
von Rove Nox
„Woher kommt sie eigentlich?“, fragte Ron eines Abends Hermine, während sie an einem üblen Aufsatz von Snape saßen. Hermine hob den Kopf und blinzelte verwirrt, bis sie seine Geste in Richtung Pauline Perretts verstanden hatte.
„Aus der Schweiz.“ Sie senkte den Kopf wieder.
„Und warum ist sie dann nicht dort geblieben?“, fuhr er störrisch fort und musterte die Neue, die sich in einer anderen Ecke des Gemeinschaftsraumes über eine nicht enden wollende Rolle Pergament beugte.
„Warum fragst du sie denn nicht einfach selbst?“, zischte Hermine und warf ihm einen bösen Blick zu, bevor sie entschlossen ihre Feder wieder aufs Pergament setzte.
„Weil sie seltsam ist...“, murmelte Ron und schielte nach Harry, der an der Mannschaftsaufstellung für das erste Quidditch-Spiel knobelte. Als er Rons Blick auffing, zuckte er nur kurz mit den Schultern. Pauline Perrett war seltsam – aber nicht seltsamer als jeder neue Schüler, der zu spät auf eine neue Schule wechselte. Sie war größer als die meisten Mädchen ihres Alters, ihre Kleider waren alle neu und ihr Zauberstab glänzte noch, als hätte sie ihn erst gestern bei Ollivander’s gekauft. Selbst ihr Kessel für Zaubertränke schien nie zuvor benutzt worden zu sein. Zaubertränke und Verteidigung gegen die Dunklen Künste schienen zu ihren schlechtesten Fächern zu gehören, auch wenn er nicht wusste, wie sie in Wahrsagen abschnitt. Astronomie dagegen schien ihr zu liegen, jedenfalls fiel sie dort nicht so auf wie in Zauberkunst, wo sie Seamus Rolle als Überraschungskünstler übernommen hatte.
Harry ärgerte sich, dass sein Freund es nun doch geschafft hatte, ihn abzulenken. Er warf abermals einen Blick hinüber zu Pauline und zuckte zusammen, als er sah, dass sich auf ihrem Papier ein handtellergroßer Fleck Tinte ausgebreitet hatte. Sie starrte in die leise flackernden Flammen des großen Kamins ohne auf die Tinte auf ihrem Papier zu achten, einen Ausdruck blanken Grauens in den dunklen Augen. Ihr Mund öffnete sich plötzlich und durch ihren Körper ging ein Ruck – dann fiel ihr Blick auf den Tintenfleck, der sich gerade ihren Aufsatz einverleibte.
„Was hat sie denn?“, murmelte Ron, während Pauline zögernd ihren Zauberstab hob.
„Ich mach das!“ Hermine war aufgesprungen und hastete durch den fast leeren Gemeinschaftsraum zu Pauline. Sie alle hatten deren zweifelhafte Künste in Flitwicks Unterricht vor Augen.
Hermine sog die Tinte langsam auf, bis nur noch Paulines klare Schrift auf dem Aufsatz zu lesen war.
„Danke“, murmelte Pauline schließlich, als ihr Pergament trocken war. Dann stand sie rasch auf, raffte die Rolle zusammen, packte ihre Bücher in ihre Tasche und verschwand die Treppe nach oben in den Schlafsaal der Mädchen. Als der letzte Zipfel ihres Umhangs verschwunden war, saß Hermine wieder neben Ron und beugte sich über ihren Aufsatz.
„Sie hat nachts manchmal Albträume“, nuschelte sie noch, bevor sie wieder völlig in ihrer Arbeit versank.
„Albträume“ formulierte Ron mit den Lippen, bevor er gebieterisch einen Punkt hinter seinen letzten Satz setzte und dann ebenfalls beschloss, sich hinzulegen.
Am nächsten Tag kamen Hermine und Pauline gemeinsam zum Frühstück hinunter und weder Harry noch Ron konnten die blauen Ringe unter Paulines Augen ignorieren. Sie erwiderte ihren morgendlichen Gruß kaum und schien immer kleiner zu werden, als sie sich später dem Flitwicks Klassenzimmer näherten.
Professor Flitwick erklärte ihnen kurz die Theorie des Heraufbeschwörens von Wasser, dann ging er zur Praxis über. Harry registrierte Paulines Blick, die ihren Zauberstab musterte als wäre er ein beißender Bowtruckle. Es dauerte auch nicht lange, bis sie es geschafft hatte, statt Wasser heraufzubeschwören, ihre eigenen langen Haare in Brand zu setzen. Hermine reagierte wieder geistesgegenwärtig und sog die Flammen ab, zurück blieben eine faszinierte Klasse, der beißende Gestank verbrannten Haares und ein besorgter Professor Flitwick, der Paulines Knie tätschelte und ihr riet, es noch einmal zu versuchen. Sie starrte wie betäubt ihre angekohlten Haarsträhnen an, für einen Moment glaubte Harry sogar, in ihren Fingern blaue Funken fliegen zu sehen, aber dann fiel ihre Hand herab und sie zischte Flitwick an: „Damit das ganze Klassenzimmer in die Luft fliegt, Professor?“
Damit stand sie auf, zwang Flitwick, sich rasch zurückzuziehen, wischte ihre Notizen in ihre Tasche und ging mit langen Schritten nach draußen.
„Wow“, machte Ron beeindruckt. „Wenn Fred und George sich so aufregen würden, wenn einer ihrer Zaubersprüche schief ging, wären sie ständig nur damit beschäftig, aus Zimmern zu rauschen“. Flitwick machte dem Getuschel ein Ende, in dem er sie zum Üben aufrief und dann das Zimmer ebenfalls verließ.
„Aber ernsthaft“, griff Ron das Thema nach der Stunde wieder auf, „so hätte sie nicht reagieren brauchen, oder? Jeder von uns, außer dir, Hermine, hat sich schon mal Fehler geleistet. Erinnert ihr euch noch daran, dass Neville seine Ohren mal auf diesen Kaktus verpflanzt hat? Das war echt gut.“ Er gluckste noch während Hermine ihm bereits antwortete.
„Ja. Es war schon ein bisschen übertrieben. Sie ist diese Nacht wieder schreiend aufgewacht und hat danach, glaube ich, überhaupt nicht mehr geschlafen. Vielleicht ist sie einfach nur gereizt.“
„Hast du ihr geraten, zu Madam Pomfrey zu gehen?“, fragte Harry.
„Lavender hat es ihr gesagt. Aber gegen manche Schmerzen hilft Medizin nicht.“
„Mark hat Pauline aus Dumbledores Büro kommen sehen. Zusammen mit Flitwick“, erzählte Ginny ihnen abends im Gemeinschaftsraum. „Er dachte erst, sie würde der Schule verwiesen werden, weil sie geweint hatte.“
„Wo ist sie jetzt?“, fragte Ron und sah sich um.
„Sie schläft oben“, erklärte Hermine, dann beugte sie sich eifrig vor. „Ich war heute in der Mittagspause in der Bibliothek“, Ron und Harry warfen sich einen bedeutsamen Blick zu, „und ratet was ich herausgefunden habe.“
„Es gibt einen Pokal für Leute die jeden Tag mindestens dreimal in die Bibliothek gehen?“
„Nein, Ron. Aber einen für mindestens dreihundert dumme Bemerkungen am Tag. Wollt ihr es wissen oder nicht?“
„Ja, ganz dringend sogar, Hermine“, murmelte Ginny und deutete Harry gegenüber ein Augenzwinkern an.
„Es gibt gar keine Zauberschule in der Schweiz. Ich hatte es schon, als sie es zum ersten Mal gesagt hat, komisch gefunden, wollte aber nochmal nachschauen. Die letzte Schule in der Schweiz musste 1537 schließen, weil eine Horde Alp-Bergtrolle die Schule belagerte."
„Das heißt, sie hat gelogen?“ fragte Harry und dachte an Paulines abweisende Reaktion bei Fragen nach ihrer Herkunft.
„Was ist, wenn sie eine Spionin von Du-Weißt-Schon-Wem ist?“, warf Ron fast zeitgleich ein.
„Wie schnell du mit solchen Anschuldigungen bist, Ronald Weasley“, murmelte Hermine und auch Ginny schüttelte den Kopf. „Und außerdem, sie wäre eine ziemlich schlechte Spionin, wenn sie derart Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde.“
„Es könnte Teil ihrer Tarnung sein. Harry, du hast die Karte des Rumtreibers. Du könntest sie ja hin und wieder überprüfen? Was sie nach dem Unterricht macht und nicht im Schloss ist oder so...“
„Es ist ein bisschen gemein, jemandem nachzuspionieren, der einem nichts getan hat, findest du nicht?“
„Ach, Hermine, das hat uns ja noch nie abgehalten, nicht wahr, Harry?“ Harry, mit den Gedanken beim nächsten Quidditch-Spiel, nickte nur.
Pauline löste sich aus der Gruppe Schüler, die aus der Großen Halle strömte, und lief die Treppen nach oben. Ihre anfängliche Desorientierung in dem riesenhaften Schloss war verschwunden und neben ihrer Erinnerung konnte sie sich auch an den Energieströmen orientieren, die manche der Gänge und Treppen markierten. Eines der stärksten Energiezentren war ihr Ziel.
Hoffentlich war es heute nicht verschlossen, denn nach dem Albus Dumbledore sie gebannt hatte, brauchte sie den Raum. Nur, manchmal war der Raum einfach nicht zu öffnen, als wäre er in Betrieb. Dann war sie davor herum getigert und hatte gewartet, schließlich frustriert aufgegeben und war später wieder gekommen. Ohne den Raum wäre sie bereits verloren.
Heute hatte sie jedoch sofort Glück. Nachdem sie dreimal vor der Wand auf und ab gegangen war, bildete sich sanft eine einfache Holzpforte. Sie schob sie nach innen auf und hörte die Last, die ihr von den Schultern polterte, beinahe wirklich. Mit einem leisen Klick schloss sie die Tür und hängte ihren Umhang an den Kleiderhaken seitlich der Tür. Dann zog sie ihren Zauberstab aus der Tasche und ließ ihn in dem Umhang verschwinden. Schließlich trat sie in die Mitte des Raumes, wo auf einem steinernen Podest eine Kugel glühte. Irisierend und ebenmäßig geformt war sie das Innbild reiner Magie. Der Magie, die das Schloss vom Grundstock bis unter die Dachsparren erfüllte, die Rüstungen zum Leben erwachen und die gemalten Figuren wandern ließ. Der Magie, die das Schloss vor neugierigen Augen schützte und auch Voldemorts Todesser draußen hielt. Der Magie, die auch in ihren Venen pulsierte und nach Entfaltung verlangte. Denn Pauline Perret war keine Hexe.
Sie krempelte ihre Ärmel hoch und hob die Hände zu der Kugel. Ihre Handflächen begannen zu glühen, blau wie die Farbe reiner Magie. Sie konzentrierte sich und machte sich auf die Schmerzen gefasst, die mit der Berührung verbunden sein würden – und zischte dennoch auf, als ihre Handflächen den Energieball berührten.
Wie heißes Metall brannte sich die Energie in ihre Handflächen und wurde noch heißer als sie ihre Magie aus sich heraus in den Ball strömen ließ. Zwar ließ gleichzeitig der Druck hinter ihren Augen nach und sie konnte freier atmen – allerdings nur, um die Luft vor Schmerzen keuchend auszustoßen.
Schließlich riss sie die Hände los, presste sie in die Seiten und taumelte auf das Lager aus weichen Matratzen und Kissen zu. Der Raum der Wünsche hatte sie heraufbeschworen, nachdem sie zum ersten Mal hier gewesen war und sich vor Schmerzen halb betäubt auf dem rauen Steinboden zusammengerollt hatte.
Sie sank auf das Lager und schloss die Augen, die brennenden Handflächen ineinander gekrallt.
Halb widerwillig, halb auf sein Versprechen achtend, suchte Harry Potter auf der Karte des Rumtreibers im Licht seines Zauberstabs nach Pauline Perret und konnte sie nicht finden.
„Ron!“, zischte er in den dunklen Schlafsaal hinein.
„Waddu?“, murmelte der schließlich und vor dem helleren Umriss eines Fensters tauchte sein verstrubbelter Kopf auf.
„Pauline ist nicht da.“
„Natürlich nicht. Wir sind im Jungsschlafsaal“, erklärte Ron, sah sich aber dennoch um.
„Auf der Karte meine ich.“
„Ahja?“ Ron schwang sich aus dem Bett und taumelte zu Harry. Gemeinsam suchten sie unter seinem Zauberstab noch einmal die Karte ab, aber Pauline blieb tatsächlich verschwunden.
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel