
von Kate Flemming
Überarbeitete Version
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‚Professor McGonagall ist wirklich ein Schatz‘, dachte Kate am nächsten Morgen. Sie hatte mit der Lehrerin das Frühstück in deren Wohnung eingenommen. Normalerweise aßen die Lehrkräfte in der Großen Halle, aber da so viele Kollegen noch im Urlaub waren, hatte Minerva eine Ausnahme gemacht. Sie hatten sich am Nachmittag und Abend des Vortages weite Teile des Schlosses angesehen und Professor McGonagall hatte ihr einen groben Überblick über den normalen Alltagsablauf von Hexen und Zauberern verschafft. Dann war sie auf die Besonderheiten des Schulbetriebes eingegangen und Kates zahllose Fragen beantwortet. Kate war aus dem Staunen nicht herausgekommen. Doch sie hatte sich wiederholt mit eigenen Augen davon überzeugen können, dass es tatsächlich Zauberei gab. Am späten Abend war Kate todmüde auf dem Sofa eingeschlafen, im Herzen immer noch die Hoffnung, dass sie beim Erwachen in ihrer Wohnung sein würde.
Aber schon das erste Blinzeln am Morgen hatte ihr diese Hoffnung genommen. Seufzend war sie aufgestanden und hatte mit der Professorin in Ruhe gefrühstückt. Dann machten sie sich wieder auf den Weg.
Wie schon am Tag davor, waren sie in Hogwarts unterwegs. Kate kannte nun schon die meisten Klassenzimmer, die tückischen Treppen, einige Geheimgänge, die nur die Lehrer kennen und benutzen sollten (leider völlig unnütz für Kate, da man ausnahmslos bei allen einen Zauber benutzen musste), die Geister, die im Schloss wohnten und die Hauselfen. Es war erstaunlich, wie groß Hogwarts war. Kate hatte das Gefühl, schon viele Kilometer weit gelaufen zu sein, dabei hatten sie noch nicht einmal das Gelände um das Schloss angeschaut.
Außerdem hatte Minerva, wie Kate Professor McGonagall nennen durfte, ihr schon Kleidung und Schuhe besorgt. Es war, obwohl es Sommer war, in den meisten Räumen des Schlosses empfindlich kühl. Kate wollte sich nicht vorstellen, wie kalt es wohl im Winter werden würde. Professor McGonagall hatte ihr auch einige Umhänge gegeben, die sie tragen sollte. So würde der Unterschied zu ihren magischen Kollegen nicht gleich so auffallen. Der Schulleiter und Professor McGonagall hatten beschlossen, sämtliche Kollegen einzuweihen. Nur wenn sie wussten, dass Kate keine Hexe war, würde ihnen der Ernst der Lage klar sein. So würden sie sie alle gemeinsam beschützen und ein Auge auf sie haben.
Am frühen Nachmittag sollten sie sich mit Dumbledore in der Großen Halle treffen, der eine Idee zum Wohnungsproblem hatte. Bis dahin vertrieben sie sich die Zeit mit der Geschichte der Zauberei und Geschichten über Hogwarts, den Unterricht und die Schüler.
Professor McGonagall war von der jungen Frau sehr angetan. Sie versuchte mit allen Mitteln, die positiven Seiten ihres neuen Lebens zu sehen und war sehr interessiert an allen Dingen, die die magische Welt betraf. Nebenbei erfuhr die Professorin viel über das Leben ihres Schützlings. Am Nachmittag hatte sie das Gefühl, Miss Flemming wäre eine besonders nette Nichte von ihr.
„Oh, jetzt müssen wir uns aber sputen, sonst kommen wir zu spät. Wir wollen uns mit Professor Dumbledore in der Großen Halle treffen“, Professor McGonagall sah nach einem Blick auf die Uhr erschrocken drein. „Kommen Sie, meine Liebe.“
Gemeinsam verließen sie eilig die kleine Wohnung, die im Gryffindor-Turm lag, liefen rasch die vielen Stufen hinunter und erreichten schließlich die Große Halle, die im Sonnenschein der verzauberten Decke lag. Zusätzlich schien die Sonne noch durch jedes der großen Fenster auf der Südseite. Dieser Raum war das Wunderbarste, das Kate je gesehen hatte. Langsam drehte sie sich wie verzaubert um ihre eigene Achse, ihr Blick war nach oben auf die Decke gerichtet. Sie versuchte, alle Eindrücke und Besonderheiten in sich aufzunehmen. Schon nach einigen Momenten vergaß sie, dass sie nicht alleine war und begann sie sich in kleinen Pirouetten zu drehen. Ihre Füße und ihr Körper bewegten sich von alleine, als ob sie eine Melodie hören würde. Es war Kate nicht bewusst, was sie tat. Auf ihrem Gesicht lag ein entrücktes Lächeln.
Dumbledore und McGonagall beobachteten sie erst erstaunt, dann zog sich ebenfalls ein Lächeln über ihre Gesichter. Minerva McGonagall dachte über die Unbefangenheit der Jugend nach, während Dumbledore sehr gespannt auf den neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste wartete, der gerade mit langen Schritten näher kam.
Abrupt verlangsamte sich dessen Schritte, als er Miss Flemming völlig versunken tanzen sah. Sein Gesicht verdüsterte sich zusehends und man sah ihm an, dass er am liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht hätte. Da er sie mitten im Gang tanzte und er nicht an ihr vorbeikam, blieb er vor ihr stehen. Unverständnis wallte in ihm auf: mit welchem Recht sah sie so entrückt und glücklich aus? Ihr ganzes Leben lag in Scherben, der gefährlichste Zauberer alle Zeiten wollte sie umbringen, aber hatte sie genug Verstand, um das zu begreifen? Sie benahm sich wie eine dieser albernen Schülerinnen, die er zu unterrichten gezwungen war. Die allesamt nicht im Entferntesten wussten, was im Leben wichtig war und das leichtfertige Vergnügungen ihnen nicht das Leben retten würden. Am liebsten hätte er sie am Arm genommen und geschüttelt, bis sie den Ernst der Lage endlich wahrnahm. Auf der anderen Seite konnte er –wieder einmal- seinen Blick nicht von ihr abwenden. Worauf er, als es ihm bewusst wurde, noch finsterer schaute und sich nur noch mit Mühe davon abhalten konnte, unverzüglich in seine Räume zurückzukehren.
Kates Blickwanderte von der verzauberten Decke wieder nach unten und sie sah plötzlich Snapes grimmiges Gesicht. Sie blieb stehen, als ob sie von einer unsichtbaren Faust festgehalten werden würde. Peinlich berührt wurde ihr bewusst, was sie da gerade getan hatte. Verlegen wandte sie sich zu Professor McGonagall um und war froh, dass diese nicht so finster schaute. Ganz im Gegenteil, sie und Dumbledore lächelten ihr zu.
„Meine Liebe, ich glaube wir werden in diesem Schuljahr noch viele wunderbare Dinge zu sehen bekommen“ merkte der Schulleiter an. „Wenn Sie nur einen Teil Ihrer Begeisterung an die Schüler weitergeben können, dann wird sich Hogwarts verändern.“
Dann sah er milde lächelnd zu Snape: „Severus, schön, dass Sie einen Augenblick Zeit für uns erübrigen können. In vier Tagen kommen die Schüler wieder und wir müssen Miss Flemming noch unterbringen.“ Professor McGonagall und Kate lauschten gespannt. „Mir ist da etwas eingefallen, dass es uns ermöglichen wird, gleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, wie die Muggel immer sagen!“ Dumbledore gluckste in sich hinein. Schnell wurde er wieder ernst. „Wir haben hier in Hogwarts verschiedene Arten von Wohnungen für Lehrer“, wandte er sich erklärend an Kate. „Es gibt Einzelwohnungen und auch Wohnungen für mehrere Lehrer, in der jeder einen Schlafraum bekommt, aber alle sich den Wohnbereich und eine Küche teilen.“
Spontan fiel Kate ein: „Wie eine WG!“ und auf Dumbledores und McGonagalls irritierten Blick erklärte sie weiter: „Das sind Wohngemeinschaften, Studenten leben häufiger so zusammen. Das macht die Mieten erschwinglich.“
Bei einem kurzen Blick auf Snape hatte sie das Gefühl, als wäre er noch bleicher geworden, als er es sowieso schon gewesen war. Er starrte Dumbledore finster an.
Doch bevor sie sich weitere Gedanken darüber machen konnte, fuhr der Schulleiter fort: „Genau. So läuft das hier auch, obwohl ich mir nicht ganz im Klaren darüber bin, was ‚Miete‘ ist. Wie dem auch sei, alle Wohnungen dieser Art werden in Hogwarts schon von zwei oder drei Lehrern bewohnt.“ Er wandte sich zu Snape um, dessen Gesicht inzwischen einer Maske glich: „Bis auf eine, nicht wahr, Severus?“
„Sir, das ist wohl ein schlechter Scherz?“ gab dieser mit gepresster, leiser Stimme von sich. „Sie wollen nicht im Ernst Miss Flemming in dem anderen Teil meiner Wohnung unterbringen?“ Die kalte Ablehnung, die aus diesen Worten sprach, traf Kate wie ein Faustschlag. Was hatte der Mann gegen sie? Sie hatte am Tag davor nicht das Gefühl gehabt, dass er etwas gegen sie persönlich hatte. Aber das eben hörte sich nicht sehr freundlich an.
Auch Professor McGonagall schaute Snape sehr erstaunt und befremdet an.
Dumbledore hob fragend seine Augenbrauen: „Wie meinen Sie das?“ Sein Ton war merklich kühler geworden.
Nach einem unmerklichen Zögern meinte Snape abwiegelnd: „Meine Wohnung befindet sich nahe den Kerkern und den Räumen der Slytherins. Ich glaube kaum, dass das der passende Ort für Miss Flemming ist.“ Selbst in Kates Ohren klang es so, als hätte er eigentlich etwas ganz anderes sagen wollen.
Dumbledore sah ebenfalls nicht zufrieden mit der Aussage Snapes aus. „Wir müssen auch an den Punkt denken, den ich gestern schon mit Ihnen besprochen habe. Miss Flemming benötigt Schutz und zwar rund um die Uhr. Am Tag sollte das kein Problem sein, aber wie steht es mit den Abend- und Nachtstunden?“
Snape sah aus, als wollte er zu diesem Thema noch eine ganze Menge anmerken. Da er aber vor allem ein logisch denkender Mann war, war ihm durchaus klar, dass Dumbledores Vorschlag vernünftig war. Er versuchte seinen Zorn in seinem Inneren zu verschließen. Seine persönlichen Bedenken und Probleme mussten zurückstehen.
„Also gut, wenn Sie sicher sind. Allerdings wurden diese Räume schon lange nicht mehr benutzt. Es stehen alte Möbel darin und ich befürchte…“, er sah Miss Flemming grimmig an, „…sie werden Ihren Anforderungen eher nicht entsprechen.“
Kate war sich nicht sicher, was sie jetzt antworten sollte. Sie war noch immer geschockt durch seine kaum verborgene Abneigung, die er gegen sie zu hegen schien. Professor McGonagall bemerkte ihr Unbehagen und entgegnete: „Ein paar Zaubersprüche und die Hilfe der Hauselfen sollten da Wunder bewirken.“
Da Dumbledore noch einige dringende Dinge zu erledigen hatte, folgten McGonagall und Kate dem schnell ausschreitenden Snape die Treppe hinunter zu den Kerkern. Es wurde dunkler und kühler, je tiefer sie kamen. Bevor sie allerdings an die Treppe kamen, die sie zum Klassenraum für Zaubertränke hinab führen würde, bogen sie in einen schmalen Korridor ab. Bald nach der Abbiegung versperrte eine massive Eichentür den Weg.
Snape tippte sie mit dem Zauberstab an und sie öffnete sich. „Diese magische Verriegelung dürfte für Miss Flemming ein Problem werden“.
Das klang ein wenig hämisch.
Aber bevor Kate eine Bemerkung dazu machen konnte, konterte McGonagall spitz: „Das zu ändern, dürfte Ihnen ja nicht wirklich Probleme bereiten, nicht wahr, Severus?“
Er machte sich nicht die Mühe, ihr darauf zu antworten. Sie standen in einem kleinen Vorraum, er war wie ein Flur. Er hatte keine Fenster und wurde durch eine Fackel erleuchtet, die in einem Ring an der Mauer angebracht war.
‚Hier unten in den Kerkern sieht es aus wie im Mittelalter‘, dachte Kate erneut. Sie hatte mit Professor McGonagall schon Teile der Kerker besichtigt.
Abgesehen von der Tür, durch die sie hereingekommen waren, gingen noch zwei Türen von diesem Flur ab, eine rechts und eine links. An der vierten Wand hing eine Garderobe und es stand ein Stuhl dort. Allerdings hing keine Jacke dort.
Widerwillig erklärte Snape: „Auf der rechten Seite geht es in meinen Bereich, auf der linken Seite in die unbewohnten Räume“, mit einem kurzen Seitenblick auf Kate sagte er: „Ich kann Sie nur warnen, dort sieht es übel aus. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann jemand das letzte Mal dort drinnen war.“
Er tippte wieder die Tür mit seinem Zauberstab an und sie öffnete sich ruckelnd und quietschend. Nachdem sie sich ungefähr zur Hälfte geöffnet hatte, blieb sie stecken. Snape stand abwartend davor und machte keinerlei Anstalten, hineinzugehen.
Professor McGonagall warf ihm einen finsteren Blick zu, den er mit einer leicht hochgezogenen Augenbraue beantwortete. Die Hexe zog ihren Zauberstab heraus und sagte: „Lumos“.
Sofort erschien an der Spitze ihres Zauberstabs ein helles Licht. Langsam schob sich McGonagall durch die halbgeöffnete Tür. Da Snape sich offensichtlich nicht bewegen würde, folgte Kate ihr alleine. McGonagall war nur vier Schritte in den Raum hineingegangen und entsetzt stehengeblieben. Kate stand direkt hinter ihr und langsam folgten ihre Augen dem Lichtstrahl von McGonagalls Zauberstab, der eine Runde beschrieb. Der Anblick war sehr ernüchternd: bis an die Decke stapelten sich alte Möbel, mit Staub überzogen und Spinnweben in allen Größen mitsamt Bewohner füllten die wenigen Zwischenräume. Man konnte nicht erkennen, wie groß das Zimmer war, da man nicht bis an das andere Ende schauen konnte.
Professor McGonagall seufzte: „Du meine Güte.“
Kate lächelte schief: „Mit ein bisschen Abstauben ist es wohl nicht getan. Das können wir unmöglich in vier Tagen schaffen.“
Eine sarkastische Stimme vor der Tür sagte: „Oh nein, da müsste man schon zaubern können!“
Kate prustete los und Professor McGonagall lachte leise mit: „Wir wollen mal sehen, wo wir eine Hexe oder einen Zauberer herbekommen können. Fällt Ihnen dazu etwa ein, Kate?“
Diese meinte lachend: „Beim besten Willen nicht. Aber eine Fee mit etwa 23 freien Wünschen wäre nett!“
McGonagall lachte. „Fee vielleicht nicht direkt, aber ein paar Hauselfen schon“, sagte sie und rief laut: „Dobby!“
Mit einem lauten „Knall“ landete der Hauself direkt vor ihren Füßen. Auch ihn hatte Kate schon kennengelernt. Er sollte sich ein wenig um sie kümmern, damit sie im Schloss auch ohne Zauberei zurechtkam. Professor McGonagall erklärte ihm, was sie mit den Räumen planten und er versprach, sich mit ein paar Hauselfen darum zu kümmern.
Kate und Professor McGonagall gingen durch die Tür in den Flur zurück, wo Snape immer noch stand und wartete.
„Die Damen“, er zog das Wort ein wenig in die Länge, „werden entschuldigen, dass ich für Inneneinrichtung nicht die rechte Muße habe. Ich werde mich zurückziehen!“ Er verschwand in der gegenüberliegenden Tür und warf sie mit einem lauten Knall zu.
„Ist der immer so schlecht gelaunt?“ raunte Kate Professor McGonagall zu.
„Nicht immer“, antwortete die Lehrerin mit strenger Miene, „aber im Moment doch noch um einiges schlechter als normalweise.“
„Kann es sein, dass er mich nicht mag?“, fragte Kate direkt.
Minerva sah sie schulterzuckend an: „Ich habe mir schon vor langer Zeit abgewöhnt, mir darüber Gedanken zu machen, wen oder was Severus so mag oder auch nicht. Er lebt hier in Hogwarts recht zurückgezogen und hält seine Kontakte zu den Kollegen auf einem Mindestmaß. Machen Sie sich nicht so viele Gedanken über ihn.“
Sie verließen den Flur und stiegen die vielen Treppen aus den Kerkern wieder hoch. Professor McGonagall musste noch einige Vorbereitungen für den jetzt schnell näher kommenden Schulbeginn treffen und Kate wollte sich jetzt endlich die Umgebung des Schlosses ansehen. Nach einigen gut gemeinten Mahnungen von McGonagall trennten sich die beiden.
Kate trat durch das mächtige Portal nach draußen in den hellen Sonnenschein. Ihr Blick glitt über die sonnenbeschienene Kette der Berge die Hogwarts umgaben. Sie erinnerten sie an die Alpen, die sie im Sommer gesehen hatte. Nach einer Weile schlenderte sie über die verschiedenen Vorhöfe und Mauern nach unten, über die Wiese in Richtung See. Es war sehr ruhig um sie herum. Einige Vögel sangen, man hörte Insekten herum summen und einige Schmetterlinge flatterten wie trunken über die Blüten.
Langsam näherte sich Kate dem See. Sie sollte nicht zu nah herangehen, hatte Minerva ihr gesagt, denn im See wohnten nicht nur friedliche Wesen. An einem Hügel, der sich vom Seeufer aus erstreckte, setzte sich Kate in das Gras. Sie seufzte erschöpft. Die vergangenen Tage waren sehr aufregend gewesen und sie war nicht dazu gekommen, alles in Ruhe zu überdenken. Nicht, dass sie etwas hätte ändern können. Mehrere Male hatte sie gehofft, vielleicht doch noch aufzuwachen aus einem sehr intensiven Traum.
Natürlich war ihr inzwischen klar, dass dies hier kein Traum war. Sie sank nach hinten ins Gras und schaute in den Himmel. Nur ein, zwei kleine Wolken trieben langsam über den Himmel. Weit oben waren einige Greifvögel zu sehen, die in weiten Kreisen über den Himmel flogen.
Professor McGonagall war ein Schatz. Sie hatte ihr viel erzählt und erklärt, und mit großem Verständnis ihre zahlreichen Fragen beantwortet. Sie erinnerte Kate ein wenig an ihre Adoptiv-Mutter. Kate vermisste sie sehr. Wenn Mary und Simon Flemming noch leben würden, sie wären nach Kates Verschwinden vor Sorge um sie schon verrückt geworden. Inzwischen müssten Jessica und ihre anderen Freunde schon wissen, dass sie verschwunden war. Aber Kate durfte ihnen noch nicht mal eine Nachricht zukommen lassen. Es würde ihre Freunde in Gefahr bringen, und das wollte Kate natürlich nicht. Was sie wohl denken würden? Ob sie sie vermissen würden? Wie die Polizei ihnen wohl ihr Verschwinden erklären würde? Sie vermisste Jessica und lächelte, als sie daran dachte, wie sie und Jessica über alles lachen würden, was Kate in seit gestern erlebt hatte.
Ein Schmetterling flatterte direkt über sie hinweg und setzte sich kurz auf eine Blume, die neben Kate stand. Dann flatterte er gemächlich weiter. Kate folgte ihm mit den Augen.
Dumbledore hatte großen Eindruck auf sie gemacht. In seinen Augen konnte man die Weisheit sehen, die er auch ausstrahlte. Er musste schon sehr alt sein, aber er wirkte nichts weniger als senil. Seine stille Präsenz hatte sie fasziniert. Kate empfand Respekt vor ihm, hatte aber weit weniger persönlichen Kontakt zu ihm aufgebaut, als zu Professor McGonagall. Sie hatte ihn auch viel weniger gesehen. Er schien sehr beschäftigt zu sein. Auch einige der anderen Lehrer hatte sie schon kennengelernt. Professor Sprout, die Lehrerin für Kräuterkunde und Professor Vector, die Arithmantik-Lehrerin und Professor Trewlaney, Lehrerin für Astrologie. Professor Flitwick (Zauberkunst) und Professor Burbage (Muggelkunde) wurden morgen zurückerwartet. Auch die anderen Lehrer würden bis in zwei Tagen alle wieder in Hogwarts sein, pünktlich zum Schulbeginn. Kate fragte sich, wie die verschiedenen Hexen und Zauberer auf sie reagieren würden. Sie hatte ein bisschen Angst, dass sie genauso abwehrend reagieren würden wie Professor Snape.
Der war sowieso eine Sache für sich. Aus seinem Verhalten wurde Kate nicht schlau: lehnte er sie ab, weil sie nur ein „Muggel“ war, oder konnte er sie einfach nicht leiden? Während ihrer Flucht war er sehr knapp und abweisend gewesen, sehr konzentriert darauf, sie beide in Sicherheit zu bringen. Aber sie hatte das Gefühl, dass hinter seiner verschlossenen Miene und seiner Schroffheit noch ganz persönliche Gründe für eine Abneigung gegen sie zu finden waren. Aber welche? Er kannte sie doch kaum, die hatten auf der ganzen Flucht bis auf einige Fragen und Anweisungen kaum Worte gewechselt. Vielleicht war es ihre Verwandtschaft zu Voldemort. Das, was sie von Minerva über ihren Verwandten erfahren hatte, ließ ihr das Blut wie Eis in den Adern gefrieren. Konnte ein Mensch so böse, so abscheulich werden? Und wenn Snape häufiger diese Übergriffe miterlebte, dann hatte er wahrhaftig Grund genug, ihr wegen ihrer Verwandtschaft zu Voldemort zu misstrauen.
Dabei hatte sich Kate in seiner Gegenwart nicht unwohl gefühlt. Er strahlte auf der Flucht eine Aura von Ruhe und Kompetenz aus, sie hatte sich bei ihm sicher aufgehoben gefühlt. Sie errötete, als sie daran dachte, wie er sie den letzten Rest des Weges hatte tragen müssen. Sie war einfach eingeschlafen, wie sie von Minerva erfahren hatte. Als sie in der Nacht aufwachte und er nicht mehr da war, hatte sie sich kurz verloren gefühlt. Aber sie war so erschöpft gewesen, dass sie schnell wieder eingeschlafen war. Später, als Dumbledore und McGonagall an ihrem Bett gestanden hatten, da hatte sie sich kurz gefreut, als Snape das Zimmer betrat. Aber schon kurze Zeit darauf wurde ihr klar, dass das ein ganz anderer Mann war, als der, der sie den Tag davor begleitet hatte. Er wirkte kalt und verschlossen und sie spürte in ihm einen unterschwelligen Zorn ihr gegenüber. Und dann sein Doppelleben. Wie um alles in der Welt war er nur in eine so schwierige Lebenssituation hineingerutscht? Man kam ja nicht zufällig in Kontakt zu dem mächtigsten bösen Zauberer aller Zeiten. Welche dunklen Geheimnisse mochte es in Snapes Leben geben? Wie konnte man damit leben, jeden Tag des Lebens, ja manchmal jede Stunde aufzupassen, was man sagt, wie man sich verhält? Immer am Rande des Abgrundes, nie wissend, wann man einen Fehler machte, der zugleich auch der letzte sein würde.
Und jetzt sollte sie so nah bei ihm wohnen. Das würde schwierig werden. Vielleicht sollte sie ihm so weit wie möglich aus dem Weg gehen. Auf der anderen Seite war sie froh, dass er ein Auge auf sie werfen sollte. Egal wie, bei ihm fühlte sie sich sicher. Er war ihr letztes Bindeglied zu ihrem alten Leben. Denn nur er war in ihren beiden Welten aufgetaucht.
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