
von Hairy Otter
Wenn jemand unentschlossen wirkte, dann war es Rimière, dachte Hermine und befürchtete schon, er habe es sich anders überlegt. Er stand nun schon mehrere Minuten am Fenster und starrte schweigend auf die Rue de Laverne.
„Keine Sorge,“ kicherte Loki. „Das ist normal. Er hat sich nur allzu sehr an die Unsterblichkeit gewöhnt. Wie jeder meiner vorherigen Meister.“
„Einhundert und elf Jahre,“ sagte Rimière schließlich mit einem schweren Seufzer, noch immer von den beiden abgewandt. „Nicht nur einmal habe ich während dieser Zeit den Tod herbeigesehnt, und doch jagt mir der Gedanke, einfach sterben zu können, eine gewaltige Angst ein.
Wie lange freue ich mich schon darauf endlich all die Bücher verfassen zu können, die quasi druckreif in meinem Kopf warten niedergeschrieben zu werden. Alles was ich dazu brauche ist ein wenig Ruhe; Urlaub von diesem Quälgeist. Doch welch Ironie, sollte mir etwas zustoßen. Ich könnte von einem Blitz erschlagen werden... ein Kessel könnte mir auf den Kopf fallen.“
„Sie werden nicht einfach sterben,“ sagte Hermine irritiert. „Die meisten Menschen sind nicht unsterblich und kommen trotzdem ganz gut zurecht.“
„Natürlich,“ sagte Rimière mit einem hohlen Lachen. „Glauben sie mir, ich hatte mich mit dem Gedanken, längst abgefunden. Doch jetzt, da es soweit ist... geben Sie mir noch ein Paar Minuten... Hat sie das Buch tatsächlich vollständig gelesen, Loki? Kennt sie alle Bedingungen des Kontraktes?“
„Selbstverständlich, unsere Kleine hier ist ein wahres Muster an Gewissenhaftigkeit,“ sagte der Dschinn und wuschelte mit einer Hand durch Hermines Mähne. Diese zuckte bei der Berührung unwillkürlich zusammen, da es sich anfühlte als würde Loki winzige Stromstöße durch ihren Körper jagen.
„Nun denn,“ sagte Rimière schließlich und atmete tief durch. „Wozu warten? Bringen wir es hinter uns. Haben sie das Buch mitgebracht, Miss Granger?“
„Sicher,“ sagte Hermine aufgewühlt und sprang hastig auf um sich aus Lokis Griff zu befreien. Sie musste nicht lange blättern um die Anleitung für das Ritual zu finden, welches im Großen und Ganzen nicht besonders kompliziert war.
„Wärst du so freundlich und hältst das für uns?“ sagte Rimière an Loki gewandt, der sich einverstanden erklärte und Hermine das Buch abnahm. Hermine und Rimière stellten sich daraufhin einander gegenüber und umfassten mit der rechten Hand den Unterarm des anderen, während sie die Zauberstäbe in ihrer Linken mit der Spitze aneinander hielten.
Loki hielt die aufgeschlagene Seite Rimière vor die Nase, der daraufhin mit einem leichten Singsang begann, einen vierzeiligen Text in einer Hermine unbekannten Sprache vorzutragen. Das Buch gab keinerlei Hinweise auf die Bedeutung dieser Verse, noch nicht einmal um welche Sprache es sich dabei handelte.
Noch während Rimière sprach, glühten goldene Linien auf seinem Arm auf, die sich langsam schlängelnd auf seinem Unterarm ausbreiteten und sich allmählich Hermines Fingerspitzen näherten. Als er seinen Gesang beendete war sein Arm und seine Hand mit einem leuchtenden Muster dieser feinen Linien übersät. Wortlos wandte Loki sich mit dem Buch an Hermine, deren Herz förmlich raste. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass die Verse als Gesang vorzutragen waren.
Was passierte, wenn sie einen Fehler machte? Sie sah unsicher von Rimière zu Loki, die sie beide erwartungsvoll anstarrten. In diesem Stadium des Rituals war es verboten ein Wort zu sagen, das von dem Ritual abwich, für Fragen war es daher zu spät. Sie schluckte schwer und begann mit hoher dünner Stimme zu singen:
„Hor ma-kun-tar sink pen-nen-to ak tim-pen-to kul nar vash...“
Loki presste die Lippen zusammen um angesichts Hermines erbärmlichem Gesangstalent nicht lauthals zu lachen.
„...hor min-ta-bar pes-tun-ta-bel bash mi-ner-dom ak-tal ven...“
Die Zeichnungen auf Rimières Arm krochen nun langsam auf Hermines Finger hinüber, doch bekam diese in ihrer Konzentration nichts davon mit.
„...kart se-lech-tar mash tim-pen-tar ak min-er-dar bon-tar bash...
...sor-tim bal-lear tol ma-kun-tar sor-tim nech-tet vol-tar ben.“
„Das war ja scheußlich!“ prustete der Dschinn und klappte das Buch zu.
Als Hermine hinab auf ihren Arm blickte, konnte gerade noch beobachten, wie die Linien, welche nunmehr anstatt Rimières den ihren überzogen, in die Haut einsickerten, wo sie noch schwach weiter leuchteten bis sie schließlich vollständig verschwanden.
„Glauben Sie es hat funktioniert?“ fragte Hermine mit erröteten Wangen, da sie von ihrer Darbietung genauso viel hielt wie Loki.
Rimière lies ihren Arm los, steckte seinen Stab in die Hintertasche seiner Hose und zog aus der Vordertasche ein Klappmesser hervor.
„Es gibt einen simplen Weg das herauszufinden,“ sagte er und schnitt sich, ohne zu zögern, in den Daumen.
Hermine überkam ein leichtes Gefühl der Übelkeit als sie das Blut aus der Wunde quellen sah und wandte ihren Blick ab.
„Es hat wohl funktioniert,“ sagte Rimière, als das Blut nach einigen Sekunden noch immer unablässig an seiner Hand herab lief und auf den Parkettboden tropfte. Seine Hand meidend schaute Hermine vorsichtig zu Loki hinüber und erschrak als sie das sonst hübsche Gesicht zu einer gierigen Fratze verzehrt sah, den Blick auf die Klinge in Rimières Hand geheftet, welche in ihre Richtung zeigte.
Als dieser mit einem seltsam nachdenklichen Blick zu ihr auf sah, bekam sie es mit der Angst zu tun und wich einige Schritte zurück, ihren Stab auf Rimière richtend. Sie wusste, dass der Dschinn ihr nichts anhaben konnte, allerdings war sie sich nicht so sicher ob er Rimière nicht benutzen konnte um sie zu töten.
„Mein Erster Wunsch!“ rief sie mit zittriger Stimme und wiederholte die Worte aus dem Buch. „Ich wünsche mir, dass meine Seele untrennbar an diesen meinen Körper gebunden sei, welcher sich durch stete Erneuerung jeglichem Schaden widerstehen soll, sei es durch Gewalt, Krankheit oder natürlichem Zerfall!“
Nichts geschah. Panisch starrte sie auf Rimière und Loki, die sie mit einem belustigtem Blick musterten.
„Es funktioniert nicht!“ schrie sie.
Loki grunzte abfällig. „So sei es!“ sagte er mit einer theatralischen Handbewegung. „Zufrieden? Gewöhne dich schon mal daran; Spezialeffekte wird es bei meiner Magie nicht geben. Funken und derlei Tand kosten extra.“
„Haben Sie etwa geglaubt ich wolle Sie erstechen, solange sie noch sterblich sind?“ fragte Rimière schmunzelnd.
„Ich dachte...“ stammelte Hermine verlegen, der angesichts Lokis breitem Grinsen klar wurde, dass sie veräppelt worden war. Zumindest hoffte sie es.
Rimière trat an Hermine heran und reichte ihr das Messer, dann zog er seinen Stab und heilte seinen blutenden Daumen mit einem gemurmelten Zauberspruch.
„Na los, überzeugen Sie sich selbst!“ sagte er daraufhin, als Hermine unschlüssig auf das Messer in ihrer Hand starrte. Sie hielt die Klinge wie Rimière zuvor an ihren Daumen, überlegte es sich dann doch anders, da es kaum etwas gab, dass sie mehr hasste als sich die Finger zu verletzen, und setzte die Schneide auf ihrem Unterarm.
„Nur keine Angst, es kann nichts Schlimmes passieren,“ sagte Rimière ermunternd.
In Erwartung des Schmerzes biss sie die Zähne zusammen und ließ das scharfe Metall mit einer schnellen Bewegung durch ihre Haut gleiten. Der Schmerz setzte unverzüglich und wie erwartet ein. Scharf nach Luft schnappend ließ sie das Messer fallen und war schon instinktiv in Begriff ihren Arm zu umfassen um die Blutung zu stoppen, als sie die vermutlich außergewöhnlichste Beobachtung ihres Lebens machte.
Das Blut, das gerade noch aus ihren Adern gesickert war und den Boden sprenkelte, entschied sich um und flog wieder zu seinem Ursprung zurück als hätte Hermine einen Zeitumkehrer benutzt. Als der letzte Tropfen brav zurück in die Wunde floss verschloss diese sich ohne auch nur die leiseste Spur einer Narbe zu hinterlassen. Auch der Schmerz, den sie Momente zuvor verspürt hatte war vollständig verflogen.
„Wow!“ war alles, das sie dazu sagen konnte.
Sie bestaunte ihren Arm und beachtete darüber Rimière nicht, der sich bückte und das Messer vom Boden aufhob. Als seine große Hand ihre Schulter umfasste sah sie überrascht auf nur um sich im nächsten Moment vor Schock und Schmerz zu krümmen.
Rimières Faust, welche das Messer umschlossen hielt, hatte sich in ihren Unterleib gerammt und sie spürte den kalten scharfen Gegenstand um den sich jeder Muskel ihres Körpers spastisch verkrampfte, was den Schmerz noch vergrößerte. Sie wollte Schreien doch auch ihr Kiefer war wie erstarrt, daher entwich ihr unter panischem Schnaufen nur ein durchdringend quietschender Laut. Seine ruhigen Gesichtszüge verschwammen als ihr Bewusstsein zu schwinden drohte und so krallte sie sich vergeblich an seinem Hemd fest bis ihr schließlich die Beine versagten und sie zu Boden sackte. Das johlende Lachen des Dschinns rang noch in ihren Ohren als sie ohnmächtig zusammenbrach.
Wenige Augenblicke später erwachte sie mit einem Satz und fasste sich unwillkürlich an die Stelle, wo die Klinge bis eben noch gesteckt hatte. Kein Messer, kein Schmerz, sondern lediglich ein kleiner Riss in ihrem makellos sauberen T-Shirt bezeugte was ihr soeben widerfahren war. Zornig fuhr sie herum und funkelte Rimière an, der noch immer vor ihr stand und ihr die Hand reichte um ihr auf die Beine zu helfen. Sie schlug die Hand beiseite und stand problemlos aus eigener Kraft auf.
„Was sollte das denn?“ brüllte sie Rimière an. „Das war völlig unnötig.“
„Voll psycho!“ sagte Loki, wiehernd vor Lachen.
„Oh nein, das war es nicht,“ entgegnete Rimière gelassen. „Dies war Ihre wichtigste Lektion zur Unsterblichkeit.“
„Ich habe wohl verstanden, dass ich nicht sterben kann!“
„Es war die Lektion des Schmerzes und ich bitte Sie, diese Erfahrung nie zu vergessen. Avada Kedavra, der gefürchtetste aller Flüche kann Ihnen nichts anhaben; Sie würden ihn nicht einmal spüren. Das macht Sie jedoch beileibe nicht unbesiegbar. Es gibt Flüche, die Menschen auf bestialische Weise umbringen können.
Ich könnte ihren Körper zerfetzen nur um zu beobachten, wie er sich wieder zusammenfügt, doch die Schmerzen allein wären genug um einen Menschen zu töten. Halten Sie sich besonders vor dem Cruciatus-Fluch in Acht; sie wären nicht das erste Opfer, welches durch das erlittene seelische Trauma den Verstand verliert. Iocaster der Grobe, sitzt nun seit über eintausend und zweihundert Jahren sabbernd in seiner Zelle in Nurmengard und erkennt noch nicht einmal seinen eigenen Namen.
Vermutlich ist es in seinem Fall das Beste für alle, zumal sein Dschinn nie wieder Unheil stiften kann, doch möchte ich vermeiden, dass Sie sein Schicksal teilen, welches ich für weitaus schlimmer halte als den Tod.“
„Das hätte ich auch ohne Messer im Bauch begriffen,“ maulte Hermine, doch musste sie zugeben, dass Rimières warnende Worte nicht unberechtigt waren. Sie hatte den Cruciatus-Fluch nicht bedacht.
„Selbstverständlich hätten Sie es begriffen,“ sagte Rimière. „Aber Unsterblichkeit macht unvorsichtig. Man beginnt den Schmerz zu missachten wenn er nicht länger mit Gefahr der Verletzung verbunden ist. Die Unsterblichkeit gilt vor allem dem Überleben, nicht der Überlegenheit im Kampf, also suchen Sie ihn nicht leichtfertig.“
„Das hatte ich nicht vor,“ sagte Hermine, die noch immer nicht bereit war, die Messerattacke zu verzeihen. „An Unsterblichkeit war ich von Anfang an nicht wirklich interessiert. Ich will nur Lokis Wissen. Wenn Sie noch mehr Lektionen dieser Art parat haben, dann sagen Sie es bitte im Voraus!“
„Dann wäre es wohl an der Zeit für Ihren zweiten Wunsch?“ sagte er von ihrer Feindseligkeit ungerührt.
Hermines stimmte zu, doch vor allem weil sie Rimière satt hatte und diesen Ort so schnell wie möglich verlassen wollte.
„Mein zweiter Wunsch, Loki!“ sagte sie energisch um sicherzustellen, dass dieser zuhörte. „Ich wünsche, dass du mir stets die Wahrheit sagst und jede Frage präzise und in vernünftiger Ausführlichkeit beantwortest!“
Loki, welcher sich in der Zwischenzeit auf einem der Sofas ausgebreitet hatte nickte nur lahm.
„Woher weiß ich, dass der Wunsch funktioniert hat?“ fragte Hermine misstrauisch, da ihr Lokis Reaktion und der Mangel an Spezialeffekten noch immer nicht ganz geheuer war.
„Loki ist verpflichtet Ihre Wünsche zu erfüllen solange sie korrekt geäußert wurden,“ sagte Rimière. „Es ist nicht wichtig ob er dabei anwesend ist oder zuhört. Er weiß, dass der Wunsch ausgesprochen wurde und ist daher an ihn gebunden.“
„Ja ja,“ seufzte der Dschinn. „Hast alle richtig gemacht. Können wir dann endlich gehen?“
Er sprach Hermine aus der Seele. Sie wollte so schnell wie möglich sein Wissen auf die Probe stellen, doch wollte sie es nicht in Gegenwart von Rimière tun.
„Loki hat Recht...,“ sagte Hermine. „Ich denke wir gehen dann mal.“
Der Dschinn sprang auf und klopfte seinem ehemaligen Meister auf die Schultern.
„War nett mit dir, Philippe! “ sagte er gut gelaunt und lief mit federnden Schritten aus dem Zimmer. „Man sieht sich! Oder auch nicht.“
„Ich finde den allein Weg,“ sagte Hermine noch immer säuerlich, nachdem sie das Buch wieder in ihrer Tache verstaut hatte und in Begriff war, Loki zu folgen.
„Sollten Sie sich mit ihm einmal keinen Rat mehr wissen, können Sie mich jederzeit besuchen,“ sagte Rimière versönlich.
„Ich werde es mir merken,“ erwiderte sie ohne zurückzusehen. „Auf Wiedersehen!“
„Leben Sie wohl, und viel Glück.“
„Danke...“
Rimière begleitete sie nicht hinaus. Sie hatte die Eingangstür seines Ladens noch nicht erreicht, als sie Zeuge eines unerhörten Anblicks wurde, der sich draußen auf der Straße bot. Loki stand splitternackt auf der Straße, die Arme zum Himmel gereckt und tänzelte vergnügt im Kreis. Hermine eilte nach draußen und wollte den Dschinn schon zurechtweisen, als ihr klar wurde, dass sie nicht allein waren.
Ein paar Passanten schleppten sich trotz der Hitze durch die Gasse, doch keiner nahm Notiz von dem Schauspiel, welches der Dschinn darbot. Eine Hexe ging sogar geradewegs durch ihn hindurch, als wäre er Luft.
„Was soll das werden?“ sagte sie so leise und unauffällig wie möglich.
„Ein Sonnengruß,“ antwortete der Dschinn als wäre es offensichtlich
„Warum bist du nackt?“
„Weil ich es kann,“ entgegnete Loki. „Der alte Trottel hat es mir verboten; hat ihn zu sehr aufgeregt. Ihr Menschen und eure Scham seid schon drollig. Dabei kann ich mich doch sehen lassen, oder?“
Hermine hatte keinerlei Bedürfnis einen nackten Frauenkörper anzusehen, schon gar nicht wenn dieser so schamlos zur Schau gestellt wurde. Andererseits war dies nicht der passende Ort um mit einer für andere unsichtbaren Präsenz über zivilisiertes Verhalten zu diskutieren.
„Wir klären das daheim!“ zischte sie und machte sich auf den Weg zurück zur Poststation.
Das fing ja gut an, dachte sie sarkastisch.
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