
von Lonny_Lovegood
Der Raum der Wünsche war komplett still, als Neville ihn betrat. Eigentlich wollte er vor dem bestehenden Treffen in zwei Stunden nur ein bisschen aufräumen, jedoch war nicht besonders viel zu tun.
Bei Merlin. Er ließ sich in seinen Sessel fallen und schnaufte.
Der Nachmittagsunterricht und die schlaflose Nacht hatten ihn völlig erschöpft. Zwar teilte er sich sein Zimmer nur noch mit Seamus, dieser hatte allerdings immer zu lautstarke Streits mit Lavender – und leider auch eben so lautstarken Versöhnungssex.
Neville hasste Lavenders albernes Kichern mitten in der Nacht, wenn sie glaubte, er würde schlafen. Letzte Nacht mahnte Seamus sie an, still zu sein, wenn sie Neville wecke, wäre sie die erste nackte Frau, die er sehen würde.
Arschloch. Es war ja nicht so, dass Neville keine Freundin haben wollte, ganz und gar nicht. Aber er kannte nun wirklich kein Mädchen, das so etwas wie ihn haben wollte.
„Hey.“
Neville schrak aus seinem Sessel hoch und griff nach seinem Zauberstab.
„Ich bin’s nur.“
Es war Luna, die in seinem Sessel saß, der mit dem Rücken zu Neville stand und sich nun erhob.
„Warum hast du nichts gesagt, als ich den Raum betreten habe? Du hast mich zu Tode erschreckt, Luna!“, polterte Neville los, seine Stimme war eine Spur zu laut und einen Ton zu wütend.
Daraufhin zuckte sie nur mit den Schultern und drehte sich weg.
Mist. Mistmistmist. Er streckte seine Hand aus und wollte ihre Schulter greifen, aber brach die Bewegung abrupt ab.
„Tut mir Leid, Luna. Ich hätte fragen sollen, ob jemand hier ist. Was machst du eigentlich hier?“
Sie sah zu ihm hoch. Erst jetzt fiel ihm auf, wie klein und dünn sie eigentlich war.
„Ich habe nachgedacht“, antwortete sie schlicht. „Hast du vor, hier zu bleiben?“
Er wusste nicht, ob in dieser Frage wirklich die Aufforderung mitschwang, dass er gehen sollte.
„I-ich weiß nicht. Möchtest du, dass ich gehe?“
„Offen gesagt ist mir das gleichgültig“, gab sie zurück und ging zurück zu ihrem Sessel. „Aber wenn du willst, kannst du dich zu mir setzen.“
„O-okay.“
Sie nahmen in zwei gegenüberstehenden Sesseln Platz. Irgendwie war es Neville unbehaglich.
„Warum machst du das immer?“, fragte sie plötzlich frei heraus.
„Was?!“
„Das mit deinen Nägeln. Du kaust ständig an ihnen, wenn du mit manchen Menschen sprichst. Mir ist das aufgefallen.“
Fuck. Er sah zu seinen Händen herunter, warum musste er seine Nägel auch immer komplett abkauen, wenn er nervös war? Warum fiel ihr das auf? Und warum zur Hölle achtete sie darauf?“
„E-echt?“, stammelte er.
Darauf erwiderte sie nur einen ausdruckslosen Blick, anscheinend sah sie keinen Sinn in seiner Art, zu kommunizieren.
Es gab eine Pause in ihrem Gespräch, wenn man es Gespräch nennen wollte, und Neville war drauf und dran, sofort aus dem Raum zu stürmen.
„Beschäftigst du dich mit den Menschen, Neville?“
„Wie bitte?!“
In Ordnung, er musste sich definitiv einen Fluchtplan überlegen.
„Mit den…du weißt schon. Mit den Muggeln. Mit ihrer Kultur, ihrer Musik, ihrer Literatur. Ist es nicht schade, dass unsere Welt so getrennt von ihrer ist? Siehst du das nicht auch so?“
„Äh…j-ja…natürlich.“
Von was zur Hölle sprach sie da? Sie befanden sich in einem Krieg, das war der Mittelpunkt seines momentanen Lebens, der Widerstand von Hogwarts aus, und sie faselte von so was.
„Ich könnte mir gut vorstellen, in der Welt der Menschen zu leben, fern von alldem. Ich glaube, eigentlich verpassen wir trotz unserer Kräfte mehr, als wir glauben.“
„Und ich glaube, du verpasst etwas, wenn du hier in deinem Sessel sitzt und dich vor der Welt versteckst.“
Oh…Neville war sich nicht sicher, ob er das wirklich gesagt hatte. Scheiße. Er war nie schlagfertig gesehen, aber in letzter Zeit rutschten ihm öfter die Dinge raus, die er über seine Mitmenschen wirklich dachte. Eigentlich störte es ihn nicht besonders, er war ein bisschen stolz darauf, seine eigene Meinung ehrlich zu vertreten, aber jetzt tat es ihm leid.
Luna reagiert mit einem Lächeln.
„Das ist jetzt ein bisschen gruselig“, flüsterte er, worauf sie lachte.
„Neville, mir wurde schon alles Mögliche an den Kopf geworfen, da macht es mich nicht fertig, wenn du mir vorwirfst, ein Stubenhocker zu sein. Da steckt die Beleidigung doch noch in den Kinderschuhen.“
Darauf wusste er nichts mehr zu sagen. Eigentlich kannte er Luna nicht besonders gut, er sah sie oft, aber er wusste nichts von ihr selbst. Hätte er die wesentlichsten Eigenschaften Luna Lovegoods beschreiben müssen, wären ihm vielleicht ihre Radieschenohrringe eingefallen.
„Entschuldige“, flüsterte er.
„Wofür?“
Verdutzt blickte er zurück. Er war es gewöhnt, ständig in Fettnäpfchen zu treten und sich zu entschuldigen, aber sie verwirrte ihn noch viel mehr.
„Ich meine…entschuldige dafür, dass ich dachte, das würde dich belei- … ach, weißt du was, vergiss es.“
Nun war er aufgesprungen und war wirklich fest entschlossen, zu gehen. Das war zu schräg, und überhaupt, es war schließlich Luna Lovegood, er hatte keine Ahnung, was er gerade tat. Und sowieso wollte er noch duschen und was hätte es für einen Sinn, diese Konservation fortzuführen?
„Ich muss gehen“, gab er ihr knapp zu verstehen und stürmte zur Tür.
Und er kniff, als er die Klinke herunterdrückte. Eigentlich mochte er sie, und einfach so zu gehen, würde ihrer Freundschaft einen Knacks geben.
„Bist du immer um diese Zeit hier…zum Nachdenken?“, fragte er, drehte sich aber nur kurz zu ihr um, ohne ihr in die Augen sehen zu können.
Sie nickte und lächelte.
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