
von Prongs*Padfoot
Schnee legte sich wie eine weiße Decke über das Land. Ich stand am Fenster und beobachtete das rege Treiben. Langsam fielen einzelne Schneeflocken davor herunter und hüllten die ganze Welt in einen weißen Mantel.
„Alya?“ Eine sanfte Stimme drang vorsichtig an mein Ohr.
Ich drehte mich nicht um. Auch nicht als ich einen Körper nah an meinem spürte.
„Es ist wunderschön.“ Flüsterte ich.
„Ja, das ist es wohl.“ Mein Bruder bedachte mich mit diesem merkwürdigen Blick, der mich förmlich durchleuchtete.
„An was denkst du?“ Ich sah ihm in die warmen braunen Augen, den meinen so unähnlich, voller Wärme und Sanftmut, betrachtete seine hoch gewachsene Gestalt mit dem welligen hellbraunen Haar und dem markanten Kinn, die so gar keine Ähnlichkeit mit meiner dunklen Gestalt, mit den hohen Wangenknochen und herausstechenden grauen Augen hatte und lächelte.
„An nichts.“ Ich wandte mich wieder ab.
Seine sanfte Hand strich mir zärtlich über das rabenschwarze Haar.
„Natürlich. Ich kenne dich ángel.“
Ich blickte lächeln in die Landschaft hinaus und lehnte meinen Kopf an seine Brust.
„Du hast wohl Recht.“ Murmelte ich leise.
„Hm.“ Erwiderte er und streichelte über meine Haare.
Meine Augen waren noch immer fest auf das große Gelände vor unseren Augen gerichtet, meine Gedanken waren allerdings Meilen entfernt. „Es ist als würde das ganz Land in weiße Watte getaucht.“ Murmelte ich. „Alles weiß.“
Mein Bruder war wohl der einzige, der durch meine Mauer brechen konnte, der es verstand mir meine Geheimnisse zu entlocken und hinter die Fassade der kühlen Alya sah.
„Komm wir gehen spazieren! Mum und Dad werden nicht merken, wenn wir jetzt gehen.“ Flüsterte Simon und zog mich sanft mit sich. Ich folgte ihm erst widerstrebend, dann mit freudiger Erwartung. Einzelne Schneeflocken tanzten um uns herab, setzten sich in unseren Haaren fest und ließen Simons Haar feucht glänzen. Unsere Fußspuren zogen sich tief durch das Gelände unseres Anwesens.
Wir gingen eine Weile schweigend, bis Simon nahe des Tores, auf einer kleinen Erhebung, stehen blieb. Er steckte die Hände in seinen Reiseumhang, den er noch immer trug und sah auf die weiten Felder und Wiesen hinab, die jahrelang auch sein Zuhause gewesen waren. Ein melancholisches Lächeln legte sich auf seine Züge.
„Schön wieder hier zu sein. Dort habe ich dich einmal in den See geschubst, als du Dad verraten hast, dass ich mit Melanie Riesling ausgegangen bin.“
„Sie war eine Hufflepuff! Und dumm noch dazu. Ich habe es einfach nicht ertragen, dass meine toller großer Bruder mit so einer ausgegangen ist.“
Er lachte herzhaft. „Du warst damals sieben!“ erinnerte er mich.
„Ich wusste eben schon damals wer gut für dich ist!“ grinste ich.
„Ja.“ Lächelte er. „Das wusstest du…“
Ich blickte ihn eine Weile an, doch er war wohl in Erinnerungen an frühere Liebschaften versunken.
„Ich habe dich nie gefragt, ob es dich gestört hat, dass ich damals so schnell gegangen bin…“ sagte er da leise.
Ich blickte ihn erstaunt an. „Ich war noch ein Kind, ich hätte es nicht verstanden.“
„Vermutlich.“ Erwiderte er ruhig. „Auch wenn du schon immer sehr frühreif warst.“ Fügte er lachend ein.
Empört blitzte ich ihn an. „Na hör mal!“ Ich nahm eine Hand voll Schnee und warf sie ihm ins Gesicht. Im Handumdrehen war eine wilde Schneeballschlacht im Gange, die erst zu Ende ging, als ich mich ergab.
„Okay, ich ergebe mich! Erlösung!“ flehte ich lachend und völlig eingeschneit.
Simon zog mich auf die Beine und grinste mich breit an. „Wie sehr habe ich das vermisst! Wie sehr habe ich dich vermisst, kleine Schwester!“ Seine Haare kräuselten sich in kleinen Locken auf seinem Kopf, einzelne Schneeflocken hatten sich darin verfangen und seine Augen lachten mich funkelnd an.
„Wenn unsere nächsten Zusammentreffen so enden, kann ich auf deine Gesellschaft gerne verzichten!“ brummte ich und klopfte mir den Schnee vom Umhang.
Er wurde wieder ernst. „Im Ernst Alya, ich habe dich vermisst! Ich erkenne dich kaum wieder! Du bist zu einer Frau geworden! Und ich weiß nicht mal wie es dir wirklich geht. Du bist so still geworden. Was ist passiert in all den Jahren, in denen ich nicht für dich da sein konnte.“ Bitterkeit und Reue hatte sich in seine Stimme geschlichen und ich blickte ihm in die traurigen Augen und rang mir ein Lächeln ab.
„Mir geht es gut! Wirklich, immerhin ist es ja nicht so, dass wir gar keinen Kontakt mehr gehabt hätten!“ räumte ich ein. „Du hast mir oft geschrieben.“
„Das mindeste was ich tun konnte!“ erwiderte er.
„Es ist okay! Du musstest gehen, dass habe ich verstanden.“ Sagte ich fest.
Er blickte nachdenklich in die Ferne. „Wenn es so einfach wäre…“ flüsterte er mehr zu sich selbst als zu mir.
„Das wichtigste ist, dass du jetzt hier bist!“ meinte ich und trat näher an ihn heran. Er wandte sich wieder zu mir und lächelte- fast erleichtert.
„Ja, schön wieder hier zu sein.“
Mit der Hand strich er wieder liebevoll über mein Haar.
„Also erzähl mir: Wie geht es dir?“
Ich wich seinem Blick für eine Sekunde aus, zu gut wusste ich um die Wirkung seiner Augen.
„Frankreich ist schön.“ Murmelte ich.
„Was ist los? Früher hast du mir auch immer alles erzählt.“
„Früher ist lange her.“
Ich sah den Kummer in seinen Augen und es tat mir augenblicklich Leid.
„Entschuldige.“ Murmelte ich.
„Nein, du hast Recht. Ich war zu lange weg. Es ist nur- ich sehe doch, dass etwas nicht stimmt. Du bist so still und da liegt etwas in deinen Augen. Eine Sehnsucht, die ich nicht kenne. Es ist dein Blick, wenn du denkst keiner bemerkt etwas, so voller Traurigkeit.“
Ich war stumm geblieben. Seine Augen verloren für einen Moment den Ernst und blitzten übermutig.
„Oder hat sich meine kleine Schwester verkuckt.“
„Ich bin 21 und nicht 14 Simon!“ antwortete ich gespielt entrüstet.
Er lachte kurz, dieses altbekannte, tiefe, gutmütige Lachen, das mir immer das Gefühl von Zuneigung vermittelte und in seinen Augen glitzerte der Schalk und Übermut eines kleinen Jungen.
„Für mich wirst du immer die kleine, süße Alya sein, die so unbeschreiblich beleidigt sein konnte, wenn sie ihren Willen nicht bekam.“
Ich gab ihm einen Knuff in die Seite. Eine Weile standen wir nur so da, Bruder und Schwester, beste Freunde und Vertraute, wieder vereint nach so langer Zeit und schwiegen behaglich in der Stille der Weihnachtsnacht.
Es hatte aufgehört zu schneien. Die Wolkendecke war aufgerissen und der Sternenhimmel leuchtete hell und klar hinter ihr hervor. Funkelnd standen die Sterne am Himmel und ich starrte sehnsüchtig nach oben. Jede Nacht brachten sie mich ihm näher.
Simon war meinem Blick gefolgt und fragte leise: „Immer noch die Sterne? Du warst schon als kleines Kind vernarrt in sie gewesen.“
„Ja. Es ist, als wäre meine Schicksal mit ihnen verbunden.“
„Das ist es sicherlich“ sagte mein Bruder mit leiser Stimme. „Alya im Zeichen der Schlange. Das Zeichen für Slytherin.“ Für einen Moment schwieg er. „Und eine Slytherin bist du ohne Zweifel. Stolz und listig.“ Er lächelte.
„Bin ich das?“ fragte ich ihn da auf einmal. Er blickte mich überrascht an.
„Du hattest es doch immer sein wollen!“
„Ja, das hatte ich. Aber…denkst du nicht, dass Menschen sich ändern können?“
Er sah mich lange Zeit an, dann erwiderte er: „Sicher können sie das.“ Seine Augen schienen mich zu durchleuchten.
„Was ist los Alya?“
Ich wandte meinen Blick ab und sagte mit unsicherer Stimme, meinen Blick fest auf den Schnee geheftet: „Manchmal weiß ich nicht mehr, was richtig und was falsch ist! Da ist so viel in meinem Kopf, in meinem Herz und ich werde ihm nicht mehr Herr.“ Ich spürte Tränen in meinen Augen. „Es ist wie vor vier Jahren. Alles droht zu verschwinden. Alles woran ich geglaubt habe, erscheint mir so fraglich. Und allein, dass ich es in Frage stelle ist schon schlimm genug.“ Er hatte mich vorsichtig in den Arm genommen.
„Es ist okay.“ Flüsterte er.
„Ist es eben nicht.“ Erwiderte ich. Eine kleine Träne ran meine Wange herab. „Ich weiß nicht mehr was ich denken soll.“ Ich machte eine kurze Pause und flüsterte dann so leise, dass er mich kaum verstehen konnte:
„Was wäre, wenn ich einen Mann lieben würde, den ich nicht lieben darf?“
Wir schwiegen lange Zeit, dann sagte er mit leiser, brüchiger Stimme: „Es gab eine Zeit in der ich mir nicht mehr sicher war, was ich glauben soll. An was ich glauben soll. Wie konnte etwas falsch sein, das doch so richtig klang? Damals hat mir jemand die Augen geöffnet, mir hat jemand geholfen einen Weg dort hinaus zu finden. Es gibt viele Dinge, die ich falsch gemacht habe und auf die ich nicht stolz bin, aber ich weiß, dass ich den richtigen Weg gewählt habe.“ Er schwieg wieder und ließ mich seine Worte verdauen. Ich ahnte was sie bedeuteten. Leise flüsterte er. „Vielleicht solltest du auch auf das hören, was dein Herz dir sagt!“
Unsere Augen trafen sich und ich wusste, dass er verstanden hatte.
„Du musst selbst lernen zu fliegen, kleiner Vogel.“ Flüsterte er. „Manchmal muss man sich in einen Abhang stürzen um frei zu sein.“ Er drückte mich fest an sich und ließ mich dann mit meinen Gedanken alleine. Nach einigen Metern drehte er sich noch einmal um und sagte: „In der Liebe gibt es kein richtig und falsch! Hör auf das was dein Herz dir sagt!“
Ich sah ihm lange nach, seine Worte hallten in meinem Kopf nach.
Mit dem Gedanken daran schob sich in Bild in meinen Kopf. Lange schwarze Haare, eine verwegenes Grinsen auf den schönen Lippen und diese funkelnden blauen Augen, die immer zu leuchten begannen, wenn sie mich sahen. Unwillkürlich stahl sich ein Lächeln auf mein Gesicht. Dieser Übermut und diese Unbekümmertheit, dieses Leuchten in seinen Augen. Auf einmal hatte ich das Gefühl diesen sechszehnjährigen Howgartsjungen vor mir stehen zu haben, mit dem unverschämten Grinsen auf dem hübschen Gesicht, die Hände lässig in die Taschen vergraben.
Er hatte sich verändert in den letzten Jahren. Noch immer umgab ihn dieser Glanz von guter Herkunft und reinem Blut, dessen er sich nie bewusst gewesen war, und dieses etwas verwegenen Aussehen mit den frechen Haarsträhnen, die ihm in die Augen fielen, aber er war erwachsen geworden. Doch sogar das machte ihn nur noch attraktiver.
Ein frustriertes Seufzen entfuhr mir. Auf einmal kamen alle Erinnerungen hoch. An einen Cane, den nur ich kannte, an diesen verletzlichen Menschen, der mir sein ganzes Herz geschenkt hatte. Es war dieser Cane unter der Schale gewesen, in den ich mich verliebt hatte. Nicht dieser arrogante Schönling, der alle Mädchenherzen im Sturm eroberte, sondern dieser leise, stolze Mensch, der alles für seine Freunde tun würde, der für seine Überzeugungen einstehen und dafür kämpfen konnte.
Und da überkam sie mich mit einem Schlag. Die Sehnsucht nach ihm.
Die Sehnsucht nach dem Mann, den ich so sehr liebte. Ich hatte es lange Zeit nicht sehen wollen, hatte mich so lange dagegen gewehrt, doch es hatte keinen Sinn gehabt. Unser letztes Zusammentreffen hatte mich überrascht. Er war älter geworden. Nicht nur sein äußeres, in seinem Gesicht lag etwas, das ihn erwachsen erscheinen lässt. Ganz so, als hätte er in seinem kurzen Leben schon viel erlebt. Sicher hat er das. Ich war ein Teil davon, werde es immer sein, egal wie sehr er sich dagegen wehrt. Sein Vater ist das andere. Ich habe ihm nie gesagt, wie sehr er mir Leid tut, wie gerne ich ihm helfen würde, es hätte doch keinen Sinn gehabt. Er lässt sich nicht helfen. Dazu ist er zu stolz. Wie oft habe ich unseren Stolz schon verflucht.
Unsere Liebe. Ich habe ihr immer zu entfliehen versucht. Erst so spät habe ich erkannt, dass es nichts gibt, was sie mindern könnte. Ich werde ihn immer lieben, auch wenn ich alt und grau sein werde. Es gibt diesen Teil in mir, der für ihn immer alles tun würde. Der nie auf der falschen Seite stehen könnte- nur wegen ihm. Ich habe vor langer Zeit eingesehen, dass es nichts ist, was nach ein paar Monaten oder Jahren vergeht, das Band, das uns zusammenhält ist viel stärker, es ist unser Blut. Und in welche unterschiedlichen Richtungen wir uns auch entwickeln werden, werden wir uns immer lieben. Es hält uns davon ab glücklich zu werden. Etwas das wir nur werden können, wenn wir zusammen sind. Selten waren die Momente in denen ich das vollkommene Glück verspürte. Sie waren allesamt mit ihm.
Und so werde ich, wohin auch immer das Schicksal mich trägt, nie überzeugt davon sein, egal was alle anderen denken. Es ist die Stimme in mir, es ist das Bild von ihm in meinem Kopf, es ist das Gefühl seiner Lippen auf meinen und es ist die Liebe zu ihm, die mich davon abhält, mich ganz darauf einzulassen.
Ich schloss für einen Moment die Augen und gab mich ganz der Vorstellung hin, er wäre jetzt da. Wäre einfach hier und würde vor mir stehen, mit seinem unwiderstehlichem Lächeln im Gesicht, der lässigen Art, die Hände in die Taschen vergraben, und dem Funkeln in den Augen, die ich so liebte. Er würde einfach nur dort stehen und mich anlächeln, die Schneeflocken hätten sich in seinem schwarzen Haar verfangen und er würde mich in den Arm nehmen, würde mich einfach festhalten, mir den Halt geben, den ich verloren habe.
Ich öffnete meine Augen wieder und erwachte in der Realität. Er war nicht hier. Ich war alleine. Mir wurde klar, dass ich für immer alleine bleiben würde, wenn er nicht da war. Etwas in meinen Herzen würde fehlen. So verrückt es auch war, so sehr ich mich dagegen gewehrt habe, sooft ich ihn auch verflucht habe, ohne ihn kann ich nicht mehr leben.
Mit einem Seufzen wandte ich mich um und ging den langen Weg zurück zu unserem Haus. Egal wie fern er mir im Moment war, in meinem Herzen spürte ich ihn jede Sekunde, jeden Augenblick und das würde sich nie ändern.
Liebe lässt uns die merkwürdigsten Dinge tun, mich hält sie davon ab auf die dunkle Seite zu gehen, mich von der Welt abzuwenden und jene zu bekämpfen, die wir verachten, weil ich weiß, dass er sich als einer von ihnen fühlt, auch wenn er es nie sein wird.
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