
von Kate Flemming
Überarbeitete Version
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Sicherheitshalber apparierte Severus Snape direkt in das dunkle Treppenhaus. Mit erhobenem Zauberstab erwartete er halb, direkt einigen Todessern gegenüberzustehen. Aber es war niemand da. Kurz verharrte er, aber anscheinend hatte keiner das leise „Plopp“ gehört, das er eben verursacht hatte. Er trat an das Geländer und schaute kurz nach oben und unten, aber es war keiner zu sehen. Leise nahm er die Treppe nach oben und stand dann vor der Tür. „Kate Flemming“ stand auf einem kleinen Schild.
Von drinnen hörte man laute Musik, südländische Rhythmen. Umso besser, dachte er, dann würde sie ihn nicht gleich hören. Und die Nachbarn würden ihre Schreie nicht hören. Denn schreien würde sie, soviel war sicher. Wie er manchmal die hysterischen Mädchen auf der Schule hasste, die bei jeder Gelegenheit kreischten und schrien. Ob sie sich freuten, erschreckten, Angst hatten oder sich nach endlosen Schulstunden endlich wieder sahen, eines taten sie immer: die kreischten.
Er schwenkte kurz seinen Zauberstab und die Tür öffnete sich. Schnell trat er ein und schloss leise die Tür hinter sich. Er stand in einem kleinen, unbeleuchteten Flur. Die zweite Tür war geöffnet und er konnte in ein kleines Wohnzimmer schauen. Es gab eine weit geöffnete Tür, die auf einen winzigen Balkon führte und davor war das Mädchen. Sie tanzte zu dem schnellen Rhythmus der Musik, die laut durch die Wohnung schallte, eine Frauenstimme sang etwas von „A la Playa“. Sie blickte in Richtung Balkon und hatte ihn noch nicht bemerkt. Auf einem Sessel lag eine Katze, die gerade ihren Kopf hob und ihn anstarrte. Ihre Schwanzspitze zuckte. Die Musik endete und ein anderes, etwas ruhigeres Lied begann. Das Mädchen änderte ihre Schrittfolge und tanzte langsamer. Dabei sang sie laut mit, er verstand nur „Volare“. Ihre Bewegungen wurden weniger ausgelassen, dafür eher sinnlich. Sie war nicht besonders groß, aber schlank. Ihre langen, sehr dunklen Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, der im Takt ihrer Bewegungen um ihre Schultern schwang. Sie trug ein buntes, kurzes Oberteil, ein Teil ihres nackten Rückens war zu sehen. Dazu trug sie eine Jeans, die ihr tief auf der Hüfte saß. Schuhe hatte sie keine an. Das Zimmer war gemütlich eingerichtet, aber etwas staubig. Ein geöffneter Koffer, aus dem einige Kleidungsstücke, Bücher und Schuhe quollen, lag auf dem Boden, eine Umhängetasche hing über einer Stuhllehne. Offensichtlich war das Mädchen gerade von einer Reise nach Hause gekommen.
Im Takt der Musik drehte sich das Mädchen in seine Richtung und sah ihn kurz mit halb geschlossenen Augen an. Sie hatte ihre Arme gehoben, das kurze Oberteil war nach oben gerutscht und zeigte einen glatten, gebräunten Bauch. Ihre Hüften bewegten sich perfekt im Takt der Musik. Snape konnte sein Augen nicht von ihr wenden. Wie gebannt stand er da und beobachtete sie. Dann drehte sie sich weiter und er sah wieder ihren Rücken. Er erwachte aus seiner Erstarrung und machte eine unwillige Handbewegung. Die Katze sprang vom Sessel, machte einen Buckel und fauchte in seine Richtung. Wieder hatte er seinen Zauberstab erhoben, um dem Mädchen einen Schweigefluch auf den Hals zu zaubern, wenn sie anfangen würde zu schreien.
Das Mädchen bemerkte die Katze und bückte sich mit einer anmutigen Bewegung, hob die Katze auf und lachte. „So schlecht tanze ich gar nicht, Mr. Tipps. Schäm dich.“ Sie setzte den Kater ab, der sofort zum Balkon rannte und über das Geländer zum Nachbarbalkon sprang. Die Musik war zu Ende und ein anderes Lied ertönte. Mit einem Seufzer bückte sich das Mädchen, um eine Jacke aufzuheben und über die Stuhllehne zu hängen.
Wieder sah sie in den Flur und erstarrte in ihrer Bewegung. Erst jetzt schien sie ihn wahrzunehmen. Sie stand nur still da und starrte ihn an. Dabei blinzelte sie einige Male mit den Augen, als ob sie nicht ganz sicher war, ob ihre Augen ihr keinen Streich spielten. Muggel-Mädchen hatten wirklich einen schlechten Überlebensinstinkt, dachte Snape. Er legte einen Finger auf seine Lippen und sah das Mädchen finster an, verärgert über seine unerwartete Reaktion auf sie. Normalerweise hatte er seine Emotionen und körperlichen Reaktionen sehr wohl unter Kontrolle. Doch seine Müdigkeit schien seine Selbstkontrolle gefährlich zu schwächen. Schließlich war sie noch keine Frau, nur ein Mädchen. Laut Dumbledore war sie nicht älter als siebzehn Jahre!
Ein dröhnendes Lachen und einige schnell gesprochene Worte im Treppenhaus rissen ihn aus seiner Erstarrung. Verdammt. Diese Stimmen kannte er! Nur einige Minuten später, und er wäre mit dem Mädchen sicher entkommen. Nun mussten sie sich beeilen, sonst würden die Todesser sie erwischen.
Mit einigen schnellen Schritten trat Snape auf das Mädchen zu und zischte: „Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist, dann sind Sie besser leise“, während er sie in Richtung Küche schob, damit sie von der Wohnungstür aus nicht gleich zu sehen waren. Er überragte sie um gut einen Kopf und sie war so überrumpelt, dass sie sich noch nicht einmal gegen ihn wehrte. Er war nicht sicher, ob sie seine Worte registriert hatte. Dann hörte er, wie die Wohnungstür krachend aufflog.
Kate wiederum hatte ihn schon bei ihrer ersten Drehung gesehen. Weniger gesehen, als vielmehr einen dunklen Schatten wahrgenommen. Aber da sie vorher ins helle Sonnenlicht geschaut hatte, war sie davon ausgegangen, dass es nur eine Sinnestäuschung gewesen war.
Aber jetzt konnte sie nicht länger ignorieren, dass wirklich ein Fremder in ihrer Wohnung vor ihr stand. Auch jetzt blinzelte sie, weil sie nicht sicher war, ob sie nicht doch träumte. Er sah ganz und gar nicht normal aus. Als sie gerade aus ihrer Betäubung erwachte und reagieren wollte, hörte man aus dem Treppenhaus ein dröhnendes Lachen. Das Gesicht des Mann wurde noch finsterer und er kam auf sie zu, zischte ihr etwas zu, packte sie fluchend am Arm, schob sie in Richtung Küche und schon wirbelte ihre Wohnung kurz um sie herum. Kate bekam kaum Luft und hatte das Gefühl, zusammengequetscht zu werden. Um sie herum wirbelten Farben und Formen. Alles war so irreal. Das einzig wirklich Reale war seine Hand, die ihren Oberarm in einem schmerzhaften Klammergriff hielt. Kurz danach standen sie auf einer sonnigen Wiese, weiter entfernt war ein Wald. Kate strauchelte und er zog sie auf ihre Füße. Erstaunt schaute sich Kate um. Wahrscheinlich lag sie in ihrem Bett und hatte einen der merkwürdigsten Träume ihres Lebens. Das hier konnte unmöglich gerade passieren.
Der Fremde an ihrer Seite stieß schon wieder ein paar Verwünschungen aus und fauchte dann: „Los, wir müssen hier weg. Ich bin mir nicht sicher, ob es ihnen nicht gelungen ist, uns mit einer Spur zu belegen. Wir müssen von hier verschwinden und ein Stück weiter wieder disapparieren.“
Kate verstand nicht ein Wort von dem, was dieser Kerl gerade gesagt hatte. Aber das musste sie auch nicht? Schließlich passierte das hier alles nur in ihrem Kopf, oder?
Der Mann zog Kate am Arm mit sich und eilte über die Wiese auf ein kleines Wäldchen zu. Halb lief Kate, halb schleifte er sie hinter sich her. Ihre nackten Füße hatten Mühe, nicht zu stolpern und mit ihm Schritt zu halten. Zwei Mal stieß sie sich den Fuß an einem Stein, und das fühlte sich dann doch recht schmerzhaft an. Entschlossen, diesen Traum nicht einfach über sich ergehen zu lassen, erwachte sie aus ihrer Trance und mit einem Ruck befreite sie sich aus seinem Griff. Sie blieb stehen, sah den Mann mit einer gewissen Neugierde an und fragte unbefangen: „Ich gehe nirgend wo mit Ihnen hin, bevor Sie mir nicht erklärt haben, wer Sie sind und was da gerade passiert ist! Schließlich ist das hier mein Traum und ich finde es nur richtig, wenn ich ihn auch verstehe.“
Noch während sie sprach, fiel ihr auf, dass ihr schwindelig war. Vielleicht war es an der Zeit, endlich aufzuwachen. Sie sah auf ihre Füße, die inzwischen auf Grasboden standen und fand, dass sich dieses Gras sehr real anfühlte. Außerdem pochte die Wunde am Fuß, wo sie an den Stein gestoßen war.
Unwillig drehte er sich um, sah sie ungläubig an und sagte: „Für Erklärungen ist später Zeit. Wir müssen weiter. Los!“
„Sicher nicht“, schnaubte Kate empört, er konnte doch nicht wirklich glauben, dass sie freiwillig mit ihm gehen würde, Traum hin oder her. Erst jetzt musterte sie ihn genauer. Er war groß und hatte lange schwarze, strähnige Haare, die sein schmales blasses Gesicht umrahmten. Seine schwarzen Augen fixierten sie finster. Er trug schwarze Kleidung und einen Umhang, als ob er zu einem Maskenball wollte. In der Hand hielt er einen kleinen Stock. Er wirkte verärgert und eine Aura der Gefahr umgab ihn.
Snape war außer sich: wahrscheinlich hatten ihn die Todesser gesehen, oder ihn wenigstens mit einer Spur belegt. Hätte er nur nicht wie erstarrt an der Tür gestanden und das Mädchen beobachtet, sondern sofort reagiert. Aber sie hatte so friedlich und gelöst ausgesehen, als würde es in ihrer Welt nichts Böses geben. Außerdem war er für ihre sinnlichen Bewegungen nicht so unempfänglich gewesen, wie er es bei einer Schülerin hätte sein sollen. Sie wirkte auch älter auf ihn als siebzehn, aber vielleicht alterten Muggel schneller als Hexen und Zauberer. Angewidert verbot er sich diese Gedanken. Er musste sich auf seinen Auftrag konzentrieren und dafür sorgen, dass er und das Mädchen unbehelligt in Hogwarts landen würden.
Nun war er gezwungen, mit ihr immer wieder zu apparieren, sich zu ohne Zauberei ein paar Kilometer zu bewegen und erneut zu disapparieren, um die Spur zu verwirren und loszuwerden. Soviel zu dem „schnell mal das Mädchen holen“. Sie mussten sich beeilen, das war klar. Natürlich konnte er sie dazu zwingen, mit ihm zu kommen, aber es würde sie aufhalten.
Kurz angebunden sagte er: „Also gut, ich werde es kurz erklären, wenn Sie dann weiterlaufen. Wir sind wirklich in Gefahr. Diese Männer im Treppenhaus wollen Sie umbringen.“
„Mich? Aber wieso?“ fragte Kate halb entsetzt und halb belustigt. Jetzt war es definitiv Zeit, aufzuwachen. Dieser Traum wurde von Minute zu Minute unglaubwürdiger.
„Weiterlaufen“, sagte er und musterte sie dabei scharf. Sie reagierte merkwürdig, aber was wusste er schon über Muggelmädchen. Er drehte sie an den Schultern in Richtung des Waldrandes. Kaum hatte er sie angefasst, ließ er sie auch schon wieder los, als würde es ihm anwidern, sie zu berühren. Zögernd begann sie zu laufen, sie konnte es sich nicht erklären, aber sie hatte das Gefühl, keine andere Wahl zu haben, obwohl das schließlich ihr Traum war.
„Warum?“ wiederholte sie ihre Frage, „und wer sind Sie?“
„Ich heiße Severus Snape und bin ein Zauberer“, antwortete er und stieß sie leicht in den Rücken, als sie bei diesen Worten abrupt wieder stehen blieb.
„Für wie dämlich halten Sie mich eigentlich?“ fragte sie empört, ließ sich von ihm aber weiter vorwärts drängen.
„Ich weiß, dass ist für Sie schwer zu verstehen, aber es ist so. Es gibt Hexen und Zauberer und wir leben mitten unter den Muggeln.“ Als wenn sie das auch nur ansatzweise verstehen würde! Aber Dumbledore hatte ihn ja gebeten, verständnisvoll zu sein. Also war er verständnisvoll, was auch immer der Schulleiter damit gemeint hatte.
„Muggeln?“ ihre Stimme klang mehr als nur ungläubig.
„Muggel sind nichtmagische Menschen, so wie Sie“, erklärte er kurz.
„Sprechen Sie weiter“, forderte Kate als Snape verstummt war. Also gut, schwor sie sich, sie würde nie wieder an so vielen Tagen hintereinander so wenig schlafen, denn das hier war wirklich lächerlich.
„Sie laufen, ich rede.“ Erst zögernd, dann schneller gingen sie auf das Wäldchen zu. Er fuhr fort: „Also wir leben manchmal im Verborgenen, manchmal mitten unter Ihnen. Und genau wie bei den Muggeln, gibt es bei uns gute und schlechte Menschen. Bei uns herrscht zurzeit Krieg. Da gibt es einen besonders bösartigen Zauberer, der gerade versucht, die Macht zu übernehmen. Es ist eine lange Geschichte.“
Sollte doch Dumbledore den Verständnisvollen spielen, für so etwas hatte Snape nun wirklich keinen Kopf.
„Aber was hat das alles mit mir zu tun“, fragte Kate „und wer will mich umbringen?“
„Eben dieser bösartige Zauberer hat Sie ganz oben auf seine Liste gesetzt. Anscheinend sind Sie mit ihm verwandt“, sagte Snape skeptisch, er konnte sich nicht so recht vorstellen, dass es wahr sein sollte.
„Wie heißt dieser Mann?“, wollte Kate wissen.
„Sein Name darf nicht genannt werden!“ sagte der Mann bestimmt und seine verschlossene Miene machte ihr klar, dass sie diese Antwort nicht bekommen würde.
Kaum waren sie am Wald angekommen, packte sie der Mann wieder am Arm und schon begann alles von vorne. Sie fühlte sich wie ein Korken in einer Flasche und kurz darauf standen sie an einem Strand im Süden des Landes.
Der Mann ließ ihren Arm los, als ob er sich die Hand verbrannt hatte und knurrte: „Wir laufen an der Küste entlang, dort drüben an den kleinen Hügeln.“ Er deutete auf einen etwas bewachsenen Streifen, der den Strand von den steilen Klippen abgrenzte. Mit schnellen Schritten hatte er sich in Bewegung gesetzt. Sein Umhang blähte sich wie ein Segel hinter ihm.
Als sie ihm nicht folgte, blieb er ruckartig stehen, drehte sich um und herrschte sie an: „Wird’s bald! Wir müssen in Bewegung bleiben.“ Jetzt reichte es. Stur blieb Kate stehen und sagte mit fester Stimme: „Das war es. Ich gehe keinen einzigen Schritt mehr weiter. Ich setze mich auf diesen Stein dort drüben und warte, bis ich endlich aufwache. Ich habe ja schon eine Menge Mist geträumt, aber das hier übertrifft alles. Irgendwann muss ich ja aufwachen. Gehen Sie ruhig weiter, Herr Zauberer. Das war mal wenigstens ein recht realistischer Traum, aber nun ist genug!“
Sie ging die zwei Schritte bis zu dem großen Stein und setzte sich hin. Sie zog den leicht blutenden Fuß auf ihren anderen Oberschenkel und untersuchte ihn.
Dann fiel ein Schatten auf sie. Der schwarzgekleidete Mann stand vor ihr, die Fäuste in die Seite gestemmt und war anscheinend kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. Seine Stimme war eisig und beherrscht, als er sagte: „So leid es mir tut, aber das hier ist kein Traum. Mich gibt es wirklich und die Gefahr ist genauso real. Also werden Sie sich jetzt sofort in Bewegung setzen, oder ich muss hier andere Seiten aufziehen.“
Kate folgte automatisch der befehlsgewohnten Stimme und stand auf. Ob sie wohl doch nicht träumte? Aber dann würde all das, was der Mann erzählt hatte ja stimmen, und das konnte einfach nicht sein. Zauberer? Muggel? Ein böser Zauberer, mit dem sie verwandt sein sollte und der sie umbringen wollte? Ja, sicher! Wenn sie nicht träumte, dann wollte sie es lieber nicht wissen.
Doch jetzt regte sich der Widerstand in ihr: „Moment!“
Er hatte sich schon auf den Weg gemacht und wirbelte nun erzürnt herum: „Ich dachte, ich hätte mich verständlich ausgedrückt! Wir müssen jetzt weiter!“
„Traum oder nicht, wer sagt mir denn, dass Sie nicht genau der sind, vor dem Sie mich gewarnt haben. Ich müsste ja verrückt sein, einfach so mit Ihnen zu gehen!“
Er holte tief Luft und schien stark an sich halten zu müssen. Dann knurrte er: „Wenn ich Sie umbringen wollte, dann würde wohl kaum mit Ihnen hier herumdiskutieren. Dann hätte ich das längst erledigt und könnte einen ruhigen Abend zuhause verbringen. Wie ich es für heute eigentlich auch geplant hatte. Aber nein…“. Wieder holte er tief Luft und sah sie an: „Hörten Sie, Sie werden mir einfach vertrauen müssen. Schließlich wissen Sie noch nicht einmal, wo Sie sind, oder?“ Jetzt wurde seine Stimme stahlhart: „Außerdem haben wir mehr als genug Zeit vertrödelt. Also setzen Sie sich jetzt in Bewegung, sonst werde ich Sie dazu zwingen. Und diese Möglichkeit erscheint mir mit jeder Minute verlockender, das kann ich Ihnen sagen!“
Sie sahen sich einen Moment gereizt an, dann nickte Kate unmerklich. Woraufhin er sich umdrehte und weitereilte. Sie folgte ihm und fragte sich die ganze Zeit, warum sie das Gefühl hatte, keine andere Wahl zu haben.
„Das sollte reichen“, sagte der Mann plötzlich, stoppte und drehte sich zu ihr um. Diesmal packte er ihre Schulter und es fühlte sich nicht mehr ganz so merkwürdig an. Kate schloss die Augen und als sie sie wieder öffnete, standen sie in einem Wald an einem Bach. Bevor sie sich richtig orientiert hatte, war ihr Begleiter schon wieder unterwegs, am Bach entlang. Der weiche Waldboden war viel angenehmer, als es die Steine gewesen waren.
So ging es den ganzen Tag weiter. Kate hatte aufgegeben, herauszufinden, ob sie träumte oder nicht. Sie folgte dem Mann und ließ diesen Traum einfach über sich ergehen. Irgendwann würde sie aufwachen. Sie wurden immer wieder durcheinandergewirbelt, tauchten irgendwo auf, liefen einige hundert Meter oder auch einige Kilometer und wirbelten wieder fort. Als es anfing zu dämmern, waren sie gerade am Rand eines kleinen Sees angekommen. Kate hatte schon längst aufgehört, herausfinden zu wollen, wo sie gerade waren. Ihr taten ihre wunden Füße weh und sie hatte Hunger. Den Durst hatte sie immer wieder an kleinen Bächen und Seen stillen können.
Sie setzte sich erschöpft auf einen alten Steg am Rand des Sees. Er sah schon ein bisschen morsch aus, aber die Aussicht, ihre Füße im See abzukühlen, gab den Ausschlag. Sie krempelte ihre Hosenbeine etwas hoch und tauchte ihre Füße in das kalte Wasser. Das tat wirklich gut!
Ihr Begleiter hatte Ausschau gehalten, ob er etwas Verdächtiges in ihrer Umgebung geschah. Der See war von Bäumen und Büschen umgeben, aber es war augenscheinlich ruhig. Er näherte sich dem Steg.
„Wir können hier eine etwas größere Pause machen“, sagte er mit einem kurzen Blick auf sie „es schein, als hätten wir die Todesser abgehängt. So heißen die Anhänger des Dunklen Lords. Aber sie werden unter Umständen in der Umgebung von Hogwarts auf uns warten. Wir werden erst in der Nacht in die Nähe apparieren können und müssen den Rest dann wieder zu Fuß gehen.“
Sie sah zu ihm auf und musste sich mit der Möglichkeit vertraut machen, dass er doch die Wahrheit erzählte und dies kein Traum war. Irgendetwas in ihr wünschte sich dringend, dass das hier ein Traum war, aber eigentlich war ihr längst klar, dass sie sich nur noch an diesen Wunsch klammerte, weil die Wahrheit einfach so unfassbar war.
„Was ist Hogwarts?“, fragte Kate, um nicht weiter nachdenken zu müssen. Sie glaubte auch nicht, dass er antworten würde.
Bis auf die Fragen am Anfang ihrer merkwürdigen Reise hatte er außer kurzen Befehlen und Anweisungen nichts gesagt. Sie hatte das Gefühl, er wäre aus einem ihr nicht verständlichen Grund sauer auf sie. Er hatte sie kaum angeschaut, wenn er mit ihr sprach. Er hatte es noch nicht einmal beachtet, dass sie nicht so schnell hinter ihm herkam. Ab und zu hatte er sehr ungeduldig auf sie gewartet und mit einem herablassenden Blick bedacht, den sonst nur die widerlichsten Lehrer für ihre Schüler übrighatten.
„Hogwarts ist eine Schule für Hexerei und Zauberei“, antwortete er dann überraschend doch, während er konzentriert auf den See hinaussah, „dort lernen die jungen Hexen und Zauberer, ihre Kräfte zu kontrollieren und sinnvoll einzusetzen.“ Er schnaubte kurz: „Nicht, dass es alle auch wirklich lernen würden“, schloss er sarkastisch.
„Wieso bringen Sie mich gerade dahin?“ fragte Kate, froh, dass er überhaupt wieder mit ihr sprach.
„Albus Dumbledore ist der Schulleiter und er hat mich zu Ihnen geschickt. Außerdem ist Hogwarts einer der wenig sicheren Orten. Der Dunkle Lord hat über Hogwarts keine Gewalt, zumindest noch nicht“, schloss er leise.
„Und Sie, was haben Sie mit dieser Schule zu tun?“
„Ich bin Lehrer dort.“
Bingo, hatte sie es doch gewusst, dazu hatte sie in ihrer Schulzeit genug gefrustete und richtig gemeine Lehrer kennengelernt. Sie musste bei seinen Worten lächeln. Gut, dass er immer noch auf den See hinaussah.
„Gibt es viele Hexen und Zauberer?“ Für Kate tat sich eine neue Welt auf. Sie konnte es nicht länger ignorieren, dass sie langsam glaubte, was er sagte. „Und wie schaffen Sie es, dass keiner von Ihrer Welt weiß?“
Er überlegte kurz. Wahrscheinlich dachte er darüber nach, wie viel er ihr erzählen sollte. „Wenn Sie in Hogwarts sind und die Anzahl der Schüler sehen, dann können Sie sich vielleicht eine Vorstellung davon machen, wie viele magische Menschen alleine in England leben. Und es gibt ein Geheimhaltungsabkommen, an das wir uns alle halten. Können Sie sich vorstellen, was mit der Welt geschehen würde, wenn die Muggel von uns erfahren würden?“
„Darüber müsste ich erst einmal nachdenken, aber ich kann mir vorstellen, dass es große Unruhe geben würde.“
„So in der Art“, antwortete Snape mit einer hochgezogenen Augenbraue. Er entfernte sich von ihr und dem See und setzte sich auf einen Baumstamm, der etwas entfernt vor einem Gebüsch lag. Anscheinend hatte er keine Lust auf weitere Fragen von ihr.
Es wurde jetzt rasch dunkler und damit ließ auch die Hitze des Tages nach. Während Kate still auf dem Steg saß und schläfrig wurde, waren um sie herum die Geräusche der Natur zu hören: Grillen, einige Vögel, die sich einen Schlafplatz auf den umliegenden Bäumen suchten. Ein Käuzchen rief von weiter fort zu ihnen herüber. Eine Entenfamilie schwamm vorbei, die Entenkinder waren schon nicht mehr so klein und dann verschwand die Familie auch schon im Schilf. In den Büschen und im Schilf raschelte es immer wieder, man hatte das Gefühl, dass im Schutz der Dunkelheit viele Lebewesen unterwegs waren.
Kate befand sich in einem Zustand zwischen Schlaf und Wachsein. Müde lehnte sie den Kopf an einen Pfosten des Steges. Sie konnte ihre Gedanken nicht auf etwas fokussieren und nach einer Weile gab sie es auch auf. Die ganze Situation war so unerklärbar und unnatürlich, dass sie sowieso keine Lösung gefunden hätte. Sie ließ ihre Gedanken treiben. Erinnerungsfetzen ihrer Kindheit, der Schulzeit und des Urlaubs trieben ungeordnet durch ihren Kopf.
Ein unfreundliches „Wir können jetzt weiter“, riss sie aus dem Schlaf.
Es fiel Kate sehr schwer, ihren Kopf auch nur so klar zu bekommen, dass sie fähig war aufzustehen. Sie schauderte, es war so dunkel, dass sie kaum noch etwas erkennen konnte. Ihr Begleiter stand direkt vor ihr und war sichtlich ungehalten, dass sie so langsam reagierte. Als sie aufstand, taumelte sie ein wenig und er musste sie festhalten, sonst wäre sie vielleicht ins Wasser gefallen. Ihre Füße brannten höllisch, zahlreiche Schnitte von Gras, Schilf und Steinen hatten ihre Fußsohlen aufgerissen.
Spätestens jetzt konnte sich Kate nichts mehr vormachen: sie war durchaus wach und dies hier war die Wirklichkeit, ob es ihr gefiel oder nicht. Sie träumte nicht und war wirklich von einem Mann entführt worden, der von sich selbst behauptete, ein Zauberer zu sein. Und dieses Herumwirbeln gab es in ihrer normalen Welt einfach nicht. An diesem Punkt ihrer Überlegungen angekommen, verbat sie sich jeden weiteren Gedanken, denn es würde ihren Verstand im Moment einfach überfordern.
Der Mann wandte sich ab und ging ein paar Schritte vom Wasser fort. „Kommen Sie hier herüber, dann können wir disapparieren.“
Es fiel ihr schwer, zu laufen, aber nach ein paar Schritten hatte sie ihn erreicht. Wieder schwankte sie und wäre fast gegen ihn gefallen. Ungeduldig griff er wieder nach ihrem Oberarm und sie disapparierten. Als die Welt um sie herum wieder zum Stillstand kam, schlug ihnen Kälte entgegen. Sie mussten hoch im Norden des Landes sein, denn es war empfindlich kalt und die Kälte half Kate, das Schwindelgefühl in den Griff zu bekommen.
Snape schaute sich kurz um und raunte: „Wir müssen leise sein, hier können überall Todesser sein. Weiter oben gibt es eine kleine Höhle, dort können Sie bleiben, während ich schaue, ob wir unbeobachtet zum Schloss kommen können. Folgen Sie mir!“
Was gar nicht so einfach war. Es war stockdunkel und er war in schwarz gekleidet. Außerdem hatte er Stiefel an und konnte viel schneller über die Felsen und Steine steigen als sie. Schon nach kurzer Zeit konnte sie ihn nicht mehr sehen.
„Mr. Snape?“ flüsterte sie. Nichts. Er hatte sie wohl nicht gehört. Sie blieb stehen und lauschte. „Mr. Snape?“ wiederholte sie leise.
„Professor Snape für Sie“, raunte seine Stimme viel zu nah an ihrem Ohr.
Kate erschrak so sehr, dass sie zur Seite sprang und gerade noch einen Aufschrei unterdrücken konnte. Ihre Füße taten so weh, gerade, wenn sie sich unbedacht bewegte. Snape, nein, Professor Snape schnappte sie am Handgelenk und zog sie wie ein kleines Kind hinter sich her. Dabei murmelte er etwas, dass sich sehr nach „dummes Mädchen“ anhörte. Kate war viel zu sehr damit beschäftigt, auf ihren Füßen zu bleiben, um darauf zu reagieren. Aber er bemerkte schnell, dass sie wirklich nicht schneller laufen konnte und verlangsamte sein Tempo. Es ging immer noch bergauf und Kate begann zu frieren. Sie war definitiv nicht richtig gekleidet für dieses Abenteuer. Die kalte Nachtluft machte ihren Kopf wenigstens wieder etwas klarer. Wie spät es wohl sein mochte? Sie hatte jedes Zeitgefühl verloren.
Wieder rutschte sie auf einem Stein aus und es fühlte sich so an, als ob ihr rechter Fuß jetzt ernsthaft bluten würde.
„Was ist denn jetzt schon wieder“, flüsterte er ungehalten, als er bemerkte, dass sie stehen geblieben war.
„Ich habe mich am Fuß verletzt. Ohne Schuhe war das heute etwas schwierig!“ antwortete sie ebenso leise, aber aufgebracht.
„Können Sie noch ein wenig weiter laufen? Da vorne ist die Höhle, zu der wir wollen.“ Das klang wenigstens ein bisschen freundlicher und Kate biss die Zähne zusammen: „Es wird schon gehen, aber können wir bitte etwas langsamer gehen.“
Wieder ergriff er sie am Oberarm und stützte sie ein wenig. Nach weiteren hundert Metern blieb er stehen und ließ sie los. Dann verschwand er in der Dunkelheit. Kurz darauf tauchte er neben ihr wieder auf und schob sie weiter. Kate fühlte, dass sie jetzt wohl in die Höhle eingetreten waren, denn sehen konnte sie nichts. Vorsichtig gingen sie weiter in die Höhle hinein. Anscheinend wusste er genau, wie es in der Höhle aussah, denn er ging zwar langsam, aber zielstrebig weiter. Sie folgten tastend den Windungen des Ganges einige Meter und dann hielt er an.
„So, hier sollten wir im Moment sicher sein. Lumos“, sagte Snape leise und an der Spitze seines Zauberstabs erschien ein Lichtstrahl, der die Höhle erleuchtet.
Nachdem Kate sich an die Helligkeit gewöhnt hatte, sah sie sich um. Es war ein felsiger Gang, nicht sehr hoch, der sich hier zu einer etwas breiteren Stelle geweitet hatte. Reste eines Lagerfeuers waren genau in der Mitte zu sehen.
„Ich werde jetzt den Weg zum Schloss auskundschaften. Wenn wir Glück haben, trauen die Todesser sich nicht so nah an Hogwarts heran. Sie warten hier und sind besser still.“ Er sah sie zweifelnd an: „Sie werden keine Panik im Dunkeln bekommen und dann etwas Dummes tun, oder?“
„Machen Sie sich um mich keine Gedanken. Es wird schon gehen!“ Was dachte er eigentlich von ihr, sie war doch kein kleines Kind mehr! Sie fragte kühl: „Wie lange werden Sie brauchen?“
„Vielleicht eine Stunde, länger sicher nicht.“
„Gut, dann setze ich mich hier hin und warte“, sagte Kate und schauderte unwillkürlich, denn hier in der Höhle war es noch kälter, als draußen. Sie schlang ihre Arme um ihren Oberkörper Snape hatte ihr Schaudern bemerkt. Mit einem abschätzenden Blick auf ihre Kleidung nahm er seinen Umhang ab und gab ihn ihr.
„Danke“, murmelte sie erstaunt und schlüpfte in den noch warmen Umhang. Er war viel zu lang für sie und sie musste ihn um sich wickeln, damit sie nicht auf ihn trat. Sie setzte sich an die Felswand und schlug den Umhang um ihre kalten, schmerzenden Füße.
Snape verschwand derweil in dem dunklen Gang durch den sie gekommen waren. Das Licht seines Zauberstabes löschte er noch im Hinausgehen und ließ Kate in der Dunkelheit zurück.
Wirklich etwa eine Stunde später stand er wieder am Eingang der Höhle und hob die Zaubersprüche auf, mit der er die Höhle vor unliebsamen Besuchern geschützt hatte. Schließlich trug er die Verantwortung für das Mädchen. Und seine Pflichten nahm er immer sehr ernst. Vorsichtig trat er ein und lief vorsichtig den gewundenen Gang entlang. „Lumos“, und der Zauberstab leuchtete auf. Hoffentlich hatte das Mädchen keinen Unsinn gemacht. Obwohl er zugeben musste, dass sie die Ereignisse des Tages ganz gut überstanden hatte. Aber in völliger Dunkelheit in einer Höhle zu sitzen verlangte schon eine andere Art von Mut.
Er ging um die nächste Biegung und sah sie sofort: sie hatte sich in seinen Umhang gewickelt und war an der Felswand zur Seite gesunken. Sie schlief tief und fest. Er trat näher. Sie sah sehr friedlich aus, aber auch sehr erschöpft. Ihre langen dunklen Wimpern warfen im Schein seines Zauberstabes lange Schatten auf ihre Wangen und sie hatte dunkle Ringe unter ihren Augen. Ihr inzwischen zerzauster Pferdeschwanz lag wie ein Schal an ihrem Hals. Sie hatte eine Hand unter ihre Wange geschoben.
Einer ihrer Füße hatte sich aus dem Umhang geschoben und Snape atmete scharf ein. Da waren viele Schnitte zwischen geronnenem Blut zu sehen. Er kniete sich vor sie und schob den Stoff zur Seite. Der andere Fuß sah nicht besser aus. Warum hatte das dumme Mädchen nichts gesagt? Kurz überlegte er, ob er ihre Füße gleich mit einigen Zaubersprüchen heilen sollte, aber er war sich nicht ganz sicher, ob diese auch bei Muggeln wie gewohnt wirken würden. Außerdem war Madam Pomfrey da die Geeignetere.
Mit einem leichten Schütteln an ihren Schultern versuchte er, sie zu wecken. Aber erst als er fester zupackte, schreckte sie auf. „Was? Wie?“ Verwirrt schaute sie zu ihm auf. Es war deutlich zu erkennen, dass sie Schwierigkeiten hatte, ihn einzuordnen. Aber noch während sie ihn anschaute, sah er an ihren Augen, dass die Erinnerung zurückgekehrt war.
„Wir müssen jetzt los. Noch ist die Luft rein. Kommen Sie“, sagte er und erhob sich.
Widerwillig streckte er ihr eine Hand hin und half ihr, aufzustehen. Sie schwankte und man sah ihr an, dass sie Schmerzen hatte. Nach zwei Schritten war ihm klar, dass sie nicht mehr weiter laufen konnte. Er trat neben sie und nahm sie auf die Arme. Sie schnappte erstaunt nach Luft. Er ging los, löschte kurz vor dem Ausgang das Licht und trat aus der Höhle. Mit sicheren, langen Schritten lief er erst eine Weile am Hang entlang, und bog dann in den Wald ab. Es ging wieder bergab. Obwohl es sehr dunkel im Wald war, wusste er anscheinend genau, wohin er lief.
So ging es eine halbe Stunde durch lichten Wald, über einige Lichtungen, die er im Halbkreis am Waldrand entlang überwand. Dann kamen sie in tieferen Wald. Immer wieder musste er um große Felsbrocken herumgehen.
Das Mädchen war nicht sehr schwer und es machte ihm nichts aus, sie zu tragen. Die körperliche Nähe war ihm unangenehm. Normalerweise vermied er jeden Kontakt zu anderen Menschen. Aber sie war auch still. Sehr still. Jetzt, wo er darauf achtete, wurde ihm klar, dass sie tief und fest schlief. Ihr Kopf lag an seiner Schulter und sie schlief! Snape schüttelte den Kopf. Sie war wohl nicht wirklich beunruhigt. Oder völlig erschöpft.
Eine weitere Viertelstunde später näherten sie sich der Umgebung von Hogwarts und kurz danach kamen sie am Tor an. Snape schwenkte den Zauberstab und die Gitterstäbe des Tores lösten sich von der Mitte her auf. Sobald die Lücke groß genug war, trat er durch das Tor und sofort schlossen sich die Gitterstäbe wieder hinter ihnen. Sie waren endlich in Sicherheit! Erleichtert sandte er sofort seinen Patronus zum Schloss. Er wusste, Dumbledore würde auf eine Nachricht warten und wäre in größter Besorgnis. Die silberne Hirschkuh stob in die Nacht davon und Snape folgte ihr.
So langsam spürte er doch das Gewicht des Mädchens. Ihr Kopf war in seine Halsbeuge gerutscht und er spürte ihren Atem an seinem Hals. Ihre Hand hatte einen Teil seines Kragens ergriffen und hielt ihn in einem festen Klammergriff. Ein zarter Duft von Orangen und Zitronen kam von ihren Haaren.
Severus Snape war froh, als das Portal des Schlosses näher kam. Die Anspannung des vergangenen Tages und der letzten Wochen begann nachzulassen und ließ nur bleierne Müdigkeit zurück. Nur noch ein wenig musste er durchhalten, dann konnte auch er endlich ausruhen.
Am Portal angekommen, schwang der Türflügel auf. Erleichtert trat Snape ein und stand Professor Dumbledore und Professor McGonagall gegenüber, die gerade in die Eingangshalle gelaufen kamen. Professor McGonagall knotete noch im Laufen ihren Morgenmantel zu.
„Endlich Severus, wir haben uns solche Sorgen gemacht. Was ist geschehen?“ wollte die Frau wissen. Sie zog den Kragen ihres karierten Morgenmantels hoch und man sah ihr an, dass sie sehr besorgt war.
„Todesser, wir sind ihnen nur um Haaresbreite entkommen. Ich war mir nicht sicher, ob sie uns eine Spur angehängt hatten. Es hat uns sehr aufgehalten, sie zu verwischen“, antwortete Snape grimmig.
Dumbledore trat besorgt näher: „Was ist mit dem Mädchen, ist sie verletzt?“ Sein Blick glitt über den Körper des Mädchens, auf der Suche nach offensichtlichen Verletzungen.
Snape beruhigte ihn: „Wir mussten schnell disapparieren und so konnten wir keine Schuhe für sie mitnehmen. Ihre Füße sind verletzt, nichts Ernstes.“ Professor McGonagall sagte mit Blick auf das Mädchen: „Bringen Sie sie schnell in den Krankenflügel, Severus. Sie sieht völlig erschöpft aus. Ich bin so froh, dass sie Beide sicher hier gelandet sind.“
Snape ging zur Treppe und der Schulleiter und die Lehrerin folgten ihm. Sie erreichten nach kurzer Zeit den Krankenflügel und Snape ging direkt durch die weißen Flügeltüren hinein in den Krankensaal, während Professor McGonagall Madam Pomfrey weckte.
Erleichtert legte er das Mädchen auf einem der freien Betten ab und wollte sich gerade aufrichten, als er bemerkte, dass ihre Hand immer noch seinen Kragen umklammerte, als hinge ihr Leben davon ab. Vorsichtig löste er ihre Finger und legte sie neben ihren Körper auf das Bett. Sie drehte sich mit einem wohligen Seufzer auf die Seite und schlief weiter.
„Ja, die Jugend. Ein tiefer, fester Schlaf! Beneidenswert“, bemerkte Dumbledore, der nähergetreten war: „Wie hat sie alles so aufgenommen?“
„Ich bin mir nicht sicher, ob sie mir geglaubt hat, aber sie hat kooperiert“, antwortete Snape knapp. Im Saal war Ruhe, denn es war kein weiteres Bett belegt.
Madam Pomfrey erschien mit Professor McGonagall neben dem Bett. Sie betrachteten das schlafende Mädchen. Fragend sah Madam Pomfrey Snape an, nachdem sie keine offensichtlichen Wunden sah: „Welche Verletzungen hat sie?“
„Ihre Füße. Aber nichts, was nicht bis morgen früh warten könnte.“
Sie das sie sich auf sein Urteil verließ, konnte er endlich in Richtung seiner Räume aufbrechen, froh, seine Verantwortung für das Mädchen nun in andere Hände gelegt zu haben. Madam Pomfrey deckte das Mädchen zu und versprach, ein Auge auf sie zu haben. Denn sicher würde sie nicht wissen, wo sie war, wenn sie am Morgen aufwachen würde. Leise schloss Dumbledore hinter Professor McGonagall die Tür zum Krankenzimmer und begab sich nachdenklich zu seinen Räumen.
Snape schritt durch Korridore, stieg die Treppen zu den Kerkern hinunter und kam dann vor seiner Wohnung an. Er löste den Zauber, der seine Wohnung während seiner Abwesenheit verschloss und trat ein. Da fiel ihm sein Umhang ein! Er hatte ihn oben im Krankenflügel vergessen, das Mädchen hatte ihn noch um sich geschlungen. Egal.
Er trat in seinen Wohnraum und entzündete mit einem Schlenker seines Zauberstabes ein Feuer im Kamin. Dann ging er ins Badezimmer und duschte. Als er zurückkam, trug er einen schwarzen Bademantel. Er ließ sich genüßlich in den Sessel am Kamin sinken und mit einem Schlenker seines Zauberstabes erschien eine staubige Flasche Wein und ein Glas. Der Korken flog aus der Flasche und sie neigte sich über das Glas und füllte es halbvoll. Danach verschloss sich die Flasche wieder. Nachdenklich ergriff Snape das Glas. Er war erschöpft, aber der Punkt der größten Müdigkeit war schon überschritten. Im Gedanken lief der vergangene Tag noch mal vor ihm ab. Er wollte es sich nicht wirklich eingestehen, aber das Mädchen hatte ihn nicht gleichgültig gelassen. Nur zu deutlich erinnerte er sich an den Augenblick, in dem er sie das erste Mal gesehen hatte. Wie sie mit sich und der Welt im Einklang getanzt hatte. Ihr schlanker Körper hatte sich so anmutig und sinnlich bewegt, dass Snape sich dem Anblick nicht hatte entziehen können. Und sein Körper hatte darauf reagiert. Angewidert von sich selbst schnaubte Snape jetzt. Es wurde dringend Zeit, dass er mal wieder eines von diesen Häusern aufsuchte, in denen Männer zur „Entspannung“ gingen. Trotz seines sehr fokussierten Lebens war er ein Mann, mit allen Bedürfnissen und Sehnsüchten. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass ihm vor Jahren klar geworden war, dass er nie wieder eine Frau lieben würde.
Sicher, es hatte immer mal wieder Frauen gegeben, die seine Aufmerksamkeit erregten, aber das war immer nur eine körperliche Angelegenheit gewesen. Auf eine Schülerin hatte er allerdings noch nie reagiert.
Versonnen sah er in die Flammen. Er wurde nicht jünger und die letzten Wochen mit dem wenigen Schlaf mochten seine Beherrschung geschwächt haben, mehr, als es vor zehn Jahren noch der Fall gewesen wäre. Ja, das musste es sein. Er würde sich von dem Mädchen fern halten und bei der nächsten Möglichkeit ein paar Stunden im Haus von Madam Jaqueline verbringen, ein Muggel-Etablissement in einer nicht weit entfernten Kleinstadt, das er manchmal aufsuchte.
Entschlossen stellte er sein Glas zur Seite und ging endlich zu Bett.
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