
von Tainted_Love
Er hatte es endlich geschafft.
Es war schwierig gewesen, und verteufelt riskant, doch sein Name wäre nicht Sirius Black, wenn er seinen bis ins kleinste Detail durchdachten Plan, den er im Laufe der Zeit – und von dieser hatte er ja mehr als genug gehabt – entworfen hatte, nicht auch durchgeführt hätte. Natürlich hätte er sterben können, und die Wahrscheinlichkeit, dass dies noch passieren würde, wurde mit jedem Moment, den sie ihn suchten und nicht auffanden, umso größer, aber in Askaban hätte ihn nichts Besseres erwartet. Zwölf Jahre lang hatte er mit dem Tod, der Angst, dem Wahnsinn praktisch Tür an Tür gelebt. Während er in seiner Zelle gesessen hatte, woraus all die Zeit sein ganzer Tagesablauf bestanden hatte, waren draußen die Dementoren vorbeigeglitten, waren viele Gefängnisinsassen verrückt geworden oder sogar gestorben.
Um ehrlich zu sein, hatte er keine Ahnung, was ihn daran gehindert hatte, dem Wahnsinn zu verfallen. Oder vielleicht war es doch passiert und es war ihm nur nicht klar. Möglicherweise bekam man das selber gar nicht mit, glaubte man, man sei geistig immer noch vollständig anwesend. Andererseits – wie hätte er dann aus Askaban ausbrechen können? Aus dem Gefängnis, aus welchem man bekanntlich überhaupt nicht ausbrechen konnte? Würde dies ein Verrückter schaffen? Wohl kaum. Dies war das Werk des wahrhaftigen Sirius Black, und niemand würde es ihm nachmachen, zumindest nicht auf die raffinierte Weise, die er angewandt hatte.
Als er es vor wenigen Wochen tatsächlich geschafft hatte, die Mauern von Askaban nach zwölf endlos langen Jahren, entgegen aller Erwartungen, wieder zu verlassen, war er zunächst voll damit beschäftigt gewesen, so schnell wie möglich so weit weg wie möglich zu flüchten, beziehungsweise ein nicht leicht aufzuspürendes Versteck zu finden. Natürlich, er konnte nie länger an einem Ort bleiben, aber er war gezwungen zu warten. Warten auf etwas, das er noch mehr begehrte als Rache auszuüben.
Und dieser Zeitpunkt war endlich gekommen. Es hatte Jahre gedauert, wie es ihm vorkam, von seinem Ausbruch bis zu dieser Nacht, doch inzwischen war Zeit relativ. Auf sanften Pfoten schlich er die Straßen entlang, die Dunkelheit und seine Fähigkeit, sich in einen Hund zu verwandeln boten ihm den besten Schutz, der ihm in seiner Lage möglich war. Er hatte keine Ahnung, wie spät es war, aber es waren keine Leute mehr auf Straße, und absolut niemand, der hier in der Gegend lebte, wäre auf die Idee gekommen, der heruntergekommene, abgemagerte Streuner, der an diesem späten Abend herumgeisterte, hätte etwas anderes im Sinn als nach etwas Fressbarem zu suchen, womit er sich einen weiteren Tag am Leben erhalten konnte. Und obwohl Sirius es in der Tat dringend nötig gehabt hätte, etwas zu sich zu nehmen, gab es Wichtigeres für ihn.
Die Schnauze dicht am Boden entlang tragend, kam er seinem heiß ersehnten Ziel immer näher. Er war sich nicht sicher, was er erwartete, was ihn erwartete, aber das hieß auf keinen Fall, dass er je auch nur eine Sekunde daran gedacht hatte, umzukehren oder es von Anfang an nicht zu tun. Er wollte ihn sehen, um jeden Preis. Und das tat er auch.
Eben lief er lautlos durch einen schmalen Durchgang, als er seine Augen kurz hob, der Straße näher kommend, um zu prüfen, ob auch hier niemand auf die Idee gekommen war, für einen nächtlichen Spaziergang das Haus zu verlassen. Noch im selben Augenblick hielt er inne, verharrte wie versteinert in seiner Position. Dort saß jemand, auf einer Mauer im Magnolienring. Da Sirius bis hierher gekommen war, ohne auch nur einer Menschenseele zu begegnen, schien er sich in falscher Sicherheit gewogen zu haben, wie er nun feststellte, denn er war der Person, wer immer es auch war, ziemlich nahe gekommen, ohne es selbst zu bemerken. Die Gestalt sprang von der Mauer und bückte sich nach irgendetwas, doch fast im selben Moment richtete sie sich wieder auf und blickte sich um, links und rechts die Straße entlang. Als sie nichts erkennen konnte, verschwand sie erneut hinter der Mauer, doch schon stand sie wieder aufrecht und – Sirius blieb beinahe das Herz stehen – hielt einen Zauberstab in der Hand fest umklammert.
Er erkannte ihn, nun, da er ihm direkt in die Augen blickte, was Harry aber zunächst nicht bewusst zu sein schien. Er erkannte ihn, obwohl er ihn die letzten zwölf Jahre nicht gesehen hatte und unter normalen Umständen hätte er ihn gar nicht erkennen dürfen. Aber dies war nicht normal. Er war James, James, wie ihn in Erinnerung hatte, als sie noch dreizehn Jahre alt gewesen waren. Und er sah dies noch deutlicher, als der Junge leise „Lumos“ flüsterte und mit dem Zauberstab direkt in seine Richtung leuchtete. Sirius war von seiner Erscheinung so in den Bann gezogen, dass er nicht mal mehr den Versuch unternahm, sich in den Schatten zu ducken. Der Augenblick, in dem der Schreck auf Harry’s – James’ – Gesicht trat, schien eine halbe Ewigkeit zu umfassen. Dann trat er rasch zurück, stieß gegen den Koffer, den Sirius jetzt im Licht des Zauberstabs sehen konnte, und fiel nach hinten, während sein Zauberstab in hohem Bogen durch die Luft segelte und beim Aufkommen auf den Asphalt erlosch, und Sirius somit einige Sekunden dem Anblick des Sohnes seines besten Freundes beraubte, da seine geblendeten Augen sich erst wieder an die urplötzliche Dunkelheit gewöhnen mussten.
Ein verflucht lauter Knall, gefolgt von einem Schrei erschreckte ihn im nächsten Moment fast zu Tode. Er machte einen Satz rückwärts, ehe er benommen erkannte, dass ein ziemlich hoher, purpurner Bus aus dem Nichts vor ihm aufgetaucht war – der Fahrende Ritter. Ein junger Schaffner stieg aus, leierte eine kleine Rede herunter, ehe er verdutzt inne hielt. Harry rappelte sich vom Boden auf und Sirius konnte eine kurze Konversation zwischen ihm und dem Burschen belauschen. Sein Herz klopfte immer noch heftig.
„Was hast du denn da unten gesucht?“, wollte der Bursche von Harry wissen.
„Bin hingefallen.“
„Wozu das denn?“
„War keine Absicht“, gab Harry zurück, und den genervten Ton in seiner Stimme konnte man nicht überhören. Ein seltsamer Schauer lief Sirius über den Rücken. Die Stimme... selbst die Stimme ähnelte der von James in diesem Alter enorm.
Plötzlich bemerkte er, dass er wie angewurzelt im grellen Scheinwerferlicht des Busses stand, und es war sicher nur eine Frage der Zeit – Sekunden –, bis er entdeckt werden würde. Es widerstrebte ihm zutiefst, doch mit einem letzten, sehnsüchtigen Blick auf Harry drehte er sich auf der Hinterhand um und sprang lautlos ins Dunkel davon.
Er war sich nicht sicher, wie er fühlen oder über die kurze Begegnung denken sollte. Es war im Grunde mehr, als er sich hatte erhoffen können, das wusste er, doch etwas ganz tief in seinem Inneren sprach sich für das Gegenteil aus. Was hatte er tatsächlich erwartet? Dass er mit ihm reden würde? Dass er ihm erzählen würde, wie es wirklich gewesen war, und Harry ihm glauben, trotz allem, was die Zeitungen über ihn schrieben, schon vor zwölf Jahren geschrieben hatten? Das war schlicht und einfach Blödsinn. Aber trotzdem... ihm war, als hätte er James eben direkt gegenüber gestanden. In Hundegestalt zwar, doch das machte keinen Unterschied, dadurch fühlte er sich nur noch mehr an alte Zeiten erinnert. Als sie noch zu viert bei Vollmond über Hogwarts’ Ländereien gestreift waren und dabei mehrere Geheimgänge entdeckt hatten. Wie sie die Karte des Rumtreibers entworfen, Schniefelus geärgert hatten. Er konnte James nun wieder ganz genau bildlich vor sich sehen, wie er sich lässig durch die ohnehin zerzausten Haare fuhr und auf Lily und ihre Freundinnen zuging, die ihm schon von weitem mit gehässigem Blick entgegensah.
Es versetzte Sirius einen heftigen Stich, der ihn wieder zurück in die Gegenwart und auf den Boden der Tatsachen holte. Hogwarts war Vergangenheit, er stand hier in einer Gasse im Magnolienring und James und Lily waren tot. Nichts war mehr wie früher. Und er erinnerte sich wieder daran, was er schon vom ersten Tag in Askaban an hatte tun wollen – er wollte einen Teil des Verbrechens ausführen, für das er damals eingesperrt worden war. James würde Peter’s Tod nicht zurückbringen, aber er würde es tun, koste es, was es wolle.
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