
von NoctiVagux
Der September wärmte tagsüber mit einzelnen Sonnenstrahlen die Gemüter – zumindest versuchten die Schüler positive Gedanken zu fassen. Harry hatte immer noch Privatstunden bei Professor Dumbledore. Ginny hoffte auf eine diesjährige Quidditch-Saison an der Schule – zur Ablenkung. Und Ron half zunehmend Hermione in Sachen Horkruxe. Allein der Name Spock, insofern Hermione von dem Bibliothekar sprach, implizierte ihm, dass es für Hermione besser wäre, sie würde sich mit dieser unterkühlten und emotionslosen Person erst gar nicht abgeben – was sie einerseits überraschte, andererseits auch freute.
Luna und Neville trafen sich sporadisch, wenn sie nicht gerade dem Tutor Tobias Trummwuziger ständig mit Fragen auflauerte. Und Neville schien immer mehr Feuer und Flamme zu sein, die DA wieder ins Leben zu rufen. Dean und Seamus wollten es auch und alle drei schwärmten von heldenhaften und atemberaubenden Angriffs- und Verteidigungszaubern. Bis auf sie waren wie schon zuvor noch ein paar Ravenclaws und Hufflepuffs dabei, die auch wieder mitmachen wollten. Doch Slytherins? Gewiss nicht. Sie mieden die drei anderen Häuser in einem großen Bogen und waren zudem die wenigsten. „Wer hätte das gedacht, dass vom hochgelobten – am meisten von Reinblütern vertretene – Haus der Schule dieses Jahr so wenige auf der Schule sind.“ grinste Ron mit schnarrender und überheblich akkurat hochenglischer Stimme im Gemeinschaftsraum, um seinen Spott zu untermalen. „Vielleicht sind sie doch alle Todesser geworden. Du-Weißt-Schon-Wer rekrutiert bestimmt immer noch viele.“ warf Seamus ein. „Das glaube ich nicht. Es ist vielmehr eine Protestaktion.“ meinte Dean. „Ja, denke ich auch.“ sagte Pavarti.
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Zwischen Snape und Spock herrschte im September, der noch ein paar letzte wärmende Spätsommer-Sonnenstrahlen schenkte, bereits jetzt ein eisiger Winter des Schweigens und gegenseitigen Ignorierens. Seit den Meditationen schienen die beiden sich darin angeblich so intensiv auszutauschen, dass sie keinerlei Bedürfnis verspürten, auch noch anderweitig Kontakt zu haben. Stattdessen hatten es beide sich zum Hobby erklärt, um die Gunst von Adriana zu wetteifern, bei dem Severus jedes Mal den Kürzeren zog. Seine Laune hatte demnach einen entsprechenden Tiefpunkt erreicht, der dem Glutherd eines Vulkan-Inneren entsprach.
Albus seufzte leise, als er auf dem Weg zum Mittagessen war, an dem Bad der Vertrauensschüler vorbeihuschte und Severus davor nervös auf und ab tigerte. „Severus?“ fragte Albus. „Ja, Herr Direktor.“ blieb Severus sofort stehen, suchte mit seinen Augen die des Schulleiters ab und knubbelte nervös an seinen Fingerspitzen herum. „Ist alles in Ordnung?“ fragte der alte Mann und schielte unübersehbar direkt auf die Flügeltüren des Badezimmers. Severus Blick ging kurz über seine Schulter, registrierte, dass niemand aus dem Badezimmer kam und drehte sich erleichtert wieder zum Schulleiter hin. “Ja, Herr Direktor.“ Albus nickte langsam. „Gut und iss etwas.“ und in seinen Augen blitzte es kurz auf. Er nahm den Weg wieder auf und hielt dann inne. Severus, der gehofft hatte, dass sein Mentor einfach weitergehen würde, schluckte jetzt. „Mit deinem Badezimmer stimmt noch alles?“ „Ja, ich bin zufrieden.“ erwiderte Severus hastig. „Zufrieden...“ murmelte Albus leise, dass es im großen langen Gang, blechern und verloren widerhallte und er huschte weiter.
Severus atmete tief ein und wieder aus. Er wurde leicht rosa im Gesicht. Er blickte sich um, hörte nach allen Seiten des Ganges, dass auch niemand weiteres hier oben umher schlich und alle zum Mittagessen waren und lugte dann durch das Schlüsselloch. In seinen Augen funkelte es wild. Seine Lippen waren schmal. Dann riss er die dunklen sonst so leeren Augen auf und gleichzeitig hoben sich seine schwarzen Augenbrauen bis zum fettigen Haaransatz. Seine Wangen glühten und er schluckte, versuchte so den dicken Kloß im Halse herunter zu würgen, der sich vor seinem Kehlkopf festgesetzt hatte. ‚Ist es nur ein Traum oder nicht?’ fragte er sich. Doch bevor er sich vergewissern konnte, ertönten Stimmen – Schüler näherten sich.
Schnell richtete er sich auf, setzte sein kalt und leer wirkendes Gesicht auf, dem die eben noch gesunde Farbe entwich und wieder dem blassen Teint sein allseits bekanntes Aussehen bescherte. Einige Viert- und Fünftklässler kamen ihm entgegen, die recht mit Essen vollgestopft entspannt lachten und redeten. Er warf ihnen einen bitteren Blick zu und die Schüler verstummten schlagartig und musterten sofort den kalten steinernen Fußboden vor sich. Mit gesenkten Köpfen gingen sie an ihm eilend und recht steif vorbei und schwatzten erst wieder, als sie einen passablen Sicherheitsabstand zu dem Professor aufgebaut hatten – was kurz vor der nächsten Biegung in den angrenzenden Gang war.
Severus kam kurze Zeit später in die Große Halle. Die wenigen Slytherins beäugten ihn akribisch mit gesenkten Köpfen aus den Augenwinkeln. Er glitt mit seinem wehendem schwarzen Umhang auf den Podesttisch zu und nahm Platz. Es gab wie immer herrliche Speisen und jeder labte sich an ihnen. Nur Severus aß geradezu mechanisch, als wäre Nahrungszufuhr etwas Abartiges und Ekelerregendes, das man durch einen wohlschmeckenden Zaubertrank ersetzen könnte. Als er sich umblickte, stellte er zu seinen eigenen Erstaunen erst jetzt fest, dass neben Adriana auch T’Gai fehlte. „Die beiden haben manchmal verrückte Ideen.“ meinte Tobias und diese Worte fanden den Weg schleichend ins Snapes Gehör. „Nun verrückt würde ich es nicht nennen – sie genießen es nur.“ entgegnete Adrian. „Was du nur schon wieder denkst.“ brummte Tobias. „Ist doch so. Sage nicht, dass die beiden nicht irgendwas miteinander haben. Das sieht doch jeder Blinde.“ säuselte Adrian spitz. „Na ja, T’Gai ist annehmbar.“ meinte Tobias mit zusammengebissenen Zähnen und hatte seine Gabel fest umklammert. Er sorgte sich um Adriana und jeder, der sie schlecht behandeln würde, hätte bald ein großes Problem – da legte Tobias schnell seine ruhige und tolerante Art ab und seine Brummbär-artige Statur ließ alle erzittern – bei dem Tobias’ Bruderherz beschützend für seine große Halbschwester schlug.
„Du weißt, dass ihr eigentlich jeder vernünftige Kerl hinterher schaut. Lass sie es genießen. Wird Zeit, dass sie mal auftaut.“ stocherte Adrian in der Wunde des besorgten Brüderchen und goss ihm und sich demonstrativ langsam und genießerisch Kürbissaft nach. „Das ist es ja. Sie sieht zu gut aus.“ Adrian lachte leise. „Sie lässt nicht jeden an sich ran. Sie steht nur auf intelligente und gewitzte Typen, Tobias. So gesehen hat sie einen guten Geschmack und schlecht sieht er auch nicht aus – schlank, groß, elegante ruhige Art und Gang, sanfte tiefe Stimme und ist Gentleman-like. Was will Frau mehr?“ „Hm…“ kaute sein Bruder sich schon Böses ausmalend auf seinem Schnitzel herum.
Pille hatte das Gespräch mit angehört. „T’Gai ist ein zurückhaltender … ähm … Mensch.“ sagte er und wollte sich an dem durchaus interessanten Gespräch gern beteiligen, denn wann konnte Doktor Pille McCoy schon von sich behaupten, er hätte Spock mal verliebt gesehen oder mit einer Freundin. Dies könnte er ihm noch Jahre später unter die grünblütige Nase reiben. „Da hast du die beiden noch nicht zusammen gesehen, wenn sie glauben allein zu sein?“ säuselte Horace jetzt mit dazwischen und Adrian und Tobias aber auch der Heiler schauten neugierig. „Wieso?“ fragten sie alle drei gleichzeitig. „Na, die vergessen einfach alles, wenn sie zusammen brauen, Verteidigungszauber üben, diese Figuren am See machen und so. Das knistert richtig.“ „Aha.“ meinte McCoy schon mürrischer.
Horace Bart flatterte kurz, als er sich eine zweite Portion vom Essen nahm. „Soweit ich weiß, machen sie gerade ein Entspannungsprogramm, Wellness nennen sie das oder so ähnlich. Eine neumodische Sache.“ Alle Köpfe gingen erneut zum Trankmeister herum, der sein zartes Kalbsschnitzel in die Bratensoße tunkte, um dann genüsslich seinen Gaumen damit zu verwöhnen. Severus legte seine Gabel auf den Teller. Innerlich wurde ihm plötzlich noch schlechter. „Ja, das gehört mit zu diesem Suus Mantra – oder wie das heißt – es dient der Entspannung von Körper und Geist. Sie reiben sich gegenseitig mit Duftölen ein, die in einer bestimmten Reihenfolge aufgetragen werden. Dazu eine ruhige Musik oder sanftes Meeresrauschen und massieren ihre Körper.“ Pille schnaubte. „Akupressur nennt sich das im Genaueren.“ sagte er kalt und die Köpfe gingen wie bei einem Tennisspiel jetzt auf die andere Seite des Tisches, wo Pille bitteren Blickes saß. „Es wird von den mir bekannten Personen, die derartige Übungen machen, nackt vollführt. Man kann dabei vollkommen wegtreten, wenn man es richtig durchführt. Es soll eine ÄUSSERST stimulierende Wirkung haben.“ fügte er orakelnd hinzu und schien sich gewisse Phantasiebilder dazu vor seinem geistigen Auge auszumalen. Severus verschluckte sich, schnappte seinen Becher Kürbissaft und trank ihn hastig in einem Zug aus. Den anderen erging es nicht minder anders.
Tobias stierte zum Heiler. „Nackt?!“ zog er das Wort in die Tiefe. „Ja, Tobias. Du hast richtig gehört, nackt.“ flüsterte sein Bruder mit einem breiten Grinsen in dessen Ohr. Adrian klopfte seinem Bruder dazu demonstrativ auf den Rücken. „He-he, siehst du, sie genießt das Leben.“ „Halt den Mund, Ad.“ keifte Tobias ungehalten. „Was noch?“ blickte er mit seinen graublauen und warmen Augen zum alten kugeligen Slughorn. „Ähm, wie was noch?“ fragte dieser, der sich gar nicht bewusst war, dass er nun wieder der Mittelpunkt neuster Informationen in Sachen T’Gai und Adriana war. „Was machen sie noch?“ klang Tobias Stimme scharf.
Horace gluckste und hippelte mit seiner Körpermasse auf dem Stuhl von rechts nach links. „Nun, also mir ist nichts Genaueres bekannt. Es steht mir schließlich auch nicht zu und so direkt fragen, also das ist nicht höflich, nein das ist es gewiss nicht.“ plauderte er. „Es sind Vermutungen. Beweise habe ich keine. Ich denke, jeder Mensch hat da so seine eigene Phantasie, was er glauben möchte – egal ob die beiden sich nun intensiver kennen oder nicht.“ schwang Horace Slughorns Stimme belanglos und schaute zunehmend gieriger auf die Leckereien, die auf seinem Teller lagen.
Tobias wollte aufstehen, aber er konnte es nicht. Adrian neben ihn saß locker da und hatte seine Mundwinkel weit nach oben geschraubt, dabei aber auf seinen Teller blickend. „Ad, was soll das?“ „Lass sie! Du bist der Jüngste. Sie weiß was sie tut. Oder quatscht sie dir rein, wen du wann abschleppst?“ Tobias sog die Luft scharf ein und sein Blick wurde nur noch eisiger, als plötzlich jemand in schwarzen Roben an ihnen vorbei rauschte und zur Hintertür die Halle eilend verließ. Albus runzelte die Stirn, blickte zu dem Männertratsch-Klub, der sich um Horace gebildet hatte, die jetzt schnell allesamt Unschuldsmienen aufsetzten und sein Schnurbart zitterte kurz. Dann unterhielt er sich mit Poppy, Minerva und Rolanda weiter.
Severus eilte in den 5. Stock, sah von weiten schon die Flügeltüren und in seinem Kopf formte sich das Bild, wie er sie aufsprengte und diesen Hurensohn von Spock zum Fenster hinaus beförderte. Die Türen schnellten auseinander, er blickte hinein und alles war leer. Mit gezogenem Zauberstab, wütend, schwer atmend und auf alles gefasst, stand er da und blickte in das leere Becken, in dem noch kleine kalte Wasserpfützen – jenen für Severus quälenden Rest von dem offenbarte, welch’ Zügellosigkeit hier noch Minuten zuvor gefrönt wurde - waren und seine Nase nahm den wunderbaren Duft von Jasmin wahr. Lustlos und enttäuscht senkte er seine Arme, die verloren an seinem dünnen Körper baumelten. Es klopfte und er drehte sich wirbelnd herum. Albus Dumbledore lugte mit neugierig suchenden und leuchtend blauen Augen hinein. „Hhhmmm, hier riecht es aber gut. Hier muss jemand ein sehr wohltuendes Bad genommen haben, wenn ich mich nicht irre.“ schwärmte er. Severus Augen verengten sich zu Schlitzen. „Wer hat hier denn in so einem wunderbar duftenden Badeschaum gebadet?“ fragte er, als Snape ihn wie auf frischer Tat ertappt anstierte. Albus musterte den Slytherin auf seine Reaktion.
Severus schnaubte und es triefte voller kalter Wut aus ihm die Worte „Wahrscheinlich Schüler und wenn ich sie erwische, dass sie während der Unterrichtszeit…“ „Ach Severus,…“ unterbrach ihn der Schulleiter mit jovialem Ton. „…so sind die jungen Leute eben. Wir haben doch alle schon einmal einen Streich gespielt, etwas Verbotenes gemacht und die Regeln ein klein wenig zurechtgebogen. Das war doch der Reiz an der Sache und es war so prickelnd und aufregend. Nimm es nicht so schwer. Es wird schon gut werden. Habe vertrauen und Geduld.“ zwinkerte er und schloss wieder die Flügeltüren. Severus seufzte. „Nichts wird gut. Man hält mich zum Narren! Sie alle tun es und spotten über mich – hinter meinem Rücken. So war es doch schon immer!“ wettere er innerlich düster vor sich hin und malte alles so schwarz, dass er – Severus Snape – das größte schwarze Einhorn auf Erden zu sein schien. Er drehte sie noch einmal zu dem Becken und die Bilder taten sich ihm auf, die er vor dem Mittagessen gesehen hatte. Doch war ihm T’Gai nicht aufgefallen. ‚Wo war er gewesen?’ Er hatte nur Adriana gesehen. ‚Wer weiß wo er war? Unter Wasser?’ Er wurde knallrot und seine Wut wurde zu purem Hass auf Spock, als seine Phantasie solch enorme Flügel bekam, dass es ihm innerlich beinahe jedweden klaren Gedanken raubte.
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Ein grauer Morgen begann und Harry stand mit hämmernden Kopfschmerzen auf. Er hatte einen Traum gehabt. Einen, von dem er glaubte, er komme nie wieder. Doch jetzt war es so gewesen, als wäre es so passiert und er mochte es nicht, wenn Traum und Realität miteinander verschwommen. Es entriss ihm die Kontrolle, die er so bitternötig hatte, um alles irgendwie eines Tages zu einem Ende kommen zu lassen. Doch welches Ende es war, darüber war er sich im Moment nicht mehr so sicher. Immer häufiger spielte in diesem Traum Voldemort eine Rolle darin. Das ging nun schon den gesamten September so – seit Schulanfang – und er glaubte, dass zunehmender Stress und Druck, die Horkruxe zu finden, den Krieg zu beenden, Voldemort zu töten, all diese wirren Gedanken auslösten, die ihm eine ruhige Nacht raubten.
Er hatte von jemandem geträumt, der durch dicken Schnee stapfend in ein kleines Dorf einkehrte, dort an die Tür einer kleinen Hütte klopfte, in dessen kleinem Wohnzimmer der Kamin ein warmes und rotglühendes Feuer prasselte. Doch dann bedrohte diese Person den Mann, den Harry im Kindesalter bestimmt für den Weihnachtsmann gehalten hätte und tötete ihn sogar. Hier war er aufgeschreckt und hatte realisiert, dass er wiederum in Voldemorts Gedanken gewesen war. ‚Ich denke, er meidet mich, weil er Angst vor Liebe hat, weil es ihn zerstört, schmerzt, Qualen verursacht.’ Harry verstand das nicht. Warum dann hatte er Zugang zu den Gedanken Voldemorts? Er sah auf den Nachtschrank, wollte etwas trinken, doch die Glaskanne war leer. Seufzend schwang er sich aus dem Bett, trat in den kalten Raum, zog sich etwas über, schnappte sich seinen Tarnumhang und stapfte gähnend und mit besonders strubbligem Haar aus dem Jungenschlafsaal hinaus.
In der Küche der Schule, die genau unter der Großen Halle lag, machte er sich einen großen Heißen Tee und ging zurück. Mit einem Zauber, den Duft des Getränkes kaschierend, glaubte er unentdeckt davon zu kommen. Jedoch hielt ihn alsbald eine Hand an der Schulter fest und er schluckte. Die Person hatte ihren Zauberstab in seinen Rücken gebohrt und drängte ihn in einen leeren Klassenraum. Er traute sich nicht, auch nur eine Silbe über seine Lippen zu bringen. Leise klackte die Tür hinter ihm zu. Ein Lumos wurde nonverbal gesprochen und der staubige und ungenutzte Raum erhellte sich. Harry traute sich nicht umzudrehen und er wunderte sich, wie es denn möglich sei, ihn unter dem Tarnumhang erkannt zu haben. Am Tee lag es nicht, den konnte man nicht riechen. „Morgen, Harry. Dreh’ dich um.“ Harry erkannte die kühle Stimme. Langsam drehte er sich ihr entgegen und sah niemanden. Er runzelte die Stirn. Dann nahm sie die Kapuze ihres Umhangs ab und er erblickte sie. Sie hatte genauso einen Tarnumhang wie er. Das verblüffte ihn ein wenig. „Warum schleichst du halb fünf Uhr morgens durch die Gänge?" fragte sie. „Ich hatte Durst.“ sagte er und zeigte auf den riesigen Pott dampfenden Tees. „Hm, der Tee bekämpft nur die Symptome. Die Alpträume hören dadurch nicht auf, die Schmerzen auch nicht.“ sagte sie unspektakulär, als würde sie über den Fahrplan der Londoner U-Bahn reden.
Harry stierte sie an, aber versuchte sich nichts anmerken zu lassen. „Ich habe keine Alpträume.“ sagte er. „Nun, Voldemorts Geist ist für dich wieder zugänglich. Ich bezweifle jedoch, dass er erneut wissen könnte, dass du seinen Gedanken und Gefühlen wieder beiwohnst.“ „Ich weiß nicht was sie meinen.“ wurde er reservierter. Mit einer lässigen Armbewegung stand eine bequeme Couch da und ein Feuer des ungenutzten und verstaubten Kamins war entfacht. Es knisterte flammenfroh vor sich hin. Sie setzte sich und zauberte belegte Brötchen und Heißen Kakao herbei. Nicht ganz sicher, ob er nun einfach gehen sollte oder nicht, blickte Harry sich eine Weile um und blieb schlussendlich an Adriana Spengblass Gesichtsausdruck hängen. Er war unlesbar. Zwar hatte sie nicht jene dunklen Augen, wie Snape, aber auch ihre waren unergründlich. Sie konnten einen lebendigen bis zu einen totbringenden Ausdruck erzeugen, oder gar selbst tot wirken. Es war einfach nur unheimlich und sie ein Mysterium. Aber Harry war neugierig und dies verleitete ihn dazu zu bleiben. Er setzte sich also neben sie und wartete ab, was sie zu sagen hatte.
„Dein Okklumentik-Unterricht war zwar bei Severus Snape nicht erfolgreich, aber die Grundkenntnisse hast du verinnerlicht. Du weißt, wie es ist, wenn jemand mit aller Macht in deinen Geist eindringen möchte. So ein Gefühl ist es nicht, nicht wahr?“ Harry schwieg und Adriana wartete in aller Seelenruhe, bis er zu einer Antwort fand. „Weiß nicht?“ tat er unschlüssig. Sie lächelte, trank etwas Kakao und nahm sich ein Brötchen mit Wurst. Harry widerstand nicht lange und griff auch zu. „Nutze diesen Vorteil, aber sei genauso auf der Hut. Voldemort ist immer noch stark genug, deinen Geist zu penetrieren und nur das, was deine Mutter in dir hinterließ, ist der wirklich real existente Schutz gegen ihn. Provoziere nicht, aber vernachlässige diese Verbindung auch nicht. Nutze sie weise - denke hier wie ein Slytherin und sie wird dir von größerem Nutzen sein, als du denkst.“ sprach sie ruhig. Er aß und hörte zu. „Adriana, nicht wahr?“ fragte er und war sich nicht sicher, ober er sie einfach so nennen dürfte. Doch schließlich war sie im Orden und sprach ihn seit dem Ersten des Monats – insofern sie allein aufeinander trafen – immer mit Du an. „Ja, Harry.“ sagte sie. "Warum bist du ein so kalter Mensch?“ fragte er geradewegs heraus.
Er merkte, dass ihr die Frage unangenehm schien, sie aber nicht ausweichen wollte. „Nun, vielleicht liegt es daran, dass ich jahrelang mehr schlechte als gute Seiten im Leben erfahren habe. Es ist eine Art Schutzmantel, so wie dein Tarnumhang, verstehst du?“ Harry nickte leicht. „Ja, ich glaube schon. Aber die dunklen Flüche, warum nutzt du sie so brutal?“ Jetzt hob sie eine Augenbraue. „Es ist etwas, was mit dem eigenen Gewissen vereinbart werden muss, wie weit man bereit ist zu gehen, ohne auf die dunkle Seite zu wechseln. Es ist eine Frage der Moral und wir und noch viele nach uns, könnten sich darüber unendlich lange auslassen. Im Endeffekt geht es nur um Macht. Doch nicht jeder Zweck heiligt alle Mittel. Es gibt Grenzen und ich gehe einen sehr dünnen Pfad entlang. Eifere mir nicht nach, hörst du! Gehe deinen eigenen, den du auch gehen möchtest.“ Harry trank seinen Tee und ein Schauer lief ihm über den Rücken. „Nur Macht existiert wirklich. Etwas anderes ist nicht von Bedeutung. Das sagte Voldemort auch einmal zu mir.“ und seine Stimme klang fremd, kalt und angewidert. „Alles unterliegt dem Kreislauf der Dinge – der Evolution. Manche nutzen die Macht der Liebe, manche die Macht des Bösen. Andere wiederum nur Macht, aber verpflichten sich moralisch korrekt zu handeln. Und selbst aus Liebe kann Hass entstehen. Aber das schlimmste ist, wenn Gleichgültigkeit herrscht. Das ist meines Erachtens unverzeihlich.“ Harry verstand ihre Worte nur teilweise.
Adriana seufzte leise. „Hm, aber wenn Voldemort nur reine Macht nutzt, was nutzt du dann?“ fragte er etwas unsicher. „Er glaubt nur reine Macht zu nutzen. Doch was macht er daraus? Welchen Zweck verfolgt er, wenn sein Fundament der Macht sich auf Dunkelheit, Hass und Intoleranz, Verachtung der Evolution gegenüber aufbaut? Umfasst das die gesamte Macht? Oder ist es doch wieder nur ein Teil des Ganzen?“ „Keinen guten zumindest.“ „Ja! Er baut etwas auf dem Status Quo auf und will diesen auch halten: Verderben, kein Fortschritt, tote Menschen, Unterdrückung, Herrschsucht – ohne die Regeneration zuzulassen. Nichts kann neu geschaffen und zu Leben erweckt werden, wenn es den Tod ignoriert.“ Sie lachte bitter und Harry grübelte über ihre Worte. „Schon komisch, dass er dabei den Tod so sehr fürchtet, wenngleich er genau auf dem Pfad der Nemesis wandelt und diesen durch sein Tun und Streben immer mehr befestigt. Dabei ist Evolution – Leben so schön, wenn man Geburt und Tod als eine differente Beschreibung ein und desselben Zustandes sieht.“ und sie bekam eine verträumten Blick.
Harry seufzte und nahm sich ein zweites Brötchen. „Geburt und Tod?“ fragte Harry. „Ja, so in etwa. Geburt - Leben - Tod. Der Kreislauf ist der Schlüssel. So wie ein Ourobos und ein Phönix auch ein Teil dieser wunderbaren Magien sind. Fawkes kennst du ja, oder?“ Er nickte und dachte daran, wie er ihn einmal in Flammen hatte aufgehen sehen und daraus ein Küken aus der Asche wieder auferstanden war. Sie stand auf und schritt gleitend sanft zur Tür hin. Harry war auch aufgestanden und sah ihr verwundert nach. Sie hatte bei diesem – auf ihn so seltsam wirkenden Gespräch – irgendwie etwas Luna-haftes an sich gehabt. „Woher hast du so einen Umhang?“ fragte er, als sie ihre Kapuze wieder überzog und darunter verschwand. „Och, der ist schon lange in unserem Familienbesitz, wenn man den Aussagen meiner Eltern Glauben schenken mag. Aber vielleicht hat er sich auch nur zu uns verirrt. Das weiß wohl keiner mehr so genau. Jedenfalls hüten wir beide wohl dieses Geheimnis, dass keiner erfährt, wie gut sie doch gearbeitet sind, nicht wahr?“ Sie schloss die Tür hinter sich.
Mit gemischten Gefühlen kam Harry zurück im Jungenschlafsaal an. Kaum, dass er sich wieder hingelegt hatte, erklang ein „Pst.“ Harry drehte sich um. Ron war munter und schaute neugierig zu ihm. „Wo warst du?“ fragte er. „Ich konnte nicht schlafen und war in der Küche. Ich hatte Durst.“ „Durst? Hast du auch was zu Essen mitgebracht?“ fragte er gähnend mit verwuscheltem Rotschopf. „Nein, Ron. Leider nicht.“ „Hm, schade.“ und mit halb geschlossenen Augenlidern drehte sich Ron wieder um und schlief weiter.
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Adriana übte mit Neonas jetzt jeden Morgen in ihrem Schlafzimmer die Meditationen und beide machten enorme Fortschritte. Spock und Snape übten in Snapes Wohnung. Als Horace noch vor dem Frühstück auf dem Weg zu Severus war – er brauchte dringend Schrumpelknöterichwurzeln – hörte er ein lautes Zischen und einen Knall. Zuerst glaubte er, es sei aus Severus Privatlabor gekommen, welches ja gegenüber der Wohnung des Slytherins lag. Doch weitaus gefehlt. Das Geräusch hatte seinen Ursprung in der Wohnung selbst. Horace war alarmiert, seine Stirn wurde schwitzig. Schnell wischte er sich sein Gesicht mit einem Taschentuch ab und murmelte etwas wie. „Lass es nur nichts Ernstes sein.“ und wollte mit gezogenem Zauberstab gerade anklopfen, als die Tür aufschnellte und ein zornfunkelnder T’Gai Spock heraus eilte.
„T’Gai, du …?“ legte Horace mit rätselhaftem Blick sein Gesicht in fragende Falten und lugte dann vorsichtig in den Raum hinein. Severus war wie ein Päckchen zusammengeschnürt worden und lag auf seinem dunkelgrünen Teppich, der vor dem Kamin war. „Severus?“ fragte Horace und trat näher. „Was machst du denn nur für Sachen.“ und löste den Zauber. Snape herrschte wütend hoch, seine Augen erstachen Slughorn förmlich und er schnaubte wild. „Alles, alles Ok?“ fragte Horace. „Ja!“ wehte Snape bitter und eisig auf den kleinen runden Mann zu. Horace lachte mit schwabbeldem Bauch. „Ok, wenn du so drauf bist, ist für deine Verhältnisse wirklich alles in Ordnung. Ich bräuchte bitte etwas Schrumpelknöterichwurzeln – getrocknete wenn es geht. Hast du welche da?“ Severus sog die Luft scharf ein, als könnte es seine Laune verbessern. Er nickte nur und rauschte zu seinem Privatlabor.
Watschelnd tapste Horace gemütlich hinterher. „Ihr versteht euch nicht wirklich, oder?“ fragte Horace. Severus presste die Lippen zusammen und suchte die Wurzeln. „Warum gehst du nicht offen auf sie zu und sagst ihr einfach, dass…“ Schnell ging der Kopf zum Tränkemeister herum. Snapes fettiges Haar klebte ihm im Gesicht. „Unterstehe dich, dich in mein Privatleben einzumischen.“ zischte er. „Ist ja gut. Dein Ehrgeiz in allen Ehren, aber hier scheinst du es mit Verbissenheit zu verwechseln, Severus.“ Snape presste dem alten Mann ein Glas mit den Wurzeln auf die Brust. Im Hinausgehen meinte Horace – mit einem verschmitzten und recht amüsierten Blick – „So Zaghaft sanft und einfühlend, wie du mit den dunklen Künsten umgehst oder dem Rührstab im Kessel, solltest du auch Frauen behandeln und sie werden es dir danken.“ zwinkerte ihm zu und huschte gemächlich davon. Severus schlug mit der Faust auf einen Tisch. Er kochte innerlich.
Er hatte einen vagen Gedanken erfasst gehabt, indem er sah, wie Spock und Adriana gemeinsam aneinander gekuschelt dalagen. Spock lachte und sie ihn mit so lebendigen Augen ansah, dass seine Eifersucht zu einer hasserfüllten Explosion führte und er Spock den Legilimens aufzwingen wollte, dieser sich jedoch geschickt gewehrt hatte. Das Ergebnis war jenes, was Horace vorhin auf dem Teppich in Severus Wohnung gefunden hatte. Und wieder spotteten sie ihm alle – ihm Severus Snape!
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Die eingeschworene Clique der DA saß im Gryffindor-Gemeinschaftsraum und hatte gewartet, bis die restlichen Schüler in ihren Räumen waren. Es waren dieses Jahr so wenige Schüler zurückgekehrt und einige verließen nach weiteren Vorfällen in Großbritannien – aus Sorge ihrer Eltern – die Schule. Nur wenige hielten die Stellung. Es war offensichtlicher denn je, dass ein magischer Krieg in Großbritannien herrschte. Die erste Schulwoche neigte sich dem Ende zu und ganze 12 Schüler hatten es sich doch anders überlegt und waren wieder von der Schule gegangen.
Harry lief nervös auf und ab. Er überlegte fieberhaft. „Also ich finde es gut, dass Dumbledore sich mit diesen Assistenten, also Tutoren, Verstärkung geholt hat.“ Sagte Ron. „Ja, ich auch. Ms Spengblass unterrichtet sehr praxisnah.“ Fügte Hermione an. Harry grummelte etwas. Hermione musterte ihn. „Komm, sag‘ es. Ich weiß, was du denkst.“ Er blickte stur. „Sie ist eine…“ „Slytherin…“ fiel sie tonlos in seine Worte. „Und? Was macht das schon. Du selbst sagtest, dass sie die Todesser sehr gut in Schach gehalten hat, als sie dich mit begleitete.“ „Aber es ist doch schon komisch, dass sie Zaubertränke und Verteidigung unterrichtet und das als Slytherin.“ Mahnte Ron. „Glaubst du… pfff…“ verschränkte Hermione die Arme vor der Brust. „Mine, es ist doch schon komisch. Sie ist kalt, arrogant und steht Snape in Nichts nach. Slughorn lobt sie mehr als mich und sie ist eine Slytherin und sie selbst gab mir gegenüber zu, dass sie dunkle Flüche abgibt. Sie versuchte es beinahe zu rechtfertigen.“ Gab Harry jetzt fest an. „Genau, weil sie eine Slytherin ist, gehen ihr alle auf den Leim.“ Fügte Ron an. „Ihr spinnt doch. Dumbledore würde niemals jemanden hier her kommen lassen, dem er nicht vertrauen könnte.“ hielt sie energisch dagegen. „Und der falsche Moody? Quirrel?“ fragte Harry scharf und hob eine Augenbraue. Sie blickte weg.
Ron seufzte. „Versteh‘ doch. Da muss was faul sein. Dieser Spock ist auch nicht viel anders.“ „Was?“ riss Hermione die Augen weit auf. „Hey, nur weil er in der Bibliothek arbeitet, dir immer hübsch sagen kann, wo du welches Buch findest, heißt das nicht gleich, dass er ein Heiliger ist.“ Brummte Ron recht säuerlich. „Er ist eben sehr intelligent.“ Hob sie die Nase. „Ah, intelligent und? … Noch lange nicht mutig!“ Wurde Ron regelrecht bissig zu ihr. „Hört auf, streitet euch woanders.“ Warf Ginny ihnen ein Kissen dazwischen, als sich beide zornig anfunkelten. Sie war gerade hereingetreten und lächelte Harry an. Er lächelte etwas zurück, aber schaute sogleich woanders hin.
Neville schaute von seinem Buch auf. „Du willst also die DA endlich wieder aufbauen?“ fragte er und seine Augen strahlten heimlich. „Ja, das ist das Beste.“ Sagte Harry überzeugt. „Aber die Assistenten, sie könnten uns vieles beibringen?“ hielt Hermione energisch dagegen. „Natürlich können sie das. Aber dann wissen sie genau, was wir drauf haben. Somit spielen wir ihnen in die Hände.“ Klang Harry mehr als misstrauisch. Hermione sprang auf, ballte ihre Fäuste. „Harry! Du klingst schlimmer wie Snape. Du denkst doch nicht wirklich, dass die Tutoren sich gegen uns stellen. Du schließt von Ms Spengblass auf andere, so wie Snape von deinem Vater auf dich schließt und du weißt, dass du nicht dein Vater bist, sondern du selbst.“ Schrie sie. Ginny sagte nichts, Ron klappte der Mund auf, aber er entschied ihn wieder zu schließen und Neville nickte kaum deutlich. Dean schaute nur verwirrt hin und er, als Harry zuerst seine Freundin und dann alle anderen der Reihe nach anschaute, als wolle er Unterstützung suchen. Seamus räusperte sich leise und steckte seinen Kopf mit bei Pavarti in die Hausaufgaben hinein.
„Wir müssen vorsichtig sein.“ Sprach er dunkel. „Vorsichtig, ja. Aber auch an der richtigen Stelle. Es bringt nichts, wenn wir uns wieder gegenseitig aufreiben. Du kennst die Worte, die Dumbledore am Ende des 4. Schuljahres gesagt hat. Voldemort weiß die Menschen zu spalten.“ Klang sie erinnernd und mahnend. Ihre Lockenpracht wippte bei ihren Worten energisch hin und her und Ron stierte zu ihr auf. „Das wissen wir doch, Hermione. Es ist doch nur…“ griff er nach ihrer Hand, um sie zu trösten. „Ach, Ron. Lass mich!“ sagte sie kalt und ging die Treppen in den Schlafsaal hinauf. Neville klappte nach einigen Momenten das Buch laut zu und stand auf. „Also ich bin dafür, dass wir die DA wieder aufbauen. Aber Harry, du sagtest, dass du besondere Aufgaben wahrnimmst. Nun, dann nimm sie wahr und lass Ginny und mich die DA aufbauen, aber auch auf unsere Art und Weise.“ Harry blickte Neville leicht verworren an. Noch nie hatte er diese Entschlossenheit in seinem Schulkameraden gesehen. Doch die letzten Wochen hatten derartiges schon vermuten lassen. Neville wurde immer ungehaltener, immer mutiger, wollte etwas riskieren, seinen Stein zum Widerstand beitragen.
Harry überlegte. Ron zuckte mit den Schultern. „Es klingt ganz passabel.“ Murmelte er. Harry nickte nach weiteren Momenten des Schweigens. „Ja, vielleicht ist es besser so.“ gab er kraftlos zu, wenngleich er diese Niederlage als schmerzlich empfand. Ginny trat an ihn heran. Er schaute sie zögernd seitlich an. Sie lächelte und er nickte auch zaghaft lächelnd. „Wir alle schaffen das. Du weißt, dass wir beide nicht zusammen einen Weg gehen können – nicht jetzt. Aber wir haben die gleichen Ziele. Du, Ron und Hermione ihr erfüllt Dumbledores Auftrag und Neville und ich kümmern uns um die DA.“ Sie schaute ihn erwartungsvoll und zuversichtlich an. „Ja, ich weiß.“ Murmelte er und griff nach ihrer Hand. Sie lächelte und er zurück. „Und ihr zieht die Assistenten mit ein?“ fragte er sich noch einmal vergewissernd. „Ja, das tun wir, Harry.“ „Auch die Spengblass?“ fragte Ron leicht abwertend. „Ja, auch sie, Ron.“ Bebte Ginnys Stimme. Er verleierte die Augen. „Schon gut, Schwesterchen.“ Winkte er ab. Erzürnt wurden ihre Lippen schmal. „SCHWESTER!“ wiederholte er harsch. „Schon besser.“ Meinte sie etwas schnippisch und ging nun auch in den Mädchenschlafsaal. „Weiber.“ Flüsterte Ron heimlich. Harry lachte leise.
Neville, der auch zu Bett gehen wollte, wurde von Harry zurückgehalten. „Neville…“ „Lass mal, Harry. Ich weiß zum ersten Mal, was ich tue und das ich das Richtige tue und das ich es auch kann.“ Klopfte ihm auf die Schulter und ging die Treppen hinauf, genauso Seamus und Pavarti. Dean blieb sitzen und sagte nichts. Keiner hatte sich bis jetzt getraut ihn auf seine Eltern anzusprechen und Dean wollte es wohl auch noch nicht. Harry dachte, dass sein Kamerad einfach nur hier sein wollte, um sich abzulenken, was nicht ging, aber er versuchte es. Er würde schon von allein ankommen und reden wollen, oder?
Ron stierte ins Feuer. „Ob das gut geht, Harry?“ Dieser riss sich aus seinen Gedanken, warf sich neben ihm auf die Couch und blickte auch ins Feuer. „Keine Ahnung. Aber irgendwie haben sie recht. Wir haben so viel um die Ohren mit den Horkruxen, sie zu finden und Dumbledores Anweisungen zu folgen, dass wir selbst keinen Unterricht geben könnten.“ Flüsterte harry seinem Freund ins Ohr. Ron nickte. „Du hast nicht die Zeit.“ „Wir, Ron. Wir drei haben sie nicht.“ „Aber…“ „Nein, wir drei werden gemeinsam losziehen und die anderen hier alles wappnen.“ „Ja, das werden wir – gemeinsam.“ Wiederholte Ron.
Zum ersten Mal gestand Harry es sich ein, dass er nicht länger allein kämpfen konnte. Er war immer dieser Frage und auch Entscheidung aus dem Wege gegangen. Ron und Hermione hatten noch nichts dazu gesagt, aber dass die beiden immer ihre Köpfe zusammen steckten, wenn er bei Dumbledore Unterricht hatte und dann so taten, als wäre nichts, wenn er zurück kam, war ihm nicht entgangen. Mit einem stolzen Blick klopfte Ron Harry auf die Schulter. „Nacht, Harry.“ sagte er und ging.
Noch eine halbe Stunde saß Harry da und wollte gehen als Dean plötzlich ein Gespräch anfing. „Sie haben sie hochgebombt – ohne Vorwarnung. Das ganze Haus liegt in Schutt und Asche.“ sagte er tonlos. „Ich… ich bin froh zu wissen, dass wir weitermachen. Ich bin auch froh, dass wir die Tutoren haben, die kämpfen – um jeden Preis. Und ich bin froh, dass es solche wie Ms Spengblass gibt, die furchtlos ihren Job machen, ohne darauf zu achten, ob sie selbst lebendig davon kommen.“ wurde seine Stimme immer kräftiger, als spreche er sich so selbst Mut zu. Harry nickte etwas. „Jetzt wo Mad Eye Moody nicht mehr ist, muss doch einer seinen Part übernehmen oder nicht?“ warf Dean sarkastisch trocken hinterher. Seine Augen – traurig und verloren wirkend – suchten in Harrys Bestätigung. „Ja, Dean. Aber alles hat auch seine Grenzen.“ „Du überschreitest sie auch des Öfteren.“ meinte Dean und ging zu Bett. Das war ein Schlag. Es war Harry nie aufgefallen, aber er hatte Recht und dies stieß ihm bitter auf. Niedergeschlagen suchte auch er jetzt etwas Ruhe.
~oOo~
Die ersten Verteidigungsstunden stand am nächsten Morgen – dem ersten Donnerstag im September – gleich nach dem Frühstück dem siebten Jahrgang der Gryffindors und Slytherins bevor. Man hatte den Unterrichtsplan so gelegt, dass sie vier Stunden am Stück – also zwei Doppelstunden – absolvieren sollten. Harry, Ron, Hermione, Neville, Dean, Seamus und Pavarti waren die einzigen Gryffindors in ihrem Jahrgang. Die Slytherins standen noch viel schlechter da. Pansy Parkinson, Theodor Nott und Blaise Zabini waren die einzigen Schüler ihres Hauses. Crabbe und Goyle fehlten und Malfoy galt als verschollen. Milicent Bulstrode war auch weit und breit nicht zu erblicken. Die Gryffindors standen schweigsam da und wunderten sich, wie wenige die Slytherins doch waren – ganze 3 Mann – und die Slytherins blickten zusammenstehend betrübt und starr auf den steinernen Fußboden vor sich.
Snape rauschte um die Ecke. Sein Blick war stetig kühl und wie in Stein gemeißelt, seine Augen dunkel und auf die Gruppe von Schülern fixiert. Er öffnete schweigsam, ohne jemanden auch nur einen Blick zuzuwerfen, den Klassenraum und blieb vor diesem stehen. Alle marschierten brav hinein und nahmen schweigend Platz. Die Tür klackte leise ins Schloss und er begab sich mit typisch wehendem Umhang direkt zu seinen angestammten Platz am Lehrerpult. Harry lunzte verstohlen zu ihm, die anderen Gryffindors genauso. Nur die Slytherins blieben ruhig und stumm, geradezu wie festgewachsen auf ihren Stühlen, taten unbeeindruckt und wirkten teilnahmslos.
Am Lehrertisch angelangt, blätterte der Professor durch ein Buch, hob eine Augenbraue und klappte es dann laut zu. Er blickte jetzt auf und schaute jeden einzelnen an – nur für kurze Augenblicke. Ein eisiges Schweigen hatte sich im Raum ausgebreitet und festgesetzt. Man hörte den Herbstwind leise durch die Fensterritze pfeifen und es übertünchte die neugierigen Gedanken der Gryffindors, was wohl dieses Jahr zu erwarten sei, als diese lauthals Fragen schrien. Nicht wenige waren wie ‚Wird er uns sagen, wie wir die Todesser wirklich bekämpfen können? Wird er als Mitglied des Ordens uns besondere Tipps geben? Steht er auf Seiten Voldemorts?’
Die grausigen Gestalten in den Bilderrahmen jammerten oder stöhnten markerschütternd vor sich hin und verdeutlichten nur allzu fürchterlich, die starke Präsenz des Krieges und die Folgen, wenn man in die Hände von Voldemorts Scharen geriet. Dann zog Snape seinen Zauberstab und seine Augen funkelten kurz auf, während seine Lippen eine hämisch überheblich wirkende Welle der Genugtuung vollzogen. Er spielte mit ihm zwischen seine Fingern. „In diesem Schuljahr – ihrem Letzten wohlgemerkt –…“ und das Funkeln seiner tiefdunklen Augen wurde größer als er Harry kurz ansah „…werden wir uns auf jene Verteidigungs- und Angriffszauber konzentrieren, die sie im Falle eines Angriffes von dunklen Mächten in Form von Todesserangriffen unverhofft zu erwarten haben.“ klang seine Stimme tief und samtig leise durch den Raum. Neville schluckte und seine Hände verkrampften in seinem Umhang unter dem Tisch.
Wieder blitzten Snapes Augen kurz auf als er Nevilles eingeschüchtertes Gesicht bemerkte. „Schlagen sie ihr Buch auf Seite 269 auf. Lesen sie das Kapitel, verinnerlichen sie es und machen sie sich entsprechend Notizen dazu.“ Dann setzte er sich und begann mit seiner Feder, vorgebeugtem Gesicht und tiefhängenden schwarzen Haaren auf ein Pergament zu kritzeln.
Verwundert sahen sich die Gryffindors an und die Slytherins stöhnten leise, aber fingen an das Kapitel durchzulesen. Ron blätterte das Kapitel bis zum Ende mürrisch dreinschauend durch. „Das ist Wahnsinn. Da ist die gesamte erste Doppelstunde hinüber.“ flüsterte er. Hermione hob die Augenbrauen und Harry schnaubte leise. „Und wenn es geht noch einen Riesenstapel Hausaufgaben geben.“ brummte er. Snape blickte scharf auf. „Haben sie irgendetwas zu verkünden, Mr Potter?“ fragte er tieftriefend. „Sir, warum arbeiten wir nur Theorie aus? Die Praxis ist doch viel wichtiger.“ und er starrte den Lehrer an. Snape starrte zurück.
Er legte die Feder langsam zur Seite, faltete seine Hände ineinander und legte sie auf dem Pult ab. Alles geschah wie in Zeitlupe. „Wenn sie nicht wissen, womit sie es zu tun haben, wie wollen sie darauf entsprechend wirksam und schnell reagieren?“ fragte Snape leise und gedehnt. „Ich lasse mir eben etwas einfallen.“ antwortete Harry prompt. Snape grinste böse und Harry bemerkte, wie hitzköpfig er wieder einmal war. Bei allen Dingen konnte sein Verstand mitarbeiten, ging es jedoch um Snape, so hatte er ein rotes Tuch vor den Augen, das so dick wie ein Brett war. „Dann erklären sie mir, wenn sie angeblich so einfallsreich und geschickt sind, warum sie nicht nur sich - was kaum zu bedauern ist, bei ihrer Überheblichkeit - sondern und vor allem andere Menschen ständig sinnlos in Gefahr bringen?“ Harry funkelte ihn böse an und die drei Slytherins grinsten breit. „Erklären sie mir das doch bitte, Mr Potter.“ Harry schwieg mit malmendem Unterkiefer.
Snape fuhr vollster Zufriedenheit fort. „Ihre angebliche Aufopferungsbereitschaft und heldenhafter Mut scheinen eher von gefährlicher Natur zu sein, als von schützender und nützlicher, oder nicht?“ Snape siegessicherer Blick, der auf seinem Stuhl am liebsten aufgesprungen wäre, würde Hermione ihn nicht an seinem Unterarm gepackt haben, bohrte sich in Harrys grüne Augen, die vor Zorn regelrecht glühten. Doch er sagte nichts und fing an weiter im Buch das Kapitel zu lesen, Snape ignorierend. Dieser hob nun nach dem Motto Ich-hatte-wieder-und-wie-immer-einmal-recht beide Augenbrauen und widmete sich dann seinem Pergament und krakelte weiter.
Mit müden Augen, vor denen die Zeilen mittlerweile verschwommen und verkrampften schmerzenden Fingern die Zeile für Zeile aus dem Buch abschrieben, legten die SChülr stöhnend und ächzend ihre Federkiele zur Seite. Nach den zwei Stunden blickten alle auf und Snapes Blick huschte nur kurz zu den Schülern hinunter. Ohne sein eigenes Schreiben zu unterbrechen, gab er nur beiläufig ein "Das war's, die Stunde ist beendet." Alle räumten ein. Nur Hermione war verwirrt. Sie öffnete bereits den Mund, aber Ron zog sie sofort am Arm mit hinaus. Ihr klappte der Mund wieder zu.
Als alle draußen waren und die Tür zu, grinste Snape kurz breit. Doch dann trübte sein Blick sich merklich ein. Er lehnte sich zurück und rieb sich kurz den Nasenrücken. Er starrte durch den leeren Klassenraum, schielte auf das Pergament, tippte mit der Feder neben dem Blatt aufs Pult. Einige Minuten herrschte jene rhythmisch klackende Stille. Er sog plötzlich die Luft scharf ein. Dann wurde sein Gesichtsausdruck immer finsterer. Harsch schnellte er hoch und wehte mit einem Gang zwischen stakseliger Spinne und gleitender Schlange aus dem Zimmer hinaus.
Er klopfte an. "Herein." sagte eine Stimme tief und ruhig. Snape trat ein und blickte auf den großen Schreibtisch, hinter dem Albus Dumbledore in tiefem nachtblau schimmernden Roben saß, die verschiedene Muster von Palmenblättern in grün mit silbernen Lianenschlingen als Stickmuster hatten. Er hatte mehrere Dokumente und einige Muggelzeitungen vor sich liegen und schien sie sorgfältig zu studieren. "Severus, wie läuft der erste Schultag mit dem 7.Jahrgang und Verteidigung?" fragte er munter und neugierig. "Wie man es nimmt, Sir." sprach er etwas provokativ.
Dumbledores Blick verharrte auf Snape und wurde von fröhlich zu ernst. Er nahm seine Lesebrille ab, legte sie auf den Stapel Tageszeitungen und schaute wieder zu Snape. "Severus, wir hatten heute Morgen bereits diese Diskussion." Severus schnaubte verächtlich. Der mahnende Blick des Schulleiters ließ Snape nicht davon ab, es hier und jetzt noch einmal zu versuchen. "Warum?" fragte er stoisch. Seine Augen klebten förmlich an seinem Mentor. "Weil du genug und viel Stress hast. Voldemort verhält sich laut deinen Beschreibungen sehr merkwürdig und..." Albus seufzte leise. Severus wurde etwas ungehaltener. "Herr Direktor" begann er zwanghaft ruhig, aber Dumbledore hob seinen linken Zeigefinger und tippte sich auf seine Lippen. "Pscht." Severus biss seine Zähne und zog die Augenbrauen zusammen.
"Bitte verstehe, dass ich aufgrund deines Verhaltens Adriana und T'Gai gegenüber und auch Tobias - du hast ihm heute Morgen den Stuhl im Lehrerzimmer weggezogen, als er sich setzen wollte - ich es nicht gutheißen kann, dass du in diesem Zustand auch noch praktischen Unterricht in dunkler Magie gibst." Jetzt glitzerte es gefährlich in Snapes Augen. "Sir, sie gaben mir diesen Posten, um die Schüler darauf vorzubereiten, was sie da draußen erwartet." ereiferte sich lauter. Albus nickte und Snape runzelte die Stirn. "Ja, aber ist dir schon einmal aufgefallen, wie du dich in letzter Zeit verhältst? Du hast nicht mehr jene Kontrolle wie es sein sollte. Daher ist es besser, wenn du dich voll und ganz auf deine Spionagetätigkeit konzentrierst." Severus Augen weiteten sich. "Was heißt das genau?" Albus hatte plötzlich mit leuchtblauen Augen kleine feine Grübchen und Severus atmete lauter und ungehaltener. "Du wirst allein in Theorie unterrichten und Ms Spengblass..." "Nein!" rief Severus und ballte seine Fäuste.
Der sanfte Blick verschwand auf Albus Gesicht. "Severus, bitte." meinte er. Severus drehte sich zur Seite weg. Er suchte den Blick nach draußen, um seinen Zorn und seine Schmach die er gleichzeitig in sich fühlte, nicht dem Schulleiter entgegen zu schleudern. Langsam stand der alte silberbärtige Mann auf und begab sich zu dem Slytherin. "Du reagierst über und du weißt, dass Mr Nott es gewiss seinem Vater stecken wird, wie der Unterricht bei dir läuft." Snape wusste, was Dumbledore meinte. Dennoch hätte selbst sowohl die Theorie als auch die Praxis unterrichten können und auch sollen. „Also, auch die jetzige 2. Doppelstunde wird nur Theorie sein.“ Ja, Sir.“ Zischte Snape.
Jetzt drehte sich der Tränkemeister seitlich zum Schulleiter. Nur schwer kam er von seiner Aufgebrachtheit und verletztem Stolz herunter. "Ich kann beides und möchte auch beides unterrichten?" "Sicher?" fragte Albus mild. In einem flinken Wirbel drehte sich Snape direkt in Dumbledores Augen blickend um. Er stierte an. "Ja, Sir, ich bin mir vollkommen sicher." Aber der Schulleiter schüttelte den Kopf. "Du konzentrierst dich auf das Suus Mahna." "Aber wieso?" Albus blickte auf diese Frage hin seinen Schützling merkwürdig an. Snape rollte mit den Augen. Er merkte selbst, dass er wie ein Kleinkind klang. "Ok, deine Mission ist wichtiger denn je. Berichte mir einfach alles, was du siehst. einfach alles was in den Kreisen Voldemorts vorgeht." Snape nickte. "Du weißt, dass ich mir immer Sorgen mache, wenn du dich dorthin begibst." klang er jetzt wieder väterlich. Snape nickte mit gesenktem Kopf und fettigen Haaren vor dem Gesicht. Als Albus ihn kurz auf die Schulter klopfte, drehte sich Snape nur um und ging hinaus, ohne seinen Mentor noch einmal angesehen zu haben.
Etwas enttäuscht blickte Albus hinterher. Er wusste, wie sehr sich Severus auch jedesmal bemühte, er immer wieder an sich scheiterte. Nicht, weil ihm andere Steine in den Weg legte - diese gab es meist nicht - aber weil er sich selbst der größte Stein durch seine Verbissenheit und Engstirnigkeit war. Severus Snape konnte nie über den eigenen Schatten springen, außer es ging um jene Person, die er bis heute nachtrauerte.
TBC
~o~o~o~
Sorry, dass es so lang wurde...
Nächtes Kapitel: 'Es geschah im September!
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