
von Kraehenfeder
Kapitel 22 – Tinte und Tabletten
Langsam hob Draco den Kopf, musterte Sirius‘ abwesenden Gesichtsausdruck und grinste den Älteren überheblich an. „Du denkst, ich würde das nicht tun? Pah! Da hast du dich aber geschnitten. Meinetwegen sofort.“ Er fühlte sich im Moment, als könnte er Bäume ausreißen und wenn Sirius das wollen würde, dann hätte er hier im Nu einen halben Wald liegen… oder stehen.
Sirius öffnete den Mund und klappte ihn Archie-like wieder zu. „Super. Okay…“ Er drückte Draco von sich weg und öffnete die Tür. „Komm.“
„Musstest du mich jetzt schon wegdrücken?“, grummelte Draco und verschränkte die Arme vor der Brust. Ratlos legte Sirius den Kopf schief. „Drück mich doch wenigstens mal richtig.“ Herrisch reckte er das Kinn und wartete ab. Sirius machte jedoch keine Anstalten ihr Zusammenkommen richtig zu Besiegeln.
„Drücken? Wo?“, fragte er.
Draco schnaubte. „Verarschen kann ich mich alleine… Lass uns gehen.“ Damit fasste er nach Sirius‘ Hand und zog ihn auf die Straße. Die kühle Abendluft ließ Sirius frösteln. Draco zog ihn näher und schlang die Arme um Sirius‘ Taille, was er erst wieder sein ließ, als sie die Winkelgasse erreichten. Sirius sagte immer noch kein Wort und summte nur leise vor sich hin. Hoffentlich nicht wieder irgendein Hahngekrähe. Draco zog es für einen Moment in Erwägung sich Crack-i-di-doo stechen zu lassen. Merlin, Vater würde ihn umbringen… Dabei hatte er selbst eines auf dem linken Unterarm. Oh, und er brauchte mit zweiundzwanzig Jahren auch nichts mehr auf die Meinung seines Vaters, der nicht mehr als dieser bezeichnet werden wollte, geben.
„Hallo…“, begrüßte sie jemand träge, als Draco irgendwo weiter hinten in der Winkelgasse Sirius in den Tattoo-Shop zerrte. Es war dunkel und aus einem Hinterzimmer hörte man ein beständiges Surren. „Nein…“ Der schwarze Mann, der hinter der langen Theke saß starrte Draco überrascht an. „Malfoy?!“
Draco musste etwas näher treten, um Dean Thomas in dem schummerigen Licht erkennen zu können. Noch dazu hatten sie sich Jahre nicht gesehen. „Thomas… Hier bist du also gelandet?“
Sirius zog die Augenbrauen festzusammen und steckte die Hände in die Hosentaschen, den Blick zwischen Draco und Dean umherschweifend. Seine Augen wanderten über Deans deutlich sichtbare Oberarmmuskeln, trug der doch ein ärmelloses Shirt, das auch noch die fast übertriebenen Bauchmuskeln extra betonte. Am liebsten hätte er Draco gepackt und wieder hier raus gezerrt. Ins Fitnessstudio um seinen wabbeligen Bauch wegzubekommen.
„Jaah, alles ganz innovativ, Malfoy. Bewegende Bilder, auf deiner Haut! Aber das du sowas willst kann ich mir nicht vorstellen“, sagte Dean. Er wirkte viel gefährlicher wenn er die Klappe hielt. „Auf deiner edlen Haut?“
Sirius knurrte leise, während Draco gluckste.
„Oder will sich dein Vater das Mal entfernen lassen?“ Er schaute zu Sirius. „Sie sehen verändert aus, Mr. Malfoy. Neue Frisur?“
„Ich bin nicht Lucius Malfoy!“, entfuhr es Sirius empört. „Und ich bin nicht Dracos Vater!“
Dean musterte ihn mürrisch, griff unter den Tresen und setzte eine peinliche Hornbrille auf. „Nein! Sirius Black. Hab Sie gar nicht erkannt. Ohne das Ding seh ich hier drin schlecht“, sagte er und räusperte sich. „Also… Was kann ich für euch tun?“ Die muskulösen Arme auf der Theke abstützend – hoffentlich hielt die das aus – lehnte Dean sich vor und scannte die Haut seiner potenziellen Kunden schon genau.
„Also, ich will eins“, sagte Draco, nicht ganz so sicher, ob er sich in die starken Hände eines gefährlich aussehenden Ex-Gryffindors begeben sollte, aber Sirius war ja hier.
Dean hob die Augenbrauen, verkniff sich aber jegliche Bemerkung über Dracos Familie, obwohl es ihm auf die Stirn geschrieben stand. „Gut, okay. Ich bin grad frei –“ Sirius knurrte erneut. „– und kann dich sicher einschieben.“ Mit einem schnellen Schritt stand Sirius dicht bei Draco und legte ihm einen Arm um die Hüfte, zog ihn dicht an sich. Dean kümmerte sich da zu Sirius‘ Missfallen nicht wirklich drum und Draco fühlte sich wie ein Stäbchen, das langsam mit rosa Zuckerwatte eingewickelt wurde. „Was hättest du denn gerne?“
Draco räusperte sich und schaute kurz zu Sirius. „Ich dachte an eine Schlange von…“
„Was?!“, fuhr Sirius dazwischen, starrte Draco schockiert an und zog ihn kurz zur Seite. „Ich will keine Schlange auf deinem Körper, Draco.“
„Jaah, aber ich mag Schlangen“, sagte Draco, die Augen unschuldig aufschlagend. „Das liegt in meiner Natur. Ich bin ein Slytherin, ein Malfoy und mit Schlangen großgeworden.“
„Ich verabscheue Schlangen“, raunte Sirius.
„Es ist mein Körper“, gab Draco zurück. „Ich lass mir nicht Archie mit Pflanzen drauf stechen, nur weil du da drauf stehst, Sirius.“
„Ja, schon klar. Aber Koikarpfen, wie Archie einer ist, sind doch hübsche Fische, du…“
Draco schnipste Sirius kurzerhand gegen die Stirn. „Geht’s noch?“
„Ich hätt’s wissen müssen“, brummte Sirius. „Slytherin eben. Total feige…“
Mit den Augen rollend drehte Draco sich wieder um und klammerte sich mit einer Hand an den Tresen. Sirius sollte ihm nicht vorwerfen, er wäre nicht mutig. Er hatte doch oft genug bewiesen, dass dem nicht so war. Was brauchte es, damit Sirius ihm das glaubte?
„Ich würd dir nicht empfehlen nen Namen als Motiv zu nehmen“, meinte Dean mit Blick auf Sirius. „Dein erstes, nicht? Würd ich nicht spontan machen…“
„Ich will’s jetzt“, sagte Draco stur. „Und denk nicht, ich hätte da nicht drüber nachgedacht.“ Hatte er nicht wirklich, aber er spürte Sirius‘ Blick im Nacken und war sich fast sicher, dass es ein skeptischer war. „Weißt du, Dean…“ Schon wieder knurrte Sirius und sogar noch lauter, als Draco sich mit dem Ellenbogen auf der Theke abstützte. „Ich hab mir gedacht, meine Schulter könnte ein bisschen Deko gebrauchen. Und weil ich mir die Schlange nicht ausreden lassen will, möchte ich sie ganz dramatisch auf meiner Schulter fressen lassen!“
Dean hob die Augenbrauen. „Aha… Die arme Schlange. Na ja, und von was? Nimmst du den alten Kampf der Hogwarts-Häuser auf?“
Daran hatte Draco gar nicht gedacht. „Natürlich. Aber den Dachs und Raben lassen wir weg. Ich meine, niemand denkt an Hufflepuff und Ravenclaw. Lassen wir die Schlange von nem hübschen Löwenkopf auffressen. Aber sie soll trotzdem noch voller Eleganz sein, die Schlange. Der Löwe muss brutal und gefährlich wirken.“
„Aha…“ Dean schnappte sich ein Blatt Papier und bekam etwas zu skizieren.
„Ich hätte es ganz gerne, dass es nicht allzu überdeutlich wird, dass die Schlange… verliert, weißt du?“
„Ja, da spricht der Slytherin…“, murmelte Dean. „Wenn du warten willst, ich mach ein paar Entwürfe und dann können wir das noch vor Ladenschluss machen. Mach dir nen Sonderpreis.“ Ja, ja. Damit die Kundschaft nicht weglief. „Ihr könnt euch dahin setzen.“ Mit dem Stift in der Hand deutete Dean auf eine dunkle Ledersitzecke, die von blauem Licht erleuchtet wurde.
Grinsend drehte Draco sich zu Sirius. „Na?“
Sirius war ziemlich blass und er schüttelte den Kopf, als würde er das plötzlich nicht mehr so toll finden. Draco fasste ihn am Arm und zog ihn zu der Sitzecke, wo er die Schläfe gegen Sirius‘ Schulter lehnte.
„Du musst das nicht machen“, murmelte Sirius. Er schwitzte ziemlich, dabei war es nicht ansatzweise heiß. Seine Hand zitterte, als Draco sie fassen wollte, weshalb Sirius sie schnell zur Faust ballte. „Ich weiß gar nicht, warum ich das von dir verlangt habe. Du hast…“
„Halt die Klappe, Sirius“, unterbrach Draco diesen Redeschwall. „Dann hab ich endlich was, dass ich entgegnen kann, wenn mir jemand mit dem Dunklen Mal kommt. Bis du tätowiert, Malfoy? So wie dein Daddy? Und dann komm ich mit meinem Anti-Malfoy-Tattoo! Hah!“
Sirius seufzte. „Draco…“
„Außerdem wird es dich immer daran erinnern, was du dir vorgenommen hast“, sagte Draco. „Ich kann mir vorstellen, dass dir das unangenehm sein wird. Aber du kannst mir auch noch in mein vernarbtes Gesicht schauen. Ich stehe für all deine Untaten.“
Sirius biss die Zähne fest aufeinander und wollte etwas sagen, aber Draco kam ihm zu vor.
„Ja, ich bin zu unsensibel, aber das sind die Tatsachen, Sirius. Ich will nichts verschönern…“
„So, wo wir grad bei schön sind. Darf ich mal…“ Dean ließ sich genau zwischen Draco und Sirius fallen und bugsierte den Älteren einfach zur Seite. „Schau sie dir an“, sagte Dean und legte einen Arm um Dracos Schulter. „Wenn du was ändern willst, dann sag’s.“
„Nein, die sind toll“, sagte Draco und hatte sogar einen anerkennenden Blick für Dean übrig, der beim Grinsen die blendendweißen Zähne entblößte. Es musste an dem Kontrast zu der schwarzen Haut liegen. „Machst du das hier ein bisschen größer?“ Draco deutete auf das Motiv, wo der Löwe sozusagen in die Kamera brüllte, die Pfote mit ausgefahrenen Krallen auf der Schlange, welche sich zwar wand, den Kopf aber in Richtung des Löwen gedreht hatte und heimtückisch zischelte.
„Klar“, meinte Dean und richtete sich wieder auf. Sirius rutschte sofort wieder dicht neben Draco. „Ist das für dich in Ordnung, nur den Oberkörper des Löwen? Der Fokus liegt auf dem Gegenspiel der beiden Tiere…“
„Blah, blah, blah…“, murmelte Sirius dazwischen, worauf Draco die Augen verdrehte, Dean aber auch nicht mehr folgen konnte. Er nickte einfach, als sein ehemaliger Jahrgangskollege ihn fragend anschaute.
„Super, dann komm mal mit“, sagte Dean grinsend und nickte Draco hinter sich her, der enthusiastisch aufsprang, Sirius gleich hintendran, als er Dean in das Hinterzimmer folgte. „Hemd aus und hinlegen“, verlangte Dean ganz nebenbei und deutete auf eine Liege, die Draco wenigstens nicht an komische Muggeldoktoren erinnerte, wie Sirius‘ Stuhl…
Noch gar nicht nervös knöpfte Draco sich das Hemd auf und drückte es Sirius in die Hand, der wohl jeden Moment mit einem Rückzieher rechnete, aber da hatte er sich geschnitten. Draco würde das durchziehen, so wie Sirius seinen Entzug durchziehen würde. Das konnte man schon miteinander vergleichen.
„Schöne Haut, wirklich Malfoy“, sagte Dean, als er Draco die Linien aufs linke Schulterblatt zauberte. „Perfekt. Wie eine Leinwand.“
Draco gluckste.
„Ah, nicht bewegen“, sagte Dean scharf.
„Wie wär’s wenn du aufhörst ihn anzubaggern?“, schnaubte Sirius dazwischen, Dracos Hemd über die Schulter geworfen hatte er sich neben die Liege gesetzt und beobachtete angesäuert die beiden jungen Männer.
Dean lachte auf und schupste Draco auf die Liege. „Bisschen Flirten gehört zum Job dazu, Sir“, sagte er. „Liegst du bequem, Malfoy?“
„Schon, aber… Huch!“ Draco quiekte auf, als sich etwas Schweres auf ihn setzte.
„Ey!“, schnauzte Sirius. „Runter von ihm!“
„Dann wird das Bild nichts“, gab Dean locker zurück. „Und so schwer bin ich auch wieder nicht.“
„Aber…“
„So, ich mache einen kurzen Strich, damit du dich dran gewöhnen kannst“, unterbrach Dean Sirius‘ Einspruch.
Draco bettete die Wange so auf der Liege, dass er Sirius ansehen konnte. Zwar kniff er die Augen zusammen, aber so schlimm war der Schmerz dann gar nicht. Als würde man ihn piken. Im Großen und Ganzen war es eine Frage der Geduld, auch wenn es gegen Ende schlimmer wurde und sich so anfühlte, als würde man direkt auf seinem Knochen herumkratzen. Dean meinte auch, dass es auf die Muggelvariante viel schmerzhafter wäre, aber dafür waren sie ja Zauberer. Sirius meinte, wie Dean denn mit sowas genug Geld verdienen konnte, um sich eine anständige Wohnung zu leisten. Daraufhin gönnte Dean Draco eine kurze Pause und zeigte Sirius irgendetwas an den Wänden. Draco traute sich nicht, allzu große Bewegungen zu machen und bekam nur Sirius‘ angefressenes Gesicht mit, als der sich wieder setzte.
Die letzten Striche waren doch qualvoller, als Draco gedacht hätte, aber er biss die Zähne zusammen und zerquetschte fast Sirius‘ Hand. Schließlich durfte er sich das Werk kurz im Spiegel begutachten, um dem Gryffindor zu beteuern, dass es gut geworden war, damit der ihn auch ordentlich verpackte.
„Das lässt du zwei Stunden drauf und dann bitte zweimal täglich eincremen“, sagte Dean, nachdem Sirius ihn bezahlt hatte. Er bestand darauf, obwohl Draco noch nicht pleite war. „Wäre praktisch, wenn du jemanden hast, der das für dich macht. In einem Monat kommst du nochmal zum Nachschauen.“
„Okay…“, seufzte Draco erschöpft. „Dann bis dann.“ Er winkte, bevor Sirius ihm schnell einen Arm um die Hüfte legte und neben sich her aus dem Laden zog.
„Du wirst das bereuen“, war das erste, was er von sich gab.
Draco stöhnte auf. „Sirius… Es sieht doch cool aus und an der Stelle muss ich es mir gar nicht immer angucken. Du hast selber Schuld, wenn es dir nicht gefällt. Aber wann solltest du auch dahin schauen? Also… Stell dich nicht so an. Wenigstens warst du ein paar Stunden abgelenkt.“
„Hm…“, machte Sirius missmutig.
Draco musterte ihn von der Seite und stupste ihn kurz an. „Wart mal einen Moment, ich hab was für dich“, sagte er, drückte Sirius einen Kuss auf den Mundwinkel und rauschte um die Ecke. Er stoppte abrupt, als er eine schleimige Stimme Sirius‘ Namen sagen hörte. Draco drehte sich herum und lehnte sich um die dunkle Biegung, Sirius im Blickfeld. Ein kleiner, untersetzter Mann stand vor ihm und hielt die Hand offen. Draco legte den Kopf schief, als Sirius erst zurückwich und sich dann verstohlen umschaute. Er nickte dem Mann zu und holte ein paar Scheine aus seiner Hosentasche. Enttäuscht senkte Draco den Blick. Natürlich würden die Ratten weiter aus ihren Löchern kriechen, wenn Sirius in der Nähe war. Immerhin war er eine Einnahmequelle. Aber das Sirius so leicht weichzukriegen war? Draco war ja noch nicht mal um die nächste Ecke gekommen…
Den Kopf schüttelnd trat Draco aus der Dunkelheit, gerade dann, als Sirius wieder alleine war.
„Und? Wo ist meine Überraschung?“, fragte Sirius sichtlich nervös. Fiel ihm überhaupt auf, wie ausgebeult seine Hemdtasche war?
„Vielleicht ein anderes Mal“, sagte Draco, schaute Sirius solange an, bis der den Blick abwandte. „Möchtest du mir was sagen?“
„Hm?“ Sirius setzte ein verkrampftes Grinsen auf.
„Ich meine das hier!“ Draco riss Sirius‘ Hemdtasche richtig ab und demonstrierte dem das Beutelchen mit kleinen, grünen Tabletten.
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