
von Kate Flemming
Überarbeitete Version
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Kate konnte den Sonnenstrahl, der durch das Fester direkt in ihr Gesicht fiel nicht länger ignorieren. Obwohl sie noch müde war, öffnete sie die Augen und setze sich im Bett auf. Kurz schaute sie sich um und musste sich erst einmal orientieren, wo sie war.
Ach richtig, sie war heute Nacht um zwei Uhr von ihrer Reise zurückgekommen. Sie war in ihrer Wohnung! Mit einem Seufzer ließ sie sich in das Kissen zurückfallen. Hätten sie und ihre Freundin in Verona nicht den Zug verpasst, wäre sie schon Vorgestern zu Hause gewesen. Aber Jessica hatte ja unbedingt noch die Arena von Verona ansehen müssen. Sie wären trotzdem noch pünktlich am Bahnhof gewesen, wenn Jessica sich nicht in den Kopf gesetzt hätte, den Balkon von Romeo und Julia schnell noch zu besichtigen, wenn sie schon hier wären. In den Gassen hatte sie sich allerdings verlaufen und dann waren sie zu spät am Bahnhof gewesen. In gebrochenem Italienisch hatten sie versucht, ihre Tickets umzutauschen und einen späteren Zug zu nehmen. Der war allerdings ausgebucht gewesen, schließlich war es Sommer und ganz Europa war unterwegs und so hatten sie erst am nächsten Tag fahren können. Im völlig überlaufenen Verona hatten sie kein erschwingliches Hotelzimmer mehr ergattern können und am Schluss auf dem Bahnhof geschlafen. Mit der großen Party am Abend vor ihrer Abreise, hatte sie so alles in allem in den letzten drei Tagen 10 Stunden geschlafen.
Gott sei Dank würde die Schule erst in sechs Tagen anfangen!
Eine Weile war Kate noch hin und hergerissen, ob sie nicht versuchen sollte, wieder einzuschlafen oder sich doch aufzuraffen und aufzustehen. Doch der Wunsch nach einem Kaffee wurde übermächtig und mit einem letzten Räkeln stand sie auf.
Ein halbe Stunde später hatte sie geduscht und saß mit einer Tasse Kaffee auf ihrem winzigen Balkon. Die Katze der Nachbarn war über den kurzen Spalt gesprungen, die Kates Balkon von dem der Nachbarn trennte. Sie schnurrte und Kate streichelte sie träge. Die warme Sonne erinnerte sie an Italien. Es war ein schöner Urlaub gewesen. Mit ihrer alten Schulfreundin Jessica war sie vor vier Wochen losgezogen. Erst waren sie in Paris und dann quer durch das Land nach Süden gezogen. An der Cotê d’ Azur standen sie dann vor der Entscheidung nach Italien oder erst nach Spanien weiterzureisen. Sie hatten sich dafür entschieden, gleich nach Italien zu fahren. Offiziell hatten sie es mit dem Interesse für die römischen Altertümer begründet, aber prustend hatte Kate dann nur noch „Pizza et Gelati“ von sich geben können.
Zwei Wochen hatten sie Italien bereist, von Mailand über Rom nach Neapel. Am Ende hatten sie sich noch eine Woche bei Venedig in einer Ferienanlage gegönnt. Baden und relaxen hatte ihren Tagesablauf bestimmt. Lustig war auch das Animationsteam gewesen. Mit den jungen Leuten aus ganz Europa hatten sie sich schnell angefreundet. Am Abend bevor sie abreisen mussten, hatte es noch eine von den großen Shows gegeben, die die armen Animateure jeden Samstag für die Touristen auf die Beine stellen mussten. Sie und Jessica hatten sich heimlich wunderbar amüsiert bei den Versuchen der Animateure, sie zum Mitmachen bei der Show zu überreden. Als sie dann zusagten, studierten sie mit anderen Touristen die einfachen Schritte für die drei Tänze ein. Jessica stellte sich dabei extra tollpatschig an. Doch bei der Generalprobe wollten sie ihre neuen Freunde nicht länger hinters Licht führen und schnell erkannten diese, dass sie zwei ausgebildete Tänzerinnen in ihrer Mitte hatten. Schließlich hatten sich Kate und Jessica ein Internat mit dem Schwerpunkt klassische Ballettausbildung kennengelernt.
Kate hatte ihren Kaffee beendet und stand auf. Ihr Kopf fühlte sich immer noch an, als wäre er in Watte gepackt. Sie hatte das Gefühl, etwa zwei Meter neben sich zu stehen. Aber es nutzte nichts, sie musste anfangen, ihre Wäsche zu waschen und ihren Koffer auszupacken. Die Katze folgte ihr hinein und legte sich auf einen Sessel, der in der Sonne stand. Kate lächelte. Vielleicht würde sie später ein paar Leute anrufen und den Abend bei ihrem Lieblingsitaliener ausklingen lassen. Die meisten ihrer Freunde müssten inzwischen wieder in London sein. Oder vielleicht auch erst morgen Abend, etwas mehr Schlaf wäre definitiv von Vorteil.
Sie wühlte in ihrem Koffer und fand schließlich, was sie gesucht hatte: die CD mit der Musik, die sie in Italien am liebsten gehört hatten. Die Musik würde ihr helfen, wach zu bleiben und aufzuräumen. Gute Musik und eventuell ein kleines Tänzchen!
Als sie an ihrem kleinen Esstisch vorbeikam, entdeckte sie die Post, die sie heute Nacht aus ihrem Briefkasten geholt und achtlos auf den Tisch geworfen hatte, bevor sie in ihr Bett gefallen war. Einige Postkarten aus allen Teilen Europas und sogar eine aus Australien von Paul und Susan. Eine Rechnung für die Reparatur ihres Laptops und ein offiziell aussehender Brief von ihrer Anwaltskanzlei. Aufgeregt öffnete sie den Brief, ob diese wohl etwas herausgefunden hatten? Schnell las Kate die wenigen Zeilen und musste sich setzen: offensichtlich war die Kanzlei fündig geworden.
Kate hatte schon lange gewusst, dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen Eltern waren. Sie hatte allerdings nie versucht, herauszufinden, warum sie als Baby zur Adoption freigegeben worden war. Sie war immer viel zu beschäftigt gewesen, für die Schule zu lernen oder die intensive Ausbildung für das Ballett zu absolvieren. Sie hatte ihre Adoptiveltern geliebt und war sehr glücklich bei ihnen gewesen. So sah sie nie eine Notwendigkeit dazu, ihre richtigen Eltern zu finden. Doch im letzten Jahr waren ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen und somit stand sie plötzlich ganz alleine in der Welt. Mary und Simon Flemming hatten nicht viele Verwandte gehabt und Kate begann sich zu fragen, was wohl aus ihren leiblichen Eltern geworden war. Über das Amt für Adoption hatte sie wenigstens ihren richtigen Namen herausfinden können: Catherine Riddle.
Doch das Amt hatte ihre Hoffnungen schnell zunichte gemacht: ihre Mutter war wohl kurz nach ihrer Geburt gestorben und ihr Vater hatte kurz nach ihrer Adoption einen tödlichen Unfall. Ihre Großeltern mütterlicherseits waren wohl schon alt gewesen und ebenfalls tot. Ihr Großvater väterlicherseits galt lange Jahre als verschollen, sollte irgendwo im Ausland leben. Die Kanzlei, die Kate beauftragt hatte, war auf der Suche nach ihm. Außerdem gab es wohl noch einen weiteren entfernten Verwandten, einen Sohn eines Cousins von ihrem Großvater, einen Tom Riddle jr. Auch er lebte wohl schon geraume Zeit nicht mehr in England, aber sie waren auf der Suche nach ihm. Allerdings wurde sein Geburtsdatum mit 1926 angegeben. Also wäre er auch schon 70 Jahre alt. Aber vielleicht hatte er ja Kinder und Enkel.
Kate würde die Hoffnung nicht aufgeben, eventuell stand sie ja doch nicht ganz alleine in der Welt da.
Sie legte den Brief auf einen Stapel mit Unterlagen, legte die CD ein und fing an, aufzuräumen.
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