
von einstein90
Gedankenverloren ruht mein Blick auf dem Boden vor mir. Meine Augen folgen dem kleinen Stein, den ich unsicher vor mir her kicke. Der Abend ist angebrochen. Die Sonne steht bereits tief und ist zum größten Teil hinter dem Horizont versunken. Ihre letzten Strahlen erwärmen meine linke Gesichtshälfte. Mein Shirt schmiegt sich an meine Brust und tanzt zugleich an meinem Rücken. Eine sanfte Brise umströmt mich. Streift meine erhitzte Haut und verschafft mir Linderung.
Ich weiß nicht, wie lange ich diesen Weg schon gehe. Jegliches Gefühl für Zeit ist mir verloren gegangen, doch ich vermisse es nicht. Unzählige Schritte liegen hinter mir. Und mindestens ebenso viele noch vor mir. Wohin sie mich führen? Das weiß ich nicht. Im Grunde ist es mir auch egal. Die Jahre des Krieges sind vergangen. Nun steht die Welt, wie ich sie kennen gelernt habe, vor einem Neuanfang. So wie mein noch junges Leben.
Wieder trete ich dieses Steinchen. Diesmal etwas stärker, sodass er erst einige Meter vor mir zur Ruhe kam. Ich nutze die Gelegenheit um mir mit der Hand durch das wirre schwarze Haar zu fahren. Tief atme ich die milde Luft des Abends ein. Spüre, wie sie meine Lungen bis in die letzten Winkel ausfüllt. Mein Geist wird wacher. Meine Gedanken schneller. Ich gönne mir einen Moment um meine Konzentration von dem Kiesel zu lösen. Ich blicke auf. Wieder liegen gut fünfzig Meter hinter mir. Trotz meines ruhigen Schrittes. Nun schaue ich auf das, was vor mir ist. Lasse meinen Blick abwechselnd nach links und rechts schweifen. Meine Augen bleiben an einem einzelnen Baum hängen. Ich taste ihn visuell ab. Von der Stelle, wo der mächtige Stamm den Boden hinter sich lässt. Weiter empor. Bis er sich in der Krone verliert und sich in alle Richtungen verzweigt. Chaotisch. So wie meine Gedanken. Als wenn jeder von ihnen sich auf einem Ast befinden würde. Und je weiter ich sie verfolgen würde, umso feiner würden sie werden. Unscheinbarer und nicht mehr greifbar. Nicht wie der Stamm. Oder spiegelt es doch viel eher mein Leben? Befinde ich mich unmittelbar an dem Punkt, von dem aus sich alles verzweigt? Ist jetzt die Zeit gekommen, mich zu entscheiden, welchen Ast ich weiter gehen will? Doch unweigerlich kehrt mein Blick zum Stamm zurück. Ich strecke meinen Arm nach ihm aus. Berühre ihn mit meiner Hand und lasse die Finger über seine raue Oberfläche streifen. Die kratzende Rinde fühlte sich angenehm an. Ich lege meinen Kopf in den Nacken und starre hinauf in die Krone. Ich beobachte die einzelnen Blätter, die sanft in der abendlichen Brise hypnotisch tanzen und mich gefangen nehmen. Doch meine Füße tragen mich weiter. Gönnen mir kein Moment der Rast. Keinen Moment des inne Haltens. Vor mir eröffnet sich der dämmernde Himmel. Romantisches Licht taucht das Land in eine angenehme Atmosphäre. Ein Gefühl des Friedens überkommt mich.
„Woran denkst du gerade?“ Diese mir so vertraute Stimme reißt mich aus meinen Gedanken.
Ich drehe meinen Kopf in die Richtung der Quelle. Mein Blick traf auf sie. 'Meine beste Freundin' denke ich glücklich. 'Meine beste Freundin' denke ich traurig. Ich kann mich nicht dagegen wehren, ihr ein Lächeln zu schenken. Ich muss meinen zweiten Gedanken vor ihr verbergen. Vielleicht auch vor mir? Sie mustert mich mit ihren Reh-braunen Augen. Auch sie lächelt mich unter einem liebevollem Blinzeln an. Die Gedanken, die mir zuvor durch den Kopf schwirrten, liegen nun still da. Ich verliere mich in ihren Haaren. Golden schimmernde Locken ziehen mich in ihren Bann. Als wenn auf ihnen ein besonderer Zauber liegen würde. Ich kann mir ihre Anziehungskraft nicht erklären. Es ist einfach...magisch. Ihr Gesicht unter dem Schein einer rötlichen Abendsonne wirkt weich. Ich weiß, dass sich darunter eine willensstarke und kämpferische Seele verbirgt und dennoch, so scheint es mir, ist sie in diesem Moment verletzlich. Innerlich verspüre ich den Wunsch, sie in den Arm zu nehmen. Sie zu beschützen.
Mein Geist versteht es nicht wirklich. Dafür mein Herz umso mehr. Dabei bedient es sich nicht so etwas Banalem wie Worte. Es ist viel eher eine Sprache, die tiefer in mir angesiedelt ist. Die Sprache eines Wesens, welches mir inne wohnt. Und welches mir nicht einmal fremd erscheint. Dieses Wesen war mein Antrieb. Mein Motor. Die Quelle meiner Kraft weiter zumachen. Zu kämpfen. Es ist so...real und dennoch unwirklich. Es ist...ich weiß es nicht. Wenn ich es benennen müsste, so würde ich es als meine Seele bezeichnen, die sich um das Wohl und das Glück meiner besten Freundin sorgt.
„Woran denkst du gerade?“ fragte sie mich erneut, nachdem ich ihr die Antwort schuldig blieb. Das Lächeln auf ihren Lippen ist immer noch präsent. Ihre Augen sprechen. Geben mir die Zeit, um meine Gedanken in Worte zu fassen. Aber was denke ich gerade? Ich kann ihr nicht einfach sagen, dass nur noch ihr Wesen in meinem Kopf herum schwirrt.
Schnell versuche ich Wörter aneinander zu reihen. In der Hoffnung, sie würden einen sinnvollen Satz ergeben.
„Ich überlege, was ich...,“ ich werfe ihr kurz einen Blick zu, bevor meine Augen wieder in der Ferne versinken, „...was wir mit unserer gewonnen Freiheit anfangen.“ Meine eigenen Worte, aus der Not heraus gesprochen, haben meine Gedanken in neue Bahnen gelenkt. Wie stelle ich mir die Zukunft vor? Ich spüre, dass auch ihr Geist nun um die selbe Frage kreist. Beide verfallen wir in Schweigen. Gemeinsam überlegen wir in Zweisamkeit unsere einsame Zukunft. Will ich immer noch Auror werden? Ich kenne die Antwort nicht. Der Krieg ist vorbei. Mein ganzes Leben musste ich kämpfen. Um eben dieses Leben. Weil es mein Schicksal war. Und das habe ich erfüllt. Nun kann ich mein Leben selbst bestimmen. Es selber lenken. Doch habe ich Angst davor. Was ist wenn...
„Was willst du machen?“ fragt sie mich, während meine beste Freundin abwesend mit der Hand ein Blatt von einem tief hängenden Ast abreißt. Ich denke nach. Was will ich? Sie blickt von dem Blatt auf und schaut mich von der Seite her an. Doch ich zucke nur mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.“ gebe ich noch von mir.
Sie nickt verstehend. „Ich habe auch Angst.“
Ich sehe sie an. Doch sie starrt abwesend auf das Blatt, dass sie zwischen ihren Fingern hin und her wendet. Und wieder kehrt Stille ein. Ich bin überrascht. Solange ich mich zurück erinnern kann, ist es nie vor gekommen, dass sie von sich aus gesagt hätte, dass sie Angst habe. Und dennoch hat sie die meine aus meiner Stimme heraus gehört. Und darum beneide ich sie, denn sie ist wohl die einzige Person, die auch die Wörter versteht, die ich nicht ausgesprochen habe.
Ich nehme das Rascheln der Blätter der Bäume war. Ich höre die wiegenden Ähren des Kornfeldes. Vögel fliegen über die grünen Kronen.
In meinem Kopf trage ich nun eine Frage mit mir herum. Dennoch überlege ich kurz, wie ich sie ihr stellen soll.
„Und du?“ Sie schaut auf und mir direkt in die Augen. Sofort schlagen sie Brücken, die uns einander näher bringen. Ich sehe, wie es in ihr arbeitet. Nun liegt es an mir, geduldig auf ihre Antwort zu warten, während wir weiter unseren gemeinsamen Weg gehen.
„Ich weiß nicht so recht. Das Ministerium brauch Führungskräfte, die Ordnung schaffen. Jetzt, nachdem der Krieg ein riesiges Chaos angerichtet hat.“ Sagt sie mir ruhig ins Gesicht. Aber ihre Mimik spricht eine andere Sprache. Sie ist nicht glücklich mit dieser Wahl. Ich frage mich, ob ich sie darauf ansprechen soll oder nicht. Ich warte einen Moment um zu hören, ob sie von sich aus weiter erzählt. Ich bin mir unsicher. Wieder kicke ich einen Stein vor mir her, der rollend im Gras am Wegesrand verschwand. Die Frage schwirrt mir im Kopf umher. Sie frisst mich fast auf. Aber vielleicht hat sie einen Grund, warum sie nicht weiter redet. Vielleicht ist es ihr peinlich. Oder niemand soll es heraus finden, weil sie für sich sein will. Allein. Aber dabei ist sie doch eigentlich kein Mensch, der die Einsamkeit sucht. Während ich noch weiter darüber nach denke, merke ich, wie meine Lippen sich selbstständig machen.
„Was wünscht du dir für dich?“ frage ich. Sie schaut mich mit großen Augen an. Es ist kein Entsetzen. Viel eher Überraschung mit der sie mich mustert. Als wenn sie diese Frage nicht erwartet hätte. Ein Lächeln legt sich auf ihr Gesicht. Ich muss mir gestehen, dass auch wenn ihr ernster Blick einen gewissen Reiz ausmacht, ein Lächeln ihr weit aus besser steht. Bei all den Gedanken, die mich um meine Zukunft plagen, ist ihr fröhlicher Anblick Balsam für meine Seele. Ich kann nicht anders als es zu erwidern. Ein kurzes Kichern, gefolgt von einem sanften Kopfschütteln lässt mich ihr verfallen. Die Locken ihres Haares schimmerten unter den leichten Bewegungen golden. Eine Strähne fällt ihr ins Gesicht, die sie elegant mit einer Handbewegung wieder hinter ihr Ohr verbannt.
„Versprich mir, dass du nicht lachst!“ Ich nicke. „Als kleines Kind wollte ich immer Ärztin werden. Ich wollte anderen Kindern helfen, die es nicht so gut hatten wie ich.“ In meinem Kopf entsteht ein Bild. Ich sehe meine beste, bildhübsch lachende, Freundin in einem glänzend weißen Kittel. Um sie herum eine ganze Schar von Kindern, die sie umarmen wollen. Freudestrahlend. Sie nimmt einen kleinen Jungen auf den Arm und küsst ihn auf die Stirn, der darauf hin ein breites Grinsen aufsetzt....
Ja, so stell ich mir ihre Zukunft vor. Fröhlich. Glücklich. Liebevoll.
„Aber ich glaube nicht, dass daraus etwas wird.“ erzählt sie vor sich hin, während ihr Blick sich auf den Waldrand konzentriert, der hinter dem Getreidefeld liegt. Mit ihrer Aussage zerbricht das Bild ihrer Zukunft in mir. Ich werde neugierig.
„Warum?“ frage ich.
„Ich bin eine Hexe...“ ihre Stimme klang betrübt, „...ich habe gute Noten. Ich gehöre in die Zauberwelt. Hier ist mein Leben. Hier bist du. Hier ist Ron. Hier sind alle meine Freunde. Hier ist mein zu Hause.“ Es schmerzt mich, sie so reden zu hören. Nicht die Tatsache, dass sie in der Muggelwelt leben will, sondern die Traurigkeit, mit der sie es sagt. Doch dann erinnere ich mich an einen Satz, den ich vor einigen Jahren gehört habe.
„Man ist dort zu Hause, wo man glücklich ist.“ Dieser Satz fiel, als es um mein anderes Leben ging. Das, was außerhalb von Hogwarts lag. Doch ich verwerfe den Gedanken. Zu schmerzhaft ist die Erinnerung. Ich konzentriere mich lieber auf das, was jetzt passiert. Ich konzentriere mich auf sie. Meine beste Freundin.
„Wenn es dein Wunsch ist, dein Traum, dann lebe ihn. Du bist niemandem verpflichtet. Nicht einmal Ron oder mir.“ Sie schenkt mir ein Lächeln.
„Das ist lieb von dir.“
Wir gehen weiter.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du dich an den Satz noch erinnern kannst.“ stellt sie erfreut fest.
„Dieser Satz hat sich bei mir eingebrannt. Du hast mir damals durch eine schwere Zeit geholfen. Dafür bin ich dir dankbar.“ Ich schenke ihr ein Lächeln, welches sie erwidert.
Meine beste Freundin fährt fort und redet von ihren Vorstellungen, denen sie als Kind erlag. Von einer rosigen Zukunft. Und wie sie das alles verdrängt hat, als sie erfuhr, dass sie eine Hexe sei. Ich höre aufmerksam zu. Folge jedem ihrer Worte und tauche dabei immer tiefer in die Abgründe des Wesens meiner Freundin hinab. Unsere Art und Weise, wie wir kommunizieren, schien auf einer neuen Ebene angekommen zu sein. Zum ersten Mal redet sie mir gegenüber offen und ehrlich über ihre Träume. Ich komme mir erbärmlich vor. Als Kind hatte ich keine so farbenfrohen Zukunftspläne. Doch auch wenn ich zu unserem Gespräch nicht so viel Stoff liefern kann, so fühle ich mich keinesfalls von ihr unterdrückt. Unsere Unterhaltung ist gleich berechtigt. Ein ausgewogenes Wechselspiel zwischen reden und zuhören. Dabei halten wir nicht an. Wir gehen immer weiter und weiter. Und dann holt uns wieder für ein paar Minuten die Stille ein. Dabei spüre ich, wie sehr sie in ihrem Wunsch versinkt und ihr Traum immer farbenfroher und detaillierter wird.
„Ich will Ärztin werden.“ sagt sie nach einem kurzen Moment. „Eine Muggelärztin. Mit allem, was dazu gehört.“ sie lächelt mich an. Ihre Augen leuchten auf. Dieser Anblick berührt mich innerlich. Ich bin erleichtert. Zufrieden. Glücklich, dass sie ihren Wunsch erfüllen möchte.
„Allerdings habe ich Angst, diesen Weg alleine gehen zu müssen.“
Und ohne gründlich darüber zu grübeln, spreche ich den ersten Gedanken aus, der mir in den Sinn kam: „Wir gehen zusammen.“ Erst danach merke ich, was ich ihr da eigentlich anbiete. Doch ihr Blick wirkte nicht erstaunt oder überrascht. Ganz im Gegenteil. Ihre Augen beginnen noch stärker zu funkeln. Wie die Sterne einer klaren Sommernacht. Ihr Lächeln wird breiter. Ihre schneeweißen Zähne blitzen vor. Sie strahlt vor Freude. Ihr Glück scheint für mich greifbar. Fast so wie eine Aura, die sie umgibt. Und sogar auf mich übergreift und mich wie ein Magneten anzieht. So begeistert habe ich sie noch nie erlebt.
„Meinst du das ernst?“ fragt sie mich.
Ihr Anblick erfüllt mich. Ganz selten habe ich sie mal so glücklich gesehen. Das will ich ihr nicht nehmen. 'Natürlich mein ich das ernst! Denn immerhin bin ich in dich...'
„Ja. Wenn du es möchtest.“ antworte ich schnell, bevor der Gedanke zu ende gedacht wird. Schnell rede ich mir wieder ein, dass es meine beste Freundin ist, die mir gegenüber steht.
„Heißt das, du...?“ Mir bleibt nichts anderes übrig. Es muss aus mir raus. Ich nicke lächelnd und frage sie, ob sie denn auch...und auch sie schaut mich etwas verlegen an und nickt dann ebenfalls. Unser beider Blicke verschmelzen miteinander. Schmieden ein Band, härter als Stahl. Wir nähern uns einander. Stehen direkt beieinander. Sie vor mir und mich glitzernd anblickend. Die Sonne spiegelt sich in ihren Augen, die mich in ihren Bann ziehen. Der sanfte Wind fängt sich in ihrem Haar und lässt es leicht tanzen. Die geliebte Strähne fällt ihr wieder in das bezaubernde Gesicht. Doch diesmal bin ich es, der die Hand hebt und sie mit einer fließenden Bewegung zur Seite schiebt. Als wenn ich es schon tausend Mal gemacht hätte. Sanft streife ich dabei ihre erhitzte Haut. Sie schließt die Augen und ich spüre, dass sich mit dieser Nähe ein anderer ihrer Wünsche erfüllt haben muss. Bei mir ist es nicht anders. Wie oft schon habe ich darüber nach gedacht. Über uns. Und dennoch gewann jedes Mal die Angst oder der Glaube, sie als beste Freundin zu verlieren. Doch jetzt sind alle diese Gedanken vergessen. Unsere Köpfe kommen sich näher. Mein Herz schlägt kräftig gegen meine Brust. Mein Körper scheint zu explodieren. Und dann spüre ich ihre weichen Lippen auf den meinen. Ich genieße den Moment. Halte ihn fest. Für die Ewigkeit. Meine Sinne werden schärfer. Ich spüre ihre Nähe, die mich intensiv durchströmt. Ein Feuerwerk brennt in mir ab. Mit allen nur erdenklichen Effekten und Farben. Ihre Lippen küssen mich leidenschaftlich. Die Berührung ist zärtlich. Fast schon vorsichtig. So als wenn sie Angst hätte, dass das alles jetzt real sein könnte. Ich bin mir auch nicht sicher. Doch kann es Einbildung sein, dass ich ihren Oberkörper an meinem spüre? Ihr Körper in meiner Umarmung? Ihr Atem auf meiner Haut? Der Duft ihrer Haare in meiner Nase?
Nach einigen Momenten der Zärtlichkeit setzen wir unseren Weg fort. Zusammen. Schritt für Schritt wandern wir auf einem Ast. Hand in Hand in eine gemeinsame Zukunft.
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