirklich aus“, murmelte der Blonde bestätigend, dann zog er ein Klemmbrett unter seinem Umhang hervor und eine Feder.
„Name?“
„Qu-quirinus … Quirrell.“ Der Mann machte sich eine Notiz.
„Todesdatum?“
„Ich bin nicht gestorben! Sehen Sie, ich lebe doch noch!“
„Nein, tun Sie nicht“, stöhnte der Mann. „Todesdatum! Liegen Sie hier schon lange?“
„N-nein. Seit eben.“
„Na, sehen Sie! Geht doch!“ Quirrell schüttelte den Kopf, um seine Gedanken zu ordnen. Er brauchte nicht an sich hinunterzusehen, um zu wissen, dass er eine Gestalt hatte. Bis eben hatte er noch gedacht, er sei einfach bloß eine körperlose Seele oder eine Fiktion, die im Nichtssein herumschwebte …
Der Blonde machte sich erneut eine Notiz. „Zauberer oder Nichtzauberer?“
„Z-zauberer …“
„Prima! Dann kommen Sie! Verwandte oder Bekannte, die Sie gerne wiedersehen würden und die bereits gestorben sind?“
„J-ja“, rief Quirrell, als er hinter dem hüpfenden Engel herstolperte, „meine Cousine … Grimalda …“
„Und uns willst du nicht wiedersehen?“, ertönte hinter ihm eine kühle Stimme. Er drehte sich um.
Oh, Merlin.
Wie wenig er sich doch verändert hatte … Anscheinend alterte man hier nicht mehr.
Da stand er, aufgebaut und einen Arm um eine bildhĂĽbsche Frau gelegt. Der Mann selbst hatte schwarzes, verwuscheltes Haar und trug eine Brille vor seinen haselnussbraunen Augen. Die Frau hatte lange, rote Haare und stechend grĂĽne Augen.
„James“, flüsterte Quirrell heiser, „Lily. Meine alten … Freunde.“
„So kann man es auch ausdrücken“, erwiderte Lily kühl.
„Ich – es tut mir so Leid, dass ihr damals gestorben seid“, sagte er schnell und hob abwehrend die Hände. „Ich – ich war so traurig …“
„Mitnichten“, höhnte James. „Du hast dich doch eher gefreut! Endlich warst du uns los! Gib’s doch zu! Du und Peter, ihr habt doch unter einer Decke gesteckt!“
„Ich – neeeiiin“, sagte Quirrell schnell – zu schnell. James nahm den Arm von Lily und Quirrell tat ein paar Schritte zurück.
„Sei froh, dass du bereits tot bist“, knurrte James. „Denn für das, was du eben gerade getan hast, wirst du noch bitter büßen!“
„Meine Herren!“, rief der Blonde mit dem weißen Umhang nervös dazwischen und trat vor Quirrell. „Kein Grund zur Sorge! Es ist doch nichts passiert!“
„Nein?“, schrie Lily aus dem Hintergrund. „Und wie nennen sie das, wenn er unserem Kind das Leben nehmen will? Mit Hilfe von ihm?“
Der blonde Engel sagte nichts mehr. Er warf Quirrell noch einen Blick zu, dann trat er leicht beiseite. Als hätte er Angst vor ihm.
„Komm!“, schnauzte James plötzlich. „Es wird Zeit! Wir gehen!“
„Wohin?“, quiekte Quirrell ängstlich, als James seinen Oberarm schnappte und ihn mit sich zog.
„Wohin wohl? Du wirst dir jetzt genau ansehen, was du angerichtet hast! – Und nein, wir gehen!“, schnauzte er in Richtung des Engels, der schwächlich Protest einlegen wollte. Er verstummte.
„Wir – Nein! Wir gehen nicht zurück!“
„Oh, doch. Das werden wir tun.“
„Du brauchst keine Angst zu haben“, sagte Lily schadenfreudig, „dein geliebter Herr und Meister wird dich nicht sehen können.“ Zum Glück lief Lily vor ihnen, so konnte sie Quirrells Erleichterung nicht sehen.
James zog ihn durch ein großes Tor, dann wurde alles … bunt.
Boden. Stein-boden.
Er hasste Steinboden.
Er war auf Steinboden gestorben und nun lag er wieder auf eben diesem Steinboden. Er hasste ihn.
Aber wenn er wieder hier war … War er überhaupt wieder hier?
Quirrell hob den Kopf und sah sich ängstlich um. Dann seufzte er.
Ja, er war wieder hier. Und dann konnte sein Meister auch nicht weit sein.
Moment – Voldemort. Was war mit ihm? War er … was war er? Wo lag Quirrells Leiche?
Quirrell rappelte sich auf und sah sich vorsichtig um. Nein, weit und breit war nichts von Voldemort zu sehen … Er bekam eine Gänsehaut. Er mochte Voldemort vielleicht nicht sehen – aber dennoch konnte er ihn spüren. Er hatte lange genug seinen Körper mit ihm geteilt.
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als etwas an ihm vorbeistĂĽrzte; rote Haare.
Er folgte Lily mit seinem Blick – und erschrak. Sie stürzte sich neben einem kleinen Haufen zu Boden und strecke ihre Hände aus, wollte das Bündel berühren – doch ihre Hände fuhren hindurch, in das Bündel hinein. Wehleidig schrie sie auf.
„Lily, schhh“, machte James, der ihr nachgelaufen war und sie jetzt an den Schultern fasste. Sein Blick jedoch klebte an dem Bündel, ohne auch nur einmal zu blinzeln.
War Harry tot?
Wenn er tot ist, dachte Quirrell, dann bin ich schuld. Dann ist das ganz alleine meine Schuld …
Ich bin tot, ich kann nicht mehr verurteilt werden. Zumindest nicht vom Gericht; aber Lily und James sind da. Sie werden mich jeden Tag dran erinnern. Jeden Tag der Ewigkeit.
Quirrell wandte den Blick ab von den dreien. Er konnte es nicht ertragen, sie zu sehen mit solch quälenden Gedanken im Hinterkopf …
Etwas blitzte im Spiegel. Ganz kurz. Quirrell blinzelte einmal und sah genauer hin. Wieder blitzte etwas. Ein dunkler Schatten? Rauch?
Er trat näher heran und starrte angestrengt hinein, um irgendetwas erkennen zu können. Er sah, wie Lily und James neben ihrem Sohn kauerten und … und dann blitzte es noch einmal und Quirrell sah, wo das Blitzen herkam; hinten rechts, in der Ecke, da war ein Schatten, Rauch, dunkler Nebel? Da war etwas und dieses etwas – beziehungsweise dieser jemand – rief ein Kribbeln in seinem Nacken hervor, ließ ihn seine feinen Härchen aufstellen. Ließ sein Herz schneller schlagen und ließ seine Beine zittrig werden. Er konnte es nicht sehen; doch er wusste, dass dies die Überreste Voldemort waren.
Er hatte sie schon einmal gesehen. Vor einem Jahr, tief in einem Wald Albaniens … Er hatte ständig Albträume gehabt. Er hatte gehofft, dass sie nun vorbei sein würden. Dass er es vergessen konnte.
Dann hörte sein Gedankenfluss auf und er stand nur da, starrte in den Spiegel und Voldemorts Überreste an. Er bemerkte nicht, dass der sich bewegte; er tat es nur langsam, gemächlich, aber dennoch bewegte er sich. Auf Lily und James Potter zu, die nur Augen für ihren Sohn hatten. Er bemerkte es erst, als er fast genau hinter ihnen … schwebte? War.
Er wollte den Mund aufmachen, ihnen eine Warnung zurufen, doch er war zu langsam – schon stürzte sich Voldemort auf die kleine Familie herab und hüllte sie ein. Sie waren nicht mehr zu sehen.
Das einzige, was Quirrell jetzt noch hörte, war sein eigenes Herz. Er zählte die Schläge, die so unendlich langsam kamen. Erst nach dreiundvierzig hörte er ein anderes Geräusch, dass ihn herumfahren ließ.
Es waren Schritte, die auf dem nackten Steinboden widerhallten und das leichte Schleifen von Stoff auf Stein. Er sah, wie ein altbekannter Zauberer mit langem silbrigem Haar in den Raum trat, kurz die Lage überblickte und dann entsetzt den Rauch anstarrte. Er stürzte vorwärts und richtete seinen Zauberstab auf Voldemort, dann knallte es und der Rauch stob in alle Richtungen davon.
„Harry“, murmelte Dumbledore, dann nahm er den Jungen schnell in seine Arme und rauschte davon.
Quirrell sah sich vorsichtig um. Wo war Voldemort nur? Er hatte Angst vor dem Zauberer. Gewiss wĂĽrde er wĂĽtend sein, Harry war ja weg. Er wĂĽrde seine Wut an anderem auslassen. Er hatte dies gerne mal bei Quirrell selbst getan. Konnte er ihn ĂĽberhaupt sehen?
Er wurde an der Schulter berĂĽhrt und schrak herum. Doch es war nur James, der vor ihm stand mit leeren Augen.
„Wir müssen wieder“, sagte er nur und wollte wieder zu Lily gehen, doch Quirrell hielt ihn am Arm fest.
„Warte! Was … was ist mit Harry …?“
Ein finsterer Ausruck trat in das Gesicht des jungen Mannes. „Er lebt. Doch du hast ihn enorm geschwächt. Wäre Dumbledore nicht gewesen, dann wäre er jetzt tot – dank dir.“
Dann wurde es wieder bunt.
Erneut lag er auf dem Boden mit dem Gesicht nach unten. Doch diesmal war der Boden nicht hart und kalt, sondern flauschig und warm. Er war wieder im Himmel.
Der Himmel … das war etwas, das er immer noch nicht glauben konnte.
Er richtete sich auf sah sich um. James und Lily stolzierten gerade durch das groĂźe Tor und wĂĽrdigten ihn keines Blickes. Seufzend stand er ganz auf und klopfte sich ein bisschen Staub von den Kleidern.
„Ah, Sie sind also zurück.“
Oh nein, dachte Quirrell. Nicht der schon wieder.
„Wie war es?“
„Es war … interessant.“
„Aha. Und – nur so unter uns gesagt“, der dicke Blonde beugte sich ein bisschen näher, „dieser Potter und auch seine Frau, der kann ganz schön unausstehlich sein. Ziemlich arrogant, wenn Sie mich fragen und wenn es um seine Familie – insbesondere um seinen noch lebenden Sohn – geht, dann versteht der nicht mal mehr das kleinste Späßchen. Richtig ungemütlich wird der dann. Dabei wäre ich doch froh, wenn ich mein Kind wieder bei mir hätte! Sie nicht?“
„Ähm“, machte Quirrell perplex, „doch … Ich bin etwas müde … Ich glaube, ich lege mich ein bisschen aufs Ohr …“ Schnell schritt er auf das große Tor zu, in der Hoffnung, dem gelangweilten Engel zu entkommen.
„Warten Sie!“, rief dieser. „Ich führe Sie zu ihrem Quartier! Dort können Sie ihre Verwandten und Bekannten wiedersehen! Das habe ich extra für Sie einrichten lassen!“
„Ähm … dankeschön“, sagte Quirrell.
„Dann kommen Sie! Ich begleite Sie!“
„Ja … ich komme schon.“ Und seufzend ergab er sich einem Schicksal und ließ sich von dem fetten Wächter zulabern. Nur die Aussicht auf ein lang ersehntes Treffen mit verstorbenen Freunden und Verwandten zauberte ihm ein Lächeln aufs Gesicht.
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.