
von Kate Flemming
Überarbeitete Version
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Es wurde Dezember und das Wetter wurde besser. Es wurde kälter und dann begann es zu schneien. Die Wälder und Berge um Hogwarts bekamen bald eine dicke Schicht aus Schnee. Die Bäume trugen dicke Schneepolster und wenn die Sonne sich kurz zeigte und darauf schien, glitzerte und funkelte der Schnee.
Für den letzten Abend vor den Ferien war eine Weihnachtfeier mit vielen Vorführungen geplant. Das Musical-Team bereitete schon seit einer ganzen Weile eine Nussknacker-Version vor. Klassische Ballett-Parts sollten mit modernen Elementen gemischt werden. Auch die Musik sollte mit Rock und Pop aufgepeppt werden. Die Schüler übernahmen die Verantwortung und Vorbereitung recht selbständig, Kate half ihnen bei schwierigen Parts und Professor Flitwick bei der Musik. Die Jazztanz-Gruppe wollte einen Tanz der Weihnachtselfen vorführen. Kate hatte alle Hände voll zu tun, denn schließlich hatte sie ja noch den Muggelkunde-Unterricht und die Tanzkurse.
Damit die Auftritte mit ihren Auf- und Abbauten und den Kostümwechseln auch funktionieren würden, probten sie einige Male auch in der Großen Halle. Die großen Schülerinnen hatten sich eine etwas gewagtere Choreographie einfallen lassen, die sie Kate bisher noch nicht gezeigt hatten. Der Tanz begann ganz gesittet, aber während des Tanzes nahmen die Mädchen die Röcke der langen Kleider ab und tanzten dann in knapperen Weihnachtmann-Kostümen weiter. Diese gingen allerdings immer noch bis zur Mitte des Oberschenkels und die Bewegungen der Mädchen waren im „anständigen“ Bereich, bis auf einen Part.
Sie probten dieses Stück gerade das dritte Mal in der Halle und die Mädchen diskutierten mit Kate, die diesen Teil des Tanzes so nicht akzeptieren wollte.
„Das könnt ihr so nicht lassen. Ihr denkt euch nichts dabei, aber geht mal etwas weiter von der Bühne fort und ich werde es mal tanzen. Dann werdet ihr sehen, was ich meine, denn von Ferne ist der Eindruck ein ganz anderer.“
Die Mädchen stellten sich zehn Meter vor der Bühne auf und Kate gab einen Wink. Die Musik begann von neuem. Kate begann den Tanz vom Anfang weg und kam bald an die besagte Stelle. Die Mädchen schauten entsetzt, denn Miss Flemming hatte Recht. So konnten sie es wirklich unmöglich lassen!
In diesem Moment peitschte eine Stimme durch die Große Halle: „Miss Flemming!“ Kate erstarrte mitten in der Bewegung und die Mädchen fuhren erschrocken herum.
Professor Snape eilte mit großen Schritten näher und zischte die Schülerinnen an: „Verschwindet, aber schnell.“
Das musste er nicht ein zweites Mal sagen. Sie waren schneller fort, als Kate schauen konnte. Sie wartete am Rand der Bühne.
Snape war inzwischen direkt vor ihr und sah wütend hoch zu ihr: „Wie können Sie es wagen“, faucht er sie an. „Was glauben Sie eigentlich, wo wir hier sind? In einem verdammten Nachtclub?
Kate machte den Mund auf, um ihn über seinen Irrtum aufzuklären, aber er ließ sie nicht zu Wort kommen.
„Das sind Schülerinnen und keine Barmädchen. Diese ganze Hopserei ist sowieso lächerlich und zu nichts nütze, aber das geht eindeutig zu weit!“
Er war außer sich und Kate wurde klar, dass er für logische Erklärungen im Moment nicht zugänglich war. Wieder fragte sie sich, warum er immer das Schlimmste von ihr annahm. Er schimpfte immer noch und Kate wurde langsam wütend. Was für ein selbstgefälliger Affe! Er behandelte in den letzten Wochen alle wie den letzten Dreck und jetzt spielte er sich so auf. Was erlaubte er sich nur! Und das vor ihren Schülerinnen, obwohl die sich schlauerweise verdünnisiert hatten. Kate hörte nicht mehr so genau hin, aber einige Worte wie ‚Verantwortungslos‘, ‚Anstand‘ und ‚Sittenverfall‘ drangen durch den Schleier ihrer Wut.
So, er hielt sie also für unfähig!? Er dachte also, dass es ihr an Anstand fehlte? Na, der konnte was erleben.
„Moment“, sagte sie zu ihm und ohne ein weiteres Wort zu ihm zu sagen, drehte sie sich um und ging zur Musikanlage. Sie suchte ein bestimmtes Lied und hatte es schnellgefunden. Ein schneller Blick zeigte ihr, dass sie wirklich alleine in der Großen Halle waren.
Die ersten Töne von ‚Moi Lolita‘ erklangen und sie ging wieder nach vorne zur Bühne und fauchte ihn an: „So, Sie fanden das also ungehörig und unanständig? Dann passen Sie mal gut auf, ob Sie fähig sind, den Unterschied zu erkennen!“
Als die Musik richtig einsetzte, fing sie an zu tanzen. Ihre Wut ließ die Bewegungen um einiges intensiver und sinnlicher ausfallen, als sie normalerweise tanzte. So leidenschaftlich hatte sie noch nie getanzt. Sie bewegte sich aufreizend und jede Drehung war nur dazu gedacht, ihn provozieren. Dabei sah sie ihm immer wieder tief in die Augen und strich mit ihrer Zunge langsam über ihre Lippen. Ihre Hände strichen lasziv im Takt der Musik über ihren Körper und dann kam sie näher an den Rand der Bühne und tanzte direkt vor seinen Augen.
Und dieser Tanz blieb natürlich nicht ohne Wirkung. Snape schaute geschockt zu ihr auf die Bühne hoch und dann bildeten sich rote Flecken auf seinen Wangen. Seine schwarzen Augen loderten nicht nur vor Wut und er ballte seine Hände zu Fäusten. Er hätte den Blick noch nicht einmal abwenden können, wenn es um sein Leben gegangen wäre.
Als das Lied zu Ende ging, kam sie direkt vor ihm in einer anmutigen Pose zum Stehen und beugte sich nah zu seinem Gesicht.
Sie hauchte verführerisch: „Das Professor, das war jetzt wirklich unanständig!“ Dann richtete sie sich stolz auf, sprang von der Bühne und verließ nach einem letzten vernichtenden Blick auf ihn mit erhobenem Kopf die Große Halle.
Snape stand wie erstarrt vor der Bühne und es dauerte eine Weile, bevor er es ihm gelang, sich aus der Erstarrung löste. Dieses Weib! Sie hatte es tatsächlich geschafft, hier stand er und seine Sinne standen in Flammen. Ganz gezielt hatte sie ihn erregt und vorgeführt. Zumindest war Miss Flemming mutig, das musste er ihr zugestehen. Noch niemand hatte sich bisher gewagt, ihn so entschlossen in seine Schranken zu weisen. Er atmete tief durch und drehte auf dem Absatz herum. Auch er verließ die Große Halle, allerdings durch eine Nebentür. Rasch trat er dann durch das Portal hinaus. Jetzt brauchte er erst einmal eine Menge frische und vor allem kalte Luft, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen!
Er lief eine Weile und versuchte, das eben Gesehene aus seinem Gedächtnis zu verbannen. Was ihm natürlich nicht gelang. Dann stand er am Rand des Sees, die Wut und etwas, über das er nicht näher nachdenken wollte, brannten in ihm. Er atmete einige Male tief durch und vor seinem inneren Auge sah er wieder und wieder die letzte Viertelstunde vor sich ablaufen. Er hörte ihre Stimme in seinem Kopf und nach einer Weile legte sich seine Wut. Einige Minuten später verzog sich sein Gesicht und musste einfach lachen.
Diese Frau hatte wirklich Schneid, das musste man ihr lassen! Sie hatte ihn vorgeführt, erregt und im Regen stehen lassen. Ihr war gelungen, was vorher unmöglich schien: sie hatte ihn auf ganzer Linie geschlagen! Er schüttelte amüsiert den Kopf, als er mit seinen Überlegungen an diesem Punkt angekommen war. Wahrscheinlich hatte er es verdient, seine Reaktion war vielleicht wirklich zu heftig gewesen. Sie vor ihren Schülerinnen anzuschreien war nicht sehr professionell gewesen. Aber sie hatte sich gerächt, und wie!
Kate hatte ihre Schülerinnen beruhigen können und die Proben für heute beendet. Da es schon spät war, kehrte Kate bald in ihre Wohnung zurück. Ihre Wangen brannten immer noch, wenn sie an die Szene in der Großen Halle dachte. Was hatte sie nur getan!? Sie würde ihm nie wieder unter die Augen treten können. Niemals in ihrem Leben hatte sie so getanzt, sie war entsetzt über ihren kindischen Trotz. Denn nichts anderes hatte sie dazu getrieben. Und dass ihr Tanz und ihre Bewegungen nicht ohne Wirkung geblieben waren, das war ihm anzusehen gewesen. Sie lehnte von innen an ihrer Badezimmertür und schämte sich zutiefst. Aber sie war so wütend gewesen und er so selbstgefällig. Sie wäre vor Wut zerplatzt, wenn sie sich nicht auf diese Weise Luft verschafft hätte. Gut, dass kein anderer etwas davon mitbekommen hatte. Nur die Vorstellung, dass ihre peinliche Entgleisung bekannt würde, trieb ihr die Röte erneut in die Wangen.
In den nächsten Tagen schaffte sie es wirklich, Snape aus dem Weg zu gehen. Sie verschanzte sich in ihren Klassenräumen und im Tanzsaal. Zu den Mahlzeiten ging sie entweder sehr früh, oder sehr spät. Manchmal ließ sie sich von Winky auch nur ein paar Brote bringen und blieb in ihrem Zimmer.
Dann kam der Abend der Aufführung und ihr blieb nichts anderes übrig, als tief Luft zu holen und den Abend hinter sich zu bringen. Wenigstens sollte es diesmal keinen Tanz geben.
Nach dem Abendessen sollten die Vorführungen beginnen. Als Kate die Große Halle betrat, sah sie, dass alle Schüler und die Lehrer schon ihre Abendkleidung trugen. Auch sie trug ein weites rotes Kleid, das mit weißen Fellbändern gesäumt war. Sie sah aus wie Frau Weihnachtsmann, denn sie trug auch eine Weihnachtsmann-Mütze. Da aber alle älteren Schülerinnen die gleichen Kostüme trugen, fiel sie nicht so auf. Als sie sich dem Lehrertisch näherte, bemerkte sie Professor Snape, der schon auf seinem Platz saß. Zum Glück saß sie fast am anderen Ende der Tafel. Also holte sie tief Luft, senkte den Blick und ging an ihm vorbei. Charity saß schon an ihrem Platz und Kate sank erleichtert neben ihr auf den Stuhl.
„Sie sehen fantastisch aus, Mrs Santa Claus“, scherzte Charity. „Wo ist denn Mr. Claus?“
„Oh, der ist unterwegs und verteilt Geschenke“, antwortete Kate lachend. „Wie immer um diese Jahreszeit!“
Das Abendessen war diesmal nicht so opulent, da alle gespannt auf die Vorführungen waren. So wurde es bald Zeit, aufzustehen und die Tische verschwinden zu lassen. Kate eilte mit allen Beteiligten in den Nebenraum, um die letzten Vorbereitungen zu treffen.
Die meisten Stücke liefen dann auch ohne größere Pannen, und der Abend endete gegen elf Uhr und die Schüler begaben sich in ihre Schlafräume. Bald darauf wurde es still im Schloss, da viele Schüler am nächsten Morgen für die Weihnachtsfeiertage nach Hause reisen würden. Die Zeiten waren so unsicher, dass diesmal mehr Schüler in Hogwarts bleiben würden, als die Jahre davor. Sie hatten mit ihren Eltern beschlossen, dass sie in Hogwarts sicherer sein würden. Einige wenige Lehrer würden verreisen und Kate hatte sich vorgenommen, in der unterrichtsfreien Zeit verschiedene Projekte zu planen und vorzubereiten.
Außerdem würde es am Weihnachtstag eine große Party für alle Dagebliebenen in der Großen Halle geben. Flitwick, Dumbledore und einige andere Lehrer hatte einige Aktivitäten vorbereitet. So würden die Schüler ihre Familien nicht zu sehr vermissen.
Am nächsten Morgen herrschte ein großes Gedränge in der Eingangshalle. Die Schüler wimmelten mit ihrem Gepäck durch das große Portal, dabei verabschiedeten sie sich lauthals von denen, die nicht wegfahren würden. Gepäckstücke gingen verloren und Eulen stießen in ihren Käfigen ohrenbetäubende Schreie aus. Da der Zug pünktlich abfahren würde, eilten sich alle bald wurde es ruhiger. Die übriggebliebenen Schüler zogen sich in ihre Gemeinschaftsräume zurück, da es immer noch sehr kalt war und es in den Gängen empfindlich kühl war. Obwohl im Schloss viele Kamine brannten, wurde es doch nur in den Gemeinschaftsräumen richtig warm.
Kate trainierte eine Weile in ihrem Tanzraum, aber sie war noch ein wenig müde von der Hektik und dem Stress der letzten Wochen, also zog sie sich mit einem Buch in ihr Zimmer zurück. Am späten Nachmittag hatte sie sich mit Minerva und Charity zu einer Tasse Tee bei Minerva verabredet. Leider hatte sie das Buch bald ausgelesen und als sie ihre spärliche Bücherauswahl begutachtete, stellte sie fest, dass sie die schon alle kannte.
Sie seufzte. Sollte sie jetzt in die Bibliothek gehen oder Minerva fragen? Sie schauderte, als sie an die eiskalten Flure und Treppenhäuser dachte. Eine Weile trödelte sie noch in ihrem Zimmer herum und dann gab sie sich einen Ruck. Im Wohnzimmer gab es eine Menge interessanter Bücher und wer sagte denn, dass Professor Snape dort war. Außerdem konnte sie ihm ja nicht ewig aus dem Weg gehen.
Kate zog ihre Strickjacke und die Hausschuhe über und verließ ihr Zimmer. Sie klopfte leise an und öffnete dann vorsichtig die Tür zum Wohnzimmer. Sie hatte Glück, es war niemand da. Schnell schritt sie zum Bücherregal und las dann die Titel auf der Suche nach einem Buch, dass ihr Interesse erregen würde. Doch schon bald war sie in die große Auswahl vertieft, zog immer mal wieder ein Buch heraus, stellte die meisten wieder hinein und behielt drei im Arm.
So hatte sie sich gerade durch vier Fächer gearbeitet, als sich die Tür öffnete und Professor Snape eintrat. Er sah auf, entdeckte sie und nickte kurz. Sie nickte zurück und wendete sich wieder dem Regal zu. Sie würde ihm bestimmt kein Gespräch aufzwingen. Es bereitete ihr schon genug Mühe, nicht wieder rot zu werden. Wenn sie nur daran dachte, was sie da in der Großen Halle angestellt hatte, wäre sie am liebsten im Erdboden versunken. Sie war manchmal wirklich zu kindisch! Was mochte er jetzt nur von ihr denken? Eigentlich hatte sie mit ihrer unbedachten Aktion seine schlechte Meinung über sie nur bestätigt und neue Nahrung gegeben.
Snape war an das andere Regal getreten und suchte ein altes Buch, das er schon längere Zeit nicht mehr benötigt hatte. Außerdem suchte er auch noch die Biographie eines bekannten Heilers, der einen wichtigen Zaubertrank erfunden hatte.
Er war überrascht gewesen, Miss Flemming im Wohnzimmer zu sehen. Seit dieser blamablen Geschichte vor einigen Tagen war sie ihm sichtlich aus dem Weg gegangen. Worüber er mehr als froh war. Denn er hatte keine Ahnung, wie er sich in Zukunft ihr gegenüber verhalten sollte. Es machte ihn sehr unsicher, dass er nie wusste, wie sie reagieren würde. Er hatte keine Ahnung, was er von ihr halten sollte. Und dieser Vorfall war wirklich sehr peinlich gewesen. Auch für ihn. Doppelt und dreifach peinlich, weil ihm ihr Bild und ihr Tanz seitdem überhaupt nicht mehr aus dem Sinn gehen wollte. Wenn er abends die Augen schloss, waren sie schon da und er hatte jetzt jeden Abend lang gearbeitet, damit er müde war. Er versuchte es mit Okklumentik, aber auch das hatte nichts genutzt. Dabei würde er die nächsten Tage seine Sinne wirklich beisammen haben müssen und jede Ablenkung war gefährlich und stellte ein Risiko dar. Und Miss Flemming lenkte ihn ab!
Trotzdem musste er ihr mitteilen, dass er nicht da sein würde. Schließlich hatte ihn Dumbledore damit beauftragt auf sie aufzupassen. Sie verließ sich ein Stück weit darauf.
Jetzt hatte er die beiden Bücher gefunden und drehte sich langsam zu ihr um. Sie stand immer noch vor dem Bücherregal, als würde sie dort höchst interessante Sachen sehen. Es war offensichtlich, dass sie nicht mit ihm reden wollte. Das war nicht sein Problem, schließlich hatte er sich ja nicht höchst kindisch aufgeführt, sondern sie. Und wenn sie jetzt verlegen war und sich schämte, dann hatte sie sich das selbst zuzuschreiben.
„Miss Flemming!“ sagte er lauter als beabsichtigt.
Sie fuhr zusammen und hätte beinahe die Bücher fallen lassen.
Dann drehte sie sich um und blitzte ihn mit zusammen gekniffenen Augen an: „Ja, Professor Snape?“
Dabei zog sie das ‚Professor‘ übertrieben in die Länge. Seine Augen verengten sich und er runzelte die Stirn. Sie sah nicht im Geringsten verlegen oder zerknirscht aus. Im Gegenteil, ihre Augen blitzten angriffslustig.
Snape räusperte sich und meinte dann mit gleichgültiger Stimme: „Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass ich ein paar Tage verreisen werde. Sollten Sie Schutz oder Hilfe brauchen, so wenden Sie sich bitte an die Hauselfen. Soweit ich weiß, ist der Schulleiter auch außer Haus.“
Sie nickte verstehend. Dann fragte sie: „Wie lange werden Sie denn fort sein?“
„Zwei bis drei Tage, vielleicht einer mehr. Das weiß ich noch nicht genau!“ Bei seinen Worten verdüsterte sich sein Gesicht.
Er musste sich beim Dunklen Lord sehen lassen, sonst würde dieser misstrauisch werden. Außerdem wollte Dumbledore wissen, was Voldemort als Nächstes vorhatte. Also lagen wieder einmal anstrengende und gefährliche Tage vor ihm. Tage an denen er jedes Wort genau überlegen musste, jede noch so kleine Information sammeln und auswerten musste. Und das immer im Bewusstsein, dass jeder Moment sein letzter sein konnte, denn er war zwar ein enger Vertrauter des Dunklen Lords, aber wenn er eines in den letzten Jahren gelernt hatte, dann war es, das eine solche Stellung nichts bedeutete, wenn sich den Zorn Voldemorts zuzog. Was leider sehr einfach war. Inzwischen sollte er sich daran gewöhnt haben, aber gerade in den letzten Wochen waren ihm Zweifel an seinen Lebensumständen gekommen. Und das war gefährlich, er konnte keine Ablenkung gebrauchen.
Sie hatte ihn aufmerksam beobachte und dann begriffen, wohin er ging. War sie eben noch froh gewesen, ihn ein paar Tage nicht sehen zu müssen, schlug diese Erleichterung in Besorgnis um. Was mochten diese Aufträge von ihm fordern? Er sah so beherrscht aus. Trotzdem. Welche Willensstärke und welche Entschlossenheit musste er für seine schwierige Aufgabe wohl aufbringen. Schon oft hatte sie sich gefragt, was ihn antreiben mochte. Was war in der Vergangenheit passiert, dass er sich diese Gefahren immer und immer wieder auf sich nahm?
Sie senkte den Blick auf die Bücher in ihrem Arm und sagte auch für sie überraschend leise: „Passen Sie auf sich auf, ja?“
Sein Nicken sah sie nicht, denn schon eilte sie an ihm vorbei zur Tür hinaus.
Erstaunt sah er ihr nach. Sie überraschte ihn immer wieder. Ihre Stimme hatte besorgt geklungen, oder etwa nicht? Fast, als ob sie wirklich meinte, was sie da gesagt hatte.
Er straffte die Schultern und machte sich auf den Weg in sein Zimmer, er musste noch einige Dinge einpacken.
Am Abend trafen sich alle Schüler und Lehrkräfte im hinteren Teil der Großen Halle zu einem gemeinsamen Weihnachtsessen. Es gab nur einen einzigen Tisch und Lehrer und Schüler aßen gemeinsam. Es herrschte sehr ausgelassene Stimmung, Professor Dumbledore war glänzender Laune. Es gab Tischfeuerwerk, nicht die kleinen, die die Muggel hatten, sondern große, die zwanzig Minuten lang Funken, Sterne und Regenbogen bis an die verzauberte Decke warfen. Kate staunte und musste sich einige Male ducken, damit die Sterne sie nicht trafen. Die Hauselfen hatten sich selbst übertroffen, denn es gab unzählige verschiedene Gerichte, die man unmöglich alle probieren konnte. Professor Flitwick hatte die zwölf riesigen Weihnachtbäume um den Tisch herum drapiert, man hatte das Gefühl, in einem Wald zu sitzen. Es gab Punsch, Butterbier, Met und Wein und am Ende des Abends saß Professor McGonagalls Hut schief auf ihrem Kopf und Hagrid sang laute Lieder. Charity und Septima kicherten nur noch albern und flirteten mit Hagrid. Madam Hooch und Professor Sprout hatten mit ihren Zauberstäben kleine Einhörner und andere Märchengestalten auf den Tisch gezaubert, die nun Quidditch miteinander spielten. Kate hatte sich noch nie auf einer Weihnachtsfeier so amüsiert.
Die Schüler waren nach und nach zu Bett gegangen, als auch die Lehrer langsam aufbrachen. Snape und Kate liefen schweigend die vielen Stufen zu den Kerkern hinunter und erreichten den Flur zu ihren Wohnungen.
Als sie den Flur betreten hatten, standen sie ein kurze Zeit unschlüssig herum, dann meinte Kate schließlich: „Frohe Weihnachten, Professor Snape!“
„Ihnen auch eine Frohe Weihnachten, Miss Flemming“, er sah sie kurz an, nickte und verschwand dann durch seine Tür.
Kate lächelte kurz und schloss ihre Tür nachdenklich hinter sich. Was für ein Charmeur! Dann ging sie zu Bett und war dank des Weins, von dem sie drei Gläser getrunken hatte, sofort eingeschlafen.
Severus Snape hatte seine Tasche schon am Nachmittag in den Flur gestellt und wollte gerade in sein Schlafzimmer gehen, als er an der Tür, die zum Wohnzimmer führte, etwas hängen sah.
Er trat näher und sah einen kleinen, roten Weihnachtstrumpf, auf dem sein Name stand. Er blinzelte und sah wieder hin. Er hatte nur ein Glas Wein getrunken, da er in den nächsten Tagen wirklich einen klaren Kopf brauchte. Aber als er wieder hinschaute, hing der Strumpf immer noch da. Er band ihn von der Türklinke ab und sah verwundert auf ihn herab. Es stand „Severus“ darauf, eingestickt mit dunkelgrüner Wolle. Er schaute sich um, aber eigentlich war ihm klar, dass in seiner Wohnung außer ihm niemand war. Er wand sich wieder dem Strumpf zu. Wer mochte ihn an die Tür gehängt haben? Einer der Hauselfen? Sehr unwahrscheinlich! Einer der Kollegen? Eher nicht. Verwundert ging er in sein Schlafzimmer und schloss leise die Tür. Dann setzte er sich in den Sessel am Kamin, dessen Feuer schon fast heruntergebrannt war.
Vorsichtig öffnete Snape den Strumpf und fasste dann hinein. Ein kleines Päckchen war darin. Er zog es heraus. Etwas Weiches, in Weihnachtspapier gehüllt. Es hing ein gefalteter Zettel daran.
Er öffnete ihn und dort stand: „Zum Verleihen“, sonst nichts. Er nahm das kleine Geschenk in die Hand und zögerte kurz. Dann entfernte er das Papier und hielt ein zusammengefaltetes Stück Stoff in der Hand. Er entfaltete es. Einen Moment betrachtete er es stirnrunzelnd, dann erkannte er, es war ein Taschentuch, ebenfalls mit seinem Namen versehen. Die Buchstaben waren mit einem dünnen, cremefarbenen Faden zierlich quer über eine Ecke gestickt worden.
Snape ließ die Hand mit dem Taschentuch in seinen Schoß sinken und starrte versunken und sehr verwundert in die erlöschenden Flammen. Erst als das Feuer verloschen war, stand er langsam auf, entkleidete sich mechanisch und ging zu Bett. Kurz bevor er einschlief, fuhr seine Hand unter sein Kissen und legte das Taschentuch darunter.
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