
von Weltenwandlerin
Am nächsten Morgen wachte Laurie schon recht früh auf und setzte sich vorsichtig in ihrem Bett auf. Der Raum war noch komplett dunkel, nur ein leichtes Dämmerlicht drang durch die hohen Fensterschächte hinein.
Vorsichtig tastete Laurie nach ihrem Zauberstab, den sie vorsorglich auf das kleine Tischchen neben ihrem Bett gelegt hatte und flüsterte „Lumos“.
Dank des kleinen Lichts, welches jetzt an der Spitze des Stabes brannte, schaffte sie es ein paar Kleidungsstücke aus dem Koffer zu ziehen und sich dann auf Zehenspitzen zur Türe aufzumachen.
Ein paar Minuten später wanderte sie etwas ziellos durch die Gänge des Schlosses auf der Suche nach einer Tür, die sie irgendwie ins Freie bringen würde.
Obwohl die Gänge abgesehen von ein paar sporadischen Kerzen noch sehr düster waren, wirkte das ganze Schloss heller und offener auf Laurie, als die Gänge in Durmstrang. Nur war es leider auch verdammt groß! Es verging noch eine geraume Zeit, in der Laurie leider auch keiner Menschenseele begegnete, bis sie schließlich die Tür entdeckte, die sie gesucht hatte.
Zufrieden schlüpfte sie nach draußen und erblickte zum ersten Mal die weitläufigen Ländereien von Hogwarts. Die Sonne ging gerade auf und setzte mit ihren goldroten Strahlen die Spitze der Wälder in Flammen. Es war ein umwerfender Anblick und das Aufstehen hatte sich definitiv gelohnt.
Nach einem prüfenden Blick in die Umgebung lief sie los, in Richtung des großen Sees. Nachdem sie sich in gemütlicherem Tempo aufgewärmt hatte, ließ sie ihre Schritte weiter und schneller werden, bis sie schließlich in recht ansehlicher Geschwindigkeit über das Gras joggte. Sie liebte es zu laufen, wenn ihr Körper seinen Rhythmus gefunden hatte, sich einfach weiterbewegte und die Anstrengung jegliche Gedanken aus ihrem Kopf vertrieb. Sie lief eine große Runde um den See, weiter an einer Hütte vorbei, um nach einer großen Schleife wieder an ihrem Ausgangspunkt am Seeufer anzukommen. Herrliche, zufriedene Leere füllte ihren Kopf und schwer atmend ließ sie sich schließlich ins Gras fallen.
Die Sonne war mittlerweile aufgegangen und spiegelte sich glitzernd im See, während sie sich auf ihre Ellbogen stützte und nachdenklich den Blick über das Gelände schweifen lies.
„Auch schon so früh wach?“, riss sie eine unbekannte Stimme aus den Gedanken. „Du bist doch die Neue, oder?“
Laurie sah sich perplex um. Sie hatte nicht im Geringsten mitbekommen, dass sich noch jemand außer ihr auf dem Gelände befand. Als sie sich umdrehte, entdeckte sie ein Mädchen ihren Alters mit einer herrlichen, rotglänzenden Haarmähne auf sich zukommen.
„Ja, die bin ich", erklärte sie vorsichtig, setzte sich auf und streckte dem unbekannten Rotschopf ihre Hand hin, als diese sich neben sie ins Gras plumpsen lies. „Laurie Huntington“, stellte sie sich noch einmal vor.
„Lily Evans“, stellte sich ihre Gegenüber jetzt vor und lächelte sie vorsichtig an. „Hast du um diese Uhrzeit etwa Sport getrieben?“
„Hab ich!“, bestätigte Laurie, „Ich liebe es zu laufen, wenn die Luft morgens noch so frisch und klar ist.“
Sie wagte einen kleinen Blick in den See, welcher ihr ein leicht verzerrtes Spiegelbild ihres Äußeren gab und bestätigte, was sie vermutet hatte: wie immer nach dem Laufen war ihr Kopf knallrot.
„Und was machst du um diese Uhrzeit hier draußen?“, fragte Laurie dann nach. Das Laufen hatte gut getan und sie erfrischt, die Erschöpfung vom Vorabend war endlich wie weggeblasen, was sich durchaus äußerst positiv auf ihre Laune auswirkte.
Lilys Gesicht verdüsterte sich etwas und sie verdrehte genervt die Augen: „Ich bin vor Potter geflohen. Ich meine… vermutlich kennst du ihn nicht…“
Laurie unterbrach sie mit einem Grinsen und angesichts Lilys ansprechendem Äußeren mit einer Vermutung, in welche Richtung die Geschichte gehen würde: „Falls du einen gewissen James Potter meinst, der mit einem Sirius Black befreundet ist, dann hatte ich schon das Vergnügen“
Lily lachte laut auf und meinte vergnügt: „Hätte ich mir denken können, bei deinem Aussehen. Da musste Black ja aufmerksam werden“
„Ich schätze ich hab es schon wieder geschafft,ihn zu vergraulen“, gab Laurie zu und wusste nicht so recht ob sie wehmütig oder erleichtert schauen sollte. „Und Potter ist also hinter dir her?“
Lily stöhnte auf und nickte: „Schon seit Ewigkeiten. Ich dachte,über die Ferien hätte er vielleicht aufgegeben…Aber stattdessen hab ich ihn gestern noch mit Black darüber reden hören, heut früh vor dem Mädchenschlafsaal zu warten, damit er mich schon vor dem Frühstück abfängt“
Das erklärte also auch ihre frühe Anwesenheit hier draußen, dachte sich Laurie und nickte. Die beiden Frauen grinsten sich verständnisvoll an. Evans war wirklich recht sympathisch, auch wenn sie ihr die Genervtheit über Potter nicht ganz abnahm. So sehr sie sich auch bemühte, ihre grünen Katzenaugen genervt zu verdrehen, ein kleiner Schimmer von… ja was? Neugierde? Zufriedenheit? Interesse? Vielleicht auch von allem etwas, lag doch darin.
„Bist du mit Alabar Evans verwandt?“, fragte sie, als ihr wieder einfiel, woher ihr der Name Evans bekannt vorkam.
Lily zuckte zusammen und ihr Blick wurde abwehrend.
„Ich bin Muggelgeborene“, stellte sie leise klar und senkte den Blick.
„Oh“, stellte Laurie fest und starrte sie einen Moment an. Lily war, um ehrlich zu sein, die erste Muggelgeborene ihres Alters, die Laurie jemals kennenlernte. Weder auf Durmstrang noch in der Nachbarschaft, hatten welche gelebt. Lilys Blick verdüsterte sich weiter, bis Laurie aus ihrer Erstarrung erwachte.
„Na dann sei froh. Der Evans, den ich kenne, ist ein wirklich widerwärtiger Schleimer“, stellte sie trocken fest und damit war das Thema für sie abgehakt.
Die grünen Katzenaugen weiteten sich, als Lily sie überrascht anstarrte. Laurie wollte gerade nachfragen, ob Lily den anderen Evans nicht vielleicht doch kannte und sie ihn gerade unbewusst beleidigt hatte, als die andere wieder lächelte.
„Ja, dann bin ich wohl froh“, meinte sie abwesend.
„Ich sollte mal langsam los und mich duschen, bevor es zum Frühstück geht", stellte Laurie schließlich fest und sprang auf. Lily nickte und lächelte ihr zerstreut zu, während Laurie ihr noch Glück beim Potter-Ausweichen wünschte und dann ging.
Kurz darauf war Laurie wieder in ihrem Zimmer angelangt, denn diesmal hatte sie sich den Weg gemerkt und fast auf Anhieb gefunden. Nach einem Ausflug in die Dusche kam sie sichtlich erfrischt, mit einem großen Handtuchturban auf dem Kopf, wieder in ihrem Zimmer an. Mittlerweile waren auch ihre Zimmergenossinnen wach, denn abgesehen von einem, waren schon wieder alle Betten leer. Auf dem letzten Bett saß noch ein Mädchen und kramte in ihrem großen Koffer nach ein paar Büchern.
„Morgen“, grüßte sie und sah auf, als Laurie eintrat. „Du bist also die Neue. Ich bin Christine Jonston“
Ihre forsche Stimme passte zu ihrem stämmigen, muskulösen Äußeren. Tatsächlich erinnerte Laurie ihr Aussehen sehr an… „Jonston. Du bist nicht zufällig mit David Jonston verwandt, oder?“, fragte sie mit einem verwunderten Stirnrunzeln nach.
„Doch, ist mein großer Bruder. Er hat mir erzählt, du willst bei ihm Quidditch spielen!“, hakte Christine skeptisch nach und sah aus, als hielte sie das Ganze für einen großen Witz.
Laurie zuckte nur desinteressiert mit den Schultern. Ihr Blick war wieder kühl, als sie Christine ansah.
„Allerdings. Was dagegen?“
Christine hatte offenbar alles gefunden, was in ihre Tasche gehörte, denn sie stand auf und nickte Laurie mit einem spöttischen Blick auf deren rotlackierten Nägel noch einmal zu: „Überhaupt nicht… pass nur auf, dass der Wind deine Frisur nicht verweht“
Mit diesen Worten war sie zur Tür raus, bevor Laurie ihren Mund zugeklappt und ihre Erwiderung abgegeben hatte. War schließlich nicht ihr Problem, was diese von ihr dachte. Und apropos Frisur… so langsam wurde es Zeit zum Frühstück und sie beeilte sich ihr Haar schnell trocken zu zaubern, die schwarzbraune Mähne in einen Pferdeschwanz zu zwängen und ihre restlichen Sachen zu packen.
Lily hingegen hatte noch kurz draußen gewartet und sich dann vorsichtig auf den Weg zum Frühstück gemacht. Ein wenig aufgewühlt davon, wie Laurie sie angestarrt hatte, dann jedoch keine negative Bemerkung über ihre Herkunft gemacht hatte. Ein merkwürdiges Mädchen. Dennoch schien sie nett zu sein, trotz der Tatsache, dass sie in Slytherin war. Vielleicht. Die Vergangenheit hatte sie gelehrt, in dieser Hinsicht vorsichtig zu sein . Gerade trat sie aus einem Seitengang und wollte in die große Halle, als hinter einer Statue eine große Silhouette heraussprang.
Erschrocken trat Lily einen Schritt zurück, sodass der Körper nicht in sie hineinprallte. Er war trotzdem nah genug, um seinen Geruch wahrnehmen zu können.
Diese Mischung aus frischem Wind, Wald und würziger Männlichkeit, die sie seit Jahren wie ein Fluch verfolgte.
„POTTER!“
„Guten Morgen, liebste Lily. Wolltest du etwa ohne mich zum Frühstück gehen?“, fragte James gut gelaunt und lächelte sie ungeachtet ihres entsetzten Gesichtes an.
Wie hatte er sie so schnell gefunden? Das fragte sie sich immer wieder. Potter schien immer zu wissen, wo sie sich gerade aufhielt und schaffte es praktisch immer rechtzeitig aufzutauchen. Eine der vielen Tatsachen, die sie auf die Palme brachten.
Sie biss die Zähne zusammen. Nur nicht wieder anfangen zu schreien. Mittlerweile glaubte sie, dass es ihm gefiel, wenn sie ihn wütend anfunkelte. Oder er war Masochist. Oder beides. Jedenfalls war seine haarsträubende Hartnäckigkeit nicht mehr normal. Und irgendwie, wie sie ganz tief im Inneren zugeben musste, auch ein wenig süß. Sicher, er war ein verrückter Stalker und meist auch ziemlich plump in seinen Anmachen. Aber es war irgendwie auch schmeichelhaft. Und er war ein Dummschwätzer. Und arrogant. Und sie sollte besser schleunigst aufhören, über ihn nachzudenken .
„Oh, ich dachte mir schon, dass du mich einholen wirst“, erwiderte Lily jetzt zuckersüß und James, der schon Luft geholt hatte, ließ diese abrupt entweichen, als die Antwort nicht der erwarteten entsprach.
„Stimmt“, meinte James ziemlich schwach und sah sie dann verwirrt an.
Lily zuckte mit den Achseln und ging dann an ihm vorbei. Innerlich zählte sie bis zehn. Sie war bei fünf angelangt, als Potter sich wieder gefangen hatte und ihr hinterher eilte.
Er schwieg, während er neben ihr her zum Frühstückstisch der Gryffindors lief. Ab und zu warf Lily ihm einen skeptischen Blick zu, da sie jederzeit erwartete, wieder einen typischen dummen Kommentar zu hören. Es kam nichts. Als sie bei der Bank angekommen waren und James sich still neben Black fallen ließ, hielt sie das Schweigen nicht mehr aus.
„So still heute?“, fragte sie und drehte nervös an einer Haarsträhne. Weiter vorne sah sie Alice und Jenna sitzen, die sie beide mit aufgerissenen Augen anstarrten.
„Ich wollte den Moment nicht zerstören. Es hat sich beinahe so angefühlt, als würdest du tatsächlich mit mir zum Essen laufen“, meinte James kurz und drehte sich dann zu Sirius. Lily fing einen bösen Blick des selben auf und registrierte nur am Rande, dass Remus wieder einmal fehlte.
Viel mehr beschäftigte sie die Sehnsucht und der Schmerz in James Blick und der vorwurfsvolle Gesichtsausdruck von Sirius.
„Und was meint ihr, wie sich Barnabar, der neue Verteidigungslehrer so machen wird?“, fragte sie, während sie mit etwas Abstand neben James auf die Bank rutschte.
Beiden Jungs fielen beinahe die Augen aus dem Kopf.
„Ähm… gut vielleicht…“, stammelte James und Sirius stieß ihn hart in die Rippen.
„Reiß dich zusammen, Alter“, zischte er ihm ins Ohr und James straffte sich. Er fuhr sich mit einer dieser großspurigen Gesten durch das Haar, die Lily so sehr hasste, doch sie biss die Zähne zusammen und umklammerte nur ihre Teetasse ein wenig fester.
„Er sieht aus wie ein blöder Zwerg“, gab Sirius seinen Kommentar zum Lehrer ab und Lily verdrehte die Augen.
„Sehr qualifizierte Beurteilung.“
„Wir hatten ihn noch nicht, wird schwierig, da viel mehr zu sagen, oder?“, fragte James, der sich offenbar wieder gefangen hatte und Lily betrachtete ihn überrascht.
„Stimmt!“ Wie genau war sie eigentlich auf so einen dämlichen Gesprächseinstieg gekommen?
Trotz der etwas angespannten Stimmung, blieb das Frühstück über ein leicht verkrampftes Gespräch am laufen und Lily, die nicht wusste, was sie von ihrer spontanen Idee halten sollte, entspannte sich langsam.
„Krone, wir müssen noch die Brausebonbons präparieren“, fiel es plötzlich Sirius ein und James nickte langsam. Lily zog misstrauisch ihre Augenbrauen zusammen und fragte dann: „Was genau habt ihr vor?“
„Oh nichts, Evans. Vergiss einfach, was du gehört hast“, meinte Sirius hastig und James rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her.
„Ich warne euch, wenn es schon wieder ein dämlicher Streich ist…“, fing sie an und beide sahen sie unschuldig an.
„Nie.“
„Wie kommst du darauf?“
„Sehen wir etwa so aus?“
„Ich bitte dich“
„Iss nur heute Abend lieber nichts vom Kartoffelpüree.“
„Was war das Letzte?“ Lily hatte ihren Löffel fallen lassen und presste ihre Lippen beinahe McGonagallartig zusammen.
„Ähm...“
„Ihr seid solche Idioten. Untersteht euch, heute Abend irgendetwas zu machen“, fauchte sie.
James grinste sie vergnügt an. „Du weißt natürlich, was du tun musst, um den Streich zu verhindern. Geh einfach mit mir aus, dann bin ich beschäftigt!“
„Träum weiter, Potter“, schüttelte Lily den Kopf und stand auf.
„Das werde ich. Jede Nacht. Und auch jeden Tag. Manchmal ziemlich intensiv“, erklärte er mit einem bösartigen Grinsen und Lily plusterte sich auf.
„DAS WILL ICH NICHT WISSEN!“, schrie sie und verschwand dann mit einem letzten wütenden Funkeln aus der Halle. Dabei hatte sie gerade begonnen zu glauben, dass Potter vielleicht doch nicht der arrogante, widerliche… nun ja, besser gar nicht mehr daran denken!
„Ah… irgendwie hat der Tag erst so richtig begonnen, wenn sie mich das erste Mal angeschrien hat“, seufzte James und lehnte sich zurück. Erneut fuhr er sich gedankenverloren durchs Haar und sah sich um.
„Du bist echt krank“, mischte sich Peter ein .
„Das bist du!“, stimmte Sirius zu. Dann runzelte er die Stirn und wandte sich an Peter. „Du bist noch da? Du warst noch stiller als sonst“
Peter errötete leicht und zuckte mit den Achseln. Sirius folgte seinem Blick. Er blieb auf einem Mädchen aus der fünften Klasse hängen. Es hatte zwei blonde Zöpfe und ein freundliches, rundes Gesicht.
„Wormy. Du wirst endlich ein Mann“, grinste Sirius sehr zufrieden und klopfte ihm auf die Schultern.
„Komm, Tatze. Wir müssen zu Zaubertränke“, sagte James und sprang auf, um ebenfalls einen Blick auf Peters Auserkorene zu werfen. Er nickte dem kleinsten Rumtreiber aufmunternd zu, bevor sie begannen Richtung Ausgang zu gehen.
„Aber es lief doch besser als sonst, oder?“, fragte er dann und Sirius nickte. „Sie hat sich freiwillig zu dir gesetzt und mit dir gesprochen. Du warst ihr so nahe, wie seit der ersten Klasse nicht mehr, oder?“
„Schon“, nickte James und grinste dann plötzlich.
„Schau mal da vorne. Lust auf ein wenig Zauberei am Morgen?“
Sirius folgte seinem ausgestreckten Finger und entdeckte Snape, der gerade von Laurie gefolgt aus der Halle hastete.
„Aber hallo!“
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