
von einstein90
Augen ruhten auf ihm. Und mit ihnen schwang eine Kraft mit, die ihm Fremd war und doch irgendwie bekannt. Er bildete sich ein, Erdbeeren zu riechen. Frisch gepflügte, Tomaten-rote Erdbeeren, die in einer Schüssel angehäuft darauf warteten gegessen zu werden. Die Sonne knallte mit all ihrer Wonne auf diese Schale. Die Früchte glänzten verführerisch. Die zierlichen grünen Blätter leuchteten kraftvoll. Die gelben Körnchen, die die Haut sprenkelten wie die Sommersprossen das Gesicht seiner besten Freundin.
Es war ihr unverkennbarer Duft. Hermine. Sein Herz, ein einziger Presslufthammer, der seine Rippen zu zerbrechen drohte, wie einen Zahnstocher.
Mit dem Duft kamen ihre glänzenden Augen. Wie sie ihn beobachteten. Immer mehr baute sich ihr Gesicht in seinem Geiste auf. Als würde es von einem langsamen Computer Stück für Stück geladen werden. Wie ein Puzzle. Immer mehr Details gab sein Gedächtnis preis. Die feinen Grübchen, die sich bilden, wenn sie lachte. Die zarten, Erdbeer-roten Lippen, deren Nähe er sich ersehnte. Natürlichkeit in Perfektion. Hermine stand vor ihm. Er brauchte nur die Augen öffnen. Sie wäre da. Direkt vor ihm. Er musste nur ihren Kopf in die Hände nehmen und sie küssen. Und er war dieser Versuchung nah. Verdammt nah. Sein Kopf neigte sich schon nach vorne, aber dann trat ihm dieser Geruch in die Nase. Er war stechend und Übel erregend.
Es machte keinen Sinn. Es passte nicht in die Vorstellung der Hermine, die ihm seines Herzens beraubte. Wie ein Puzzlestück, das er übrig hatte. Ein schwarzes, wo eigentlich ein helles hingehörte. In einem tausend-Teile Puzzle, welches Hermine porträtierte.
Unter Angst verschwand Hermine vor seinem geistigen Auge hinter einem dichten Nebel, der sich wie ein Schleier um ihn legte. Die Augen seines Geistes waren nicht in der Lage die wabernde Masse zu durchdringen. Panik machte sich breit. Der Duft von Hermine, den er noch immer unter dem Gestank wahrnehmen konnte, verblasste.
Bitte geh nicht. Hermine!
Doch sie ging weiter.
Wo bist du? schrie er hinaus in das Undurchdringliche. Aber es wurde verschluckt. So wie Hermine.
Er riss die Augen auf und starrte perplex in ein dunkelbraunes Augenpaar, das ihn von unten und aus unmittelbarer Nähe musterte.
„Hermine?“ Doch das Braun war nicht das ihre. Es war viel zu dunkel. Und anders. Es war nicht der Glanz, der seiner Freundin so eigen war. Den, den er so sehr liebte. Und auch die Nase vernahm einen seltsamen Duft. Es stach nicht mehr so sehr, aber jeglicher Geruch von Erdbeere war vollkommen verschwunden. Immer mehr wurde ihm bewusst, dass es nicht Hermine war, die ihm so nah war. Harry versuchte den Geruch zu definieren. Ihm einen Namen zu geben, aber sein Geist war immer noch benebelt. Was war überhaupt passiert? Instinktiv zog er seinen Kopf wieder zurück. Soweit es ging. Und dann, als es sich daran erinnerte, was geschehen war, da war ihm klar, was das für ein Geruch war. Keine Erdbeeren. Es war...
„Jasmin. Ich bin Jasmin.“ Ihr Kopf kam ihm näher. Harry wusste nicht warum, aber er empfand Angst. Der Schmerz im Rücken wurde eindringlicher. Die Kleidung bot der Gabel keinen Widerstand mehr. Immer näher drückte sich ihre Hüfte an seine. Seine Hände ruhten noch immer auf ihrer Taille. Doch sie waren wie Pudding. Seine Arme konnten keine Kraft aufbringen. Keinen Widerstand gegen ihre nachdrückliche Nähe.
Er sah den Kuss kommen. Unweigerlich. Und ihm war nicht die Kraft zuteil, sich dagegen zu wehren. Ein stechender Schmerz breitete sich in ihm aus. Als wenn ein Messer mit spitzer Klinge dort in sein Bein einschnitt, wo die Tasche seiner Hose war. Ein glühend heißes Messer. Ohne Hang zur Übertreibung mussten es mehrere hundert Grad haben. So mussten sich Tiere fühlen, wenn ihnen ein Brandzeichen verpasst wird.
Der Schmerz stieg stetig an. Das Messer wurde immer heißer. Es musste schon angefangen haben zu schmelzen, denn die Hitze breitete sich aus. Flächenmäßig so groß wie ein faustgroßer Stein. Er zwang sich nicht zu schreien. Und er glaubte, noch ehe Jasmins Lippen ihn berührten, würde er einfach in Flammen aufgehen. Lichterloh brennen, nachdem er Hermine in undurchdringlicher Materie verloren hatte.
Sein letzter Gedanke galt ihr.
>PING<
Die Hitze schwellte ab. Schlagartig, als wenn das Geräusch aus dem Lautsprecher über ihnen ein Befehl war, der dem Glühen in seiner Tasche befahl zu weichen. Für eine wichtige Durchsage. Jasmin verharrte. Nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt. Die metallisch krächzende Stimme des Piloten ertönte:
„Sehr geehrte Passagiere, wir befinden uns im Endanflug auf Sydney Airport. Wie sie bereits bemerkt haben sollten, gibt es ein paar leichte Turbulenzen. Ich möchte sie daher bitten, sich zu ihren Sitzplätzen zu begeben und sich anzuschnallen.“
Es war diese unscheinbare Aussage des Piloten, die Harry wieder wach rüttelte. Die ihn begreifen ließ, in welcher Situation er sich befand. Mit der Durchsage spürte er die aufkeimende Kraft in seinen Armen, deren Enden immer noch auf der Taille von Jasmin ruhten. Bestimmend machte er von seiner wiedergewonnenen Stärke gebrauch und schob sie von sich weg.
Ihre Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Sie konnte es nicht hinter ihrem verlegenen Lächeln verstecken, denn ihre Augen sprachen eine ganz eigene Sprache. In Gedanken verprügelte sie sicherlich den Piloten, so sehr, dass ihm das Hören und Sehen verginge, und er nicht mehr wüsste, wo oben und unten war. Harry war ihm hingegen dankbar. Allerdings vermied er ein erleichterten Ausdruck. Ebenso, wie er darauf verzichtete Jasmin vor den Kopf zu stoßen. Stattdessen nutzte er seine neu erlangte Freiheit und verließ die Küche. Auf dem Weg zurück zu seinem Sitzplatz massierte er mit einer Hand seinen, von der Gabel malträtierten Rücken. Hermine saß aufmerksam auf ihrem Sitzplatz. Die Bücher waren wieder in ihrer Tasche verschwunden. Und diese teilte sich erneut den Platz mit Gepäck, das über ihren Köpfen in den Ablagen ruhte.
Harry schob sich an ihr vorbei und ließ sich erleichtert in den Sitz fallen. Sein Herz kämpfte um sein Leben. Schnell und kraftvoll, dass es ihm den Schweiß auf die Stirn trieb. Sein Körper bebte unter jedem Puls, der seine Adern durchströmte.
Was war das nur für ein Glühen? Was war das nur für eine Hitze, die sein Bein erfasste? Seine Hand glitt in die Hosentasche, wo sie das Objekt erfühlten. Und selbst jetzt noch war es unglaublich heiß. Erträglich. Erträglicher als eben. Er wollte es hinaus ziehen. Einfach nur heraus, um es sich anzusehen. Um dem Objekt die Verantwortung für dieses Glühen zu geben. Doch er kam nicht dazu.
„Und, hast du heraus gefunden, mit wem ich geredet habe?“ erkundigte sich Hermine schnippisch. Harry wurde aus seinen Gedanken gerissen. Seine Hand immer noch in der Hosentasche, in ihr die Quelle der Hitze. Er verstand nicht so recht, worauf sie anspielte. Er kam mit den Gedanken nicht hinter her, dafür war in den letzten Minuten zu viel passiert, dass er erst einmal verstehen und verarbeiten musste. Sollte er schweigen? Oder ihr antworten? Er schaute sie rätselhaft an. Ungläubig. Unwissend.
„Was?“ kam ihm nur über die Lippen, erstaunt darüber, dass er überhaupt etwas erwiderte. Harry hatte die Frage zwar wahrgenommen, und so ging er sie noch mal im Kopf durch. So wie Hermine scheinbar nur mit ihrem Blick durch seinen Kopf ging und jeden Gedanken einer eingehenden Prüfung unterzog.
„Ist alles okay mit dir?“ fragte sie schließlich, als sie Harry's Zustand bemerkte. Beschleunigte Atmung. Nervosität. Glitzernde Schweißperlen am Haaransatz. Was konnte ihm nur widerfahren sein? Was war da vorne hinter dem Vorhang geschehen? Ungläubig beäugte sie ihn ein weiteres Mal, als ihr Blick sich erneut auf ihn richtete.
„Äh...ja. Alles bestens.“ Harry zwang sich ein Lächeln auf die Lippen. Hermine fiel es schwer darin auch nur irgendeine Wahrheit zu finden. Aber warum glaubte er sie anlügen zu müssen? Es war das erste Mal, dass er dies tat, zumindest ihr gegenüber. War sie vielleicht selbst Schuld an diesem Umstand? Immer stärker verdrängte Hermine den Gedanken, dass er nur nach vorne gegangen sei, um ihren Gesprächspartner zu Gesicht zu bekommen. Aber die Ansicht verblasste wie die Stadt hinter einer Nebelbank. Harry wurde hingegen ihre Frage und dem Umstand bewusst, wie es dazu gekommen war, dass er sich jetzt von einem Hermine geführten Verhör stellen musste. Warum musste er immer so neugierig sein? Warum konnte er nicht bei sich bewenden lassen?
Hermine. Irgendwo im unterbewusstesten Unterbewusstsein hallte dieser Name mit Nachdruck durch seinen Geist.
Zu seinem Glück, beließ es Hermine bei einem besorgten Blick.
Die Sonne wich einem sichelförmigen Mond, der die Tragflächen in metallenen Glanz tauchte. Unter ihnen war ein grau-blau-weißes Meer aus Wolken, denen sich das Flugzeug unaufhörlich näherte. Alles andere, was in der Ferne lag, das alles wurde von dunkelster Dunkelheit verschluckt. Lediglich die unzähligen Sterne funkelten in der Ferne wie kleine weißen Lämpchen.
Harry blickte starr durch das Glas. Ab und an durchzogen die blinkenden Positionslichter mit ihren roten und grünen Blitzen das matte Licht des Innenraums. Immer wieder zuckten sie über sein Gesicht und warfen gruselige Schatten auf die Lehne vor ihm.
Die Stewardessen gingen wieder ihrer gewöhnlichen Beschäftigung nach. Aufpassend, dass auch alle Passagiere ordnungsgemäß angeschnallt und die Tische hoch geklappt sind. Unter ihnen auch Jasmin, die an der Sitzreihe der beiden Freunde unwesentlich länger verharrte als bei anderen. Ihr wandernder Blick, der abwechselnd Beide musterte, entging der ehemaligen Hogwartsschülerin nicht. Skepsis, Unbehagen und Eifersucht lag über Hermine, die bemüht war, eine beunruhigende Erkenntnis zu unterdrücken. Harry reagierte erst gar nicht, obwohl er ihren Blick auf sich ruhen spürte.
Sie ging weiter, ohne ein Wort zu sagen. Hermine und Harry fühlten sich gleichsam erleichtert, auch wenn aus unterschiedlichen Gründen.
Mit einem heftigen Schlag setzte die Maschine auf der Landebahn auf. Eine Vielzahl weißer Lampen, die den Rand säumten blinkten gleichmäßig wie die Pfeile einer Gameshow. Große Masten mit riesigen Scheinwerfen machten die Nacht zum Tage, verstärkt durch das Glänzen frisch gefallenen Schnees. Harry machte große Augen bei dessen Anblick. Auch wenn er sich noch in einer angenehmen Wärme befand, so durchzog ein eisiger Schauer seine Gliedmaßen. Hilfesuchend sah er sich nach Hermine um, die starr auf den Sitz vor ihr starrte. Die Lehnen unter ihren Händen wurden von ihrer Anspannung malträtiert, und wenn diese nicht aus festem Material bestünden, aus dem sie es taten, dann würden sich ihre Nägel bis zum Anschlag darin versenken. Harry wusste um ihre Flugangst, doch die hatte sie bisher so gut im Griff. Doch jetzt schien die Fassade zu bröckeln, die sie notgedrungen errichtet hatte. Ausgerechnet jetzt, wo sie doch wieder festen Boden unter den Füßen hatten.
Behutsam berührte er ihre kalte Hand und umschloss sie mit seiner beruhigenden Wärme. Die Starre wich aus ihren Knochen, zumindest soweit, dass sie ihm ein Lächeln schenken konnte, dass allerdings sehr gepresst wirkte.
Das Flugzeug wurde langsamer. Rollte aus und von der Landebahn auf den Taxiway. Auch hier herrschte reger Betrieb. Unter den künstlichen Sonnen mit ihrem gleißend hellen Licht tummelten sich eine Vielzahl von Menschen. Alle mit irgendwelchen Tätigkeiten beschäftigt. Gepäck wurde verladen, Piloten wurden zu ihren Maschinen gefahren und große gelbe Lastkraftwagen mit Schneeschildern und blinkenden orangen Warnleuchten räumten in Formation fahrend die verschneiten Wege. Zwischen drin tauchte immer mal hier und da eine feuerrotes Fahrzeug auf, auch mal eins mit rotierenden Blaulichtern. Für Harry war das alles reinstes Chaos und bot ihm durchaus eine gewisses Spektakel, doch für die Menschen da draußen war es reine Routine. Und trotz dessen konnte er seine Überraschung vom Schnee nicht ablegen. Er würde Hermine fragen, aber zu gegebener Zeit.
Vor ihnen lag das große beleuchtete Terminal. Große Glasfassaden ermöglichten einen Einblick in das innere Treiben. Passagiere, Sicherheitspersonal und Reinigungskräfte. Alle wuselten wie von einer Tarantel gestochen durch die Abflughalle. Ein einziger Ameisenhaufen. Aber mit einstudiertet Choreographie. Nicht ganz synchron, aber doch gleichmäßig.
Ihr Flugzeug stoppte. Harry und Hermine entspannten sich. Ein Seufzen entrann ihren Kehlen. Erleichterung machte sich breit. Endlich waren sie in Australien gelandet. Hier konnte die Suche nach Hermines Eltern beginnen.
Unruhe kam über die Passagiere. Alle wollten als Erster von Bord, keiner als Letzter. Hermine, die sich ebenfalls erhob wurde von Harry noch zurück gehalten. Sie blickten sich beide tief in die Augen und für einen Moment kehrte Stille ein. Hätte jemand ein Streichholz fallen gelassen, in ihren Köpfen wäre ein Echo los gebrochen. Spannung beherrschte den Moment. Nicht sonderlich unangenehm, aber strapazierend. Harry schob es auf den anstrengenden Flug, den sie nach schier unendlicher Zeit hinter sich gebracht hatten und beachtete es daher nicht weiter.
„Warum liegt da draußen Schnee?“ versuchte Harry aus der Situation zu fliehen.
„Weil wir auf der südlichen Hemisphäre sind. Wenn in England Sommer ist, dann ist in Australien Winter. Wenn hier Sommer ist, dann ist in England Winter.“ lehrte sie ihn in unnachahmlicher Lehrerin-Manier. Harry, der eine weitere Unterrichtsstunde auf der anderen Seite der Hogwartsmauern vermeiden wollte, ließ es auf der Antwort beruhen, ohne die Hintergründe zu erfragen. Stattdessen nickte er verstehend und sah noch einmal nach draußen.
Im Flugzeug war es inzwischen ruhiger geworden. Die meisten Passagiere, die wie ein aufgeschreckter Hühnerhaufen voller Panik ihre Sachen schnappten und zu den Ausgängen eilten waren verschwunden. Die erfahrenen Passagiere warteten diesen Sturm ab, bevor sie gemütlich ihr Handgepäck aus den Fächern nahmen und in Ruhe den Flur entlang gingen. Unter ihnen auch das alte Ehepaar, dass sie bereits in England getroffen hatten. Harry und Hermine waren gerade unterwegs nach vorne, als sie aufstanden und den Weg blockierten. Doch die beiden ehemaligen Hogwartsschüler zeigten Geduld und Hilfsbereitschaft. Harry holte die mit Perlen bestickte Handtasche aus der Gepäckablage und reichte sie der alten Dame, die sich bedankte und sich dann bei ihrem Mann einhakte, aber nicht ohne zu meckern, das ihr Ehemann bedauerlicherweise nicht dazu in der Lage war, ihre Tasche zu holen.
Zusammen gingen sie den Gang weiter entlang, auf den Vorhang zu, den Harry bereits kannte. Doch dahinter erwartete ihn diesmal nicht Jasmin, sehr zu seiner Erleichterung. Doch Harry hielt inne, bevor er ganz hindurch trat. Er wandte sich um und sah noch einmal die Reihen entlang.
„Harry, kommst du?“ erkundigte sich Hermine, die zwei Meter weiter auf ihn wartete. Ungläubig blickte er sie an, und dann an ihr vorbei auf das alte Ehepaar. Dann ließ er schmunzelnd den Vorhang zu fallen und betrat zusammen mit Hermine das Flughafengebäude.
Ein langer Korridor. Der Boden und die Decke aus Stahl. Die Wände aus Glas. Und Harry in Gedanken. Bis sein Blick auf die Stewardess fiel, die einige Meter vor ihnen noch ein paar andere Passagiere verabschiedete. Der Rhythmus seines schlagenden Herzens wurde schneller beim Anblick von Jasmin.
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