Gestrandet - XV
von Aereth
Quitschkugel: Ich glaube Mary hat zu viel angst vor Severus, als dass sie auch nur im Traum daran denken würde jemandem was zu erzählen :D
Nivi: Vielen Danke! Freut mich, dass es dir gefällt :)
XV
Ein schummriges Zwielicht herrschte im Dorf als er über die Dächer hinweg flog. Einzig ein schwaches Licht war aus dem kleinen Haus neben der Kirche zu sehen. Er flog näher an das offene Fenster heran und segelte hindurch. Der Raum in dem er sich befand war nicht besonders groß. Ein Schreibtisch stand an der Wand, auf dem eine schwachleuchtende Öllampe stand und der Pastor saß, mit dem Rücken zu ihm, an diesem. Er flatterte zur Decke über ihn und nutzte die Gelegenheit ihn zu beobachten.
Seine Augen schienen stark vom Alter betroffen zu sein, denn er saß tief über das Papier gebeugt im schwach beleuchteten Zimmer und las etwas in seinen Aufzeichnungen nach. Severus flog auf die andere Seite des Raumes und nahm hinter Crawford im Schatten seine normale Gestalt wieder an. Er hatte sich direkt hinter ihn geschlichen und flüsterte leise „Legilimens“. Bevor Crawford etwas bemerkt hatte, war er bereits in seinem Kopf und der Pastor in der typischen Legilimentiktrance. Es war nicht das, was er erwartet hatte. Im Kopf des alten Mannes herrschte ein ungewöhnliches Chaos. Er war schon oft genug in die Gedanken eines anderen Menschen eingedrungen, um zu erkennen, wenn etwas nicht stimmte.
Es war immer ein anderes Gefühl. Die stärksten Erinnerungen und Gefühle überrollten einen sofort, doch hier stand er in einem dichten Nebel, der nur vereinzelte Fragmente preisgab. Am präsentesten waren die Erinnerungen der letzten 20 Jahre hier auf der Insel gewesen, einige Erinnerungen aus der frühen Kindheit und dann war da ein großer Bruch. Das Merkwürdigste an dieser Sache war wohl, dass der Erinnerungsfluss mit dem elften Geburtstag abbrach. Das elfte Lebensjahr war für Muggel nichts besonderes, für Zauberer schon und das war eindeutig die Handschrift eines „Amnesias“ aber wer sollte schon das Gedächtnis eines Muggelpfarrers so durcheinander bringen?
Severus zog sich aus dem Kopf des Mannes zurück und nahm wieder seine Fledermausgestallt an, bevor er in einer dunklen Ecke des Raumes verschwand. Crawford schüttelte benommen den Kopf als er wieder aus der Trance erwachte. Er kniff die Augen zusammen und schaute auf die Unterlagen vor ihm. War er etwa eingenickt?
Severus flatterte unauffällig durch das offene Fenster davon. Er hatte Anfangs Bedenken gehabt in den Kopf des Mannes einzudringen, aber was er da vorgefunden hatte war nicht nur sonderbar, es erfüllte ihn zugleich auch mit einer unangenehmen Ahnung. Die Sonne ließ sich bereits hinter dem Horizont blicken und versprach einen sonnigen Tag, was einige Frühaufsteher nach draußen lockte. Sollte er wirklich? Severus flog auf eine kleine Gestalt zu, die sich bei näherem Betrachten als Lindsay entpuppte. Er folgte ihm in seinen spärlich beleuchteten Schuppen und nahm hinter ihm im Schatten seine normale Gestalt an als er erneut seinen Zauberstab ergriff und leise „Legilimens“ flüsterte.
***
Hermine saß noch eine Weile ruhig vor der Toilettenschüssel bis sie sich endlich aufraffte aufzustehen und spülte den bitteren Geschmack im Mund aus. Es lag auf der Hand, sie kannte die Symptome. Muggel- genau so wie Zauberbücher schrieben dasselbe, aber sie musste erst wirklich sicher gehen. Ein letztes Mal spritzte sie sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht, dann ging sie wieder raus auf den Flur. Sie schlich sich leise ins Labor und machte ein wenig Licht mit der Öllampe, die nur noch als Tarnung diente.
Auf dem Tisch stand bereits ein Kessel und auch alle Zutaten, die sie brauchte, waren vorhanden. Sie schnitt die Kräuter und Wurzeln klein und gab sie nacheinander in den brodelnden Kessel. Nach etwa zehnminütigem Warten und gelegentlichem Umrühren, hatte sich der Inhalt in ein strahlendes Blau verfärbt. Hermine goss ihn in eine bereitgestellte Phiole. Es fehlte nur noch die Blutprobe. Sie stach sich in den Finger aus dem zwei Tropfen hinein fielen und sah gespannt zu. Die Flüssigkeit färbte sich in ein sattes Rot. Das war wohl ein eindeutiges Ergebnis, wenn sie nicht schwanger wäre, wäre die Flüssigkeit jetzt klar. „Wie soll ich das nur Severus erklären“, murmelte sie.
„Wie sollst du mir was erklären?“, hörte sie seine strenge Stimme hinter sich und fuhr erschrocken rum. „Nichts“, sagte sie mit einem Zögern, das er mit einer erhobenen Augenbraue registrierte. Sie rutschte ein Stück zur Seite um die Phiole hinter ihrem Rücken zu verbergen. „Was versteckst du da?“, fragte er und ging einen Schritt auf sie zu. „Nichts“, antwortet sie wieder. „Du lügst, um das zu sehen brauche ich nicht einmal Legilimentik“, sagte er und schob sie zur Seite.
Eine rote Phiole stand vor ihm und er sah sie misstrauisch an. „Ist das…“, setzte er an. Hermine rutschte auf den Boden. „Es tut mir leid“, sagte sie leise. Einen Moment stand Severus nur da. Er wusste nicht, was er sagen sollte, denn er war noch zu beschäftigt all die Gedanken, die mit einem Mal über ihn hereinbrachen, zu ordnen. Ein Kind. Er hatte nie auch nur mit dem Gedanken daran gespielt. Ausgerechnet an diesem Ort. Und dann war da noch etwas anderes. Eine unglaubliche Wärme die er spürte.
Er hatte sich zu ihr runter gebeugt und hob ihr Kinn an, damit sie ihn ansehen musste. „Das kriegen wir hin“, sagte er und hob sie auf seine Arme. Hermine hatte ihren Kopf auf seine Schulter gelegt und ließ sich zurück ins Bett tragen. Er wollte noch etwas sagen, aber er wusste nicht was. Sie lag vor ihm und er hatte sich neben sie aufs Bett gesetzt und einen Arm auf ihrer Hüfte abgelegt.
Er saß eine Weile lang neben ihr und sah sie nur an. Hermine hätte gerne gewusst, was ihm gerade durch den Kopf ging, sein Gesicht verriet wie immer nichts. Sollte sie ihn fragen? Nein, vielleicht sollte sie ihm erst einmal Zeit geben, sich selbst Gedanken darüber zu machen und schließlich wusste sie selbst nicht so recht, wie sie mit dieser neuen Erkenntnis umgehen sollte.
„Wo warst du eigentlich?“, wollte sie schließlich wissen. „Ich war im Dorf und habe versucht etwas herauszufinden, was unserer Rückkehr möglicherweise helfen könnte“, erklärte er. „Und?“, sah sie ihn fragend an. „Mir ist da was aufgefallen, dem ich noch etwas genauer nachgehen wollte. Ich bin nur kurz hergekommen, um etwas aus dem Labor zu holen“, erzählte er und war bereits aufgestanden. Hermine hatte sich ebenfalls aufgesetzt. „Wo willst du hin?“, hakte sie weiter nach.
„Zum Strand“, sagte er und sah wie sich ihr Gesicht verändert hatte. Sie wirkte überrascht, verwirrt und besorgt zugleich. „Da bist du einen ganzen Tag lang unterwegs“, sagte sie schließlich. „Zu Fuß“, antwortet er mit einem Nicken, „ich werde aber fliegen, das dürfte den Weg um einiges beschleunigen“, fügte er hinzu und musterte dabei wieder Hermines Gesicht, wie sich ihre Regungen veränderten. „Fliegen?", fragte sie irritiert. „Ja als Fledermaus", sagte er. „Meine Animagusform", fügte er hinzu, als er ihren immer noch verwirrten Gesichtsausdruck sah. „Und was genau hast du vor?“, wollte sie wissen. Hermine stand auf, ging zu Severus hinüber und legte einen Arm gegen seine Brust. „Ich bin mir nicht sicher“, sagte er, „Ich erzähle dir alles genaue, wenn ich wieder zurück bin.“
Severus ging auf das Fenster zu, das offen stand, dann drückte er Hermine einen Kuss auf und flatterte im nächsten Moment als kleine Fledermaus aus dem Haus. Es war noch früh, der Morgen war kühl und die Sonne stand noch tief hinter dem Horizont. Es war unglaublich, welche Geschwindigkeit eine Fledermaus erreichen konnte, nur drei Stunden später war er bereits am Strand. Die Sonne stand schon hoch am Himmel und brannte ihm ins Genick, als er in der Nähe des Wassers seine normale Gestalt wieder angenommen hatte.
Er ging den Strand eine Weile entlang, bis der Sand sich in immer größer werdenden Felsen verlief, die noch weit ins Meer hineinragten. Hier war es, das war die Stelle, die er in Lindsays Erinnerungen gesehen hatte. Severus ging ins Wasser bis er bis zu den Knien drin stand. Er holte seinen Zauberstab hervor, verpasste sich eine riesige Blase um seinen Kopf und ging weiter ins Wasser hinein, bis er letztendlich ganz verschwand.
Severus tauchte tiefer hinab. Weit draußen vor ihm sah er die vermoderten Überreste eines Schiffes. Er schwamm auf die Wrackteile zu, das meiste Holz war bereits von Algen und Korallen bedeckt. Es war eindeutig mal ein großes Schiff gewesen. Der Rumpf war in drei Teile gebrochen, die alle nicht weit von einander entfernt lagen. Er hatte das Ende seines Zauberstabs entzündet und schwamm nun weiter in das alte Wrack hinein. Es hatte wohl mehrere Decks gehabt, doch der Boden war eingebrochen und die wenige spärliche Möblierung war auf den Grund hinabgestürzt.
Er war sich selbst nicht sicher, was er eigentlich suchte und noch dazu hatte die Zeit das Meiste unkenntlich gemacht. Ein altes Buch lag zwischen den Trümmern. Die Seiten hatten sich schon lange aufgelöst und hinterließen nur noch den dicken Ledereinband. Severus hob es auf und strich den Schmutz zur Seite. „Magische Pflanzen der Südsee“, las er. Er packte den Lederumschlag in eine Tasche die er bei sich hatte und sah sich weiter um.
In einem der anderen größeren Teile des Wracks lagen alte verrostete Kessel auf dem Grund und schließlich erregte ein winziger Gegenstand, der aus dem Sand ragte, seine Aufmerksamkeit. Severus strich den Sand zur Seite und fand die eindeutige Bestätigung für seine Vermutung. Er konnte sich das Alles bloß noch nicht erklären. Der Gegenstand, den er aufhob und in seine Tasche steckte, war ein alter kaputter Zauberstab, nur die magische Behandlung des Holzes hatte verhindert, dass das Meer das kleine Stück komplett zersetzt hatte.
Er war wieder aufgetaucht und schritt im Sand hin und her. Das waren wohl genug Beweise dafür, dass auf diesem Schiff vor 20 Jahren nicht nur Muggel unterwegs waren, aber was wollte ein Zauberer auf einem Muggelschiff? Severus hielt inne. Kamine, Portschlüssel und auch das Apparieren funktionierten nicht bei so enormen Entfernungen, man musste, wie auch zur heutigen Zeit, noch auf magische Züge oder Schiffe zurückgreifen. War das Schiff da unten denn nun auf irgendeine Weise magisch? Severus überlegte, ob ihm irgendetwas aufgefallen war das auf ein magisches Schiff hinwies, aber wenn er ehrlich sein sollte, hatte er auf das Schiff selbst gar nicht geachtet.
Er schnaufte tief, als er seinen Zauberstab erneut hervorzog um einen weiteren Kopfblasenzauber auszusprechen und dann wieder ins Wasser ging. Eine Weile lang schwamm er um die Wrackteile herum, bis er endlich den Teil ausmachen konnte, der wohl mal die Steuerkabine war. Was genau suchte er denn? Severus sah sich um, doch die Zeit hatte wenig Spuren hinterlassen. Das meiste der Einrichtung war zu Bruch gegangen. Er hob einige der rumliegenden Trümmer auf, bis er schließlich etwas ausgegraben hatte, das wie ein kleines Schränkchen aussah. Der rechte Teil war komplett abgebrochen.
Er öffnete das Türchen zu dem noch stabilen Fach. Einige matschige aufgeweichte Unterlagen, wahrscheinlich altes Kartenmaterial, lagen neben einem metallenen Gegenstand. Severus nahm ihn raus und wischte einige Algen, die sich den Weg durch den kleinen Türspalt hinein gebahnt hatten, von dem Gegenstand. Ein runder silberner Kompass lag in seiner Hand dessen Zeiger sich wild drehten. Es war kein gewöhnlicher Muggelkompass, das hatte er schon beim ersten Blick auf das mit Runen beschriebene Zifferblatt bemerkt.
Sein Blick fiel nun auf eine Schublade, die sich unter dem kleinen Fach, in dem der Kompass lag, befand. Sie saß fest, doch schließlich hatte er sie mit viel Kraftaufwand herausgezogen. Die Schublade, welche scheinbar gar keine war, denn sie hatte keine Öffnung, lag in seinen Händen. Nicht nur, dass sie unversehrt war, es hab auch keine Anzeichen, dass dieses Geheimfach, denn das war es, wofür Severus es hielt, sich irgendwie öffnen ließ. Anscheinend ein Stasiszauber dachte Severus. Auf der oberen Holzplatte waren zwei Worte eingraviert: „Black Bird“.
„Der Name des Schiffs?“, überlegte Severus. Wenn das so war, enthielt die versiegelte Schublade vermutlich das Logbuch. Erneut stieg er aus dem Wasser, die Schublade unter den Arm geklemmt und ließ sie schließlich in den Sand fallen bevor er sich daneben setzte. Er zog eine Tasche zu sich heran, die er bei seiner Ankunft hier liegen gelassen hatte und genehmigte sich erst einmal einen Happen zu Mittag, mit vollem Magen kann man schließlich besser denken.
Er musste sich selbst eingestehen, dass es endlich mal wieder gut tat, ganz für sich allein zu sein. Eine Weile saß er noch so da und starrte einfach nur aufs Meer hinaus, bis er sich schließlich doch der Schublade widmete. Nachdenklich sah er sie an. Er würde wohl einfach mit dem banalsten Zauber anfangen, seinen Zauberstab auf den Kasten vor ihm gerichtet, sprach er den „Alohomora“ aus und wie er es nicht anders erwartet hatte, passierte nichts. Eine Reihe Zauber und noch viel mehr Flüche später, lag die Schublade noch immer verschlossen vor ihm.
Nun, er würde sie mitnehmen und es zu Haus weiter versuchen müssen. Bei diesem Gedanken stockte er, zu Hause, nein zu Hause fühlte er sich gewiss nicht. Wie tückisch die Sprache doch manchmal sein konnte. Wenn er zurück war, würde er Dumbledore von diesen neuen Erkenntnisse erzählen müssen, apropos neue Erkenntnisse, Dumbledore dieser Hund, dachte er sich und biss die Zähne zusammen, ‚Ich darf wohl gratulieren Severus‘, äffte er ihn in Gedanken nach. Wie konnte er das denn schon wieder wissen, wo Hermine es doch selbst noch nicht gewusst hatte.
Verärgert ließ er sich rückwärts in den Sand fallen. Ein Kind. Es schien als würde sich seine innere Stimme über ihn lustig machen. Er war wohl kaum die perfekte Vaterfigur. War es falsch gewesen sich mit Hermine einzulassen? Sie war jung, sie war hübsch und verdammt intelligent und vermutlich hätte sie sich unter normalen Umständen niemals für ihn entschieden, aber wie konnte etwas das sich so richtig anfühlte, falsch sein? Trotz all der beklemmenden Gedanken, das Gefühl in seinem Bauch war irgendwie gut.
Eins stand auf jeden Fall fest. Er stemmte sich auf seine Arme auf, als hätte er einen Entschluss gefasst. Es war jetzt noch viel wichtiger und dringender einen Weg zurück zu finden, denn er würde nicht zulassen, dass sein Kind hier im nirgendwo zur Welt kommen musste. „Zeit zurückzukehren“, dachte er sich, „Hermine wartet sicher schon brennend darauf zu erfahren, was ich gefunden habe.“ Ihr vor Neugier leuchtendes Gesicht erschien ihm vor dem inneren Auge und ließ ihn unwillkürlich lächeln.
Severus hatte die Schublade und seiner Tasche verkleinert und verwandelte sich wieder in die kleine Fledermaus. Der Rückflug war lange nicht so angenehm und auch nicht so schnell wie der Hinflug gewesen. Die Sonne stand hoch am Himmel und die brennende Hitze setzte einem nachtaktiven Geschöpf, wie er eins war, schon mächtig zu. Sicher, er hätte bis zum Abend warten können und dass er es nicht getan hatte, war seine eigene Schuld. Er wollte unbedingt Hermine erzählen, was er entdeckt hatte und musste, am besten heute noch, mit Albus reden.
Er flog recht hoch als sein empfindliches Gehör einige sehr aufgebrachte Frauenstimmen wahrnahm. Unter ihm war das Dorf und ihr eigenes Haus nicht mehr weit entfernt. Vermutlich wäre er weitergeflogen, wenn nicht der Name Duncan Lannox gefallen wäre. In einem rasanten Tempo stürzte er nach unten und nahm in der Krone eines großen Baumes hinter der Kirche Platz, unter dem sich die Menschen versammelt hatten.
„Er ist jetzt seit über drei Tagen verschwunden“, hörte er eine junge Frau aufgebracht sagen. „Beruhige dich, Erin“, tätschelte ihr der Pastor die Schulter, „Wir werden auf der Stelle Männer losschicken um ihn zu suchen.“ „Ihm wird doch nichts zugestoßen sein?“, gab sie ängstlich von sich und sah mit großen Augen den Pastor an.
„Nun Erin, wir sind alle sehr besorgt, aber wieso…“, er sprach seinen Gedanken nicht zu Ende, stattdessen musterte er das Mädchen vor sich aufmerksam. Mit einem lauten Schnauben wurde er von einem kleingewachsenen Mann, der etwa in Severus Alter zu sein schien, in seinem Gedankengang unterbrochen.
Eine kleine dickliche Frau zeigte einen Moment später mit ihrem Wurstfinger auf den Mann, der sie nun seinerseits fragend anstarrte. Sie riss den Mund auf, doch es kam nur heiße Luft, bis sie schließlich doch noch herausbrachte was ihr so schwer auf dem Herzen lag. „Ich hab ihn gesehen‘“, sagte sie in einem vielsagenden Ton, „das ist keine vier Tage her. Er und Duncan haben sich ziemlich gestritten. Gib‘s zu Graham! Was hast du mit ihm gemacht?“, fuhr ihn die Frau nun etwas schroffer an.
„Nun beruhigen sie sich“, ging Crawford wieder dazwischen. Sein Blick lag noch immer ruhig auf Graham bevor er sich wieder zu der rundlichen Frau wandte. „Was genau haben sie gesehen?“, wollte er wissen.
„Es ging um Erin“, sagte sie und warf dem jungen Mädchen einen abwerteten Blick zu, „er hat die Sache mit Duncan scheinbar herausgefunden“, sagte sie wieder an den Pastor gewandt, „Und ich habe auch gehört was du als letztes zu ihm gesagt hast“, feixte sie Graham wieder an. Die Menge um sie herum schien gespannt zu warten und es hatte auch nur einen winzigen Moment gedauert, bis die rundliche Frau aufgebracht weitererzählte, „Er sagte, wenn er Erin noch einmal zu nahe käme, würde er ihn umbringen.“
Ein lautes Lufteinziehen ertönte durch die Menge, gefolgt von wirrem Gemurmel, das immer lauter wurde. „Das habe ich im Ärger doch nur so gesagt!“, schrie Graham lautstark, um sich Gehör zu verschaffen. „Und was hast du sonst noch alles im Ärger getan?“, fragte die dickliche Frau nun mehr in die Runde als Graham selbst und heizte das Gemurmel nur noch weiter an.
„Meine Damen, meine Damen“, rief Crawford nun mit erhobener Stimme, „nun beruhigt euch doch mal. Noch ist nichts bewiesen“, sagte er scharf und schaute streng in die Runde, „Vielleicht findet sich Duncan ja schon Morgen.“ Ein weiteres Stimmengewirr brach aus.
Severus hatte sich wieder von seinem Platz erhoben und flatterte zurück zum Haus. Es war bereits Abend und abgesehen von dem riesen Hunger den er verspürte, wollte er auch noch Hermine von den Neuigkeiten berichten. Sie suchten also nach Lannox, ging ihm auf dem Weg durch den Kopf. Nun ja, er hatte schon erwartet, dass sein Verschwinden früher oder später auffallen würde und um ehrlich zu sein, hatte er schon eine Menge Ideen gehabt die er den Leuten in den Kopf setzen konnte, was einem Mann allein im Wald alles zustoßen konnte.
Und jetzt verdächtigen sie einen anderen. Sollte er nicht erleichtert sein? Nein, das war er nicht, stellte er fest. Er würde wohl das Ganze im Auge behalten müssen.
Das Schlafzimmerfenster stand noch immer offen, so dass er bequem hineinfliegen konnte. Hermine war nicht hier. Er würde wohl in der Küche nach ihr suchen und ganz nebenbei konnte er auch was zum Essen vertragen.
***
Ungeduldig schloss Hermine die Tür hinter ihnen. Seit Severus wieder zurück war, brannte sie bereits darauf zuhören was er erfahren hatte. Sie sah ihn mit großen neugierigen Augen an und konnte ihre Aufregung kaum verbergen, was ihm eine steile Falte zwischen die Augen zauberte.
Er ging zum Bett wo er die Tasche abgelegt hatte und leerte sie aus. Sofort nahm der Inhalt wieder seine normale Größe an. Hermine trat näher an ihn heran, sie nahm den Buchumschlag auf dem „Magische Pflanzen der Südsee“ stand und dann den Kompass. Sie hatte ihn einen Moment in der Hand gedreht, doch die Zeiger hörten nicht auf sich wie wild zu drehen, dann legte sie ihn schließlich weg.
„Wo hast du das her?“, wollte sie wissen. „Aus dem Schiff mit dem die Schotten hier gestrandet sind“, antwortete er ihr und sah wie sich ihr Gesicht zu einem Fragezeichen formte. „Aber das sind doch alles Muggel“, sagte sie verwirrt. „Das werden wir hoffentlich bald herausfinden“, sagte Severus gelassen und deutete dabei auf die Schublade, der Hermine bisher noch gar keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte.
„Wie meinst du das?“, fragte sie, „Was ist das?“, führte sie gleich hinten an, als sie seinem Blick gefolgt war. „Ich bin in Crawfords und Lindsays Kopf eingedrungen“, entschloss er sich von vorne zu erzählen. „Du bist was?“, fragte sie empört, doch Severus ignorierte ihre Reaktion. „Es war eigenartig“, erzählte er weiter, „beide hatten kaum eine Erinnerung aus der Zeit zwischen ihrem elften Geburtstag und ihrer Ankunft hier auf der Insel. Es waren nur wenige Fetzen, keine Erinnerung wirklich vollständig, als hätte sie jemand gelöscht“, schloss er seine Überlegung. Hermine sah ihn mit einer Mischung aus Neugier und Erstaunen an und er konnte förmlich sehen, wie es hinter ihrer Stirn ratterte.
„Ich habe in Lindsays Erinnerung die Stelle, an der ihr Schiff auf die Klippen auflief, gesehen und bin da hingeflogen“, erzählte er weiter, „natürlich war nach 20 Jahren nicht mehr viel von dem Schiff übrig. Ich habe nur das hier finden können“, sagte er und deutete auf die Gegenstände auf dem Bett, „und wenn ich richtig liege, dann müsste sich hier das Logbuch des Schiffes befinden und wir könnten erfahren was passiert ist“, fuhr er fort, „Allerdings habe ich die Schublade bisher noch nicht aufbekommen.“
„Ach nein?“, sagte sie und grinste schelmisch, was Severus mit einem stechenden Blick erwiderte. Er trat einen Schritt zur Seite, machte den Weg zur besagten Schublade frei und wies auffordernd mit dem Arm darauf. Hermine nahm sie nachdenklich in die Hand bevor sie antwortete. „Professor Bins hat mal erwähnt, dass Logbücher früher eine wichtige Rolle spielten, denn es gab bei solchen enormen Entfernungen nur spärliche Kommunikationsmöglichkeiten also musste man das Logbuch zwar schützen aber dennoch sollte der Inhalt leicht zugänglich sein.“ Severus verdrehte die Augen und gab ihr wortlos zu verstehen sie sollte endlich zum Punkt kommen. „Na ja jedenfalls, hatte man sich auf eine Norm geeinigt, es ist ganz banal, der Schlüssel ist der Name des Kapitäns“, endete sie knapp.
„Allerdings kennen wir den Namen des Kapitäns nicht“, fügte sie nun leise hinzu und senkte entmutigt den Kopf. Severus machte einen großen Schritt auf sie zu und mit einem Weiteren marschierte er an ihr vorbei, direkt zum Bett, wo er den silbernen Kompass aufhob und in seiner Hand wendete. Er hatte ihn eine ganze Weile lang angestarrt. Mit den Augen war es kaum zu sehen, doch die Fingerkuppen spürten die feine Maserung der Gravur als er mit ihnen drüber strich.
Seine Augen suchten den Raum ab und blieben schließlich an dem kleinen Tintenfässchen im Regal hängen, dass er gleich in die Hand nahm und entkorkte. Er ließ einen Tropfen schwarzer Tinte auf das Silber fallen und verrieb es mit dem Finger. Die dunkle Flüssigkeit setzte sich in der kaum sichtbaren Gravur ab und gab die Aufschrift „Hanphret Horkins“ preis.
Severus sah kurz zu Hermine rüber, die ihn mit ihrem neugierigen Blick ermutigte. Er richtete den Zauberstab auf die Schublade und sagte deutlich „Hanphret Horkins“. Mit einem leisen Klack sprang der Deckel einige Zentimeter auf. Severus hob ihn an und öffnete die Schublade. Eine Feder und ein Schreibblock lagen darin. Beim Öffnen der Schublade, hatte sich die Feder sofort aufgerichtet und schrieb das gerade Geschehene sofort nieder.
Fortsetzung folgt...
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Mittwoch, 24.05.
Mein Buch sollte tatsächlich in den Buchläden verkauft werden. Das war wahnsinnig!
Joanne K. Rowling