
von angeltear
Jade war an ihrem dreizehnten Geburtstag erschienen.
Ginny Weasley war an jenem Tag guter Laune aufgewacht und hatte sich schon auf den Geschenkberg am Ende ihres Bettes stürzen wollen, als sie bemerkte, dass ein kleines Wesen darauf saß.
Als sie realisiert hatte, dass dort eine scheinbar winzige Frau in einem weißen flatternden Kleid auf ihren Geschenken saß und sie angrinste, hatte sie schon Luft geholt, um erschrocken aufzukreischen.
"Mein Name ist Jade, ich bin dein Schutzengel.", hatte sie ruhig lächelnd gesagt, bevor auch nur ein Laut Ginnys Kehle verlassen konnte.
Diese hatte sie nur mit offenem Mund angestarrt, nicht dazu in der Lage auch nur einen sinnvollen Gedanken zu fassen.
"Nun, da du nichts sagst, werde ich weitermachen.", war Jade belustigt fortgefahren und hatte dem entsetzten Geburtstagskind erzählt, dass die Familie Weasley seit Generationen Schutzengel zu ihren seltenen weiblichen Familienmitgliedern schickte, wenn diese elf Jahre alt wurden, um sie zu schützen und ihnen zu helfen. Allerderdings hatte es so lange keine weibliche Weasley mehr gegeben, dass diese Angelegenheit etwas in Vergessenheit geraten war.
Nachdem Ginny jedoch in ihrem vergangenen Schuljahr furchtbare Dinge erlebt hatte, von denen sie noch heute traumatisiert war, hatte man beschlossen ihr, wenn auch verspätet, an ihrem Geburtstag einen Schutzengel zu schicken. Diese Aufgabe war Jade zugefallen.
Als Ginny endlich ihr Sprache wiedergefunden hatte, hatte sie gefragt, warum sie noch nie davon, gehört hatte, dass Schutzengel wirklich existierten und nicht nur eine Ausgeburt von Muggelfantasien war. Warum sie noch nie einen gesehen hatte.
Jade hatte gelacht und geantwortet, dass Schutzengel nur dann sichtbar waurden, wenn ihr Schützling alleine war. Dadurch hatten Zauberer oft das Gefühl sie halluzinierten und erzählen also lieber niemandem davon.
Diese Erklärung hatte auf Ginny etwas verwirrend und beunruhigend gewirkt, doch inzwischen war sie davon überzeugt, dass sie sich Jade nicht nur einbildete.
Immerhin war sie nun sechzehn Jahre alt und die Vorstellung, dass sie sich nun seit etwa drei Jahren ein kleines, in der Luft schwebendes Wesen einbildete, das ihr in allen passenden und unpassenden Momenten mehr oder weniger sinnvolle Ratschläge gab, war einfach absurd.
Gestern hatte ihr ältester Bruder Bill die wunderschöne Französin Fleur Delacour geheiratet und sie zu einer Weasley gemacht. Das Fest hatte bis tief in die Nacht gedauert und so schliefen alle noch tief, als Ginny am Morgen erwachte.
Sie warf einen Blick auf Hermine, die friendlich auf einer Matratze auf dem Boden schlief. Ginny schlich sich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer, um ihre Freundin nicht zu wecken.
Im Fuchsbau herrschte vollkommene Stille, nicht einmal der Guhl, der unter dem dach hauste gab einen Mucks von sich. Das war höchst ungewöhnlich, denn normalerweise war das Haus sehr belebt, besonders in den Ferien, wenn Harry und Hermine zu Besuch kamen und erst recht, wenn so ein großes Ereignis wie eine Hochzeit stattfand. Ginny genoss die Stille und beschloss, sich ins Wohnzimmer zu setzen und ein wenig die Gedanken schweifen zu lasse.
Sie tappte gerade barfuß die Treppe hinunter, als Jade plötzlich mit einem leisen plopp neben ihr erschien.
"Morgen, Jade.", krächste sie mit noch vom Vorabend angeschlagener Stimme.
"Guten Morgen!", sang ihr Schutzengel förmlich mit ihrer glockenhellen Stimme. "Endlich bist du mal allein und wach anzutreffen!"
In der Tat hatte Ginny ihre kleine Begleiterin seit einiger Zeit nicht gesehen, da sie seit einigen Tagen ununterbrochen von ihrer Famile oder Hermine umringt gewesen war. Da sie es Jade verboten hatte, aufzutauchen, wenn sie sich auf der Toilette oder unter der Dusche oder in ähnlich persönlichen Momenten befand, hatte die Kleine keine Gelegenheit gehabt, sich vor ihrem Schützling zu zeigen.
"Ich hatte eigentlich gehofft, ich könnte mal meine Ruhe haben.", murrte Ginny nun. Angesichts dieser herrlichen Ruhe, hatte sie tatsächlich ihr manchmal lästiges Anhängsel zu vergessen.
"Wie bitte?", empörte sich Jade und verschränkte die Arme vor der Brust. "Ich hab gedacht, du hättest mich vermisst!"
Ginny warf ihr einen Blick zu, von dem sie hoffe, dass er Unglaube und Zweifel an ihrem Geisteszustand ausdrückte. Wahrscheinlich sah sie aber einfach nur unglaublich müde aus. Sie trat ins Wohnzimmer und blickte sich um.
Der Raum war geradezu lächerlich ordentlich, angesichts der Tatsache, dass einige Stunden zuvor noch eine feuchtfröhliche Hochzeitsfeier getobt hatte.
Sie ließ sich aufs Sofa sinken, deckte sich mit einer der flauschigen Decken zu, die immer im Wohnzimmer lagen und schloss entspannt die Augen.
"Was war gestern eigentlich mit dir und Harry los?", durchbrach Jade die angemehme Stille.
Ginny stöhnte genervt auf und zog sich die Decke über den Kopf. Genau darüber hatte sie sich jetzt eigentlich keine Gedanken machen wollen. Sie dachte sowieso ununterbrochen an Harry, seit sie sich vor zweiunddreißig Tagen getrennt hatten.
Am Tag von Dumbledores Beerdigung hatte Harry sie verlassen. Er hatte gesagt, dass er sie keiner Gefahr aussetzen wolle. Dass er nicht wolle, dass Voldemort ihr was antat. Ginny war hin und her gerissen gewesen zwischen dem Gefühl des Verständnisses und dem des Widerspruchs. Sie hatte schon immer gewusst, dass Harry nicht ruhen würde, bis er den Mann, der ihm so viel Leid zugefügt hatte, erledigt hatte. Sie konnte seine Gefühle sehr gut nachvollziehen, denn sie kannte Harry nun seit fünf Jahren und er hatte sich ihr besonders während des letzten Jahres immer mehr geöffnet.
Dennoch hatte sie zunächst das Gefühl gehabt, sie müsse ihm klarmachen, dass sie ihn nicht allein lassen würde. Dass sie ihm helfen wollte, dass sie keine Angst hatte. Doch als er an jenem Tag die Worte ausgesprochen hatte, war ihr bewusst geworden, dass sie ihn nicht würde umstimmen können und dass sie ihm damit keinen Gefallen tun würde. Also hatte sie seine Entscheidung tapfer lächelnd akzeptiert und versucht strak zu sein, damit er nicht noch ein schlechtes Gewissen haben würde. Er hatte wirklich genug Kummer.
Erst als er mit Ron und Hermine davon gegangen war und genug Abstand zwischen ihnen entstanden war, hatte sie aufghört die Tränen zurückzuhalten. Stumm war sie zum anderen Ufer des Sees gegangen, um sich dorf für eine Weile ungestört niederzulassen, während ihr unaufhörlich heße Tränen die Wangen hinuntergerannt waren. Selbst Jade hatte es nicht übers Herz gebracht sie zu stören, wofür Ginny ihr sehr dankbar war.
Seitdem hatte Ginny versucht so wenig wie möglich an Harry zu denken, was sich als sehr schwierig herausgestellt hatte. Einfach alles erinnerte sie an ihn. Ihr Besen und ihr Quidditchtrikot erinnerten sie an das gemeinsame Training. Der Ring ihrer Mutter, den sie immer am rechten Ringfinger trug, erinnerte sie an ihn, weil er gern mit ihm gespielt hatte. Wenn jemand bestimmte Worte wie Sockenschuss, Zauberstab oder Gartengnom sagte, musste sie an ihn denken, weil sie sie an gemeinsame Erlebnisse und Witze erinnerten. Das Foto, das Collin Creevy von ihnen geschossen hatte, konnte sie einfach nicht von ihrem Nachttisch verbannen und wann immer sie einen Raum betrat und die Gespräche abrupt verstummten, wusste sie, dass sie und Harry das Gesprächsthema gewesen waren.
Dass Harry zwei Tage zuvor gemeinsam mit Hermine in den Fuchsbau gekommen war, machte die Sache auch nicht leichter. Sie hatten sich zur Begrüßung freundschaftlich umarmt, hatten aber eine gewisse Steife nicht verhindern können. Sie versuchten sich so normal wie möglich zu verhalten, wenn sie sich im selben Raum aufhielten, doch das vertraute Gefühl der Freundschaft hatte sich nicht eingestellt. Nun versuchte Ginny es tunlichst zu vermeiden, dass sie allein waren, um Peinlichkeiten zu verhindern. Bis zum Vorabend war ihr das ganz gut gelungen.
Am Abend der Hochzeit hatte das allerdings nicht so recht funktionieren wollen. Sie hatten sich nicht in die Augen sehen können, geschweige denn auch nur ein sinnvolles Wort wechseln können. Die Situation war so peinlich gewesen, dass Ron dem erleichterten Harry vorgeschlagen hatte, sich doch mal mit Lupin zu unterhalten.
"Ginny, ist alles in Ordnung?", hörte sie Jades besorgte Stimme.
"Nein!", platze sie plötzlich heraus. "Nichts ist in Ordnung, ich werde noch wahnsinnig!"
"Ach, Süße-", setzte die Kleine an, als sie plötzlich inne hielt. "Da kommt jemand."
Mit einem plopp war sie verschwunden.
Ginny zog die Decke von ihrem Kopf und beobachtete gespannt die Tür. Bitte nicht Harry, dachte sie verzweifelt.
Die Klinke wurde heruntergedrückt, die Tür aufgestoßen und Ginny starrte in Harrys überraschtes Gesicht.
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