Auch in den nächsten Tagen ließ Malfoy nicht von mir ab. Jeden Morgen setzte er sich auf den Platz gegenüber von mir, ganz gleich, ob ich extra früh aufstand oder besonders spät dran war. Nicht, dass er das Gespräch gesucht hätte, denn wir schweigen uns stoisch an und langsam beginne ich mich an seine ständige Präsens zu gewöhnen.
„Ehrlich Cissa, ich versteh nicht, warum du ihm immer noch die kalte Schulter zeigst.“, erklärt Liv mir mindestens fünfmal am Tag. „Ihr passt so gut zusammen.“
Meist gehe ich darüber einfach hinweg, anstatt sie zu belehren, dass ich im Gegensatz zu ihm nicht einen dahergelaufenen Aufschneider anbete. Tatsächlich scheinen mittlerweile fast alle Slytherins vom Dunklen-Lord-Fieber infiziert zu sein. Ständig versichern sie sich reihum ihre „rein magische“ Gesinnung, dabei sind einige unter ihnen sogar Halbblüter! Schwachköpfe, die einen Vorwand gefunden haben, Ärger zu machen! Sogar einen Namen haben sich diese Schwachköpfe schon gegeben („die Freiblüter“, ha, ha).
Während also die eine Hälfte der Slytherins lärmend dem dunklen Lord nacheifert, hechelt die andere sabbernd Malfoy hinterher. Da ich beidem lieber entgehen möchte, verbringe ich die meiste Zeit außerhalb des Unterrichts in der Bibliothek. Liv meint schon, ich sei vollkommen lernwütig, doch schließlich muss sie sich nicht mit Runenübersetzungen abplagen, sondern erfindet irgendwelche Traumtagebücher!
„Accio.“, rufe ich bestimmt zum 50. Mal heute. Folgsam fliegt Lombottoms Bleistift in meine Hand.
„Ich glaub, du hast den Dreh jetzt raus.“, stellt dieser leicht genervt fest.
„Zum Glück. In der Theorie ist das ja alles schön und gut aber wenns dann ans Zaubern geht, fehlt oft einfach die Übung.“
„Geht mir genauso.“, stimmt Alice leicht verträumt zu. „Es wäre toll, ein bisschen mehr Routine beim Zaubern zu haben. Oh!“ Schnell rücken wir alle ein Stück weg, denn sie hat mal wieder ihr Tintenfass umgestürzt. Da sich wohl jeder gerade eine ironische Bemerkung verkneift entsteht eine peinliche Stille.
„Wir könnten uns selbst beibringen!“
„Alice, wie soll das denn gehen? Wir sind doch keine Lehrer.“, entgegnet Andromeda kritisch.
„Ich finde sie hat Recht.“, erklärt Franck, „Jeder von uns kann manche Sachen besser als andere. Alice zum Beispiel beherrscht diese verflixten Inanimatus-Beschwörungen. Und über Cissa müsste man schon stolpern, um ihre Desilusionierungszauber aufzuspüren.“
„Also ich weiß nicht...“, druckse ich verlegen. Irgendwie kommt es mir nicht richtig vor. Bella würde an die Decke gehen, wenn sie von derartigen Treffen erfährt. Ich habe nach wie vor das Gefühl, dass sie mir ständig nachspioniert. Andererseits...
„Ach komm schon, Cissa. Auch du musst mal eine Pause machen sonst fressen dich diese Bücher noch irgendwann.“, warnt Longbottom.
„Also wäre das abgemacht.“, sagt Andromeda geschäftsmäßig.
„Geheimtreffen zum Zaubern meinst du?“, fragt Liv mich mit geweiteten Augen.
„Warum geheim? Wir wollen doch nur die Sachen aus dem Unterricht üben.“
Fassungslos schüttelt Liv den Kopf und sieht sich verschwörerisch um. Doch der Gemeinschaftsraum ist menschenleer, immerhin fängt in einer halben Stunde das Quidditchspiel gegen die Hufflepuffs an.
„Mal ehrlich Cissy, wie naiv bist du?“, seufeznd lässt sie sich in einen der Sessel vor dem Kamin fallen. Ich bereue bereits, sie zu den Treffen eingeladen zu haben. Wenn ich ehrlich bin hatte ich nur mein schlechtes Gewissen beruhigen wollen, da ich ihr in letzter Zeit weiß Gott keine gute Freundin gewesen bin.
„Nichts gegen Andromeda und deine Cousine, die beiden sind vielleicht etwas unkonventionell aber sonst in Ordnung. Aber Longbottom? Und die Prewetts, diese ausgekochten Blutverräter sind doch auch gelegentlich mit von der Partie, wenn stimmt, was Lestrange sagt.“
„Was hat der denn damit zu tun?“, frage ich irritiert.
„Er spioniert dir in Bellas Auftrag hinterher.“
„Bitte?“
„Ach, ich glaube er himmelt deine Schwester ziemlich an. Hängt immer am Zipfel ihres Umhangs und buckelt vor ihr mit Freuden.“
„Bella hat diesen Versager auf mich angesetzt?“
„Na offenbar hast dus bisher gar nicht bemerkt.“
Verärgert schaue ich in das prasselnde Feuer. Wie hatte ich nur so naiv sein können? Natürlich hört Bellas Neugierde nicht an den Schlossmauern von Hogwarts auf! Jederzeit könnte sie unseren Eltern schreiben, dass ich mich mit den falschen Leuten abgebe. Vielleicht hatte sie es sogar schon getan, sodass ich jeden Tag mit einem Heuler rechnen konnte.
„Du willst also nicht mitmachen?“, frage ich nocheinmal fast bittend.
„Nein. Und ich rate auch die ausdrücklich davon ab.“
Verzweifelt schüttle ich den Kopf. „Ich will aber.“
Daraufhin müssen wir beide lachen.
„Ach ja: Ich wollte dich übrigens fragen, ob wir nächstes Wochenende nach Hogsmeade gehen. Ich bräuchte einen neuen Federkiel und wollte mich auch mal nach einem Kleid für den Ball umsehen.“, schlägt Liv vor.
„Welcher Ball?“, frage ich perplex.
„Na der Neujahrsball, den deine Eltern veranstalten! Gibt es denn ein anderes großes Tanzereignis an dem wir beide teilnehmen?“
„Aber Liv! Es ist ja nicht mal Halloween und du willst schon nach einem Kleid suchen!“
„Die Malfoys sind auch eingeladen.“, wendet sie ein.
Verächtlich schnaubend winke ich ab. „Auf diesem Fest treibt sich Jahr für Jahr die Mehrheit der magischen Familien herum. Natürlich haben meine Eltern die Malfoys eingeladen. Immerhin haben die erst gerade eine Auszeichnung für dieses Heilmittel bekommen.“
„Na das ist wohl die Gelegenheit, deine zukünftigen Schwiegereltern kennen zu lernen.“
„Liv!“, jetzt muss ich tatsächlich lachen. „Ich werde ganz bestimmt nicht...“
„Oh doch. Lucius hat sich diese Sache in den Kopf gesetzt.“
„Und ich habe mir in den Kopf gesetzt, mich von ihm fernzuhalten.“, wütend verschränke ich die Arme vor der Brust, was in meinem wahrscheinlich eine ziemlich klägliche Erscheinung abgibt. Warum konnte ich nicht etwas weniger zierlich sein?
„Indem du deine Nachmittage zusammen mit ein paar Blutsverrätern in der Bibliothek verbringst?“, unterbricht Liv meine Gedanken. „Erhlich Cissa! Du kannst ihn nicht ewig hinhalten.“
„Ich halte ihn doch gar nicht hin! Ich habe ihm klar und deutlich die Meinung gesagt.“
„Cissa.“, genervt verdreht Liv die Augen. „Du weist, was ich meine. Wenn du nur halbwegs bei Verstand bist wirst du sein Werben um dich annehmen. Du machst dich ja zum Gespött: Seht her! Die spröde Jungfer. Denk doch mal was die Leute sagen würden.“
„Aber ich liebe ihn nicht!“
„Ach Liebe! Ich bitte dich. Lucius ist reinblütig, seine Familie ist steinreich und er sieht auch noch verdammt gut aus! Spätestens, wenn deine Eltern von dieser sich anbahnenden Partie erfahren wirst du da kaum noch rauskommen.“
Ich kann kaum glauben, wie sich dieses verdammte Gespräch entwickelt. Was war schief gelaufen, immerhin war ich bisher die Anständigkeit in Person gewesen! „Langsam versteh ich, warum Andromeda mit Muggeln geht.“, murre ich pikiert.
„Verdammt Cissa! Ich wäre froh, wenn Malfoy mir nachliefe. Wenn du auch nur einmal richtig darüber nachdenkst, kannst du gar nicht anders!“
„Und ob ich das kann.“, schreie ich und springe auf. Wutschnaubend nehme ich die Treppe nach oben in den Schlafsaal.
Schluchzend verkrieche ich mich unter meine Bettdecke. Natürlich meint es Liv nur gut mit mir. Ich habe die Wahl, mich mit Malfoy abzufinden oder eine Menge Ärger zu riskieren. Schon jetzt hatte ich ihn mehrfach vorgeführt!
Doch meine Entscheidung war gefallen: Ich würde Malfoy hinhalten, ob es sich gehörte oder nicht. Was bildet sich dieser eitle Pfau auch ein, mich zu erpressen!
Ungeachtet meiner Gefühlslage beginne ich auf meinen Knien meinen Aufsatz für Geschichte der Zauberei zu schreiben. Wenngleich ich wohl kaum zusammen mit Liv am Wochenende nach Hogsmeade gehen werde, brauche ich doch einige Sachen. Zudem wäre der Ausflug eine willkommene Gelegenheit, meine Sorgen zu vergessen.
Beruhigt durch die Aussicht auf das Wochenende schlafe ich ein.
Die sengenden Strahlen der Sonne tauchen die Welt in grelle Farben. Strahlen hell, sodass es in den Augen beinahe wehtut, spiegelt das Meer das gleißende Licht des Feuerballs. In hellem Rauschen überschlagen sich die Wellen und spülen salziges Wasser in gierigen Zungen über den Strand. Möven kreischen und tauchen im Sturzflug hinab, um zu jagen.
Schweigend schreiten die beiden leuchtenden Schemen an der Wasserlinie entlang. Während die Landschaft an ihnen vorbeizieht neigt sich der Tag allmählich einem golden schimmernden Nachmittag entgegen, ehe rote Bahnen den strahlend blauen Himmel durchziehen und die glühende Flammenscheibe den Horizont berührt.
Als die Gestalten am Rand einer schmalen Landzunge innehalten, kniet die Größere nieder.
„Willst du meine Frau werden?“
Schweigend nimmt das Gegenüber einen schimmernden Ring und steckt ihn an die rechte Hand. Langsam hält die Gestalt die Hand gegen die Sonne und begutachtet den Schmuck, während die Sonne vollends im Meer versinkt.
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
All unsere Freunde fanden es unheimlich, so nahe am Friedhof zu wohnen, doch wir mochten das. Ich habe noch immer viel für Friedhöfe übrig - sie sind eine großartige Fundgrube für Namen.