
von Aereth
„Oh Ron, verdammt noch mal, wie oft soll ich‘s dir noch sagen, dass du das Fenster nicht auflassen sollst“, schrie Lavender und schlug es mit einem lauten Knall in den Rahmen, „Willst du, dass ich krank werde? Oder noch schlimmer das Baby?“
Ron brachte ihr gerade eine Tasse heißen Tee, denn seit ein paar Tagen fühlte sich Lavender in der Gegenwart einer Hauselfe unwohl. „Es tut mir Leid“, versicherte er ihr, „ich dachte nur, wir könntest etwas frische Luft vertragen.“ „Ja, du dachtest, das ist das Problem, Ron“, sagte sie genervt und setzte sich auf einen weichen Schemel. Sie nahm ihm die Tasse aus der Hand und setzte sie zum Trinken an, nahm einen Schluck und spuckte den Inhalt wieder aus. „Was ist das? Ist das schwarzer Tee?“, wollte sie wissen. Ron nickte bloß. „Du weißt doch, dass schwarzer Tee nicht gut ist, während der Schwangerschaft. Ich wollte einen Kamillentee und Zucker ist da auch keiner drin“, meckerte sie weiter.
Ron nahm ihr die Tasse ab und marschierte mit hängendem Kopf wieder in die Küche, wo Harry und Ginny saßen und ihre Unterhaltung, oder besser gesagt, Lavenders Monolog, mitgehört hatten. Seit Tagen mied jeder im Haus den Raum in dem sich das hochschwangere Nervenbündel aufhielt und sie sahen ihn beide mitleidig an, als er eintrat. „Du hast es ja bald geschafft“, munterte Harry ihn auf. „Na ja, ich glaube zwar nicht, dass sich ihr Charakter nach der Schwangerschaft ändern wird, aber Harry hat recht, zumindest wird es nichts mehr geben, dass sie so ausnutzen kann“, sagte Ginny.
Neville tigerte im Flur vor der offenen Küchentür auf und ab. „Hermine, kommst du, ich möchte Mary nicht warten lassen“, rief er die Treppe hinauf. „Sofort, nur noch einen Moment“, hörte er sie von Oben antworten. Hermine stand mit einem Korb in dem Zimmer, in welchem Severus sein Labor eingerichtet hatte, und packte einige Tränke ein. Das Geschick des neuen Tränkemeisters hatte sich schnell rumgesprochen, so dass sich Severus kaum vor Aufträgen retten konnte. Den Preis für die Versieglungen ihrer Zauberstäbe hatten sie bereits zusammen. Natürlich wollte Burton den Betrag bereits im Voraus haben. Die Zubereitung der Versieglung würde allerdings etwas dauern.
Hermine nahm gelegentlich bei ihren Ausflügen in die Stadt, ein paar der Tränke mit und überbrachte die Bestellungen, so wie heute. Severus ging noch einmal den Inhalt des Korbes durch und legte eine Notiz mit der Adresse und dem Preis hinein. Sie warf sich einen ihrer wärmeren Umhänge über, nahm den Korb und eilte zu Neville, der bereits ungeduldig auf sie wartete.
Sie hatten beinahe denselben Weg. Die McCoys hatten ein hübsches Haus in der Nähe des Hafens. Conner hatte es dankend abgelehnt das Zaubern zu erlernen. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, er sei zu alt dafür. Hermine ärgerte sich noch immer über diesen Dickschädel, aber er war nun mal ein Gewohnheitstier, da konnte man einfach nichts machen. Mary dagegen hatte vom Büro des Präsidenten zusätzlich auch einen eigenen Zauberstab als Abfindung bekommen, nur um den Unterricht musste sie sich alleine kümmern. Sie wechselten sich fleißig ab. Meistens lernte sie von Neville, doch gelegentlich mussten in einigen Fächern auch mal Harry oder Ginny einspringen. Sie selbst hatte in den letzten Tagen immer weniger Zeit.
Es war schon eigenartig. Sie hatte die Art zu leben, wie sie sie hier in Boston vorfand so bewundert, doch je länger sie hier war, desto mehr wurden ihr die Lücken dieses Systems bewusst. Es war schön, keine explizite Trennung zwischen Zauberern und Muggeln zu haben, doch die Nachteile erschienen ihr gravierend. Durch die fehlende Zentralisierung der Zauberei kümmerten sich die Leute eher um sich selbst. Es fehlte diese Gemeinschaft unter den Zauberern. Die Kinder wurden zu Hause von ihren Eltern unterrichtet. Severus hatte ihr erzählt, dass es in Amerika, bis in ihre eigene Zeit, keine richtige Zauberschule gab.
Für muggelgeborene Zauberer gab es kaum eine Möglichkeit ihre magischen Kräfte zu erweitern, niemanden der sie finden würde, kein Brief, dachte sie und erinnerte sich an den Tag an dem sie ihren eigenen Brief erhielt. Neville war stehen geblieben und sie wäre beinahe in ihn hineingerannt. „Träumst du?“, fragt er freundlich. „Tut mir Leid, ich war in Gedanken“, entschuldigte sie sich. Sie standen vor dem schäbigen Armenhaus, wo sie ihre Lieferung abgeben musste. „Also schön. Grüß Mary von mir“, sagte sie und verabschiedete sich von Neville. Sie betrat das Gebäude, dessen Wände innen genau so heruntergekommen waren wie von außen, und bemerkte sofort den strengen Geruch nach Krankheit und Medizin.
Das Armenhaus war nicht groß, doch alle Räume und selbst die Gänge waren überfüllt mit Menschen jeden Alters. Manche von ihnen krank, manche verletzt, andere einfach nur alt und schwach. Im Inneren war es kaum wärmer als draußen. Eine junge Frau, eine Hexe, vermutete Hermine, kam auf sie zu und musterte ihren runden Bauch. „Nehmen sie bitte Platz, der Doktor wird sie sich ansehen, sobald er kann“, sagte sie. „Oh nein, ich bin nicht wegen einer Behandlung hier. Ich bringe Tränke, die sie bei Mr. Snape bestellt haben“, erklärte Hermine und hob den Korb zur Verdeutlichung an.
Die junge Frau nickte kurz und wies sie dann an, ihr zu folgen. Sie betraten eines der Krankenzimmer in dem ein alter, weißhaariger Mann mit Brille, die eng zusammengepferchten Patienten behandelte. „Mistress Snape ist mit den Tränken hier“, kündigte sie die Frau an und verließ wieder das Zimmer. Der weißhaarige Zauberer hatte sie noch nicht beachtet, stattdessen widmete er sich voll und ganz seinem Patienten.
Eine etwas ältere, hagere Hexe stand auf der anderen Seite des Krankenbettes und half ihm. „Ich bin überrascht, dass sie auch Frauen beschäftigen Mr…“, brach Hermine ihren Satz ab, als sie merkte, dass sie seinen Namen gar nicht kannte. „Dr. Fander“, endete er ihren Satz, „Nun sie müssen sehen, wir sind bloß ein bescheidenes Armenhaus. Die Arbeit hier ist freiwillig und wird auch nicht entlohn. Da nimmt man jede Hilfe, die man kriegen kann.“
„Wirklich jede!“, fügte er ärgerlich hinzu als er den mehrfach gebrochenen Arm aus den unbeholfenen Händen seiner Helferin nahm. Hermine hatte die zwei beobachtet und zückte nun ihren eigenen Zauberstab. „Ferula“, sagte sie und schient damit gekonnt den Bruch. Dr. Fander sah sie interessiert an. „Sie können mit Heilzaubern umgehen“, stellte er fest und nahm ihr den Korb ab.
„Ja, und ich würde ihnen gerne meine Hilfe anbieten“, sagte Hermine, „Unter einer Bedingung.“ Fander sah sie fragend an. „Ich möchte hier auch etwas lernen“, fügte sie hinzu. Fander lachte auf. „Nun, das kann ich ihnen garantieren“, sagte er, „Manchmal lerne sogar ich hier noch etwas.“
„Sie können gleich anfangen. Haben sie schon mal den Biss eines Grendels gesehen?“, fragte er. Hermine schüttelte den Kopf und folgte ihm voller Vorfreude in das nächste Zimmer. Es war kleiner, aber nicht so voll wie der Rest des Armenhauses und nur schwach beleuchtet. Insgesamt drei Betten standen darin. Dr. Fander ging zu einem davon und begrüßte einen Mann mittleren Alters, dessen verzerrtes Gesicht und gekrümmte Haltung darauf schließen ließen, dass er große Schmerzen haben musste.
Erst als Hermine näher an ihn herangetreten war, sah sie die große Wunde an seinem Oberschenkel, deren ausgefransten Enden stark an einen Biss erinnerten. „Wir haben wieder etwas gegen ihre Schmerzen Mr. Spinn“, sagte Fander und beobachtete wie sich die Gesichtszüge des Patienten hoffnungsvoll entspannten. „Das Gift des Grendels ist gut dazu geeignet eine Wunde eiterfrei zu halten“, erzählte er und zeigte auf das rosige Fleisch, das aus der Wunde klaffte, „In dieser Menge verhindert es allerdings auch die Heilung.“
„Und gibt es nichts das man tun könnte?“, wollte Hermine wissen. Fander runzelte die Stirn, doch es war deutlich so etwas wie Zuversicht in seinem Gesicht zu erkennen. „Die Behandlung ist gar nicht mal schwierig“, sagte er, „man neutralisiert stellenweise das Gift und lässt die Stelle heilen. Allerdings muss das nahezu gleichzeitig geschehen, sonst breitet sich das Gift vom nahliegenden Gewebe wieder aus. Leider sind die meisten unserer Helfer Muggel, Nonnen um genau zu sein. Sie sind die wenigen Ausnahmen, die hier den ganzen Tag arbeiten und nichts dafür erwarten“, erklärte er, „Ich warte schon seit Ewigkeiten auf jemanden von Christopherus Krankenhaus, doch die Herren von Welt sind sich zu fein fürchte ich, aber jetzt sind sie ja da. Ich bin mir sicher, dass wir beide das hervorragend hinbekommen. Den Heilzauber beherrschen sie?“, fragte er, worauf Hermine mit einem Nicken antwortete.
„Also schön“, Fander wartete bis sein Patient den Trank komplett heruntergeschluckt hatte, dann krempelte er seine Ärmel hoch und zückte seinen Zauberstab. Er hatte das Gift an einer Stelle neutralisiert, die Hermine sofort verheilen ließ. Sie arbeiteten sich Stück für Stück vor, bis schließlich die komplette Wunde versorgt war.
Es gab so viel zu tun und zu sehen, dass Hermine ihre Müdigkeit und ihren Hunger vollkommen vergessen hatte und als sie aus einem der kleinen Fenster blickte, musste sie feststellen, dass es bereits dämmerte. „Sie sollten nach Hause gehen, meine Liebe. Keine Sorge, morgen sind wir auch noch hier“, sagte Fander freundlich.
Als sie ihr Haus in der Tremont Street betrat, war es draußen bereits dunkel und Severus hatte oben auf dem Treppenabsatz bereits erwartet. „Wo warst du?“, wollte er wissen als er ihr strahlendes Gesicht sah. „Im Armenhaus, da wo du mich hingeschickt hast“, antwortete sie ihm, „Ich habe Dr. Fander dort ein wenig geholfen. Du ahnst gar nicht, was ich alles gesehen habe. Das war einfach unglaublich. Ich habe noch nie zuvor Drachenpocken gesehen und wir haben einen Grendelbiss behandelt. Wusstest du übrigens, dass Grendelgift in geringen Mengen gut gegen eiternde Wunden sind? Das muss ich mir gleich notieren“, sprudelte sie los.
Severus sah sie eindringlich an. „Glaubst du wirklich, dass das eine besonders gute Idee ist, dich so vielen Krankheiten auszusetzen?“, fragte mit hochgezogener Augenbraue, fest davon entschlossen sich nicht von ihrer Freude beeinflussen zu lassen. Bevor Hermine allerdings etwas antworten konnte, flog eine brauen unscheinbare Eule herein und zog ihrer beider Aufmerksamkeit auf sich. Sie ließ einen Brief vor Severus Füße fallen und verschwand wieder. Er hob den Brief auf und begann ihn zu lesen, während Hermine sich zu ihm stellte und von der Seite mitlas.
Nach einer Weile bekam sie große Augen. „Wer ist dieser Jonathan Riley?“, wollte sie wissen. Severus hob die Schulter. „Ich habe einige Tränke für ihn angefertigt“, fügte er dann hinzu. „Und denkst du, wir sollten da hingehen?“, bohrte sie weiter nach. Er sah sie sich genau an. Ihrem Gesichtsausdruck war bereits mehr als deutlich anzusehen, dass sie dort gerne hingehen würde. Vielleicht war das in der Tat keine so schlechte Idee, dachte er. So ein gesellschaftlicher Anlass war eine gute Gelegenheit neue Bekanntschaften zu schließen und immerhin waren sie noch immer auf der Suche Alphonso Wintergrasp.
„Ja, ich denke wir sollten uns dort blicken lassen“, sagte er nach einer Weile und brachte Hermine damit vor Freude zum Strahlen. Sie nahm ihm den Brief aus der Hand um ihn noch einmal zu lesen.
Verehrter Mr. Snape,
Ich möchte ihnen meinen tiefsten Dank ausdrücken für die hervorragende Qualität der Tränke, die sie mir zukommen lassen haben. Da ich ihr überragendes Talent bereits bei vielen meiner Bekannten in höchsten Tönen gelobt habe, wäre es mir eine Ehre, Sie und Ihre Familie zum alljährlichen Adventsball, in einer Woche, in meinem bescheidenen Anwesen, begrüßen zu dürfen.
So verbleibe ich als ihr ergebener Diener,
Jonathan Riley
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