
von angeltear
@ *Fee* : Ehrlich gesagt frage ich mich, was ihr alle mit Ann habt. Bin ich so eine verdächtige Autorin? xD
Die Vorstellung, wie Harry auftaucht und sich auf Ginnys Schulter hockt ist ja genial :D Danke für alles *schmatz*
@ Chap01: Danke fürs Lob!
@ Gigaharry: Dankeschön, aber wo Harry ist, verrate ich trotzdem nicht^^
@ Aranael: Voldemort weiß von der ganzen Sache ja gar nichts. Sonst wäre der sofort angerannt gekommen und hätte Ginny auseinandergenommen^^
@ Turpin,Lisa. Du schließt dich GAGAharry an? *rofl* Ich kann nich mehr! Vielen Dank fürs Lob!
@ sunshine16: Vielen Dank für die tollen Kommentare und die anspornenden Wort, die du mir immer schenkst! André ist tatsächlich ein bisschen... plemm plemm^^
@ Dope-D: OMG ein Lob von dir! Und dir ist was zu meinem Schreibstil aufgefallen! Und das nach nur 20 Kapiteln! WOW!^^ Tut mir leid (oder auch nich^^), aber es wird schon bald wieder... du weißt schon.. werden xD
@ Rapptor: Auch hier wieder: Voldemort wusste von der ganzen Aktion gar nichts. André und Sebastien haben sich gedacht, sie könnten mal ein bisschen angeben^^
Wie Harry das findet, dass er von nichts weiß, werdet ihr auch noch erfahren. Oh Gott, du musst dich mit Schule ablenken??? *kreisch* Hier schenll das neue Chap!
@ Rinchen: Juhu ein Outting! Danke für deinen Kommi und das Lob! Viel Spaß beim weiterlesen!
@ jassi.Weasley: *gggg* *bussi*
@ Gaby Longoria: Vielen Dank! Ja, ich mag Chester, ich weiß gar nicht wie ihr darauf reinfallen konntet, dass der böse ist *rofl* *kuss*
@ all: Vielen Dank für eure Kommis, die spornen mich sehr an und ich lese sie wahnsinnig gerne! Nichts ist schöner als zu sehen, dass das, was man schreibt, bei den Lesern gut ankommt!
Ein wenig konstruktive Kritik von euch wäre mir allerdings auch sehr lieb, denn ich möchte mich gerne als Autorin weiterentwickeln und das kann ich nicht, wenn ich nicht weiß, was ich nicht so gut mache.
LG
eure angel
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Ginny saß auf dem Boden in ihrem Zimmer vor dem Spiegel und betrachtete schweigend ihr Spiegelbild. Sie trug schwarz, ihre Haare waren zu einem ordentlichen Pferdeschwanz gebunden und sie hatte ein wenig Make-up aufgelegt, um nicht mehr ganz so kränklich blass auszusehen. Die Augenringe hatte sie jedoch nicht verdecken können und so zeichneten sich jetzt dunkle Schatten unter ihren Augen ab, die von ihrer Ruhelosigkeit zeugten. Ihr Blick blieb an ihrer aufgeplatzten Unterlippe hängen.
An diesem Morgen war dies die erste Gelegenheit für sie, allein zu sein. Als sie nach der unruhigen Nacht endgültig aufgewacht war, war Bill noch immer bei ihr gewesen. Er hatte ihr keine Gelegenheit gegeben, etwas anderes zu tun, bevor er von ihr verlangte, jede Einzelheit dessen zu hören, was in den vergangenen Tagen mit ihr geschehen war. Widerwillig hatte sie ihm erzählt, wie André und Sebastien in die Drei Besen eingebrochen waren und Pansy getötet hatten; wie sie sie gefoltert und bedroht hatten; sie erzählte, wie sie in dem ihr unbekannten Raum aufgewacht war; wie Snape ihre Gedanken durchwühlt hatte; wie André ihr zu nah gekommen war; wie sie schließlich entkommen konnte.
Doch was ihr am meisten Schmerz bereitete, hatte sie ihm nicht erzählen können. Jade war fort. Bill war der beste Zuhörer, den man sich nur wünschen konnte; während ihrer ganzen Erzählung hatte sie seine Wut spüren können, doch er hatte nichts gesagt. Selbst von Andrés Aufdringlichkeiten ließ er sich nicht aus der scheinbaren Ruhe bringen, wofür Ginny ihm unendlich dankbar war. Es war eine solche Erleichterung. Doch von dem riesigen Brocken, der auf ihrem Herz lastete, war gerade mal ein Teil abgesplittert. Jade war fort.
Ginny starrte weiter ihr Spiegelbild an und wartete auf die Tränen, doch sie kamen nicht. Irgendwann in der letzten Nacht mussten ihre Tränen endgültig versiegt sein. War es Schmerz, den sie dort in ihren Augen sah? Oder war es Hilflosigkeit?
Was sollte sie nur ohne Jade tun? Wie sollte ihr Leben plötzlich ohne die Kleine weitergehen, nachdem sie fast fünf Jahre lang unzertrennlich gewesen waren? Nie wieder würde sie sie um Rat fragen können, nie wieder ihre klare Stimme hören, nie wieder würde sie sie mit Klopapier beschmeißen können.
Es klopfte an der Tür und Ginny riss den Blick von ihrem Spiegelbild, um zu sehen, wie Bill den Kopf durch den Türspalt steckte.
"Bist du soweit?"
"Ich glaub' schon."
Ihr ältester Bruder seufzte und kam ins Zimmer, wo er, seine Hände in seiner schwarzen Hose vergrabend, stehen blieb.
"Eigentlich habe ich gedacht, du würdest mich mit allen möglichen Fragen löchern, sobald du wieder ein bisschen auf den Beinen bist."
Fragen? Was sollte sie fragen? Sie wusste alles, was sie wissen musste. Harry war in Sicherheit. Jade war fort. Teilnahmslos zuckte sie mit den Achseln.
"Dann erzähle ich dir selbst ein paar Sachen, die du meiner Meinung nach wissen solltest.", entschied Bill und begann die angeblich relevanten Informationen aufzuzählen."Heute ist Freitag, der 27. Dezember. Du warst drei Tage lang in einem Muggeldorf namens Little Norton. Snape ist dort schon einmal gesichtet geworden, es war im Propheten, weißt du noch? Niemand sonst wurde verletzt, außer Tonks. Sie hat sich eine blutige Nase geholt. Der Orden hatte das Dorf schon seit einiger Zeit umzingelt. Es hat einige Zeit gedauert bis wir das magische Feld überwinden konnten, sodass sie uns nicht bemerken. Als wir endlich das entsprechende Haus gefunden hatten, warst du anscheinend gerade weg und plötzlich tauchten die ganzen Todesser auf. Wir haben den Kampf abgebrochen, als wir hörten, dass Chester dich hatte und sind alle in den Fuchsbau gekommen. Madame Rosmerta hat die Drei Besen geschlossen und sie weiß nicht, wann sie wieder eröffnen wird. Den Rest weißt du."
Ginny wusste, dass er irgendeine Reaktion erwartete, also nickte sie.
"Sollen wir?", fragte er und hielt ihr seine Hand hin. Obwohl sie lieber weiterhin sinnlos auf ihrem Teppich gesessen hätte, nahm sie Bills Hand und ließ sich von ihm aufhelfen.
Als sie in die Küche kam, richteten sich sofort alle Blicke auf sie. Fred und George sahen sie besorgt an; selbst Charlie war hergekommen, als er gehört hatte, was passiert war und betrachtete sie nun beunruhigt. Nur ihre Mutter lächelte sie ein wenig an und Ginny versuchte, das Lächeln zu erwidern
"Wo ist Dad?"
"Wir treffen ihn bei der Beerdigung, mein Schatz."
Das Wort Beerdigung ließ sie leicht erschaudern. Sie wusste nicht, woher diese Angst kam, doch sie war da. Sie wollte nicht dorthin.
Auf dem Friedhof waren eine Menge Leute, wie Ginny es erwartet hatte. In der schwarz gekleideten Masse erkannte sie ehemalige Mitschüler, Lehrer und Eltern. Sie traf auch Ann und Luna, die bei ihrem Anblick so erleichtert aussahen, dass es Ginny fast etwas tröstete. Von ihren Freundinnen in die Arme geschlossen zu werden tat gut.
Einige Augenblicke lang unterhielten sie sich über unwichtige Dinge und sie war ihnen dankbar, dass sie ihr keine Fragen stellten.
Langsam wurde es Zeit, sich an der Stelle zu versammeln, an der Pansy beigesetzt werden würde.
Ginnys Herz krampfte sich zusammen, als sie eine blonde Frau sah, die bitterlich weinte und sich kaum auf den Beinen halten konnte. Die schwarze Sonnebrille konnte den Ausdruck des Schmerzes auf ihrem Gesicht nicht verdecken.
Das Mitleid, das sie für Pansy und ihre Familie empfand, war überwältigend. Womit hatten sie diesen Schmerz verdient? Sie hatte Pansy nie gemocht, aber das war einfach zu hart. Sie war noch so jung gewesen, kaum ein Jahr älter als sie selbst. Sie dachte an ihre letzte Auseinandersetzung mit Pansy, als sie von ihr gefordert hatte, Abstand zu André zu halten.
Ginnys Herz setzte einen Schlag aus. Pansy hatte es gewusst. Sie hatte gewusst, dass André ein Todesser war und hatte sie warnen wollen. Der Gedanken, wie sie sie angegiftet hatte, versetze ihr einen Stich. Warum hatte sie es nicht verstanden? Sie hätte das alles verhindern können.
Ein älterer Zauberer begann eine Rede zu halten, doch Ginny wollte die leeren Worte, die überhaupt nichts bedeuteten, nicht hören. Sie ließ den Blick schweifen, um nicht nachdenken zu müssen.
In der Nähe der Parkinsons standen die Malfoys und überrascht stellte Ginny fest, dass Tränen über Dracos bleiches Gesicht flossen. Auch Madam Rosmerta war da. Sie stand bei Professor McGonnagall, die sich die Augen mit einem Taschentuch tupfte. Weiter hinten konnte sie auch Eddie und Chester erkennen. Sie wusste gar nicht, warum sie so überrascht war, denn immerhin waren sie Arbeitskollegen gewesen. Chester hielt die Hand einer jungen Frau, die Ginny noch nie gesehen hatte.
Das Schluchzen ihrer Mutter veranlasste sie dazu, ihren Blick wieder nach vorne zu richten.
Plötzlich hatte Ginny das Gefühl, diese Beerdigung galt der falschen Person. Der Gedanke war abstoßend, doch wo waren die Trauernden für Jade? Hatte ihre Kleine nicht auch einen würdevollen Abschied verdient? Doch von ihrem Tod wusste niemand. Es gab niemanden, der um sie trauerte. Nur sie. Dabei wusste sie nicht einmal genau, was mit ihr passiert war. Verschwanden Schutzengel, wenn sie starben? Oder lag sie noch irgendwo in den Drei Besen, unsichtbar und tot? Die Vorstellung trieb ihr nun doch die Tränen in die Augen und sie spürte, wie sie die Kontrolle verlor. Bald war ihr Gesicht genauso tränennass, wie die aller anderen und sie schluchzte unkontrolliert. Das war einfach zu viel.
Als die Zeremonie vorbei war, ging Ginny langsam auf Mrs Parkinson zu, ohne zu wissen, was sie eigentlich sagen wollte. Es war nicht selbstverständlich, dass sie sie eingeladen hatten, obwohl sie Schuld am Tod ihrer Tochter war. Irgendetwas würde sie sagen müssen.
Offenbar hatte Pansys Mutter sich gerade ein wenig gefangen, denn sie schüttelte mehreren Leuten mit tapfer aufrechterhaltener Miene die Hand. Sie schien Ginny zu bemerken, denn sie nahm ihre Sonnenbrille ab und sah zu ihr herüber.
Zaghaft näherte Ginny sich ihr und versuchte, nicht zu sehr auf die unnatürlich geröteten und geschwollenen Augen ihres Gegenübers zu sehen.
"Du musst Ginny sein.", sagte sie in höflichem Tonfall.
Ginny nickte und schluckte den Kloß in ihrem Hals herunter. "Es tut mir sehr leid, Mrs Parkinson."
Sie befürchtete schon, sie würde die Hand, die sie ihr entgegengestreckt hatte, ignorieren, doch sie ergriff sie und Ginny fiel ein kleiner Stein vom Herzen. Scheinbar hasste sie sie nicht.
"Vielen Dank." Sie schön zu zögern. "Ich weiß, das muss merkwürdig klingen, aber... musste sie sehr leiden?" Ihre Stimme brach beim letzten Wort und sie schluchzte einmal, konnte jedoch ihre Tränen zurückhalten.
Das Herz wurde Ginny schwer, als sie an Pansys letzte Momente zurückdachte und sie schüttelte den Kopf. "Nein, sie haben sie nicht gefoltert." Sie wusste nicht, was sie noch sagen sollte. Was sagte man in einer solchen Situation?
Mrs Parkinson nickte mit einem merkwürdigen Gesichtausdruck, der zwischen Schmerz und Erleichterung lag. "Ich werde dann mal."
Ginny nickte ihr stumm zu und sah ihr nach, als sie zu ihrem Mann hinüberging.
"Hey, Kleine!"
Ginny wandte sich um und sah Chester auf sich zukommen. Sein Gesichtausdruck war ernst und auch er betrachtete sie besorgt, als fürchtete er, dass sie jederzeit zusammenbrechen könnte.
"Oh Chester!", sprudelte es aus ihr heraus. "Danke! Vielen Dank! Ich weiß gar nicht, wie ich dir genug danken kann! Ohne dich wäre ich verloren gewesen! Und es tut mir so leid, dass ich dachte, dass du ein Todesser bist! Es tut mir leid! Ich-"
"Hey, ist ja schon gut.", unterbrach er sie ruhig und legte einen Arm um ihre Schultern. "Das habe ich sehr gern gemacht, Ginny. Für Bills kleine Schwester würde ich alles tun. Ich bin nur froh, dass es dir gut geht. Und dass du mich für einen Todesser gehalten hast, ist nicht weiter verwunderlich. In der Situation hättest du wahrscheinlich deinen eigenen Vater für einen gehalten!"
Eigentlich hatte diese Verwechselung nichts mit der Situation zu tun gehabt, aber das konnte sie ihm unmöglich sagen. Stattdessen nickte sie nur wieder stumm, wie schon öfters an diesem Tag.
"Darf ich dir jemanden vorstellen oder wäre dir ein anderes Mal lieber?"
Überrascht sah Ginny ihn an. Wen wollte er ihr vorstellen? "Ähm, von mir aus auch jetzt."
Er führte sie mit sich einige Schritte zu einer Menschentraube, die hauptsächlich aus sich angeregt unterhaltenden Ordensmitgliedern zu bestehen schien.
Die junge Frau, deren Hand Chester zuvor gehalten hatte, blickte in ihre Richtung und lächelte Chester ein wenig an.
"Das ist Jasmine.", sagte er und stellte sich neben sie, um seine Hand um ihre Taille zu legen. Jasmine streckte ihr freundlich lächelnd die Hand entgegen.
"Hi, Ginny!"
"Hi.", antwortete sie und schüttelte ihre Hand. Hoffentlich war sie wenigstens ansatzweise höflich, wenn sie schon wie ein Zombie aussah. Jasmine hatte warme braune Augen, volle Lippen und weiche, ebenmäßige Gesichtszüge; ihre braunen Haare fielen in leichten Wellen um ihr Gesicht. Sie war nicht im klassischen Sinne bildhübsch, aber etwas an ihr und ihrer Ausstrahlung machte sie einfach entzückend.
Ginny versuchte die Frage zurückzuhalten, konnte sich aber nicht beherrschen.
"Bist du Chesters Freundin?"
"Verlobte.", verbesserte sie mit amüsiertem Tonfall und warf einen Seitenblick auf Chester zu, bei dem ein Lächeln auf ihrem Gesicht erstrahlte, dass deutlich zeigte, wie verliebt sie war.
Unwillkürlich riss Ginny die Augen auf und starrte abwechselnd Chester und Jasmine an.
"Davon hat er nie etwas gesagt!", brachte sie schließlich entsetzt hervor und hoffte, dass Chester den Vorwurf in ihrer Stimme bemerkte. "Dabei sind wir seit Monaten Kollegen!"
"Das sieht ihm ähnlich!", lachte Jasmine und rammte ihren Ellbogen mehr oder weniger sanft in Chesters Seite. "Du Schuft!"
Chester rieb sich ebenso lachend die Stelle, an der sie ihn getroffen hatte, fing sich aber schnell wieder, als er dem missbilligenden Blick Professor McGonnagalls begegnete.
Ginny musste tatsächlich ein wenig lächeln. Fast hatte sie vergessen, dass es auch noch Erfreuliches gab. Nicht jeder hatte einen Albtraum überstanden und eine sehr wichtige Person verloren. Nicht jeder musste so leiden...
Das Leuchten des Schmetterlings riss sie aus ihren Gedanken und das Lächeln verschwand wieder von ihrem Gesicht. Nie zuvor hatte sie sich so sehr gewünscht, Harry wäre bei ihr; sie brauchte ihn jetzt so sehr.
"Ginny, kommst du?", hörte sie ihren Vater rufen und verabschiedete sich schnell mit einem "Bye" von Jasmine und Chester, um zurück zu ihrer Familie zu gehen. Hinter sich hörte sie die beiden wieder lachen.
Kaum Zuhause eilte sie in ihr Zimmer, ohne auch nur ein weiteres Wort mit jemandem zu wechseln. Hoffentlich würden sie sie in Ruhe lassen; sie konnte diese mitleidvollen Blicke einfach nicht ertragen. Sie schloss die Tür hinter sich und lehnte sich mit dem Rücken dagegen, die Augen geschlossen. Wie hatte das alles nur geschehen können. Andrés Gesicht tauchte vor ihrem geistigen Auge auf und sie zuckte zusammen. Schnell riss sie die Augen wieder auf. Nein. Sie durfte nicht zulassen, dass auch er sie nun verfolgte. Tom war mehr als genug.
Verzweiflung keimte wieder in ihr auf und sie ließ sich langsam zu Boden sinken.
"Ginny..."
Fast wäre ihr Herz stehen geblieben. Das war Jades Stimme gewesen. Energisch schüttelte sie den Kopf; nun begann sie auch noch zu halluzinieren. Sie konnte spüren, wie sie wieder drohte in Trauer zu versinken und versuchte sich zusammenzureißen.
"Ginny, hilf mir."
Oh, bitte nicht. Verzweifelt presste sie ihre Handflächen gegen ihre Ohren und lehnte den Kopf an die Tür. Es sollte aufhören! Wie sollte sie das nur ertragen?
Plötzlich spürte sie leichten Druck an ihrem linken Knie und erschrocken starrte sie darauf. Hatte sie sich das eingebildet?
"Ginny, ich blute!", röchelte Jade und Ginny wurde schlagartig klar, dass sie sich das nicht nur einbildete.
"Jade, sitzt du auf meinem Knie?" Ihre Stimme klang weinerlich und fast verrückt. Sie spürte, wie ihre Augen sich weiteten, als sich auf ihrer Hose plötzlich kleine goldene Flecken ausbreiteten. "Warum kann ich dich nicht sehen?"
"Ich hab' keine Kraft, um mich sichtbar zu machen.", erklärte Jade mit schwacher Stimme. Sofort schossen die Tränen in Ginnys Augen und auch Panik stieg in ihr auf. Was sollte sie nur tun?
"Wie kann ich dir helfen?", schniefte sie und fuchtelte hysterisch mit den Händen herum. Wie lange würde Jade noch durchhalten? Wie sollte sie ihr helfen, wenn sie sie nicht sehen konnte? Konnte sie ihr überhaupt helfen? Vorsichtig streckte sie ihre Finger aus, um die Kleine zu berühren. Scheinbar hatte Jade ihr ihre Hand entgegengestreckt, denn sie spürte sanften Druck an einer Fingerkuppe.
"Du musst mich nach Hause schicken. Bitte." Jades Stimme war nicht mehr als ein Keuchen; jede Lebhaftigkeit fehlte und ließ sie vollkommen fremd wirken.
"Wie meinst du das?"
"Ich kann nur nach Hause, wenn du mich freigibst."
Sollte das etwa heißen, dass Jade seit Montag verletzt war und nicht nach Hause gekonnt hatte, weil sie noch an Ginny gebunden war? Die Vorstellung war so schrecklich, dass sie kurz die Augen schloss.
"Wie?"
"Du musst 'Ich brauche dich nicht mehr' sagen."
"Ich brauche dich nicht mehr.", wiederholte Ginny die Lüge. Sie brauchte die Kleine mehr denn je.
"Ich komm' bald wieder."
Der leichte Druck auf Ginnys Knie verschwand und nur die goldenen Flecken blieben zurück. Erst jetzt merkte sie, dass sie in den vergangenen Sekunden kaum geatmet hatte. Mit einem tiefen Atemzug versuchte sie sich zu beruhigen und ihren Kopf zu klären. Jade war nicht tot. Sie war schwer verletzt und konnte jetzt endlich nach Hause, um Hilfe zu bekommen. Die Erleichterung, die sie verspürte, war grenzenlos und plötzlich verließ ein zittriges Lachen ihre Lippen. Jade lebte noch!
Den ganzen Tag verbrachte Ginny unruhig in ihrem Zimmer und wartete auf Jades Rückkehr. Nur zum Abendessen war sie hinuntergegangen, nachdem ihre Mutter sie geradezu angefleht hatte, sie müsste etwas essen. Anschließend hatte Ginny sich auf ihr Bett gelegt und war dort fast reglos verharrt. Es war weit nach Mitternacht, als das vertraute plopp ertönte.
"Jade!", japste sie freudig überrascht und setzte sich ruckartig auf. "Geht's dir gut? Tut dir was weh? Was ist passiert?"
"Ja, so eine Begrüßung hab' ich erwartet!", lachte Jade breitete ihre Arme aus, als erwartete sie eine Umarmung. Ginny nahm sie vorsichtig auf die Hand, da sie fürchtete, ihr wehzutun und drückte ihr einen Kuss auf.
"Schön, dass du wieder da bist."
Plötzlich war Jades Gesichtsausdruck alarmiert, als war ihr gerade etwas eingefallen.
"Oh Ginny, es tut mir so leid, dass ich dich allein gelassen habe!", sagte sie schnell und sie klang wirklich, als ginge es ihr deswegen miserabel. "Aber als André und der andere Todesser reinkamen, hatten sie auch einen Schutzengel-"
"Ja, ich weiß.", unterbrach Ginny sie. "Ich hab' ihn schon getroffen."
Überraschung und Verwirrung breitete sich auf dem Gesicht der Kleinen aus. "Was haben sie mit dir gemacht, Ginny?"
Vor dieser Frage hatte Ginny gegraut und sie war noch nicht bereit, Jade davon zu erzählen. Sie ignorierte den kalten Schauer, der ihr über den Rücken lief und wechselte das Thema.
"Erst musst du mir erzählen, was mit dir passiert ist!"
Jades Augen zuckten zögerlich zwischen den ihren hin und her, als müsste sie abwägen, ob das gut wäre, doch dann nickte sie.
"Also, Onyx und ich kennen uns schon sehr lange, wir waren seit unserer frühsten Kindheit immer in der selben Einheit. Wir waren auch sehr lange zusammen, aber es hat irgendwann nicht mehr funktioniert. Jetzt kommt es mir plötzlich so vor, als hätte es mich nie losgelassen. Jedenfalls hat er vor ein paar Monaten plötzlich seinen Schützling verlassen und ist nie wieder aufgetaucht. Natürlich konnte er auch nicht nach Hause, weil sein Schützling ihn nicht freigegeben hat. Jetzt ist mir natürlich klar, wo er sich in der letzten Zeit herumgetrieben hat."
Jades Stimme klang bitter und bei den letzten Worten hatte sie ungläubig geschnaubt, als könnte sie selbst kaum glauben, was sie erzählte.
"Als er also mit den Todessern in den Pub kam", fuhr sie fort. "war ich vollkommen geschockt. Du hättest sehen sollen, wie er mich wissend angegrinst hat. Diesen Ausdruck werde ich nie vergessen. Ich konnte sehen, dass das nicht mehr der Onyx war, denn ich kannte. Er hat sofort angefangen mich anzugreifen, doch ich konnte mich nicht wehren. Das war Onyx, wie sollte ich ihm wehtun? Als mir klar wurde, dass er kein Erbarmen haben würde, begann ich mich zu wehren, aber er hatte längst die Oberhand. Irgendwann muss ich ohnmächtig geworden sein und er muss gedacht haben, ich sei tot."
Nachdenklich strich Jade mit einer Hand durch ihr Haar. Ihr Blick war starr auf das Bettlaken gerichtet, aber Ginny bezweifelte, dass sie es sah. Wahrscheinlich sah sie gerade Onyx' Gesicht vor sich.
"Als ich wieder aufgewacht bin, lag ich alleine im Pub und blutete. Glücklicherweise bluten Schutzengel wesentlich langsamer als Menschen, sonst hätte ich nie überleben können. Ich wusste, dass ich nach Hause musste, aber dafür brauchte ich ja dich. Allerdings konnte ich dich nicht finden. So sehr ich mich auch konzentrierte, ich konnte dich nirgends spüren. Ich konnte mich kaum bewegen und ich hatte ziemliche Angst. Ich wusste nur, dass du nicht tot sein konntest, weil ich sonst automatisch nach Hause geschickt worden wäre. Das war mein einziger Trost in der langen Zeit, in der ich dort auf dem Boden lag. Irgendwann konnte ich dich plötzlich wieder spüren. Du warst Zuhause und ich versuchte dort hinzukommen. Aber ich hatte nicht genug Kraft um zu apparieren. Also wartete ich bis jemand in den Pub kam und dann hab' ich mich auf seinen Schuh gesetzt."
Plötzlich lachte Jade auf und das glockenhelle Geräusch war wunderschön.
"Das klingt ganz schön bescheuert."
"Ich finde, das klingt hart.", widersprach Ginny. Jade hatte so viele Qualen erleiden müssen. Nur wegen ihr.
"Naja und ich bin dann von Zauberer zu Zauberer gesprungen, bis ich irgendwann jemanden aus dem Orden getroffen habe. Dann bin ich bei dem geblieben, bis ich irgendwann auf Georges Schulter gelandet bin. Hat etwas länger gedauert, aber jetzt bin ich ja da."
Sie strahlte Ginny an und sie konnte nicht anders als das Lächeln ein wenig zu erwidern. Vielleicht würde sie irgendwann wieder lachen, auch wenn ihr das fast unmöglich erschien.
"Und jetzt erzähl mir, was mit dir passiert ist.", entschied Jade plötzlich wieder ernst und sah sie mit einem durchdringenden Blick an.
Ginny war unbehaglich zumute, als sie der Kleinen erzählte, was in den vergangenen Tagen geschehen war, doch Jade war eine gute Zuhörerin. Ein mehreren Stellen kreischte sie entsetzt auf und schlug ihre winzigen Hände vor ihren Mund. Als Ginny ihre Geschichte beendet hatte, herrschte einige Augenblicke bedrücktes Schweigen zwischen den beiden.
"Das ist alles meine Schuld.", knurrte Jade schließlich. "Ich hätte erkennen müssen, dass die Gefahr von André ausgeht und nicht von Chester."
Diese Sicht klang für Ginny vollkommen absurd. Wie konnte Jade nur denken, dass sie Schuld war, wo es doch Ginnys Naivität und Dummheit war, die all dieses Leid verursacht hatte.
"So ein Quatsch, Jade."
"Das ist ein Quatsch! Ich bin ein erbärmlicher Schutzengel!" Jades schien ihre Stimme kaum beherrschen zu können und Ginny war sich nicht sicher, on Wut oder Trauer darin mitklang.
"Ich bin eine leichtgläubige Vollidiotin!"
Jade und sie sahen sich einige Momente an und beschlossen dann, ein wenig zu schlafen. Sie hatten etwas Ruhe verdient.
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