
von ChantalMoody
Den nächsten Tag verbrachte ich überwiegend damit, meine Räume wohnlicher einzurichten. Meine Kleidung war schnell im Schrank verstaut. Auch meine Bücherregale blieben nicht lange leer, denn ich hatte natürlich alle meine Bücher mitgebracht, obwohl ich mit Sicherheit auch die Bibliothek von Hogwarts ausgiebig benutzen und manche Unterhaltung mit Irma Pince führen würde. Danach begann ich meine Bilder aufzuhängen. Ich besaß eine Menge Zauberfotos aus den verschiedenen Stationen meiner Vergangenheit. Einige waren noch aus meiner eigenen Schulzeit in Hogwarts. Fast alle zeigten vier Jungen, manchmal auch zusammen mit mir. Das waren meine alten Schulfreunde: James, Sirius, Peter und Remus, auch als die Herumtreiber bekannt. Ja, damals waren wir noch jung und unbekümmert gewesen, ohne zu ahnen, was uns noch bevorstehen würde. Und jetzt war von uns fünfen nur ich noch übrig. Weitere Bilder: Die Jungen mit ihren Freundinnen. Papa, noch bevor er alle diese schrecklichen Verletzungen davongetragen hatte. Ich mit Fabian, meiner ersten großen Liebe. Fabian mit seinem Bruder Gideon. Der erste Phoenix-Orden. So viele von diesen Leuten waren schon lange tot...James mit Lily und Harry. Remus, als Erwachsener. Auch er hatte vor ein paar Jahren diese Räume hier bewohnt. Aber auch er konnte nur für ein Jahr bleiben, weil sein so lange gehütetes Geheimnis ans Licht kam. Remus mit Tonks. Wie sehr hatte ich mich darüber gefreut, als sie geheiratet hatten. Und nun war nur noch ihr kleiner Sohn Teddy da. . Und all die Bilder von Fabienne natürlich, aus allen Abschnitte ihres Lebens. Nur vom letzten Jahr gab es keine Bilder, da sie das vergangene Schuljahr in Frankreich verbracht hatte, wir uns wegen der Gefahr, dass Eulen abgefangen wurden, nicht schreiben konnten. Aber wenigstens war diese Gefahr nun vorbei, und Fabienne schrieb regelmäßig fröhliche Briefe.
Ich schüttelte diese traurigen Gedanken ab, während ich weiter meine Bilder aufhängte. So, nun sah alles doch schon viel besser aus. Ich konnte mich aus meiner eigenen Schulzeit noch gut daran erinnern, dass diese Räume bisher in jedem Schuljahr anders ausgesehen hatten. Denn jedes Jahr hatte jemand anderes hier gewohnt, und jede Lehrkraft hatte ihren eigenen Geschmack. Aber da meine Chancen gut standen, dass ich mehr als nur ein Jahr bleiben würde, würde ich wahrscheinlich für längere Zeit die letzte sein, die diesen Räumen ihren Stempel aufdrücken würde. Ich stellte meine Antiobskuranten auf, wobei ich unwillkürlich an das Arbeitszimmer meines Vaters denken musste. Auch er hatte solche Geräte besessen, eine wesentlich größere Sammlung als meine. Als letztes räumte ich noch meinen Schreibtisch ein, denn dort würde ich einen großen Teil der Zeit außerhalb der Unterrichtsstunden verbringen, denn ich musste hier nicht nur meinen Unterricht vorbereiten, sondern schrieb auch an einem Buch.
Das letzte, was ich auspackte, waren zwei Kästchen, die ich in meinen Schreibtisch stellte. Das erste war randvoll mit Briefen, die ich im Lauf von Jahren erhalten hatte. Viele davon stammten noch aus der Zeit, als ich noch selber Hogwarts-Schülerin war. Ich seufzte. Nun würden wohl keine Briefe mehr hinzukommen, denn von den Personen, die mir regelmäßig geschrieben hatten, lebte nicht eine mehr. Das zweite Kästchen enthielt nur wenige Briefe, von denen die meisten von Fabienne stammten. Auch einige wenige von meinen Halbbrüdern Pierre und Frederic waren dabei. Die Entfremdung zwischen ihnen und mir war zwar nicht mehr gutzumachen, aber wenigstens schrieben wir uns inzwischen mehr oder weniger regelmäßig.
Nachdem ich mit der Einrichtung meiner Räume fertig war, entschloss ich mich, noch einen Spaziergang auf den Ländereien zu machen, denn bis zur Ankunft der Schüler war noch Zeit. Ich wollte einfach noch nur sehen, ob sich seit dem letzten Mal, als ich unter anderen, schrecklichen Umständen hier gewesen war, irgend etwas verändert hatte. Aber nichts schien zunächst mehr auf die entsetzliche Schlacht um Hogwarts hinzuweisen. Die Lehrer hatten gute Arbeit geleistet, um alles wieder instand zu setzen. Ich sah auch Hagrids Hütte und nahm mir vor, in den nächsten Tagen seiner Einladung zum Tee unbedingt Folge zu leisten. Vielleicht hatte er auch wieder ein paar interessante Tiere entdeckt, die er mir zeigen würde.
Als Letztes besuchte ich die Grabstätte von Professor Dumbledore. Auch sie wirkte, als wenn sie niemals aufgebrochen worden wäre. Aber hier fand ich doch etwas, was früher nicht da gewesen war. Es war nämlich eine Gedenktafel aufgestellt worden, auf der die Namen von allen standen, die bei der Schlacht um Hogwarts auf der Seite der Schule gekämpft und dabei ihr Leben verloren hatten. Ich las etliche Namen, die mir gut bekannt waren. Mühsam kämpfte ich um Fassung, denn in mir stiegen wieder alle diese Bilder hoch, die ich in den letzten Wochen zu verdrängen versuchte: Die Wand, die zusammenstürzte und Fred unter sich begrub. Remus und Tonks, die in der Großen Halle zwischen den anderen Toten lagen. Colin Creevey, der Junge, der sich, obwohl noch minderjährig, zurückgeschlichen hatte und möglicherweise einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war. Und Severus, jahrelang von allen falsch eingeschätzt. Erst ganz am Ende kam die Wahrheit über ihn ans Licht.
Tief erschüttert begab ich mich wieder ins Schloss, denn allmählich war es Zeit, mich für den Empfang der Schüler vorzubereiten.
Eine Stunde später saß ich mit den anderen Lehrern am Lehrertisch und sah zu, wie zunächst die Schüler ab der zweiten Klasse nach und nach die Große Halle betraten und sich an ihre Haustische setzten. Minerva befand sich im Nebenraum, um die Erstklässler in Empfang zu nehmen. Auch Hagrid saß noch nicht am Lehrertisch. Ich sah zu den Schülertischen herüber. Der Tisch der Slytherins blieb dabei halb leer, besonders gab es an diesem Tisch kaum ältere Schüler. Ich erblickte jedoch Draco Malfoy, aber er wirkte völlig verändert. Von seiner affektierten Art und Weise schien nichts mehr übrig geblieben zu sein. Ich blickte zum Gryffindor-Tisch hinüber, und hier sah ich viele bekannte Gesichter. Gleich auf den ersten Blick erblickte ich Harry, Ron und Hermine, und nicht weit von ihnen sah ich Ginny und Neville sitzen. Sie waren in eine Unterhaltung verwickelt. Nach ihren Gesichtern zu schließen, war es alles andere als eine fröhliche Unterhaltung.
Schließlich ging die Tür zu dem Nebenraum auf, und Minerva betrat mit den neuen Erstklässlern die Große Halle. Tatsächlich war zu erkennen, als sich die Erstklässler aufstellten, dass es ein gut Teil mehr waren, als ich es aus meiner eigenen Schulzeit in Erinnerung hatte. Die Einteilung der Schüler begann, und es fiel dabei auf, dass es, sobald ein Schüler oder eine Schülerin nach Slytherin eingeteilt wurde, Buhrufe von den anderen Tischen gab. Mehrmals musste Minerva sehr energisch „Ruhe!“ rufen. Demnach war der Ruf des Hauses Slytherin inzwischen sogar noch schlechter als während meiner eigenen Schulzeit.
Nach der Einteilung der Schüler, die entsprechend mehr Zeit als sonst in Anspruch genommen hatte, hielt Minerva eine Rede. Zunächst begann sie mit den üblichen Dingen, wie der Warnung, dass das Betreten des Verbotenen Walds für alle Schüler verboten sei und eine Liste der verbotenen Gegenstände bei Mr. Filch einzusehen wäre. Dann verkündete sie: „Ich freue mich außerdem, hier in Hogwarts zwei neue Lehrkräfte begrüßen zu dürfen. Zum einen die neue Lehrerin für Muggelkunde, Professor Black.“
Die junge Lehrerin erhob sich. Der Beifall, den sie bekam, war eher spärlich, denn Muggelkunde war inzwischen nicht mehr Pflichtfach wie unter der Schreckensherrschaft der Carrows, und es war anzunehmen, dass nicht allzu viele Schüler dieses Fach belegen würden. Minerva fuhr daraufhin fort: „Und außerdem möchte ich euch die neue Lehrerin für Verteidigung gegen die dunklen Künste vorstellen, Professor Moody.“ Auch ich erhob mich und sah, wie unzählige Augen mich anstarrten. Im gleichen Moment ertönte donnernder Applaus. Am heftigsten klatschten die älteren Schüler am Gryffindor-Tisch, besonders die Siebtklässler, die zurückgekommen waren, um ihren Schulabschluss zu machen.
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